Das rostrote Erbe

Der Dammbruch von Kolontár öffnet die Augen dafür, was im ehemaligen Osten alles unter und über der Erde liegt

Reportage und Fotos: Joseph Gepp, Kolontár


Am Montag, dem 4. Oktober, um 12.25 Uhr, geht Imre Fuzessy, 63 Jahre, hinter sein Haus, um die Hasen im Käfig zu füttern. Ein paar Häuser weiter legt sich János Szanyi, 85, zur gleichen Zeit zum Mittagsschlaf nieder. Seine Frau Karolina, 84, tritt währenddessen in den Garten hinaus.

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Die Welle sei um die Mittagszeit über das Dorf gerollt, weswegen hauptsächlich alte Menschen zu Hause waren, erzählt zehn Tage später eine Sprecherin des ungarischen Katastrophenschutzes. Nur deshalb seien neben 150 Verletzten lediglich acht Tote zu beklagen – und nicht einige hundert.

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Die Szanyis waren aber zu Hause, ebenso Fuzessy. Sie wurden Opfer einer der größten Umweltkatastrophen der jüngeren europäischen Geschichte. Die Welle, die bis ins Schlafzimmer von János Szanyi vordrang, war zweieinhalb Meter hoch. Eine Milliarde Liter rostroter Schlamm ergoss sich über das westungarische 850-Einwohner-Dorf Kolontár und umliegende Ortschaften. Die Brühe bestand aus Eisenoxid, ätzender Natronlauge und, wie sich erst später herausstellte, hochgiftigem Arsen und Quecksilber.

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Imre Fuzessy hat überlebt, weil die Tür zu seinem Bauernhaus ein paar Stufen über dem Bodenniveau liegt. „Ich bin ins Haus gerannt, der Schlamm hinter mir. Danach bin ich auf einen Sessel geklettert und dann auf den Tisch, der Schlamm hinter mir. Knapp unter der Tischplatte ist er dann stehengeblieben.“ János Szanyi dagegen erlag nach wenigen Tagen im Spital seinen Verletzungen. Seine Frau ist vermisst. Nur ihre Krücke wurde bisher gefunden, sie steckte hinter dem Haus im Schlamm.

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Magyar Aluminium heißt die Firma, die den giftigen „Rotschlamm“, wie er genannt wird, in einem 500 mal 500 Meter großen Becken unweit von János Szanyis Haus deponierte. Er ist ein Abfallprodukt der Alu-Produktion.

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Wer von Szanyis Haus über die Felder geht, sieht den Beckenrand. Er gleicht einem begrünten, etwas überdimensionierten Bahndamm. Wer noch ein wenig weitergeht, sieht in diesem Damm einen etwa dreißig Meter breiten Spalt klaffen.

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Am vergangenen Freitag staksten schutzbebrillte Männer in weißen Plastikanzügen, halb in der roten Brühe versunken, durch das kontaminierte Gelände, das vorher Kolontár war. Soldaten mit Atemmasken sprangen von Lastwagenladeflächen und fassten Schaufeln aus. Der Schlamm hatte Autos in Hinterhöfe geschwemmt, wo sie neben Hühnerkadavern liegenblieben. Der Geruch fauligen Wassers mischt sich in Kolontár mit dem von Eisen. Als würde man eine rostige Leiter hinaufklettern und dann an den Händen riechen.

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Die Ursache des Unfalls ist noch nicht bekannt. Umweltorganisationen spekulieren, dass das Becken schlicht übervoll war. Ausgehoben wurde es 1985, zu kommunistischer Zeit. Nach der Wende verkaufte der Staat Magyar Aluminium billig an Zoltán Bakonyi und Lajos Tolnay, zwei ehemalige Parteikader, die heute zu den reichsten Unternehmern Ungarns zählen. Ein vom WWF publiziertes Foto lässt darauf schließen, wie die beiden Geschäftsleute mit dem kommunistischen Erbe umgingen: Das Bild zeigt bereits im Juni 2010 rote Rinnsale, die durch den undichten Damm in die Felder Kolontárs sickern. Zoltán Bakonyi wurde vergangenen Montag in U-Haft genommen.

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Kolontár hat aufgezeigt, dass auch 20 Jahre Marktwirtschaft und europäische Integration eine gefährliche Altlast des Kommunismus nicht entschärfen konnten: Überall im Osten wurden unrentable Industriebetriebe und Schrottdepots nach der Wende billig verkauft. Die Privatisierungen waren undurchsichtig, die Umwelt- und Sicherheitsstandards totes Recht.

Im Jahr 2000 geschah im rumänischen Baia Mare ein ähnlicher Unfall, als eine Golderzaufbereitungsanlage barst und chemisch verseuchtes Wasser in die Donau rann. Der WWF warnt nun vor Schrottbetrieben in Serbien und Bulgarien. Im nordungarischen Almásfüzitö steht zudem ein weiteres Rotschlammbecken – im Unterschied zu jenem in Kolontár exakt fünf Meter vom Donauufer entfernt. Demnach könnte ein Vorfall dort zur Folge haben, was im Fall Kolontár ausgeblieben ist: eine großflächige Verseuchung der Flusssysteme Osteuropas. Im Internet kursieren Bilder von Almásfüzitö, die eine völlig schrottreife Anlage zeigen. Im Gleichklang mit anderen Umweltorganisationen fordert der WWF nun strikte EU-weite Regeln für Industrieanlagen.

Für Österreich befürchtet die Hohe Warte eine mit Schwermetallen angereicherte Staubwolke, sobald der Schlamm als trockener Staub über Ungarn weht – und darüber hinaus.

Kolontár selbst wurde inzwischen zur Gänze evakuiert, weil der Damm zu Falter-Redaktionsschluss ein zweites Mal zu brechen drohte. Außerdem hat Ungarns Premier Viktor Orbán eine Auflassung des am stärksten betroffenen Ortsteils angekündigt. Die Häuser sollten jedoch, wie er beim Besuch der Opfer vergangene Woche sagt, stehenbleiben. Als umzäuntes „Memento für die Ewigkeit“.

Erschienen im Falter 41/2010

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