Advent Event

Kaum ein Markt in Europa ist so berühmt und erfolgreich wie der Christkindlmarkt auf dem Rathausplatz. Das Geheimnis der Wiener Weihnachtswirtschaftsmaschine

Reportage: Joseph Gepp

Stephanie heißt das Christkind des Jahres 2010. Blond gelockt, weiß gewandet und etwas unsicher tapst die 20-jährige Medizinstudentin in den neugotischen Rathaussaal, wo sie sogleich von Kameras und Diktiergeräten umringt wird. Vergangenen Mittwoch, 44 Tage vor Weihnachten, war der erste große Auftritt des jährlich neugewählten Stadtengels. In den kommenden Wochen wird sich die Frau Kinderwünsche am Christkindlmarkt anhören und damit jene Rolle übernehmen, die in US-amerikanischen Malls traditionell weißbärtige Männer innehaben. Vorerst aber wohnt sie noch der Präsentation der organisatorischen und finanziellen Aspekte des sogenannten Wiener Adventzaubers bei, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Das Müllentsorgungssystem beispielsweise werde noch besser als in den vergangenen Jahren, schwärmt einer der Redner am Podium. Auf den Pfandhäferln für den Punsch prange heuer erstmals ein Mini-Rathaus in Reliefform. Denn immerhin entstehe vor den Toren desselben in den kommenden Wochen einer der größten Wirtschaftsbetriebe der Stadt.

Jährlich drei Millionen Besucher

Über drei Millionen Menschen, davon eine halbe Million Touristen, besuchen laut Wirtschaftskammer jährlich das Advent-Event am Rathausplatz. 18 Euro gibt der Besucher im Schnitt dafür aus, was einen stolzen Umsatz von 54 Millionen ergibt. Was Nächtigungen betrifft, ist der graue Wiener Dezember deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Boommonat geworden: 2009 kamen mit 916.000 Gästen im Dezember genauso viele wie im schönen Monat Mai. Um 19 Prozent ist die Nächtigungszahl jeweils im November und Dezember von 2005 bis 2009 gestiegen. "Deshalb ist die Adventzeit einer der Markenbausteine der Wien-Werbung“, erklärt Robert Nürnberger von Wien-Tourismus und zeigt jene Plakatsujets, die dies auch für die Zukunft sicherstellen sollen: leuchtende Kinderaugen zwischen illuminierten Standreihen, ein Luftblick über laternenbehängte Bäume auf schneebedeckte Markthütten. "Seit Mitte der 90er“, sagt Nürnberger, "spielen die heimischen Adventmärkte touristisch eine wesentliche Rolle.“

Kind_A5_d-6
So wirbt Wien-Tourismus für den Weihnachtsurlaub (Foto: Wien-Tourismus)


Eine Notwendigkeit wird zur Show
Schon im Jahr 1764 wird erstmals in Wien ein "Nikolomarkt“ urkundlich erwähnt, damals auf der Freyung. Jener am Rathausplatz findet seit 1975 statt - im Vergleich zu anderen Christkindlmärkten ein Neuling. Zehn Jahre später begann man auch den umliegenden Rathauspark saisongemäß idyllisch herzurichten. Was ursprünglich im ganzen deutschen Sprachraum aus der Not heraus entstanden war, sich vor den klirrend kalten Monaten mit Überlebensnotwendigem einzudecken, ist heutzutage beliebt wie noch nie: Auf festlich beleuchteten Märkten entwischt man dem Wintergrau; heißer Alkohol und die Körperwärme der Passanten vertreiben die Kälte. Der Christkindlmarkt scheint im modernen Städter eine Saite anzuschlagen, sonst wäre sein Konzept nicht inzwischen sogar nach Übersee exportiert worden - ins japanische Osaka beispielsweise und nach Denver, Colorado, wo ein "Christkindl Market“ jährlich "German Christmas Spirit“ vermitteln will.

markt_rathaus
Klingelingeling am Rathausplatz: Im November und Dezember
werden am Rathausplatz 54 Millionen Euro umgesetzt – hier durch die Balustrade des Rathauses fotografiert (Foto:
Heribert Corn)


Ein Türke und der Christkindlmarkt

Doch der sich jedes Jahr neu manifestierende Traum von der dörflichen Geborgenheit will auch angemessen realisiert sein. In Wien arbeiten gleich drei Institutionen daran, dass die Bustouristen nicht enttäuscht von der Weihnachtsmarktfahrt nach Hause fahren: Da ist zuerst die Gemeinde Wien, die den "Adventzauber“, also das Drumherum, stellt - sie hält etwa das Rathauserdgeschoß für bastelnde Kinder frei und bestückt Parkwiesen mit Wolkenpostamt und Leseturm. Da ist zweitens die Wirtschaftskammer, die mit 240.000 Euro finanzieller Unterstützung den Werbeetat des Events aufpeppt. Und da sind drittens die Marktstandler, die den eigentlichen Christkindlmarkt bilden. Sie werden von Akan Keskin, 53, Kommerzialrat und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer, vertreten. Der Herr über den Wiener Christkindlmarkt ist ursprünglich Türke, geboren neben der Sülemaniye-Moschee im Zentrum Istanbuls und mit elf Jahren nach Wien gekommen. Im Zivilberuf führt er das Orient & Occident am Naschmarkt.

In dem Marktlokal herrscht auch im November kein Winteridyll. Die Sonne scheint durch die Glasfront auf Frühstücksplatten mit taufrischen Petersilienblättern, dazwischen zupft der Chef liegengebliebene Brotbrösel von Sitzbänken und führt hektische Telefonate. Und wenn Akan Keskins Handy zwischendurch fünf Minuten schweigt, erzählt der Geschäftsmann, wie das Weihnachtsbusiness funktioniert.

Es startet schon im Jänner, beginnt Keskin, nur Tage nachdem der Trubel des vorangegangenen Jahres vorüber ist. Zu dieser Zeit kommt erstmals jener Verein zusammen, dessen Obmann Keskin ist. Er dient der "Förderung des Marktgewerbes“ in der traditionell schwierigen Winterzeit. "Das ist ein Vereinszweck, für den sich ein Christkindlmarkt natürlich ziemlich gut eignet.“

Bis 2006 hatte die Gemeinde Wien die Stände auf Weihnachtsmärkten selbst vergeben. Danach lagerte sie die Aufgabe - unterschiedlich je nach Standort - an Eventagenturen und Geschäftsleute aus. Am Rathausplatz kam Keskins Verein zum Zug, der sonst Kirtage und Straßenfeste organisiert.

Dieser entscheidet nun jeden Jänner über alle Angelegenheiten, die dem einzelnen Standler übergeordnet sind. Das Logo des Markts wird hier beispielsweise besprochen oder das Design der so identitätsstiftenden Pfandhäferln (siehe unten). Danach müssen bis zum 1. April die Ansuchen jener Betriebe eingetroffen sein, die einen Stand betreiben wollen. Fünf bis zehn Seiten ist so ein Antrag dick, erzählt Akan Keskin. Darin findet sich eine Beschreibung des Unternehmens samt Firmenbuchauszug, Fotos der Waren, die man anzubieten gedenkt, und "Referenzen“, wie Keskin das nennt. "Wenn jemand unterm Jahr irgendwo einen Stand betrieben hat, dann legt er normalerweise ein Foto davon bei.“

Rund 7000 Euro kostet ein solcher Stand für die gesamte Dauer des Weihnachtsmarkts. Bietet man Speisen und Getränke an, erhöht sich der Preis deutlich, auf etwa 12.000 Euro. Am Rathausplatz bewerben sich jährlich rund 500 Betriebe für heuer 144 Stände. Fünf bis zehn davon werden jährlich ausgetauscht, sagt Akan Keskin. Aber insgesamt sei das System ziemlich "familiär“. Die Antragsteller durchlaufen ein Verfahren, in dem die Qualität ihrer Produkte und das weihnachtliche Ambiente geprüft werden - schließlich will der Kunde möglichst Bratäpfel statt Falafel und Weihnachts- statt Mottenkugeln.

Im ersten Schritt des Auswahlverfahrens durchleuchtet eine Jury die Ansuchen. Sie besteht aus jeweils einem Vertreter von Rathaus, Wien-Marketing, Wien-Tourismus, Wiener Wirtschaftsagentur und "meiner Wenigkeit“, sagt Akan Keskin. "Aber die Namen der einzelnen Vertreter verrate ich Ihnen nicht. Es soll ja niemand außerhalb des Verfahrens mit Begehrlichkeiten an die Jury herantreten.“ Später wird das, was das Gremium für gut befunden hat, dem siebenköpfigen Vorstand von Keskins Verein zur Förderung des Marktgewerbes vorgelegt. "Die Zahl sieben verhindert nämlich Pattsituationen bei den Beschlüssen“, sagt der mächtige Marktfunktionär.

Tonnen von Waldviertler Reisig
Diesen Auswahlprozess überlagern zahlreiche Regeln, die das weihnachtliche Flair des Ganzen sicherstellen sollen. Für die tausenden Euro, die der Verein von den Standlern kassiert, stellt er die Hütten samt Strom, Licht, Reinigung und Müllentsorgung. Auch die Dekoration fällt in seine Zuständigkeit, dafür karren Lastwägen Tonnen von Reisig aus dem Waldviertel heran. Pflanzen aus Plastik lehnt Akan Keskin ebenso ab wie den übermäßigen Einsatz von Neonlicht, "da wird einem nicht so warm ums Herz“. Und wer mehr Speisen als nur belegte Brötchen anbietet, der muss aus Wettbewerbsgründen seine Punschkesselbatterien dezent in den Hintergrund rücken.

Überhaupt nimmt die Gastronomie am Christkindlmarkt weniger Raum in Beschlag, als der Augenschein glauben macht. Sie stellt nur zehn Prozent der Stände, sagt Keskin. "Es wirkt, als wäre es mehr, weil die Kunden so lange dort stehen, bis sie ihr Häferl zurückbringen.“

Generell sei der Christkindlmarkt bisher jedes Jahr gewachsen, immer um eine einstellige Prozentzahl. Nur im Vorjahr gab es wirtschaftskrisenbedingt einen Rückgang. "Der Standler raunzt ja die ganze Zeit. Aber 2009 hat er eindeutig mehr geraunzt“, sagt Keskin. Deswegen sind heuer die Standmieten zehn Prozent niedriger. Ob der Markt unabhängig davon tatsächlich - wie man es ihm gern nachsagt - eine Goldgrube für Standler ist, kann Keskin nach eigener Aussage nicht beantworten: Er koordiniere ja nur das große Ganze. Eine einfache Rechnung liefert aber eine Erklärung, warum sich Jahr für Jahr 500 Bewerber um rund 140 Stände reißen: Laut Wirtschaftskammer gibt jeder der drei Millionen Besucher im Schnitt 18 Euro aus. Dividiert man das Ergebnis von 54 Millionen Euro durch die 144 Stände, ergibt das 375.000 Euro Umsatz pro Stand. Selbst wenn man hiervon noch etwa 10.000 Euro Standmiete sowie Kosten für Personal, Material und Organisation abzieht - der Gewinn bleibt trotzdem beträchtlich. Freilich muss man bei dieser Milchmädchenrechnung bedenken, dass nicht jeder Stand gleich viel Geld macht. Die Punschtheke wird wohl weit mehr abwerfen als der Stand mit den mundgeblasenen Christbaumkugeln.

Keskin ist jedenfalls optimistisch, den Expansionskurs fortzusetzen. Er leert sein Glas mit Zitronentee, während einen Kilometer vom Orient & Occident entfernt die Christkindlstandler die allerletzten Vorbereitungen für den Eröffnungstag treffen.

Nach den Kindern die Punschfraktion
Drei Tage später, Sonntag, 17 Uhr nachmittags. Untertags hatten 20 Grad Celsius die Stadt in Frühlingsstimmung versetzt, jetzt ist der Christkindlmarkt überraschenderweise trotzdem übervoll. Fortbewegen kann man sich nur stockend. Die Menschen drängen sich um Stände, drehen prüfend Haarreifen mit rotleuchtenden Weihnachtssternen hin und her, reden darüber, wie chemisch der Punsch doch heutzutage geworden ist. Um 16 Uhr vernahm Stephanie, das Christkind des Jahres, Kinderwünsche. Zwei Stunden danach sind die Kinder schon eher von der Punschfraktion verdrängt worden. Wie Inseln stehen Gruppen junger Menschen im Gedränge und balancieren Pfandhäferln. Manch Winterjacke hat schon Mayonnaisespuren abbekommen von den prall gefüllten Erdäpfeln auf Papiertellern, die hier überall verkauft werden.

markt_detail
Übervolle Punschtheke: Die Wirklichkeit zum Klischee (Foto: Corn)

Man verdiene nicht schlecht am Markt, sagt einer der Standler. Er bietet Süßgebäck an, Zahlen möchte er keine nennen. Ein "weihnachtliches Einkaufserlebnis“ hat Akan Keskin den Markt Tage zuvor genannt. Hier kommt einem eher eine brummende Maschine in den Sinn, die Menschen ansaugt und sie nach einiger Zeit in leicht erschöpftem Zustand wieder in die normale Welt entlässt. Nicht selten halten sie am Ausgang immer noch ihre Häferln mit dem Mini-Rathaus in der Hand.


Christkindlmarkt und Adventzauber
1., Rathausplatz
13.11. bis 23.12.
So-Do 10-21.30,
Fr-Sa 10-22 Uhr,
7.12. 10-22 Uhr



Die kleine Häferlhistorie
Kitsch, Kommerz und Symbol des Christkindlmarkts ist das Anfang der 90er aufgekommene Pfandhäferl, aus dem Hektoliter an Punsch und Glühwein ihren letzten Weg antreten. Am Rathausplatz kam es erstmals 1992 zum Einsatz:

Erschienen im Falter 46/2010



kostenloser Counter

Weblog counter

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Novel Dewasa | Cerita...
very interesting article and contain useful information....
novelhot - 28. Jan, 01:22
Very nice blog, it contains...
Very nice blog, it contains lot of informations. Articles...
Cerita Sex (Gast) - 13. Okt, 21:29
Kisah Sex Nyata | Cerita...
Cerita Dewasa, Cerita Sex, Cerita Mesum, Cerita Bokep,...
Cerita Dewasa (Gast) - 13. Okt, 21:24
Prediksi Togel | Bocoran...
Prediksi Togel Hari Ini | Keluaran Angka Jitu | Ramalan...
Togel Hari Ini (Gast) - 13. Okt, 21:19
Obat Aborsi | Cara Menggugurkan...
Meskipun obat aborsi saja juga dapat digunakan untuk...
Jual Obat Aborsi (Gast) - 6. Okt, 14:58

Links

Suche

 

Status

Online seit 3603 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:22

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Bücher
Das Rote Wien
Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien
Entwicklungsländer
Kurioses
Medien
Osteuropa
Religion
Sonstiges
Weltpolitik
Wien
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren