Weltpolitik

Mittwoch, 23. Februar 2011

"In Libyen revolutioniert es sich nicht so leicht“

Der Gaddafi-Experte Andreas Dittmann fürchtet eine Machtübernahme der Islamisten im Wüstenstaat

Gespräch: Joseph Gepp

Andreas Dittmann, Anthropogeograf der Uni Gießen und einer der wenigen deutschsprachigen Libyenexperten, im Interview.

Falter: Herr Dittmann, in Libyen werden Autodieben Gliedmaße amputiert. Kaum jemand hätte gedacht, dass die arabische Revolution hierher übergreift. Wie war das möglich?

Andreas Dittmann: Die Heftigkeit des Aufstands überrascht zwar. Aber geografisch und historisch gesehen ist das Übergreifen wenig verwunderlich. Das moderne Libyen ist aufgebaut auf dem Versuch, politische Ereignisse in Ägypten zu kopieren. Die Septemberrevolution durch Gaddafi 1969 geschah in glühender Verehrung für Nasser und seine Freien Offiziere 1954. Danach waren viele Maßnahmen in Libyen am Vorbild Ägypten orientiert - wie jetzt wieder.

Aber Ägypten ist wesentlich ärmer als Libyen, das reichste Land Afrikas. Warum kann Gaddafi die Revolution nicht einfach im Geld ersticken?

Dittmann: Bis jetzt hat er das getan, wobei das Geld vor allem in die innere Sicherheit floss. Deshalb revolutioniert es sich in Libyen nicht so leicht wie in Ägypten und Tunesien. In 42 Jahren lernte Gaddafi permanent mit potenziellem Widerstand umzugehen - im libyschen Fall war er stets religiöser Natur. In dieser Zeit wurden die Kontrollorgane immer professioneller.

Wer sind die Träger des Aufstandes?

Dittmann: Vor allem die Jungen. Über die Hälfte der Libyer sind unter 25 und haben keine Perspektive. Wobei die Perspektivlosigkeit weniger als in Ägypten und Tunesien materiell begründet ist. Es ist stattdessen das Gefühl einer allgemeinen Unfreiheit, vor allem im Vergleich zu gleichaltrigen Tunesiern und Ägyptern.

Wie kann ein solches Gefühl in ein isoliertes Land wie Libyen vordringen?


Dittmann:
Internet und Handys funktionieren, wenn auch eingeschränkt. Man muss zwei Dinge bedenken: Erstens ist Libyen mit 6,3 Millionen Einwohnern ein ziemlich kleines Land. Zweitens liegt die libysche Küste nicht weit von Lampedusa und Sizilien entfernt. Das schafft virtuelle Ausweichmöglichkeiten, wenn das Regime Verbindungen kappt. Es ermöglicht auch einen Austausch unter Jugendlichen in Libyen, Ägypten und Tunesien.

Welche Rolle spielen die Stämme?

Dittmann: Es gibt unzählige Ethnien in Libyen, aber grob kann man unterscheiden: Rund um die zweitgrößte Stadt Bengasi lebt die strenggläubige Senussi-Brüderschaft. Ihr Oberhaupt war König Idris, den Gaddafi 1969 stürzte. Für die Senussi setzt Gaddafi den Islam nicht strikt genug um - obwohl man keinen Alkohol kaufen kann und Strafen oft drakonisch sind. Aber die Islamisten stört vor allem, dass Gaddafi die Frauengleichberechtigung durchgesetzt hat.

Wie groß ist die Gefahr eines islamistischen Regimes nach Gaddafi?


Dittmann: Der Islamismus in Libyen ist viel gefährlicher als in Ägypten oder Tunesien. Seit Gaddafis Machtergreifung war nur der radikale Islam eine Bedrohung für das Regime. Im Westen übersieht man nun diesen Aspekt wegen Gaddafis Menschenrechtsverletzungen. Aber ob im Kampf gegen Islamismus oder im grausamen Auslagern europäischer Flüchtlingsproblematiken ins Innere von Afrika - es war praktisch für Europa, einen Diktator wie Gaddafi zu haben.

Erschienen im Falter 8/2011

kostenloser Counter

Weblog counter

Unser lieber Gaddafi

30 Jahre lang hofierten österreichische Politiker den libyschen Diktator und seine Familie. Wirtschaftsinteressen, Parteispenden und politische Naivität prägen die sonderbare Allianz

Bericht: Stefan Apfl, Joseph Gepp, Florian Klenk

Zehn Jahre lang hatte er sein Land nicht mehr verlassen. Nun landete er in Schwechat. "Auf Einladung des Bundeskanzlers Dr. Bruno Kreisky“, so vermeldete die Austria Presse Agentur, "stattete der Führer der Großen Al-Fatah-Revolution der Sozialistischen Libyschen Arabischen Volks-Dschamahirija, Oberst Muammar al-Gaddafi, Österreich einen offiziellen Besuch ab.“

Gaddafi, damals international Persona non grata, besichtigt Rathaus, Parlament und die Moschee nahe der UNO-City. Auch Gewerkschaftsboss Anton Benya reichte ihm die Hand. Die Stimmung ist herzlich, der Besuch ein Erfolg. "Wir hegen Hoffnungen“, sagt Gaddafi, "dass Gespräche wie jene in Österreich mit allen westlichen Ländern möglich sein werden.“

Es war der Beginn einer sonderbaren Freundschaft.

29 Jahre später bombardiert Gaddafi sein eigenes Volk. Nach Tunesien, Ägypten und Bahrain hat die Revolution auf die Wüstendiktatur übergegriffen. Die Revolte überrascht, weil die libysche Diktatur brutaler, die Gesellschaft wohlhabender ist als ihre Nachbarn. Der Beduinenstaat lebte unter Gaddafi aber vergleichsweise isoliert und archaisch. Weniger überraschend ist hingegen, dass Gaddafi nun als erster der bedrängten Despoten sein eigenes Volk massakriert. Hunderte, wenn nicht Tausende sollen bislang ermordet worden sein.

Das lange Schweigen
Dem offiziellen Österreich schien es zunächst die Rede verschlagen zu haben. Während andere Staaten Gaddafi längst zur Zurückhaltung mahnten, verhielt sich die heimische Politik zunächst auffallend wortkarg: Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) schien sich Anfang der Woche einzig um die Evakuierung der 80 Österreicher in Libyen zu sorgen. Erst am späten Montagnachmittag verurteilte auch er als einer der letzten EU-Außenminister die Massaker.

Warum das lange Schweigen? Weil für Österreich die schwierige, aber prosperierende Freundschaft mit Gaddafi auf dem Spiel steht? Weil das Land erkennt, wen es da jahrzehntelang hofiert hat?

Jeder fünfte Tropfen Öl, der nach Österreich fließt, stammt aus libyschen Bohrlöchern. Heimische Konzerne wie Porr, Strabag, OMV haben vom Despoten Milliardenaufträge erhalten. Sogar die Stadt Wien rühmt sich auf ihrer Homepage der "hervorragenden Wirtschaftsbeziehungen“ zur Wüstendiktatur.

Die österreichisch-libysche Partnerschaft wirft die Frage auf, was eine demokratische Gesellschaft aufzugeben bereit ist, wenn es um Wirtschaftsbeziehungen mit kriminellen, aber "stabilen“ Herrschercliquen geht.

Muammar al-Gaddafi verlangt für seine fünf Söhne und sich selbst in Europa dieselben absurden Privilegien, wie er sie in Libyen genießt. Wer den skurrilen, grausamen Clan nicht hofiert, wird terrorisiert. Das bekam zuletzt die Schweiz zu spüren: Nachdem der Dikatorensohn Hannibal 2008 wegen Misshandlung seiner Angestellten festgenommen worden war, ließ sein Vater in Libyen Schweizer Geschäftsmänner verhaften und forderte die Auflösung der Eidgenossenschaft. Ist es da nicht besser, den pragmatischen Weg zu wählen und manche Verfehlung zu übersehen?

Als in Wien-Döbling eines Abends im Jahr 2007 eine Prostituierte "von einem Baum stürzte“, weil sie angeblich in das Schlafgemach von Saif al-Islam Gaddafi klettern wollte, konnte der Diktatorensohn noch in derselben Nacht mit dem Privatjet Wien verlassen. Die Justiz ermittelte zwar wegen versuchten Mordes, machte aber keinerlei Anstalten, Gaddafi jr. vorzuladen. Nicht einmal ein Gerichtsmediziner bekam das Mädchen zu sehen. "Österreich“, so resümiert ein Verfassungsschützer, "hat sich damit Scherereien nach Schweizer Muster erspart.“

Dabei begann die österreichisch-libysche Freundschaft als idealistisches Projekt. Mitte der 70er-Jahre suchte Kanzler Kreisky nach neuen Wegen in der Nahostpolitik. Er wollte im arabischen Raum nach Ansätzen von Sozialdemokratie Ausschau halten - und glaubte sie bei Muammar al-Gaddafi zu finden. Ein "nicht unkritisches, aber interessantes Verhältnis“ habe solcherart begonnen, erinnert sich der Journalist und Nahostkenner Heinz Nußbaumer, der den Diktator in Tripolis selbst getroffen hat. Erst 1969 hatte sich der Beduinensohn, beflügelt vom ägyptischen Präsidenten Nasser, gegen König Idris I. an die Macht geputscht. "Kreisky hat einen Kultivierungsprozess für möglich gehalten“, sagt Nußbaumer. "Er fand es doppelbödig und schizophren, dass Staatsmänner so tun, als könne man mit Libyen Riesengeschäfte machen, aber das Regime nicht sehen.“

Jahre später sollten andere Politiker Kreiskys Beispiel folgen - und wie er selbst grandios scheitern. Denn der Diktator schockierte Europa in den 80er-Jahren mit Terroranschlägen. In einer Berliner Diskothek und in einem Flugzeug über dem schottischen Lockerbie explodierten Bomben.

Der Revolutionär wird Diktator
Während Dieben in Libyen zur Strafe die Hände abgehackt, Flüchtlinge in der Sahara dem Tod überlassen wurden, pflegte Muammar Gaddafi eine Vorliebe für Beduinenzelte und Fantasieuniformen. Er schrieb Kinderbücher ("Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde, und der Selbstmord des Astronauten“) und entwarf schnittige Sportwägen. Am Anfang habe Gaddafi noch "seinem Staat mit guter Absicht ein maßgeschneidertes Führungssystem, eine Art tribal leadership, verpassen wollen“, sagt Heinz Nußbaumer. Aber wie bei allen luftdichten Systemen habe sich die Revolution "bald in eine strenge Diktatur verkehrt“.

Um die Jahrtausendwende, als Gaddafi, der Terrorpate, international noch isoliert war, da setzte sich nur ein Politiker aus dem Westen zu ihm ins Wüstenzelt: Jörg Haider. Es war ein "privater Besuch“, wie Haider stets beteuerte, und fast wäre er geheim geblieben. Doch eine US-Journalistin, die auf ein Interview mit dem Despoten vom Tigris wartete, entdeckte Haider damals in der Jurte.

Haider im Wüstenzelt

In der Wochenzeitung Format berichtete sie von der Begegnung. Hinter sechs Meter hohen Betonmauern auf einem einst von Amerikanern zerbombten Kasernenkomplex stand inmitten grasender Kamele ein Wüstenzelt, aus dem der mit T-Shirt und Jeans "erstaunlich salopp gekleidete“ Haider trat. Ein Privatbesuch, erklärte auch Haiders Pressesprecher Karl-Heinz Petritz, der sich heute als Berater von Saif al-Islam ausgibt.

Offiziell war es damals ein politischer Informationsaustausch. Haider wurde aber nicht nur von seinem Sekretär Gerald Mikscha, einem Studienkollegen von Gaddafis Sohn Saif al-Islam, begleitet, sondern auch von Hypo-Chef Wolfgang Kulterer, jenem unter Anklage stehenden Bankier, der nun für die Milliardenpleite verantwortlich gemacht wird.

Zusammen gründeten Haider und Gaddafi die österreichisch-libysche Freundschaftsgesellschaft, deren Vorsitz heute Haiders Witwe Claudia innehat. Es dürfte viel Geld gewesen sein, das damals in blaue Kassen - oder zumindest auf die Privatkonten Haiders floss, die Profil vergangenes Jahr entdeckt haben will. Zumindest legen das jene Zeilen nahe, die der ehemalige FPÖ-Bundesgeschäftsführer und Grasser-Freund Walter Meischberger unter Berufung auf den ehemaligen Kärntner Protokollchef Franz Koloini in sein vom Falter veröffentlichtes Notizbuch schrieb.

45 Millionen Euro, so notierte Meischberger nach einem Gespräch mit Koloini, seien von Gaddafi an Haider überwiesen worden. Ein Teil sei in Österreich für diverse Schmiergeldzahlungen versickert, mit rund 32 Millionen, so Koloini, sei Mikscha einfach "abgehaut“.

Mikscha ist eine Schlüsselfigur der blauen Libyen-Connection. Er studierte mit Saif al-Islam an der Wiener Imadec-Privatuni. Schon dieser Studienaufenthalt soll von Vater Muammar mit wüsten Drohungen erpresst worden sein. Sohnemann Saif galt bereits in den USA, Kanada und der Schweiz als Persona non grata. Hier in Wien durfte er nicht nur eine Villa beziehen (und diese von libyschen Geheimdienstlern bewachen lassen), sogar seine weißen Tiger konnte er im Tiergarten Schönbrunn unterstellen.

Gemeinsam besuchten Haider und Saif Hahnenkammrennen, sie teilten sich eine Loge am Opernball oder eröffneten Ausstellungen, in denen Saif seine kitschigen Wüstenbilder zeigte. Man sieht darauf Kreuzzügler in Kutten und den Herrn Vater im Wüstensand. Saif galt lange als das liberale Gesicht des Regimes.

Saif schwadronierte von libyschen Partei- und Benzinspenden an Haider, der wiederum von dem "lieben netten Kerl“ spricht, mit dem er "ab und zu fortgeht“. Saif al-Islam wurde zum gerngesehenen Gast der Wiener Society. Beinahe hätte sich auch eine Folge der ATV-Doku "Die Lugners“ um ihn gedreht, aber "Die Lugners bei Gaddafi“ scheiterte, weil sich der Baumeister die Hand brach.

Die Auftritte des jungen Gaddafi passten auch zum neuen Image des Vaters. Nachdem dieser im Jahr 2003 die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag übernommen hatte, wurde er schnell zum Liebkind des Westens. Nach einem halben Jahr hob der UN-Sicherheitsrat seine Sanktionen auf, nach weiteren sechs Monaten reichte der britische Premier Tony Blair dem Libyer die "Hand der Freundschaft“.

Von den Embargos befreit, stiegen die jährlichen Wachstumsraten auf sechs Prozent, die staatlichen Investitionen auf 20 Milliarden Euro. Und Unternehmen aus Österreich, dem Land, das als erstes an den Despoten geglaubt hatte, zählten zu den Hauptprofiteuren des Petro-Reichtums.

Milliarden für Österreich

So erhielt die Strabag in den vergangenen Jahren Aufträge in der Höhe von mehr als einer halben Milliarde Euro. Der Baukonzern Porr ist am Bau des größten libyschen Stadions mit einem Volumen von 200 Millionen Euro beteiligt. Der Baustofferzeuger Asamer hat mehr als 220 Millionen Euro in Betonwerke, Filteranlagen und Steinbrüche investiert - dafür darf der Konzern für Gaddafi nahe Tripolis eine Stadt für 60.000 Einwohner aus dem Boden stampfen.

Am derzeit größten Eisenbahnprojekt, einer 3000 Kilometer langen Strecke, deren Investitionsvolumen auf sieben Milliarden Euro geschätzt wird, verdienen mehrere heimische Unternehmen mit. Das Abkommen zwischen Libyen und Österreich über die Zusammenarbeit am Eisenbahnsektor ist eine "gute Grundlage in diesem stark zentralisierten Land“, so die Wirtschaftskammer.

Das offizielle Österreich setzte bis vor kurzem noch skurrile Gesten. Als Gaddafi 2009 den 40. Jahrestag der Revolution feierte, schickte SPÖ-Verteidigungsminister Norbert Darabos auf Bitte von ÖVP-Außenminister Michael Spindelegger in großkoalitionärer Eintracht eine besondere Delegation nach Libyen: Die Tiroler Militärblasmusikkapelle blies ein Ständchen im Wüstenstaat. Dafür durften Versorgungsflieger auf dem Weg in den Tschad in Libyen zwischenlanden.

Solche Ehrerbietungen hätte im Jahr 1982, als Muammar Gaddafi Bruno Kreisky besuchte, ein junger Parlamentsabgeordneter mit Sicherheit kritisiert: "In der Außenpolitik geht es wirklich nur mehr um Geschäftsinteressen“, sagte damals der aufstrebende Jungpolitiker. Sein Name: Jörg Haider.

Erschienen im Falter 8/2011

kostenloser Counter

Weblog counter

Mittwoch, 9. Februar 2011

"Das Frustpotenzial ist enorm, enorm, enorm hoch!“

Der Ägypten-Experte Asiem El Difraoui über Europas Stunde, den Rückschlag des Imperiums und das Revolutionspotenzial virtueller Lebensräume

Interview: Stefan Apfl, Joseph Gepp

Asiem El Difraoui, Ägypten-Experte vom Berliner Think Tank Stiftung Wissenschaft und Politik, ist dieser Tage ein gefragter Mann. Unentwegt bitten Medien um Wortspenden, Analysen und Einschätzungen. Der Falter erreichte den Fachmann zwischen zwei Flügen am Telefon.

Falter: Herr El Difraoui, wenn wir Sie vor zwei Monaten nach den inneren Zuständen in Ägypten gefragt hätten - wie hätten Sie sie uns erklärt?

Asiem El Difraoui: Nachher kann man immer schlau daherreden, aber im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern habe ich immer geglaubt, dass die Situation einmal explodieren wird. Das kam von vielen Gesprächen mit jungen Ägyptern. Allerdings antworteten mir meine Kollegen: Wie sollen die Ägypter das machen? Die untere Mittelschicht sei arm und schon froh, dass sie zumindest ihr Leben meistert. Und die mittlere Mittelschicht sei selbstzufrieden und würde ihren Status nicht gefährden. Tatsächlich ist jetzt aber eine kritische Masse zusammengekommen. Die Jungen konnten so nicht mehr leben. Das Frustpotenzial ist enorm, enorm, enorm hoch.

Und wie konnte es sich entladen?


El Difraoui: Ein wichtiger Aspekt scheint mir, dass die Jugend so extrem connected ist. 80 Prozent der Ägypter haben ein Handy. Das brachte die Jungen in die Moderne. Sie konnten endlich frei kommunizieren und dadurch ein Stück Privatsphäre gewinnen. Wo es keinen echten Freiraum gibt, dort wird der virtuelle zum Lebensraum erklärt. Die Kombination zwischen der allgemeinen Frustration und der Möglichkeit, auf einmal breitflächig zu kommunizieren, hat zur Explosion geführt.

Zusammen mit dem Vorbild Tunesien?


El Difraoui: Ja, und wer sich arabische Gesellschaften genau anschaut, dem scheint das folgerichtig. Mehr als das: Wenn die Tunesier in der Lage waren zu revoltieren, dann sind es die Ägypter erst recht.

Wieso?

El Difraoui: Die beiden Länder haben, im Gegensatz zu anderen arabischen Staaten, ähnliche Strukturen. Beide sind bevölkerungsmäßig relativ homogen, sodass sich Unzufriedenheit schwerer in ethnischen Konflikten entladen kann - in Ägypten gibt es nur die christlichen Kopten, im multi-ethnischen Syrien herrscht als Gegenbild ja permanent Bürgerkriegsgefahr. Im Zugang der Menschen zum Ausland ähneln sich Ägypter und Tunesier ebenso wie in den Möglichkeiten der Telekommunikation. Nicht zuletzt spielt der Tourismus hier wie dort eine wichtige Rolle. Man darf nicht vergessen, dass in praktisch jedem Dorf irgendjemand im Massentourismus arbeitet.

dfr2010_160x210px
Asiem El Difraoui forscht zu arabischer Jugendkultur und Islam im Internet. Der Sohn eines Ägypters lehrte in London und Paris. Heute arbeitet er für die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, den größten und einflussreichsten Think Tank Deutschlands


Wie sieht es eigentlich am Land in Ägypten aus? Geht die Revolution spurlos an den Dörfern vorbei - oder gibt es Solidaritätskundgebungen auf dem Dorfplatz?

El Difraoui:
Das kann derzeit niemand sagen. Die Dörfer haben andere Bevölkerungsstrukturen als Städte und unterscheiden sich auch untereinander stark. In verschiedenen Gegenden herrschen etwa unterschiedliche Richtungen des Islam vor. Größeres Frustpotenzial als in Dörfern sehe ich in mittelgroßen Städten. Die kommen in der Berichterstattung ebenso wenig vor wie Dörfer, weil sich die Journalisten auf Kairo und Alexandria konzentrieren.

Die Berichterstattung erweckt den Eindruck eines Ägyptens der zwei Geschwindigkeiten. Grob gesagt: hier die Islamisten, dort die Generation Facebook.

El Difraoui: Die in heimischen Medien dargestellten Trennlinien stimmen nicht. Mohamed El Baradei und Amr Moussa, die als Oppositionsführer dargestellt werden, sind in Wahrheit pure Produkte derselben ägyptischen Elite. Die Muslimbruderschaft, die im Westen als eine Art radikales Gegenbild dazu gezeichnet wird, ist als größte islamische Gruppierung auch schon in die Jahre gekommen und formt teilweise eine Gegen-Elite, bestückt mit Ärzten, Richtern und Anwälten. Wir stellen hier moderate Tendenzen fest, aber auch radikale Ränder. Wie es überhaupt viele Ausrichtungen eines gewissen Soft-Islam gibt: So existiert etwa ein Facebook-Islam, der über Satellitenfernsehen transportiert wird. Dazu kommt noch eine westliche Mittelschicht, die sich vom Regime Mubaraks distanziert. Nicht zu vergessen die Kopten und ihre Wortführer oder die moderne kapitalistische Unternehmerschicht, die gegen jede Art von Vetternwirtschaft demonstriert. Es gibt also eine Unzahl von Gesellschaftsgruppen, deren alte Ordnung jetzt stark in Bewegung gekommen ist. Nach den Umwälzungen wird man die Trennlinien neu ziehen müssen.

Was motiviert in diesem System die Gegendemonstranten, oder handelt es sich ausschließlich um bezahlte Schläger?

El Difraoui: Auch hier gibt es keine eindeutige Antwort. Bei den Schlägern, die auf Kamelen auf den Tahrir-Platz ritten, liegt zum Beispiel der Verdacht nahe, dass sie sich ein Abgeordneter der Mubarak-Partei eigenmächtig in seinem Wahlkreis gekauft hat. So könnte es bei anderen Gegenprotesten auch gewesen sein: Die Weisung kam vielleicht nicht von ganz oben, stattdessen machen sich Elemente des Regimes selbstständig. Die Situation ist so volatil, dass man vieles kaum einschätzen kann. Viele Leute fürchten: Wenn die weltweite Presse erst mal weg ist, wird das Regime massiv zurückschlagen, mit Massenverhaftungen und so weiter.

Und wie kann das verhindert werden?

El Difraoui: Druck von außen. Man muss den Druck und die Aufmerksamkeit deshalb beibehalten.

Rechnen Sie mit einer Demokratisierung in Ägypten?

El Difraoui:
Ich hoffe es. Ägypten hatte eine kurze Phase der Demokratie in der Zwischenkriegszeit. Aus dieser Phase gibt es immer noch diverse Gruppen, die Muslimbruderschaft, Liberale, Kommunisten oder Nasseristen.

Könnten die Gruppen Träger eines demokratischen Ägypten nach Mubarak sein?

El Difraoui: Sie müssten sich natürlich erst konstituieren, aber sie bilden neue wie historische Reste von Trägern. Aus ihnen all das Potenzial herauszuholen, ist jetzt die Rolle des Westens. Er muss mit allen Beteiligten reden und in Sachen Rechtsstaatlichkeit Unterstützung und Expertise anbieten. Hier könnte Europa endlich einmal zum globalen Player aufsteigen.

Wie sehen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz die Europäer?


El Difraoui: Grundsätzlich eher positiv. Sie stehen ihnen jedenfalls gewogener gegenüber als den Amerikanern. Eine Ausnahme bilden vielleicht die Briten, bei denen es immer noch Ressentiments aus der Kolonialzeit gibt. Insgesamt macht man Europa die Untätigkeit auf politischer Ebene aber nicht zum Vorwurf - noch nicht.

Gibt es innerhalb des alten Regimes Kräfte, auf die man zukünftig setzen kann?

El Difraoui: Es gibt eine große Anzahl von Leuten, die für die Regierungspartei gearbeitet haben, weil sie davon überzeugt waren, dass dies der einzige Weg sei, um das System zu verändern. Darunter lassen sich viele junge und hochqualifizierte Männer und Frauen finden, die als Politologen, Strategen und Ökonomen arbeiten. Es herrschte hier auch schon immer eine Spannung zwischen der klientelistischen und gleichzeitig populistischen Parteilinie und einem modernistischen, liberalen Nationalismus. Es gibt ja in allen Ministerien Militärs in hochrangigen Positionen, die aber von ihren jeweiligen Agenden keine Ahnung haben. Das frustriert die jüngeren, hochgebildeten Technokraten aus den Nebenbüros natürlich.

Während Barack Obama Stabilität fordert, verlangen die Demonstranten nach mehr Freiheit. Unterscheiden sich die Interessen des Westens von jenen der Ägypter?


El Difraoui:
Es gibt hier keinen Widerspruch. Auch Ägypter wollen Stabilität. Die Gefahr ist vielmehr, dass unreife, nichtdemokratische Kräfte nun anfangen, sich gegenseitig zu bekämpfen. Dass etwa radikale Teile der Muslimbruderschaft und Teile des Mubarak-Regimes gewaltsame Proteste organisieren. Es ist wichtig zu wissen, dass es keinen fundamentalen Hass gegen Mubarak gibt. Eher ist es das Gefühl, dass man ihn nicht mehr ertragen kann. Ägypten ist kein totalitärer, sondern ein autoritärer Staat. Wenn man so will, dann erfüllt es das Klischee einer aufgeklärten Despotie. Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte führte zu einem bescheidenen Wohlstand. Dass heute die meisten einen Kühlschrank, ein Handy, einen Fernseher haben, dass Kinder von analphabetischen Putzfrauen plötzlich studieren können, das sind enorme Fortschritte, die die Leute nicht aufs Spiel setzen wollen. Nicht umsonst hat man nach den ersten Plünderungen umgehend Bürgerwehren gegründet.

Führen diese Freiheiten und der bescheidene Wohlstand dazu, dass die Ägypter für die Verlockungen des Islamismus weniger empfänglich sind?


El Difraoui: Ein Bekannter von mir ist professioneller Kite-Surfer. Er ist ein strenger Muslim, der vorzugsweise eine Jungfrau heiraten will und dem eine islamische Familienstruktur sehr wichtig ist. Gleichzeitig lässt er die anderen aber machen, was sie wollen. Man muss den Einzelnen aus den Schemen herausbrechen. Deshalb sind die Ägypter oft beleidigt, weil der Westen sie über einen Kamm schert. Die probieren einfach, in die Moderne zu kommen und arabisch-islamisch-ägyptische Wurzeln zu behalten. Daraus resultieren dann komische Hybridkulturen.

Halten Sie einen ägyptischen Gottesstaat, wie er in Washington und Jerusalem befürchtet wird, für denkbar?


El Difraoui:
Es kann nach Neuwahlen, bei denen die Muslimbrüder 20 bis 50 Prozent erringen könnten, durchaus islamischer werden. Aber Ägypten hat auch nationale Interessen. Wenn zwei Millionen im Tourismus arbeiten, lässt sich etwa kein Alkoholverbot durchsetzen. Der entscheidende Faktor für die nahe Zukunft sind ohnehin die Heerscharen armer und ungebildeter Jugendlicher. Wenn sie nicht bald eine Perspektive erhalten, dann bleibt Ägypten ein Pulverfass. Denn ihre Ausweglosigkeit bietet dem radikalen Islamismus einen Nährboden.

Haben Sie Familie in Ägypten?


El Difraoui:
Ja, aber ich mache mir keine Sorgen um sie. Die Leute sind familienorientiert und passen aufeinander auf. Wenn ich mit ihnen spreche, merke ich, wie schlecht Mubarak seine Karten ausgespielt hat. Eine koptische Freundin hat mir erzählt, dass sie zunächst gegen die Proteste war, weil Mubarak ohnehin nur mehr sechs Monate an der Macht gewesen wäre. Als dann aber die Schlägertrupps durch die Straßen zogen, als das Internet und die Handys abgeschaltet wurden, sagte sie: Das geht nicht. Mit diesem Verhalten hat das Regime selbst geduldige Leute gegen sich aufgebracht. Hätte Mubarak am zweiten Tag gesagt: Ich gehe - es wäre alles anders ausgegangen.


Maghreb in Wien


Hassan Abdel-Halim
63, Besitzer des Café Nil in Neubau, aus Gizeh, seit 24 Jahren in Wien

hassan
Foto von Heribert Corn

"Pro Tag versuche ich zehnmal, meine drei Geschwister in Kairo zu erreichen. Nur einmal komme ich durch, wenn ich Glück habe. Meine Verwandten fürchten, dass die Leitung abgehört wird, daher sagen sie nicht viel. Ich habe aber erfahren, dass meine Neffen und Nichten demonstrieren gehen. Sie wechseln sich dabei ab. Ein Teil bleibt immer zu Hause und verstärkt die Bürgerwehr. Es erfüllt mich mit Sorge und gleichzeitig mit Stolz. Einen meiner Verwandten habe ich sogar auf Al Jazeera gesehen. Diese Jungen kämpfen gegen ein verbrecherisches Regime, das Männer foltern und Frauen vergewaltigen lässt. Die Alten dagegen sind Feiglinge und Heuchler - verdorben von Jahrzehnten der Diktatur. “


Sally Bibawy
39, Selbstständige in Rudolfsheim-Fünfhaus, Eltern aus Kairo

bibaby
Foto von Heribert Corn

"Eine Eskalation in Ägypten macht mir Angst, weil ich zu den zehn Prozent der christlichen Minderheit gehöre. Wir Kopten fürchten, dass wir schlimmstenfalls entrechtet und vertrieben werden könnten - ähnlich wie die Christen im Irak. Einer meiner Verwandten in Kairo hat seine britische Frau deshalb schon nach England geschickt, wo sie sicher ist. Ich selbst habe nächtelang mit meinen Cousins in Kairo telefoniert. Dort machten sich Motorradtrupps auf die Suche nach unbewachten Häusern - um danach Plünderer anzuweisen. Ich informiere mich nicht nur in deutschsprachigen Medien, sondern auch auf BBC und CNN, im Economist und der New York Times. Die internationalen Blätter folgen nicht ausschließlich dem revolutionsbegeisterten Mainstream. Ich bin nicht für Mubarak - aber ich fürchte, dass in einer fundamentalen Umsturzphase viel von Ägyptens Kulturreichtum vernichtet werden könnte. “


Mostafa Abdalla Aly
67, Korrespondent der staatlichen Zeitung Al Ahram, aus Al-Fayyum, seit 40 Jahren in Österreich

normal_1297067582_mustafa_abdallah_aly-_journalist12
Foto von Heribert Corn

"Informationen bekomme ich leichter als andere, weil ich mit einer Zeitungsredaktion arbeite. Davon abgesehen bin ich ständig in Kontakt mit meiner Familie in Al-Fayyum. Auch wenn sie in ruhigen, sicheren Vierteln lebt, sorge ich mich. Obwohl ich natürlich für Demokratie eintrete, unterstütze ich das alte System. Mubarak ist ein Kriegsheld und sollte in Würde abtreten. Nicht er ist schlecht, sondern seine Berater, die ihm nichts von den Zuständen im Land gesagt haben. Was kann er außerdem dafür, wenn die Leute zehn Kinder auf die Welt bringen, die später arm und arbeitslos werden? Sein Stellvertreter Omar Suleiman ist ein beliebter und korrekter Mann, der Ägypten stabil halten wird. “


Khaled Ferjani*
32, Friseur in der Leopoldstadt, aus Tunis, seit sechs Jahren in Wien * Name von der Redaktion geändert

normal_1297068481_Khaled_Trabels5
Foto von Heribert Corn

"Ich habe mir Sorgen um meine drei Schwestern gemacht, als in Tunis der Umsturz geschah. Täglich habe ich sie angerufen, daneben ins Facebook geschaut und auf Al Jazeera. Im Gegensatz zu Ägypten funktionierten in Tunesien Telefon und Internet die ganze Zeit. Meine Schwestern sind verheiratet, haben Kinder, daher gingen sie nicht demonstrieren. Ich selbst arbeite und verdiene Geld in Wien - demnächst werde ich wohl nicht nach Tunesien zurückkehren. Trotzdem bin ich glücklich, dass Ben Ali gestürzt ist. Dass sich die Lage von nun an bessert, davon bin ich überzeugt. “

Erschienen im Falter 6/2011

kostenloser Counter

Weblog counter

Mittwoch, 21. April 2010

Europa, die ewige Chance

Rezension

Was könnte dieser Erdteil nicht alles sein? Etwa die größte Wirtschaftsmacht der Erde? Tatsächlich aber scheint in Europa jeder integrative Schritt zu mühselig erkauft, als dass man ihn noch euphorisch feiern könnte. Zehn Jahre etwa dauerte der Weg zur nicht sogenannten Verfassung von Lissabon, immerhin „das Beste, was in der vielfältigen und vielstimmigen EU zu erreichen war“, wie der renommierte Diplomat Wolfgang Petritsch und die Kurier-Europa-Expertin Margaretha Kopeinig in „Die europäische Chance“ schreiben. Das umfassende und flüssig geschriebene Buch umreißt den langen Weg zur europäischen Integration, die wichtigsten Protagonisten der vergangenen Jahre und die aktuellen Entwicklungen, in denen Schlechtes (Krise, Euro-Schwäche) zu Gutem (stärkere Zusammenarbeit) führen könnte.

Joseph Gepp

Margaretha Kopeinig, Wolfgang Petritsch: Die europäische Chance. Neustart nach der Krise. Kremayr & Scheriau, 192 S., € 21,90

kostenloser Counter

Weblog counter

Donnerstag, 4. März 2010

Der angekündigte Untergang – Ein Besuch in Hasankeyf

Joseph Gepp

Bis hierher, sagt Ali und hebt Hand in Brusthöhe, werde das Wasser reichen. Alles darunter verschwinde, nur die Spitze eines alten Minaretts werde noch aus den Wellen ragen. Und alles darüber stürze ein. Denn das Wasser wird sich in den Berg fressen, sagt Ali. Die vielen kleinen Höhlen fluten, die Fundamente der Gebäude wegspülen. Und am Ende wird von Hasankeyf nur eine kleine Insel bleiben, mit Trümmern übersät.

Ali ist Kurde. Im Sommer jobbt er – wie die meisten hier – in einer westtürkischen Touristenhochburg, in seinem Fall Bodrum, als Kellner. Den Winter verbringt Ali in seinem ostanatolischen Heimatort Hasankeyf. Dort sitzt er in einem Schanigarten, der etwas über der Stadt liegt. Er trinkt Tee aus einem Tulpenglas. Er blickt hinunter zur Hauptstraße, zu den Marktständen, den Grillrestaurants, zur Brücke über den Tigris, zur Moschee mit den steinernen Ornamenten aus dem 13. Jahrhundert.

ali_schanigarten
Blick auf Hasankeyf von Alis Schanigarten
Fotos: Joseph Gepp

Hasankeyf, vier Autostunden von der syrischen Grenze gelegen, ist ein Ort, an dem zwei Prinzipien gegeneinanderstehen. Der Erhalt historischen Erbes auf der einen, die Flucht aus der wirtschaftlichen Perspektivenlosigkeit auf der anderen Seite. In Hasankeyf schließen die beiden Prinzipien einander radikal aus. Denn ein großer Damm, das Illisu-Projekt, wird hier errichtet. Illisu soll Wohlstand und Hoffnung ins heruntergekommene Südostanatolien bringen. Kommt aber Illisu, wird Hasankeyf untergehen.

Es war eine wichtige Stadt, vor Jahrhunderten, im Mittelalter, als die frühtürkische Artukiden-Dynastie hier eine Brücke errichtete. Ihre Pfeiler ragen bis heute aus dem schlammbraunen Tigris. Händler zwischen Orient und Okzident überquerten die Brücke, brachten Hasankeyf Zolleinnahmen, verrechneten ihre Waren mit Geld, das in Hasankeyf geprägt worden war. Die Bewohner von Hasankeyf trieben in den weichen Stein der Tigrishänge Tausende Höhlen, die oft mehrere Stockwerke umfassten. Sie errichteten große Moscheen, Burgen, Bazare, Paläste.

Heute liegt das alles in Ruinen. Denn als sich nach der Entdeckung Amerikas die Handelsströme nach Westen verlagerten, sank Hasankeyf in die Bedeutungslosigkeit. Heute wohnen die Menschen in Häusern, die schon zum Zeitpunkt ihrer Errichtung baufällig wirken. Südostanatolien ist ein vergessener Landstrich, der Boom findet anderswo statt, in Istanbul, Ankara, der Zentraltürkei. Ein letzte Höhle ist noch bewohnt; das darin lebende alte Ehepaar weigerte sich in den 80er-Jahre auszuziehen.

wohnhoehlen
Wohnhöhlen in und um Hasankeyf

Zwei Kilometer soll der Illisu-Damm breit werden und 140 Meter hoch. Der See, der in der Folge entstünde, wäre annähernd so groß wie Wien. Ali deutet von seinem Schanigarten auf eine Hügelkuppe am Horizont. „Dort wird das Ufer liegen“, sagt er, „und daneben werden sie Yeni Hasankeyf, Neu-Hasankeyf, bauen. Die Asphaltstadt.“

„Ich bin ohnehin weg“, sagt er. „Ich ziehe endgültig fort. Nach Bodrum.“ In den vergangenen 20 Jahren sank die Einwohnerzahl von Hasankeyf radikal. 3000 Menschen sind heute übrig, die meisten von ihnen stehen dem Damm mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn Wohlstand hat der Stadt allein seine Ankündigung gebracht: Die türkische Regierung zahlt großzügige Entschädigungen für Umzugswillige. Und viele Touristen, die Hasankeyf ohne seinen bevorstehenden Untergang gar nicht kennen würden, kommen nun, um den Ort noch einmal zu sehen.

Er ziehe nach Istanbul, erzählt Mesut, ein anderer Bewohner von Hasankeyf, Restaurantbesitzer. Über dem Feuer brät er Fische aus dem Tigris. Er könne sich die Übersiedlung leisten, jetzt, dank der Entschädigungszahlung. Grinsend gestattet er, dass in seinem Lokal trotz landesweiten Verbots geraucht wird – das sei hier egal. „Die Höhlen, die alte Moschee, die Festung, die Münzprägestätte. Das alles ist ganz hübsch, wie aus einer anderen Zeit. Aber es zählt nicht, es ist nichts wert. Weil wir keine Chancen haben. Was sollen wir denn mit dem alten Zeug? Davon können wir nicht leben, sondern vom Damm.“

tigrisbruecke
Die alte Brücke über den Tigris

Dabei stand das Projekt zwischenzeitlich knapp vor dem Scheitern. Das Bauarbeiten hatten schon im Jahr 2006 begonnen, doch kurz darauf bekamen die Organisatoren – ein Konsortium aus türkischen, deutschen, schweizerischen und österreichischen Firmen – kalte Füße. Massive internationale und kurdische Proteste hatte dazu geführt, dass die nationalen Kontrollbanken ihre Exportsicherungen zurückzogen. Die Arbeiten wurden eingestellt; in Österreich verabschiedete sich der Grazer Anlagenkonzern Andritz vom Plan. Im Sommer 2009 schien das Projekt gescheitert, weil die europäischen Geldgeber abgesprungen waren.

Doch vor zwei Wochen trat der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan an die Öffentlichkeit. Der Damm werde gebaut, erklärte er freudig. Chinesische Geldgeber seien zur Finanzierung bereit.


Erschienen im Blog des Reisewebportals Tripwolf am 3.3.2010

kostenloser Counter

Weblog counter

Donnerstag, 25. Februar 2010

0043-676-50 275 XX

Wenn ein arabischer Überwachungsstaat gegen den israelischen Geheimdienst ermittelt, kommt dabei eine österreichische Handynummer heraus. Warum?

Bericht: Martin Gantner, Joseph Gepp

Wäre das Leben nur so einfach wie im Agententhriller: Da findet anfänglich ein Mord statt. Dann folgt eine Phase der Verwirrung – die Handlung wird verwickelt, die Indizien sind widersprüchlich, die Interessen undurchschaubar. Und am Ende bringt ein Held die Wahrheit ans Licht.

Im echten Leben jedoch bleibt der Krimi oft in der Verwirrungsphase stecken. So wie dieser Tage, nach der rätselhaften Ermordung eines hohen Hamas-Funktionärs in Dubai. Und das kam so.

Dienstag, 19. Jänner, im Al-Bustan-Rostana-Hotel im Dubaier Glas-und-Stahl-Viertel Al Garhoud neben dem Flughafen: Mahmud Al Mabhuh, 49, Waffenschmuggler für die radikalislamische Hamas, betritt um 20.24 Uhr die Lobby, bucht Zimmer 230. Überwachungskameras zeigen ein Personengrüppchen hinter ihm, sie nehmen Zimmer 237 und folgen dem Funktionär unauffällig. Als er in den Lift steigt, stellen sich wie zufällig zwei Männer in Tenniskleidung zu ihm. Stunden später liegt Al Mabhuh ermordet in seinem Bett. Tennisspieler samt Kompagnons haben Dubai sofort in Richtung mehrerer Städte in Europa und Asien verlassen.

Es sollte nach Herzinfarkt aussehen, und vorerst schien es auch so. Aber vergangene Woche, einen Monat nach der Tat, präsentierte Dubais Polizei stolz das Ergebnis ihrer Recherchen: Al Mabhuh sei „mit 99-prozentiger Sicherheit“ vom israelischen Geheimdienst Mossad ermordet worden, erklärte Polizeichef Dahi Tamim. Die elf verantwortlichen Agenten seien mit britischen, irischen, französischen und deutschen Pässen gereist und hätten sich dazu Identitäten unbeteiligter Israelis mit anderen Staatsbürgerschaften bedient. Der Mord, so der Polizeichef, sei von Österreich aus orchestriert worden; die Täter hätten mit heimischen Wertkartenhandys kommuniziert.

Der Fall löste weltweit Aufregung aus: Frankreich, Deutschland, Irland und Großbritannien fordern vehement Aufklärung des Passmissbrauchs. Und in Österreich fühlt man sich in die 50er-Jahre zurückversetzt, als Amerikaner und Sowjets auf neutralem Boden einander rege ausspähten. Was hat es mit jenen ominösen T-Mobile-Nummern auf sich, die laut Dubaier Polizei auf eine Wiener Mossad-Zentrale hindeuten? Bekamen die Verdächtigen von Wien aus ihre Instruktionen?

Fest steht derzeit nur, dass insgesamt sieben T-Mobile-Wertkartennummern verwendet wurden, von denen das Nachrichtenmagazin profil zwei veröffentlichte. Alles andere ist unklar; denkbar sind mehrere Varianten.

So führt ein Mitarbeiter des Grazer Austrian Center für Intelligence, Propaganda and Security-Studies (ACIPPS) in einem Bericht aus, dass die Handys auf „Rufumleitung“ geschaltet gewesen sein könnten – Telefonate also über Österreich in ein anderes Land weitergeleitet wurden. Möglich ist aber auch, dass die Wertkarten zwar in Österreich gekauft, aber ausschließlich im Ausland verwendet wurden. Österreichische Ermittler sind nun gefordert: Waren die Rufnummern in Österreich eingebucht? Wenn ja, bevor oder nachdem Al Mabhuh sein Hotelzimmer zum letzten Mal betrat? In welchen Funkzellen befanden sich die Anrufer? Wann und wo wurden in Österreich die Wertkarten gekauft? Gibt es – wie im Fall des Saliera-Diebstahls 2003 – Videos, die Täter identifizieren könnten? Dass sich die Wiener Staatsanwaltschaft nun in den Fall eingeschaltet hat, bedeutet, dass Beamte bereits bei T-Mobile Rufdaten erheben.

Schon einmal tauchten österreichische Handynummern im Terrorzusammenhang auf: Jene Fundamentalisten, die Ende 2008 im indischen Mumbai mehr als 160 Menschen töteten, kommunizierten über heimische Nummern. Damit wahrten sie ihre Anonymität. Denn Österreich ist eines von wenigen Ländern, wo Wertkarten noch ohne Handyvertrag und Lichtbildausweis gekauft werden können – entsprechend schwierig ist die Ermittlungsarbeit. Nun wird eine Gesetzesänderung überlegt.

„Aus diesem Grund wäre eine Kommandozentrale in Österreich durchaus sinnvoll“, sagt Victor Ostrovsky. Er weiß, wovon er redet: Der ehemalige Mossad-Agent lebt in den USA, seit er 1990 in einem Weltbestseller die Methoden des Geheimdienstes beschrieb und dadurch in Israel zur Persona non grata wurde. Für den umstrittenen Autor besteht kein Zweifel: Der Anschlag in Dubai trägt die Handschrift des Mossad. Auch die Tatsache, dass die Täter Identitäten von Unbeteiligten „liehen“, wäre nicht neu: 1997 hatten zwei Mossad-Agenten in der jordanischen Hauptstadt Amman versucht, den Hamas-Funktionär Chaled Meschaal zu töten. Der Coup scheiterte, gefasst wurden jedoch zwei „Kanadier“. Israel entschuldigte sich später für den Identitätsklau. „Die Sache in Dubai war meiner Meinung nach eine mid-eighties operation“, sagt Ostrovsky, „allerdings ausgeführt im Jahr 2010.“

Einer der wichtigsten israelischen Journalisten, Haaretz-Kommentator Yossi Melman, glaubt, dass es für Geheimdienste angesichts der fortschreitenden Technologisierung und flächendeckender Kameraaufzeichnungen immer schwieriger wird, verdeckt zu operieren. „Gut möglich, dass die Welt Zeuge einer Operation wurde, die die letzte ihrer Art war“, sagt Melman. „Du kannst dir eine falsche Identität zulegen. Deine biometrischen Daten kannst du aber schwer verändern.“ Die Zeit arbeite gegen die Geheimdienste, sagt Melman. Obgleich Haaretz nicht offen von einer Geheimdienstbeteiligung spricht, fordert sie den Rücktritt von Mossad-Chef Meir Dagan.

Bei all dieser Kritik darf man sich den Dienst jedoch nicht als aufgeblähten Apparat à la KGB oder Stasi vorstellen. „Seine Struktur ist extrem schlank“, sagt der deutsche Ex-Bundesnachrichtendienst-Agent und Nachrichtenhändler Wilhelm Dietl, der sich in einem neuen Buch mit Geheimdiensten beschäftigt. Nur 30 bis 50 „Katsas“, operative Offiziere, arbeiten bei Außeneinsätzen. Unterstützt werden sie von Mitarbeitern am Schreibtisch, die laut Dietl circa 90 Prozent des Apparats ausmachen. Im Auslandseinsatz, sagt Dietl, greifen die Katsas meist auf „Sayanim“, Mitarbeiter vor Ort, zurück – freischaffende Geheimdienstler.

Das verschafft dem Mossad Vorteile gegenüber den behäbigeren arabischen Geheimdiensten, sagt der Buchautor und Experte Martin Haidinger, etwa betreffend Sprachkenntnis und Kulturverständnis. Das europäische Hauptquartier des Mossad befindet sich seit den 70er-Jahren in Paris – in Wien, so schätzen Experten gegenüber dem Falter, hält sich ein Katsa permanent auf.

Ob er jene ominöse Kommandostelle bildete, von der die Dubaier Polizei spricht, wird so schnell nicht zu klären sein. Es liegt nun an den Ermittlern des österreichischen Innenministeriums, wie lange die Phase der Verwirrung noch anhält.

Erschienen im Falter 8/2010

kostenloser Counter

Weblog counter

Mittwoch, 10. Juni 2009

Eurovision-Wahlcontest? Aber ja, warum nicht!

Kommentar

Alte Hüte: Die SPÖ stürzt ab, die ÖVP verliert und jubelt. Die FPÖ gewinnt, die Grünen wollen ihre Fehler korrigieren. Man kennt das, und angesichts der als unbedeutend wahrgenommenen EU-Wahl kam es diesmal noch banaler daher als sonst.

Dabei durften in den vergangenen Tagen 375 Millionen Menschen wählen, annähernd so viele, wie USA und Japan zusammen Einwohner haben. Dabei geht es um einen ganzen vielschichtigen Kontinent, der sich eine Währung gab (und so streckenweise der Krise trotzt), der seine östliche Hälfte in 20 Jahren auf fundamentale Art umkrempelte (weitgehend zum Besseren), der gesellschaftlich wie wirtschaftlich maßgeblich agiert.

Hier darf man wohl Interesse erwarten, hier darf man auch ein wenig pathetisch sein. Beides bleibt aber aus. Denn anhand von Swoboda et al lässt sich eine derart große Umschichtung wie die Entwicklung der EU eben nicht darstellen.

Nur: Wie könnte man sie darstellen? Warum nicht etwa eine wahrhaft europäische Wahlberichterstattung im meinungsführenden ORF? Minütlich Hochrechnungen aus ganz Europa statt dem ewigen Österreich-Fokus samt Alibieinlagen aus Brüssel. Das würde der Dimension dieser Wahl gerecht. Eine Art Eurovision-Wahlcontest? Warum nicht?

Oder, apropos Eurovision: Warum gibt es keine Elefantenrunde europäischer Spitzenkandidaten, synchron übersetzt von nationalen Sendern?

Man könnte natürlich auch die vorgeblich proeuropäischen Parteien auffordern, ihrem Anspruch gerecht zu werden und den europäischen Spitzenkandidaten neben den nationalen auf die Wahlplakate zu heben.

Aber das betrifft die Politik. Das wäre wohl vollends utopisch.

Erschienen im Falter 24/09

kostenloser Counter

Weblog counter

Freitag, 1. August 2008

Im Land der anderen

60 JAHRE ISRAEL Cheryl Ben-David und Yehuda Shaul kennen einander nicht. Aber sie haben dasselbe Problem wie ihr Land. Ein Besuch an den umkämpften Rändern Israels. Text und Fotos: Joseph Gepp

Es gibt Leute, die können zynisch und pathetisch zugleich sein. Yehuda Shaul dreht sich im Kreis, streckt die Handflächen nach oben und schaut treuherzig in die Luft. Als würde er all das Unverständliche ab jetzt nur noch von seiner scherzhaften Seite nehmen. Welcome to Hebron, sagt er. Er steht in der Straße einer Geisterstadt. Kein Mensch weit und breit. Die Türen und Fenster der alten arabischen Häuser stehen offen, drinnen zeugen Trümmer von jahrelanger Verlassenheit. Eine vergessene Spule Stacheldraht liegt im Rinnstein, da und dort wehen Fetzen von jenen dunkelgrünen Netzen, die man im Kriegsfall über Schützengräben spannt. Das ist militärisches Sperrgebiet, mitten im Kern von Hebron, der zweitgrößten Stadt des palästinensischen Westjordanlands. Auf zugeschweißten Toreinfahrten prangen gesprayte Davidsterne. Shaul packt ein Foto aus: dieselbe Straße, ohne Davidsterne, dicht bevölkert mit arabischen Händlern, umschwirrt von verschleierten Frauen, gesäumt von alten Männern, die am Straßenrand sitzen und schwarzen Tee trinken. Sogar ein Esel steht da und wartet darauf, beladen zu werden. Shaul geht einige Schritte vorwärts, genau an jene Stelle, an der der Fotograf vor Jahren sein Bild knipste. Dann hält er das Bild hoch, damit man den Vergleich sieht. Damals war alles lebendig und voll, heute ist alles tot und leer. "Wie kann es sein, dass das Zentrum einer Stadt von 167.000 Einwohnern zur Geisterstadt wird?", fragt Shaul. Er kennt die Antwort natürlich.Sie findet sich einige Schritte weiter, vor einem jener sechs festungsartigen Gebäudekomplexe, die quer über die Altstadt von Hebron verteilt liegen. Seinen Dachrand sichern Stacheldrahtsperren, seine Fenster Tarnnetze. Seine Bewohner tragen lange Bärte und halten mit geschulterter Uzi auf kleinen Aussichtstürmen Wache. Das sind die jüdischen Siedler Hebrons. Rund 800 von ihnen leben hier, unter 166.000 Palästinensern. Das Sperrgebiet, das früher die Altstadt von Hebron war, ist heute der Puffer, der Siedler von Arabern trennen soll. Palästinensern ist das Betreten streng verboten. Rund 650 israelische Soldaten überwachen diesen Zustand, fast einer pro Siedler. Bis vor vier Jahren war Yehuda Shaul, 25, orthodoxer Jude, einer von ihnen. Dann endete sein Wehrdienst, und er dachte, er sollte sich von nun an für die Rechte der Palästinenser in Hebron einsetzen, falls er weiterhin ruhig schlafen will.

50 Kilometer weiter westlich, in der ruhigen Kleinstadt Sderot im israelischen Kernland, spielt Cheryl Ben-David mit ihrer zweijährigen Tochter. Sie denkt nicht an verfallende Häuser, an Palästinenser, an Stacheldraht und Soldaten. Kleine Palmen säumen die Kreisverkehre von Sderot, vor der Polizeistation schreibt eine Beamtin gerade einen Parksünder auf. Ben-Davids Einfamilienhaus mit gefliester Terrasse und friedlich winselndem Rottweiler vor der Tür könnte einem Hollywoodfilm entstammen. Doch das Idyll trügt. Es endet nur einen Kilometer vom Rand der Kleinstadt entfernt. Dort beginnt der Gazastreifen. Eineinhalb Millionen Palästinenser leben hier auf einer Fläche von nicht einmal der Größe Wiens, unter schlimmen humanitären Bedingungen, isoliert sowohl von Israel als auch vom westlichen Nachbarland Ägypten. Der Gazastreifen brodelt, und oft erreichen seine feurigen Eruptionen auch das kleine Sderot. Dann trifft eine Rakete, gefüllt mit TNT und Stahlsplittern, zusammengeschweißt in den Kellern von Gaza, die kleine Stadt. Die radikalislamische Hamas, die im Gazastreifen regiert, nennt ihre Eigenbauraketen nach Scheich Izz ad-Din al-Qassam, einem arabischen Kriegsherrn der 20er-Jahre. Acht Einwohner von Sderot starben laut Polizei 2007 durch Einschläge von Qassam-Raketen. Einer war es bislang in diesem Jahr.

Cheryl Ben-David und Yehuda Shaul kennen einander nicht und würden einander wahrscheinlich nicht sonderlich mögen. Shaul ist ein politischer Mensch, strenggläubiger Jude, redegewandt und von seiner Mission beseelt. Ben-David ist unpolitisch, unreligiös und will vor allem ihre Ruhe. Trotzdem laborieren beide am selben Problem. Shaul tut es freiwillig, Ben-David gezwungenermaßen. Es ist ein Problem, das die Israelis lapidar und vielsagend als the territories bezeichnen. Religiöse Zionisten sagen Judäa und Galiläa. Deutschsprachige Medien schreiben Westjordanland und Gazastreifen. Akut wurde das Problem der Palästinensergebiete exakt am 5. Juni des Jahres 1967. Damals tobte zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn der Sechstagekrieg. Die siegreichen Israelis rückten in zwei arabische Regionen vor, den Gazastreifen im Westen, vormals Teil Ägyptens, und das Westjordanland im Osten des Landes, vormals Teil Jordaniens. Den Soldaten folgten bald jüdische Siedler. Heute handelt es sich dabei - ausschließlich im Westjordanland, denn im Gazastreifen wurden die Siedlungen geräumt - um eine Viertelmillion Menschen. Nur wenige kamen aus politischen Gründen, die Mehrheit lockte der billige Wohnraum und die schnellen Kredite. Die Siedlungen verbauten Israel den Rückweg aus dem Palästinenserland.

Wären nicht die Qassam-Raketen, im beschaulichen Sderot würden all diese Probleme weit weg erscheinen. Cheryl Ben-David, 35, Philippinin mit israelischem Ehemann, trägt neongrüne Crocs und kurze Hosen. Sie füttert ihre zweijährige Tochter mit Keksen. Spricht man sie auf die besetzten Gebiete an, winkt sie ab oder gibt müde Allgemeinplätze von sich. "I'm not a racist", sagt sie. Nur wenn es um die Zukunft des Gazastreifens geht, dann hat Cheryl Ben-David eine klare Meinung: "Einmarschieren. Sofort einmarschieren. Wir haben genug verhandelt. Es hat alles keinen Zweck." Zweimal wurde das schmucke Vorstadthäuschen, in dem sie mit Familie und Schwiegereltern lebt, von Qassam-Raketen getroffen. Einmal die Terrasse, im Mai 2007, einmal der Hintergarten, im Juni. Im Jahr davor hatte eine Rakete die Straße vor dem Haus erwischt. Und vor acht Wochen explodierte das Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite. Ein junges Pärchen aus Tel Aviv hätte am Tag darauf einziehen wollen. "Die Rakete hat es total zerstört", sagt Ben-David. Die ganze vordere Hälfte brach ein, der Dachstuhl brannte aus, und die Stahlscherben im Sprengstoff rissen selbst ins Nachbarhaus noch Löcher. "Es gab einen Knall, und plötzlich hat der ganze vordere Teil des Hauses gebrannt", erzählt Ben-David vom Einschlag ins eigene Haus. "Ich rannte ins Wohnzimmer. Draußen brannte alles. Drinnen waren die Wände zerfetzt. Es rauchte unendlich." Sie habe Albträume davon, sagt Ben-David. Und sie habe Angst um ihre Töchter. "Ich dachte, ich verbrenne hier. Ich komme hier nicht mehr raus." Heute ist alles neu aufgebaut, neu eingekauft, neu angestrichen. Nur die Löcher im Metallrahmen der Wohnzimmertür zeugen noch immer von der Wucht der Explosion.

Jetzt will Cheryl Ben-David umziehen, weg aus Sderot, mit Mann und Kindern, in ein Dörfchen in der nahegelegenen Negevwüste. Mit der Angst, die Nächste zu sein, könne sie nicht leben, sagt sie. Es war erst der Abzug der israelischen Soldaten aus Gaza 2005, der es ermöglichte, dass Araber im großen Stil auf ihre Nachbarn schießen können. Davor hatten die Besatzungstruppen das mit harter Hand unterbunden. Im Westjordanland hingegen blieben die Israelis. Es beginnt unmittelbar hinter Jerusalem, der Hauptstadt Israels und der palästinensischen Autonomiegebiete und der Heimatstadt Yehuda Shauls.

Hebron, wo er seinen Wehrdienst ableistete, liegt nur eine halbe Autostunde entfernt. "Hier ist es anders als in anderen Orten im Westjordanland", sagt Shaul. "Hier geht es nicht um Politik. Hier geht es um Religion." Im Zentrum von Hebron soll Abraham, alttestamentarischer Stammvater der Juden, begraben liegen. Viele der jüdischen Siedler lehnen den Staat Israel ab, weil das wahre Königreich Judäa ihnen zufolge erst nach Wiederkehr des gottgesandten Messias entstehen kann. Ihre Anwesenheit in Hebron soll diese Ankunft vorbereiten. Auf der Mauer einer Siedlung prangt die blau-orange Flagge des gelobten Reiches. 1967, nach dem Sechstagekrieg, mietete sich eine Handvoll Israelis in einem Hotel im Zentrum der Stadt ein, um das Pessachfest zu feiern. Sie zahlten nicht und gingen nicht mehr. Aus einigen wenigen wurden einige hundert. Ihren Hass spürt man heute, wenn Shaul vor den Steinen warnt, die hin und wieder aus ihren Fenstern in Richtung Araber und Besucher fliegen. Als er seinen Wehrdienst begann, im Jahr 2001, war gerade der zweite große Aufstand der Palästinenser, genannt Intifada, zu Deutsch "Erhebung", ausgebrochen. Make them feel our presence, sei während und nach der Intifada die Devise der israelischen Soldaten gewesen, erzählt Shaul. "Und wie lässt du jemanden deine Anwesenheit spüren?", fragt er. "Ganz einfach. Du gehst um vier Uhr morgens in ein palästinensisches Haus, schlägst die Tür ein, schießt in die Luft, reißt die Menschen aus dem Bett, drehst alles um." In Hebron zu dienen sei wie in einem Vakuum zu leben, sagt Shaul. "Am Ende wachst du auf und denkst dir: Das kann doch nicht sein. Was tue ich hier eigentlich?" Yehuda Shaul zog die Konsequenzen und gründete eine NGO, gleich nach dem Ende seines Wehrdienstes im Jahr 2004. "Shovrim Schtika" oder "Breaking the Silence" will "die Wirklichkeit der besetzten Gebiete ins Schaufenster stellen". Seine Aktivisten organisieren Touren durch Hebron, sammeln Fotos von Übergriffen und publizieren Interviews mit Soldaten zu ihren Erfahrungen in Hebron. "Israel ist ein Rechtsstaat. Aber in seinem Hinterhof, dem Westjordanland, gilt das Recht nicht mehr. Wir müssen uns fragen, wie viel davon eine demokratische Gesellschaft aushält", sagt Yehuda Shaul.

Was er meint, wenn er vom Hinterhof Israels spricht, versteht erst, wer in Hebron war. Israelis und Palästinenser verfügen über getrennte Straßen, getrennte Gehsteige. Verstöße ahndet eine Hundertschaft schwerbewaffneter Soldaten. Die Palästinenser nennen es Apartheid. Maschendrahtkäfige vor den Fenstern sollen vor den allgegenwärtigen Steinen schützen, die zwischen Siedlern und Arabern hin und her fliegen. Hashem al-Haze, ein palästinensischer Familienvater, wohnt direkt neben einer Siedlung im Stadtzentrum. In einem löchrigen Netz neben seinem Haus sammelt sich der Müll, den die darüber lebenden Siedler in seinen Garten werfen. Er erzählt, wie einer von ihnen seiner kleinen Tochter die Vorderzähne mit einem Stein ausschlug. Konfrontiert man David Wilder, Sprecher der jüdischen Gemeinde von Hebron, mit solchen Vorkommnissen, entgegnet er: "Wir haben das Recht auf Selbstverteidigung." Und erzählt, dass ein Siedler außerhalb von Hebron kürzlich von einigen Arabern mit Messern erstochen worden sei. Hass und Gewalt kommen von beiden Seiten. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Siedler im Gegensatz zu den Arabern unter dem Schutz des israelischen Militärs stehen. Dieses darf bei Übergriffen der Juden gegen Palästinenser nicht eingreifen. Der Familienvater reicht einen Becher Tee und legt eine CD-ROM in seinen alten Computer. Es ist ein Interview des israelischen Fernsehens mit einer Siedlerfrau, die entrückt lächelt. "Dieses Haus ist schon jüdisch", sagt sie und deutet nach vorne. Dann zeigt sie nach hinten und sagt: "Und dieses Haus wird bald jüdisch sein." Es folgen einige verwackelte Videos anderer Provenienz - in Bedrängnis gekommene Palästinenser haben sie mit Camcordern aufgezeichnet. In einem skandieren Siedler Parolen und rammen einen Holzpflock gegen eine Haustür, wieder und wieder. Dahinter hat sich eine palästinensische Familie verschanzt. Die israelischen Soldaten stehen daneben, untätig, die Arme über die Brüstung des Hauseingangs gelehnt. Und schauen weg.

Zusammenstöße vermeiden sie nur, indem sie Palästinenser von den Straßen Hebrons verbannen: "Tzir Stereeli", sterile Straße, würden die Soldaten einen Sektor nennen, der aus Sicherheitsgründen von Arabern nicht mehr betreten werden dürfe, sagt Shaul. Im Fall Hebron handelt es sich dabei um einen Gutteil des Stadtzentrums. Siedler dagegen dürfen sich in der ganzen Altstadt frei bewegen. "Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass man nicht die Siedler vor den Arabern, sondern die Araber vor den Siedlern beschützen muss", sagt Shaul. Als er sich einer jüdischen Siedlung nähert, wird er - samt Falter-Redakteur - von einigen Soldaten festgenommen. Die Anwesenheit neben einer Siedlung stelle eine Provokation dar, lautet die unwillig vorgebrachte Begründung. Dann beraten sich die Soldaten per Funk, was nun mit den Fremden zu tun sei. "In Hebron gibt es keinen Rechtsstaat", wiederholt Shaul. Er rückt seine Kippa zurecht und lächelt. Eine Stunde später werden die Eindringlinge per Militärjeep aus der besetzten Stadt gekarrt.

Israel ist eine Demokratie, also kann es Kritiker und Beobachter nicht ganz vom Westjordanland fernhalten. Aber es tut sein Bestes. Den Hinterhof des Landes sollen sie möglichst nicht zu Gesicht bekommen. Ganz anders in Sderot. Hier ist jeder willkommen, der erzählt, wie viel Leid und Verzweiflung die Qassam-Raketen verursachen. Cheryl Ben-Davids Telefonnummer findet sich im Internet, unter Qassam victims. Ein Hügel nahe ihrem Haus offenbart den Blick in eine Ebene. Die rechteckigen Silhouetten von Wohnblöcken verschwimmen im Mittelmeerdunst und der Wind verweht da und dort eine Rauchsäule. Das sei der Gazastreifen, sagt Ben-David. Und was er für Sderot bedeute, könne man im Hinterhof der städtischen Polizeistation sehen.

Dort stehen einige Polizeiwägen und rauchende Polizisten, aber der Blick fällt auf zwei stählerne Regalwände. Sie führen die Außenmauer des Gebäudes entlang. Hier liegen die eingesammelten Qassam-Raketen. Rund 4500 Stück gingen seit 2001 auf Sderot nieder. Hunderte von ihnen lagern hier, übereinandergestapelt und aneinandergereiht, allesamt beschriftet mit Zeit und Ort des Aufpralls, verrostet und zersplittert von der Wucht der Explosion. Etwa eineinhalb Meter sind sie lang, Schweißnähte zeugen von ihrer primitiven Machart. "Wir haben nicht Platz für alle. Es gibt ein Lager, wo noch viel mehr liegen", sagt eine Polizistin. Der Sprengstoff kommt aus dem Sudan, das Know-how der Bombenbauer aus Syrien und dem Iran, und durch Tunnels unter dem Grenzzaun zwischen Ägypten und Gaza werden die Raketen zu ihrem Zielort geschmuggelt. Er heißt Bait Hanun, liegt am Nordrand des Gazastreifens, gerade sechs Kilometer von Sderot entfernt. Von dort aus feuern die Qassam-Brigaden ihre Ladung auf die Kleinstadt. Wenn sie jemandem das Leben rauben, beginnen in Gaza die Jubelchöre der Hamas, die von den Nachrichtenagenturen in alle Welt übertragen werden. Die Bewohner von Sderot ziehen dann in die Hauptstadt Jerusalem, um vor der Knesset für die Wiederbesetzung von Gaza zu demonstrieren. "Kein Staat der Welt würde sich derart brutale Verletzungen seiner Souveränität gefallen lassen", kommentierten kürzlich die deutschsprachigen Israelnachrichten. "Das Klima der Angst macht jeden zum Hardliner", schrieb der deutsche Spiegel-Online.

Die Israelis haben eine Mauer gebaut, um palästinensische Selbstmordattentäter von Anschlägen auf vollbesetzte Busse in Tel Aviv abzuhalten. Sie haben das Westjordanland mit Militärstützpunkten und Checkpoints überzogen, an denen pendelnde Palästinenser Tag für Tag zum stundenlangen Warten vor Metalldetektoren und Ausweiskontrollstellen gezwungen werden. Die Israelis haben den Gazastreifen abgeschirmt und isoliert. Dies alles hindert die Hamas nicht daran, im beschaulichen Sderot Angst und Verzweiflung zu verbreiten. Dies alles hat das Problem der besetzten Gebiete nicht gelöst, lediglich ausgesperrt. Wie virulent es ist, zeigt das Beispiel Hebron. Wie ungelöst, das Beispiel Sderot. Die erste mögliche Lösung wäre, Israel und Palästina zu zwei voneinander unabhängigen Staaten zu machen. Dagegen spricht allerdings jene Viertelmillion jüdische Siedler, die sich zwischenzeitlich im Westjordanland niedergelassen haben. Die zweite mögliche Lösung wäre, Israel und Palästina einen gemeinsamen friedlichen Staat bilden zu lassen. Dagegen wiederum sprechen die hohen Geburtenraten der Palästinenser. In 20 Jahren, schätzt man, wird die Bevölkerungsmehrheit in Israel und Palästina kippen. Dann wären die Araber in der Mehrheit. Und Israel hätte seine ideelle Grundlage, das Judentum, verloren. "Ich weiß einfach keine Lösung", sagt Yehuda Shaul und nippt am Schwarztee, den ihm der arabische Familienvater in seinem Haus in Hebron aufgebrüht hat. "Ich will auch gar keine anbieten." Denn ihm gehe es nur darum, die Realität der territories aufzuzeigen. Nicht einmal für den Abzug der 800 Siedler aus Hebron setze er sich ein, lediglich für ein lebenswertes Miteinander von Israelis und Palästinensern. Einer seiner Kollegen, ein NGO-Aktivist aus Ramallah, sieht das Video, in dem die Siedlergruppe ins Haus der Palästinenserfamilie einzudringen versucht. Der Film reißt ab, und auf dem Band ist nicht mehr zu sehen, ob es ihnen gelungen ist oder nicht. "Wo bleibt jetzt das Happy End?", fragt der Aktivist. Yehuda Shaul antwortet zynisch und pathetisch: "It's not happy. I'm sorry. Probably there's something wrong here."

Erschienen im Falter 20/08

kostenloser Counter

Weblog counter

Montag, 5. Mai 2008

Allah und die Anderen

ISLAM Vier Neuerscheinungen zum Themenbereich Extremismus/Islam
beschäftigen sich mit Vorurteilen, dem Einfluss der Moderne auf
islamische Gesellschaften und der Affinität nicht nur dieser Religion
zur Gewalt.
JOSEPH GEPP

Manche Dinge sind einer kritischen und differenzierten Diskussion
eher abträglich. Die Anschläge vom 11. September 2001 bildeten den
Auftakt für eine neue Ära der weltpolitischen Unsicherheit. Es
folgten Kriege, Terroranschläge, imperiale Ambitionen von
Supermächten und wachsende Ambitionen von Schurkenstaaten - all das
machte die Einordnung der vergangenen Ereignisse in einen
religionswissenschaftlichen Kontext nicht gerade leichter. Der Islam
sei per se böse und gewaltbereiter als etwa Christen- oder Judentum,
heißt es von der einen Seite des Atlantiks. Die andere entgegnet: Der
Islam sei lediglich vorgeschobene Rechtfertigung der Terroristen und
habe als Religion ganz und gar nichts mit Krieg und Terror zu
schaffen. Es klingt klischeehaft, aber es lässt sich wohl nicht
anders sagen: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Gewiss: Im Gegensatz zu einem demokratischen System rechtfertigt
eine Religion - nicht nur der Islam, sondern die Religion an sich -
ihre Existenz mit mehr als nur der eigenen Notwendigkeit. Man lebt
und stirbt ja mehr oder weniger im Dienste Gottes. Und was Gott will,
ist recht breit interpretierbar. In diesem Sinn trägt also jede
Religion zumindest mehr Gewaltpotenzial in sich als etwa
westlich-liberale Gesellschaftssysteme. Aber berücksichtigt man nur
diesen Maßstab, dann hätte das Christentum mit Kreuzzügen und
Inquisition längst seine Existenzberechtigung verloren. Der Islam ist
weder Kriegs- noch Friedensreligion. Er besteht aus einer Vielzahl
von Strömungen, Richtungen, Denkweisen und Auslegungen. Ebenso wie
die anderen Weltreligionen. Wer also dem Islam gerecht werden will,
der sollte am besten die vergleichende Methode anwenden.

"Gewalt als Gottesdienst", die soeben erschienene Studie des
deutschen Religionswissenschaftlers Hans Kippenberg, untersucht aus
diesem Grund die Gewaltbereitschaft mehrerer Religionen seit der
Nachkriegszeit. Kippenberg geht dabei auf gewalttätige Auswüchse des
US-amerikanischen Protestantismus ebenso ein wie auf radikale
Schiiten im Iran und im Libanon oder den Fundamentalismus
zionistischer Siedler in den besetzten Gebieten Israels. Detailreich
und fundiert beschreibt er die wachsende Macht der iranischen
Ayatollahs nach der Revolution 1979 oder die pseudoreligiösen
Heilsbewegungen der amerikanischen Hippieära, die in blutigen
Massakern mündeten - beispielsweise 1993 in Waco, Texas, oder 1979 in
Jonestown im südamerikanischen Guayana. Er schildert, wie
evangelikale Anhänger der "Peoples Temple" - jene, die später in
Jonestown kollektiven Selbstmord begingen - in Kalifornien neue
Mitglieder warben. Dort hatten "viele der amerikanischen Kultur den
Rücken gekehrt" und "ideale Bedingungen für alternative
Gemeinschaften gefunden".

Man fühlt sich an die Kommune des Österreichers Otto Mühl
erinnert: Auch Flower-Power kann offenbar den Boden für
quasitotalitäre Strukturen schaffen. Kippenberg beschreibt nicht nur
an diesem Beispiel, wie gerade in der totalen Freiheit der
Radikalismus gedeiht. Im vorrevolutionären Iran dagegen hatte eine
überhastete Modernisierung der Bevölkerung ihren Zusammenhalt
geraubt, was den Spielraum des Fundamentalismus erweiterte: "In den
überbevölkerten Städten (des Iran, Anm.) waren es die religiösen
Netzwerke, die (...) willens waren, die Entwurzelten und Enttäuschten
aufzufangen."

Kippenberg durchsucht diese doch recht unterschiedlichen Phänomene
auf ihre Gemeinsamkeiten. Die Mudschaheddin im Afghanistankrieg
dienen ihm ebenso als Forschungsmaterial wie die manchmal religiös
legitimierten Entscheidungen in der neukonservativen US-Politik oder
erwähnte Zionisten und Evangelikale. Der gemeinsame Nenner dieser
Bewegungen ist Kippenberg zufolge der "Machtzuwachs religiöser
Vergemeinschaftung": Religion löst ihm zufolge staatliche Ordnungen
ab, die "in Krisen und Kriegen zerbrechen". Oder sie geben Halt in
Zeiten eines Wirtschaftssystems, das die "Individualisierung der
Risiken des Lebens" begünstigt.

Darüber kann man streiten. Genauso plausibel klingt jedenfalls die
Annahme, dass das Gewaltpotenzial in Gottes Namen immer gleich hoch
ist - und in gefestigten Gesellschaften genauso viel Schaden
anrichten kann wie in porösen. Das bestätigt beispielsweise ein Blick
auf die spanische Inquisition, die der Machtzementierung des
Königshauses diente und nicht Resultat eines bröckelnden Systems war
- ganz im Gegenteil. Aber die Lektüre von "Gewalt als Gottesdienst"
lohnt sich auch, wenn man Kippenbergs Hauptthese skeptisch
betrachtet: Das Buch vermittelt Hintergrundwissen und Zusammenhänge,
es ist ansprechend geschrieben und hervorragend recherchiert.

Eine andere Neuerscheinung zur Islamdebatte erfordert mehr
Überwindung bei der Lektüre: Wer sich in Youssef Courbages und
Emmanuel Todds Buch zur Bevölkerungsentwicklung in islamischen
Staaten, "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die
islamische Welt verändern", vertiefen will, braucht große Liebe zu
demografischen Tabellen und möglichst profundes einschlägiges
Vorwissen. Der syrische und der französische Historiker beschreiten
einen anderen Weg als Kippenberg: Nicht die wachsende Stärke
religiöser Gemeinschaft, sondern die Erkenntnis des eigenen
Anachronismus begründet ihnen zufolge die Gewalt des Islamismus.

"Einen Kampf der Kulturen wird es nicht geben", schreiben Courbage
und Todd, denn die Gewalt sei ein Auswuchs der "letzten Zuckungen
einer sterbenden Ideologie". Als Beleg für diese These dienen die
Geburtenraten im islamischen Raum: Sie liegen zwar weit auseinander:
zwischen 7,6 (im Niger) und 1,7 (in Aserbaidschan) Kindern pro Frau.
Doch alle haben eines gemeinsam: Seit etwa dreißig Jahren ist ein
drastischer Geburtenrückgang zu beobachten, der, so die Autoren, aus
einem sozialen Wandel resultiert, mit dem auch andere Veränderungen
einhergehen - Veränderungen, die den Werten des traditionellen Islam
oft entgegengesetzt sind, wie etwa die wachsende Emanzipation der
Frau.

Courbage und Todd postulieren eine Entwicklung, die - griffig
formuliert - "von der Alphabetisierung über die Verhütung zur
Revolution" führt. Das ist nachvollziehbar und schlüssig - und
dennoch: Mit wahrer Leidenschaft werden wohl nur studierte Demografen
"Die unaufhaltsame Revolution" verschlingen. Ein Wörterbuch mit
demografischen Fachausdrücken sei jedenfalls als Begleitlektüre
anempfohlen.

Viel näher am politischen Tagesgeschehen liegt "Der falsche Krieg"
von Olivier Roy. Fundiert und in journalistischer Manier erklärt der
französische Politikwissenschaftler die Gründe für den Irakkrieg, das
Scheitern der Demokratisierung im Gazastreifen, in Afghanistan und im
Irak und den Mythos von - wie Roy es bezeichnet - "Eurabia". Diese
Wortneuschöpfung aus "Europa" und "Arabien" ist Schlagwort für die
Islamisierung Europas. "In der Rede von Eurabia verbindet man die
Muslime Europas mit Konflikten im Ausland, die sie selbst indes gar
nicht beschäftigen", meint Roy - und zeichnet als Widerlegung der
Stereotype vom radikalislamischen Schläfer in Europas Städten ein
differenzierteres Bild der islamischen Gesellschaften. Darin geht er
auf nationale, regionale und konfessionelle Eigenheiten ebenso ein
wie auf die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien, das Clanwesen,
den arabischen Nationalismus oder - als dessen Gegenkonzept - den
Panislamismus. Alles, was in keinem Zeitungskommentar mehr Platz
findet und doch als Grundlagenwissen unentbehrlich ist -, es steht in
"Der falsche Krieg".

Von der Wissenschaft zur Populärwissenschaft: Der deutsche
Journalist Alfred Hackensberger hat ein "Lexikon der Islamirrtümer"
geschrieben. Die aufzuklärenden Irrtümer reichen von "Al Jazeera ist
ein islamistischer Sender" über "Die Beschneidung von Frauen ist eine
Tradition des Islam" bis zu "In islamischen Ländern gibt es keine
Prostitution". Die Auseinandersetzung mit ihnen soll laut
Verlagsinformation "Einblicke in die Vielfalt, Dynamik und Moderne
der muslimischen Welt geben und zeigen, warum der viel zitierte Kampf
der Kulturen eine Erfindung der westlichen Medien ist". Das ist gut
gemeint. Trotzdem: Bei der Mehrzahl der Beispiele handelt es sich um
so grundlegende Irrtümer, dass sich der Verdacht einschleicht, dass
jene Leute, die diese immer noch hegen, auch kein Interesse daran
haben, sie jemals aufzuklären. Wer beispielsweise den Unterschied
zwischen Muslimen und Arabern nicht kennt, sollte wohl besser eine
Einführung in den Islam lesen (zum Beispiel: Heinz Halm: "Der Islam.
Geschichte und Gegenwart", C.H. Beck Wissen), als gleich mit der
Aufklärung etwaiger Irrtümer zu beginnen. Denn um Grundlagen zu
erfassen, muss man ja nicht gleich ein Buch über Vorurteile lesen.

Youssef Courbage/Emmanuel Todd: Die unaufhaltsame Revolution. Wie
die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Aus dem
Französischen von Enrico Heinemann. Piper, 218 S., € 17,40

Alfred Hackensberger: Lexikon der Islamirrtümer. Vorurteile,
Halbwahrheiten und Missverständnisse von Al-Qaida bis Zeitehe.
Eichborn, 273 S., € 20,60

Hans G. Kippenberg: Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im
Zeitalter der Globalisierung. C.H. Beck, 272 S., € 19,90

Olivier Roy: Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die
Irrtümer des Westens. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer.
Siedler, 188 S., € 20,60



Erschienen im Falter 11/08, Buchbeilage

kostenloser Counter

Weblog counter

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Bushtrommeln

Bei der US-Präsidentschaftswahl 2008 wird das Internet eine entscheidende Rolle spielen. Der Pfeil im Köcher der Republikaner: die Videoplattform QubeTV, das rechte Pendant zum angeblich linkslastigen YouTube.

Joseph Gepp

„Scheich von Starhemberg“ hat ein Video online gestellt. Sein „Islam Quiz“ besteht aus jeweils zwei Fotos und einer Frage und soll dem US-Bürger den Islam näherbringen – auf unzweideutige Weise: Einen Imam sieht man da zum Beispiel, der einen Koranschüler küsst, daneben den gefallenen Pop-Engel Michael Jackson und darunter den Schriftzug: „Mullah or pedophile?“ Dann den Koran und eine Rolle Klopapier: „Quran or Toilet Paper?“ Eine Moschee und einen Schweinestall: „Mosque or Hog House?“ Oder einen betenden Muslim und eine Pornofilmszene, in der die Stellung der Frau jener des Betenden ähnelt: „Praying or Bent Over?“ Hasspropaganda pur, komprimiert auf 52 Sekunden.

Politischer und religiöser Extremismus ist in westlichen Gesellschaften in der Regel eine Sache von Minderheiten. Das US-Onlineportal QubeTV hat ihn zum Mainstream geadelt. Amerikas Konservative, vor der Präsidentschaftswahl im November 2008 innenpolitisch unter Zugzwang und außenpolitisch durch den Irakkrieg in der Bredouille, bedienen sich zunehmend des Internets, um Wähler zu mobilisieren – mit den immergleichen Themen, die sich dann alle auf QubeTV wiederfinden: der Terrorismus als immanenter Bestandteil des Islam; das heroische Durchhaltevermögen der US-Soldaten im Nahen Osten; und der Dämon des Liberalismus, der die Bürger Amerikas verblendet, die Schöpfungstheorie an den Schulen bekämpft und dafür sorgt, dass immer mehr Latinos über die mexikanische Grenze kommen. Auch wenn vieles weit weniger radikal ist als das „Islam Quiz“ – ausgeprägtes Demokratiebewusstsein kann man den meisten Videomachern auf QubeTV nicht nachsagen.

Begonnen hat alles mit der konservativen Bloggerin und Politaktivistin Michelle Malkin. Eigenen Aussagen zufolge wurde ihr islamkritisches Video „First They Came“ gegen ihren Willen von der Internet-Videoplattform YouTube gelöscht. Der Fall wurde für Charles Gerow, einst Berater der republikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior, zum Anlass, eine neue Plattform zu gründen. Seine PR-Agentur Quantum Communications mit Sitz im US-Bundesstaat Pennsylvania erledigte den technischen Part. Anfang des Jahres ging QubeTV ans Netz – mit „First They Came“ auf der Hauptseite, versehen mit der Aufschrift „Banned by YouTube“ und einer Botschaft: QubeTV solle von nun an das konservative Pendant zum angeblich linkslastigen YouTube bilden.

Im Vergleich mit dem „Islam Quiz“ ist „First They Came“ eine intellektuelle Glanzleistung: Ein Zusammenschnitt von Bildern zeigt eine Reihe von Personen, die von islamischen Extremisten umgebracht oder mit dem Tod bedroht wurden. Die Palette reicht vom ermordeten niederländischen Filmemacher Theo van Gogh über den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq bis zu dessen britischem Kollegen Salman Rushdie. Dazwischen sorgen Bilder von Hamas-Mitgliedern aus Palästina und brennenden dänischen Flaggen – Aufnahmen, die nach dem Karikaturenstreit entstanden – für jene Stimmung, die die Produzentin erzeugen will.

Was die Geschichte von der Zensur unglaubwürdig macht: „First They Came“ findet sich heute Dutzende Male auch auf YouTube, jeweils versehen mit dem markigen Satz „Originally banned by YouTube“. Ein Sprecher von YouTube, das dem Webgiganten Google gehört, reagierte auf die Zensurvorwürfe kurz angebunden: „Unabhängig von jeder Weltanschauung bieten wir allen die Möglichkeit, auf unserer Plattform zu publizieren.“ Tatsächlich finden sich viele QubeTV-Videos auch auf YouTube.

Für Aufsehen sorgte ein Folksong, den ein im Irak stationierter US-Soldat 2006 im abendlichen Truppenlager zum Besten gegeben hatte. In beschwingtem Ton, nur begleitet von seiner Gitarre, macht er sich in „Hadji Girl“ darüber lustig, dass er die Familie eines irakischen Mädchens mit seinem M-16-Sturmgewehr aus Notwehr erschießt. Ein Mitschnitt des Auftritts erschien kurz danach auf YouTube und löste eine Welle der Empörung aus: Mehrere Nachrichtenagenturen berichteten über den Fall, der Soldat musste sich entschuldigen. Kurz danach gab es das Video auch auf QubeTV – mit durchwegs positiven Userkommentaren.

„Bei der Präsidentschaftswahl 2008 werden benutzergenerierte Videos eine wichtige Rolle spielen“, sagte QubeTV-Gründer Gerow dem Nachrichtensender ABC, „und es gibt viele konservative Aktivisten, die – bewaffnet mit Handys und Camcordern – den nächsten schlechten Scherz John Kerrys mit Freuden aufzeichnen und publizieren werden.“ Gerows Prognose hat sich als richtig erwiesen: Ende Juli brachte CNN eine Diskussion mit den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, die Fragen dafür waren von US-Bürgern auf YouTube gepostet worden. Kommentatoren sprachen von einer neuen Form der politischen Partizipation, wenn Wähler derart direkt Politiker mit ihren Problemen konfrontieren.

Millionen folgten der Diskussion – YouTube ist heute mit angeblich 20 Millionen täglichen Usern nach Google, Yahoo und der Microsoft-Website die meistbesuchte Seite der Welt. Von einer solchen Breitenwirkung kann QubeTV freilich nur träumen. Angaben zu den Userzahlen macht man vorsorglich nicht.

Erschienen im Datum 11/07

kostenloser Counter

Weblog counter

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Novel Dewasa | Cerita...
very interesting article and contain useful information....
novelhot - 28. Jan, 01:22
Very nice blog, it contains...
Very nice blog, it contains lot of informations. Articles...
Cerita Sex (Gast) - 13. Okt, 21:29
Kisah Sex Nyata | Cerita...
Cerita Dewasa, Cerita Sex, Cerita Mesum, Cerita Bokep,...
Cerita Dewasa (Gast) - 13. Okt, 21:24
Prediksi Togel | Bocoran...
Prediksi Togel Hari Ini | Keluaran Angka Jitu | Ramalan...
Togel Hari Ini (Gast) - 13. Okt, 21:19
Obat Aborsi | Cara Menggugurkan...
Meskipun obat aborsi saja juga dapat digunakan untuk...
Jual Obat Aborsi (Gast) - 6. Okt, 14:58

Links

Suche

 

Status

Online seit 3605 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:22

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB


Bücher
Das Rote Wien
Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien
Entwicklungsländer
Kurioses
Medien
Osteuropa
Religion
Sonstiges
Weltpolitik
Wien
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren