Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Budapest revisited

Ungarn hat ihn einst vertrieben und ächtet ihn heute wieder. Der Journalist Paul Lendvai führt durch die Stadt seiner Jugend

Porträt: Joseph Gepp, Budapest

Wie wird wohl die Wohnung von Professor Paul Lendvai aussehen, dieses großen alten Erklärers von Osteuropa?

Man denkt vielleicht an einen massiven Holzschreibtisch mit schwerer Messinglampe mitten im Zimmer. Teure Teppiche werden wahrscheinlich an den Wänden hängen, und natürlich laufmeterweise Bücher.

Doch in Lendvais Wohnung im 13. Budapester Bezirk, der Neuleopoldstadt, fehlen diese Insignien von Altersweisheit. Sie ist gediegen, ja. Parkettböden, zwei moderne Gemälde in antiken Rahmen, Fensterblick durch einen tiefverschneiten Park direkt auf die Donau. Aber es fehlt die Überfülle an Erinnerungen, wie sie sonst die Wohnorte alter Menschen ausmacht. Es fehlt der Status, das Gesetzte, das Erreichte. Erst vor drei Monaten sei er hier eingezogen, erzählt der 81-jährige Lendvai. Die Wohnung habe ihm gefallen. Jetzt verteilen sich seine Sachen auf Wien und Budapest, und was er gerade suche, sei immer in der anderen Stadt, scherzt er. Seine Frau Zsóka reicht inzwischen Schwarztee und entschuldigt sich dafür, dass kein Zuckerstreuer da sei und man sich daher aus einer Schüssel bedienen müsse.

Es ist heute noch ein Leben der Umbrüche, das Paul Lendvai führt. Dreimal hat er bereits den Wohnort gewechselt, seit er sich nach der Wende wieder phasenweise in der ungarischen Hauptstadt niederließ. Fünf- oder sechsmal im Jahr kommt das Ehepaar nach Budapest, die meiste Zeit lebt es nach wie vor in Wien.

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Lendvai am Schreibtisch seiner Wohnung
Foto: Heribert Corn

Budapest ist Wiens Zwilling, das gründerzeitliche Pendant, der Konkurrenzentwurf, in derselben Epoche gebaut und doch einen Tick imposanter. Von der Straßenbahnoberleitung bis zum Kanaldeckel strotzt alles in dieser Stadt vor Zierrat und Schnörkel, mehr noch als in Wien. Das liegt daran, dass in Budapest immer nur geflickt und ausgebessert wurde - kein Wirtschaftswunder wie im Westen zog Autobahnarme über historische Plätze und opferte Palais dem Verkehrsfluss. Der ungarische Kommunismus hat, konträr zu anderen Ostblockstaaten, die großbürgerlich-elegante Anmutung der Stadt eher konserviert als zerstört. Ab dem 1. Jänner wird sie Kulisse für die große Politik und die europäischen Staatschefs sein. Dann übernimmt Ungarn von Belgien für ein halbes Jahr die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union.

Eine stabile EU-Präsidentschaft
Das regierende Parteienbündnis Fidesz-KDNP (Ungarischer Bürgerbund/Christlich-Demokratische Volkspartei) unter Ministerpräsident Viktor Orbán rühmt sich, dass nach dem fragilen Belgien nunmehr eine stabile Regierung der EU vorstehe. Das stimmt unbestreitbar, verfügt doch die rechtskonservativ-populistische Fidesz seit den letzten Wahlen im April über eine Zweidrittelmehrheit.

Doch Ungarns Problem ist nicht die Stabilität seiner Regierung. Sondern, wie sie diese Stabilität nützt. So änderte sie seit April mit ihrer Mehrheit umstandslos die Verfassung, beschnitt die Kompetenzen des Verfassungsgerichtshofs, die Medienfreiheit, das Pensionssystem. "Halbautoritär“ nennt Paul Lendvai die Stoßrichtung. Ungarn sei "vom Schrittmacher zum Krisenherd“ geworden, liest man in dicken Lettern auf dem Umschlag seines nunmehr 15. Buchs, "Mein verspieltes Land“. Darin setzt er sich auch mit der Fidesz-Regierung auseinander. Die aber sieht Kritik nicht gern. Nicht lange nach Erscheinen des Buchs will eine staatsnahe Zeitung aufgedeckt haben, dass Lendvai in den 80er-Jahren als freiwilliger Informant den Kommunisten gedient habe. "Absurde und lächerliche Vorwürfe“, nennt das der langjährige ORF-Moderator und Korrespondent der Financial Times. Er bemüht sich, die Angelegenheit locker zu nehmen: "Es ist gut für die Verkaufszahlen meines Buchs und schlecht für meinen Blutdruck.“

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Foto: Heribert Corn

Näher, als die Österreicher meinen
Wer die Vorwürfe verstehen will, wer dieses Land begreifen will, dass an Österreich grenzt und doch so weit entfernt scheint, der sollte die Geschichte dieses Mannes kennen. Denn Paul Lendvai ist Symbol für die jahrhundertealte Verbindung der beiden Staaten, die der Eiserne Vorhang durchtrennte. Er ist der Letzte, der publikumswirksam darauf aufmerksam macht, dass Europas Osten geografisch viel näher an Wien liegt, als die Österreicher meinen. Und dass die Bewohner des heutigen Österreichs immer Teil jenes speziell mitteleuropäischen Völkergemischs waren, das so viele Potenziale und Gefahren hervorbrachte - was heute wie aus dem heimischen Gedächtnis getilgt scheint.

Fast alle kennen Lendvais Gesicht und seinen markanten Akzent aus dem Fernsehen. Viele lesen seine Texte, die er für verschiedene Zeitungen schreibt. Aber nur wenige wissen, dass Lendvai in seinem langen Leben nahezu alle Erschütterungen im unruhigen Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren musste.

Hier in Budapest entwischte er, gerade dem Kindesalter entwachsen, mit knapper Not den ungarischen Nationalsozialisten, die ihn verfolgten, weil er Jude ist. Hier sperrte ihn das neu errichtete kommunistische Regime ins Gefängnis, kaum dass der Krieg vorbei war. Hier floh er, als sich sowjetische Panzer 1956 durch die Straße vor dem Elternhaus einen Weg in die Innenstadt freischossen, durch Kellergewölbe.

Den Keller kann er heute nicht mehr betreten. Vor dem Stiegenabgang hat jemand ein versperrtes Gitter angebracht, das Hausfremde abhält. Paul Lendvai - er wirkt kleiner als im Fernsehen, sein Gang ist etwas schleppend, aber zielstrebig - blickt kurz durch die Stäbe auf die Wendeltreppe, die Postkästen, den Hinterhof. Er dreht sich gleich wieder um. "Es schaut alles ganz anders aus als früher“, sagt er.

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Foto: Heribert Corn

Hier, in dem grauen Altbau in der Üllöi utca 53a, im neunten Bezirk, der Franzstadt, wurde Paul Lendvai am 24. August 1929 als Einzelkind geboren. Aber das Haus gehört zu einer Zeit, die in seinem Leben schon lange keine Rolle mehr spielt. Bereits Mitte der 60er-Jahre holte sich die kommunistische Regierung die Elternwohnung zurück, weil die verwitwete Mutter dem Sohn nach Österreich gefolgt war. Neonfarbene Buchstaben auf der Fassade werben heute für ein Solarium mit Fitnessstudio.

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Foto: Heribert Corn

Binnenzuwanderer aus Großungarn
Im zweiten Stock lebte die Familie Lendvai, der Vater ein Anwalt aus der Ostslowakei, die Mutter aus Siebenbürgen, beide Binnenzuwanderer aus Großungarn. Dicke Schneeflocken wirbeln auf Lendvais schwarze Kappe, als er wieder auf die Straße tritt. Während des Ungarnaufstands von 1956 habe die Familie ganze Tage im Keller verbracht, erzählt er, die Hände in der Winterjacke vergraben. In der Üllöi utca tobten die härtesten Kämpfe der Stadt. Oben seien die Sowjetpanzer gerattert, unten krochen der damals 26-jährige Paul und seine Eltern durch miteinander verbundene Kellergänge aus der lebensgefährlichen Zone.

Einige Ecken weiter steht die Synagoge, die Lendvai als Kind mit seiner religiösen Mutter besuchte - der agnostische Vater sei derweil im Kaffeehaus gesessen, erzählt Lendvai. Als Kind spielte er auf dem Vorplatz des Gotteshauses. Jetzt darf man nur noch durch einen Metalldetektor hinein. Die Synagoge in der Páva Utca beherbergt heute das Budapester Holocaust-Museum. Monolithische graue Trakte, die Museumsräume einfassen, umgeben das alte Bethaus wie Festungsmauern.

Bis in die 40er-Jahre war jeder fünfte Budapester jüdischen Glaubens. Die Hälfte davon, etwa 100.000 Menschen, wurde ermordet - in kürzester Zeit und mit unbarmherziger Planmäßigkeit. Ungarns Judenverfolgungen begannen erst im Spätherbst 1944, als die Pfeilkreuzler, die vom Deutschen Reich unterstützten ungarischen Nationalsozialisten, die Macht ergriffen. Paul Lendvai überlebte die folgenden Monate in einem schlichten grauen Wohnblock unweit seines heutigen Appartements in der Neuleopoldstadt.

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Foto: Heribert Corn

Es war eines von 125 sogenannten Schutzhäusern, wie sie in Budapest von neutralen Staaten, etwa der Schweiz, Schweden und dem Vatikan, errichtet worden waren. 50 Leute vegetierten in einer Zweizimmerwohnung dahin. Lendvais Vater Andor hatte einen Schweizer "Schutzpass“ und damit eine Wohnerlaubnis ergattert. Ob der Pass überhaupt echt war, weiß der Sohn bis heute nicht. Der Zufall - ein im richtigen Moment vorgewiesener Zettel, ein Biegen um die Straßenecke im richtigen Augenblick - entschied jedenfalls über Tod oder Leben der Familie. "Karneval des Todes und der Hölle“ nennt Lendvai in einem seiner Bücher den Winter 1944.

Neue Pfeilkreuzler marschieren

Heute scheint es bisweilen, als würden die bösen Geister dieses Höllenkarnevals wiederauferstehen. Vor drei Jahren gründeten hunderte Rechtsextreme unter dem Amtssitz des Staatspräsidenten auf der Budaer Burg die Ungarische Garde. Sie marschierten in Springerstiefeln, trugen Uniformen und schwenkten Fahnen der alten Pfeilkreuzler. Es sei, als würden "2000 Neonazis einen Eid vor dem Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten in Berlin ablegen“, meinte der ungarische Regisseur László Kornitzer. "Weit und breit wäre kein Polizist zu sehen. Die Zeremonie würde zwei Stunden dauern, dann würden die Nazis abmarschieren, unbehelligt, mit unbekanntem Ziel.“

Die Garde steht der rechtsextremen Jobbik-Partei nahe, die im April drittstärkste Kraft im Parlament wurde. Immer heftiger dringt ihr radikales, oft verschwörerisches Gedankengut in den Diskurs der ungarischen Mitte. Schuld daran ist auch die Politik der großen Parteien: Die Sozialisten etwa, Regierungspartei bis zu Orbáns Machtantritt, gelten als zerstritten und korrupt. Ihre Misswirtschaft führte fast zum Staatsbankrott. 2008 konnte dieser nur mit einem internationalen Notkredit von 20 Milliarden Euro abgewendet werden. Mittlerweile war Ungarn in Sachen Budget, Wachstum und Arbeitsmarkt längst hinter Staaten wie Polen, Tschechien oder die Slowakei zurückgefallen - jener reformfreudigen Riege ehemaliger Ostblockländer, der die einst "fröhlichste Baracke im Ostblock“ stets als Vorbild gedient hatte.

