Wien

Donnerstag, 9. Dezember 2010

STADTRAND – Moral, ganz wienerisch: warten um jeden Preis

Kennen Sie die "Stufen der moralischen Entwicklung“? Dieses psychologische Konzept erklärt, wie Menschen moralische Entscheidungen fällen. Schulbeispiel: die rote Fußgängerampel. Dort gibt es Leute, die warten, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist - die Norm gibt ihnen Sicherheit. Und es gibt die, die gehen, weil weit und breit kein Auto zu sehen ist - sie trauen sich selbst zu werten. Und es gibt den Wiener. Der Wiener als eigenständige moralische Kategorie begegnet uns beispielsweise im Advent auf der temporär zur Fußgängerzone erklärten Mariahilfer Straße. Hier zeigt sich: Der Wiener steht auch bei absoluter Abwesenheit von Autos menschentraubenweise an abgeschaltenen Ampeln und wartet, bis er die Fußgängerzone überqueren kann. Nur kommt dieser Zeitpunkt nie, weil die Straße ohnehin autofrei ist. Deshalb ist der Gehsteig so lang übervoll, bis ein verwegener first mover den ersten Schritt tut. Was ist das? Blinder Obrigkeitsglaube? Oder blinde Gewohnheit? Egal. Bei der nächsten psychologischen Theorie möge man bitte auch den Wiener bedenken.

Erschienen im Falter 49/2010

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Montag, 6. Dezember 2010

STADTRAND – Der Schnee deckt zu, der Schnee rutscht ab

Früher, als die Welt noch einfach war, war die Stadt weiß, nachdem es geschneit hatte. Da blickte man aus dem Fenster und sah ringsum schneebedeckte Dachlandschaften, durchbrochen höchstens von Rauch aus diversen Rauchfängen, aber auch der gehörte irgendwie dazu. Heute dagegen ist die Welt nicht mehr einfach, und die Dächer sind nicht mehr weiß. Denn heute ist ein Gutteil der Wiener Dachgeschoße ausgebaut. Das sieht man vor allem im Winter, wenn sich überall sonst kältebedingt ein Meter Schneedecke über Häusern wölbt. Auf dem Dachausbau aber hat er wärmebedingt keine Chance. Dort herrscht ganzjährig frühlingshaftes Tauwetter. Dort schmilzt er sofort weg und rutscht in Form schwerer nasser Fladen die Dachschräge hinunter, um sogleich im Nacken dachgeschoßloser Städter zu landen. Im tiefen Winter ist das einst schneeweiße Wien also zum Fleckerlteppich geworden. Zur Wechselfolge ausgebauter und nicht ausgebauter Dachgeschoße. Zum Schachbrettmuster sozialer Schieflagen. Und dazwischen flüchten Städter vor Fladen.

Erschienen im Falter 48/2010

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Mittwoch, 17. November 2010

Advent Event

Kaum ein Markt in Europa ist so berühmt und erfolgreich wie der Christkindlmarkt auf dem Rathausplatz. Das Geheimnis der Wiener Weihnachtswirtschaftsmaschine

Reportage: Joseph Gepp

Stephanie heißt das Christkind des Jahres 2010. Blond gelockt, weiß gewandet und etwas unsicher tapst die 20-jährige Medizinstudentin in den neugotischen Rathaussaal, wo sie sogleich von Kameras und Diktiergeräten umringt wird. Vergangenen Mittwoch, 44 Tage vor Weihnachten, war der erste große Auftritt des jährlich neugewählten Stadtengels. In den kommenden Wochen wird sich die Frau Kinderwünsche am Christkindlmarkt anhören und damit jene Rolle übernehmen, die in US-amerikanischen Malls traditionell weißbärtige Männer innehaben. Vorerst aber wohnt sie noch der Präsentation der organisatorischen und finanziellen Aspekte des sogenannten Wiener Adventzaubers bei, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Das Müllentsorgungssystem beispielsweise werde noch besser als in den vergangenen Jahren, schwärmt einer der Redner am Podium. Auf den Pfandhäferln für den Punsch prange heuer erstmals ein Mini-Rathaus in Reliefform. Denn immerhin entstehe vor den Toren desselben in den kommenden Wochen einer der größten Wirtschaftsbetriebe der Stadt.

Jährlich drei Millionen Besucher

Über drei Millionen Menschen, davon eine halbe Million Touristen, besuchen laut Wirtschaftskammer jährlich das Advent-Event am Rathausplatz. 18 Euro gibt der Besucher im Schnitt dafür aus, was einen stolzen Umsatz von 54 Millionen ergibt. Was Nächtigungen betrifft, ist der graue Wiener Dezember deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Boommonat geworden: 2009 kamen mit 916.000 Gästen im Dezember genauso viele wie im schönen Monat Mai. Um 19 Prozent ist die Nächtigungszahl jeweils im November und Dezember von 2005 bis 2009 gestiegen. "Deshalb ist die Adventzeit einer der Markenbausteine der Wien-Werbung“, erklärt Robert Nürnberger von Wien-Tourismus und zeigt jene Plakatsujets, die dies auch für die Zukunft sicherstellen sollen: leuchtende Kinderaugen zwischen illuminierten Standreihen, ein Luftblick über laternenbehängte Bäume auf schneebedeckte Markthütten. "Seit Mitte der 90er“, sagt Nürnberger, "spielen die heimischen Adventmärkte touristisch eine wesentliche Rolle.“

