Medien

Mittwoch, 26. Januar 2011

Abschied Ost

Osteuropas goldene Zeit ist vorbei. Jetzt ziehen sich westliche Konzerne zurück - allen voran die Mediengruppe WAZ

Bericht: Joseph Gepp

Katastrophal sei die Situation der Medien in Südosteuropa. Vergiftet von den engen Verflechtungen zwischen nationalen Oligarchen und politischer Macht. Ein Zukunftsmarkt sei der Osten deshalb längst nicht mehr. Davor verschließe Westeuropa die Augen, "ich finde diesen Zustand deprimierend“.

Kein kritischer Querdenker und keine zivilgesellschaftliche Organisation fand solche Worte. Sondern einer, dessen Berufsstand sonst eher Zurückhaltung gebietet. Bodo Hombach, 58, deutscher Spitzenmanager, steht der Mediengruppe WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) in Essen vor. Seit dem Sommer lässt er immer wieder mit Kritik an Osteuropa aufhorchen. Hombach spricht von Verkaufsabsichten seiner Firma. Die Worte könnten einen Umbruch im Osten bedeuten. Eins sagen sie aber auf jeden Fall: Der Goldrausch ist vorbei.

Hombach weiß, wovon er spricht. Vor seinem Antritt bei der WAZ diente der frühere SPD-Politiker als EU-Balkankoordinator. Mit diesem Vorwissen ausgestattet, trieb er bei seinem neuen Arbeitgeber ab 2002 eine Expansion fort, die selbst in Zeiten der Hochkonjunktur ihresgleichen suchte. Als eines der ersten Medienhäuser hatte die WAZ schon Anfang der 90er am Balkan investiert. In 15 Jahren war sie auf diese Weise von einem Betrieb, der deutsche Regionalblätter wie die Westfalenpost und Thüringer Allgemeine herausgibt, zu einem der wichtigsten europäischen Medienkonzerne aufgestiegen. Sie kaufte Printprodukte in Ungarn, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Montenegro, Albanien und Russland - neben Österreich, wo die Deutschen seit 1988 je die Hälfte an Krone und Kurier besitzen. In Bulgarien etwa kontrollierte die WAZ bis zu 85 Prozent des Printmedienmarktes. Dagegen wirkt selbst Österreichs vielkritisierte Konzentration pluralistisch. Die WAZ machte im Osten reiche Ernte, weil sie im richtigen Moment die Zeichen der Zeit erkannt hatte.

Erkennt sie sie jetzt wieder?

Unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit spielt sich derzeit auf europäischen Medienmärkten eine Umwälzung mit ungewissem Ausgang ab. Denn auf Hombachs harsche Osteuropa-Kritik vom Sommer folgen prompt Taten. Sukzessive stößt die WAZ Anteile ab. Das Imperium in Bulgarien wurde im Dezember 2010 ebenso zur Gänze verkauft wie ein kleineres in Rumänien. In Serbien trägt man sich mit Verkaufsabsichten, über Ungarn wird spekuliert. Noch ist nicht klar, wer am Ende profitieren wird, ob sich die Rochaden als förderlich oder hinderlich für die Demokratisierung erweisen werden. In Bulgarien etwa übernahm eine Investorengruppe um Kaiserenkel Karl Habsburg-Lothringen die Anteile, deren Zukunft bislang kaum einzuschätzen sind. In Serbien könnten, wie in Rumänien, lokale Geschäftsleute mit teils undurchschaubaren Absichten nachfolgen. Für andere Beteiligungen interessieren sich Westfirmen wie der deutsche Springer-Konzern oder Ringier aus Zürich, der den Schweizer Blick verlegt.

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"Ich finde diesen Zustand deprimierend“: Bodo Hombach kündigt dem Osten die Freundschaft auf (Bild: Horizont)

Doch die große Zeit des Westens im Osten scheint nicht nur für die WAZ vorbei.

Hinter der politischen Situation, die Hombach beklagt, steht eine Wirtschaftslage, deren Krise - im Gegensatz etwa zu Österreich - seit 2008 unverändert fortdauert. Springer und Ringier kämpfen ihrerseits bei Ostbeteiligungen mit großen Verlusten. Werbeerträge sacken in ganz Osteuropa ab. Die Zahl der Inserate in rumänischen Tageszeitungen etwa sank allein 2009 um 70 Prozent, in kroatischen um 45. Die im Osten getätigten Auslandsinvestitionen hätten sich 2010 das zweite Jahr in Folge halbiert, erklärt Gábor Hunya vom Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Immobilien, Banken, Medien - der Boom ist vorbei.

Dazu kommt ein allgemeines Desinteresse vonseiten der internationalen Politik und Öffentlichkeit. Die USA kämpfen mit eigenen Schulden, die EU bangt um ihre Gemeinschaftswährung. Die Erweiterungen sind darüber ebenso ins Stocken geraten, wie Beitrittsperspektiven für Kandidaten an Reiz verloren haben. Sind das nur temporäre Krisenphänomene? Oder rutscht Osteuropa, wie Bodo Hombach meint, dauerhaft in Korruption, Cliquenwirtschaft und Pressegängelung ab?

Manches deutet darauf hin. Das neue Mediengesetz in Ungarn beispielsweise ist nur der derzeitige Höhepunkt einer gesellschaftlichen Radikalisierung, die sich seit 2006 bemerkbar macht. Auch der jährliche Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen verheißt nichts Gutes: In den Rankings sind in fünf Jahren neue EU-Länder wie Rumänien und Bulgarien, aber auch Beitrittskandidat Kroatien hinter Länder wie Ghana, Namibia oder die Kapverden gerutscht.

Oliver Vujovic von SEEMO, der in Wien ansässigen "South East Europe Media Organisation", sieht dafür zwei Gründe. Erstens fehle den EU-Staaten der Reformantrieb der Beitrittszeit - in Rumänien, Bulgarien und Ungarn würden Seilschaften aus Wendegewinnlern neu erstarken. Zweitens würden unabhängig davon Medien am radikal verkleinerten Werbekuchen leiden, sagt Vujovic. "Wenn am Balkan ein Journalist Material über einen Geschäftsmann zugespielt bekommt, dann muss er - viel mehr als vor ein paar Jahren - erst rechnen: Kann sich mein Medium eine Veröffentlichung leisten? Oder werden ihm die wegfallenden Inserate den Hals brechen?“ Vor allem wirtschaftlich gesehen seien Medien weniger frei als früher, ergänzt Branimir Zekic, Journalist aus Zagreb: "Viele kroatische Zeitungen, die nach dem Krieg Demokratisierung bewirkt haben, sind zu Sprachrohren ihrer Inserenten verkommen.“

Im konkreten Fall WAZ bezweifeln Beobachter aber, dass es dem Konzern allein um die hehre Pressefreiheit geht. "In Singapur zum Beispiel boomt der Markt, aber die Presse ist absolut unfrei“, sagt ein Insider, "das schaue ich mir an, dass eine WAZ dort nicht gern investieren würde.“ Vielmehr seien die desaströsen Wirtschaftszahlen Hauptgrund für den Rückzug. Und wenn Bobo Hombach politische und gesellschaftliche Gründe vorschiebe, liege dies wohl weniger am wirklichen Stand der Pressefreiheit in den Oststaaten - als an den konkreten Erfahrungen, die die WAZ mit manchen ihrer Beteiligungen machte.

Um diese Erfahrungen zu verstehen, muss man das wichtigste strategische Instrument des Konzerns kennen: das sogenannte "Mantelkonzept“. Zum Einsatz kommt es, seit sich die WAZ nach dem Jahr 1948 mit dem Sanktus der Besatzungsmächte Zeitungen im Ruhrgebiet einzuverleiben begann. Das Mantelkonzept besagt: Autonomie einzelner Redaktionen bei größtmöglichen Synergien in den Bereichen Druck, Vertrieb, Verwaltung und Anzeigen.

Das heißt, dass eine WAZ-Zeitung kein WAZ-Weltbild transportieren muss. Dies ist nicht selbstverständlich, wie etwa ein Blick auf Rupert Murdochs Medienimperium zeigt, das aus allen Rohren seine konservative Ideologie trompetet. Bei der WAZ hingegen arbeiten Redaktionen autonom. Ideologisch können die Blätter verschieden sein, solange für den Mutterkonzern die Kasse stimmt. Und dafür sorgt weniger die schreibende Zunft selbst als vielmehr eine maximale Straffung und Zentralisierung.

Das Mantelkonzept bringt der WAZ große Wettbewerbsvorteile - und vermeidet gleichzeitig inhaltliche Gleichschaltung. Es entwaffnet vordergründig Kritiker, für die Medienmonopole die Meinungsvielfalt gefährden. Unter dem Dach der WAZ existiert sie ja. Dass die Wirklichkeit jedoch nicht so einfach ist, zeigt ein Beispiel aus Österreich: Seit 1988 bündelt die WAZ in der Mediaprint die Wirtschaftstätigkeiten von Kurier und Krone. Weltanschaulich verschieden sind die Blätter zwar trotzdem - andere Zeitungen haben es aber bedeutend schwerer, neben ihnen zu bestehen.

Kurz darauf wurde das Mantelkonzept in den Osten transferiert. Dort bescherte es der WAZ vorerst Erfolge. Oliver Vujovics Organisation SEEMO etwa bescheinigt gerade Bulgarien mit seinem WAZ-Monopol Meinungsvielfalt und journalistische Qualität. Ein ähnlich positives Resultat ergab 2006 eine OSZE-Untersuchung von Mazedonien, wo der Konzern die drei größten Tageszeitungen kontrolliert.

Einen Aspekt jedoch hat Hombach übersehen, als er dem Osten das Mantelkonzept brachte: Damit es funktioniert, braucht es tiefe Eingriffe. Man muss Abteilungen auflösen, Druckereien zusammenlegen, Verwaltungsebenen streichen. Und das betrifft die Einflusssphären lokaler Partner.

Zum ersten Streit zwischen der WAZ und Miteigentümern kam es 2004 in Rumänien, als der Konzern einen Geschäftsführer abberief. Wahrhaft unappetitlich wurde es aber erst in Serbien. Hier hatten die Deutschen 2001 die Hälfte der Tageszeitung Politika erworben. Nun sahen sie sich einer feindlichen Clique gegenüber, die auf korrupte Politiker ebenso zählen konnte wie auf eine deutschfeindliche Öffentlichkeit. In der darauffolgenden jahrelangen Schlammschlacht agierte auch die WAZ undurchsichtig. So hatte ein serbischer Strohmann für den Konzern Zeitungsanteile erworben und die Herausgabe verweigert.

Am Ende richtete der Wirtschaftsminister den Deutschen aus, sie seien in Serbien nicht willkommen. Dies erzählte er - quasi ein später Erfolg des Mantelkonzepts - ausgerechnet einem WAZ-Blatt. Darauf kündigte Hombach den Rückzug an. Laut Spiegel hat man ihn "auf eine Weise an der Nase herumgeführt, die romanfüllend ist“.

Seitdem findet sich Serbien ganz oben auf Hombachs Liste, wenn es um mangelnde Pressefreiheit geht. Dicht gefolgt von Rumänien.


Steier im Südosten: die Zukunft der
Auslandsbeteiligungen der Styria-Gruppe

:: Bei all den Rückzügen aus Osteuropa stellt sich natürlich die Frage, wie es um die Beteiligungen der Styria-Gruppe steht. Der Grazer Konzern, der hierzulande etwa Presse und Kleine Zeitung herausgibt, besitzt Printmedien in Montenegro, Slowenien und vor allem Kroatien. Demgemäß unterstellten Beobachter gleich nach Bodo Hombachs Rückzugserklärung aus Serbien den Steirern Ambitionen. Doch auch die gehen inzwischen vorsichtig zu Werk. Im Standard-Interview sprachen die Geschäftsführer Wolfgang Bretschko und Klaus Schweighofer kürzlich über "Konsolidierungsphasen" und "Strategiewechsel". Auf Falter-Nachfrage präzisiert Finanzchef Peter Irlacher: "Mittel- und langfristig" wollte man die Expansion in Südosteuropa schon fortsetzen, wenn auch "gebremst". Zielländer sollen laut Irlacher hauptsächlich Serbien und Bosnien-Herzegowina sein.


Die Beteiligungen

Österreich
Styria: Presse, Kleine Zeitung, Wirtschaftsblatt, Furche, Regionalblätter, Wienerin, Miss, SportWoche etc.
WAZ: Krone (50 %), Kurier (49 %), gemeinsame Tochter Mediaprint, via Kurier Beteiligung an Verlagsgruppe News mit u.a. News, Profil, Format, TV-Media, Trend

Ungarn
WAZ: fünf regionale Tageszeitungen, ein Nachrichtenmagazin, Internetportale, Druckereien
VERKAUF NICHT AUSGESCHLOSSEN

Slowenien
Styria: größte Tageszeitung, weitere Tageszeitung, Wochenzeitungen

Kroatien
Styria: größte Tageszeitung, größte Boulevard-Tageszeitung, Wirtschaftszeitung, Internetportale
WAZ: 49 % an zweitgrößter Tageszeitung, Sport- und Wirtschaftstageszeitung, 18 Zeitschriften

Serbien
WAZ: 50 % an Tageszeitung, Sportzeitungen
VERKAUF GEPLANT

Montenegro
Styria: 25 % an Tageszeitung

Mazedonien
WAZ: Verlage, größte Tageszeitung, weitere Zeitungen

Rumänien
WAZ: Anteile an Zeitung Romania Libera
VERKAUFT

Bulgarien
WAZ: größte und zweitgrößte Tageszeitung, Magazine, sieben Zeitschriften, Druckhäuser, Verlage
VERKAUFT

Erschienen im Falter 4/2011

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Montag, 22. November 2010

Mit freundlicher Unterstützung von

Joseph Gepp

Dass der Staat in Österreich Medieninhalte finanziert, ist so gängig, dass es kaum noch hinterfragt wird. Soll das so sein?

Diesen Seiten entstanden in redaktioneller Unabhängigkeit in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Bundesregierung. Mit freundlicher Unterstützung des Europäischen Integrationsfonds. Dieses Projekt wird vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur kofinanziert.

Ob es nun – um nur drei Beispiele von vielen zu nennen – der Logofriedhof unter dem Technologiejournal im Standard ist, die Migrantenseite des Vereins M-Media in der Presse oder das dem Falter beiliegende Wissenschaftsmagazin Heureka: Kooperationen von österreichischen Medien mit staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen begegnen dem Leser so häufig, dass er sie kaum noch wahrnimmt. Weder gelten sie als bedenklich noch als störend, dienen sie doch der guten Sache. Den gesellschaftlichen Wert von Bildung sollen sie beispielsweise fördern oder die produktive Kraft ethnischer Vielfalt – wer wird an solchen Zielen schon zweifeln.

Journalistisch unsauber sind derartige Kooperationen nicht, weil Logos und Floskeln über ihren Hintergrund und Zweck aufklären – zumindest was Qualitätsmedien betrifft. Dazu ergänzen sie Themen, die der freie Medienmarkt scheinbar nicht im ausreichenden Maß abdeckt: Migranten, Europäische Union, Forschung, Wissenschaft, Vielfalt, Minderheiten, mittelständische Betriebe – nicht selten wird der aufmerksame Leser neben solchen Geschichten einen Hinweis auf einen Sponsor entdecken. Der österreichische Sozialstaat kümmert sich demnach nicht nur ums Schulwesen und die Pensionsvorsorge. Er sorgt auch dafür, dass in der Zeitung steht, was wir lesen sollen.

Diese Praxis sagt zum einen viel über das österreichische Staatsverständnis aus. Denn was vom Staat mittels Finanzierung in gewisser Weise für befunden wird, geht in der Wahrnehmung des Lesers durchaus als echter Journalismus durch – man denke an zahlreiche gesponserte Wissenschaftsstrecken. Würde hingegen McDonald's ein Ernährungsheft sponsern oder Novartis ein Forschungsressort – das Ergebnis würde, wahrscheinlich zu Recht, viel stärker als Werbung empfunden werden.

Zum anderen führt die Praxis zur Frage, ob das Vertrauen in den Staat auch gerechtfertigt ist. Dürfen wir uns als Medienkonsumenten zurücklehnen und daran glauben, dass behördlich autorisierte Informationen richtig sind oder zumindest nicht bewusst in die Irre leiten?

Dazu ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, im Jahr 2030 gründet die Regierungspartei FPÖ eine Kommunikationsagentur zur Aufwertung von Heimatliebe und Traditionsbewusstsein. Die Agentur finanziert Zeitungsbeilagen zu alpinen Brauchtümern oder steirischer Trachtenkultur. Diese Geschichten sind informativ und weltanschaulich völlig unbedenklich; jeder Leserbrief in der Kronenzeitung klingt aggressiver und chauvinistischer als sie. Darf man ihnen deshalb vertrauen? Oder resultieren sie nicht doch aus einer Geisteshaltung, die auf Angstmache und Abgrenzung fußt?

Das ist natürlich ein polemischer Vergleich. Was derzeit an Medienkooperationen existiert, hat keinen menschenfeindlichen Hintergrund; stattdessen soll gefördert werden, was in den Augen des Sponsors sonst zu kurz käme. Und was abgesehen davon als Ideologie mitschwingt, ist völlig harmlos.

Die Frage ist aber – und das soll das Gedankenexperiment mit der Heimatliebe zeigen: Muss das immer so sein? Läuft man, wenn man sich als Medium auf Kooperationen mit dem Staat einlässt, nicht Gefahr, eines Tages mit bedenklicheren Subtexten konfrontiert zu sein als beispielsweise dem Wert von Vielfalt und Bildung? Natürlich, das Medium kann in diesem kritischen Moment immer noch die Zusammenarbeit aufkündigen. Aber sollte es einmal soweit sein: Hat die jahrelange Praxis von Kooperationen nicht schon dazu geführt, dass kofinanzierte Medieninhalte vom Leser längst als normaler, unabhängiger Journalismus wahrgenommen werden? Und kann man es sich als Medium dann überhaupt noch leisten, auch ohne staatliche Hilfe finanziell über die Runden zu kommen?

Dies soll kein Pamphlet gegen Kooperationen sein. Vielleicht sind sie hierzulande sogar unentbehrlich – in einem Staat mit schwach ausgeprägten Qualitätsmedien, lautem Boulevard und ebensolchen Populisten auf politische Bühne. Aber ein Faktum darf man in derartigen Angelegenheiten nicht vergessen: Wer zahlt, der hat auch ein Interesse.

Erschienen auf thegap.at am 22.11.2010

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Mittwoch, 27. Januar 2010

Das Schlachtschiff des analogen Zeitalters

Ein Medium wie für die Ewigkeit: Der ORF-Teletext feiert sein 30-jähriges Bestehen. Wir verneigen uns voll Ehrfurcht

Eloge: Joseph Gepp

Auf der Fernbedienung den Teletext-Knopf zu drücken ist ungefähr so, als würde man ein Lokal betreten, in dem seit Jahrzehnten kein Sessel ausgewechselt wurde und die handgeschriebene Liederliste in der Jukebox immer noch die Schlagercharts des Jahres 1972 zeigt. Und man denkt sich: „Mein Gott, ist das schön.“

Nun feiert der ORF-Teletext, der älteste seiner Art in Kontinentaleuropa, sein 30-jähriges Bestehen. In seiner Geschichte wechselten die Macher, auch wenn der herrlich anachronistische Eindruck aufs Gegenteil schließen lässt, durchaus einige Sessel aus: Die Seiten mehrten sich, wurden polykoloriert; und zum Durchknattern eines kompletten Zyklus von Seite 100 bis Seite 800 braucht das Wunderding nunmehr nur noch 16,5 Sekunden. Wie eine Internetseite in den Neunzigern.

Trotzdem: Er bleibt der alte Teletext. Sein Eindruck ändert sich nicht wesentlich, bei allen Neuerungen. Er ist das unzerstörbare Schlachtschiff des analogen Zeitalters, täglich von einem Drittel der Österreicher konsumiert. Er ist das neben der Kronen Zeitung eindrucksvollste mediale Beispiel für die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, wie der deutsche Philosoph Ernst Bloch das genannt hätte, koexistierend neben Hochglanzmagazinen und digitalen Fernsehsendern. Er ist das „Internet des kleinen Mannes“, wie die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sagen. Nur ist der Teletext – im Gegensatz zum Internet – übersichtlich gegliedert, halbstaatlich kontrolliert, ohne Nazis, Pornos und bissige Postings.

In Zeiten der Informationsüberflutung verrichtet er damit einen psycho-hygienisch nicht zu unterschätzenden Dienst: Er kappt alles Unnötige, stutzt das Nötige auf ein – oft unfreiwillig komisches – Mindestmaß zusammen und vermanscht dies alles zu einem wohltuend-unprätentiösen Brei aus Nachrichten, Wetter, Fußball und Fernsehhighlights.

Wobei uns der ORF sogar die Freude macht und die anachronistische Anmutung ins Absurde steigert, indem er den Teletext als Ganzes ins Internet stellt, sogar inklusive Seitensuchfunktion. Auf http://teletext.orf.at findet man so eine Art Unterinternet, eine Insel der Erwartbarkeit inmitten virtueller Anarchie, garantiert jugendfrei.

Aus all diesen Gründen: Alles Gute zum Geburtstag, Teletext! Bleib, wie du bist! Wie wir dich kennen und lieben. Verfall nicht den 1000 Verführungen der Audiovisualität! Für die nächsten 30 Jahre.

Erschienen im Falter 4/10

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Mittwoch, 29. Juli 2009

Zeit am Schirm – TV-Schau II

Sie gehören zu den Menschen, die glauben, dass Religion keinen Einfluss mehr auf unser Leben hat? Dass wir so was längst überwunden haben? Dann vergleichen Sie doch die „Zeit im Bild“ mit der „Tagesschau“. Erstere, letzten Donnerstag: Es zischt, es kracht, die Vidi-Wall flimmert, auf 38,5 Grad Hitze folgen golfballgroße Hagelkörner in Vorarlberg, Minister Pröll kehrt vorschnell von der „grandiosen und imposanten“ Bregenzer Aida-Aufführung zurück, um sich in Wien mit Steuerlappalien zu quälen. Dann, 15 Minuten später, meldet sich das Erste Deutsche Fernsehen mit der „Tagesschau“: Ein älterer Herr rückt seine Brille zurecht, blättert ruhig in den Notizen, schreitet gemächlich zu langen und langsam gesprochenen Beiträgen. Zufall? Verschiedene Arten, Werbeumfelder zu stimulieren? Oder hält man Österreicher mit 38,5 Grad Hitze bei der Stange, während man Deutschen komplizierte Eigentümerstrukturen bei VW näherbringt? Wir vermuten, es ist der Protestantismus. Die Deutschen sind halt einfach textlastiger. Leben wir damit.

Erschienen im Falter 31/09


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Freitag, 24. Juli 2009

Zeit am Schirm – TV-Schau

Donnerstagnacht rappelt sich der ORF oft zu dem auf, was er in besten Momenten sein könnte, wenn er es nur sein wollte. Da wird er plötzlich intelligent, frech und witzig, wie es ihm kaum jemand im deutschen Sprachraum gleichtun kann. Außer im Sommer. Denn dann machen Humoristen offenbar Urlaub, und eine Collage an lieblos zusammengestelltem Archivmatsch ersetzt das frisch produzierte Fernsehkabarett. In solchen lauwarmen Sommernächten greifen routinierte Fernsehkonsumenten (dem heimischen Staatsfernsehen selbstverständlich treu bleibend) auf Fremdproduziertes zurück. Zum Beispiel auf „Little Britain“, gleich im Anschluss. Das ist genialer Humor. Das straft alle Lügen, die den Verfall von Fernsehkultur beklagen. Denn vor 30 Jahren war wahrscheinlich auch nur weniges im Programm richtig gut. Und jetzt nimmt sich „Little Britain“ gesellschaftliche Typen so subtil und brachial zugleich vor, dass es eine Wohltat ist. Humor als Befreiung. Und das in Originalsprache. Und das im Staatsfernsehen. Hierfür: Danke, ORF.

Erschienen im Falter 30/09

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Freitag, 5. Juni 2009

Kurier: Ein sportliches Leitmedium mit Interessen?

Leser meinen, sie habe die Nase vorn. "ZiB"-Sprecher Armin Wolf sagt, sie ermittle intensiver als die Behörden. Ihre Exklusiv-Storys - etwa über Lisa Hütthaler - erregen Aufsehen.

Viel Lob für den Sport im Kurier: In investigativen Bereichen gilt er als Instanz, die kritisch auf Machtkonstellationen blickt, als Leitmedium sauberen Sportjournalismus in Österreich.

Wer im Archiv stöbert, stellt jedoch fest, dass der Kurier innerhalb eines Jahres seine Meinung um 180 Grad gedreht hat. Und zwar in einer Causa, die zwei mächtige und verfeindete Institutionen betrifft: das Österreichische Olympische Comité ÖOC und den Skiverband ÖSV, persönlich vertreten von zwei Männern, ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth.

Der Streit tobt seit 2006, als man bei Österreichs Langläufern und Biathleten in Turin Dopingzubehör findet. Das ÖOC sperrt in der Folge 13 ÖSV-Trainer und -Sportler, ein Ausschluss aus aus der olympischen Familie durch das IOC steht im Raum, eine Million Dollar Strafe folgen. Die Folge: Schröcksnadel schäumt. Und setzt einen Detektiv auf den - mittlerweile zurückgetretenen - Generalsekretär Jungwirth an. Dieser liefert Material über ein angebliches Luxusanwesen Jungwirths und ein "Leben auf großem Fuß".

Der Kurier erfährt davon - und thematisiert Anfang 2008 die zweifelhaften Methoden des ÖSV. Von der "echten Belastung Schröcksnadel" ist die Rede, vom "Vorbild DDR", einer "grauen Welt, die mit Sport nichts zu tun hat". Jungwirth darf sich ausführlich über derlei Praktiken empören.

So weit, so klar und richtig. Am 18. Jänner 2009 jedoch, ein Jahr später, bringt der Kurier neuerlich einen Artikel zur Causa - unter völlig anderen Vorzeichen: Heinz Jungwirth ist nunmehr "Reizfigur" mit "feudalem Lebensstil". Große Bilder zeigen sein "Herrschaftshaus samt Fuhrpark".

Die Informationen stammen offenbar aus besagtem Detektivbericht. Genau darüber hat sich der Kurier im Jahr zuvor empört. 2009 ist allerdings von einem Detektiv keine Rede mehr. Stattdessen dient sein Material - ohne Quelle - zur Kritik an Jungwirth.

Was sind die Gründe für den plötzlichen Schwenk? Damit konfroniert, sagt Kurier-Sportchef Rainer Fleckl: "Die Faktenlage zu Jungwirth hat sich dramatisch geändert." Aufklärungswürdige Zahlungsflüsse und Aussagen hätten sie erweitert. Und jetzt stehe der einstige Saubermann Jungwirth eben in neuem Licht da.

Das ist teilweise richtig - tatsächlich berichtete der Kurier über Geldflüsse im Zusammenhang mit Salzburgs Olympiabewerbung 2014 und Jungwirth. Aber im Zentrum der Berichte stehen nicht die Zahlungen - sondern das Detektivpapier, das man 2008 kritisierte und 2009 unter dem Tisch verschwinden ließ. "Das geschäftliche und private Umfeld Jungwirths", sagt dazu Fleckl, "recherchierten wir erst, nachdem aufgrund der uns vorliegenden Urkunden seine Glaubwürdigkeit und Rolle als Saubermann massiv erschüttert waren."

Falter 23/09




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Mittwoch, 6. Mai 2009

Kurz besprochen

Ob ein Leben spannend ist oder nicht, hängt nicht von seinem Verlauf ab. Sondern von seiner Darstellung. Das weiß jeder, der Harald Martenstein liest. Allwöchentlich schreibt der Mainzer Journalist und Romancier eine Kolumne im Zeit-Magazin, sie gilt als eine der besten im deutschen Sprachraum. Jetzt fasst "Der Titel ist die halbe Miete" die gelungensten dieser Stücke zusammen.

"Mehrere Versuche über die Welt von heute", lautet der Untertitel, aber es sind keine Versuche: Es sind Bravourstücke. Was der Kolumnist Harald Martenstein anfasst, wird zu Gold, so pointiert, so witzig, so herrlich über- oder untertrieben ist es. Wenn er Gott und den Teufel ins Rennen um Google-Treffer schickt, wenn er ein System in der Abfolge der Liebesbeziehungen von Carla Bruni in deren präpräsidentialer Phase sucht oder wenn er über seinen groß gewordenen Sohn räsoniert, der vom Erasmus-Jahr in Australien zurückgekehrt ist und jetzt chillt.

Martenstein ordnet scheinbare Banalitäten in den Kontext der Lebens- und Gedankenwelt unserer Zeit ein, er deutet sie um, wortgewaltig und lakonisch. Und umreißt damit diese Welt der 1000 Informationen und Kommunikationen. Was fast niemandem in deutschsprachigen Medien so brillant gelingt wie ihm.

Harald Martenstein, Der Titel ist die halbe Miete. C. Bertelsmann, 176 S., € 16,50

Erschienen im Falter 19/09

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Mittwoch, 15. April 2009

Mogulpackung - Der nette Herr Graf und die Jungschreiber

Chilli.cc, nunmehr von der Presse gesponsertes Online-Jugendmagazin, hat Ärger mit dem Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf. Der wollte wegen einer rufschädigenden Satire klagen. Und weil das für die jungen Chillianer existenzgefährdend gewesen wäre, stimmten sie zähneknirschend einem Ausgleich zu: 500 Euro Strafe und unentgeltliche FPÖ-Werbeeinschaltungen. Jetzt triumphiert Graf in seinem Weblog wie ein Bursche, der eine Rauferei gewonnen hat. "Das wird meine Freunde vom Ring Freiheitlicher Studenten freuen. Werbung, wo Studenten sich aufhalten. Chilli.cc macht's für eine Fraktion mit kleinem Budget möglich." Entspricht das eigentlich dem Burschenschafts-Ehrenkodex?

Erschienen im Falter 16/09

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Mittwoch, 4. Februar 2009

Kabale um Chilli - Jetzt berichten die Großen

"Jugend ohne Zeitung“: Im September verkündete der Falter voreilig das Ende des Onlinejugendmagazins Chilli.cc. Aber dann kam Die Presse, schoss Geld und Equipment zu, und alles war wieder eitel Wonne – bis vergangenen Montag: Da berichtete das profil über Ausbeutung von Chilli-Mitarbeitern und rüde Methoden des Herausgebers Janos Fehérváry, die sich auch unter der Presse-Ägide nicht geändert hätten. Trotz scharfer Formulierung sei das im Kern richtig, behaupten Insider. Jetzt allerdings schlägt Fehérváry im Online-Standard zurück: Er orte einen „Rachefeldzug“ einer Ex-Chilli- und nunmehrigen profil-Mitarbeiterin. Und kündigte eine Klage an – wegen eines unerlaubt verwendeten Fotos zum profil-Artikel.

Erschienen im Falter 6/09

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Freitag, 31. Oktober 2008

"Bestens informiert" oder lieber doch nicht?

Bitte keine Werbung: Wie die Post mit einer Werbeaktion Reklameverweigerer zum Umdenken bewegen möchte

Bericht: Joseph Gepp

An diesem Tag finden sich neben Briefen und Rechnungen im Postkasten: ein Billa-Prospekt, ein Bauhaus-Prospekt, Winterreifenwerbung, eine Einladung zum Kieser-Training-Schnuppertag, eine Bezirkspostille, ein Flugblatt mit den "Top-Neuheiten" einer Elektronikkette. Und "Schecks" für die Tageszeitung Österreich im Wert von 50 Cent pro Exemplar, inklusive Glamour-Heftchen und Fernsehprogramm.

Viel Müll, wenig Informationen. Für eine Großfamilie mag es sich rechnen, den Stapel durchzuarbeiten und herauszufinden, wo ein Gutschein Ersparnis bringt oder ein Produkt billiger ist. Im Normalfall aber liegt der Aufwand weit über dem Ertrag.

Wer nun den Postler per handgeschriebenem Zettel darum bittet, die Werbeflut am Briefkasten vorbeizuleiten, wird keinen Erfolg haben. Eine eigene Agentur sei für die Verwaltung der Adressen von Werbeverzichtern zuständig, erklärt die freundliche Frau bei der Post-Hotline. Ein Brief sei daher zu schreiben (Kennwort "Werbeverzicht", Postfach 500, 1230 Wien). Dann kommt man auf eine Liste. Und danach erst wird das ersehnte Pickerl zugestellt: "Bitte keine Werbung".

Die Post allerdings sieht derlei potenzielle Konsumverweigerung nicht gerne. Aus diesem Grund läuft momentan eine große "Informationskampagne". "Bestens informiert" lautet ihr Name.

Per Zusendung sollen alle werbefreien Haushalte davon überzeugt werden, ihre Anti-Werbung-Aufkleber abzukratzen. Wahlweise kann auch ein "Bestens informiert"-Pickerl darübergeklebt werden.

"Nutzen Sie noch heute Informationsvorsprung durch Prospektwerbung", steht in der Zusendung. Und: "Riskieren Sie ab sofort wieder einen Blick in die Fülle von Einkaufsvorteilen und Sparangeboten." Wem das noch nicht Anreiz genug ist, den locken zusätzlich Warengutscheine im Wert von 170 Euro und die Teilnahme an einem Gewinnspiel um eine Städtereise "in eine der angesagtesten Shopping-Metropolen Europas".

Wer die Antwortkarte ausfüllt und seinen Werbeverzicht rückgängig macht, der gibt gleichzeitig mittels kleingedruckter Klausel am unteren Seitenrand die "ausdrückliche Einwilligung" zur "Weitergabe der oben angeführten Daten für Marketingzwecke".

"Wir verdienen ja an Produktwerbungen", erklärt Konzernsprecher Michael Homola die Gründe der Kampagne. "Wenn jemand eine Postwurfsendung in Auftrag gibt, dann liegt es im Interesse der Post, dass möglichst viele Menschen die Aussendung bekommen." Und die Weitergabe der Adressen erfolge "ausschließlich an Kooperationspartner dieser Kampagne, also zum Beispiel an TUI, das die Städtereisen organisiert".

Vier Tage später ist das "Bitte-keine-Werbung"-Pickerl endlich da. Jetzt liegen keine Prospekte mehr im Postkasten. Dafür Rechnungen und ein persönlich adressierter Brief von der Wien Energie, der auf das "langfristig steigende Preisniveau" bei Strom und Gas hinweist. Eigentlich auch nicht ideal.


Erschienen im Falter 44/08

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