Ein totes Eck

Vor hundert Jahren ließ man sie unfertig stehen. Jetzt baut man weiter. Was die Favoritner Rieplstraße über die Dynamik städtischer Veränderung erzählt

Reportage: Joseph Gepp

Das ist keine Geschichte über die Favoritner Rieplstraße. Dafür ist die Gasse zu gewöhnlich. Zwei Fahrspuren, zwei Parkspuren. Eine Sackgasse mit einer Betonmauer am Ende. Fünf Jahrhundertwendehäuser auf der linken Seite, drei und ein ziegelsteinernes Fabriksgebäude auf der rechten. Die vergilbte Aufschrift „Fußpflege“ an einer Fassade, die heruntergelassenen Rollläden einer Trafik in einem Erdgeschoß.

Das ist vielmehr die Geschichte über das, was rund um die Rieplstraße ist. Nämlich nichts. Ein Nichts aus flacher, schlammbrauner, von Baggerreifenspuren zerfurchter Erde, so groß wie die Josefstadt.

Vor wenigen Jahren noch lag rund um die Straße das Südbahnhofgelände. ÖBB-Arbeiter werkten hier in Lagerhallen und an Verschubanlagen. Dann wurde das Areal abgetragen. Nun entsteht bis 2019 der große Hauptbahnhof samt dazugehörigem Stadtviertel. Das Wahrzeichen einer modernen Stadt soll die derzeit größte Baustelle Wiens werden, der Brückenschlag zwischen so unterschiedlichen Stadtgebieten wie dem Arbeiterquartier Favoriten und der gegenüberliegenden Gürtelseite mit Belvedere und Theresianum. 5000 Wohnungen, 20.000 Arbeitsplätze, 33.000 Menschen. Und mittendrin die Rieplstraße.

Wie ein Alien steht sie heute auf der zu verbauenden Großfläche. Eine isolierte Halbinsel menschlicher Zivilisation, die von der benachbarten Sonnwendgasse ungefähr 100 Meter in die Leere ragt, ehe sie vor dieser kapituliert. Sie steht völlig frei, sodass sie von allen Seiten einsehbar ist. An ihrer Hinterseite wuchern Satellitenschüsseln aus Fensterrahmen, Stiegenhäuser schrauben sich in die Höhe. Die Rieplstraße wirkt wie ein Potemkin’sches Dorf, eine Kulisse. Ein baulicher Fremdkörper, die vorübergehende Laune einer sich verändernden Stadt. „Sie schaut aus wie eine Rippe“, sagt Rance Miletic´, ein Bewohner der Straße, und lacht. „Sie heißt ja auch so ähnlich.“

riepl_aussen

riepl_innen
Zivilisationshalbinsel: Oben die Rieplstraße von der Seite, mit den sich nähernden Baukränen des Hauptbahnhofs im Hintergrund. Unten die Rieplstraße "von innen". Als wäre sie eine ganz normale Wiener Gasse
Fotos: Heribert Corn

Tatsächlich heißt die Straße nach Franz Xaver Riepl, der Österreichs erste Dampfeisenbahn von Wien nach Deutsch-Wagram baute. Aber warum schaut sie so exponiert ins ehemalige Bahnhofsgelände und in die nunmehrige Leere? Miletic, 45, Bauarbeiter, schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die Häuser nichts mit den ÖBB zu tun haben, sondern Privatbesitz sind und immer schon waren.“ Seine Eltern, Gastarbeiter aus dem Belgrader Umland, seien in den 80ern hergezogen. „Damals hat es genauso ausgesehen wie heute“, sagt Miletic´ und zeigt auf die Außenmauer seiner Erdgeschoßwohnung, wo nackte Ziegel durch Risse im Verputz lugen. „Das ist ein totes Eck hier. Ich freu mich, dass der Bahnhof und die vielen neuen Häuser kommen. Es kann nur besser werden.“

Wer einen Stadtplan zur Hand nimmt, der sieht noch deutlicher, dass die Rieplstraße wie ein Speer ins Bahnhofgelände dringt. Ansonsten grenzt sich das Areal entlang von Gürtel, Arsenalstraße, Gudrunstraße und Sonnwendgasse klar von seiner Umgebung ab. Warum die Ausnahme? Bei den ÖBB weiß man dazu auch nicht mehr als Rance Miletic´. Ihres Wissens, so Hauptbahnhof-Sprecherin Alexandra Kastner, habe die Rieplstraße nie zum Südbahnhof gehört. Die Gasse sei auch jetzt nicht Teil des Projektgebiets, das Neubauviertel würde lediglich an sie heranreichen. Die Rieplstraße ist also einfach da, mitten im Bahnhofsniemandsland. Und warum, das scheint sich trotz ihrer grotesken Anmutung nie jemand gefragt zu haben.

Wer ihre Geschichte zu rekonstruieren versucht, der stößt auf städtebauliche Kontinuitäten, die heutigen Verantwortlichen wohl gar nicht bewusst sind. Er stößt auf Geschichten, die mehr erzählen als nur die Historie einer Straße. Sie lassen Rückschlüsse auf die Entwicklung der ganzen Stadt zu – und darauf, wie sich ihre Besiedlung nach Stillständen und Unterbrechungen gleichsam natürlich einen Weg bahnt.

Ursprünglich befanden sich anstelle der Rieplstraße Industrieanlagen wie überall auf dem Bahnhofsgelände. Gasspeicher waren es an diesem Ort, sagt der Kunsthistoriker Andreas Nierhaus vom Wien Museum anhand des Wiener Katasterplans aus dem Jahr 1875. Später, als man die Anlage nicht mehr brauchte, entstand an ihrer statt die nach Riepl benannte Straße. Das war 1904, zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Es war eine Epoche der Wohnungsnot. In kaum 20 Jahren war Wien mit 2,1 Millionen Einwohnern zur fünftgrößten Stadt der Welt angewachsen. Täglich kamen Zuwanderer auf Arbeitssuche in die Stadt. In Favoriten, das ein Vierteljahrhundert davor noch aus Dörfern bestanden hatte, ließen sich vor allem Tschechen nieder. Für sie stampfte man rasterförmig Zinshaus um Zinshaus aus dem Boden. Ein bis drei Jahre dauerte der Bau eines solchen Quartiers. Die prachtvolle Fassadendekoration stand im krassen Gegensatz zum stickigen Elend im Inneren. Ein Wohn- und Schlafraum mit Dielenboden, eine Vorraum- und Küchennische mit gemauertem Herd und Gangfenster zur Entlüftung – hunderttausende solcher Kleinwohnungen wurden errichtet. Ein Dutzend Menschen teilte sich nicht selten 35 Quadratmeter. Alle Flächen, die verbaut werden konnten, wurden verbaut.

riepl_detail
(Corn)

So auch die Rieplstraße, wo 1904 anstelle der Gasspeicher zwei erste Häuser errichtet wurden. Sie stehen bis heute, auch wenn, vermutlich kriegsbedingt, der Stuck von den Fassaden geschlagen ist. Dahinter folgen wie Jahresringe eines Baums weitere Gebäude der ins Bahnhofsland wuchernden Gasse: 1905 entstand das Haus, in dem heute Rance Miletic´ wohnt; 1906 das danebenliegende, 1908 das übernächste. Sie alle entsprechen der Norm dieser Ära: In den Stiegenhäusern ranken sich gusseiserne Pflanzenstauden die Geländer hinauf; Schilder weisen in Frakturschrift auf das Mezzanin hin und die Portiersloge, die im Fin de Siècle selbst in bettelarmen Häusern Usus war. Zwei weitere Gebäude, die es heute nicht mehr gibt, entstanden 1911.

Dann hört die Bautätigkeit abrupt auf. Nach Kriegsausbruch 1914 gab es für den Ausbau der Reichshaupt- und Residenzstadt kein Geld mehr. Die Rieplstraße ist eine der Bruchkanten des gründerzeitlichen Wien. Hier fand die Expansion ein Ende, hier blieb ein Projekt unfertig stehen. Diese Unfertigkeit erklärt auch die exponierte Lage und die ungewöhnliche Sackgassenform, schildert Andreas Nierhaus vom Wien Museum.

Denn ursprünglich schloss an die Rieplstraße eine zweite Gasse an. Nierhaus deutet auf den Stadtplan von 1912. Die mittlerweile verschwundene Gasse zweigte von der Rieplstraße ab und führte zurück zur Sonnwendgasse. Mit Rieplstraße und Sonnwendgasse formte sie ein Dreieck. Die aufgelassene Straße hieß Seyfriestraße, nach dem Biedermeierkomponisten Ignaz von Seyfried. Die Rieplstraße verdankt die isolierte und kulissenhafte Anmutung also nur dem nicht mehr existenten Gegenüber. Sonst wäre sie Teil eines gewöhnlichen Wiener Straßenzugs.

Noch zur Nazi-Zeit scheint die Seyfriedstraße im Wiener Straßenverzeichnis auf. Ab 1950 ist sie gestrichen. Wahrscheinlich wurde sie aufgelassen, weil hier ohnehin nie viele Häuser standen – war die Straße doch erst knapp vor 1914 angelegt worden. Nach Ende der Donaumonarchie hatte sich in der erheblich schrumpfenden Stadt die Wohnraumsituation entspannt. Nun nehmen den zur Verfügung stehenden Platz wieder Industriebauten in Beschlag.

So verkam die Rieplstraße zum toten Eck, von dem Rance Miletic´ heute spricht. Zum willkürlich ins Bahnhofsgelände ragenden Wurmfortsatz. Kurz nach ihrer Entstehung sank sie in einen über 100-jährigen Schlaf. Erst heute wacht sie wieder auf.