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So wirbt Wien-Tourismus für den Weihnachtsurlaub (Foto: Wien-Tourismus)


Eine Notwendigkeit wird zur Show
Schon im Jahr 1764 wird erstmals in Wien ein "Nikolomarkt“ urkundlich erwähnt, damals auf der Freyung. Jener am Rathausplatz findet seit 1975 statt - im Vergleich zu anderen Christkindlmärkten ein Neuling. Zehn Jahre später begann man auch den umliegenden Rathauspark saisongemäß idyllisch herzurichten. Was ursprünglich im ganzen deutschen Sprachraum aus der Not heraus entstanden war, sich vor den klirrend kalten Monaten mit Überlebensnotwendigem einzudecken, ist heutzutage beliebt wie noch nie: Auf festlich beleuchteten Märkten entwischt man dem Wintergrau; heißer Alkohol und die Körperwärme der Passanten vertreiben die Kälte. Der Christkindlmarkt scheint im modernen Städter eine Saite anzuschlagen, sonst wäre sein Konzept nicht inzwischen sogar nach Übersee exportiert worden - ins japanische Osaka beispielsweise und nach Denver, Colorado, wo ein "Christkindl Market“ jährlich "German Christmas Spirit“ vermitteln will.

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Klingelingeling am Rathausplatz: Im November und Dezember
werden am Rathausplatz 54 Millionen Euro umgesetzt – hier durch die Balustrade des Rathauses fotografiert (Foto:
Heribert Corn)


Ein Türke und der Christkindlmarkt

Doch der sich jedes Jahr neu manifestierende Traum von der dörflichen Geborgenheit will auch angemessen realisiert sein. In Wien arbeiten gleich drei Institutionen daran, dass die Bustouristen nicht enttäuscht von der Weihnachtsmarktfahrt nach Hause fahren: Da ist zuerst die Gemeinde Wien, die den "Adventzauber“, also das Drumherum, stellt - sie hält etwa das Rathauserdgeschoß für bastelnde Kinder frei und bestückt Parkwiesen mit Wolkenpostamt und Leseturm. Da ist zweitens die Wirtschaftskammer, die mit 240.000 Euro finanzieller Unterstützung den Werbeetat des Events aufpeppt. Und da sind drittens die Marktstandler, die den eigentlichen Christkindlmarkt bilden. Sie werden von Akan Keskin, 53, Kommerzialrat und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer, vertreten. Der Herr über den Wiener Christkindlmarkt ist ursprünglich Türke, geboren neben der Sülemaniye-Moschee im Zentrum Istanbuls und mit elf Jahren nach Wien gekommen. Im Zivilberuf führt er das Orient & Occident am Naschmarkt.

In dem Marktlokal herrscht auch im November kein Winteridyll. Die Sonne scheint durch die Glasfront auf Frühstücksplatten mit taufrischen Petersilienblättern, dazwischen zupft der Chef liegengebliebene Brotbrösel von Sitzbänken und führt hektische Telefonate. Und wenn Akan Keskins Handy zwischendurch fünf Minuten schweigt, erzählt der Geschäftsmann, wie das Weihnachtsbusiness funktioniert.

Es startet schon im Jänner, beginnt Keskin, nur Tage nachdem der Trubel des vorangegangenen Jahres vorüber ist. Zu dieser Zeit kommt erstmals jener Verein zusammen, dessen Obmann Keskin ist. Er dient der "Förderung des Marktgewerbes“ in der traditionell schwierigen Winterzeit. "Das ist ein Vereinszweck, für den sich ein Christkindlmarkt natürlich ziemlich gut eignet.“

Bis 2006 hatte die Gemeinde Wien die Stände auf Weihnachtsmärkten selbst vergeben. Danach lagerte sie die Aufgabe - unterschiedlich je nach Standort - an Eventagenturen und Geschäftsleute aus. Am Rathausplatz kam Keskins Verein zum Zug, der sonst Kirtage und Straßenfeste organisiert.

Dieser entscheidet nun jeden Jänner über alle Angelegenheiten, die dem einzelnen Standler übergeordnet sind. Das Logo des Markts wird hier beispielsweise besprochen oder das Design der so identitätsstiftenden Pfandhäferln (siehe unten). Danach müssen bis zum 1. April die Ansuchen jener Betriebe eingetroffen sein, die einen Stand betreiben wollen. Fünf bis zehn Seiten ist so ein Antrag dick, erzählt Akan Keskin. Darin findet sich eine Beschreibung des Unternehmens samt Firmenbuchauszug, Fotos der Waren, die man anzubieten gedenkt, und "Referenzen“, wie Keskin das nennt. "Wenn jemand unterm Jahr irgendwo einen Stand betrieben hat, dann legt er normalerweise ein Foto davon bei.“

Rund 7000 Euro kostet ein solcher Stand für die gesamte Dauer des Weihnachtsmarkts. Bietet man Speisen und Getränke an, erhöht sich der Preis deutlich, auf etwa 12.000 Euro. Am Rathausplatz bewerben sich jährlich rund 500 Betriebe für heuer 144 Stände. Fünf bis zehn davon werden jährlich ausgetauscht, sagt Akan Keskin. Aber insgesamt sei das System ziemlich "familiär“. Die Antragsteller durchlaufen ein Verfahren, in dem die Qualität ihrer Produkte und das weihnachtliche Ambiente geprüft werden - schließlich will der Kunde möglichst Bratäpfel statt Falafel und Weihnachts- statt Mottenkugeln.

Im ersten Schritt des Auswahlverfahrens durchleuchtet eine Jury die Ansuchen. Sie besteht aus jeweils einem Vertreter von Rathaus, Wien-Marketing, Wien-Tourismus, Wiener Wirtschaftsagentur und "meiner Wenigkeit“, sagt Akan Keskin. "Aber die Namen der einzelnen Vertreter verrate ich Ihnen nicht. Es soll ja niemand außerhalb des Verfahrens mit Begehrlichkeiten an die Jury herantreten.“ Später wird das, was das Gremium für gut befunden hat, dem siebenköpfigen Vorstand von Keskins Verein zur Förderung des Marktgewerbes vorgelegt. "Die Zahl sieben verhindert nämlich Pattsituationen bei den Beschlüssen“, sagt der mächtige Marktfunktionär.

Tonnen von Waldviertler Reisig
Diesen Auswahlprozess überlagern zahlreiche Regeln, die das weihnachtliche Flair des Ganzen sicherstellen sollen. Für die tausenden Euro, die der Verein von den Standlern kassiert, stellt er die Hütten samt Strom, Licht, Reinigung und Müllentsorgung. Auch die Dekoration fällt in seine Zuständigkeit, dafür karren Lastwägen Tonnen von Reisig aus dem Waldviertel heran. Pflanzen aus Plastik lehnt Akan Keskin ebenso ab wie den übermäßigen Einsatz von Neonlicht, "da wird einem nicht so warm ums Herz“. Und wer mehr Speisen als nur belegte Brötchen anbietet, der muss aus Wettbewerbsgründen seine Punschkesselbatterien dezent in den Hintergrund rücken.

Überhaupt nimmt die Gastronomie am Christkindlmarkt weniger Raum in Beschlag, als der Augenschein glauben macht. Sie stellt nur zehn Prozent der Stände, sagt Keskin. "Es wirkt, als wäre es mehr, weil die Kunden so lange dort stehen, bis sie ihr Häferl zurückbringen.“

Generell sei der Christkindlmarkt bisher jedes Jahr gewachsen, immer um eine einstellige Prozentzahl. Nur im Vorjahr gab es wirtschaftskrisenbedingt einen Rückgang. "Der Standler raunzt ja die ganze Zeit. Aber 2009 hat er eindeutig mehr geraunzt“, sagt Keskin. Deswegen sind heuer die Standmieten zehn Prozent niedriger. Ob der Markt unabhängig davon tatsächlich - wie man es ihm gern nachsagt - eine Goldgrube für Standler ist, kann Keskin nach eigener Aussage nicht beantworten: Er koordiniere ja nur das große Ganze. Eine einfache Rechnung liefert aber eine Erklärung, warum sich Jahr für Jahr 500 Bewerber um rund 140 Stände reißen: Laut Wirtschaftskammer gibt jeder der drei Millionen Besucher im Schnitt 18 Euro aus. Dividiert man das Ergebnis von 54 Millionen Euro durch die 144 Stände, ergibt das 375.000 Euro Umsatz pro Stand. Selbst wenn man hiervon noch etwa 10.000 Euro Standmiete sowie Kosten für Personal, Material und Organisation abzieht - der Gewinn bleibt trotzdem beträchtlich. Freilich muss man bei dieser Milchmädchenrechnung bedenken, dass nicht jeder Stand gleich viel Geld macht. Die Punschtheke wird wohl weit mehr abwerfen als der Stand mit den mundgeblasenen Christbaumkugeln.

Keskin ist jedenfalls optimistisch, den Expansionskurs fortzusetzen. Er leert sein Glas mit Zitronentee, während einen Kilometer vom Orient & Occident entfernt die Christkindlstandler die allerletzten Vorbereitungen für den Eröffnungstag treffen.

Nach den Kindern die Punschfraktion
Drei Tage später, Sonntag, 17 Uhr nachmittags. Untertags hatten 20 Grad Celsius die Stadt in Frühlingsstimmung versetzt, jetzt ist der Christkindlmarkt überraschenderweise trotzdem übervoll. Fortbewegen kann man sich nur stockend. Die Menschen drängen sich um Stände, drehen prüfend Haarreifen mit rotleuchtenden Weihnachtssternen hin und her, reden darüber, wie chemisch der Punsch doch heutzutage geworden ist. Um 16 Uhr vernahm Stephanie, das Christkind des Jahres, Kinderwünsche. Zwei Stunden danach sind die Kinder schon eher von der Punschfraktion verdrängt worden. Wie Inseln stehen Gruppen junger Menschen im Gedränge und balancieren Pfandhäferln. Manch Winterjacke hat schon Mayonnaisespuren abbekommen von den prall gefüllten Erdäpfeln auf Papiertellern, die hier überall verkauft werden.

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Übervolle Punschtheke: Die Wirklichkeit zum Klischee (Foto: Corn)

Man verdiene nicht schlecht am Markt, sagt einer der Standler. Er bietet Süßgebäck an, Zahlen möchte er keine nennen. Ein "weihnachtliches Einkaufserlebnis“ hat Akan Keskin den Markt Tage zuvor genannt. Hier kommt einem eher eine brummende Maschine in den Sinn, die Menschen ansaugt und sie nach einiger Zeit in leicht erschöpftem Zustand wieder in die normale Welt entlässt. Nicht selten halten sie am Ausgang immer noch ihre Häferln mit dem Mini-Rathaus in der Hand.


Christkindlmarkt und Adventzauber
1., Rathausplatz
13.11. bis 23.12.
So-Do 10-21.30,
Fr-Sa 10-22 Uhr,
7.12. 10-22 Uhr



Die kleine Häferlhistorie
Kitsch, Kommerz und Symbol des Christkindlmarkts ist das Anfang der 90er aufgekommene Pfandhäferl, aus dem Hektoliter an Punsch und Glühwein ihren letzten Weg antreten. Am Rathausplatz kam es erstmals 1992 zum Einsatz:

Erschienen im Falter 46/2010



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STADTRAND – Die Wiener Schule der Bankplatzauswahl

Geheime Dokumente machen es dem Falter möglich zu rekonstruieren, wie in Wien die Auswahl der Standorte für Sitzbänke abläuft. Und zwar so: In der Magistratsabteilung 264.811 wirft der zuständige Oberamtsdirektor zwei Faust voll trockene Bohnen über einen Stadtplan. Wo sie liegen blieben, kommen Bänke hin. Diese sogenannte Wiener Schule der Bankplatzauswahl gilt nicht umsonst international als Vorbild, wie ein Beispiel in der Ottakringer Friedmanngasse zeigt: Dort schauen zwei Bänke mit den Fronten direkt ins Wohnzimmer der dahinterliegenden Erdgeschoßwohnung, das sich so in eine Art Terrarium verwandelt. Man erkennt hier, wie geschickt die Wiener Schule öffentlichen und privaten Raum in einer Sphäre übergreifender Harmonie verquickt. Und doch wäre das System noch ausbaufähig: Anzudenken wären etwa Bänke im Grauen Haus, zum star watch prominenter U-Häftlinge. Oder in der Döblinger Cottage vor den Panoramafenstern reicher Wiener. Allerdings bitte mit den Hecken dazwischen. Ein bisschen Ruhe braucht der Mensch ja auch.

Erschienen im Falter 46/2010

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Mittwoch, 10. November 2010

Ein totes Eck

Vor hundert Jahren ließ man sie unfertig stehen. Jetzt baut man weiter. Was die Favoritner Rieplstraße über die Dynamik städtischer Veränderung erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Das ist keine Geschichte über die Favoritner Rieplstraße. Dafür ist die Gasse zu gewöhnlich. Zwei Fahrspuren, zwei Parkspuren. Eine Sackgasse mit einer Betonmauer am Ende. Fünf Jahrhundertwendehäuser auf der linken Seite, drei und ein ziegelsteinernes Fabriksgebäude auf der rechten. Die vergilbte Aufschrift „Fußpflege“ an einer Fassade, die heruntergelassenen Rollläden einer Trafik in einem Erdgeschoß.

Das ist vielmehr die Geschichte über das, was rund um die Rieplstraße ist. Nämlich nichts. Ein Nichts aus flacher, schlammbrauner, von Baggerreifenspuren zerfurchter Erde, so groß wie die Josefstadt.

Vor wenigen Jahren noch lag rund um die Straße das Südbahnhofgelände. ÖBB-Arbeiter werkten hier in Lagerhallen und an Verschubanlagen. Dann wurde das Areal abgetragen. Nun entsteht bis 2019 der große Hauptbahnhof samt dazugehörigem Stadtviertel. Das Wahrzeichen einer modernen Stadt soll die derzeit größte Baustelle Wiens werden, der Brückenschlag zwischen so unterschiedlichen Stadtgebieten wie dem Arbeiterquartier Favoriten und der gegenüberliegenden Gürtelseite mit Belvedere und Theresianum. 5000 Wohnungen, 20.000 Arbeitsplätze, 33.000 Menschen. Und mittendrin die Rieplstraße.

Wie ein Alien steht sie heute auf der zu verbauenden Großfläche. Eine isolierte Halbinsel menschlicher Zivilisation, die von der benachbarten Sonnwendgasse ungefähr 100 Meter in die Leere ragt, ehe sie vor dieser kapituliert. Sie steht völlig frei, sodass sie von allen Seiten einsehbar ist. An ihrer Hinterseite wuchern Satellitenschüsseln aus Fensterrahmen, Stiegenhäuser schrauben sich in die Höhe. Die Rieplstraße wirkt wie ein Potemkin’sches Dorf, eine Kulisse. Ein baulicher Fremdkörper, die vorübergehende Laune einer sich verändernden Stadt. „Sie schaut aus wie eine Rippe“, sagt Rance Miletic´, ein Bewohner der Straße, und lacht. „Sie heißt ja auch so ähnlich.“

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Zivilisationshalbinsel: Oben die Rieplstraße von der Seite, mit den sich nähernden Baukränen des Hauptbahnhofs im Hintergrund. Unten die Rieplstraße "von innen". Als wäre sie eine ganz normale Wiener Gasse
Fotos: Heribert Corn

Tatsächlich heißt die Straße nach Franz Xaver Riepl, der Österreichs erste Dampfeisenbahn von Wien nach Deutsch-Wagram baute. Aber warum schaut sie so exponiert ins ehemalige Bahnhofsgelände und in die nunmehrige Leere? Miletic, 45, Bauarbeiter, schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die Häuser nichts mit den ÖBB zu tun haben, sondern Privatbesitz sind und immer schon waren.“ Seine Eltern, Gastarbeiter aus dem Belgrader Umland, seien in den 80ern hergezogen. „Damals hat es genauso ausgesehen wie heute“, sagt Miletic´ und zeigt auf die Außenmauer seiner Erdgeschoßwohnung, wo nackte Ziegel durch Risse im Verputz lugen. „Das ist ein totes Eck hier. Ich freu mich, dass der Bahnhof und die vielen neuen Häuser kommen. Es kann nur besser werden.“

Wer einen Stadtplan zur Hand nimmt, der sieht noch deutlicher, dass die Rieplstraße wie ein Speer ins Bahnhofgelände dringt. Ansonsten grenzt sich das Areal entlang von Gürtel, Arsenalstraße, Gudrunstraße und Sonnwendgasse klar von seiner Umgebung ab. Warum die Ausnahme? Bei den ÖBB weiß man dazu auch nicht mehr als Rance Miletic´. Ihres Wissens, so Hauptbahnhof-Sprecherin Alexandra Kastner, habe die Rieplstraße nie zum Südbahnhof gehört. Die Gasse sei auch jetzt nicht Teil des Projektgebiets, das Neubauviertel würde lediglich an sie heranreichen. Die Rieplstraße ist also einfach da, mitten im Bahnhofsniemandsland. Und warum, das scheint sich trotz ihrer grotesken Anmutung nie jemand gefragt zu haben.

Wer ihre Geschichte zu rekonstruieren versucht, der stößt auf städtebauliche Kontinuitäten, die heutigen Verantwortlichen wohl gar nicht bewusst sind. Er stößt auf Geschichten, die mehr erzählen als nur die Historie einer Straße. Sie lassen Rückschlüsse auf die Entwicklung der ganzen Stadt zu – und darauf, wie sich ihre Besiedlung nach Stillständen und Unterbrechungen gleichsam natürlich einen Weg bahnt.

Ursprünglich befanden sich anstelle der Rieplstraße Industrieanlagen wie überall auf dem Bahnhofsgelände. Gasspeicher waren es an diesem Ort, sagt der Kunsthistoriker Andreas Nierhaus vom Wien Museum anhand des Wiener Katasterplans aus dem Jahr 1875. Später, als man die Anlage nicht mehr brauchte, entstand an ihrer statt die nach Riepl benannte Straße. Das war 1904, zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Es war eine Epoche der Wohnungsnot. In kaum 20 Jahren war Wien mit 2,1 Millionen Einwohnern zur fünftgrößten Stadt der Welt angewachsen. Täglich kamen Zuwanderer auf Arbeitssuche in die Stadt. In Favoriten, das ein Vierteljahrhundert davor noch aus Dörfern bestanden hatte, ließen sich vor allem Tschechen nieder. Für sie stampfte man rasterförmig Zinshaus um Zinshaus aus dem Boden. Ein bis drei Jahre dauerte der Bau eines solchen Quartiers. Die prachtvolle Fassadendekoration stand im krassen Gegensatz zum stickigen Elend im Inneren. Ein Wohn- und Schlafraum mit Dielenboden, eine Vorraum- und Küchennische mit gemauertem Herd und Gangfenster zur Entlüftung – hunderttausende solcher Kleinwohnungen wurden errichtet. Ein Dutzend Menschen teilte sich nicht selten 35 Quadratmeter. Alle Flächen, die verbaut werden konnten, wurden verbaut.

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(Corn)

So auch die Rieplstraße, wo 1904 anstelle der Gasspeicher zwei erste Häuser errichtet wurden. Sie stehen bis heute, auch wenn, vermutlich kriegsbedingt, der Stuck von den Fassaden geschlagen ist. Dahinter folgen wie Jahresringe eines Baums weitere Gebäude der ins Bahnhofsland wuchernden Gasse: 1905 entstand das Haus, in dem heute Rance Miletic´ wohnt; 1906 das danebenliegende, 1908 das übernächste. Sie alle entsprechen der Norm dieser Ära: In den Stiegenhäusern ranken sich gusseiserne Pflanzenstauden die Geländer hinauf; Schilder weisen in Frakturschrift auf das Mezzanin hin und die Portiersloge, die im Fin de Siècle selbst in bettelarmen Häusern Usus war. Zwei weitere Gebäude, die es heute nicht mehr gibt, entstanden 1911.

Dann hört die Bautätigkeit abrupt auf. Nach Kriegsausbruch 1914 gab es für den Ausbau der Reichshaupt- und Residenzstadt kein Geld mehr. Die Rieplstraße ist eine der Bruchkanten des gründerzeitlichen Wien. Hier fand die Expansion ein Ende, hier blieb ein Projekt unfertig stehen. Diese Unfertigkeit erklärt auch die exponierte Lage und die ungewöhnliche Sackgassenform, schildert Andreas Nierhaus vom Wien Museum.

Denn ursprünglich schloss an die Rieplstraße eine zweite Gasse an. Nierhaus deutet auf den Stadtplan von 1912. Die mittlerweile verschwundene Gasse zweigte von der Rieplstraße ab und führte zurück zur Sonnwendgasse. Mit Rieplstraße und Sonnwendgasse formte sie ein Dreieck. Die aufgelassene Straße hieß Seyfriestraße, nach dem Biedermeierkomponisten Ignaz von Seyfried. Die Rieplstraße verdankt die isolierte und kulissenhafte Anmutung also nur dem nicht mehr existenten Gegenüber. Sonst wäre sie Teil eines gewöhnlichen Wiener Straßenzugs.

Noch zur Nazi-Zeit scheint die Seyfriedstraße im Wiener Straßenverzeichnis auf. Ab 1950 ist sie gestrichen. Wahrscheinlich wurde sie aufgelassen, weil hier ohnehin nie viele Häuser standen – war die Straße doch erst knapp vor 1914 angelegt worden. Nach Ende der Donaumonarchie hatte sich in der erheblich schrumpfenden Stadt die Wohnraumsituation entspannt. Nun nehmen den zur Verfügung stehenden Platz wieder Industriebauten in Beschlag.

So verkam die Rieplstraße zum toten Eck, von dem Rance Miletic´ heute spricht. Zum willkürlich ins Bahnhofsgelände ragenden Wurmfortsatz. Kurz nach ihrer Entstehung sank sie in einen über 100-jährigen Schlaf. Erst heute wacht sie wieder auf.

„Schauen Sie.“ Stefan Pesel rollt in seinem Büro einen Plan aus. Er zeigt die Skizze eines Gebäudes mit acht Stockwerken. In zwei davon sind Büroräume und ein großer Veranstaltungssaal mit angedeuteten Sesseln und einer Bühne eingezeichnet. Das soll Stefan Pesels Kirche sein, wenn die Rieplstraße einmal ganz neu ist.

Pesel, 52, rumänischer Slowake, hat vor zehn Jahren das ziegelsteinerne Fabriksgebäude am Ende der Rieplstraße gekauft. Ursprünglich war das ebenerdige Areal eine Zementmühle, erzählt er. Pesel ist Pastor der Pfingstkirche, einer freievangelischen Bewegung, wie man sie aus den USA kennt, den Baptisten und Methodisten ähnlich. Seine Gemeinde umfasst einige hundert Personen, vorwiegend Rumänen und Ungarn. Promiskuität lehnen sie ebenso ab wie übermäßigen Alkoholkonsum. Als der Prediger, der selbst im 22. Bezirk wohnt, einen Versammlungsort für seine Kirche suchte, stieß er im Internet auf die Rieplstraße.

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Pesels Kirche, ehemals eine Zementmühle (Corn)

Die Pfingstkirchler renovierten die alte Halle, bauten Dachfenster ein, ließen eine Bühne zimmern, auf der heute Gitarrenverstärker und ein Drumset stehen. Im Büro daneben lugen weißgewandete Engelspuppen aus Schachteln und stapeln sich Spenden für rumänische Straßenkinder. „Ich hätte nie gedacht“, sagt der Pastor, „dass mit dieser ruhigen Gasse einmal so etwas passieren wird.“

Neun Firmen seien bisher mit Kaufangeboten an ihn herangetreten. Namen will er keine nennen, aber eine Hotelkette sei dabei und Bauträger für Wohnungen und Büros. „Ich will meine Kirche aber nicht verkaufen. Der Hauptbahnhof wird unsere Quelle an Gläubigen. Wir werden das einzige Gotteshaus im neuen Viertel sein.“ Manche der Interessenten reagierten, indem sie Sakralräume in ihre Pläne miteinbezogen. Pesel rollt den Plan wieder zusammen. „Ich weiß noch nicht“, sagt er. „Ich muss noch überlegen. Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht so aus.“

Heute reißen sich Baufirmen und Investoren um das, was hundert Jahre lang toter Winkel war. 3D-Pläne von Gemeinde und ÖBB zeigen, wie die Gegend in einigen Jahren ausschauen wird. Auf ihnen ist die Rieplstraße von Glas- und Stahlbauten umgeben, die einen lebendigen Stadtteil formen sollen. In der Nähe hat die Gemeinde bereits mit dem Bau einer Genossenschaftswohnanlage begonnen. Ein anderer Neubau wird direkt an die Häuser der Rieplstraße anschließen. Seine Funktion ist noch nicht klar, sagt Hauptbahnhof-Sprecherin Kastner. Fix ist aber, dass er kommt.

2019, wenn das Viertel fertig ist, wird die Rieplstraße keine Sackgasse mehr sein. Sondern ein Tor in den Stadtteil. Statt der Betonmauer an ihrem Ende wird eine neugebaute Verlängerung ins Grätzel führen und dort in eine Hauptstraße münden. Dieser neue Teil der Rieplstraße wird Gombrichgasse heißen, nach dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Wo Rieplstraße und Gombrichgasse aufeinandertreffen, wird eine weitere Straße abzweigen und zurück zur Sonnwendgasse führen – im Verlauf entspricht dies der alten Seyfriedstraße.

Das geplante Dreieck ist exakt jenes, das vor 100 Jahren schon einmal existierte. Vorläufig jedoch hat die Straße, die einst Seyfriedstraße hieß, noch keinen neuen Namen.

Erschienen im Falter 45/2010

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STADTRAND – Gedacht für Menschen. Genutzt von Ratten

Kürzlich stand ein Mann am Schwedenplatz und tränkte seine Ratte. Das klingt ekelerregend, war aber tatsächlich niedlich anzusehen. Die Ratte saß auf der Handfläche des Mannes und schlürfte aus einem Trinkbrunnen wie eine immens geschrumpfte Kuh. Ringsum rotteten sich lachende Kinder zusammen; danach pirschten sich Touristinnen mit Kameras wie Sturmgewehren heran. Wir standen daneben und dachten, dass wir bisher nie Menschen am Brunnen gesehen hatten, immer nur Ratten. Liegt das an der extremen Hässlichkeit des Dings? Das mag man noch mit dem Verweis auf Geschmacksfragen und die nivellierende Kraft des Durstes entkräften. Eher könnte die Ursache sein, dass das Brunnenwasser ständig über den Rand schwappt. Um es zu erreichen, müssen Menschen einen Sumpf aus Herbstblättern und Zigarettenstummeln durchwaten. Sie können ja nicht einfach auf Besitzerhänden anfliegen wie Ratten. Also, liebe Verantwortliche: Könnte man den Sumpf nicht trockenlegen? Es ist ja nicht immer eine Ratte zur Stelle, die die Situation doch noch angenehm macht.

Erschienen im Falter 45/2010

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Donnerstag, 4. November 2010

Kurzfristig kommerzbefreit

Pur wie noch nie und nie mehr: Die alte Westbahnhofhalle ist wieder öffentlich zugänglich

Beschau: Joseph Gepp

Wenn etwas eine Zeitlang aus dem Blickfeld verschwunden war, weiß man es nachher mehr zu schätzen. Vergangenen Mittwoch wurde nach zweijähriger baustellenbedingter Sperre die denkmalgeschützte Westbahnhofhalle wiedereröffnet. Auch wenn ihr größter Teil immer noch zu ist und derzeit nur eine Bresche zwischen Bauzäunen zu den Bahnsteigen führt, sieht die Halle doch groß und schlicht aus. Größer und schlichter sogar, als sie es vorher war. Denn durch den Wegfall alles Beiwerks – Läden, Fast-Food-Einbauten, Werbetafeln – kommt der alte Charakter der lichtdurchfluteten Halle wieder zum Vorschein. Ein Raum, wie die Nachkriegsgesellschaft, die ihn 1951 erbaute: zurückgenommen und trotzdem monumental, illusionslos und doch optimistisch.

Allzu lange wird das aber nicht so bleiben. Noch vor Weihnachten soll der Bau laut ÖBB ganz fertig sein. Dann ziehen nicht nur in die Neubautrakte, die rund um die historische Halle entstehen, Geschäfte ein. Sondern auch in den alten Teil selbst. Die pure Anmutung, die man derzeit vorfindet, ist also ein Vergnügen auf Zeit. Sie währt, solange ein nahes spanplattenverkleidetes Provisorium die profanen Alltagsgeschäfte eines Bahnhofs übernimmt, zum Beispiel Tickets und Frühstücksweckerln verkaufen. Anfang 2011 wird die neue „BahnhofCity Wien West“ fertig sein. Zwei Glas- und-Stahl-Quader beidseitig des alten Westbahnhofs, die schon jetzt als Rohbauten stehen, beinhalten dann Büros, Dienstleistungsbetriebe und die Filiale eines Billighotels.

Fazit: Am allerbesten ist die Halle, wenn sie leer ist. Leer wie nie mehr.

Erschienen im Falter 44/2010

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Mittwoch, 27. Oktober 2010

STADTRAND – Der Dauerauftrag. Eine Allerheiligengeschichte

Okay, wir müssen ja nicht gleich bibelfest werden und die Geschichte von Jesus und den Tempelkaufleuten erzählen. Aber was am Zentralfriedhof passiert, ist nicht lustig. Dort stehen Keiler beim Haupttor und zocken im Namen der Krebshilfe alte Frauen ab. Die stehen am Weg zum Familiengrab irdischen Belangen sowieso eher indifferent gegenüber. Je dementer, desto besser, lautet also die Devise. Münzen nehmen wir keine, das Leiden krebskranker Kinder muss Ihnen schon fünf Euro wert sein. Oder Sie unterschreiben gleich einen Dauerauftrag. Zweifellos machen die Friedhofskeiler ein besseres Geschäft als ihre Pendants am Schottentor oder Schwedenplatz. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass das den Kollegen nicht als Ansporn dient. Denn die Idee wäre ausbaufähig: Insassen von Hospizen wären zum Beispiel ein lohnendes Publikum, sie sind bei finanziellen Dingen eher gleichgültig. Oder Angehörige von Kranken in Spitälern. In diesem Fall sollte man allerdings beachten, dass es sich nicht um Eltern krebskranker Kinder handelt. Sonst wäre die Optik gar unschön.

Erschienen im Falter 43/2010

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Freitag, 22. Oktober 2010

Endstation Reumannplatz

Text Joseph Gepp

Irgendwo in den Tiefen der U1, zwischen Südtiroler Platz und Keplerplatz, passiert man die Wiener Stadtgrenze.

Formell unterquert die U-Bahn ab hier Favoriten, Wiens zehnten Gemeindebezirk. Informell hat sie eine Art Nebenstadt erreicht. Denn Favoriten – mit 170.000 Einwohnern theoretisch viertgrößte Stadt Österreichs – hat einen eigenen lokalen Charakter, ein eigenes Straßenbild, eine eigene Prägung. Vom breiten Südbahnhofareal seit jeher vom Rest der Stadt abgetrennt, spielt es unter Wiens Bezirken eine Sonderrolle. Und wie sich die anfühlt, erfährt man, wenn man schließlich die U-Bahn verlässt. Am Reumannplatz, der U1-Endstation und dem Hauptplatz von Favoriten.

