Osteuropa

Mittwoch, 23. Februar 2011

Ungarn gibt nach: ein durchwachsener Erfolg für die EU

Kommentar

Die Bemerkung klang zynisch. Nach dem fragilen Belgien übernehme Anfang 2011 "endlich eine stabile Regierung“ die EU-Ratspräsidentschaft, sagte Ungarns Premier Viktor Orbán. Dabei würden gerade seinem Land weniger klare Machtverhältnisse guttun. Gestützt auf eine Zweidrittelmehrheit und getrieben von einem immer radikaleren Polit-Diskurs, zieht Orbáns konservativ-populistische Fidesz-Regierung seit einem Jahr Brachialreformen durch, die Europas demokratischen Werten in vielen Punkten entgegenstehen. So geschehen in der Wirtschaftspolitik, bei den Pensionen, den ungarischen Minderheiten in Nachbarländern. Und beim neuen Mediengesetz.

Dieses löste im Jänner endgültig europaweite Entrüstung aus - und einen Einspruch der EU-Kommission. Die Punkte, die dem Gemeinschaftsrecht widersprechen, müssten geändert werden, befand Vizekommissionschefin Neelie Kroes. Genauso ist es nun zur Zufriedenheit Europas geschehen - egal ob Orbán im Budapester Parlament die "Angriffe auf das ungarische Volk“ für "zurückgeschlagen“ erklärt. Bleibt allerdings die Frage: Geht die Umsetzung der EU-Forderungen auch weit genug, um Pressefreiheit und Meinungsvielfalt in Ungarn sicherzustellen?

Entschärft wurden vor allem Regeln gegen Personenbeleidigung in Medien, die leicht für eine Zensur hätten missbraucht werden können. Ebenso gilt die neue "Ausgewogenheitspflicht“ nur noch für Fernsehen und Radio statt für alle Medien. Aufrecht hingegen bleibt ein mächtiger Medienrat, der auf neun Jahre ausschließlich mit Fidesz-Getreuen besetzt wurde. Dieser kann sich wegen seiner weitreichenden Befugnisse auch trotz der sonstigen Änderungen zur inquisitorischen Behörde auswachsen. Die EU hat auf nationale Medienräte keinen Einfluss.

Bei den anderen Punkten jedoch konnte sie durchaus durchsetzen, was in ihrer Macht stand. Die Union hat damit ihren Einfluss bewiesen - was umso wichtiger ist, als die internationale Aufmerksamkeit für die Staaten Osteuropas rapide abnimmt und viele der gesellschaftlichen Errungenschaften seit der Wende erodieren.

In Ungarn wird nun vieles davon abhängen, wie repressiv das Mediengesetz angewandt wird. Ein gesellschaftliches Hassklima ändern oder die Presse dauerhaft frei machen kann ein Brief aus Brüssel jedenfalls nicht.

Das ist allerdings auch gar nicht seine Aufgabe. Hier müssten andere Kräfte als EU-Instanzen wirksam werden. Eine engagierte Zivilgesellschaft etwa oder eine konstant achtsame europaweite Öffentlichkeit.

Erschienen im Falter 8/2011

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Mittwoch, 13. Oktober 2010

Das rostrote Erbe

Der Dammbruch von Kolontár öffnet die Augen dafür, was im ehemaligen Osten alles unter und über der Erde liegt

Reportage und Fotos: Joseph Gepp, Kolontár


Am Montag, dem 4. Oktober, um 12.25 Uhr, geht Imre Fuzessy, 63 Jahre, hinter sein Haus, um die Hasen im Käfig zu füttern. Ein paar Häuser weiter legt sich János Szanyi, 85, zur gleichen Zeit zum Mittagsschlaf nieder. Seine Frau Karolina, 84, tritt währenddessen in den Garten hinaus.

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Die Welle sei um die Mittagszeit über das Dorf gerollt, weswegen hauptsächlich alte Menschen zu Hause waren, erzählt zehn Tage später eine Sprecherin des ungarischen Katastrophenschutzes. Nur deshalb seien neben 150 Verletzten lediglich acht Tote zu beklagen – und nicht einige hundert.

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Die Szanyis waren aber zu Hause, ebenso Fuzessy. Sie wurden Opfer einer der größten Umweltkatastrophen der jüngeren europäischen Geschichte. Die Welle, die bis ins Schlafzimmer von János Szanyi vordrang, war zweieinhalb Meter hoch. Eine Milliarde Liter rostroter Schlamm ergoss sich über das westungarische 850-Einwohner-Dorf Kolontár und umliegende Ortschaften. Die Brühe bestand aus Eisenoxid, ätzender Natronlauge und, wie sich erst später herausstellte, hochgiftigem Arsen und Quecksilber.

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Imre Fuzessy hat überlebt, weil die Tür zu seinem Bauernhaus ein paar Stufen über dem Bodenniveau liegt. „Ich bin ins Haus gerannt, der Schlamm hinter mir. Danach bin ich auf einen Sessel geklettert und dann auf den Tisch, der Schlamm hinter mir. Knapp unter der Tischplatte ist er dann stehengeblieben.“ János Szanyi dagegen erlag nach wenigen Tagen im Spital seinen Verletzungen. Seine Frau ist vermisst. Nur ihre Krücke wurde bisher gefunden, sie steckte hinter dem Haus im Schlamm.

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Magyar Aluminium heißt die Firma, die den giftigen „Rotschlamm“, wie er genannt wird, in einem 500 mal 500 Meter großen Becken unweit von János Szanyis Haus deponierte. Er ist ein Abfallprodukt der Alu-Produktion.

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Wer von Szanyis Haus über die Felder geht, sieht den Beckenrand. Er gleicht einem begrünten, etwas überdimensionierten Bahndamm. Wer noch ein wenig weitergeht, sieht in diesem Damm einen etwa dreißig Meter breiten Spalt klaffen.

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Am vergangenen Freitag staksten schutzbebrillte Männer in weißen Plastikanzügen, halb in der roten Brühe versunken, durch das kontaminierte Gelände, das vorher Kolontár war. Soldaten mit Atemmasken sprangen von Lastwagenladeflächen und fassten Schaufeln aus. Der Schlamm hatte Autos in Hinterhöfe geschwemmt, wo sie neben Hühnerkadavern liegenblieben. Der Geruch fauligen Wassers mischt sich in Kolontár mit dem von Eisen. Als würde man eine rostige Leiter hinaufklettern und dann an den Händen riechen.

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Die Ursache des Unfalls ist noch nicht bekannt. Umweltorganisationen spekulieren, dass das Becken schlicht übervoll war. Ausgehoben wurde es 1985, zu kommunistischer Zeit. Nach der Wende verkaufte der Staat Magyar Aluminium billig an Zoltán Bakonyi und Lajos Tolnay, zwei ehemalige Parteikader, die heute zu den reichsten Unternehmern Ungarns zählen. Ein vom WWF publiziertes Foto lässt darauf schließen, wie die beiden Geschäftsleute mit dem kommunistischen Erbe umgingen: Das Bild zeigt bereits im Juni 2010 rote Rinnsale, die durch den undichten Damm in die Felder Kolontárs sickern. Zoltán Bakonyi wurde vergangenen Montag in U-Haft genommen.

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Kolontár hat aufgezeigt, dass auch 20 Jahre Marktwirtschaft und europäische Integration eine gefährliche Altlast des Kommunismus nicht entschärfen konnten: Überall im Osten wurden unrentable Industriebetriebe und Schrottdepots nach der Wende billig verkauft. Die Privatisierungen waren undurchsichtig, die Umwelt- und Sicherheitsstandards totes Recht.

Im Jahr 2000 geschah im rumänischen Baia Mare ein ähnlicher Unfall, als eine Golderzaufbereitungsanlage barst und chemisch verseuchtes Wasser in die Donau rann. Der WWF warnt nun vor Schrottbetrieben in Serbien und Bulgarien. Im nordungarischen Almásfüzitö steht zudem ein weiteres Rotschlammbecken – im Unterschied zu jenem in Kolontár exakt fünf Meter vom Donauufer entfernt. Demnach könnte ein Vorfall dort zur Folge haben, was im Fall Kolontár ausgeblieben ist: eine großflächige Verseuchung der Flusssysteme Osteuropas. Im Internet kursieren Bilder von Almásfüzitö, die eine völlig schrottreife Anlage zeigen. Im Gleichklang mit anderen Umweltorganisationen fordert der WWF nun strikte EU-weite Regeln für Industrieanlagen.

Für Österreich befürchtet die Hohe Warte eine mit Schwermetallen angereicherte Staubwolke, sobald der Schlamm als trockener Staub über Ungarn weht – und darüber hinaus.

Kolontár selbst wurde inzwischen zur Gänze evakuiert, weil der Damm zu Falter-Redaktionsschluss ein zweites Mal zu brechen drohte. Außerdem hat Ungarns Premier Viktor Orbán eine Auflassung des am stärksten betroffenen Ortsteils angekündigt. Die Häuser sollten jedoch, wie er beim Besuch der Opfer vergangene Woche sagt, stehenbleiben. Als umzäuntes „Memento für die Ewigkeit“.

Erschienen im Falter 41/2010

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Dienstag, 24. August 2010

Die Kompliziertheit des Ostens

Buchrezension

Seite Eins macht Lust auf mehr: Da windet sich, Städte meidend, ein Weg über eine Landkarte. Ein deutscher Schriftsteller durchwandert die tiefste Provinz Ungarns, Kroatiens, Serbiens und Rumäniens. Im Lauf der Lektüre beginnt man allerdings ein wenig Reflexion zu vermissen. Stattdessen bestaunt der Autor den Ost-Charme der Dörfer, gibt Biographien von Zufallsbekanntschaften wieder, zählt Wanderanekdoten auf. Landolf Scherzer hat zuvor ein vielbeachtetes Reportagenbuch über die alte deutsch-deutsche Grenze geschrieben. An der Unüberblickbarkeit des Balkans ist er nun gescheitert.

Landolf Scherzer: Immer geradeaus. Zu Fuß durch Europas Osten. Aufbau, 303 S., 50 Fotos, € 20,60

Erschienen im Falter 32/10


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Dienstag, 18. Mai 2010

Neighbour in Need

Murders of Romas, militant groups, an unparalleled shift to the right: What on earth is happening in Hungary?

JOSEPH GEPP

It is Thursday, Apr. 8, 2010. Tomorrow is the beginning of the campaign suspension before the election, required by law. Today they are really opening up all the throttles on the banks of the Danube in Budapest.

“Who supplies our government the water tankers that spray you down from the street when you are demonstrating?” shouts the speaker into the crowd. “Israel!” he answers himself. “Who is buying up our Hungarian land? Israel!”

The Jobbik Party, which means both “the one that is better” and “the one that is more right,” had called together a final election rally under the statue of Sándor Petöfi, the Heinrich Heine of Hungary. When it was founded in 2003, Jobbik was still considered an obscure political sect whose nationalistic posturing, including its predilection for quaint historical uniforms, drew ridicule. Now Hungary’s extreme right, next to whom today’s Freedom Party (FPÖ) in Austria seems like a bunch of insurance agents after a NLP beginners’ course, have even caught up with the governing Socialist Party, and are pulling ahead as the second strongest power in parliament behind the right conservatives.

According to Jobbik dogma, gays, communists, Jews and Roma are all thorns in the side of the body politic – and accomplices to the left-liberal Hungarian government: “After the election you’ll stop laughing in prison,” is what they call from the podium. Jobbik is propagating a world view à la 1933: Factionists versed in the occult claiming that Jesus was Hungarian; the crooked cross on the Holy Crown of Hungary is actually an antenna for receiving divine messages for the chosen Magyar people.

About 300 people have come to the event; the crowd feels like the mixture of a water-witching seminar, a skinhead convention, and one of those depressing documentaries on public television about life in the ghetto. T-shirts with old Magyar runes are stretched over beer bellies; amulets with the pagan-national Turul bird dangle around fat sunburned necks.

Nazi Flags and Mythical Birds

The medieval red and white Árpád flag, symbol of the Arrow Cross Party, the Hungarian equivalent of the Nazis, is waving over the podium. Next to it is standing the “Hungarian Guard,” founded in 2007, the paramilitary wannabees dressed in black who like to march through Roma villages if they aren’t in the process of organizing a rally. A man is passing out bumper stickers. Next to Israel’s President Shimon Peres, they flaunt the words: “Govern your own country, bastard, instead of occupying ours!”

If Israel were to soon lose their country to the Arabs, explains the young Jobbik party leader Gábor Vona on the Party’s homepage, it’s planning to use Hungary as an alternative. His fans don’t hesitate to accept such scenarios. Two powers had run not only Hungary into the dust, also all of Europe, asserts an older man at the edge of the rally: “Jews and communists!” And “I’m also still waiting for Austria to apologize for stealing Burgenland.” The man says good-bye with the Jobbik salutation: “God give us a better future.”

In Hungary it doesn’t really look like the future will be any better.

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The Hungarian Guard (Photo: Anna Hazod)

On Sunday, Apr. 11, three days after the Jobbik rally, is the first and decisive round of voting to elect parliament. It gave the country a shift to the right, the likes of which hadn’t been seen in an East European country since the fall of the Iron Curtain. The ranks of the powers of that “Wende,” the still-governing Socialists and Liberals, were cut in half and crashed into insignificance. Meanwhile, the “Fidesz,” has taken over the new power; a conservative people’s party with rabble-rousing undertones, its charismatic chairperson Viktor Orbán is more like Silvio Berlusconi than Josef Pröll. In the second round of voting on Apr. 26, Fidesz, winning 262 of 386 parliamentary seats, gained a majority of more than two-thirds, thus enabling them to change the constitution. And although Jobbik couldn’t overtake the Socialists, it was only two points behind, with 17% of the vote, which placed the political-sect right in the middle of Hungarian politics.

Something is going very wrong in the former land of “Goulash Communism,” the place of “the happiest shacks on the block,” as described by German novelist Hans Magnus Enzensberger. According to the Budapest Political Capital Institute, 21% of the population sympathizes with the extreme right – the highest percentage in Europe. But in things like debt, unemployment and growth, Hungary is falling behind, even behind former stragglers like Poland and Slovakia. In 2008, the EU and the Monetary Fund had to grant the country an emergency loan of 20 billion dollars in order to save the state from bankruptcy. Since then there have been vice-like savings measures, which on one hand has increased poverty and on the other, extremism: according to experts, it is widening its circles in the provinces outside of “Judapest,” as the capital is called by the circles in question.

Arson and Shotguns

Tatárszentgyörgy is about 40 minutes from Budapest. Both Fidesz and Jobbik won above average voter support here. On the county road leading to the village, prostitutes stand under flowering fruit trees; farmers plow their fields with horses as was done 150 years ago.

There’s a church in Tatárszentgyörgy, two horse-drawn carts, a bar called the Royal Jack Pub. The Roma of the village live in rundown houses on an unpaved path. And the Csorba family lives where the little settlement ends at the edge of the woods. Their suffering became a warning sign that something is wrong in Hungary. On Feb. 23, 2009, at 12:15 a.m., Molotov cocktails were thrown onto their roof by unidentified assailants. Róbert Csorba ran out through the door with his four-year-old son and both were murdered with a shotgun. The mother jumped with two other children out of a window on the back-side of the house; they survived but were seriously injured.

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Robert Czsorbas house in Tatárszentgyörgy (Photo: Joseph Gepp)

These so-called Roma murders convulsed Hungary for two years. They always follow the same pattern: the perpetrators choose the last house on the edge of a village, where a getaway is easy. They throw incendiary material and fire shotguns. Six persons have died in nine attacks all over the country. Four suspects, one a right-wing extremist known to authorities, were arrested in August 2009 in Debrecen and have been held since then in detention awaiting trial.

The Suffering of the Roma


When Csabáné Csorba, 46, steps out of her door in Tatárszentgyörgy, she is standing across the street from the burned-out ruins in which her son and grandson died. The rest of the extended family members, ten in all and all out of work, live next door. Róbert had moved with his own family into the neighboring house. She doesn’t believe that Jobbik will take over the power in Hungary, says the grieving mother, who sits in her living room under a giant copy of The Last Supper.

“But if they do, then it is over for the Roma in this country.” She has noticed how the mood has changed between Roma and the “whites.”

“I can’t exactly say how. But I notice it, like when I go shopping in the village. There is a special mood in Tatárszentgyörgy because the attack happened here. But there is also a special mood in all of Hungary.”

“The seeds have sprouted,” write Gregor Mayer and Bernhard Odehnal in their book Aufmarsch (that can be translated “Mobilization,” or “Show of Force”) about the right-wing in Eastern Europe. The writers, who are Austrian journalists, believe Jobbik’s rabble rousing is a part of the radicalization that has led to the Roma murders.

Like Mrs. Csorba in Tatárszentgyörgy, the two authors have noticed a change across the country: Rabble rousing has become socially acceptable, inhibitions have fallen, conflicts have left official democratic channels and are on the street. One example is the online news portal kuruc.info, the opinion leader of the Hungarian right-wing.

“Holo-Scam”

According to critics involved with Jobbik, the “Kuruc,” the Hungarian rebels, are laying into Jews, Socialists and the Roma. Its rubrics have names like “Gypsy Crime” and “Holo-Scam.” In print, the authors hide behind names like “Janos Work-Makes-Free” and “Kenneth Kl. Klan.”

Just the existence of Nazi websites like this doesn’t make Hungary any different from other countries. But in contrast to other places, kuruc.info, with 130,000 readers a day, ranks among the most visited websites in the country. Recently the portal reported about a case of data abuse: The regular media reported on it and named, as usual, their source. Kuruc slowly seems also to be a normal critical communications medium – even when a name like “Adolf H. Schicklgruber” is in the credits.

In Hungary, something like that “would have been unthinkable a few years ago,” said journalist Paul Lendvai of the Viennese weekly Falter. Adam Schönberger, a young Jewish activist from Budapest agrees: “The public dialogue in this country is absolutely poisoned.”

Schönberger, 30, wearing a hooded pullover and a red three-day beard, runs a locale called “The Seagull” in the old part of town, a pub, bookstore and a meeting place in one. He hosts debates on Jewish issues and supports reform initiatives in Budapest’s post-communist, non-transparent community of faith. While much has survived of Jewish life from the Eastern Europe of earlier times, he says, there are also frequent anti-Semitic incidents. Just last week, he recounted, stones were thrown at a group of Budapest Jews celebrating Passover. And last year, a particularly ugly incident took place on the shores of the Danube. Bronze shoes on the Promenade stand as a reminder that here once Hungarian fascist Arrow Cross Party members threw Jews into the river and killed them. One day, pig’s knuckles were found stuck in the shoes.

“I would even go so far as to emigrate if Jobbik came to power,” says Schönberger. But that seems like science fiction to me. “Fidesz makes me very nervous.” Like many observers, this intellectual believes that Fidesz has done a lot to make right-wing extremism socially acceptable. In the years after 2006, the Socialist government got caught up in ever more lies and blunders. Nonetheless, the Fidesz Party Leader Viktor Orbán – winner of the recent election – didn’t react through legitimate democratic channels. Instead he supported street protests that were violent and extremist.

A “Poisoned Discourse” in the Country


For years, Fidesz blocked all official governmental decisions. Even now, Orbán warns of left- and right-wing radicals – as if Socialist and Jobbik were two sides of the same phenomenon.

It is Sunday, Apr. 11, 2010. The results of the crucial first election are in: The victory party Fidesz is celebrating on the central Vörösmarty Square. While the winners of “Hungary is looking for a superstar” are singing “Bohemian Rhapsody” for Fidesz friends, Jobbik is meeting ten kilometers away, at an outlying sports center on the banks of the Danube in Buda.

Hundreds of members of the Hungarian Guard have come to celebrate their 17% victory. They are cheering because every sixth person at the poles voted for Jobbik. They are wearing chicken feathers in their caps as Arrow Cross Party members did once. They yell out commands and march in step through the hall.

Now that the parliamentary election is over, the scene seems much more like a skinhead rally than a depressing documentary about the lower classes on a public-service channel. It looks like the 1930s. It feels dangerous. And it certainly doesn’t point to a better future.


Trans: Cynthia Peck. This article originally appeared in German in the Viennese weekly Falter in April 2010. It was updated for the May 2010 issue of the Vienna Review by the author.

In German: Nachbar in Not

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Sonntag, 31. Januar 2010

Der tote Ort

Igor Tanež ist ein ganz normaler Provinzrusse, Khalmer-Ju ein verlassenes Dorf in der arktischen Tundra. Über einen Mann und einen Ort – und was sie über Russland im Jahr 20 nach der Wende erzählen.

Reportage und Fotos: Joseph Gepp


I
Sein Lachen ist laut, sein Lächeln breit. Igor Tanež ist 44 Jahre alt, er trägt ausgewaschene Jeans, eine graue Jägerkappe, einen Vliespullover, dessen pastellfarbenes Linienmuster man vom vielen Waschen kaum noch erkennt. Sein Kinn ist breit, seine Stimme tief und dröhnend, sein Gesicht klobig und schlaff, etwas verlebt schon vom Wodka und den Wogen der Vergangenheit.
Gestern Abend hat der Taxiunternehmer und „Biesness-Man“ den Kofferraum seines Jeeps aufgemacht und ein Paar Gummistiefel, einen dick gefütterten Armeeoverall, zwei Patronenschachteln und ein halbautomatisches Gewehr in einer Plastikhülle hineingelegt. Er hat danach seine Freunde angerufen und gesagt, sie sollen einen zweiten Jeep organisieren und ihn suchen gehen, falls er sich bis heute, zehn Uhr abends, nicht gemeldet habe. Er fahre nämlich nach Khalmer-Ju.

Die Geschichte von Igor Tanež ist die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Provinzrussen. Sie ließe sich Hunderttausende, ja Millionen Male erzählen in einem Land, das in seiner jüngsten Vergangenheit ungemein radikalen Veränderungen unterworfen war. Sein Leben lässt tief blicken in die russische Geschichte und Gesellschaft. Denn Igor Tanež ist ein Kind von Chaos und Umbruch, wie es in Russland eigentlich jeder Über-Zwanzigjährige ist. Sein Beispiel zeigt, wie wenig Achtung und Rücksicht in solchen Zeiten für das einzelne Individuum übrig bleiben.

Er sitzt in seinem Lada Niva, Baujahr 95, ein guter Wagen, sagt Igor, und klopft auf das Armaturenbrett wie auf den Rücken eines folgsamen Pferdes. Der Jeep ist ein Tundra-Modell, mit eigens konstruierter Differentialsperre für meterhohen Schnee und hüfthohen Schlamm. Gut eigentlich für alles außer Straßen, sagt er lachend. Aber die gäbe es hier ohnehin nicht. „Hier gibt’s nur Lichtungen. Deshalb haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind stecken geblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück in der Tundra: Igor Tanež tischt auf der Motorhaube seines Lada Niva auf

Die Stadt, in der Igor Tanež lebt, heißt Workuta. Sie ist eine der nördlichsten und abgelegensten Städte der Welt – das erste Attribut ist nachgewiesen, das zweite eher ein Gefühlseindruck. Workuta liegt im europäischen Russland, 80.000 Einwohner, am Fuß des Uralgebirges, 150 Kilometer von der Küste des arktischen Eismeeres entfernt.


II
Der Zug von Moskau benötigt vierzig Stunden bis hierher. In den Abteilgängen dampfen kohlenbetriebene Samoware. Der Zug passiert Kleinstädte mit kupfergrünen Leninstatuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen, wo alte Frauen zusammenlaufen und Wegzehrungen zum Kauf bieten: Kübel voller Waldbeeren, eingelegte Pilze, in Geschirrtüchern warmgehaltene Teigtäschchen.
Die letzten zehn Stunden vor Workuta rollt der Zug nur noch durch ein großes Nichts, gelbes Gras wogt hier über dem flachen Land. Kein Schild weist darauf hin, dass man irgendwo auf dieser Strecke den Polarkreis überquert.

Dann erreicht der Zug Workuta.

Die Stadt ist die Ausgeburt eines totalitären Regimes, die Folge einer Geisteshaltung, die im Marsch zu ihrem Ziel weder Ressourcen kalkulierte, noch Einwände gelten ließ. Traditionell siedeln Menschen dort, wo Klima und
Vegetation den Anbau von Nahrungsmitteln erlauben. Dementsprechend lag vor der Sowjet-Zeit die nördlichste menschliche Siedlung Hunderte Kilometer weiter südlich; wo heute Workuta ist, lebten damals nur einige nomadische Ureinwohner vom Volk der Komi-Nenzen. Dann aber,
im Jahr 1928, entdeckten sowjetische Forscher unter
dem Boden der Tundra Kohle. Der sowjetische Diktator Josef Stalin befahl den Bau einer Stadt. Workuta wurde zu
einer von vielen russischen „Monogorody“, Mono-Städten, die nur eines einzigen Wirtschaftszweigs wegen existieren. Die geplante Kohlenausbeutung im großen Stil, meinte
Stalin, ließe sich am billigsten mit permanent angesiedelten Bewohnern bewerkstelligen.

Ab dem Ende der 30-er bis Mitte der 50-er Jahre wurden rund eine Million Zwangsarbeiter nach Workuta verschleppt. Sie lebten in Gulag-Lagern und stampften die Stadt aus dem Boden. Ein Viertel von ihnen starb nach Schätzungen der Opferorganisation „Memorial“ an Mangelernährung und polarer Winterkälte. Erst nach Stalins Tod im Jahr 1953 leerten sich langsam die Lager. Statt der Zwangsarbeiter sorgten nun freie Sowjet-Bürger für Leben und Arbeitskraft in Workuta. Hohe Löhne und Privilegien lockten sie in den unwirtlichen Norden. In den 70-er Jahren lebten rund 320.000 Einwohner in der Stadt. Es war eine vom Regime hofierte Werktätigen-Elite – „Helden der Arbeit“, wie man sie damals nannte.

„So ist das eben bei uns“, sagt Igor, als sein Niva Workuta verlässt. „Woanders würde man wahrscheinlich ein Basislager errichten und Arbeiter mit Hubschraubern hinfliegen. Aber bei uns nicht. Bei uns baut man eine ganze Stadt. Um jeden Preis.“

„Und dann“, fügt er hinzu, „lässt man sie sterben.“

In den späten 80-er Jahren schlossen die ersten Gruben. Die Kohle war knapp geworden, die Ausbeute stand schon lange in keiner Relation mehr zum Arbeitsaufwand. Zwanzig Schächte gab es zur Blütezeit, vier sind es heute. Die Einwohnerzahl sank seit 1990 um mehr als zwei Drittel, von 320.000 auf 80.000 Menschen.
Das letzte neue Gebäude in Workuta wurde im Jahr 1988 errichtet. Seit der Wende hat in der Stadt weder ein Geschäft noch ein Industriebetrieb eröffnet. Rund die Hälfte der Häuser steht heute leer. Eine durchschnittlich große Eigentumswohnung kostet umgerechnet rund 200 Euro.

Igor fährt auf einer Landstraße außerhalb von Workuta, an deren Rand einst Vorstädte lagen. Damals, unter Stalin und dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow, blühte die Region auf. Workuta wuchs und vor seinen Toren entstanden Randbezirke mit patriotischen Namen wie „Oktober“, „Sowjet-Stadt“ oder „Komsomolzen-Stadt“. Von „Oktober” stehen heute nur Plattenbau-Ruinen in der Tundra. In Komsomolzen-Stadt harren einige Hundert Alte aus. Der Bus, der früher im Zwanzig-Minuten-Takt von Workuta herfuhr, kommt heute zweimal täglich mit zwei Handvoll Passagieren an.

„Wenn in Russland der Herrscher etwas will, springt das Volk“, sagt Igor. „Das war schon immer so, nicht nur zur Sowjet-Zeit: Der Zar wollte einmal eine Bahnlinie von Moskau nach Petersburg. Er legte das Lineal auf die Landkarte und zog einen Strich von Stadt zu Stadt. Aber sein Finger ragte über die Linie. Also liegt heute, wo der Finger des Zaren war, eine Ausbuchtung an der sonst schnurgeraden Strecke.“

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Wo der Raum nichts wert ist: noch eine Tundraszene

III
Sein Vater war Ukrainer aus Kiew, erzählt er, im Zweiten Weltkrieg sei er wegen „Kollaboration mit dem Okkupanten“ nach Workuta verschleppt worden. Seine Mutter stammt aus Sibirien und wurde eines Tages in den 50-er Jahren ins lokale Komsomol-Büro, zur sowjet-kommunistischen Jugendorganisation, zitiert. Das Volk brauche Arbeiterinnen, erklärte man ihr. Sie durfte sich also aussuchen, wohin sie zur freiwilligen Aufbauarbeit übersiedeln wollte: nach Workuta oder in die kasachische Steppe. Die Mutter hatte von beiden Orten noch nie etwas gehört, auf gut Glück wählte sie Workuta. „Hätte sie abgelehnt, sie hätten sie trotzdem hierher gebracht – als Gulag-Inhaftierte“, sagt Igor. „So war das damals: Wenn du nicht wolltest, zwangen sie dich. Und was du nicht konntest, das brachten sie dir bei.“

Die Eltern von Igor Tanež errichteten hier Bahnstrecken und Gebäude. Die Komsomolzin und der Zwangsarbeiter lernten einander kennen, heirateten und blieben ihr restliches Leben.

Der Niva biegt von der Landstraße in eine Kleinstadt ein, die wenige Kilometer von Workuta entfernt liegt. Sie heißt Sewernij, „die Nördliche“. Hier befindet sich einer der wenigen Kohlenschächte, die noch in Betrieb sind. 3000 Arbeiter wohnen in drei Plattenbau-Vierteln, zwischen denen Kreuze aus zusammengeschweißten Stahlrohren aus dem Schlammboden ragen. Hier kamen in den 50-er Jahren politische Häftlinge ums Leben, überwiegend Russen und Balten. Auf manchen Kreuzen sind die Namen der Toten mit Hammer und Schraubenzieher in die Metallplatten gestanzt. „Aber die Gräber verfallen“, sagt Igor. „Alles Leben hier ist auf Knochen gebaut. Das kann ja langfristig nicht funktionieren.
Es verfällt ja auch alles Lebende. Die Häuser, die Straßen, die Menschen. Wer soll sich da noch um die Toten kümmern?“

Er verlässt Sewernij über eine Seitenstraße und biegt
auf einen schlammigen Feldweg ein, der weit und kerzengerade durch die baumlose Ebene führt. Früher, erklärt Igor, sei dieser Weg die Schienentrasse gewesen, die nach Khalmer-Ju geführt habe, siebzig Kilometer weit. „Wir sind also auf dem richtigen Weg“, sagt er.

„Das müssen wir kurz feiern.“

Er hält am Wegrand neben einem umgestürzten Bahnwaggon. Zeit für eine Stärkung, sagt er, russische Tradition. Er drapiert grob aufgeschnittene Wurst, Brot und geviertelte Zwiebel auf einer Zeitungsseite auf der Motorhaube, fängt dann Blechbecher aus einem Lederetui, gießt großzügig Wodka aus einer Plastikflasche ein. Der Wodka schmeckt, als könnte man mit ihm auch den Jeep betanken. Igor setzt triumphierend den Becher ab, dessen Inhalt er sofort ausgetrunken hat, und ruft: „Die Tundra ist eine Droge!“ Jetzt aber weiter, nach Khalmer-Ju.

Igor Tanež wuchs in Sewernij auf, der Vorstadt mit den Kreuzen. Er arbeitete im Kohlenschacht, wie fast alle Männer des Ortes zu jener Zeit. Es waren die späten 80-er Jahre, eine gute Zeit, sagt er. Er verdiente 800 Rubel im Monat, mehr als das Zehnfache des sowjetischen Durchschnittslohns. Eine Lehrerin zum Beispiel erhielt knapp sechzig Rubel. Das Regime ließ sich seine Pioniere im Norden viel kosten.

Einmal, erzählt Igor, sei er übers Wochenende ans Schwarze Meer geflogen. Das war für die Sowjetunion der späten 80-er ein unerhörter Luxus. Er habe es sich aber leisten können, also nahm er einen Freitag frei, spazierte am Samstag die Palmen bestandene Küstenpromenade von Sotschi entlang, Tausende Kilo-
meter von Workuta entfernt. Im sicheren Bewusstsein, dass er die richtige Berufswahl getroffen hätte. Glücklich, weil er ein gutes, langes und ruhiges Leben vor sich sah.


IV
Khalmer-Ju war die Königin der Gruben, erzählt am nächsten Tag, zurück in Workuta, Sergej Merslerkow.

Er ist ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, wo er bis zum Beginn der 90-er Jahre lebte. Nach der Schließung des dortigen Schachts übersiedelte Merslerkow, 50 Jahre alt, nach Workuta, wo er bis heute als einer von wenigen verbliebenen Grubenarbeitern seinen Lebensunterhalt verdient.

Die Kohle aus Khalmer-Ju hatte höchste Qualität, sagt er. Sie wurde nicht verheizt, sondern in der Metallurgie weiterverarbeitet. Khalmer-Ju, das ungefähr 5000 Einwohner hatte, bezog sein Heizmaterial aus diesem Grund nicht aus dem eigenen Schacht, sondern aus den minderen Gruben um Workuta. Die Konsumgüter für den Ort kamen hingegen eigens aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Auf diese Weise unterschieden sie sich von jenen Waren, die in Workuta und dem restlichen
Provinzrussland zu kaufen waren. Khalmer-Ju war so privilegiert, dass es nicht dem regulären sowjetischen Güterverteilungssystem unterstand.

Mit den Warenlieferungen revanchierte sich Leningrad für die Hilfe, die Khalmer-Ju der Großstadt während der deutschen Blockade im Zweiten Weltkrieg angedeihen hatte lassen. Damals war die Qualitätskohle aus dem hohen Norden über improvisierte Gleise direkt ins besetzte Leningrad gekommen. Später wurde Khalmer-Ju dafür zum verhätschelten Liebkind des Systems. Die dortigen Grubenarbeiter verdienten 2000 Rubel im Monat, mehr als doppelt so viel wie normale Kumpel, etwa Igor Tanež.

Der Niva fährt unterdessen weiter, jetzt über Schneefelder. Linker Hand, am Horizont, stehen zwei große Zelte, die aussehen, als stammten sie aus einem Wild-West-Film. Das sind Komi-Nenzen, sagt Igor. Den Winter verbringen die den grönländischen Inuit verwandten nordrussischen Ureinwohner in Workuta, den Rest des Jahres leben sie in Zelten und ziehen mit ihren Rentierherden an die Eismeerküste.

Aus der Sprache der Nenzen stamme auch der Ortsname: „Khalmer-Ju“ bedeutet „Tal der Toten“, weil das Beutewild die Region immer mied und die nomadischen Jäger deshalb hier kaum Essbares vorfanden.

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Max Max: Mit solchen (selbstgebauten) Gefährten fährt der durchschnittliche Workuta-Bewohner in die frühwinterliche Tundra

In den späten 80-er Jahren war die gute Zeit für die Grubenarbeiter von Workuta und Khalmer-Ju über Nacht vorbei. Sie wachten auf und stellten fest, dass ihre Geldbörsen leer, ihre Jobs in Gefahr und ihre Wohnungen nichts mehr wert waren. Dann gingen sie am Wodka zugrunde. Oder sie hielten sich mit kleinen Geschäften über Wasser.

Zu jener Zeit, erzählt Igor, habe man ihn noch beschimpft, als er eines Tages bei einer Komsomol-Versammlung in einer Jeansjacke aufgetaucht sei. Sie war das Geschenk eines Freundes, ein schönes Stück. Die Komsomolzen nannten ihn deshalb einen Faschisten. Sie warfen ihn aus der Jugendorganisation. Das geschah 1989; noch immer legte die Sowjetunion Wert auf die tagtägliche Abgrenzung vom Klassenfeind.

„Schau“, unterbricht Igor seine Erzählung. „Da ist Khalmer-Ju.“

khalmerju
Khalmer-Ju: Ein trauriges Panorama


V
Es ist ein trauriges, sehr einsames Bild. Tief in der Tundra – in einer flachen, völlig unstrukturierten Landschaft – taucht wie aus dem Nichts eine verfallene Ortschaft auf.

Rechts der Bahntrasse steht ein alter Industriekomplex, die ehemalige Kohlengrube. Links liegen Bahnhof und Ort. Khalmer-Ju besteht aus zwei großen Plattenbauten aus den 80-er Jahren, mehreren zweistöckigen Wohnhäusern aus den 70-ern, einigen stalinistischen Bauten aus den 50-ern und 60-ern und den Anfängen des Ortes: Häuschen und Holzschuppen aus den 40-ern, die von Zwangsarbeitern errichtet wurden. Am Anfang des Dorfs steht eine metallene Säule, auf der die Aufschrift „Siedlung Khalmer-Ju“ prangt.

Früher seien die Leute aus Workuta manchmal nach Khalmer-Ju gefahren und dort abends ausgegangen, erzählt am nächsten Tag Sergej Merslerkow, der ehemalige Bewohner des Ortes. Es gab ein hervorragendes Bierhaus mit drei Sälen, zwei für Bier und einen für Wein. Es gab Restaurants und ein Café namens „Weiße Nächte“.

Dann kam das Jahr 1989.

Drei Jahre zuvor hatte Michail Gorbatschow, der neue Generalsekretär der KPdSU, in einer Rede vor dem Parteitag von „ernsthaften Rückständen“ gesprochen. Ein neuer Wind begann durch die Sowjetunion zu wehen. Schon seit Jahren hatte das Land Getreide aus dem Westen bezogen und seinerseits Rohstoffe exportiert. Der Rubel sei vom Sowjet-Regime absurd überbewertet, behaupteten die Kapitalisten aus Amerika. Nun schien es, als könnte man solche Probleme nicht länger ignorieren. Das planwirtschaftliche Konstrukt begann zu bröckeln. Und Khalmer-Ju war eines der ersten kleinen Ornamente, die abbrachen und in die Tiefe stürzten.

Die Schließung der Kohlengrube kostete fast alle Dorfbewohner ihren Arbeitsplatz. Manche pendelten nach Workuta und hielten es noch eine Zeit lang in ihrem Heimatort aus. Sie wollten Khalmer-Ju, das bis vor kurzem noch so privilegiert war, nicht aufgeben.
Im Jahr 1995, sechs Jahre nach dem Ende der Grube, versank Russland im postkommunistischen Chaos. Und in Khalmer-Ju hielten immer noch zweihundert Menschen ihrem Schicksal stand. Im Spätsommer kamen schließlich Soldaten und erklärten den Verbliebenen, dass sich ab 1. September niemand mehr im Ort aufhalten dürfe. Und für jene Handvoll, die auch dieser Drohung widerstanden, hieß es: Am 30. Oktober fährt das letzte Mal der Zug nach Workuta. Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.
Am 31. Oktober 1995 war Khalmer-Ju menschenleer. Die letzten Bewohner vernagelten ihre Fenster und Türen. Sie wollten ihre Besitztümer auf diese Weise bis zu ihrer Rück-kehr vor Plünderungen bewahren.

Igor lässt den Motor des Niva aufheulen und biegt von der alten Bahntrasse in einen schlammigen Weg ein. Es ist die einst ins Ortszentrum führende Ulica Lenina, Leninstraße, die heute unter einer Schlammschicht begraben liegt. Der Wagen kämpft sich durch die Lacken. Einstige Bewohner haben auf eine Mauer mit Spraydose ein Auge gezeichnet, das eine Träne vergießt. „Khalmer-Ju, wir werden Dich nicht vergessen“, steht darunter. „Ganz Russland gedenkt Deiner.“

auge
"Ganz Russland gedenkt Deiner"


VI
Igor hält vor dem ehemaligen Kulturpalast am Hauptplatz des Dorfes. „Schau du dir ruhig die Ruinen an“, sagt er. „Mich interessiert das nicht so. Ich geh’ inzwischen Enten jagen.“
Neben dem Palast preist ein vergilbtes metallenes Plakat die Fortschritte der jährlich der Erde abgerungenen Kohlenvolumina. Im Inneren des Gebäudes liegt zwischen Ziegelbrocken und Scherben ein zweites Plakat auf dem Marmorboden: Hammer und Sichel samt der Aufschrift „CCCP“.

Ein Schuss hallt durch den Ort, dann noch einer. Igor kommt mit zwei toten Enten zum Niva zurück und legt sie neben die Motorhaube in den Schnee.

Nahe der Leninstraße stehen die Überreste des eingestürzten Feuerwehrhauses. Über zwei Torbögen prangen die Jahreszahlen 1954 und 1956. Es sind Häuser, die noch im Zuckerbäckerstil des eben verstorbenen Stalin erbaut wurden – mit barock hervorspringenden Flügeln und geschwungenen Giebeln.
Vom Kohlebergwerk sind noch rostige Maschinen übrig, Hebebühnen, Pulte mit Steueranlagen und Messanzeigen. Am hinteren Rand des Dorfes steht ein Wasserturm, an dessen Innenwand sich eine rostige Wendeltreppe hinaufschlängelt.
Als sich Igor mit dem Zustandekommen des Feuers abmüht, fährt daran ein Komi-Nenze vorbei. Es ist ein alter Mann mit asiatischen Gesichtszügen und einem langen, mongolisch anmutenden Bart. Er sitzt auf einem niedrigen Holzschlitten, den sechs Rentiere mit buntem Schmuck an Ohren und Zaumzeugen ziehen. Der Nenze grüßt wortlos, lächelt und setzt dann seinen Weg fort. Hinaus aus dem Tal der Toten.

VII

kuulturpalast
Der einstige Kulturpalast von Khalmer-Ju

Es gibt Essen, Tee und Wodka, sagt Igor. Russian tradition, er hat eine Pfanne aus dem Jeep geholt und darin Eier und Schweinefleisch über dem Lagerfeuer gebraten, das er im Foyer des ehemaligen Kulturpalastes entzündet hat. Das Bachwasser pfeift im Teekessel und in den Gängen des Kulturpalasts beginnt es nach Rauch zu riechen.

Igor legt neuerlich sein Menü auf Zeitungspapier aus, Gurken, Schokoladeriegel, geviertelte Paradeiser. Wieder fängt er seine Blechbecher aus dem Lederetui: „Jetzt trinken wir darauf, dass wir in Khalmer-Ju sind.“ Was wäre das Leben ohne Wodka, beginnt er, dieses wunderbare Geheimrezept, diese Wohltat für und gegen alles. Aber es dämmert langsam; Igor schlägt vor zurückzufahren. Es seien ja doch siebzig Kilometer nach Workuta und er habe ja bereits erklärt, warum Deutschland den Krieg verloren habe.
In Russland seien die Dinge eben nichts wert, sagt er, während Khalmer-Ju hinter ihm in die Ferne rückt. Eine Stadt verfällt, was soll’s. In diesem Land gäbe es eben immer dringendere Probleme als die Vergangenheit, sagt Igor. Es sei ein instabiles System. Er selbst zum Beispiel sei zweimal reich geworden, und zweimal wieder so arm, dass er am Abend nicht wusste, was er essen sollte.

Der erste Wohlstand kam, als Igor Tanež ein privilegierter Grubenarbeiter wurde, was kurz darauf jedoch die Schließung der Gruben zunichte machte. Der zweite folgte, als Igor seine Konsequenzen aus der gesellschaftlichen Lage zog und kriminell wurde. Es waren wirre Jahre, erzählt er, Mitte der 90-er, Anarchie in Russland, „damals waren wir alle kriminell“. Igor fuhr mit einer Clique junger Männer durch Workuta, sie fielen in die Geschäfte ein, erpressten dort Schutzgeld. Das Geschäft lief gut, es war ein Leben in Hülle und Fülle, aber eines Tages, erzählt Igor, schossen sie auf sein Auto. Die Karosserie wurde durchlöchert, ihm selbst geschah wie durch ein Wunder nichts. Igor nahm es als Zeichen.
„Besser uncool leben, als cool sterben.“ Er wurde gesetzestreu und wieder arm.

Die Freunde der alten Clique seien heute allesamt ermordet, sagt er. In Sewernij, der Vorstadt mit den Kreuzen, ließ die Familie eines Erpressers nach dessen Ermordung eine Holzkirche errichten. Zum Gedenken an den Sohn und die vielen anderen Verstorbenen.
Später wurde Igor „Biesness-Man“ und gründete seine Taxiflotte. Seit bald zehn Jahren gehe das nun so, sagt er.
Es ermögliche ihm ein Leben in kleinem Wohlstand. Die Lage habe sich einigermaßen stabilisiert. Die von Igor und die seines Landes.

Der Jeep überquert wieder die baufällige Brücke, mittlerweile ist es völlig dunkel. Er kämpft sich wieder durch den vom Wasser weggespülten Teil der Trasse.

Er übersiedle bald, erzählt Igor weiter. In die Ukraine, nach Kiew, wo sein Vater herkomme. Das Leben sei dort nicht nur nicht schlechter, sondern sogar besser als zur kommunistischen Zeit. Igor Tanež wird Workuta verlassen – wie viele andere. Ein Haus nahe der ukrainischen Hauptstadt habe er schon. Und ein „Biesness“ lasse sich immer aufziehen.

Die Wohnung in Workuta behalte er aber, ebenso wie den Niva. Jeden Sommer will Igor in die Tundra kommen, solange er lebt. Die Weite, der Wodka, das Chaos, die Narrenfreiheit, die Ruinen von Khalmer-Ju als Staffage. Kurz nach 1995 habe er den Ort übrigens zum ersten Mal betreten, sagt er. Damals habe Khalmer-Ju noch gewirkt, als würden die Bewohner in wenigen Stunden allesamt von einem kollektiven Betriebsausflug zurückkehren.

Heute hingegen fliege das Militär über den verlassenen Ort und beschieße zu Übungszwecken Gebäude. Klar, sagt Igor, warum auch nicht. Sind ja nur Ruinen. Ist ja nur die Tundra. Vor zwei Jahren zum Beispiel, erzählt er, sei der Kulturpalast beschossen worden. Das war damals eine große Sache; ein Schaustück, ein Akt der Präsentation. Die Zeitungen hätten darüber geschrieben, das Fernsehen mitgefilmt. Das Bombardement wollte eine starke Botschaft transportieren: die Kunde vom wieder erstarkten Russland, von einer wehrhaften Politik und Luftwaffe, emporgekommen aus dem demütigenden Chaos der 90-er und nun wieder in der Lage, dem Rest der Welt auf gleicher Höhe in die Augen zu blicken.

Der Schütze zielte zweimal mit einer X-555-Flügelrakete auf den Kulturpalast. Das erste Mal verfehlte er ihn, der Sprengkörper landete im Schlamm neben der Palastmauer und schleuderte nur Holzbretter und Ziegelstücke in die Luft. Beim zweiten Versuch traf der Schütze die Seitenwand des Palastes. Der alte Kino- und Veranstaltungssaal hinter dem Foyer, in dem Igor sein Lagerfeuer entfacht hatte, stürzte ein. Seit diesem Tag klafft in der Mauer ein zwanzig Meter hohes Loch.

Der erfolgreiche Schütze räumte nicht nur zu PR-Zwe-cken bei der Militärübung 2007 in Khalmer-Ju auf. Er rang in Russland auch die 90-er Jahre nieder. Mit ihren guten und schlechten Seiten, mit ihrer Anarchie und ihrer Freiheit.

Sein Name war Wladimir Putin, zu dieser Zeit Präsident der Russischen Föderation.


Nachtrag: Drei Wochen nach dem Besuch im Khalmer-Ju berichtete die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti, dass russische Behörden angeblich die "Schließung" einige "Monogorody" planen würden. Auch Workuta wurde genannt.

Erschienen im Magazin Fleisch, Nummer 14, Jänner 2010

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Mittwoch, 9. Dezember 2009

Gelesen: Für immer Pulverfass im Hinterhof

Ohne Metaphern à la „Hinterhof“ oder „Pulverfass“ geht es leider nicht. Davon abgesehen ist Olaf Ihlaus und Walter Mayrs „Minenfeld Balkan“ ein lohnendes Werk: differenziert und frei jeder Parteinahme. Historisch gehen die beiden Spiegel-Autoren sehr weit zurück, bis zur Amselfeldschlacht 1389, ein balkanologisches Muss, da derlei Uraltereignisse heutigen Konflikten als Vorwand dienen. „Minenfeld Balkan“ erspart dem Leser den Zweckoptimismus des offiziellen Europa. Stattdessen werden die Probleme der 90er-Jahre fortgeschrieben und gipfeln in düsteren Bestandsaufnahmen, etwa über das Nichtfunktionieren Bosniens und des Kosovo oder die schleichende Islamisierung Sarajevos.


Olaf Ihlau, Walter Mayr: Minenfeld Balkan.Der unruhige Hinterhof Europas. Siedler, 304 S., € 23,60


Erschienen im Falter 50/09

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Donnerstag, 12. Februar 2009

Politisches Buch - Henriette Riegler "Un/Sicherheit und In/Stabilität des 'westlichen Balkan'"


Europäische Tragödie im Südosten

Langsam verschwindet der Balkan vom Radar der internationalen Aufmerksamkeit, stattdessen wendet man sich etwa dem islamischen Raum oder Russland samt seiner Einflusssphären zu. Kein Wunder, liegt doch der letzte Krieg - im Kosovo - zehn Jahre zurück. Dennoch: Nichts widerlegt die These vom "Ende der Geschichte" und vom sterbenden Nationalstaat so sehr wie Jugoslawien, das nach mehreren blutigen Kriegen in sieben Staaten zerfiel. Zehn Jahre später liefert Balkanexpertin Henriette Riegler vom Österreichischen Institut für Internationale Politik in ihrem Arbeitspapier einen konzisen Blick über den Zustand der exjugoslawischen Staaten und Albaniens: die Annäherung an EU und Nato, der mehr oder weniger steinige Weg in den (politischen) Westen, die Probleme multiethnischer Gemeinschaften, die Mafiamilieus und zentralen Ereignisse von 2008 - wie die Verhaftung Ratko Mladics. Ein lesenswerter Überblick. Joseph Gepp

Henriette Riegler: Un/Sicherheit und In/Stabilität des "westlichen Balkan". Arbeitspapier des Österreichischen Instituts für Internationale Politik (OIIP), 46 S., € 5,-


Erschienen im Falter 7/09

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Mittwoch, 21. Januar 2009

Roma verstehen

Roma-Reportagen sind ja inzwischen fast ein eigenständiges journalistisches Genre, das vom mitleidsheischenden Gewäsch bis zu einigen der großartigsten Schilderungen deutschsprachiger Schreiber reicht. Jetzt hat Andreas Tröscher, Redakteur der bekanntlich sehr nüchternen APA, diesem Genre ein gar nicht seinem Arbeitgeber entsprechendes Stück hinzugefügt: "Zigeunerleben" ist bunt, vielschichtig, stellenweise fast reisetagebuchhaft. Es vereint 13 große Reportagen aus Osteuropa, und praktischerweise hatte Tröscher auch die Kamera dabei. Es ist ein Dokument der Leidenschaft, des glühenden Interesses und auch einer gewissen ratlosen Faszination, was das zeitlose Leben (und Elend) osteuropäischer Roma betrifft. Und wenn Tröscher auf klapprigen Stahlbrücken über sumpfige Flüsse in Bulgarien wankt, dann schwingt auch ein bisschen Osteuropa-Romantik mit.
Joseph Gepp

Andreas Tröscher: Zigeunerleben. Roma-Reportagen aus Osteuropa. Verlag Turia + Kant, 200 S., € 22,-


Erschienen im Falter 04/09

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Sonntag, 13. Juli 2008

Für eine Handvoll Wähler

KOMMENTAR AUSLAND Die Serben haben sich nicht wegen der EU am Sonntag zu ihrer demokratischen Haltung bekannt. Sie haben es trotz ihr getan. JOSEPH GEPP

Gute Nachrichten aus Brüssel für Belgrad sind selten, vor der Parlamentswahl jedoch trafen gleich zwei ein: Zunächst beschlossen 17 europäische Staaten den Erlass der Visagebühren von 35 Euro für jeden ausreisewilligen Serben. In einem Land mit einem durchschnittlichen Lohnniveau von 270 Euro brutto sind 35 Euro viel Geld. Wer zudem bedenkt, dass die Grenzen für das blockfreie Jugoslawien früher offen waren, kann sich ausmalen, was die rigiden Visabestimmungen für das heutige Serbien bedeuten, in dem 70 Prozent der Bevölkerung unter 27 noch nie im Ausland waren. Doch der Gebührenerlass war nicht die einzige frohe Botschaft: Tage zuvor hatte sich die EU zu einem Stabilisierungs- und Assoziationsabkommen (SAA) mit Serbien entschlossen. Voller Stolz fuhr Boris Tadic´, Staatspräsident und Chef der proeuropäischen Demokratischen Partei, nach Brüssel, um dort seine Unterschrift unter das Abkommen zu setzen. Sogar das bettelarme Albanien hat bereits ein SAA-Abkommen. Im Fall Serbien jedoch war das Ansinnen bisher stets mit Verweis auf die mangelnde Kooperation mit dem Tribunal von Den Haag abgewiesen worden.

Prompt folgte Kritik aus dem letzten Balkanland ohne SAA-Abkommen, Bosnien-Herzegowina: Die beiden mutmaßlichen Verantwortlichen für das Massaker von Srebrenica 1995 seien noch immer flüchtig, monierte der bosnische Außenminister Sven Alkalaj. Tatsächlich weckt das Vorgehen der EU den Verdacht, die internationale Kriegsverbrecherjustiz gelte nur, wenn Europa nichts zu verlieren hat.

Und diesmal hatte Europa etwas zu verlieren, und zwar ein ganzes Land. Am vergangenen Sonntag fanden in Serbien Parlamentswahlen statt. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo war die alte Regierung zerfallen. Nun stand ein proeuropäischer Block um Präsident Tadic´ einem nationalistischen und ultranationalistischen um Vojislav KosÇtunica und Tomislav Nikolic´ gegenüber. Die Wirtschaftslage ist wegen der Lebensmittelpreise kritisch, der Kosovo seit knapp zwei Monaten unabhängig - mit einem Sieg der Nationalisten wurde allgemein gerechnet.

Stattdessen geschah, was sogar nüchterne Nachrichtenagenturen als "Sensation" bezeichneten. Das proeuropäische Bündnis von Boris Tadic´ erhielt 38,8 Prozent der Stimmen. Tadic´ und seine Partner erreichen zwar mit diesem Ergebnis keine Mandatsmehrheit in der SkupsÇtina, dem serbischen Parlament - aber seine Gegner, die Nationalkonservativen und Ultranationalisten, tun dies ebenso wenig. Zünglein an der Waage ist nun die kleine Partei der MilosÇevic´-Sozialisten. Ihre 7,6 Prozent könnten Nationalisten wie Liberalen zur Regierungsmehrheit verhelfen. In welche Richtung ihr junger Parteichef Ivica DacÇic´ tendieren wird, ist derzeit nicht absehbar. Bis September jedenfalls muss die neue Regierung stehen.

Eine Pattsituation wird also zum kleineren Übel. Die Negativszenarien für die Zeit nach der Wahl hatten bis dorthin gereicht, dass Vojislav SÇesÇelj, in Den Haag inhaftierter Vorsitzender der Ultranationalisten, aus Mangel an Beweisen freikäme und nach einem fulminanten Wahlsieg seiner Partei serbischer Innenminister würde. Das hätte einen Schritt in eine neuerliche Diktatur bedeuten können. Alle Experten waren von einem Sieg der SRS ausgegangen - auch deshalb, weil die Proeuropäer in der Kosovo-Krise ein erbärmliches Bild abgegeben hatten: Sie hatten sich auch nicht weniger als die Nationalisten für einen Verbleib des Kosovo eingesetzt. Aber ihre Diktion war weniger radikal. Und die Bereitschaft, mit der EU zusammenzuarbeiten, machten die Nationalisten von der Kosovo-Frage abhängig, die Liberalen jedoch nicht. Dies alles weckte den Eindruck, als wäre der Einsatz der Proeuropäer für den Kosovo bloßes Lippenbekenntnis. Trotzdem hat Boris Tadic´ gewonnen. Hat sich Europas Politik der Geschenke und des Containment von Nationalisten ausgezahlt?

Nur scheinbar. Denn Europa hat im Fall Serbien viele Fehler gemacht. Die Erfolge der EU im Osten - Beitrittsprozesse unter Bedingungen - konnten in Serbien nicht greifen. Als der Kosovo nach dem NATO-Bombardement 1999 der UN unterstellt wurde, ließ man seinen Status zunächst offen. Jahrelang schwebte die Frage im Raum. Bei den Serben entstand so der Eindruck, der Status des Kosovo sei verhandelbar. Dass das Ergebnis der Verhandlungen die Unabhängigkeit, in Wahrheit allerdings von Anfang an feststand, gab den Albanern einen Trumpf in die Hand. Viele Serben wollten diese Situation nicht akzeptieren - deswegen machten sie die Ultranationalisten bei den letzten beiden Wahlen jeweils zur stärksten Kraft.

Umso erstaunlicher ist es, dass die SRS nun von den proeuropäischen Kräften überrundet wurde. Gerade jetzt, da das gefürchtete Szenario der Unabhängigkeit des Kosovo Wirklichkeit wurde. Vor zwei Monaten noch brannte in Belgrad die amerikanische Botschaft. Dass die aktuelle Abschaffung der Visagebühren und das SAA-Abkommen nur Instrumente einer europäischen Anlasspolitik sind, durchschauen die Serben natürlich ebenso sehr wie ihre Medien. Zwei hastige Freundschaftsbeweise können Jahre einer verfehlten Politik nicht ausgleichen. Man stelle sich - nur um sich die Situation Serbiens zu vergegenwärtigen - das Medienecho in der Kronen Zeitung vor, wenn die Österreicher vor einer Wahl mit EU-Geschenken zum richtigen Kandidaten bewegt werden sollen. Es ist erfreulich, dass sich die Serben trotz dieser Umstände für die Annäherung an Europa entschieden haben. Die Wirtschaft wird sich mit höheren Investitionen bedanken, die europäische Politik sollte es mit einer forcierten Annäherung tun - vor allem mittels weiterer Erleichterungen der Visaregelungen. Damit Serben endlich wie andere Europäer ins Ausland reisen können.

Detail am Rande: Tage vor der Wahl hatte SRS-Kandidat Nikolic´ Besuch aus Österreich. FPÖ-Obmann Strache warb in Belgrad für die Ultranationalisten. Wenn Strache die SRS für eine Art balkanisches Pendant der FPÖ hält, dann liegt er falsch. Es handelt sich dabei um ein ganz anderes Kaliber: SRS-Vorsitzender SÇesÇelj, Autor von Büchern wie "Die EU ist ein satanistisches Gebilde", sitzt derzeit im Haager Gefängnis, unter anderem wegen mutmaßlicher Vergewaltigung und Folter während des Kriegs. Sein Stellvertreter Nikolic´ sagte in den 90ern, er würde wenn nötig auch Wien bombardieren lassen. Kritiker der SRS werden mit rüden Methoden eingeschüchtert: Jovan Mirilo, der das berüchtigte Srebrenica-Video nach Den Haag schickte, wurde beispielsweise von SRS-Sympathisanten mit Morddrohungen aus seiner serbischen Heimatstadt vertrieben und hält sich seitdem in Wien auf. Für eine Handvoll serbischstämmiger Wähler in Österreich hat H. C. Strache nun dieser Clique von Demokratieverächtern und ehemaligen Kriegsverbrechern die Hand gereicht. In Serbien hat ihr das Wahlvolk allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht - es bleibt nur zu hoffen, dass auch die 300.000 Serben in Österreich das Kalkül solch einer Politik durchschauen.

Erschienen im Falter 20/08

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Donnerstag, 13. Dezember 2007

Identität war gestern

OSTUKRAINE Serhij Zhadan, junger Stern der ukrainischen Literatur, hat mit den Themen seiner Vorgänger abgeschlossen. Jetzt ist sein neuer Roman "Anarchy in the UKR" auf Deutsch erschienen. JOSEPH GEPP

In einer Gesellschaft, die Ziel und Richtung verloren hat, muss es
sich nicht schlecht leben. Glaubt zumindest Serhij Zhadan. Hat man
den Dauerzustand der Anarchie erst einmal akzeptiert, dann kann man
es sich in ihrer poetischen Unmittelbarkeit wohlig einrichten.
"Unerforschlich sind deine Wege, o Herr, was für sinnlose Begegnungen
bereitest du uns auf unseren nicht weniger sinnlosen Touren",
schreibt er in seinem neuen Buch "Anarchy in the UKR".

Die interesselose Betrachtung der Zwecklosigkeit gilt dem Autor
mehr als die zielgerichtete Suche. Das hängt auch mit seiner Herkunft
zusammen. Serhij Zhadan, 33, kommt aus Charkiw. Die zweitgrößte Stadt
der Ukraine liegt im äußersten Nordosten des Landes, nur wenige
Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Leute hier sprechen
mehrheitlich russisch. Den halbverfallenen galizisch-lodomerischen
k.u.k. Glanz der westlichen Landeshälfte kennen sie, wenn überhaupt,
nur vom Hörensagen. Industriearchitektur und Plattenbauten prägen
Charkiw. Einziger Prunk sind die Zuckerbäckerbauten Stalins. Der
Zerfall der Sowjetunion ließ die Bevölkerung Charkiws noch
desorientierter zurück als die Westukrainer: Die westliche
Landeshälfte träumt immerhin von Mitteleuropa und lebt in
verheißungsvoller Nähe zur westlichen Hemisphäre. Dem Osten der
Ukraine, der fast seine ganze Geschichte lang zur russischen
Peripherie zählt, bleibt nichts zur Rückbesinnung. Nur das
sowjetische Arbeiterklassenethos lieferte ein bisschen Identität, und
das ist vor den Augen der Menschen zerfallen.

Serhji Zhadans poetische Unmittelbarkeit entstammt dieser
Unmöglichkeit der Orientierung. Sein Roman "Depeche Mode" erschien im
Frühjahr in deutscher Übersetzung und schildert vier Tage der
Adoleszenz im chaotischen Charkiw aus dem Jahr 1993: "Die Fabrik
zerfiel wie alles im Land, was zu stehlen war, stahl der Direktor,
was nicht - machte er kaputt, sagen wir, er hielt sich an die
Instruktionen der Zivilverteidigung."

Es folgten Gedichtbände (von denen "Geschichte der Kultur zu
Anfang des Jahrhunderts" ebenfalls ins Deutsche übersetzt wurde) und
schließlich "Anarchy in the UKR". Serhji Zhadan wurde damit zum
Gegenpol der westukrainischen Literatur, die es sich zur Aufgabe
gemacht hat, dem Land eine neue Identität zu geben. "Charkiw hat eine
ebenso pulsierende Literaturszene wie Lemberg oder Ivano-Frankivsk.
Nur weiß das niemand", erklärt Zhadan. In Lemberg, westliche Ukraine,
Schauplatz der größten, alljährlich im September stattfindenden
Literaturmesse des Landes, leben und schreiben beispielsweise Ljubko
Deresch und Jurko Prochasko. In Ivano-Frankivsk, ebenfalls im Westen,
wohnt der bekannteste ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch
und eine Reihe anderer Autoren, die sich unter dem Schlagwort
"Stanislauer Kreis" versammelt haben - Stanislau ist der
deutschsprachige Name der ehemals österreichisch-ungarischen Stadt.
Diese Autoren publizieren im Suhrkamp Verlag und gelten im Westen als
vitale Vertreter ihres literarisch so aktiven Landes. "In der Ukraine
nennen wir sie die Achtzigerjahre-Generation", sagt Zhadan, der sich
nicht zu ihnen zählt. "Ich habe von Juri Andruchowytsch viel gelernt.
Aber wir sind in vielen Dingen verschiedener Ansicht."

Andruchowytsch ist alles andere als ein Vertreter poetischer
Unmittelbarkeit. In seinen Essays (siehe auch S. 68) setzt er sich
mit Kultur und Geschichte seines Landes auseinander, seine Romane
sind wohlkonstruierte Sinnsuchen, immer im Hinblick auf die
versunkene Welt Österreich-Ungarns. "Das sind Bücher über
Mitteleuropa, alle liberal in ihrer politischen Haltung, alle dem
europäischen Kurs verpflichtet."

Serhij Zhadan behauptet nicht, dass er all das nicht wäre. Es ist
bloß zu spät, um noch ernsthaft solche Haltungen zu propagieren: 17
Jahre nach der Wende geht alles seinen schleppenden Gang - ohne
Aussicht auf Besserung. Und so beschreibt Zhadan die Schönheit
flüchtiger Zugsbekanntschaften und die Poesie von Wodkabesäufnissen
im Bahnhofsbeisl. "Sag Nein zur nationalen Wiedergeburt, dich hängen
sie als Ersten auf, du störst ihren Politbetrieb, störst ihre
Absprachen, ihre frisierten Fernsehratings, du störst sie dabei, dich
zu verarschen, das Internet zu kontrollieren, Wahlkämpfe zu gewinnen,
die Demokratie aufzubauen", heißt es in seinem jüngsten Buch, das im
Titel die Sex Pistols zitiert.

Bloß ist UKR-Anarchismus im Gegensatz zum UK-Anarchismus kein
jugendkulturelles Phantasma, er prägt das ganze Land - oder zumindest
eine Landeshälfte. Keine Identität ist anstelle des
Arbeiterklassenethos getreten: "Vielleicht wird es irgendwann
abgetragen, dieses (Lenin-) Denkmal, sie schicken einen Kran und
demontieren es einfach, und an seine Stelle wird irgendeine
allegorische Figur installiert, die in den Augen der Nachkommen die
Vollendung der nationalen Befreiungsbewegung symbolisiert." Das ist
die Ostukraine seit der Wende. Und so handelt "Anarchy in the UKR"
davon, dass sich Zhadans Icherzähler in seiner Heimatgegend auf die
Suche nach den Spuren des ostukrainischen, nach dem Zweiten Weltkrieg
von den Sowjets zerschlagenen Anarchokommunismus macht. Nach
irgendwas muss man ja doch suchen. Auch wenn es nichts zu finden
gibt.

Serhij Zhadan: Anarchy in the UKR. Aus dem Ukrainischen von
Claudia Dathe. edition suhrkamp, 216 S., € 10,30

Erschienen im Falter 50/07

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