Jetzt zeigt sich das wirtschaftliche Versagen immer stärker auch in der politischen Sphäre. Dammbrüche in der Wortwahl lösen einander ab, immer niedriger sind die Hemmschwellen, was demokratische Standards betrifft. Treibende Kraft in den Augen vieler ist die mächtige Zweidrittelpartei Fidesz, die im April die immens geschrumpften Sozialisten als Regierungspartei ablöste.

"Es sei Friede, Freiheit, Eintracht“
Als "Revolution“ bezeichnen die Rechtspopulisten ihren Wahlsieg. Die vorherige Regierung boykottieren sie, nennen sie "illegitim“. Ein "System der nationalen Einheit“ setzt neuerdings Staats- und Parteiinteressen gleich. Und ein gerahmtes Spruchband mit dem Satz "Es sei Friede, Freiheit und Eintracht“ ist seit kurzem in allen Ämtern Vorschrift.

Dazu kommen fragwürdige Wirtschaftsreformen, etwa bei privaten Pensionskassen oder der Besteuerung bestimmter Handelsbranchen. Kurzfristig sollen sie das enorme Budgetdefizit kaschieren, langfristig fürchten Ökonomen um die Stabilität des Landes. Deshalb stellte die US-Ratingagentur Moody’s Anfang Dezember Ungarns Kreditwürdigkeit auf dieselbe Stufe wie die eines Landes, das wegen seiner Zahlungsschwierigkeiten deutlich öfter mediale Aufmerksamkeit erregt: Irland.

Wer gegen Fidesz ist, ist gegen das ganze Land - so hört man es in Ungarn derzeit oft. Fidesz will die wahre Erbin jener Freiheitskämpfer sein, die 1956 gegen die russisch-kommunistische Fremdherrschaft aufbegehrten und grausam geschlagen wurden. Die echte Wende, so die große Erzählung der Parteiideologen, habe es auch 1989 nicht gegeben - sie sei von den Sozialisten gekapert und erst im April 2010 tatsächlich durchgezogen worden. In dieses Gedankengebäude passt natürlich gut, dass einer wie Paul Lendvai in Wahrheit ein Spion des kommunistischen Regimes sein soll.

Dabei war Lendvai selbst Opfer der stalinistischen Säuberungen. Es war eine Winternacht 1952, als ihn zwei Polizisten in einen Wagen russischer Bauart steckten und mit ihm davonfuhren. Es folgten drei Jahre an Gefängnisaufenthalten, Verhören und Berufsverbot.

Zuvor war Paul Lendvai Journalist geworden - und überzeugter Kommunist. Er schrieb Propagandaartikel, für die er sich heute schämt, wie er in seiner Autobiografie schreibt. In eine "journalistische Scheinwelt“ habe er sich begeben, meint er, in eine "dialektisch verbogene Wirklichkeit“. Lendvai schimpfte im Namen der Staatsideologie auf den internationalen Zionismus oder Titos Jugoslawien, das sich von Stalin abgewandt hatte. Schließlich holten die ungarischen Schergen des roten Zaren dann auch ihn ab.

Das Gefängnis, in das sie ihn brachten, existiert noch heute. Es steht auf der anderen Donauseite, in der Fö Utca in Buda. Es ist ein wuchtiger, klischeehaft abweisender Bau.

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Foto: Heribert Corn

Das eisenbeschlagene Einfahrtstor sei heute dasselbe wie damals, sagt Lendvai. Durch den Fensterschlitz seiner Zelle in der politischen Abteilung habe er die Kinder im Park gehört.

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Foto: Heribert Corn

Das Essen sei praktisch ungenießbar gewesen, gekochte Wurzeln und trockenes Brot. Drei Jahre nach Paul Lendvais Entlassung aus der Haft wurde im selben Gebäude der Führer des ungarischen Volksaufstands von 1956, Imre Nagy, zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Aus einem "Amalgam“, einer diffusen Mischung aus Gerüchten und Halbwahrheiten, habe ihm das Regime damals einen Strick gedreht, sagt Paul Lendvai. Ein Amalgam, wie es auch die heutige Regierung gegen ihn verwende. So zum Beispiel bezieht sich die Fidesz-nahe Zeitung Heti Válasz in ihrer Lendvai-Kampagne darauf, wie dieser in den 80er-Jahren für den ORF mit Ungarns Behörden um Drehgenehmigungen feilschte. "Ein Unsinn, daraus abzuleiten, dass ich Informant war“, sagt Lendvai. "Wer jemals als Journalist in einer Diktatur gearbeitet hat, der weiß, wie hier jede Kleinigkeit zur Verhandlungssache wird. Wie man die Behörden ständig beschwichtigen und beruhigen muss.“

Für andere Ungarn-Experten - zum Beispiel den Politologen Anton Pelinka oder den Ökonomen Sándor Richter vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche - passt die Causa zu weiteren Fällen, in denen Ungarns Regierung mit Kritikern ähnlich verfuhr. Im Fall Lendvai, so Richter, trete es nur für Ausländer offen zutage, weil Lendvai eben im Ausland tätig sei. Fidesz-Politiker selbst wiegeln ab, wenn man sie auf die Causa anspricht: Die Geschichte entstamme einem "freien Medium“ und habe mit Parteiinteressen nichts zu tun.

"Die politische Kultur Ungarns ist eine Hasskultur“, sagte der Schriftsteller György Dalos. Paul Lendvai nennt den Zustand der Nation in seinem neuen Buch den "kalten Bürgerkrieg“. Seit den großen Demonstrationen gegen die Regierung von 2006 und dem Fastbankrott 2008 scheint die ungarische Gesellschaft aus dem Gleichgewicht geraten. Die Bereitschaft zum Fanatismus ist größer. Das kann etwa Journalisten treffen, die das Land "nicht ständig in ein schlechtes Licht rücken sollen“, wie ein Fidesz-Politiker bei einem Hintergrundgespräch ausführt. Das betrifft Plattformen im Internet, die mit rechtsradikalen Hasstiraden sehr viele Ungarn erreichen. Es kann sich aber auch auf oppositionelle Politiker und Andersdenkende beziehen.

Besonders nach dem Ende der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft Mitte 2011 empfehle es sich, auf die Entwicklungen im Land zu achten, sagt Paul Lendvai. Denn dann schaue sonst niemand mehr hin. Zu diesem Zeitpunkt sei der Weg frei für noch umstrittenere Maßnahmen. Zum Beispiel für Strafverfahren gegen Oppositionspolitiker.

Warschau, Prag, Wien, Budapest
Es war der 12. Jänner 1957, im Jahr nach dem Aufstand. Für Paul Lendvai, damals 27 Jahre und Redakteur beim kommunistischen Abendblatt, steht die erste Auslandsreise seines Lebens an. Sie führt ihn nach Warschau, danach soll er mit Zwischenaufenthalten in Prag und Wien nach Budapest zurückkehren. Das vergilbte Ticket der ungarischen Fluglinie Malev besitzt er bis heute. Lendvai reist wie vorgesehen nach Warschau, fliegt dann weiter nach Prag und Wien.

Am 4. Februar 1957 tritt er dort aus dem Flughafengebäude in Schwechat und fängt ein neues Leben an.




Montagabend vor Redaktionsschluss beschloss die Fidesz-Mehrheit im Parlament ein umstrittenes neues Mediengesetz. Es sieht unter die Auflösung autonomer Redaktionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor. Eine mächtige Medienkontrollbehörde für Zeitungen wird außerdem von einer Fidesz-Vertrauten auf neun Jahre geleitet, also für zwei Legislaturperioden. Was den EU-Vorsitz im ersten Halbjahr 2011 betrifft, plant Ungarn einen Fokus auf Energieunabhängigkeit von Russland, eine koordinierte Entwicklung des Donauraums und neue Ansätze in der Roma-Frage, etwa im Zensuswesen

Zur Person
Paul Lendvai, 81, Journalist, gilt als profunder Kenner Osteuropas. 1944 wurde er von den Nazis verschleppt, 1953 von den Kommunisten inhaftiert, 1957 Flucht nach Österreich. Hier wurde er 1982 ORF-Osteuropa-Chef und Korrespondent der "Financial Times“. Heute schreibt er für den "Standard“, moderiert das "Europastudio“ und gibt die "Europäische Rundschau“ heraus. Autor zahlreicher Bücher, etwa zu den Themen Ungarn, Österreich, Jugoslawien, Antisemitsmus

Paul Lendvai:
Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch. Ecowin Verlag.
272 S. € 23,60


Erschienen im Falter 51/2010

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Gottes volle Häuser

Während Katholiken kaum noch in die Messe gehen, brauchen andere Christen dringend Platz. Jetzt sollen Wiener Kirchen verschenkt werden. Über religiöse Wirren in einer unübersichtlichen Zeit

Reportage: Joseph Gepp

Jeden Sonntag kurz vor elf füllen sich die ruhigen Gassen Neulerchenfelds in Ottakring mit dichtgedrängten, schwatzenden und aufgeputzten Menschen.

Sie strömen massenhaft in die Kirche. Junge Frauen wippen Babys in ihren Armen, um jene der älteren baumeln Handtaschen. Stöckelschuhe klappern auf dem Asphalt, dutzendweise dunkle Regenschirme stemmen sich gegen das nasskalte Wetter. Eine Viertelstunde dauert der Auflauf, dann wird es wieder ruhig - drinnen hat die Messe begonnen und hinter dem letzten Kirchgänger ist die Tür zugefallen.

Rund 750 Wiener Polen kommen jedes Wochenende zum polnischsprachigen Gottesdienst in die Neulerchenfelder Kirche, sagt der aus Krakau stammende Priester Tadeusz Cichon, 52. Dann wird der unauffällige, zweitürmige Bau im Multikultigrätzel um den Brunnenmarkt wieder zu dem, was er zuletzt vor vielen Jahrzehnten war: zum Mittelpunkt eines Viertels. Beim Betreten des Kirchenraums verbeugen sich die Polen mit gewohnheitsmäßiger Inbrunst. Die Menschenmenge staut sich bis nach hinten zur Eingangstür. Weil an einen Sitzplatz nicht zu denken ist, haben manche alte Frauen sogar Klappsessel mitgebracht. Aus allen Teilen Wiens würden Polen in seine Kirche kommen, sagt Cichon, ein dunkelhaariger, hagerer Mann in Soutane. Es sei ganz anders als zwei Stunden zuvor, wenn er die Messe auf Deutsch liest. Dann kommen die angestammten Ottakringer. Und es sind höchstens ein paar Dutzend, und keine 750.

Die Früh-, nicht die Spätmesse ist Normalität in Wiens Kirchen. Denn wenn die Polen nicht gerade in Neulerchenfeld beten, bleiben die 172 Wiener Pfarrkirchen meist ziemlich leer. Sie seien "an Anzahl und Größe unter anderen Verhältnissen gebaut“ worden, meinte unlängst Kardinal Christoph Schönborn. Leicht entrückt und manchmal baufällig stehen die repräsentativen Bauwerke in den Straßen einer Stadt, deren Anteil an Katholiken in einem halben Jahrhundert von knapp 90 auf 45 Prozent gesunken ist - und selbst davon besucht nur eine Minderheit Gottesdienste. Es sei denn, es handelt sich um zahlenmäßig starke katholische Einwanderergruppen.

Hauptsächlich Wiens rund 36.000 Polen und 50.000 Kroaten praktizieren noch den Katholizismus im großen Stil. Sie besuchen durchwegs muttersprachliche Messen, die in zehn polnischen und zwei kroatischen Kirchen der Stadt gelesen werden. Hier stimmt noch das Verhältnis zwischen Bauwerk und Nutzung. Doch gerade hier will die Erzdiözese nun sparen.

Ausgerechnet Tadeusz Cichons Neulerchenfelder Kirche soll aufgelöst und den orthodoxen Serben für deren Gottesdienste geschenkt werden. Das habe ihm die Diözese Wien im Oktober überraschend mitgeteilt, erzählt der Priester nach der Messe im Pfarrsaal. "Man will unsere starke Gemeinde zerreißen.“ Im Juni 2011, so der Plan, soll die Polengemeinde mit einer anderen Kirche in der Hasnerstraße zusammengelegt werden, einen halben Kilometer stadteinwärts. Sie heißt Maria Namen, ist ein 70er-Jahre-Stahlbetonbau und kleiner als jene in Neulerchenfeld.

oesis

polen


Sonntag, 9.30 Uhr, Kirche Neulerchenfeld: Tadeusz Cichon liest
die Messe auf Deutsch für einige wenige Österreicher ...
und eineinhalb Stunden später liest er sie für Polen in
polnischer Sprache. Vor vollem Haus

Fotos: Heribert Corn

150.000 Serben in Wien würden sich bisher drei kleine Kirchen teilen, rechtfertigt Erich Leitenberger, Sprecher der Diözese, die Entscheidung. "Unter diesen Umständen ist es klar, dass die katholische Kirche die serbisch-orthodoxe unterstützt.“ Gerade in Ottakring leben besonders viele Serben. Und gerade Cichons Gläubige würden sich als "Personalgemeinde“ eher auf die Person des populären Pfarrers konzentrieren als auf das Kirchengebäude.

Die Polen laufen trotzdem gegen den Beschluss Sturm. Die biografischen Höhepunkte der religiösen Leute würden in der Neulerchenfelder Kirche stattfinden, sagt der Messbesucher Mariusz Wilk, 41. Hochzeitsfotos werden hier geknipst, Babys weinen nach der Taufe - es sind Ereignisse, die sich tief ins kollektive und individuelle Gedächtnis eingraben. "Die Gläubigen in Neulerchenfeld sind wie die Bäume hier im Hof“, sagt Wilk und zeigt aus dem Pfarrhoffenster. "Sie schlagen Wurzeln. Man kann sie nicht einfach wegschieben.“

Im November protestierte Wilk mit 150 anderen Polen am Stephansplatz gegen Schönborns Entscheidung und schwenkte ein Bild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, Symbolfigur des wehrhaften polnischen Katholizismus. "Die Leute engagieren sich in Neulerchenfeld“, sagt der Mann mit der sorgfältig gebundenen Krawatte. "Ich selbst habe mitgeholfen, die Fußlatten vor den Kirchenbänken zu lackieren.“ Der Messbesuch gebe ihm Kraft für die ganze Woche, sagt Wilk. "Andere tanken am Wochenende beim Skifahren Energie. Ich gehe in die Messe.“

Der Kirchenstreit in Ottakring könnte der erste von vielen sein. Denn die katholische Kirche will oder kann sich den Betrieb der "unter anderen Verhältnissen“ errichteten Bauwerke allmählich nicht mehr leisten. Gleichzeitig haben christlich-orthodoxe Einwanderergemeinden, hauptsächlich Serben und Orientalen, Bedarf an Gotteshäusern. Einst war der Katholizismus Identitätsstifter mit Alleinstellungsmerkmal, mussten andere Konfessionen per staatlichem Toleranzpatent vor ihm geschützt werden. Heute betont Sprecher Leitenberger, dass Katholiken und Orthodoxe "nahezu alle Glaubensüberzeugungen teilen“.

Schon 1974 überantwortete man erstmals eine Kirche an eine andere Konfession - die christlich-orthodoxen Syrer übernahmen die alte Lainzer Pfarrkirche. Was damals noch großzügige Gabe war, ist heute Teil eines strategischen Rückzugs. Neben Neulerchenfeld könnten vier bis fünf weitere Kirchen an orthodoxe Gemeinden übergeben werden, kündigte Dompfarrer Anton Faber im Kurier an. Konkret spekuliert wird über ein Gebäude in Favoriten, ebenfalls für die Serben.

Serbisch geprägt ist auch der Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Wer vom Westbahnhof den Gürtel hinunter geht, passiert hintereinander das Büro einer serbischen Zeitung und das Café Novi Beograd. Dahinter taucht unvermittelt Maria vom Siege auf, eine der imposantesten Kirchen Wiens.

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Maria vom Siege
Foto: Corn

1875 von Friedrich von Schmidt, Architekt des Rathauses, vollendet, steht der zweithöchste Kuppelbau der Stadt heute verloren neben den vielbefahrenen Gürtelspuren. Auch er hätte im Vorjahr - noch vor Neulerchenfeld- den Serben übergeben werden sollen. Doch der Plan scheiterte. Anders als Tadeusz Cichon kam jedoch Pfarrer Bruno Meusburger dabei keine vielköpfige Gemeinde zur Hilfe. Es war der Denkmalschutz, der sein Veto einlegte.

Meusburger, 41, sitzt im Pfarrbüro neben der Kirche. So beflissen er von "kältebedingter Sprengwirkung“ und "faulem Stein“ redet, könnte man auch einen Bautechniker vor sich haben, wären nicht Soutane und schwarze Kappe. Meusburgers prachtvolle Kirche mit ihren Erkern und Ziertürmen fällt allmählich auseinander. Seit einem Jahr schützt ein Gerüst um Maria vom Siege Passanten vor herabstürzenden Trümmern. Weder Pfarre noch Diözese würden die zehn Millionen Euro für die Renovierung aufbringen können, sagt der Geistliche. Da kam es recht, dass orthodoxe Kirchen immer wieder um Gebäude anfragten. "Die Serben hätten die Kirche renoviert und dafür als Geschenk erhalten.“

Wie die Neulerchenfelder Polen habe auch seine Gemeinde "traurig und gelähmt“ reagiert, erzählt Meusburger. Einige Gläubige baten sogar in einer Gebetsgruppe um göttlichen Beistand. Nach einem halben Jahr kam er in Form eines Bescheids durch das Bundesdenkmalamt.

Die Altäre seien ebenso schützenswert wie die gründerzeitlichen Sitzbänke, erklärte die Behörde. Die Orthodoxen, die ihre Messen stehend zwischen Ikonen feiern, hätten das Interieur aber abgerissen. Also wurde die Übergabe abgesagt.

Was Meusburger persönlich freut, ändert freilich nichts am Grundproblem. Hinter dem Gerüst zerbröselt Maria vom Siege weiter. Vor allem Ziegelsteinkirchen aus dem 19. Jahrhundert seien gefährdet, sagt der architektonisch versierte Pfarrer - neben seiner gibt es davon 24 weitere in Wien. Immer öfter müssten Bauteile entfernt werden, um Einstürze zu vermeiden.

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Pfarrer Meusburger in seiner Kirche
Foto: Corn

Exakt acht Jahrhunderte liegen zwischen der ältesten und der jüngsten Kirche Wiens - der 1200 erwähnten Ruprechtskirche am Schwedenplatz und der im Jahr 2000 geweihten Kirche in der Donau City. Dazwischen stellt sich bei immer mehr Gotteshäusern die Frage nach der Zukunft.

Eine Umwandlung in nichtsakrale Orte, in Restaurants oder Discos, lehnt die Erzdiözese ab. Ebenso wenig will man Gebäude an nichtchristliche Religionen verschenken, etwa Hindus oder Moslems, sagt Sprecher Leitenberger. Dafür liegt zumindest ein Grund auf der Hand: Während Übergaben an Christen relativ unbemerkt über die Bühne gehen, mag man sich den Proteststurm bei der Verwandlung einer Kirche in eine Moschee kaum ausmalen - offenbar gilt dem durchschnittlichen Österreicher etwa ein islamischer Ägypter als größere Gefahr als ein christlicher.

Dabei würde so mancher in der Markuskirche im 22. Bezirk auf den ersten Blick wenig Unterschied bemerken. Arabischer Gesang mit deutschen Passagen klingt durch das Gebäude. Weihrauchschwaden stehen so dick in der Luft, dass man meint, sie müssten sich wie Vorhänge heben, wenn man durch den Innenraum geht.

Von außen sieht die Markuskirche wie eine Dorfkirche aus, würde sich nicht gleich dahinter die Uno-City erheben. Schon seit den 70ern feiern die Kopten, christlich-orthodoxe Ägypter, hier Messen. 2004 übernahmen sie das Haus endgültig. Drinnen sitzen links die Männer, rechts die Frauen. Einen Altar wie in katholischen Gotteshäusern sieht man keinen, dafür teilt eine Ikonostase, die Ikonenwand, den Innenraum. Aus ihr tritt ein Priester mit Vollbart und golddurchwirktem Ornat und schwenkt ein Weihrauchfass.

Nein, es habe bei der Übernahme durch die Kopten keinerlei Widerstand gegeben, sagt Kirchensprecher Leitenberger. Und Anba Gabriel, koptischer Bischof für Wien, fügt hinzu, dass man ein paar Adaptionen vornehmen hatte müssen, um die Kirche für orthodoxe Zwecke umzurüsten. Neben der Ikonostase wurde ein Taufbecken installiert, Statuen durch Ikonen ersetzt und die Position der Kirchenbänke verändert.

Tadeusz Cichons Gemeinde in Ottakring zeigt Verständnis, wenn man sie etwa auf die Kopten anspricht - prinzipiell. Man sehe das Problem der leeren Kirchen, sagt Janusz Urbaniec, Messbesucher und Theologe. Trotzdem werde man hier "alle Mittel bis zum Hungerstreik“ ausschöpfen, um die Diözese zur Revision der Entscheidung zu bewegen. Und überhaupt: Warum biete man den Serben nicht Maria Namen in der Hasnerstraße an, jene Kirche, in die die widerwillige Polengemeinde 2011 ersatzweise übersiedeln muss?

Ja, warum eigentlich nicht?

Maria Namen den Serben zu übergeben wäre keine optimale Lösung, antwortet Diözesensprecher Erich Leitenberger. Gegenüber der Kirche hat sich nämlich der alte Kriegsfeind einquartiert. Dort liegt ein bosnisch-islamisches Zentrum.


Große Austrittswelle
"Seit der Nazizeit“ seien nicht mehr so viele ausgetreten, sagte Kardinal Schönborn vergangene Woche. Für 2010 rechnet er mit 80.000 Menschen, die die Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen ziehen. 2009 waren es rund 50.000


Kleine Kirchenkunde
Religionsverteilung der im Text vorkommenden Staaten und Nationalitäten:

Österreich 1951
89 % Katholiken 6,2 % Evangelische

Österreich 2009
66 % Katholiken 3,9 % Evangelische
4,2 % Muslime

Polen
95 % Katholiken (davon 54 % praktizierend)
1,3 % Polnisch-Orthodoxe

Serbien
85 % Serbisch-Orthodoxe 6 % Katholiken
3 % Muslime

Kroatien
88 % Katholiken
4 % Serbisch-Orthodoxe

Ägypten
90 % Muslime
circa 10 % Koptisch-Orthodoxe

Bosnien
44 % Muslime,
31 % Serbisch-Orthodoxe
17 % Katholiken

Syrien
75 % Muslime
15 % Syrisch-Orthodoxe

Erschienen im Falter 51/2010

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Müssen Sie nun zu den serbischen Mördern zurück, Herr Mirilo?

Jovan Mirilo schickte das Srebrenica-Video nach Den Haag - und musste aus seinem Heimatland Serbien nach Österreich fliehen. Von hier sollte er, obwohl mit Preisen bedacht, samt Familie abgeschoben werden. Eine Entscheidungsgrundlage für den negativen Bescheid war ein anonymes und diffamierendes Gutachten des Innenministeriums. Nach Protesten sagte das Innenministerium zu, doch nicht abzuschieben und den Asylfall neu aufzurollen (Falter 5/10).

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Beinahe in die Lebensgefahr abgeschoben: Jovan Mirilo
Foto: Katharina Gossow

"Meine Anwältin hat eine Beschwerde gegen das Gutachten eingebracht, die jetzt am Asylgerichtshof geprüft wird. Wir sind optimistisch, weil wir wissen, dass diese Prüfung nicht so voreingenommen ist, wie es davor das Gutachten war. Wir hoffen, dass die Prüfung noch im Jänner 2011 abgeschlossen sein wird. Und wenn wirklich alles gutgeht, bekommen wir danach noch im selben Monat den positiven Asylbescheid. Dann können wir uns endlich ein normales Leben aufbauen. Momentan ist es nämlich nicht einfach. Vor kurzem haben wir unsere Mietwohnung verloren. Im letzten Moment, bevor wir auf der Straße standen, fanden wir dann eine neue. Sie liegt in Meidling. Das ist gut, weil unsere kleine Tochter in der Nähe in die Schule geht."

Nachfrage: Joseph Gepp

Die ganze Geschichte:
Der verratene Held vom Februar 2010

Erschienen im Falter 51/2010

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Donnerstag, 29. April 2010

Gerendert aus der Asche

In zwölf Jahren Detailarbeit haben zwei Architekten die Synagogen Wiens wiedererrichtet. Zumindest virtuell

Bericht: Joseph Gepp

Zweihundert bis vierhundert Arbeitsstunden dauere es, sagt Herbert Peter, dann stehe eine Synagoge wieder.

Er klappt seinen Laptop auf und öffnet ein Bild, Brigittenau, Kluckygasse 11. Seit der „Reichskristallnacht“ vom 10. November 1938 existiert der dreischiffige Tempel mit den Zwiebeltürmen nicht mehr. Peter, 44, Architekturdozent an der Akademie der bildenden Künste, hält die Maustaste gedrückt und steuert durch ein Fassadenfenster ins Innere.

Ein Davidstern thront über dem Thoraschrein. Die gusseisernen Kurven des Stiegengeländers erinnern an Kleeblätter. Sogar Sonnenlicht, das ein kreuzförmiger Fensterrahmen viertelt, fällt von draußen über die Frauenempore. „Bis vor kurzem“, sagt Peter, „gab es von diesem Gebäude nicht mehr als einen Grundriss und ein paar vergilbte Fotos. Aber jetzt können wir, wenn wir die Quellen zusammenfassen, den alten Raumeindruck nachbilden.“

„Computergestütztes Modellieren“ oder neudeutsch „Rendern“ nennt man die Methode, die sonst vorwiegend bei Neubauvierteln zum Einsatz kommt, damit man sich vorab deren Anmutung vor Augen führen kann. Aber heute rendert Herbert Peter, der nun das Innere der Synagoge in zwei Hälften schneidet, die Vergangenheit. Er will sich vorstellen können, wie die Stadt war, bevor das jüdische Leben aus ihr getilgt wurde.

21 große Synagogen und 40 kleine Bethäuser standen am Beginn des 20. Jahrhunderts in Wien. Es gab sie in fast allen Bezirken. Manche erinnerten in ihrem orientalisierenden Stil an das Simmeringer Arsenal. Andere sahen katholischen Kirchen zum Verwechseln ähnlich. Weitere hatten prachtvolle Kuppen und minarettartige Türmchen. Bei vielen lag die Fassade nicht direkt an der Straße, sondern man musste erst ein Vorhaus durchqueren, in dem oft Schulen und Klubs untergebracht waren.

Wo sie standen, liegen heute Parkplätze oder Hinterhöfe oder – wie in der Kluckygasse 11 – unterbricht ein grauer Nachkriegsgemeindebau eine Hausweite lang die gründerzeitliche Straßenfront.

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Die Leopoldstädter Pazmanitengasse einst und jetzt
(alle Fotos und Grafiken aus "Die zerstörten Synagogen Wiens")

Herbert Peter hat gemeinsam mit Bob Martens, 49, Professor für Raumgestaltung an der TU Wien, die Rekonstruktionen aller 21 Synagogen in einem aktuellen Buch veröffentlicht. Zwölf Jahre lang dauerte die Arbeit. Die Anregung kam von einem Bewohner der Josefstädter Neudeggergasse, der 1998 vom Expertenduo wissen wollte, wie eigentlich der verschwundene Tempel in seiner Straße ausgesehen habe. Danach arbeiteten sich Martens und Peter – assistiert von TU-Studentengruppen – von Synagoge zu Synagoge weiter.

Die Resultate sind derzeit auch in einer Ausstellung im Büro der Gebietsbetreuung Brigittenau zu sehen.Das Besondere an Martens’ und Peters Arbeit ist der unkonventionelle Zugang: Wer sich sonst mit Vertriebenen auseinandersetzt, greift klassischerweise auf Quellen wie Zeitzeugenberichte, Tagebuchnotizen oder Bevölkerungsstatistiken zurück. Martens und Peter aber verfolgen keinen historischen oder religionswissenschaftlichen, sondern einen strikt architektonisch-technischen Zugang. Es geht ihnen nur darum zu zeigen, wie die Stadt aussah, als noch Synagogen in ihr standen.

Demnach soll das einstige Straßenbild mit dem heutigen verglichen werden können. Dazu findet sich zu jedem Tempel im Buch ein Grätzelplan. Außerdem handelt es sich um keinen Bildband, wie er sonst zur Darstellung von Grafiken dient. „Wir haben stattdessen“, sagt Bob Martens, „die Form des handlichen Stadtführers gewählt. Wir wollen, dass ihn die Leute in die Hand nehmen und losmarschieren.“

Sie gehen auf die Suche nach Parkplätzen und Hinterhöfen, die sie vielleicht schon hundertmal übersehen haben. Und deren grauer, unauffälliger Lückencharakter nun davon erzählt, was dieser Stadt einmal verlorengegangen ist.

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Der sephardische Tempel in der Zirkusgasse: als historische Aufnahme, als Computermodell mit Lichteinfall, als dieselbe Stelle heute


Um die Lücken anschaulich zu machen, suchten Martens und Peter nach alten Beschreibungen der Synagogen, Fotos, Aquarellen, Postkarten. Sie vertieften sich in jüdische Ornamentik und gründerzeitliche Farbgebung. Sie berechneten anhand der typischen Ostausrichtung der Synagogen den Lichteinfall in Innenräumen. Sie durchforsteten Laufkilometer an den baubehördlichen Akten, um jene Pläne aufzutreiben, die Architekten einst im Zug des Bewilligungsverfahrens ans Magistrat einreichten. Teils gehen diese Dokumente bis ins Jahr 1790 zurück.

„Historiker aus Serbien und Ungarn recherchieren in Wien, weil hier so viele alte Pläne liegen. Es hat was sehr Wienerisches, dass die echten Bauten vernichtet, niemals aber die Archive angetastet wurden“, sagt Herbert Peter.

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Der einstige Ottakringer Tempel in der Hubergasse

Bei den Recherchen erschlossen sich Martens und ihm Erkenntnisse, die weit über das bloße Aussehen von Synagogen hinausreichen.

Wiens ältester neuzeitlicher Tempel liegt in der Seitenstettengasse und besteht bis heute. Als er 1825 errichtet wurde, hielt man sich noch streng an das Toleranzpatent Josephs II., wonach nichtkatholische Gotteshäuser von außen nicht als solche erkennbar sein durften.

Als Jahrzehnte später, 1858, Wiens zweite Synagoge entstand, war die Gemeinde durch Ostzuwanderer schon auf das rund Dreißigfache angewachsen. Die große Synagoge in der Leopoldstädter Tempelgasse fasste nun rund 3000 Menschen. Das Toleranzpatent war aufgeweicht; die Tempel begannen etwas herzumachen.

Zwar blieb etwa jener in der Tempelgasse kleiner als viele katholische Kirchen. Aber der maurische Stil, den der Ringstraßenarchitekt Ludwig von Förster dem Gebäude verpasste, machte Eindruck. Und weil die davor verlaufende schmale Gasse keine pompösen Sichtachsen erlaubte, legte Förster einen neuen Platz an: In einigen Metern Entfernung beiderseits des Hauptschiffes ließ er Nebentrakte bauen, sodass ein Raumeindruck entstand. Einer der Trakte steht bis heute, daneben die brache Stelle, wo bis 1938 das Hauptschiff war.

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Die Tempelgasse, einst und jetzt

Eine schmale Gasse, ein kleines Grundstück – und doch der Wille zur Repräsentation: „Die Tempelgasse zeigt, wie die jüdische Gemeinde ständig zwischen dem Willen zur Exponiertheit und der Angst davor lavierte“, sagt Martens und zeigt als Beleg das Rendering eines weiteren Tempels. „Die Synagoge in der Alsergrunder Müllnergasse war zwar einigermaßen auffällig. Aber dafür sah sie auch aus wie eine katholische Kirche. Und doch war sie von der Straßenfront aus ein paar Meter nach hinten versetzt, als würde sie sich nicht ganz hervorzutreten trauen. Es war ein ständiges Taxieren und Verhandeln.“

Wie als Bestätigung dieses Misstrauens überstanden – wenn auch ihrer Funktion beraubt – gerade jene Synagogen das Jahr 1938, die von außen nicht als solche kenntlich waren. Schon 1903 ließen wütende Anrainer den Bau einer Großsynagoge am Rudolfsplatz scheitern. Im Gegensatz zu allen bisherigen hätte diese freistehend, also in keine Straßenfront integriert, sein sollen.

Außerdem gab es damals in der kakanischen Provinz mehr Freiheit als in Wien. Am Land standen Synagogen öfter frei und waren generell prominenter platziert als in der Reichshaupt- und Residenzstadt. Das ging so weit, dass sich manchmal das gleiche Modell desselben Architekten baugleich zweimal fand – halb versteckt in Wien und etwas exponierter am Land.

So existiert der einstige Alsergrunder Tempel ein zweites Mal im tschechischen Budweis – dort hat er im Gegensatz zu Wien die Nazizeit überlebt und steht außerdem frei. Und im Fall der Synagoge im nordungarischen Miskolc finden sich sogar Weltreligionen ineinander verzahnt: Das gleiche Gebäude steht als evangelische Gustav-Adolf-Kirche in der Gumpendorfer Straße.

So gesehen hat sogar Ludwig von Försters einst gerühmter Leopoldstädter Tempel die Zeit auch abseits von Bob Martens’ und Herbert Peters Computermodellen überstanden: Er steht als „Choralsynagoge“ in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.


Bob Martens, Herbert Peter: Die zerstörten Synagogen Wiens. Virtuelle Stadtspaziergänge. Mandelbaum, 256 S., € 19,90

Wiens verschwundene Synagogen, Ausstellung Gebietsbetreuung Stadterneuerung. 20., Allerheiligenplatz 11. Mo-Mi 9-12 und 13-17 Uhr, Do 13-19 Uhr, Fr 9-12 Uhr


Kasten zu diesem Text: Der "Broadway in der Reindorgasse": Wie eine Bürogemeinschaft im fünfzehnten Bezirk Grätzelgeschichte(n) erlebbar machen möchte

Erschienen im Falter 17/2010

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Mittwoch, 21. April 2010

Im Auftrag der Republik: was im Asylwesen im Dunkeln bleibt

Der Fall Mirilo. Kommentar.

Vor einiger Zeit enthüllte der Falter den Fall Jovan Mirilo: Jener Serbe, der das Srebrenica-Video nach Den Haag schickte, sollte aus Österreich abgeschoben werden. Grundlage des Asylbescheids war ein Gutachten, das erstens anonym war und zweitens Fakten extrem verzerrte und Mirilo als Kriminellen hinstellte.

Der folgende Wirbel zwang das Innenministerium zum Rückzug. Nun wurde außerdem eine parlamentarische Anfrage beantwortet, die die Grüne Alev Korun einbrachte. Ihr dürftiger Inhalt – vieles bleibt wegen des „laufenden Verfahrens“ offen – lässt vor allem Rückschlüsse auf jene „Ermittler“ zu, die im Auftrag der Republik in Herkunftsländern Milieus und Fluchtgründe durchleuchten.

Eben jene nennt Ministerin Maria Fekter in ihrer Antwort konsequent „Sachverständige“, obwohl sie offiziell als „Ermittlungsbeauftragte“ tituliert werden. Dieses scheinbare Detail ist wichtig, denn einem Sachverständigen räumt das Verfahrensgesetz weit mehr Kompetenzen ein als einem Ermittler. Die Wortwahl verrät also die eminent wichtige Funktion der Ermittler für Asylfälle.

Das wäre nicht weiter tragisch, würde Auswahl und Handhabe der „Ermittler“ mit einem Mindestmaß an Transparenz erfolgen. Tatsächlich aber weiß, das geht aus der Antwort hervor, nicht einmal das Ministerium selbst, wie viele Ermittler im Einsatz sind und was dieser kostet. Im Übrigen, schreibt Fekter gleichsam ausgleichend, „werden Bestimmungen und Qualitätsstandards eingehalten“. Wenn man zurückdenkt, wie der (kosovo-albanische) Gutachter Zitate manipulierte, um den (serbischen) Aktivisten Mirilo in Grund und Boden zu schreiben, dann stimmen diese Worte nicht gerade ruhig.

Erschienen im Falter 16/2010


Mehr zum Fall Jovan Mirilo?

Zuhause wartet der Tod, März 2008
Der verratene Held, Februar 2010, I
"Befugt bin ich aus einem EU-Land", Februar 2010, II
Das Asylamt revidiert seinen Bescheid, Februar 2010, III

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Mittwoch, 14. April 2010

Nachbar in Not

Roma-Morde, militante Garden, ein unvergleichlicher Rechtsruck. Was ist denn bloß in Ungarn los?

Reportage: Joseph Gepp


Es ist Donnerstag, 8. April. Morgen beginnt die gesetzlich verordnete Kampagnenstille vor der Wahl. Heute wird am Budapester Donauufer noch richtig Gas gegeben.

„Wer liefert unserer Regierung die Tankwägen, die euch beim Demonstrieren von der Straße spritzen?“, ruft der Redner in die Menge. „Israel!“, antwortet er sich selbst. „Wer kauft unsere ungarische Erde auf? Israel!“

Die Partei Jobbik, was zugleich „Bessere“ und „Rechtere“ bedeutet, hat zur Schlusskundgebung unter die Statue von Sándor Petöfi, Ungarns Heinrich Heine, geladen. Bei ihrer Gründung 2003 galt Jobbik noch als obskure Politsekte, deren völkisches Getue samt Faible für historisch einschlägige Uniformen Spott hervorrief. Jetzt könnten Ungarns Rechtsextreme, neben denen sich die hiesige FPÖ wie ein Haufen Versicherungsvertreter nach einem NLP-Grundkurs ausnimmt, gar die regierenden Sozialisten einholen und hinter den Rechtskonservativen ein zweitstärkste Kraft ins Parlament ziehen.

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Bei der Kundgebung: Jobbik-Anhänger mit dem Umrissen von Großungarn am Pullover
(Fotos: Joseph Gepp)

Schwule, Kommunisten, Juden und Roma sind nach Jobbik Stacheln im Volkskörper – und die linksliberale ungarische Regierung Erfüllungsgehilfe: „Nach der Wahl wird ihr im Gefängnis das Lachen schon vergehen“, heißt es von der Bühne. Jobbik propagiert ein Weltbild à la 1933: Okkult beschlagene Parteigänger behaupten, dass Jesus Ungar gewesen sei; das schiefe Kreuz auf der Stephanskrone diene in Wahrheit als Antenne zum Empfang göttlicher Botschaften ans auserwählte Magyarenvolk.

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Am Rand der Veranstaltung werden einschlägige Fanartikel verkauft: "H" steht für "Hungaria". Trianon war der Name jenes französischen Schlosses, in dem nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen eines stark verkleinerten Ungarns gezogen wurden (Gepp)

Rund 300 Leute sind zur Veranstaltung gekommen; die Ansammlung wirkt wie eine Mischung aus Wünschelrutengeherseminar, Skinhead-Aufmarsch und einer dieser tristen Unterschichtendokumentationen im Privatfernsehen. T-Shirts mit altmagyarischen Runen umspannen Bierbäuche; Amulette mit dem heidnisch-nationalen Turul-Vogel baumeln um sonnenverbrannte Stiernacken.


Nazifahnen und Fabelvögel

Auf der Bühne weht die mittelalterliche rot-weiße Árpád-Fahne, Symbol der Pfeilkreuzler, Ungarns Nazis. Daneben steht die 2007 gegründete „Ungarische Garde“, jene schwarz gekleideten Möchtegern-Paramilitärs, die gern durch Roma-Dörfer marschieren, wenn sie nicht gerade Kundgebungen organisieren. Ein Mann verteilt Pickerln für die Stoßstange. Auf ihnen prangen neben Israels Präsident Shimon Peres die Worte: „Regiere dein eigenes Land, Hurensohn, statt unseres zu besetzen!“

Wenn die Israelis ihren Nahoststaat bald an die Araber verlieren würden, erklärt der junge Jobbik-Parteichef Gábor Vona auf der Partei-Homepage, sei Ungarn als Ausweichvariante vorgesehen. Seine Fans nehmen solche Szenarien bereitwillig auf: Zwei Kräfte hätten Ungarn und ganz Europa in den Staub getreten, sagt etwa ein älterer Mann am Rand der Kundgebung, „Juden und Kommunisten“. Und „im Übrigen warte ich immer noch auf Österreichs Entschuldigung für den Raub des Burgenlandes“. Der Mann verabschiedet sich mit dem Jobbik-Gruß: „Gott gebe eine bessere Zukunft.“

Nach einer besseren Zukunft sieht es derzeit in Ungarn nicht gerade aus.

Vergangenen Sonntag, drei Tage nach der Jobbik-Kundgebung, fand der erste und entscheidende Wahlgang der Parlamentswahl statt. Er bescherte dem Land einen Rechtsruck, wie er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in keinem osteuropäischen Staat vorgekommen ist. Die Kräfte der Wende, die bis zuletzt regierten, Sozialisten und Liberale, wurden mehr als halbiert und stürzten in die Bedeutungslosigkeit. Die neue Macht ist indes mit 53 Prozent der „Fidesz“, eine konservative Volkspartei mit hetzerischen Untertönen, deren charismatischer Vorsitzender Viktor Orbán eher Silvio Berlusconi als Josef Pröll ähnelt. Und Jobbik konnte zwar nicht die Sozialisten überholen. Aber nur zwei Prozent hinter ihnen, mit 17 Prozent der Stimmen, hat sich die Polit-Sekte fest im Mittelfeld der ungarischen Politik etabliert.

Etwas läuft falsch im einstigen Land des Gulaschkommunismus, in der nach Hans Magnus Enzensberger „fröhlichsten Baracke im Block“. 21 Prozent der Bewohner sympathisieren laut dem Budapester Political-Capital-Institut mit Rechtsextremen – ein Spitzenwert in Europa. In Sachen Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Wachstum fällt Ungarn dafür zurück, hinter frühere Nachzügler wie Polen und Slowakei. EU und Währungsfonds mussten dem Land 2008 einen Notkredit von 20 Milliarden Dollar gewähren, um es vor dem Staatsbankrott zu retten. Seither wird eisern gespart, was einerseits die Armut und andererseits den Extremismus vergrößert: Kennern zufolge greift er vor allem in der Provinz außerhalb von „Judapest“, wie einschlägige Kreise die Hauptstadt nennen, immer mehr um sich.


Brandsätze und Schrotflinten

40 Minuten etwa liegt Tatárszentgyörgy von Budapest entfernt. Fidesz wie Jobbik haben hier überdurchschnittlich gewonnen. An der Landstraße, die zum Dorf führt, stehen Prostituierte unter blühenden Obstbäumen, Bauern pflügen ihre Felder wie vor 150 Jahren mit dem Pferd.

Eine Kirche steht in Tatárszentgyörgy, zwei Pferdefuhrwerke, ein Beisl namens Royal Jack Pub. An einem unasphaltierten Weg wohnen in heruntergekommenen Häusern die Roma des Ortes. Und wo ihre kleine Siedlung am Waldrand endet, lebt Familie Csorba. Ihr Leid wurde zum Signal, dass in Ungarn etwas schiefläuft.

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Csabáné Csorba mit ihrem Mann und dem Foto des ermordeten Sohns und Enkels (Gepp)

Am 23. Februar 2009, 0.15 Uhr, warfen Unbekannte Molotow-Cocktails auf ihr Dach. Róbert Csorba lief daraufhin mit seinem vierjährigen Sohn vor die Tür, wo beide mit einer Schrotflinte erschossen wurden. Die Mutter sprang mit zwei weiteren Kindern aus dem Fenster der Hausrückseite; sie überlebten schwer verletzt.

Seit zwei Jahren erschüttern die sogenannten „Roma-Morde“ Ungarn. Sie laufen immer nach demselben Muster ab: Die Täter wählen das letzte Haus am Dorfrand, von dem aus die Flucht leicht fällt. Sie schleudern Brandsätze und feuern Schrotkugeln. Sechs Menschen starben derart bei neun Anschlägen im ganzen Land. Vier mutmaßliche Täter, davon ein amtsbekannter Rechtsradikaler, wurden im August 2009 in Debrecen gefasst und sitzen seither in U-Haft.

Das Leid der Roma

Wenn Csabáné Csorba, 46, vor ihre Haustür in Tatárszentgyörgy tritt, steht sie direkt vor jener Brandruine, in der ihr Sohn und Enkel starben.

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Das angegriffene Haus (Gepp)

Zu zehnt wohnen die verbliebenen Mitglieder der Großfamilie, allesamt arbeitslos, im Nebenhaus. Róbert war mit seiner eigenen Familie nach nebenan gezogen. Sie glaube nicht, dass Jobbik die Macht in Ungarn erringen werde, meint die trauernde Mutter, die in ihrem Wohnzimmer unter einer riesigen Kopie des „Letzten Abendmahls“ sitzt. „Aber wenn doch, ist es für die Roma im Land vorbei.“ Sie merke, wie sich die Stimmung zwischen Roma und „Weißen“ zum Schlechten verändere. „Ich könnte gar nicht sagen, inwiefern. Aber es fällt mir auf, wenn ich zum Beispiel im Dorf einkaufe. Es ist eine spezielle Stimmung in Tatárszentgyörgy, weil hier der Anschlag war. Aber es ist auch eine spezielle Stimmung in ganz Ungarn.“

„Die Saat geht auf“, schreiben Gregor Mayer und Bernhard Odehnal in ihrem Buch „Aufmarsch“ zur osteuropäischen Rechten. Für die österreichischen Journalisten bildet Jobbiks Hetze einen Teil jener Radikalisierung, die in die Roma-Morde mündete.

Wie Frau Csorba in Tatárszentgyörgy registrieren die beiden Autoren im gesamten Land eine Veränderung: Hetze wird salonfähig, Hemmschwellen fallen, Konflikte verlagern sich aus demokratischen Instanzen auf die Straße. Ein Beispiel ist das Online-Nachrichtenportal kuruc.info, Leitmedium der ungarischen Rechten.

Rubrik „Holo-Schwindel“


Laut Kritikern mit Jobbik verflochten, hetzt der „Kuruzze“ wütend gegen Juden, Sozialisten und Roma. Seine Rubriken heißen etwa „Zigeunerkriminalität“ und „Holo-Schwindel“. Im Impressum verstecken sich Schreiber hinter Namen wie „János Arbeitmachtfrei“ und „Kenneth Kl. Klan“.

Die bloße Existenz solcher Naziseiten unterscheidet Ungarn zwar noch nicht von anderen Ländern. Aber im Gegensatz zu anderswo rangiert kuruc.info mit 130.000 Lesern täglich unter den meistbesuchten Websites des Landes. Unlängst etwa enthüllte das Portal einen Datenmissbrauchsfall: Herkömmliche Medien berichteten darüber und nannten, wie üblich, die Quelle. Kuruc erscheint also zunehmend wie ein gewöhnliches kritisches Medium – auch wenn im Impressum etwa „Adolf H. Schicklgruber“ steht.

Derartiges sei in Ungarn „noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen“, erklärte Paul Lendvai im vergangenen Falter. Und Adam Schönberger, ein junger jüdischer Aktivist aus Budapest, meint: „Der Diskurs in diesem Land ist total versaut.“

Schönberger, 30, Kapuzenpullover und roter Dreitagebart, betreibt in der Altstadt die „Möwe“, Bierlokal, Buchhandlung und Diskussionsstätte in einem. Er veranstaltet Debatten zum Judentum und setzt sich für Reformen in Budapests „postkommunistisch undurchsichtiger“ Glaubensgemeinde ein. Einerseits habe in Ungarn vieles am jüdischen Leben des alten Ostens überlebt, sagt er. Andererseits seien antisemitische Übergriffe nicht selten. Letzte Woche erst, erzählt er, hätten Unbekannte Steine auf eine Gruppe Budapester Pessach-Feiernder geworfen. Und im Vorjahr kam es am Donauufer zu einer besonders widerwärtigen Schändung: Bronzeschuhe an der Promenade erinnern daran, dass hier einst Pfeilkreuzler Juden in den Fluss warfen und ermordeten. Eines Morgens steckten in den Schuhen plötzlich Schweinshaxen.

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Adam Schönberger in der "Möwe" (Gepp)

„Ich würde zwar auswandern, wenn Jobbik an die Macht käme“, sagt Schönberger. „Aber derzeit scheint mir das wie Science-Fiction. Fidesz macht mir größere Sorgen.“

Wie viele Beobachter meint der Intellektuelle, dass Fidesz viel zur Salonfähigkeit des Rechtsextremismus beigetragen habe. Denn nach 2006 verstrickte sich die sozialistische Regierung immer mehr in Lügen und Missstände. Fidesz-Chef Viktor Orbán – der jetzige Wahlsieger – wählte darauf jedoch nicht den legitimen demokratischen Weg. Stattdessen unterstützte er den gewaltsamen und oft rechtsextremen Straßenprotest.

Ein „versauter Diskurs“ im Land

Jahrelang blockierte Fidesz alle Regierungsmaßnahmen. Bis heute warnt Orbán vor den „Links- und Rechtsradikalen“ – als wären Sozialisten und Jobbik dasselbe Phänomen.

Es ist Sonntag, 11. April 2010. Die Wahl ist geschlagen; Siegerpartei Fidesz feiert am zentralen Vörösmarty-Platz. Während hier der Gewinner von „Ungarn sucht den Superstar“ für Fidesz-Freunde Bohemian Rhapsody singt, trifft sich Jobbik zehn Kilometer weiter, in einem abgelegenen Sportzentrum am Budaer Donauufer.

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Die Ungarische Garde im Sportzentrum (Gepp)

Hunderte Mitglieder der Ungarischen Garde sind gekommen, um den 17-Prozent-Gewinn zu feiern. Sie jubeln, weil jeder sechste Wähler für Jobbik gestimmt hat. Sie tragen Hahnenfedern auf Kappen wie einst die Pfeilkreuzler. Sie brüllen Kommandos und marschieren im Gleichschritt durch die Halle.

Jetzt, wo die Parlamentswahl vorbei ist, wirkt die selbstbewusste Szenerie viel eher nach Skinhead-Aufmarsch als nach trister Unterschichtendokumentation im Privatfernsehen. Sie erinnert an die Dreißigerjahre. Sie wirkt gefährlich. Sie kündet jedenfalls nicht von einer besseren Zukunft.


Erschienen im Falter 15/2010

Gulaschfaschismus: Interview mit Jobbik-Prateichef Gábor Vona von 2007

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Mittwoch, 31. März 2010

Kaiser von Jugoslawien

Seit einem Jahr ist Valentin Inzko Hoher Repräsentant in Bosnien. Zu Besuch in einem nichtexistenten Staat


Reportage: Joseph Gepp, Sarajevo


Das wird wohl die beste Amtshandlung seiner Arbeitswoche, scheint der am Rand der Landstraße Polizist zu denken. Zwei Autos nähern sich ihm mit herausfordernd hoher Geschwindigkeit. Er dreht sein kleines Stoppschildchen in den Armen, geht einen Schritt nach vorne. Er steckt sich noch das Hemd in die Hose, um auch souverän zu wirken, wenn er gleich gönnerhaft und respekteinflößend in Richtung der angehaltenen Wagen schreitet.

Doch dazu kommt es nicht. Er weicht zurück und zweckentfremdet sein Stoppschildchen sogleich zum Durchwinken. Don’t even think about it, sagt noch hinterher einer der Chauffeure im Wageninneren.

Zwei Autos rasen durch Bosnien-Herzegowina. Sie fahren durch Dörfer, weil es hier kaum Autobahnen gibt. Sie brettern über Schlaglöcher, folgen den Mäandern stürmischer Flüsse. Sie passieren Häuser, zerschossene, niedergebrannte, als Rohbauten wiedererrichtet. Sie passieren Friedhöfe auf Hügelhängen, die aus der Ferne wie gleichmäßige geometrische Muster auf grünem Hintergrund aussehen. Weiße Säulen mit runden Aufsätzen für die Muslime. Kreuze mit Blumen für die Christen.

Die Wägen fallen hier auf. Ein fast neuer VW-Kombi, ein silberner BMW-Geländewagen, beide mit Diplomatenkennzeichen. Ihnen kommen fast nur Zweiergolfs entgegen. Der VW-Golf II, das inoffizielle bosnische Nationalmobil, wurde bis 1992 produziert. Es war das Jahr, in dem in Bosnien-Herzegowina die Zeit stehenblieb.

Heute sitzt in dem silbernen BMW jener Mann, der sie wieder in Gang bringen soll.

Im Land der konvertiblen Mark


Es ist ein Österreicher, der Bosnien regiert. 60 Jahre alt, gelbgepunktete Krawatte, eine Frisur wie Erwin Pröll. Seine Mimik wirkt leicht gefroren, sein ganzes Wesen sehr gemessen und kontrolliert. Er heißt Valentin Inzko, und seit exakt einem Jahr lautet seine Berufsbezeichnung „Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina“. Weil das kompliziert klingt, nennen ihn und Beobachter auf der ganzen Welt schlicht: High Rep.

High Rep zu sein ist eine der schwierigsten und interessantesten Aufgaben der internationalen Diplomatie. Der Hohe Repräsentant soll im Auftrag der UNO ein Land in die Normalität führen, das aus drei Völkern besteht, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Ein Land mit drei Amtssprachen, die praktisch ident sind, was deren Sprecher aber beharrlich leugnen. Ein Land, in dem fast jede Währung akzeptiert wird, wobei die offizielle dem Wert der alten D-Mark entspricht und auch so heißt: „konvertible Mark“.


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Ein Post-It pro Krise: Valentin Inzko in seinem Büro in Sarajewo
Foto: Nino Maricic, BH-Dani

Der High Rep ist in diesem Umfeld der große Friedensstifter und Streitschlichter. Er verfügt dafür über nahezu diktatorische Machtbefugnisse. Wahlen tangieren ihn nicht; er kann Gesetze aufheben und Politiker entlassen. Der Brite Paddy Ashton etwa, einer von Valentin Inzkos sechs Vorgängern, entließ an einem einzigen Tag 2005 60 Politiker, weil sie in seinen Augen den Staatszusammenhalt gefährdeten.

Der Staatengemeinschaft scheint das wegen der Lage im Land angebracht und notwendig. Denn während andere jugoslawische Nachfolgestaaten längst vor der Tür der EU stehen, hat Bosnien-Herzegowina für sie alle Probleme des gemeinsamen Erbes geschultert: die Fragmentiertheit, die aufgeblähte Verwaltung, ja selbst die Unabhängigkeitstendenzen seiner Völker.
Valentin Inzko, Kaiser von Jugoslawien.

Es war im Jahr 1996, als Inzko, damals lang nicht Hoher Repräsentant, erstmals nach Bosnien kam. Kaum war der Krieg vorüber, bestellte ihn die Republik Österreich zum ersten Nachkriegsbotschafter in Sarajevo. „In Todesangst“ habe er damals die Stadt betreten, erzählt er, tief in die Rückbank seines BMW-Jeeps versunken, begleitet von einem Chauffeur und einem Sicherheitsmann der österreichischen Cobra.

Fast vier Jahre lang, von April 1992 bis Februar 1996, hatten serbische Milizen davor die Stadt umstellt. Es war die längste Belagerung im 20. Jahrhundert; nun lag Sarajevo in Schutt und Asche. „Unsere Botschaft hatte Plastikplanen statt Fensterscheiben“, erzählt Inzko. „Das ganze erste Jahr stank es bestialisch, weil die Toiletten über kein Fließwasser verfügten.“


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Blick aus Inzkos Bürofenster im Jahr 2010. 16 Jahre nach dem Krieg stehen in Sarajewo immer noch Ruinen
Foto: Maricic


Inzko ging trotzdem ans Werk. Er pfiff auf jenen Komfort, den Diplomaten normalerweise als Teil des Berufsalltags begreifen. Er nahm, wie Experten im Rückblick berichten, Anteil am harten Nachkriegsalltag. Er mied die Veranstaltungen jener Clique ausländischer State-Building-Experten, die im Bosnien der 90er eine eigene Oberschicht bildete. „Dieses Engagement als Botschafter“, sagt der Politikwissenschaftler Vedran Dzihic von der Universität Wien, „hat Valentin Inzko als Hohem Repräsentanten einen immensen Vertrauensvorschuss beschert.“

Inzko telefonierte, organisierte, warf seinen Einfluss in die Waagschale. Er sorgte dafür, dass Wien alte Straßenbahnwaggons an Sarajevo lieferte; knüpfte Kontakte zu investitionsfreudigen österreichischen Banken; lobbyierte bei Austrian Airlines, sodass die Fluglinie 1996 als Erste nach dem Krieg Sarajevo anflog. „Das hat damals so lange niemand geglaubt, bis das erste Flugzeug kam“, erzählt er. Dafür liebten und feierten ihn die Stadtbewohner; 2000 verliehen sie ihm die Ehrenbürgerschaft.

Der Krieg mit anderen Mitteln

13 Jahre später, am 26. März 2009, trat Valentin Inzko – von der Internationalen Gemeinschaft auf unbestimmte Zeit nominiert – den Posten des Hohen Repräsentanten in Bosnien-Herzegowina an.

Es sei „ein unmöglicher Job“, sagen Experten einhellig. Ein Job in einem Land, dessen Völker in Wahrheit seit 18 Jahren untereinander Krieg führen. Denn auf Waffengewalt folgten später „ständige ethnonationalistische Spielchen“, wie es Vedran Dzihic ausdrückt. Machtkämpfe und Blockaden lassen Bosnien stillstehen. Querelen zwischen Kantonen und Bezirken, deren Größe sich kaum von österreichischen unterscheidet, lähmen das Land.

Knapp sechs Autostunden liegt die bosnisch-herzegowinische Grenze von Wien entfernt, näher als etwa Vorarlberg. 40 Jahre lang war das Land Teil der Donaumonarchie. Noch zu jugoslawischer Zeit durchquerten die Österreicher jeden Sommer Bosnien, wenn sie mit ihren Campingwagen an die dalmatinische Küste reisten.

Heute scheint das Land am Ende der Welt.

Mindestens 100.000 Menschen starben im grausamen Bürgerkrieg zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken. 2,2 Millionen wurden zur Flucht gezwungen, darunter 100.000 ins nahe Österreich. Erst nach vier Jahren kaum es auf internationalen Druck zu einem Friedensschluss. Weil aber Erzfeinde nach dem Kampf nicht zum gemeinsamen Handeln fähig sind, installierte die UNO 1995 über den Volksgruppen den Posten des Hohen Repräsentanten.


Ein Protektorat für die Demokratie

Ein Protektorat im höheren Interesse der Demokratie, das war zwar keine elegante Lösung. Aber es sollte auch nur wenige Jahre gelten. Es schien ein notwendiges Übel zur Stabilisierung des Landes. Bis Bosnien-Herzegowina seine Traumata überwunden und seine Rolle im freien und sich vereinigenden Europa gefunden hat.

Dementsprechend soll Valentin Inzko nun der letzte Hohe Repräsentant in Bosnien-Herzegowina sein. Und davor hätte sein Vorgänger, der heutige slowakische Außenminister Miroslav Lajcak, der letzte sein sollen. Und vor Lajcak hätte dessen Vorgänger, der Deutsche Christian Schwarz-Schilling, der letzte sein sollen.

Deshalb sitzt Inzko heute in seinem BMW und lässt sich von seinem Hauptquartier in Sarajevo nach Mostar kutschieren, in die drittgrößte Stadt des Landes. Der High Rep will nun endgültig sein Regime beenden. Die Zeit, sagt er, sei überreif, dass die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Viele zweifeln das an, und sie haben starke Argumente: 15 Jahre nach dem Krieg zählt Bosnien-Herzegowina noch immer zu den ärmsten Staaten Europas. Eine gemeinsame Identität existiert nicht, stattdessen begreifen sich die Bewohner wie eh und je als Serben, Kroaten und Bosniaken. Die Arbeitslosenrate liegt bei 40 Prozent, obwohl etwa die Hälfte der Bürger Bosniens im aufgeblähten Staatsapparat arbeitet. Immer wieder drohen vor allem die Serben mit Abspaltung; mittlerweile eröffnen sie sogar eigene Botschaften im Ausland.

Die Folge sei die „seit dem Krieg größte Krise der bosnischen Staatlichkeit“, schreibt der Politologe Dzihic in einem aktuellen Buch (siehe Rezension). Der bekannte Aufdeckerjournalist Eldin Hadzevic vom Sarajevoer Magazin Dani meint: „Jeden Tag rutscht Bosnien ein Stück weiter in die totale Handlungsunfähigkeit.“

Doch Inzko denkt, dass die internationale Aufsicht dem Land nicht mehr weiterhelfen könne. „Was es stattdessen braucht, ist eine starke europäische Partnerschaft.“ Der High Rep deutet aus dem Autofenster: „Schauen Sie doch. Man muss auch die Erfolge sehen. Es ist so vieles wieder aufgebaut.“ Als er 1996 erstmals kam, erzählt er, habe es in Bosnien vier Autokennzeichen gegeben: serbische, kroatische, bosniakische und alte jugoslawische. Es habe vier Währungen, Reisepässe, Fahnen, Hymnen gegeben. „Heute haben wir jeweils eines. Nur bei der gemeinsamen Hymne konnten sich die Volksgruppen noch nicht auf einen Text einigen.“

Also wird – vorerst schrittweise – abgebaut. 700 Menschen arbeiteten nach dem Krieg für den Repräsentanten, 168 sind es heute. Jede Kleinstadt hatte früher ein High-Rep-Büro, heute gibt es außerhalb des Hauptquartiers in Sarajevo nur noch drei. Und soeben verschwindet ein weiteres.


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Inzkos Konvoi verlässt Sarajewo in Richtung Mostar
Foto: Maricic


Im Schritttempo fährt Inzkos BMW in Mostar ein. Die örtliche Bürodependance liegt in einem Neubau unweit der pittoresken osmanischen Altstadt und der Stari Most, der Alten Brücke. 1993 stürzte sie nach massivem kroatischem Beschuss in die Fluten der Neretva; elf Jahre später wurde ihr Nachbau von Prinz Charles feierlich wiedereröffnet.

Mostar steht wie kaum eine Stadt für den tiefen Fall und den mühsamen Wiederaufstieg am Balkan. In jugoslawischer Zeit wurde sie von mehr Touristen als selbst Adriastädte wie Dubrovnik und Split besucht. Mitte der 90er lag sie völlig in Trümmern. Entlang der Hauptstraße, einem k.u.k. Boulevard, verlief damals die Frontlinie zwischen Kroaten und Bosniaken. Vor wenigen Jahren noch lagen in Fensterhöhlen die Sandsäcke, hinter denen die Scharfschützen in Deckung gegangen waren.

Heute kommen wieder erste Tagesausflügler. Die Altstadt ist neuerrichtet; langsam regen sich wieder Souvenirhändler in den Gassen. Vor fünf Jahren wurde in Mostar als Akt der Völkerverständigung eine Statue von Bruce Lee enthüllt – er sei, sagte der Initiator, die einzige Identifikationsfigur, auf die sich alle einigen könnten.

Valentin Inzko hat im Konferenzzimmer vor Lokaljournalisten und Gemeindevertretern Platz genommen. „Es hat eine lange Geschichte des Engagements in dieser Stadt gegeben“, sagt er zu ihnen. „Aber jetzt müssen die Politiker die Stadt ohne Hohen Repräsentanten verwalten. Die Möglichkeiten dazu haben sie.“

Der jeweils letzte High Rep

Die Stadtbeamten bedanken sich artig für die Zusammenarbeit; viele reagieren aber ängstlich. Der Schritt sei verfrüht, meldet sich einer. „Die Situation ist ja immer noch ziemlich komplex.“ Der Kritiker erinnert daran, dass Mostar bis vor kurzem 14 Monate lang keinen Bürgermeister hatte, weil sich Kroaten und Bosniaken auf keinen Kandidaten einigen konnten – bis der High Rep eingriff und das murrende Rathaus zur Einigung zwang.

Inzko aber redet dem Zweifler gut zu. „Alles hängt nun am kritischen Bürger“, sagt er. „Wenn die Menschen von Mostar diese Rolle einzunehmen bereit sind, wird alles funktionieren.“ Er spricht über die Potenziale der Stadt, „die Sonnenenergie zum Beispiel“: 300 Sonnentage gebe es jährlich in der Region, sagt er, das könne man doch nutzen. „Es liegt an Ihnen. Wir werden nicht aufhören, die Lage zu beobachten.“

Es scheint, als traue Valentin Inzko den Leuten mehr zu als sie selbst einander. Er wirkt wie der Einzige im Saal, der denkt, dass Bosnien-Herzegowina noch funktionieren kann.

„Ich spüre“, sagt Valentin Inzko, als sein BMW-Jeep wieder aus Mostar hinausfährt, „eine tiefe Sympathie und Verbindung mit diesem Land. Das hängt wohl auch mit meiner Herkunft zusammen.“

Er ist Kärntner Slowene; stammt aus dem Dorf Suetschach im Rosental, wo die Familie seit 500 Jahren in einem Bauernhaus lebt. Schon als Kind besuchte Inzko seine Großeltern in Jugoslawien. Als er in jungen Jahren in Graz Slawistik studierte, galten die Slawen noch als eine Rotte rätselhafter Völker in den unbekannten Weiten hinter dem Eisernen Vorhang.


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Ein schnelles Treffen am Morgen: Inzko mit dem bosnisch-herzegowinischen Premierminister Nikola Spiric
Foto: Maricic


Inzko ist ein Kind zweier Welten – wie Wolfgang Petritsch, der auch Kärntner Slowene ist und es 1999 ebenfalls zum High Rep brachte. Aufgewachsen an der Grenze der Systeme, ethnisch dem einen angehörig, staatsbürgerlich dem anderen. Als Jörg Haider im Wahlkampf 2006 die Parole „Kärnten wird einsprachig“ ausgab, entzog ihm Inzko empört das Du-Wort.

Der Diplomat ist vielsprachig, neben Deutsch und Slowenisch beherrscht er Englisch, Französisch, Russisch, Tschechisch. Und neben dem normalen Serbokroatisch spricht er auch den Sarajevoer Slang, was ihm seit seiner Ära als Botschafter in Bosnien hoch angerechnet wird.


Gescheitertes Substrat Jugoslawien

Aus eigener Erfahrung kennt Valentin Inzko die Heterogenität Europas und ihr gescheitertes Substrat: Jugoslawien. „Wenn er spricht“, sagt ein Insider, „klingt das, als würde ein Intellektueller im Sarajevo der 80er reden. Diese Leute sagten damals immer: Wie könnte es denn hier jemals Krieg geben? Wir haben doch so vieles gemeinsam, wir leben doch so eng beieinander.“

Auf der Rückfahrt spricht Inzko, wie vorhin im Konferenzzimmer, über die Potenziale Bosniens. „Ein unglaubliches Bergwerk an Talenten“ nennt er das Land und zählt auf: Boris Nemšic, Emir Kusturica, Ivo Andric, „das alles sind und waren Bosnier“. Erneut redet er von den Chancen der Sonnenenergie: „Wenn man hier überall Kollektoren aufstellen würde“, sagt er und deutet aus dem Fenster über die Ebene, „dann könnte aus Bosnien ein großes Energieexportland werden.“ Etwas später zeigt der High Rep wieder hinaus, auf ein unscheinbares Häuschen am Straßenrand: „Das ist der beste Schaffleischhauer in Bosnien. Der Besitzer ist Serbe, die Kunden fast ausschließlich Muslime. Auch das sind bosnische Geschichten.“

Inzko schwärmt von Bosnien. Er spricht von der menschlichen Wärme der hier lebenden Menschen, ihrer Herzlichkeit, ihrer Authentizität. „Komšiluk“, erklärt er, „nennt man zum Beispiel die besondere Form der bosnischen Nachbarschaft. Das ist ein alttürkisches Wort. Es bedeutet, dass ich das beste Stück Fleisch oder das größte Stück Brot meinem Nachbarn gebe.“

Was er sagt, klingt optimistisch und gar naiv in diesem Land des Stillstands und der vielen Friedhöfe, im Land der Serben, Kroaten und Bosniaken. Aber es wirkt ehrlich und tiefempfunden. Und nach zwei Stunden Gespräch meint man, ein Stück von der Persönlichkeit dieses kontrollierten und gemessenen Menschen erhascht zu haben.

Valentin Inzko glaubt an die Kraft der Vielfalt. An die Offenheit und Toleranz, die sie bedingt. An den Liberalismus und die Innovationsfreude, die aus ihr resultiert. Er meint, dass das kleine Bosnien-Herzegowina, das vielfältig wie nur wenige Länder ist, gerade deshalb gesellschaftliches Potenzial hat. Dass es eben darum Chancen birgt, die es nun zu nützen gilt. Dass die Verheißung dieser Chancen mächtiger ist als die Fesseln des alten Hasses. Und dass aus diesem Grund für Bosnien ganz und gar nichts verloren ist.

Valentin Inzko spricht, als hätte es niemals Krieg gegeben.



Zur Person

Valentin Inzko folgt als Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina – seit 1995 – Carl Bildt (Schweden), Carlos Westendorp (Spanien), Wolfgang Petritsch (Österreich), Paddy Ashton (Großbritannien), Christian Schwarz-Schilling (Deutschland) und Miroslav Lajcak (Slowakei) nach.
Vorher war er unter anderem in der Mongolei, Sri Lanka, Prag, New York, Sarajevo, Novi Pazar und Ljubljana tätig. Inzko ist mit der slowenisch-argentinischen Mezzosopranistin Bernarda Fink verheiratet und hat zwei Kinder



Bosnien-Herzegowina ist seit dem Vertrag von Dayton 1995 in zwei sogenannten "Entitäten" geteilt: die "Republika Srpska" im Norden (Serben) und die "Bosniakisch-Kroatische Föderation" im Süden (Kroaten und bosniakische Muslime). Dem Gesamtstaat bleibt nur Grundlegendes wie Außenpolitik und Währung.





Zum Thema

Eine kleine Fahnenlehre


Bosnien-Herzegowina war bis 1992 eine Teilrepublik des sozialistischen Jugoslawien:
Yugoslavia-flag
Nach der Sezession zerfiel es seinerseits in kleinere Einheiten. Die Serben gründeten im Norden des Landes die „Republika Sprska“, die bis heute als „Entität“ existiert
rep_srpska
Die Kroaten reagierten die Gründung der „Republik Herceg-Bosna“
herceg_bosna
Und die muslimischen Bosniaken kämpften im verbliebenen Rumpfstaat um ihr Land:
bosniakische_fahne
Später entstand, auf großen Druck der USA,
flagge-vereinigte-staaten-von-amerika-usa
ein gemeinsamer Staat in den Grenzen der alten Teilrepublik – Bosnien-Herzegowina:
BosnienHerzegowina


Erschienen im Falter 13/2010

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Das Buch vom Staat, den keiner wollte

Dass es 30 Jahre nach Titos Tod und 15 Jahre nach Kriegsende noch kein deutschsprachiges Standardwerk zum Jugoslawien-Konflikt gibt, mag auch daran liegen, dass niemand die dortige Situation so richtig versteht. Nun hat der bosnischstämmige Wiener Politologe Vedran Dzihic (siehe "Kaiser von Jugoslawien") diese Lücke gefüllt. Er liefert einen 450-Seiten-Wälzer über das balkanische Herzstück Bosnien-Herzegowina, der durchaus das Zeug zum Standardwerk hat. Umfassend meistert Dzihic den Grat zwischen Detailtreue und Überblick – was gerade bei diesem Thema eine Herausforderung ist. Von der Nachkriegsgeschichte über das Friedensabkommen von Dayton bis zu den wissenschaftlichen Konzepten des Ethnonationalismus fehlt kein Aspekt.

Joseph Gepp

Vedran Dzihic: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina. Staat und Gesellschaft in der Krise, Nomos, 440 S., € 79,–

Erschienen im Falter 13/2010

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Mittwoch, 10. März 2010

Tagebuchnotizen zwischen Krieg und Frieden

Das politische Leben von Wolfgang Petritsch dreht sich um die Außenpolitik. Jetzt legt es der Kärntner Diplomat in Dokumenten vor

Rezension: Joseph Gepp

Wie beginnt man ein Gespräch über Krieg und Frieden? Besser nicht, indem man Peter Handke ins Treffen führt. Denn als EU-Vermittler Wolfgang Petritsch im März 1999 seinen letzten Verhandlungsversuch mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Miloševic damit eröffnet, dass selbst der deklariert serbenfreundliche Schriftsteller für Frieden im Kosovo eintrete, reagiert der Staatschef „mit einer wegwerfenden Handbewegung“. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Es ist eine interessante Mischung, die Wolfgang Petritsch, heute OECD-Botschafter in Paris und wohl der profilierteste sozialdemokratische Außenpolitiker seit Bruno Kreisky, nun in Buchform vorlegt. „Zielpunkt Europa“ versammelt Petritschs Gesprächsprotokolle, Interviews, Analysen für Zeitungen – auch für den Falter. Es stellt Notizen von tagebuchhafter Subjektivität neben englischsprachige Vorträge im vollendet abstrakten Diplomatensprech.

So entsteht ein Sammelsurium, das tiefe Einblicke in eine Person gewährt, die weit über ihr unmittelbares Aufgabengebiet hinaus gesellschaftliche Zustände und (geo-)politische Entwicklungen rezipiert. Auf knapp 600 Seiten finden sich etwa Reportagen über bosnische Dörfer ohne Straßenanschluss, obgleich sie nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Sarajewo entfernt liegen. Es finden sich Porträts balkanischer Persönlichkeiten wie des Schriftstellers Ivo Andric, der kroatischen Aktivistin Slavenka Drakulic, des kosovarischen Freiheitskämpfers Ibrahim Rugova ebenso wie Skizzen einer neuen multilateralen Weltordnung, Essays über eine slowenisch-kärntnerische Kindheit und Prozessakten vom Den Haager Tribunal. Es sind allesamt Texte, die Petritschs Prägungen aufzeigen und, nicht zuletzt, interessante Einblicke in die Diplomatie erlauben.

Wolfgang Petritsch hat in diesem Zusammenhang viel zu erzählen. Er war Botschafter in Jugoslawien in den 90ern, Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina um 2000, UN-Botschafter in Genf und EU-Kosovo-Chefverhandler, woher auch die eingangs beschriebene Grenzerfahrung mit Miloševic rührt.

Zwei Tage nach jenem Gespräch 1999 verlässt Petritsch übrigens als letzter Vermittler Jugoslawien. Die Regierung will nicht mehr für seine Sicherheit garantieren. Als er durch die ungarische Puszta nach Wien fährt, hört er im Radio von den Bomben auf Belgrad.


Wolfgang Petritsch: Zielpunkt Europa. Wieser, 590 S., € 39,–


Erschienen im Falter 10/10

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In der Jackentasche sitzt das tschechische Volk

„Das Versprechen des Architekten“ von Jiří Kratochvil ist eine grandiose Parabel über individuelle Schuld im Totalitarismus

Rezension: Joseph Gepp

Schuld ist eine komplexe Angelegenheit. Ganze Gesellschaften stecken in ihr wie in einem Sumpf – die einen bis zum Knöchel, die anderen bis zum Hals. Hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang rangen viele Menschen mit den Fragen: Wie viel Druck bin ich bereit zu ertragen, um sauber zu bleiben? Denunziere ich den Nachbarn, um der eigenen Familie Leid zu ersparen?
Die Wucht der Schuldfrage kann wohl nur erfassen, wer selbst in einer totalitären Gesellschaft großgeworden ist. Wie der Schriftsteller Jiří Kratochvil, Jahrgang 1940. Kratochvil lebt in Moravský Krumlov, Mährisch-Kromau, nahe Brünn. Geprägt von der Intellektuellen-Szene im Brünner Untergrund wollte sich Kratochvil nicht mit dem System arrangieren. Als er nach dem Prager Frühling 1968 mit Publikationsverbot belegt worden war, verdingte er sich jahrzehntelang als Kranführer, Heizer oder Bibliothekar. Erst nach Wende wurde Jiří Kratochvil – 1999 mit dem renommierten Jaroslav-Seifert-Literaturpreis ausgezeichnet – zu einem der bekanntesten tschechischen Schriftsteller.
Protagonist in Kratochvils großartigem neuen Roman „Das Versprechen des Architekten“ – neben dem Erzählband „Brünner Erzählungen“ soeben in deutscher Sprache erschienen – ist der Architekt Kamil Modràček. Für die nazideutschen Besatzer errichtet er eine Villa in Form eines Hakenkreuzes, um seine Schwester aus dem Kerker der Gestapo zu befreien.
Der Deal klappt, doch nach dem Krieg wird Modràček wegen des Hakenkreuz-Hauses vom kommunistischen Geheimdienst ŠtB verfolgt. Sein Verweis auf die damalige Notlage nützt ihm nichts, schließlich spielt der Roman „in einem Land, wo einem Beschuldigten überhaupt keine Schuld nachgewiesen werden muss, sondern, im Gegenteil, er verpflichtet ist, seine Unschuld zu beweisen.“
Die Staatssicherheit verhaftet die Schwester erneut; Modràček dient sich in seiner Not dem ŠtB an. Doch seine Schwester stirbt unter ungeklärten Umständen in Haft. Und Modràček, nun auf grausame Weise unverwundbar geworden, nimmt Rache.
Das alles beschreibt Kratochvil nicht etwa als Familienmelodram, sondern lakonisch, raffiniert, verspielt, und er entwirft dennoch ein vielschichtiges Bild seiner Protagonisten, ihrer Leidenschaften und Schwächen. Die Exkurse in die Kultur- und Stadthistorie lassen im Leser den Vorsatz reifen, baldigst Brünn – früher das „österreichische Manchester“ – ehebaldigtst zu besuchen. Die zweite Romanhälfte ist absurd, auf eine postmoderne, parabelhafte Weise. Man fühlt sich – in Erzählduktus wie Handlung – an einen Film erinnert: Emir Kusturicas „Underground“.
Nach dem Tod seiner Schwester findet Modràček keinen ruhigen Moment mehr, empfindet Schuld. Da stößt er im Keller seines Zinshauses zufällig auf ein verborgenes Gewölbe, Teil eines teils mittelalterlichen Untergrundlabyrinths. Modràček entführt jenen ŠtB-Offizier, der den Tod der Schwester zu verantworten hat, und sperrt ihn in den Keller. Die Polizei kommt ihm auf die Schliche, aber der Rächer entführt und inhaftiert auch den ermittelnden Beamten. Und so weiter.
Am Ende leben 21 Menschen in besagtem Gewölbe. Das Umfeld ist nicht gewalttätiger als der überirdische Realsozialismus; Kinder werden geboren, Ärzte und Köche versorgen die Entführtenkolonie. Modràček kombiniert seine Rachegelüste mit architektonischen Visionen und errichtet eine „horizontale unterirdischen Stadt“, sein Lebenswerk. Es ist eine „autarke Welt mit allem Drum und Dran“, das „Modell einer künftigen, besseren Gesellschaft“ (die freilich auf Gewalt basiert), aber auch „nur eine Tasche in der Gefängnisjacke des weit größeren Gefängnisses, in welches das ganze tschechische Volk geworfen ist.“
Lange nach der Wende werden sich in einer Art Epilog zum Roman zwei zeitgenössische Brünner über Kamil Modràček unterhalten: Er sei nicht so wie die ganzen „Kellerperversen“, wie etwa „dieser Fritzl aus Österreich.“ In Vergleich dazu, erzählen sich die beiden Brünner, sei der Architekt Modràček geradezu „ein gutmütiger, alter Kerl“ gewesen.


Jiří Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. Roman. Braumüller, 380 S., € 23,90

Jiří Kratochvil: Brünner Erzählungen. Braumüller, 210 S., 21,90 €



Erschienen im Falter 10/10, Buchbeilage

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