Kurioses

Mittwoch, 16. Februar 2011

Nachgerade genial: Martin Grafs Indien-Rechnung

Joseph Gepp

Der Martin aus Kagran versteht die Welt nicht mehr. Da fährt er nach Indien, war eh nicht sein Land, war vor allem dreckig. Da spricht er eine einfache und deshalb nachgerade geniale Wahrheit aus, er ist ja nicht umsonst Dritter Nationalratspräsident. Wenn jeder der 1,2 Milliarden Inder nur einen Tag lang Besen und Schaufel in die Hand nähme, sagt er, es sähe gleich ganz anders aus in Indien. Und schon schreien in der Heimat die gstudierten Gfraster. Dabei bräuchten sie nur nachrechnen. 3,3 Millionen Quadratkilometer Indien durch 1,2 Milliarden Inder - ergibt 2750 Quadratmeter. Das ist ein Drittel Fußballfeld pro Inder. So was schafft der FC Hellas Kagran mit deutschösterreichischer Gründlichkeit im Handumdrehen. So was müssen auch die Inder schaffen. Sonst wird’s nämlich nix mit der Rot-Weiß-Rot-Card.

Erschienen im Falter 7/2011

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Montag, 6. Dezember 2010

Würstel fürs Volk, Lachs für die anderen

Ressentiments und ernste Fragen: Im EU-Haus treffen Europa-Parlamentarier und Krone-Leserbriefschreiber aufeinander

Reportage: Joseph Gepp

Kaum hat Waltraud Kolross das neue EU-Haus in der Wipplingerstraße betreten, bestätigt sich für sie all das, was sie schon immer über die Europäische Union zu wissen glaubte.

"Lachs", sagt die Oberösterreicherin, "und beste italienische Vorspeisen. Da greifst dir aufs Hirn. Da bin ich gleich hingegangen und hab mir was geholt. Weil ich hab mir gedacht, das ist ja auch mein Geld."

Vergangener Montag, 13 Uhr. Im Erdgeschoß werden für eine andere Veranstaltung Lachs und Vorspeisen gereicht. Hier im zweiten Stock gibt's Bier und Würstel. Und Leute, die diese Räumlichkeiten sonst nicht betreten.

Die Idee zu der Aktion sei einigen sozialdemokratischen EU-Parlamentariern im informellen Gespräch gekommen, sagt eine zwischen den Anwesenden umherhuschende Pressedame. Die Parlamentarier wollten einmal mit den heftigsten Kritikern der Europäischen Union ins Gespräch kommen. Und wo findet man diese Leute? Natürlich auf den Leserbriefseiten "EU-Theater" der Kronen Zeitung, der meistgelesenen Europa-Berichterstattung in Österreich.

"Es ist es erfreulich", beginnt der Abgeordnete Jörg Leichtfried seine Einführung optimistisch, "wenn sich Leute mit Politik beschäftigen. Auch wenn sie unter Umständen einen anderen Zugang verfolgen als wir." Ihm gegenüber sitzen 25 passionierte und durchwegs pensionierte Briefschreiber.

Manch einer legt gleich in der Vorstellungsrunde mit einem Co-Referat los. Eine südsteirische FPÖ-Funktionärin ärgert sich über Bundespräsident Heinz Fischer, "Europa soll wissen, dass ihn nicht alle Österreicher hinnehmen" - was das mit der EU zu tun haben soll, erschließt sich einem nicht. Eine junge Mutter sieht in Sachen Kinderbetreuung den "Euro-Kommunismus" heraufziehen. Einem alten Herrn neben ihr ist "das Lachen längst vergangen". Der nächste zitiert Bertolt Brecht: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht" - "aber glauben Sie nur nicht, dass ich Kommunist bin".

Danach formieren sich die Briefschreiber an Stehtischen rund um die Abgeordneten und fangen an zu fragen und sich zu beschweren. Die Globalisierung und diese verrückten Lkw-Transporte durch ganz Europa würden sie aufregen, sagt Waltraud Kolross. Jörg Leichtfried antwortet, dass höhere Lkw-Autobahnmauten bislang am Widerstand konservativer Parteien und des EU-Rates gescheitert seien. Er beginnt über die Wegekostenrichtlinie zu sprechen. Kolross will das nicht hören, sie schneidet ihm das Wort ab. "Österreich lässt sich vom Lobby-Sauhaufen breitschlagen", schimpft sie.

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Sprechen über Gott, die Welt und Europa: Hannes Swoboda
Foto: Heribert Corn

Am Nebentisch doziert Hannes Swoboda derweil über Griechenland, die Türkei und die Finanzkrise. Warum das kleine Irland Europa fast aushebeln kann, möchte ein Zuhörer wissen. Swoboda redet wacker über das weltumspannende Netz der Börsen und Banken und erklärt die Herdenpsychologie der Anleger. Warum hochriskante Finanzkonstrukte nun weiterexistieren würden, "als hätte es nie eine Krise gegeben", fragt ein anderer. Swoboda sagt, er trete für eine Finanztransaktionssteuer ein. Warum gibt es keine eigene Ratingagentur für Europa? Das sei ein "schwerer Fehler", räumt Swoboda ein.

Es sind teils gute Fragen, die die Besucher an die Abgeordneten richten. Und es sind teils vor Ressentiment triefende Fragen. Manchmal notieren sich die Briefschreiber die Antworten in penibel vollgeschriebene Blöcke, um zu Hause nachzuprüfen, was Abgeordnete hier sagen. Andere hören gar nicht richtig hin, wenn die Politiker über Entscheidungsfindungen und Interessenlagen zu sprechen beginnen. Wenn sie Verhandlungsprozesse zu erklären versuchen, die kleinen Fortschritte, die Schwierigkeiten, Maßnahmen durchzusetzen. Bei dieser Gruppe hat man das Gefühl, sie wollen vor allem eins hören: Alles wird gut.

Am Ende übergibt Waltraud Kolross eine Liste an Jörg Leichtfried mit dem Hinweis, er möge ihr bitte die dort angeführten Fragen noch per E-Mail beantworten. Es ist eine ganze Seite, auf der Dinge stehen wie: "EU-Budget" und "Die EU-Landwirtschaftspolitik und ihre Förderungen". Leichtfried lässt den Blick über die Liste schweifen und sagt mit einigermaßen souveränem Gesichtsausdruck: "Mach ma."

Die Würstel garen derweil in einem Warmhaltekessel vor sich hin, während die Besucher angeregt diskutieren. Bis zum Schluss der Veranstaltung wird sie kaum jemand angerührt haben.

Erschienen im Falter 48/2010

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Mittwoch, 17. November 2010

Verschwörung auf der TU: eine Konferenz mit kruden Thesen

Joseph Gepp

Aufregung in informierten Kreisen verursachte vergangene Woche die SciCom 2010, eine Tagung zu Wissenschaft in den Medien. Sie wurde von der Kommunikationsagentur Science4public auf der TU organisiert. Ministerin Beatrix Karl eröffnete. Auf der Rednerliste standen renommierte Wissenschaftler und Journalisten - und zwei bekannte Verschwörungstheoretikerinnen: Christl Meyer, radikale Aids-Leugnerin, und Jane Bürgermeister, die im Internet von einem angeblichen Massenmord durch Pharmakonzerne und "Rockefellers und Rothschilds“ spricht.

Nach kritischen Web-Postings wurde zumindest Meyer wieder ausgeladen. Die habe man gar nicht gebeten zu kommen, sagt Science4public-Chefin Susanne Schwinghammer, stattdessen lud sie sich im Vorfeld der Konferenz selbst ein. Anders bei Bürgermeister: Deren Teilnahme sei gerechtfertigt, sie zeige "im geschützten Rahmen eines kritischen Fachpublikums, wie Blogs und Internet benützt werden, um Panik und Unwissenheit zu verbreiten“, so Schwinghammer über ihre Tagung, die "definitiv keine Plattform für extremistische Ansichten ist“. Und somit auch Bürgermeisters Haltung nicht legitimiere.

So saß sie neben Vertretern von profil, Ö1, FAZ, Kleiner Zeitung und Presse - und das Gespräch nahm seinen Lauf: Unterstützt von "schmutzigen Tricks der Mainstreammedien“, so Bürgermeister, würden Pharmakonzerne "absichtlich eine Pandemie auszulösen versuchen“. Als der Moderator den Fortgang solcher Ausführungen unterbinden wollte, wurde er seinerseits von einer Dame aus dem Publikum brüsk zurechtgewiesen. "Ausreden lassen!“, man lasse sich doch nicht "mundtot machen“. Also sprach Bürgermeister weiter.

Die wütende Zuhörerin, die dies artikuliert hatte und später unter Unmutsbezeugungen Flugzettel verteilte, war Christl Meyer, die ausgeladene Aids-Leugnerin. Gemeinsam mit Jane Bürgermeister war es ihr gelungen, der Veranstaltung einen bizarren Anstrich zu geben.

Erschienen im Falter 46/2010

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Ein Bus für drei Millionen

Rundkurs: Joseph Gepp

Es ist ein strahlend heller und kalter Tag, und von den Bäumen wirbeln Blätter in allen Farben des Herbstes. Perfekt für eine Fahrt mit Wiens wohl friedlichster Buslinie.

Sie trägt die Nummer 106, „Rundkurs“ steht auf der Frontseite des Dr.-Richard-Wagens. Ein junges Pärchen hat Platz genommen und spricht flüsternd über irgendein Begräbnis vor sieben Jahren. Ein alte, weißhaarige Frau sitzt weiter vorne. Der Chauffeur redet am Handy noch über Wurst- und Käsebrote, bevor er den Motor anlässt.

Es war 1957, als die einsetzende Massenmotorisierung der Verwaltung des Zentralfriedhofs in Simmering zu viel wurde. Seitdem soll eine Zufahrtsgebühr von heute 2,20 Euro verhindern, dass zu viele Privat-Pkws den zweitgrößten Friedhof Europas befahren. Weil die Maut aber manchen finanz- und gehschwachen Besuchern die Pflege der Familiengruft erschwerte – immerhin ist der Friedhof fast so groß wie die Innenstadt –, folgte im Jahr 1971 die Gründung der Buslinie 106, die im Uhrzeigersinn durch die Anlage fährt.

Ob noch eine zweite europäische Stadt über eine eigene Friedhofsbuslinie verfüge? Das wisse er nicht genau, sagt Anton Köfmüller von der Bestattung Wien, der in einem der prachtvollen Jugendstilbauten neben dem Haupttor sitzt. In Hamburg-Ohlsdorf werde der größte Friedhof Europas jedenfalls von einer Busroute angeschnitten. Aber das sei nicht dasselbe, der Zentralfriedhof habe seinen Bus ja exklusiv.

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Wiens wohl friedlichste Buslinie: Der 106er fährt alle 30
Minuten über den Zentralfriedhof
(Foto: euxus.eu)

Er fährt durch einspurige Alleen, die sich schnurgerade durch die Gräberreihen ziehen. Wo ein Gründerzeit-Schild die Gruppe 23 anzeigt, machen sich zwei alte Frauen durch Winken bemerkbar. Sie erklimmen mühevoll die Stufen ins Businnere.

Das Erste, was auffällt, ist, dass am Friedhof mehr Verkehr als angenommen herrscht. Taxis, Pritschenwagen mit Arbeitern und gar nicht wenige private Pkw kreuzen den Weg des 106er – es gilt die Rechtsregel. Des Weiteren überrascht, dass sich zwischen den Gräbern enorm viel Freifläche befindet. Drei Millionen Menschen wurden seit 1874 hier bestattet, und trotzdem verteilen sich in den rückwärtigen, abgelegenen Teilen des Friedhofs manchmal zwei Handvoll Gräber über eine große Wiese. Wie zufällig hingeworfene Felsbrocken sehen sie aus.

Nach einiger Zeit kommt eine Lautsprecherdurchsage, „Station 4“ verkündet sie, leider nur eine Zahl. „Station 5“ wird immerhin schon durch das Wort „Gärtnerei“ ergänzt, passenderweise steigt eine Frau mit Gießkanne zu. Bei „Station 6 Halle“ ziehen sich ziegelsteinerne Wirtschaftsgebäude das Fenster entlang. Bei Station 8 murmelt das junge Pärchen etwas von „Faszination Friedhof“. Bei Station 9 steigen zugleich drei alte Damen zu. Jetzt überbietet die Linie 106 in ihrer Besetzung schon so manchen Waldviertler Regionalzug.

Die Gräber wechseln sich ab mit diversen Einrichtungen zu ihrer Erhaltung, Wasserhähnen zum Beispiel oder betonierten Einfassungen für Biomüll („Kränze, Buketts, Blumen, Gras …“). Krähen sitzen auf den Grabstellen, die sich hier naturgemäß in allen Formen finden, vom gediegen verwitterten Biedermeier-Mausoleum zum trashigen 1980er-Marmorherz.

Unfälle? Jeden Tag zwischen neun Uhr und halb fünf fahre der Bus im Halbstundentakt, antwortet Anton Köfmüller, trotzdem habe es bisher „nur kleine Blechschäden“ gegeben. Und damit das auch so bleibt, fährt der Bus an einem Tag im Jahr nicht: zu Allerheiligen.

Erschienen im Falter 43/2010

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Mittwoch, 20. Oktober 2010

Entschuldigung, dass es uns gibt

Wie jedes Jahr: die Heeresleistungsschau am Heldenplatz

Unterschwellig tendiert das österreichische Bundesheer stets dazu, sich für seine Existenz zu entschuldigen. Ob das angebracht ist oder nicht, sei dahingestellt. Unvergessen ist jedenfalls die praktische schwarz-braune Sporttasche, die jeder Wehrpflichtige zu seiner Uniform bekommt und nach Ablauf seines Militärdienstes behalten darf. Einer der Sprüche darauf: „Der Zweck fordert Mittel“. Jemand, dessen Zweck zweifelsfrei feststeht, würde das wohl nicht betonen müssen.

Also gilt es am Nationalfeiertag, die „Vielseitigkeit und hochmoderne Ausrüstung“ des Heers vorzuführen.

Die jährliche Leistungsschau der Truppen am 26. Oktober am Heldenplatz fühlt sich ein wenig an wie der Spruch auf den Taschen. Offizielles Motto: „Schutz und Hilfe, Mensch und Technik“. Inoffizielles Motto: „Ihr wollt uns zwar nicht, aber auch wir haben einen Sinn, und das zeigen wir euch heute mal“. Dieser Grundton lässt das Spektakel nicht unbedingt patriotisch oder gar kriegerisch-martialisch erscheinen. Eher wirkt es kurios und dadurch sogar ein bisschen sympathisch. Sozusagen als Ausdruck des Dilemmas von Streitkräften in demokratischen Gesellschaften.

Es gibt das übliche Einmal-im-Leben-in-einen-Panzer-Steigen oder Einmal-einen-Eurofighter-Betatschen. Dazu Würstchen, Langos, von Menschenmassen umringte Hubschrauber und junge Abkommandierte, die auf Heurigenbänken zu Schauzwecken undefinierbares Gestänge aus der „hochmodernen Ausrüstung“ zusammenschrauben. Dazu kommt ein Showexerzieren der Garde für das US-Marines-Feeling. Die Edlseer sorgen für gediegene musikalische Untermalung. Und als Höhepunkt des Ganzen fungiert wie üblich die Angelobung der jungen Rekruten, standesgemäß mit Zapfenstreich der Gardemusik und in Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer.

Nicht lange danach dürfen die Rekruten ihre Sporttasche verdientermaßen nach Hause mitnehmen.

Heldenplatz, Di 9.00

JOSEPH GEPP

Erschienen in der Falter-Woche 42/2010

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Mittwoch, 6. Oktober 2010

„Ein bissl einen Schutz wird der Segen schon bringen“

Gottesfürchtig und tierlieb: Am Montag trafen sich Zweibeiner und Vierbeiner zur Haustiersegnung am Stephansplatz

Reportage: Joseph Gepp

Was sie auch macht, sie macht es nicht richtig, die katholische Kirche. Zieht sie sich hinter dicke alte Mauern zurück und übt sich dort in Einkehr und Mystizismus, dann reden die Leute etwas von wegen radikal und vermuten schlimmste Dinge, die hinter den Mauern geschehen. Geht die Kirche aber in die Welt hinaus, öffnet sie sich dem Volk, hebt sie freudig ihre Arme zum Segen aller – dann verlangen die Leute Spiritualität, Wahrheit, Einkehr, und das kirchliche Verhalten scheint ihnen indifferent und sich dem gottlosen Mainstream anbiedernd.

Gemessenen Schritts gehen sie in Richtung Bühne und flüstern einander noch letzte joviale Scherze zu, bevor der gestrenge Hauptteil des Abends beginnt. Da ist Toni Faber, Wiener Dom- und Society-Pfarrer, sozusagen der Lugner unter den Priestern. Da ist daneben Maggie Entenfellner, Tierbeauftragte der Kronen Zeitung, eines Blattes, dem man ziemlich alles vorwerfen kann außer mangelnde Tierliebe. Der verstorbene Chef, der seinen Hund bekanntlich lieber streichelte, als Macht auszuüben, hätte seine Freude gehabt an diesem Abend. Heute steht am Stephansplatz eine Haustiersegnung an.

Es ist später Montagnachmittag, 4. Oktober, es regnet, Tag des heiligen Franz von Assisi, Schutzpatron der Tiere. Es kommt erwartungsgemäß exakt jene Gesellschaftsschicht, die sich in solcher Rein-form vielleicht nur in Österreich findet: Menschen, die bestenfalls zu einem konservativen, gemeinhin aber zu einem beharrend-ängstlichen bis intoleranten Weltbild neigen – aus dem nur eine kompromisslose Natur- und Tierliebe als unerklärliche Eigenart hervorsticht.

Und sie bringen ihre Tiere. Zum Großteil sind es Hunde aller Größen und Rassen. Aber auch Katzen sind da, ein Dutzend Fiakerpferde vor ihren Kutschen, einige Meerschweinchen. Ein Mann im Lodenjanker trägt zwei winzige Hunde im Arm und zieht eine Ziege im Schlepptau hinter sich her. Alle paar Minuten büxt ein Hund in der Menge aus, dann entsteht ein kurzer Tumult, bis der Ausreißer vom Besitzer und einigen herbeispringenden Helfern niedergerungen und mit Spaßgeschimpfe wieder auf den Halterarm gehievt wird. Sogar ein paar Kampfhundebesitzer sind gekommen, ihre Tiere tragen jene beschrifteten Kunststoffgeschirre, die man derzeit so häufig sieht. „Betriebsrat“ steht auf einem, und daneben: „Die tut nix“.


meerschweinchen
Poldi und Diego heißen diese beiden gesegneten Nagetiere aus
Rudolfsheim-Fünfhaus
(Foto: Heribert Corn)


Warum kommen Menschen hierher? Schaden kann’s ja nicht, antworten einige. „Ein bissl einen Schutz wird der Segen schon bringen“, sagt eine ältere Frau, die ihren Pekinesen in einem Kinderwagen herumführt. Die kleine Celina habe sie in Ungarn aus der Tötungsbatterie für Straßenhunde gerettet – einen Tierschutz wie bei uns gebe es dort ja nicht, sagt sie. Dann nähert sich eine zweite Pekinesenbesitzerin und lässt die zerknautschte Schnauze ihres Kleinen zum Kennenlernen in den Kinderwagen schnüffeln. Dessen Besitzerin freut sich über die Aufmerksamkeit. „Er ist halt kein Läufer“, erklärt sie danach das Gefährt. „Wenn er nicht mehr will, dann legt der sich hin und steht einfach nicht mehr auf. Deshalb habe ich den Wagen gekauft.“

Unterdessen erschallen auf der Bühne zwei Salutschüsse. Das markiert einerseits den Übergang von einer Hundeleistungsschau des Bundesheers zur Segnung und verschreckt andererseits die kleinen Hunde so sehr, dass sie sich zitternd an die Jackenkrägen ihrer Besitzer krallen.

Die bilden nun ein Spalier, durch das Entenfellner, Faber und seine Entourage die Bühne betreten. Anton Faber erzählt danach von Franz von Assisi, Maggie Entenfellner spricht das Wort des lebendigen Gottes. Faber tunkt ein Stück Strauchwerk in geweihtes Wasser und verspritzt es.

Eins der Fiakerpferde beginnt zu scheuen, als die Nässe auf seine Nüstern trifft. Kleine Hund ragen nun ebenso in die Luft wie Meerschweinchen. Möglichst jeder will etwas vom heiligen Nass abbekommen. „Der Segen umgebe die Tiere wie ein Schutzwall und bewahre sie von allem Unheil“, sagt Anton Faber. Amen.

Erschienen im Falter 40/2010

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Donnerstag, 30. September 2010

STADTRAND – Wir wollen Pinocchio statt Poppy Pomfrey!

In unserer losen 90er-Jahre-Reihe befassen wir uns diesmal mit der Kinderspeisekarte. Früher, als die Welt noch überblickbar war, hießen nämlich alle Kindergerichte im Restaurant gleich. „Mickey Maus“ war beispielsweise der ewige Name des Schnitzels, wenn wir uns richtig entsinnen. „Moby Dick“ hieß ganz sicher der Fisch und „Pinocchio“ die kleine Pizza. Wir erklären uns das folgendermaßen: In einem Tresor der Sektion Gastronomie der Wiener Wirtschaftskammer lag eine Liste. Darauf standen die Namen. Wer sich nicht an sie hielt, dem drohten Strafen. Später jedoch – wahrscheinlich unter Schwarz-Blau – ist die Liste der wirtschaftlichen Deregulierung zum Opfer gefallen. Seitdem steht, wenn überhaupt, ein herzloses „klein“ neben dem Gericht. Oder aber der Name der Speise ist derart fantasievoll durchdacht – Poppy Pomfrey, fürsorgliche Krankenschwester aus Harry Potter, dass ihn ausschließlich belesene Elite-Sprösslingeverstehen. Und schon sind wir bei der sozialen Selektion im Kindesalter. Es war nicht alles schlecht, als die Welt noch überblickbar war.

Erschienen im Falter 39/2010

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Mittwoch, 15. September 2010

Warum echte Olympier zu Burger King gehen (und andere FPÖ-Interna)

Stefan Apfl und Joseph Gepp

Es sind oft die kleinen Zwischentöne, die das Ganze erst verständlich und einschätzbar machen. So vergangenen Donnerstagabend am Viktor-Adler-Markt in Favoriten. Zwei Stunden lang redet sich HC Strache auf der Bühne müde und heiser. Hinten, beim Türken, sitzen derweil Barbara Rosenkranz, Martin Graf und einige Kompagnons. Und am Nebentisch zwei Falter-Redakteure.

Was reden hohe FPÖ‘ler eigentlich so, wenn sie sich unbeobachtet wähnen? Sie reden über Gegendemonstranten und fordern einander auf zuzusehen, wie selbige ihren „Frust ablassen“ (Graf in die Runde). Sie reden darüber, dass sie ihr Referat für die Vertriebenenorganisation noch fertig machen müssen (Graf zu Kompagnon). Sie überlegen, welchem Fast-Food-Lokal sie nachher einen Besuch abstatten. Kriterium: „Ein echter Olympier geht ned zum McDonald‘s, er geht zum Burger.“ (Der rechtsextreme und deutschnationale Politiker Norbert Burger war ein Alter Herr der Olympia, Anm.)

Nach soviel nonchalantem Wortwitz und nachdem die Rede von HC Strache schlicht kein Ende nimmt, entschließt sich Rosenkranz zu gehen. „Meine Herren“, sagt sie, „ich danke für die reschpektvolle Begleitung“.

Erschienen im Falter 37/10

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Mittwoch, 1. September 2010

Stadtrand – Zweiräder flattern im Windschatten des Staates

Eine der Merkwürdigkeiten des Wiener Straßenverkehrs ist die Häufung von Mopeds und Motorrädern hinter Polizeiwagen. Achten Sie mal drauf: Wenn sich eins der rot-blauen Autos durch die Stadt müht, folgen ihm Flitzer wie ein Rattenschwanz. Am Anfang ist man versucht, an einen polizeilichen Konvoi zu denken, aber sogleich sieht man: Dafür sind die Fahrzeuge zu unterschiedlich. Es sind Puchs, Vespas, KTMs und Gold Wings; die Fahrer tragen alles von der Lederkluft bis zum zerdepschten Italohelm. Was wollen sie nur an diesem allseits gemiedenen Ort? Suchen sie im Windschatten des Staates Schutz vor SUV-Fahrern? Bilden sie Gangs, um brave Beamte einzuschüchtern? Nein, stellt man bald fest, sie sind unfreiwillig hier. Ist nämlich die Polizei nicht gerade in der Nähe, flattern sie wie verliebte Spechte durch die Gassen, lassen keine Busspur aus, um vorwärtszukommen, nutzen jede noch so schma-le Schlucht zwischen Autos. Dann aber stoppt der Staat jäh ihren Höhenflug. Also reihen sie sich brav ein, bis er abbiegt. Und so lange folgen sie pflichtschuldigst dem Polizeiwagen.

Erschienen im Falter 35/2010

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Freitag, 28. Mai 2010

Die Ballverliebten

Die WM naht, und damit regiert der Fußball die Welt. Aber wer erringt während dieser Wochen eigentlich die Deutungshoheit? Fünf vorherrschende Fantypen, die garantiert DJ DSLs Kalender ausfüllen werden

Klassifizierung: Joseph Gepp, Christoph Heshmatpour, Daniel Nutz


Der Linksintellektuelle
Jaja, im Fußball steckt ganz viel Gesellschaft. Aber irgendwann symbolisierte die mittelosteuropäische Ballkultur nur noch ethnonationalistische Fragmentiertheit und der Gegensatz von FC Barcelona und Real Madrid nur noch das Grundproblem Spaniens. Dann bleibt vom Ballspielen selbst nichts mehr und dann sind wir bei ihm: dem linksintellektuellen Fußballfan. Die Hornbrille vom Opa, die Locke von Dirk von Lowtzow, die ärmelgestreifte Sportjacke aus dem H&M-Retro-Regal und neuerdings sogar manchmal ein modisches Oberlippenbärtchen im Stil eines k.u.k. Ulanen, interessiert diesen Fantyp vor allem der politische Hintergrund des Sports und seine Symbolik.
Die Berliner 11Freunde oder den Wiener Ballesterer liest er gern, und auch mit einem Falter in der Hand soll er schon erwischt worden sein. Die Ablehnung der Kommerzialisierung im Sport ist für den linksintellektuellen Fußballfan Lebensthema, was ihn jedoch in keiner Weise hindert, an jedem noch so großen Ereignis teilzuhaben – sei es auch mit einer zur Schau gestellten Zurückhaltung, die seinen Geistesadel von der ahnungslosen Masse abheben soll. Als er noch pubertär war, traf er sich gern mit den anderen FC-Swansea-Fans im Chelsea. Dort wurde nach dem Match nächtelang und rotweinselig über die Zukunft des Ballsports debattiert, woran der Linksintellektuelle bis heute wehmütig und altklug-weise zurückdenkt. Schließlich kickte schon der Papi in den 70ern beim FC Raika Oberwart und hat ihm das alte gelbe Familiendress vererbt.
Deshalb atmet er bei jedem Anstoß jahrzehntealte pannonische Fußballtradition. Und wenn ihn die Durchsicht seiner vergilbten schwarz-weißen Match-Fotos wieder einmal sentimental macht, dann erzählt er auch sehr gern davon. Also watch the stripes, wenn Sie nicht antike Fußballkultur in die Nase kriegen wollen!

Idol: George Best
Schaut im: Flex-Garten
Mag zur WM: England
Mag sonst: Wiener Sportclub, Roter Stern Belgrad
Penetranzfaktor: 7/10


Der parasoziale Interaktionist
Er wird von seiner provinziellen Herkunft zerfressen. Dieser junge Herr ist im „österreichischen Sibirien“ aufgewachsen, jenem weiten Brachland, das Wien von der tschechischen Grenze trennt. Dort verbrachte er eine triste Jugend, die er sich mit beinhartem Eskapismus vor dem Fernseher der Eltern erträglich gestaltete. Inspiriert durch Champions-League-Übertragungen, steigerte er sich mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten in eine wahnhafte Verehrung des FC Arsenal hinein.
Da er jedoch nicht in Nord-London wohnt – genau genommen war er weder jemals bei einem Arsenal-Spiel noch kennt er England abseits einer einwöchigen Hauptschul-Sprachreise nach Eastbourne –, hat er sich sein „Emirates Stadium“ in den Pubs der Wiener Innenstadt geschaffen. Dort rottet sich der parasoziale Interaktionist während der Arsenal-Spiele mit anderen Möchtegern-Exil-Londonern aus entlegenen Kärntner Tälern zusammen und verfolgt aufgeregt die Matches. Bei Auswechslungen applaudiert er, hat er viel getrunken, singt er sogar ein bisschen den Fernseher an.
Manchmal gehen im Derby die Nerven mit ihm durch, dann beschimpft er einen am Nebentisch sitzenden Tottenham-Fan, der eigentlich aus Gratkorn ist. Nach Niederlagen ist er wochenlang deprimiert, doch Gott sei Dank verliert sein Weltverein nur dreimal pro Jahr.
Bei der WM wird er mit „seinen“ Argentiniern bis zum Ende gehen. Und wenn das Team scheitern sollte, dann weiß er: „Der Rodriguez kann ned flanken.“ Zu jeder Übertragung bringt er außerdem ein Dress von Lionel Messi mit – und die spanischen Phrasen vom German-Wings-Wochenende in Barcelona. Dass er in Wirklichkeit aus Scheiblingkirchen ist, das muss ja niemand wissen. F

Idol: alle Dauerkartenbesitzer
Schaut im: Chelsea
Mag zur WM: Argentinien/Brasilien
Mag sonst: Barcelona, Arsenal
Penetranzfaktor: 9/10


Der eventgeile Mitläufer
Dieser Fantyp ist streng genommen kein Fantyp. Er hat kein Gesicht, keinen Namen, keine Eigenschaften. Und trotzdem stellt er zu WM-Zeiten sogar die Mehrheit der Fußballzuschauer, die Bier trinken, Fanzonen bevölkern und Kommentare ablassen. Denn der eventgeile Mitläufer hat ein Grundproblem: Eigentlich ist ihm Fußball schnurzegal, und damit lebt er meistens ganz gut. Nur wenn das Thema übermächtig und immer öfter Gesprächsgegenstand wird, beginnt den Mitläufer das Gefühl zu wurmen, dass er etwas versäumen könnte. Alle reden nur noch davon, Innenstädte vibrieren, Schanigärten quellen über – irgendetwas muss doch am Fußball dran sein.
Also verändert der Mitläufer kurzfristig sein Verhalten: Er markiert plötzlich den Experten (obwohl er noch nie volle 90 Minuten einem Match beigewohnt hat) und wird einer dieser Leute, die unüberhörbar „Foul!“ schreien, obwohl alles unstrittig in bester Ordnung ist. Oder er geht trotzig und dreist mit seinem Unwissen hausieren, lässt sich schamlos einfachste Regeln erklären, fragt frech nach dem Vornamen berühmtester Spieler, bekennt freimütig, dass ihn eh nur das Finale und allenfalls noch das Halbfinale interessiert.
Schließlich gibt es auch noch die ehrlichste Ausformung des eventgeilen Mitläufers: Dieser Typ hält die wahrhaft Interessierten hartnäckig vom Spielverlauf ab, indem er immerzu Bier holt oder während des Elfmeters aufs Klo muss. Oder ihm ist gerade so fad, weil momentan alle nur kommunikationsverweigernd auf den Bildschirm starren.
Unsere Empfehlung für den Umgang mit eventgeilen Mitläufern: Keine Sorgen, er ist nur ein harmloser Irrer. Aber wenn Sie sich tatsächlich für Fußball interessieren, halten Sie sich sicherheitshalber von ihm fern. F

Idol: David Beckham
Schaut im: innenstadtnahen Public Viewing
Mag zur WM: die jeweils präsenteste Mannschaft
Mag sonst: gar nichts
Penetranzfaktor: 6/10 (potenziert sich in der Masse)


Der deutsche Migrant
Sind sie alle Schläfer? Die fünfte Kolonne des Nordens? Irreparabel integrationsunwillig? Leider ja, wie die Deutschen – mittlerweile größte heimische Zuwanderergruppe – spätestens dann beweisen, wenn irgendwo WM oder EM stattfindet. Ansonsten tun sie ja sehr assimilationsaffin: Sonst sagt der Kellner, den Hartz IV aus Vorpommern nach Wien gescheucht hat, brav „Spritzer“ statt „Schorle“, und auch Numerus-Clausus-Fliehende trinken gemeinhin Ottakringer statt Beck’s. Doch kaum könnte Deutschland etwas gewinnen, legt sich im Wirtschaftsflüchtling ein Schalter um. In spontanen Workshops werden Gesichter schwarz-rot-gold bemalt, und es wird laut dem Hurra-Patriotismus gefrönt. Dann verfestigt sich die Migrantenschaft zum stählernen Kollektiv. Das Matcherlebnis als sozialer Klebstoff – ein Albtraum pseudonationaler Penetranz, dem man nur entrinnen kann, indem man deutsche Hot-Spots wie Hermanns Strandbar meidet und sich im 16. mit kroatischem Sliwowitz oder türkischem Raki niederknallt. Denn diese Nationen haben wegen Nichtteilnahme weniger zu feiern. F

Idol: Michael Ballack
Schaut in: Hermanns Strandbar
Mag zur WM: Deutschland
Mag sonst: Energie Cottbus
Penetranzfaktor: 14/10


Der allwissende Teamchef
Ihm brauchst du nichts erzählen. Weil er weiß alles. Sein Gehirn ist eine riesige Datenbank voller Fußballwissen. Dass das Turnier vor 56 Jahren in der Schweiz mit einem Schnitt von 5,348 Treffern pro Partie das torreichste war und die rote Karte 1970 eingeführt wurde, aber der Chilene Caszely erst 1974 die erste gezeigt bekam, weiß er im Schlaf. Freilich kennt er auch Nordkoreas zweiten WM-Tormann und macht sich über jene lustig, die komplizierte Spielernamen falsch aussprechen – ganz besonders, wenn es ORF-Kommentatoren sind. Ösi-Fernsehen schaut einer wie er sowieso nicht; er bevorzugt Sky, ESPN, notfalls ZDF. Über den gemeinen Fußballpöbel spottet er, vielleicht aus Rache, weil er ihn früher nie in die Schulmannschaft wählen wollte. Der allwissende Teamchef liest nur Insider-Fußballblogs oder schreibt sie selbst. Seine Lehre verbreitet er gern bei Public Viewings. Dann erklärt er, mit welchen Raffinessen seine Lieblingsmannschaft – immer Außenseiter – den Großen ein Bein stellen wird. Und eineinhalb Stunden später sagt er, warum doch alles anders kommen musste.

Idol: Martin Blumenau
Schaut im: Wuk
Mag zur WM: Elfenbeinküste
Mag sonst: sich selbst
Penetranzfaktor: 10/10

Erschienen im Falter 21/2010

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