„Schauen Sie.“ Stefan Pesel rollt in seinem Büro einen Plan aus. Er zeigt die Skizze eines Gebäudes mit acht Stockwerken. In zwei davon sind Büroräume und ein großer Veranstaltungssaal mit angedeuteten Sesseln und einer Bühne eingezeichnet. Das soll Stefan Pesels Kirche sein, wenn die Rieplstraße einmal ganz neu ist.

Pesel, 52, rumänischer Slowake, hat vor zehn Jahren das ziegelsteinerne Fabriksgebäude am Ende der Rieplstraße gekauft. Ursprünglich war das ebenerdige Areal eine Zementmühle, erzählt er. Pesel ist Pastor der Pfingstkirche, einer freievangelischen Bewegung, wie man sie aus den USA kennt, den Baptisten und Methodisten ähnlich. Seine Gemeinde umfasst einige hundert Personen, vorwiegend Rumänen und Ungarn. Promiskuität lehnen sie ebenso ab wie übermäßigen Alkoholkonsum. Als der Prediger, der selbst im 22. Bezirk wohnt, einen Versammlungsort für seine Kirche suchte, stieß er im Internet auf die Rieplstraße.

riepl_kirche
Pesels Kirche, ehemals eine Zementmühle (Corn)

Die Pfingstkirchler renovierten die alte Halle, bauten Dachfenster ein, ließen eine Bühne zimmern, auf der heute Gitarrenverstärker und ein Drumset stehen. Im Büro daneben lugen weißgewandete Engelspuppen aus Schachteln und stapeln sich Spenden für rumänische Straßenkinder. „Ich hätte nie gedacht“, sagt der Pastor, „dass mit dieser ruhigen Gasse einmal so etwas passieren wird.“

Neun Firmen seien bisher mit Kaufangeboten an ihn herangetreten. Namen will er keine nennen, aber eine Hotelkette sei dabei und Bauträger für Wohnungen und Büros. „Ich will meine Kirche aber nicht verkaufen. Der Hauptbahnhof wird unsere Quelle an Gläubigen. Wir werden das einzige Gotteshaus im neuen Viertel sein.“ Manche der Interessenten reagierten, indem sie Sakralräume in ihre Pläne miteinbezogen. Pesel rollt den Plan wieder zusammen. „Ich weiß noch nicht“, sagt er. „Ich muss noch überlegen. Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht so aus.“

Heute reißen sich Baufirmen und Investoren um das, was hundert Jahre lang toter Winkel war. 3D-Pläne von Gemeinde und ÖBB zeigen, wie die Gegend in einigen Jahren ausschauen wird. Auf ihnen ist die Rieplstraße von Glas- und Stahlbauten umgeben, die einen lebendigen Stadtteil formen sollen. In der Nähe hat die Gemeinde bereits mit dem Bau einer Genossenschaftswohnanlage begonnen. Ein anderer Neubau wird direkt an die Häuser der Rieplstraße anschließen. Seine Funktion ist noch nicht klar, sagt Hauptbahnhof-Sprecherin Kastner. Fix ist aber, dass er kommt.

2019, wenn das Viertel fertig ist, wird die Rieplstraße keine Sackgasse mehr sein. Sondern ein Tor in den Stadtteil. Statt der Betonmauer an ihrem Ende wird eine neugebaute Verlängerung ins Grätzel führen und dort in eine Hauptstraße münden. Dieser neue Teil der Rieplstraße wird Gombrichgasse heißen, nach dem Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Wo Rieplstraße und Gombrichgasse aufeinandertreffen, wird eine weitere Straße abzweigen und zurück zur Sonnwendgasse führen – im Verlauf entspricht dies der alten Seyfriedstraße.

Das geplante Dreieck ist exakt jenes, das vor 100 Jahren schon einmal existierte. Vorläufig jedoch hat die Straße, die einst Seyfriedstraße hieß, noch keinen neuen Namen.

Erschienen im Falter 45/2010

kostenloser Counter

Weblog counter

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Novel Dewasa | Cerita...
very interesting article and contain useful information....
novelhot - 28. Jan, 01:22
Very nice blog, it contains...
Very nice blog, it contains lot of informations. Articles...
Cerita Sex (Gast) - 13. Okt, 21:29
Kisah Sex Nyata | Cerita...
Cerita Dewasa, Cerita Sex, Cerita Mesum, Cerita Bokep,...
Cerita Dewasa (Gast) - 13. Okt, 21:24
Prediksi Togel | Bocoran...
Prediksi Togel Hari Ini | Keluaran Angka Jitu | Ramalan...
Togel Hari Ini (Gast) - 13. Okt, 21:19
Obat Aborsi | Cara Menggugurkan...
Meskipun obat aborsi saja juga dapat digunakan untuk...
Jual Obat Aborsi (Gast) - 6. Okt, 14:58

Links

Suche

 

Status

Online seit 3603 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 28. Jan, 01:22

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Bücher
Das Rote Wien
Die vielschichtigen Verbindungen zwischen Osteuropa und Wien
Entwicklungsländer
Kurioses
Medien
Osteuropa
Religion
Sonstiges
Weltpolitik
Wien
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren