Sonstiges

Freitag, 25. Februar 2011

In eigener Sache

Nach mittlerweile 1249 Tagen online übersiedelt dieser Blog auf:

http://geppbloggt.com/

Also: Bitte umändern!

josephgepp.twoday.net wird nicht mehr aktualisiert und nach einiger Zeit vom Netz genommen

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Mittwoch, 23. Februar 2011

"Seit wann kommt Mozzarella aus Österreich, Herr Schöttl?“

Werbung Nachfragekolumne

Französischer Brie, griechischer Feta, italienischer Mozzarella - früher war es schick, wenn Käse aus dem Ausland kam. Immerhin sagt man einer Spezialität, die mit einem bestimmten Land assoziiert wird, Authentizität nach. Heute jedoch scheinen die vermeintlichen Vorzüge heimischer Produktion mehr zu zählen als der Reiz der weiten Welt. Zumindest für das oberösterreichische Unternehmen Berglandmilch, besser bekannt als Schärdinger, das den "einzigen österreichischen Mozzarella“ im Lebensmittelhandel anbietet.

Wollen die Leute denn den Ösi-Mozzarella? Die ersten Reaktionen seien sehr positiv, antwortet Berglandmilch-Marketingchef Ulfried Schöttl. "Nach dem Motto: Endlich auch ein österreichischer Mozzarella.“

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Schärdinger bürgert den Mozzarella ein
(Foto: Berglandmilch)

Deshalb bietet Berglandmilch inzwischen ein zweites Produkt derselben Art an: ein Pendant zu Parmesan oder Grana, das unter dem Namen "Pastakäse“ firmiert. Warum streicht man solcherart die heimische Herkunft hervor, statt zum Beispiel Bioproduktion oder schonende Tierhaltung zu betonen? "Österreichische Herkunft impliziert schon diese Werte“, sagt Schöttl. "Die Menschen vertrauen dadurch in die natürliche, tierfreundliche Herstellung.“ Und abgesehen davon: Jene Mozzarellas im Supermarkt, deren Verpackungen italienische Herkunft suggerieren würden, kämen tatsächlich auch meistens von deutschen Produzenten.

Hätte die starke Betonung der Herkunft früher auch schon funktioniert? "Wohl nicht so stark“, sagt Ulfried Schöttl. "Es gab damals schon einen Mozzarella von Schärdinger. Allerdings hat man voll auf eine italienische Herkunftsanmutung gesetzt.“ Das Produkt hieß "Carlo Mozzetti“ und trug den Hinweis "nach italienischer Art“. Und das, sagt Schöttl, "obwohl Milch und Produktion damals auch österreichisch waren“.

Erschienen im Falter 8/2011

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Mittwoch, 9. Februar 2011

Längst leakt nicht nur, was Wikileaks leaken lässt

Worte

Der terminologische Zeitgeist steht Kopf: Neuerdings ist alles, was aus der internen Korrespondenz von Politik und Wirtschaft nach draußen dringt, geleakt. Die Palästinenser leaken, die Hypo leakt, der Fall Grasser leakt sowieso wie ein rostzerfressener Blechkübel. Noch vor kurzem leakte nur, was Wikileaks leaken ließ. Jetzt leakt alles. Das Verb hat sich verselbstständigt und zu anderen grammatikalischen Mutanten gesellt, bei denen das Wort englisch und sein Aufbau deutsch ist. Haben Sie das gecheckt, liebe Leser? Oder canceln wir die Glosse lieber und pushen ein anderes Thema an? "To leak“ heißt bekanntlich "ausrinnen“. Und wenn immer alles leakt, werden erstens aus Sturzbächen Rinnsale. Und zweitens müssen wir gerüstet sein, sobald ein neuer englischer Begriff ins Deutsche einzieht: Garantiert leakproof!

Erschienen im Falter 6/11

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Mittwoch, 2. Februar 2011

Drei Herren vom Heer

Seit 30 Generationen kämpft sich die Militärdynastie Ségur-Cabanac durch Europas Geschichte. Wie eine Offiziersfamilie den Umbruch im Bundesheer erlebt

Familienporträt: Stefan Apfl und Joseph Gepp

"Ich würde unsere Geschichte im Jahr 876 beginnen lassen“, sagt Christian Ségur-Cabanac. 876, das ist exakt 400 Jahre nach dem Untergang des Weströmischen Reichs und 100, bevor ein Landstrich in Ostbayern den Namen Ostarrichi erhält. In diesem Jahr wird nahe Bordeaux eine Familie Ségur erwähnt. Der Name komme wohl vom lateinischen sekurus, erklärt der Nachfahre, "der Sicherheit Gebende“.

Über Jahrhunderte stellt die Dynastie Politiker und Kardinäle, aber vor allem Militärs. Lew Tolstoi verewigt einen napoleonischen General Ségur in seinem Roman "Krieg und Frieden“. 30 Generationen lang verzweigen sich die Äste des Adelsgeschlechts, von denen einige heiratsbedingt den Namenszusatz "Cabanac“ annehmen, im Gestrüpp europäischer Geschichten. Sie dienen den französischen Bourbonen und den Habsburgern. Sie dienen der Ersten Republik und dem "Dritten Reich“. Und sie dienen schließlich dem Bundesheer der Zweiten Republik.

Vergangener Mittwoch, 14 Uhr, Roßauer Kaserne, vierter Stock. Zigarrengeruch dringt durch die geöffnete Bürotür. Mit einem Grüß Gott begrüßt Generalleutnant Ségur-Cabanac, 62 Jahre, seine Gäste, auf die er nicht zugeht, sondern vielmehr aufrechten Gangs und in voller Montur zuschreitet. Seit wenigen Stunden ist er Vizechef des Generalstabs und damit zweithöchster Militär im Land. Doch ging keine der üblichen Paraden mit der Ernennung einher. Die Umstände sind nicht danach. Generalstabschef Edmund Entacher, Ségurs Vorgesetzter, wurde zwei Tage zuvor von Verteidigungsminister Norbert Darabos geschasst, weil er die mögliche Abschaffung der Wehrpflicht kritisiert hatte. Sein Stellvertreter Othmar Commenda rückte interimistisch nach und hinter ihm Christian Ségur-Cabanac.

Mitbegründer des Bundesheers

Seit sich Österreich nach dem Staatsvertrag 1955 ein neues Heer verordnet hat, spielt die Familie von Christian Ségur-Cabanac darin eine tragende Rolle. Sein Vater, heute sterbenskrank, war einer der Mitbegründer der Republiksarmee. Christians Bruder René ist als Vizechef der Landesverteidigungsakademie einer der führenden Heeresintellektuellen. Christians Sohn Philipp schließlich, 35, wird als Offizier mit jener Zukunft konfrontiert sein, die Vater und Onkel in leitenden Positionen gestalten.

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"Es wird nie eine militärlose Gesellschaft geben“: Vater
Christian (links), Onkel René und Sohn Philipp Ségur-Cabanac

Foto von Hans Hochstöger

Wer die aktuellen Querelen rund um das Heer verstehen will, wer über die Tagespolitik hinaus Antworten sucht auf das Verhältnis zwischen Soldat und Staat, zwischen Armee und Gemeinwesen - der könnte kaum bessere Ansprechpartner finden als die Mitglieder der Militärdynastie Ségur-Cabanac.

Über dem weitläufigen Generalsbüro residiert Darabos, ein Sozialdemokrat und ehemaliger Zivildiener. Ségur-Canabac dagegen, überzeugter Katholik und ÖVP-nah, ist ein General wie aus einem Historienfilm - die Statur von Tito, die Brille von Breschnew. In einem gerahmten Brief an der Wand bedanken sich George W. Bush und Gattin ("Laura and I“), für den Einsatz während eines Staatsbesuchs. Daneben zeigt ein Foto Ségur-Cabanac mit Papst Benedikt XVI.

In Heereskreisen gilt Ségur als einer, hinter dessen adelig-altbackener Fassade sich eine offene Persönlichkeit verbirgt. Der Grüne Peter Pilz, der mit ihm manchen Streit ausgefochten hat, nennt ihn einen "hochqualifizierten, kompetenten Militär“. Zum aktuellen Politstreit, sagt Ségur, könne er kaum Stellung nehmen, "ich bitte zu verstehen“. Über alles andere spreche er gerne.

"Treue zum jeweiligen Souverän“, so formuliert es der General, war stets der Leitgedanke der einstigen Grafendynastie. August François, erster Ségur in Österreich, floh 1793 vor den Revolutionswirren aus Frankreich und wurde Offizier in Wien. Ein Jahrhundert lang befehligten seine Nachkommen Soldaten "zwischen Südtirol und der Bukowina“. 1918 geht der Souverän vom Kaiser an das Volk über, wie viele Adelige schließen sich auch die Ségurs den Christlichsozialen an. August Ségur-Cabanac, Christians Großvater, wird Finanzminister unter dem Prälatenkanzler Ignaz Seipel.

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Aus dem Familienarchiv: Kaiser Ferdinand I. bedankt sich für
die Treue
Foto von Hans Hochstöger


Von Hitler missbraucht
Nach dessen Tod rückt 1941 August Junior, Christians Vater, 16-jährig in Hitlers Wehrmacht ein. Er kämpft und wird verwundet. "Missbraucht“ habe sich der Vater dabei gefühlt und nie viel darüber erzählt - doch auch er hielt Treue zum Souverän. 18 Jahre später, 1956, sichert derselbe August mit einer unerfahrenen Truppe die Grenzen der jungen Republik Österreich, als in Ungarn sowjetische Panzer den Volksaufstand überrollen. Spätestens mit diesem allseits gelobten Einsatz ist die Familie ins republikanische Zeitalter übergetreten.

Der kleine Christian ist zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt, er wächst in einer zerstörten, von alliierten Truppen besetzten Stadt auf - und wird zur ersten Generation seit Jahrhunderten gehören, die keinen Krieg miterlebt.

Seine Erziehung sei durch einen gelebten, tiefen Glauben geprägt gewesen, erzählt er. Traditionsbewusstsein und ein Stolz auf die "doch etwas exklusive Genealogie“ habe er ebenso "mit der Muttermilch aufgesogen“, wie ein "besonderes Treue- und Abhängigkeitsverhältnis zum Staat“. In seinem Verantwortungsgefühl ist der republikanische General ganz und gar Adliger geblieben: Er spricht darüber wie über eine Erbpflicht.

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Das Familienwappen, goldgerahmt im Hause der Ségur-Cabanacs
Foto von Hans Hochstöger

Als er aber im Jahr 1967 maturiert, wirken solche Ideale gestrig. Im Audimax der Universität Wien scheißen Aktionisten auf die Tische, während Christian Ségur-Cabanac in der Panzertruppenschule Zwölfaxing ein freiwilliges Jahr antritt. Im Rückblick ist es jener Moment, in dem zwei bislang deckungsgleiche Linien - jene der Ségur-Cabanacs und jene der Gesellschaft, deren Schutz sie sich verschrieben haben - auseinanderstreben.

Die "immerwährende Neutralität“ Österreichs ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in der Pubertät. Die Welt ist in Gut und Böse geteilt - die Blockgrenze entspricht der Ostgrenze Österreichs. Kriege, kalt oder heiß, so nimmt man selbstverständlich an, finden zwischen Staatssystemen statt. In den Truppenschulen beschwört man die Gefahr einer Panzerinvasion aus dem Osten. Die Konsequenz ist das "Vollspektrummilitär“ mit seiner "umfassenden Landesverteidigung“. Dieses Konzept bedingt alle gängigen Truppenteile, Panzer und Gebirgsjäger, Pioniere und Infanteristen, Fallschirmjäger und Flugzeuge. Dass die Bedrohung real und das Heer deshalb notwendig ist, liegt auf der Hand.

Es ist die Zeit, in der Christians jüngerer Bruder René seine Karriere in der Armee aufnimmt. 1975, erzählt er, sei noch das Kennedy’sche Diktum gültig gewesen: Frag nicht, was dein Staat für dich tun kann, frag, was du für deinen Staat tun kannst. Heute, 30 Jahre später, habe sich das Verhältnis umgekehrt. Friede, Stabilität, Prosperität - aus Errungenschaften wurden Selbstverständlichkeiten. "Die Dinge selbst haben nicht an Wert verloren“, meint René Ségur-Cabanac. "Verändert hat sich nur der Wert, der ihnen beigemessen wird.“

Er sagt das nicht im jammernden Ton des Konservativen, der alle Veränderung als Irrweg abtut. Als stellvertretender Leiter der Landesverteidigungsakademie verkörpert er schließlich das Hirn der Armee. Er leitet die Impulse der Modernisierung durch den Heereskörper.

Neun Zacken und zwei Löwen

Wie sein Bruder Christian trägt auch er den blauen Siegelring - eine neunzackige Krone und zwei Löwen -, den jeder und jede Ségur am 18. Geburtstag erhält. Sein Büro in der Stiftskaserne im siebten Bezirk wirkt im Vergleich zum brüderlichen funktionaler, er selbst trägt anstatt der Montur ein einfaches Hemd. Bloß das gleiche Foto, das ihren Vater 1957 an der Spitze einer Parade vor dem Parlament zeigt, hängt in beiden Arbeitsräumen.

segurs_ringe
Jeder und jede Ségur erhält am 18. Geburtstag den Siegelring
der Familie

Foto von Hans Hochstöger

Die Individualisierung habe das Verhältnis zum Militär verändert, sagt Ségur. Verändert hätten sich auch die geostrategischen Rahmenbedingungen - der Fall der Mauer und Österreichs EU-Beitritt verlangten neue Verteidigungskonzepte. Ökonomisch und gesellschaftlich, vor allem sicherheitspolitisch sei Österreich längst in etwas Größerem aufgegangen. Keiner spricht noch über die Notwendigkeit eines Vollspektrummilitärs. "Wir sind Teil von europäischen Netzwerken“, sagt René Ségur-Cabanac - und meint damit den Luftraum, die Pipelines, das Straßennetz. "Unsere Aufgabe ist es, unseren Teil davon zu schützen.“ Das Operationsfeld hat sich europäisiert, ja globalisiert. Aus der Armee eines neutralen Kleinstaates im bipolaren Nachkriegseuropa wurde ein Partner auf internationaler Ebene. In Bosnien-Herzegowina etwa stellt Österreich heute das größte ausländische Militärkontingent, im Kosovo das zweitgrößte.

Soldat? Sicherheitsdienstleister!
Dorthin, in den Kosovo, rückte Philipp Ségur-Cabanac 1999 ein, Christians heute 35-jähriger Sohn. Es war eine Mission neuen Typs, die Österreicher organisierten die Flüchtlingshilfe. Trotz der Familientradition sei er nicht ins Heer gedrängt worden, sagt Philipp. Stattdessen habe er Technische Mathematik studiert und überlegt, in die Forschung zu gehen, "um am Ende doch Offizier zu werden“.

Philipp, vom Dienstrang Major, sitzt in Zivil in einem Café am Rochusmarkt und trinkt gespritzten Apfelsaft. Seine Frau ist Anwältin, nicht Hausfrau wie die seines Vaters. Auf Nachfrage erzählt er zwar vom "Dienst an der Gemeinschaft“ und "soldatischen Werten“. Ansonsten aber klingt er einfach wie jemand, der einem modernen und hochqualifizierten Job nachgeht. Der beschworene Wandel vom Soldaten mit Standesehre zum akademischen Sicherheitsdienstleister, er scheint sich zwischen Vater Christian und Sohn Philipp bereits vollzogen zu haben.

Spezialisierung sei Grundvoraussetzung einer modernen Armee, sagt der junge Ségur. Man brauche Logistiker zur Transportoptimierung, Betriebswirte zur Einsatzkostenkalkulation, Informatiker für den cyber warfare. Dafür benötige man "Breite im Denken und kulturelle Intelligenz“.

Die internationale Aufgabenteilung, sagt Philipp, habe eine "Spezialisierung und Akademisierung“ zur Folge. Und weil sich jeder Einzelstaat das volle Spektrum hochspezialisierter Truppenteile schlicht nicht leisten könne, sei eine gemeinsame europäische Armee "langfristig unumgänglich“.

Und das Streitthema Wehrpflicht? Dazu äußern sich die drei Ségur-Cabanacs nicht. Einzig ihr Unbehagen über die aktuelle Diskussion drücken sie, zumindest verklausuliert, aus - über die Rolle der Krone, die Oberflächlichkeit der Debatte und parteipolitische Ränkespiele, die den Blick auf Sachverhalte verstellen.

Hinter dem Streit zwischen Anhängern von Wehrpflicht und Berufsheer verbirgt sich die Frage nach der Zukunft des Militärs: Wird es mit Allroundern oder Spezialisten bestückt? Werden sie Kämpfer oder Sicherheitsdienstleister sein? National oder international ausgerichtet? Wird sich das nationale Vollspektrummilitär, mit dem Christian Ségur-Cabanac aufgewachsen ist, seinen Weg bahnen? Oder wird das Heer in Zukunft ein Konglomerat an Projektgruppen für internationale Einsätze sein, wie in Philipp Ségur-Cabanacs Berufsalltag?

Momentan befindet sich das Heer jedenfalls in einer Zeit des Übergangs - das Alte ist weg, das Neue noch nicht da. Die nationale Armee alten Typs wirkt kraftlos und anachronistisch. Und die battle groups eines vereinten Europas stehen erst am Anfang. Darüber ist der so lange unhinterfragte Zweck der militärischen Landesverteidigung fraglich geworden.

"Schau Mama, ein Polizist!“
Das "Sozialprestige“ des Militärs habe gelitten, sagt der General Christian Ségur-Cabanac in seinem Büro. Unlängst, erzählt er, habe ein Kind in der Straßenbahn auf ihn gezeigt und gesagt: "Schau Mama, ein Polizist!“ - "Ich habe ganz ernst geantwortet: ‚Ich bin ein Soldat‘“.

Eine militärlose Gesellschaft, sagt er, könne nicht funktionieren. Als Ultima Ratio eines Staates werde man eine Armee immer brauchen - wenn sich mit dem Lauf der Zeit auch ihre Form verändern mag. Als der Ostblock zusammenbrach, da haben die Ségur-Cabanacs ebenso wenig an ein Ende der Geschichte geglaubt wie am Tag, als erstmals ein Zivildiener das Verteidigungsministerium übernahm.

Vielleicht geht es der Gesellschaft derzeit einfach zu gut? "Wie meinte schon Prinz Eugen“, hebt Christian Ségur-Cabanac an: "Sie schreien nach uns um Hilfe, wenn ihnen das Wasser in das Maul rinnt. Und wünschen uns vom Hals, kaum als einen Augenblick dasselbige entwichen.“

Erschienen im Falter 5/2011

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Mittwoch, 19. Januar 2011

"Karl-Heinz hat nichts falsch gemacht"

Die Kabarettisten Maurer, Palfrader und Scheuba über Narren als Protestfiguren und wütende Spaßbürger

Gespräch: Stefan Apfl, Joseph Gepp

Ende, der Saal tobt. Montag, 21.30 Uhr. Mehr als tausend Zuhörer haben sich den "Vortrag über die Realverfassung“, die Verlesung der Abhörprotokolle von Walter Meischbergers Telefonaten, im Audimax angehört. Noch einmal so viele mussten aus Platznot wieder umkehren. Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer haben in den vergangenen neunzig Minuten selbst viel gelacht; über die Einfältigkeit Walter Meischbergers, über die Ratschläge Karl-Heinz Grassers und die Hemdsärmeligkeit Ernst Karl Plechs. Gerade haben die drei Kabarettisten den zum Bersten vollen Saal verlassen und im Backstage-Raum Platz genommen.

Falter: Was war das gerade? Eine Kabarettvorstellung, eine Lesung oder eine Demo?

Robert Palfrader: Das war definitiv eine Vorlesung. Wir waren Vortragende, worauf ich stolz bin.

Thomas Maurer: Ich war mir ein bisschen unsicher, ob ich nicht noch die Studienberechtigungsprüfung nachmachen hätte sollen, um an der Uni zu sprechen. Aber sie haben mich dann auch so reinlassen.

Florian Scheuba: Die Veranstaltung fand ja im Rahmen einer Uni-Vorlesung statt. Ich würde daher sagen, es war ein Informationsabend für Interessierte.

kabarett
"Wir sind Teil einer gesamtgesellschaftlichen Hefe - und
gestalten sie teilweise mit“: Robert Palfrader, Florian
Scheuba, Thomas Maurer im Audimax

Foto: Heribert Corn

Die Skandale rund um Grasser sind schwer zu kommunizieren. Es gibt unzählige Protagonisten und Verflechtungen. Warum lockt die sperrige Materie dennoch tausende Interessierte an?

Maurer: Ich vermute, dass der beste, bestangezogene und bestgeföhnte Finanzminister der letzten Dekaden einfach ungebrochen populär ist.

Palfrader: Vielleicht erhoffen sich die Leute, dass Irrtümer endlich aufgeklärt werden. Sie glauben noch immer ans Gute im Menschen. Am Ende sehen wir dann, dass Karl-Heinz wirklich nichts falsch gemacht hat.

Scheuba: Geradezu schulbuchmäßig hat er sich verhalten. Fragt sich nur, welches Fach es war.

Maurer: Nur ein einziges Problem hat er nicht bedacht: Wenn das Geld einer Stiftung gehört, die wieder einer Stiftung gehört - dann gibt es doch Brösel beim Bankomaten!

Unter normalen Umständen eignen sich Polizeiprotokolle nicht gerade zum Massenamüsement. Hier schon.


Scheuba: Ich schätze, weil viele vermeintlich komplizierte Dinge heruntergebrochen werden und als nachvollziehbare menschliche Regungen enden. Walter Meischberger, so zeigen die Protokolle, ist ja vom Sachverhalt mindestens genauso überfordert wie der Zeitungsleser. Man muss als Konsument kein schlechtes Gewissen haben, wenn man den Überblick verliert. Es geht den Beteiligten auch so.

Maurer: Nur kann Meischberger seinen väterlichen Freund Ernst Karl Plech anrufen, und wir nicht.

In den 90er-Jahren hieß es, das politische Kabarett sei tot oder zumindest eingeschlafen. Heute ist es nicht nur allgegenwärtig - die Kabarettisten haben es auch ziemlich leicht, weil sie Texte nicht einmal mehr erfinden müssen. Immer öfter arbeiten sie einfach mit Originalzitaten. Gibt es ein neues realpolitisches Kabarett?

Scheuba: Es gibt schon noch einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. Aber definitiv übernimmt das Kabarett eine Art Gegenöffentlichkeit. Gewisse Dinge können Kabarettisten leichter thematisieren als zum Beispiel Medien, weil das rechtliche oder wirtschaftliche Folgen für sie hätte. Uns hingegen lässt die Narrenfreiheit viel Spielraum ...

Maurer: … und wir können Dingen, die uns sauer aufstoßen, eher nachgehen.

Palfrader: Wobei ich die Auswirkungen für überschaubar halte. Wenn’s darum geht, welche gesellschaftlichen Folgen unser Handeln hat, sage ich: definitiv keine.

Scheuba: Ich bin nicht ganz dieser Meinung. Immerhin können wir Stimmungen beeinflussen. Haftbefehle wird es aufgrund unserer Programme natürlich keine geben. Aber manche Sachen bleiben einfach hängen. Die Leute denken: "Wahnsinn! So etwas ist möglich!“ Das ist besser als gar nichts.

Palfrader: Florian Scheuba und ich debattieren oft über dieses Thema.

Maurer: Man ist als Kabarettist halt Teil einer gesamtgesellschaftlichen Hefe - und gestaltet sie teilweise mit.

In Österreich heißt Korruption Lobbyismus. Die Justiz funktioniert ebenso schleppend wie die öffentliche Debatte. Wandert der politische Diskurs deshalb in die Nische der Kabarettbühne?


Maurer: Lobbyismus scheint mir mittlerweile überhaupt die dominierende Form der westlichen Demokratie zu sein - das ist kein spezifisch österreichisches Problem. Und auch in den USA lehrt "South Park“ mehr über Demokratie als Fox News. Die Rolle von Kabarett und Humor ist hierzulande wahrscheinlich dieselbe wie überall sonst. Darüber hinaus ist es aber - wie momentan - sicher günstig für Satire, wenn das Vertrauen ins reibungslose Funktionieren des Systems auf breiter Basis erschüttert ist. Vielleicht ist das politische Kabarett in den 90er-Jahren ja deshalb darniedergelegen. Im Vergleich zu heute waren die Zeiten fad und geordnet.

Vor drei Monaten rief der US-Komiker Jon Stewart zu einer Demonstration zur Wiederherstellung der Vernunft in Washington, D.C. auf. Hunderttausende kamen.

Maurer: So viel Einfluss sehe ich bei uns drei noch nicht ganz.

Wird der Narr zur Protestfigur mit hohem Mobilisierungspotenzial?


Palfrader: Einflussreiche Spaßmacher wie Stewart gibt’s auch in Italien und Frankreich.

Scheuba: Wir dagegen sind eher privat an Politik interessiert - und haben das Privileg, dies beruflich umzusetzen.

Palfrader: Sonst würden wir regelmäßig nach London fliegen, uns in den Speaker’s Corner im Hyde Park stellen und den Menschen erzählen, wie es wirklich ist.

Maurer: Im vorliegenden Fall dienen wir als Vehikel zur Erzeugung von möglichst viel Aufmerksamkeit. Ist doch gut. Man kann seine Popularität ja nicht immer nur dafür verwenden, dass man im Lokal den besten Tisch bekommt.

In Österreich witzelt man zunehmend über Themen mit großem Empörungspotenzial. Ist der deutsche oder griechische Wutbürger, von dem momentan so viel die Rede ist, in Österreich ein Spaßbürger?

Scheuba: Vielleicht ist er wütender Spaßbürger. Beim Stück "Unschuldsvermutung“ im Rabenhof erleben wir zum Beispiel immer wieder Zwischenrufe à la "Wahnsinn!“ oder "Frechheit!“.

Palfrader: Und bei manchen Passagen im Stück wird es so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Maurer: Wobei durch die Auswahl der Originalzitate eine inhaltliche Verdichtung einsetzt, die die realen Geschehnisse noch aberwitziger erscheinen lässt. Wie auch bei Grasser.

Scheuba: Was politisches Kabarett betrifft, sind wir bis zu einem gewissen Grad sicher auch Chronisten. Informationen fließen und fließen, und irgendwann verliert man den Überblick über die ganzen Skandale und Missstände. Schließlich passiert genau das, was Akteure wollen: Gras wächst über die Sache. Dann aber kommen wir und mähen den Rasen. Das wirkt sich schon aus.

Maurer: Mittlerweile rückt zum Beispiel sogar die einflussreiche Kronen Zeitung von Grasser ab.

Was sagt es über die politische Kultur in Österreich aus, wenn etwa ein Auftritt von Heinz-Christian Strache bei "Wir sind Kaiser“ aussagekräftiger ist als jeder in ernsthaften TV-Formaten. Ist Humor die einzige Möglichkeit, um hinter der Phrasendrescherei noch die Wahrheit zu erblicken?


Maurer: Manchmal braucht es eben die grobe Klinge des kaiserlichen Schwertes. Wir leben schließlich in einem Land, in dem sich Haiders ehemaliger Anwalt und Justizminister Dieter Böhmdorfer allen Ernstes in den Club2 setzen und über Amoral in der Politik philosophieren kann. Und zwar als Debattant, und nicht zu Demonstrationszwecken als Präparat in Spiritus.

Scheuba: Es war unfassbar zu sehen, wie schmähstad der Strache bei "Wir sind Kaiser“ war. Kabarettisten können hier anders vorgehen als Journalisten. Auch ich mache manchmal Politikerinterviews. Dann gehe ich hin und weiß, dass ich nie wieder ein Interview mit dieser Person führen werde müssen.

Palfrader: Allerdings zeigt gerade das Beispiel Strache, wie wirkungslos politisches Kabarett eigentlich ist. Hätte der Auftritt irgendetwas bewirkt, dann wäre das Wahlergebnis für die FPÖ in Wien anders ausgefallen.

Scheuba: Es geht darum, dass Leute die Angst vor Strache verlieren, wenn sie zum Beispiel den Auftritt in "Wir sind Kaiser“ sehen.

Maurer: Wobei uns die Geschichte lehrt, dass auch lächerliche Menschen gefährlich sein können.

Scheuba: Trotzdem ist es wichtig, Dinge zu thematisieren und zu versuchen, die Akteure zu demaskieren. Kürzlich zum Beispiel wurde uns von einer interessanten Begebenheit berichtet: Ein Geschäftsmann, der in unseren Programmen immer wieder vorkommt, betrat ein Wiener Luxusrestaurant. Unter den Gästen regte sich bei seinem Anblick hörbarer Unmut - worauf er das Lokal wieder verließ.

Palfrader: Das ist immerhin ein Indiz dafür, dass nicht alles total wurscht ist.

Scheuba: Und auch Grasser steht heute ganz und gar nicht da wie vor drei Jahren.

audimax
Im Audimax: Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn ging gar
nichts mehr
(Corn)

Was genau war eigentlich der humoristische Mehrwert der heutigen Lesung? Der Inhalt an sich ist ja eher tragisch.

Scheuba: Das Absurde und die menschliche Überforderung sind wesentliche Punkte. Am Anfang vermutet man als Medienkonsument, dass Grassers Netzwerk genial ist und man vor raffinierten Gangstereien steht. Dann sieht man in den Protokollen, wie supernackt die selbst sind.

Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn die Leute demonstriert hätten, anstatt Ihnen im Audimax zuzuhören?


Maurer: Eine klassische Gute-Fee-Frage. Das kann man sich nicht aussuchen.

Palfrader: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich beides wollen. Erst sollen sie ins Audimax, dann demonstrieren. Vielleicht protestieren wenigstens die, die nicht hineingekommen sind.

Maurer: Glaube ich nicht. Die gehen stattdessen zum Meinl am Graben essen.

Es gibt einen Song der österreichischen Band Christoph und Lollo über jemanden mit dem Namen "Karl-Heinz“. Darin wird gefragt, wann er denn endlich in den Häf’n geht. Wann denn?


Palfrader: Never ever. Sicher niemals.

Scheuba: Fifty-fifty ist meine Einschätzung.

Maurer: Ich glaube, das wird davon abhängen, was in Zukunft noch alles über Grasser herauskommt. Aber Geld würde ich keines darauf setzen.

Zur Person

Thomas Maurer,
43, wurde bereits mit 24 Jahren mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Neben zahlreichen Soloprogrammen als Kabarettist arbeitet er auch als Theaterschauspieler und Drehbuchautor. thomasmaurer.at

Robert Palfrader,
42, gelang der Vorstoß an die Spitze der heimischen Comedyszene mit seiner K.u.k.-Talkshow "Wir sind Kaiser“. Schon zuvor hatte er bei "Die kranken Schwestern“ und "echt fett“ mitgearbeitet. robertpalfrader.com

Florian Scheuba,
45, war bereits mit 16 Jahren einer der Mitbegründer der Gruppe Die Hektiker. Seither hat er an zahlreichen Produktionen mitgewirkt, unter anderem an "Dorfers Donnerstalk“ und "Die 4 da“.
florianscheuba.at

Erschienen im Falter 3/11

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Sind Sie mit dem Urteil einverstanden, Herr Brennan?

Telefonkolumne

Der schwarze Sportlehrer Mike Brennan, 36, wurde im Februar 2009 von einem Zivilpolizisten in der U-Bahn-Station Spittelau mit einem Drogendealer verwechselt, niedergeschlagen und verletzt. Jetzt wurde der Beamte wegen fahrlässiger Körperverletzung noch nicht rechtskräftigzu 2800 Euro Geldstrafe verurteilt.

Herr Brennan, sind Sie mit dem Urteil einverstanden?


Nein, ich halte das Urteil für nicht gerecht. Zwar freue ich mich, dass wenigstens irgendetwas geschehen ist. Aber das scheint mir doch eine ziemlich kleine Strafe für ein großes Vergehen zu sein.

Was hätten Sie sich denn erwartet?

Eine Freiheitsstrafe, zwei Jahre vielleicht. Dieser Beamte hat mich angefallen, geschlagen und verletzt. Ich wollte mit ihm reden, aber er hat nicht reagiert. In seinen Augen war nur Verachtung für mich.

Immerhin gab es jetzt eine Verurteilung durch die Justiz. Anfänglich hieß es ja vonseiten der Polizei, Sie hätten in Ihren Aussagen "ein bisschen übertrieben“.

Ich habe nicht das Gefühl, dass es dem Beamten leidtut - oder sonst jemandem. Während des Prozesses vermied er Augenkontakt. Es war schockierend für mich zu sehen, dass er nicht den Eindruck machte, als wäre er sich irgendeines Fehlers bewusst.

Haben Sie bleibende Schäden von dem Vorfall?

Ich muss zur Physiotherapie wegen meines Rückens.

Hatten Sie davor oder danach jemals Probleme mit Rassismus?


Gar nicht. Ich bin vor vier Jahren aus Florida hierhergezogen und habe die Österreicher immer als offene Gesellschaft erlebt. Ich will auch jetzt weder der ganzen Polizei noch der Gesellschaft Schuld geben. Schlimm war nur, was dieser eine Beamte getan hat. Eine angemessene Konsequenz ist in meinen Augen ausgeblieben. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der Vorfall andere Menschen aufrüttelt.

Interview: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 3/11

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Donnerstag, 9. Dezember 2010

Lehrersprechtag

Österreichs Pisa-Ergebnisse sind ein Desaster. Nun soll eine Reform der Lehrerausbildung die Zukunft unserer Kinder retten: Bloß, was macht einen guten Lehrer eigentlich aus? Wir haben bei unseren Lieblingslehrern nachgefragt


trost
Irene Trost, 63, unterrichtete 42 Jahre lang Deutsch für die erste Leistungsgruppe der Hauptschule in Wolkersdorf, Niederösterreich. Sie ging 2002 in Pension
Foto von Heribert Corn


Von sich selbst Leistung verlangen, bevor man sie von Schülern erwartet

Zum letzten Mal sah ich meine Deutschlehrerin Irene Trost bei meinem Hauptschulabschluss 1996. Ich erlebte sie damals als jemanden, der gleichzeitig streng und wohlmeinend war - ein Grat, den nicht viele Lehrer meistern. Sie vermittelte Begeisterung und gebot zugleich jenen Respekt, der nötig ist, damit der Schüler auch lernt, was er nicht unbedingt lernen will. Daraus folgte, dass ich bei Trost ziemlich viel gelernt habe.

"Was einen guten Lehrer ausmacht? An erster Stelle Humor, eine Eselsgeduld, eine hohe Reizschwelle. Letztere braucht man, damit man sich nicht schnell provoziert fühlt. Und mit Humor soll man auf die vielen komischen Situationen in einem Klassenraum reagieren. Mit den Kindern zu lachen, manchmal auch über sich selbst, ist wichtig. Dafür muss man auch im Privatleben ausgeglichen sein. Man benötigt psychische Freiheit, darf nichts in die Schule mitnehmen. Ein guter Lehrer verlangt von sich selbst Leistung, bevor er sie von Schülern erwartet. Er setzt sich nicht blind durch, sondern zeigt: Ich arbeite für euch, ich helfe euch. Begeisterung stellt sich dann von alleine ein.

Ein guter Lehrer muss auch bereit sein, von jungen Kollegen zu lernen. Einmal zum Beispiel organisierte eine Hilfslehrerin an meiner Seite ein Spiel, bei dem Kinder an Stationen Aufgaben lösten - wir standen nur beratend zur Seite. Es hat toll funktioniert. Mir fällt als ältere Kollegin kein Zacken aus der Krone, wenn ich Jüngere Ideen verwirklichen lasse.

Freilich entscheiden auch äußere Umstände über den Erfolg. Zum Beispiel ist mir im Lauf der Jahre immer stärker die Veränderung von Familienverhältnissen aufgefallen. Eltern kommen abends nach Hause, sind nach der Arbeit fertig, ohne Nerv, sich bei ihren Kindern durchzusetzen. Als Lehrer steht man allein da. Zum Beispiel, wenn zum x-ten Mal die Hausübung fehlt, weil es den Eltern egal ist. Die Sorgen führen dazu, dass sich Kinder schlechter konzentrieren als früher. Dass sie nicht bereit sind, zum Unterricht beizutragen. In den 70ern gab es meinem Eindruck nach in einer 30-Personen-Klasse circa drei Problemfälle. Heute sind es sicher zehn.

Wenn ich vom Pisa-Test höre, frage ich mich, warum wir überhaupt daran teilnehmen. Wir lehnen Reformen ja doch ab. Ein Schulsystem wie in Finnland ist bei uns unerwünscht. Damit meine ich etwa die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Mit zehn soll man noch nicht selektieren; in dieser Zeit hängt das Wesen des Kindes noch ganz am Volksschullehrer. Der Abnabelungsprozess beginnt später, mit elf oder zwölf.

Freilich müsste man die gemeinsame Schule mit Investitionen aufwerten. Derzeit wird derselbe Lehrinhalt in immer weniger Stunden durchgedrückt. Zeit für Wiederholung und spielerische Aneignung fehlt. Diese Phasen müsste man in den Nachmittag verlegen. Dazu soll statt dem derzeitigen Durchfallen ein Kurssystem eingeführt werden - Schüler könnten dann fächerweise weiterkommen oder müssten Einheiten wiederholen. Didaktik und Methodik in der Lehrerausbildung müssten gestärkt werden. Wie zum Beispiel erklärt man Kindern den pythagoräischen Lehrsatz? Manche Lehrer wissen das, andere nicht. In der Klasse meiner Nichte zum Beispiel bekam kürzlich die Hälfte einen Fünfer auf die Physikschularbeit. Darauf wurde sie wiederholt - und noch mehr Leute flogen durch. Dann nahm die Nichte Nachhilfe. Und sagte nach zwei Stunden: ‚Jetzt hab ich’s verstanden.‘

Wenn ich Unterrichtsministerin wäre, würde ich ein Konklave einberufen. Politiker und Experten müssten beraten, bis alle Blockaden und parteipolitischen Gegensätze überwunden sind. Warum werden außerdem die Betroffenen nicht stärker einbezogen? Es gibt so viele blitzgescheite Schüler, die viel zu sagen hätten. Und warum spricht man nicht mit den Studenten über Bildung? Sie werden nur als Gfraster und arbeitsscheue Besetzer abgetan. In mancher Hinsicht ist diese eingefahrene Situation schon erschütternd.“

Aufgezeichnet von Joseph Gepp

Erschienen im Falter 49/2010

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Unsicherheitsfaktor: Ins friedliche Macondo kommt ein Gefängnis

Genauso schaffe man "Angst und Verunsicherung“, sagt Philippa Wotke. Die studierte Ökonomin, 40, leitete bis zur Schließung 2009 das Kardinal-König-Haus, ein Asylheim im Flüchtlingsdorf Macondo. In Macondo leben insgesamt 3000 Menschen aus 22 Ländern beieinander - bisher völlig friedlich und problemlos. Das Innenministerium verwandelt jetzt das König-Haus in ein Gefängnis für abzuschiebende Familien. "Mitten in einer Siedlung teils traumatisierter Flüchtlinge wird es stehen. Da kommen auch eigene Fluchtgeschichten wieder hoch“, sagt Exchefin Wotke. Wie sie warnen andere Organisationen, etwa die Caritas, vor der Zerstörung der funktionierenden Sozialstruktur in Macondo. "Aber im Gegensatz zu Wienern kann man über Flüchtlinge ja drüberfahren“, sagt Wotke. "Als Maria Fekter nach dem Fall der Komani-Zwillinge über humane Abschiebemöglichkeiten für Familien sprach - da schwante mir schon Böses, was Macondo betrifft.“

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Bis es 2009 zugesperrt wurde, leitete Philippa Wotke das
Kardinal-König-Haus in der Flüchtlingssiedlung Macondo. Jetzt
hat das Innenministerium eine äußerst umstrittene Entscheidung
gefällt: Das Gebäude wird zum Schubgefängnis

Foto von Heribert Corn

Erschienen im Falter 49/2010

Mehr zu Macondo?
Kommentar vom Herbst 2009
Reportage aus Macondo von Florian Niederndorfer und Theresia Wolf vom April 2009

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Mittwoch, 6. Oktober 2010

Bergblick ohne Braunstich

Nun werden die Klettersteige mit rechtsextremen Namen umbenannt

Nachschau: Joseph Gepp

Vor drei Wochen berichtete der Falter über rechtsradikal klingende Bezeichnungen von Sportkletterrouten rund um Wien. Die Steige an der Hohen Wand oder im Rax-Schneeberg-Gebiet heißen beispielsweise „Kristalltag“, „Ewiges Reich“ oder „Besatzerfraß“ – Namen, die sich oft auf verbotene deutsche Rechtsrocktexte beziehen.

Taufpate ist nicht etwa eine Behörde oder ein Bergsteigerklub, sondern traditionell der Erstbesteiger. In diesem Fall handelt es sich um den niederösterreichischen Kletterführerpublizisten Thomas Behm. Gegenüber dem Falter sprach dieser von einer „Hexenjagd“ und distanzierte sich zugleich vom Nationalsozialismus.

Das Problem: Nicht allein er kennt seine Routennamen. Sie fließen in den allgemeinen Klettersprachgebrauch ein und finden sich auch in im regulären Buchhandel erhältlichen Reiseführern (siehe Falter 30/2010, Panoramaweg Besatzerfraß).

Jetzt aber hat die Geschichte eine erfreuliche Wendung genommen. Behm, der als Einziger das Recht dazu hat, erklärte sich zur sofortigen Änderung der Namen bereit. Selbige sollen außerdem bei jenen Kletterführern, die schon im Handel zum Verkauf aufliegen, geschwärzt werden.

Neben der Empörung vieler Kletterer haben vor allem zwei Dinge zu dieser Entscheidung beigetragen.

Zum einen sah sich der Buchhandel nach Bekanntwerden der Causa in der Bredouille. „Wir haben die Bücher zwischenzeitlich aus dem Regal genommen“, sagt etwa Gerald Radinger von Freytag & Berndt am Wiener Kohlmarkt, wo viele der Kletterführer verkauft werden. „Bei der enormen Produktvielfalt ist es uns leider nicht immer möglich, den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber ein weiterer Verkauf wäre jedenfalls für uns als offene und aufgeschlossene Reisebuchhandlung ohne veränderte Namen undenkbar gewesen.“

Weiters nahm der Verband alpiner Vereine Österreichs (Vavö) Stellung. Er ist ein Dachverband, der unter anderen Naturfreunde und Alpenverein umfasst. In einer Resolution auf Antrag von Naturfreunde-Chef Reinhard Dayer distanzierte sich der Vavö von den Routennamen und appellierte an den Namensgeber, sie „unverzüglich zu ändern“.

Das entschiedene Vorgehen in Österreich könnte nun sogar Auswirkungen auf Schweden haben, wo die Causa Nazirouten ihren Ausgang nahm. Dort deckte die Stockholmer Historikerin und Hobbykletterin Cordelia Hess Mitte August auf, dass Steige nahe der Hauptstadt etwa „Zyklon B“ oder „Kleiner Hitler“ heißen.

„Ich habe die österreichische Resolution an den schwedischen Kletterverband geschickt“, sagt Hess heute. „Er sollte sich ein Beispiel daran nehmen. Aber Schweden hat ein anderes Verhältnis zum Nationalsozialismus als Deutschland oder Österreich. Die Leute hier fühlen sich davon nicht betroffen. Wenn es keine Einsicht gibt, haben auch positive Beispiele wie jenes aus Österreich wenig Sinn.“

Erschienen im Falter 40/2010

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Mittwoch, 15. September 2010

Klettern gegen Rechts

Die Naturfreunde und der Alpenverein wehren sich gegen die rechtsextreme Namensgebung und Vereinnahmung von Sportkletterrouten (siehe Panoramaweg Besatzerfraß Falter 30/10). Beide fordern eine Umbenennung der niederösterreichischen Steige. Naturfreunde-Chef Reinhard Dayer will zudem eine „einheitliche Sprachregelung aller alpinen Vereine“ anregen.

Erschienen im Falter 31/10

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