Menschenmassen schieben sich an diesem Knotenpunkt hin und her, von U-Bahn zu Buslinie zu Straßenbahn. Die Architektur ist schlicht und funktional, die Geschäfte migrantischer als im Rest der Stadt. Die Gestaltung ist eher 70er-Jahre-sozialistisch denn altwienerisch-gründerzeitlich. Kugellaternen werfen mattes Licht; unter efeuumrankten Zierbögen aus Beton vertreiben sich Jugendliche die Zeit.

Bevölkerungsumfragen und Kundenfrequenzmessungen zeigen, dass Favoritner ihren Bezirk vergleichsweise selten verlassen. Warum auch? Wie es sich für eine Nebenstadt gehört, findet sich alles Notwendige hier. Die Favoritenstraße, die gleich an den Reumannplatz anschließt, bildet samt Viktor-Adler-Markt eines der größten Einkaufsareale der Stadt. Zwischendrin liegen ausgedehnte Wohnviertel mit Schulen und Freizeiteinrichtungen.
Am Reumannplatz selbst stammt das prunkvollste Gebäude – wie passend! – nicht aus der Donaumonarchie, sondern dem Roten Wien: das turmbekrönte Amalienbad von 1926, das vielleicht schönste Hallenbad Europas. Gleich gegenüber liegt ein Wiener Unikat aus den 50ern: der – in Einrichtungsstil wie Speisekarte – einzigartige Eissalon Tichy, der auch viele Rest-Wiener nach Favoriten lockt (Sonst kommen sie gemeinhin ebensowenig hierher wie die Favoritner nach Rest-Wien).

In diesem Sinn: Auf zum Reumannplatz! Man fährt ja nicht alle Tage in eine andere Stadt.

EIS ESSEN

Tichy
1952 von Kurt Tichy eröffnet und heute wohl der beste Eissalon der Stadt. Allein die arbeiterkammerbarocke Innengestaltung lohnt schon den Besuch. Legendäre Spezialität: Eismarillenknödel.
Reumannplatz 13, 1100
01 604 44 46


TÜRKISCH ESSEN
Kümmeltürk
Unweit des Reumannplatzes liegt eins der besten türkischen Restaurants Wiens – neben klassischen Gerichten gibt es eine große Auswahl türkischer Pizzen.
Rotenhofgasse 11, 1100
01 60 22 038


KAFFEE TRINKEN

Viktor-Adler-Markt
Jeden ersten Samstag im Monat gibt’s von 6 bis 17 Uhr einen Bauernmarkt mit rund 60 Ständen. Oder man besucht dem Viktor-Adler-Markt einfach so, trinkt türkischen Kaffee mit Lokum und genießt die Favoritner Parallelatmosphäre. Empfohlen, solange man draußen sitzen kann.
Viktor-Adler-Platz, 1100
Mo–Fr 6–19.30 Uhr (Gastronomie 6–22 Uhr)


ALTES KAUFEN
RES ANTIQUA

Favoriten meets Harry Potter: Ein idyllisch-vollgestopftes Antiquitätengeschäft in einem idyllisch-versteckten Innenhof. Ein Geheimtipp, wie er sich auch sonstwo in Wien nicht leicht findet.
Erlachgasse 85, 1100
Mo–Fr 10–18 Uhr


T-SHIRTS TRAGEN
REUMANNPLATZ
Der Designer Thomas Kreuz gestaltet T-Shirts mit der Aufschrift „Reumannplatz“ – neben dem Riesenrad! Für Mann, Frau und Kind, mehrere Größen und Farben, zu bestellen im Internet.
Westbahnstraße 7, 1070
reumannplatz.com

BAUSTELLE SCHAUEN

BAHNORAMA
Favoritens jüngste Sehenswürdigkeit: Von Europas höchstem Holzturm lässt sich seit kurzem die gewaltige Baustelle Wien-Hauptbahnhof überblicken. Inklusive Ausstellung und Kaffeehaus.
Favoritenstraße 51, 1100

Erschienen im Best Of Vienna 2/2010

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Mittwoch, 20. Oktober 2010

Self-Storage-Spende: warum eine Lagerfirma Erdäpfelpüree bunkert

Normalerweise, sagt Sprecherin Alexia Gerhardus, würden die Kunden in ihrer Firma zum Beispiel Ski einlagern, weil man die nur im Winter braucht. Oder kurzfristig ganze Wohnungseinrichtungen, wenn der neue Verputz nicht rechtzeitig trocken geworden ist. Seit gestern aber stehen in einem der vielen Mietabteile der Self-Storage-Firma My Place am Gürtel palettenweise Reis, Erdäpfelpüree, Dosen mit Kidney-Bohnen und passierten Paradeisern. Seit dem Welthungertag am vergangenen Samstag können Spendenwillige originalverpackte und haltbare Lebensmittel in den sieben My-Place-Filialen in Wien abgeben. Von dort werden sie an die Wiener Tafel weitergeleitet. Zehn bis zwölf Leute waren seither schon hier, sagt Robert Diermair, der die Waren in Empfang nimmt. Wenn jemand kommt, nimmt der Angestellte den Schlüssel mit dem grünen Anhänger vom Pult und schiebt die Spenden auf seinem Handwagen nach hinten ins blechverkleidete Lager.


diermair
„Über-Lebensmittel für Bedürftige“ lautet das Motto der Aktion.
In den sieben Wiener Filialen von My Place können Lebensmittel
für die Wiener Tafel gespendet werden. Robert Diermaier führt
sie dann ins Lager

Foto von Heribert Corn

Erschienen im Falter 42/2010

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