Nachbar in Not

Roma-Morde, militante Garden, ein unvergleichlicher Rechtsruck. Was ist denn bloß in Ungarn los?

Reportage: Joseph Gepp


Es ist Donnerstag, 8. April. Morgen beginnt die gesetzlich verordnete Kampagnenstille vor der Wahl. Heute wird am Budapester Donauufer noch richtig Gas gegeben.

„Wer liefert unserer Regierung die Tankwägen, die euch beim Demonstrieren von der Straße spritzen?“, ruft der Redner in die Menge. „Israel!“, antwortet er sich selbst. „Wer kauft unsere ungarische Erde auf? Israel!“

Die Partei Jobbik, was zugleich „Bessere“ und „Rechtere“ bedeutet, hat zur Schlusskundgebung unter die Statue von Sándor Petöfi, Ungarns Heinrich Heine, geladen. Bei ihrer Gründung 2003 galt Jobbik noch als obskure Politsekte, deren völkisches Getue samt Faible für historisch einschlägige Uniformen Spott hervorrief. Jetzt könnten Ungarns Rechtsextreme, neben denen sich die hiesige FPÖ wie ein Haufen Versicherungsvertreter nach einem NLP-Grundkurs ausnimmt, gar die regierenden Sozialisten einholen und hinter den Rechtskonservativen ein zweitstärkste Kraft ins Parlament ziehen.

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Bei der Kundgebung: Jobbik-Anhänger mit dem Umrissen von Großungarn am Pullover
(Fotos: Joseph Gepp)

Schwule, Kommunisten, Juden und Roma sind nach Jobbik Stacheln im Volkskörper – und die linksliberale ungarische Regierung Erfüllungsgehilfe: „Nach der Wahl wird ihr im Gefängnis das Lachen schon vergehen“, heißt es von der Bühne. Jobbik propagiert ein Weltbild à la 1933: Okkult beschlagene Parteigänger behaupten, dass Jesus Ungar gewesen sei; das schiefe Kreuz auf der Stephanskrone diene in Wahrheit als Antenne zum Empfang göttlicher Botschaften ans auserwählte Magyarenvolk.

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Am Rand der Veranstaltung werden einschlägige Fanartikel verkauft: "H" steht für "Hungaria". Trianon war der Name jenes französischen Schlosses, in dem nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen eines stark verkleinerten Ungarns gezogen wurden (Gepp)

Rund 300 Leute sind zur Veranstaltung gekommen; die Ansammlung wirkt wie eine Mischung aus Wünschelrutengeherseminar, Skinhead-Aufmarsch und einer dieser tristen Unterschichtendokumentationen im Privatfernsehen. T-Shirts mit altmagyarischen Runen umspannen Bierbäuche; Amulette mit dem heidnisch-nationalen Turul-Vogel baumeln um sonnenverbrannte Stiernacken.


Nazifahnen und Fabelvögel

Auf der Bühne weht die mittelalterliche rot-weiße Árpád-Fahne, Symbol der Pfeilkreuzler, Ungarns Nazis. Daneben steht die 2007 gegründete „Ungarische Garde“, jene schwarz gekleideten Möchtegern-Paramilitärs, die gern durch Roma-Dörfer marschieren, wenn sie nicht gerade Kundgebungen organisieren. Ein Mann verteilt Pickerln für die Stoßstange. Auf ihnen prangen neben Israels Präsident Shimon Peres die Worte: „Regiere dein eigenes Land, Hurensohn, statt unseres zu besetzen!“

Wenn die Israelis ihren Nahoststaat bald an die Araber verlieren würden, erklärt der junge Jobbik-Parteichef Gábor Vona auf der Partei-Homepage, sei Ungarn als Ausweichvariante vorgesehen. Seine Fans nehmen solche Szenarien bereitwillig auf: Zwei Kräfte hätten Ungarn und ganz Europa in den Staub getreten, sagt etwa ein älterer Mann am Rand der Kundgebung, „Juden und Kommunisten“. Und „im Übrigen warte ich immer noch auf Österreichs Entschuldigung für den Raub des Burgenlandes“. Der Mann verabschiedet sich mit dem Jobbik-Gruß: „Gott gebe eine bessere Zukunft.“

Nach einer besseren Zukunft sieht es derzeit in Ungarn nicht gerade aus.

Vergangenen Sonntag, drei Tage nach der Jobbik-Kundgebung, fand der erste und entscheidende Wahlgang der Parlamentswahl statt. Er bescherte dem Land einen Rechtsruck, wie er seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in keinem osteuropäischen Staat vorgekommen ist. Die Kräfte der Wende, die bis zuletzt regierten, Sozialisten und Liberale, wurden mehr als halbiert und stürzten in die Bedeutungslosigkeit. Die neue Macht ist indes mit 53 Prozent der „Fidesz“, eine konservative Volkspartei mit hetzerischen Untertönen, deren charismatischer Vorsitzender Viktor Orbán eher Silvio Berlusconi als Josef Pröll ähnelt. Und Jobbik konnte zwar nicht die Sozialisten überholen. Aber nur zwei Prozent hinter ihnen, mit 17 Prozent der Stimmen, hat sich die Polit-Sekte fest im Mittelfeld der ungarischen Politik etabliert.

Etwas läuft falsch im einstigen Land des Gulaschkommunismus, in der nach Hans Magnus Enzensberger „fröhlichsten Baracke im Block“. 21 Prozent der Bewohner sympathisieren laut dem Budapester Political-Capital-Institut mit Rechtsextremen – ein Spitzenwert in Europa. In Sachen Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Wachstum fällt Ungarn dafür zurück, hinter frühere Nachzügler wie Polen und Slowakei. EU und Währungsfonds mussten dem Land 2008 einen Notkredit von 20 Milliarden Dollar gewähren, um es vor dem Staatsbankrott zu retten. Seither wird eisern gespart, was einerseits die Armut und andererseits den Extremismus vergrößert: Kennern zufolge greift er vor allem in der Provinz außerhalb von „Judapest“, wie einschlägige Kreise die Hauptstadt nennen, immer mehr um sich.


Brandsätze und Schrotflinten

40 Minuten etwa liegt Tatárszentgyörgy von Budapest entfernt. Fidesz wie Jobbik haben hier überdurchschnittlich gewonnen. An der Landstraße, die zum Dorf führt, stehen Prostituierte unter blühenden Obstbäumen, Bauern pflügen ihre Felder wie vor 150 Jahren mit dem Pferd.

Eine Kirche steht in Tatárszentgyörgy, zwei Pferdefuhrwerke, ein Beisl namens Royal Jack Pub. An einem unasphaltierten Weg wohnen in heruntergekommenen Häusern die Roma des Ortes. Und wo ihre kleine Siedlung am Waldrand endet, lebt Familie Csorba. Ihr Leid wurde zum Signal, dass in Ungarn etwas schiefläuft.

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Csabáné Csorba mit ihrem Mann und dem Foto des ermordeten Sohns und Enkels (Gepp)

Am 23. Februar 2009, 0.15 Uhr, warfen Unbekannte Molotow-Cocktails auf ihr Dach. Róbert Csorba lief daraufhin mit seinem vierjährigen Sohn vor die Tür, wo beide mit einer Schrotflinte erschossen wurden. Die Mutter sprang mit zwei weiteren Kindern aus dem Fenster der Hausrückseite; sie überlebten schwer verletzt.

Seit zwei Jahren erschüttern die sogenannten „Roma-Morde“ Ungarn. Sie laufen immer nach demselben Muster ab: Die Täter wählen das letzte Haus am Dorfrand, von dem aus die Flucht leicht fällt. Sie schleudern Brandsätze und feuern Schrotkugeln. Sechs Menschen starben derart bei neun Anschlägen im ganzen Land. Vier mutmaßliche Täter, davon ein amtsbekannter Rechtsradikaler, wurden im August 2009 in Debrecen gefasst und sitzen seither in U-Haft.

Das Leid der Roma

Wenn Csabáné Csorba, 46, vor ihre Haustür in Tatárszentgyörgy tritt, steht sie direkt vor jener Brandruine, in der ihr Sohn und Enkel starben.

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Das angegriffene Haus (Gepp)

Zu zehnt wohnen die verbliebenen Mitglieder der Großfamilie, allesamt arbeitslos, im Nebenhaus. Róbert war mit seiner eigenen Familie nach nebenan gezogen. Sie glaube nicht, dass Jobbik die Macht in Ungarn erringen werde, meint die trauernde Mutter, die in ihrem Wohnzimmer unter einer riesigen Kopie des „Letzten Abendmahls“ sitzt. „Aber wenn doch, ist es für die Roma im Land vorbei.“ Sie merke, wie sich die Stimmung zwischen Roma und „Weißen“ zum Schlechten verändere. „Ich könnte gar nicht sagen, inwiefern. Aber es fällt mir auf, wenn ich zum Beispiel im Dorf einkaufe. Es ist eine spezielle Stimmung in Tatárszentgyörgy, weil hier der Anschlag war. Aber es ist auch eine spezielle Stimmung in ganz Ungarn.“

„Die Saat geht auf“, schreiben Gregor Mayer und Bernhard Odehnal in ihrem Buch „Aufmarsch“ zur osteuropäischen Rechten. Für die österreichischen Journalisten bildet Jobbiks Hetze einen Teil jener Radikalisierung, die in die Roma-Morde mündete.

Wie Frau Csorba in Tatárszentgyörgy registrieren die beiden Autoren im gesamten Land eine Veränderung: Hetze wird salonfähig, Hemmschwellen fallen, Konflikte verlagern sich aus demokratischen Instanzen auf die Straße. Ein Beispiel ist das Online-Nachrichtenportal kuruc.info, Leitmedium der ungarischen Rechten.

Rubrik „Holo-Schwindel“


Laut Kritikern mit Jobbik verflochten, hetzt der „Kuruzze“ wütend gegen Juden, Sozialisten und Roma. Seine Rubriken heißen etwa „Zigeunerkriminalität“ und „Holo-Schwindel“. Im Impressum verstecken sich Schreiber hinter Namen wie „János Arbeitmachtfrei“ und „Kenneth Kl. Klan“.

Die bloße Existenz solcher Naziseiten unterscheidet Ungarn zwar noch nicht von anderen Ländern. Aber im Gegensatz zu anderswo rangiert kuruc.info mit 130.000 Lesern täglich unter den meistbesuchten Websites des Landes. Unlängst etwa enthüllte das Portal einen Datenmissbrauchsfall: Herkömmliche Medien berichteten darüber und nannten, wie üblich, die Quelle. Kuruc erscheint also zunehmend wie ein gewöhnliches kritisches Medium – auch wenn im Impressum etwa „Adolf H. Schicklgruber“ steht.

Derartiges sei in Ungarn „noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen“, erklärte Paul Lendvai im vergangenen Falter. Und Adam Schönberger, ein junger jüdischer Aktivist aus Budapest, meint: „Der Diskurs in diesem Land ist total versaut.“

Schönberger, 30, Kapuzenpullover und roter Dreitagebart, betreibt in der Altstadt die „Möwe“, Bierlokal, Buchhandlung und Diskussionsstätte in einem. Er veranstaltet Debatten zum Judentum und setzt sich für Reformen in Budapests „postkommunistisch undurchsichtiger“ Glaubensgemeinde ein. Einerseits habe in Ungarn vieles am jüdischen Leben des alten Ostens überlebt, sagt er. Andererseits seien antisemitische Übergriffe nicht selten. Letzte Woche erst, erzählt er, hätten Unbekannte Steine auf eine Gruppe Budapester Pessach-Feiernder geworfen. Und im Vorjahr kam es am Donauufer zu einer besonders widerwärtigen Schändung: Bronzeschuhe an der Promenade erinnern daran, dass hier einst Pfeilkreuzler Juden in den Fluss warfen und ermordeten. Eines Morgens steckten in den Schuhen plötzlich Schweinshaxen.

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Adam Schönberger in der "Möwe" (Gepp)

„Ich würde zwar auswandern, wenn Jobbik an die Macht käme“, sagt Schönberger. „Aber derzeit scheint mir das wie Science-Fiction. Fidesz macht mir größere Sorgen.“

Wie viele Beobachter meint der Intellektuelle, dass Fidesz viel zur Salonfähigkeit des Rechtsextremismus beigetragen habe. Denn nach 2006 verstrickte sich die sozialistische Regierung immer mehr in Lügen und Missstände. Fidesz-Chef Viktor Orbán – der jetzige Wahlsieger – wählte darauf jedoch nicht den legitimen demokratischen Weg. Stattdessen unterstützte er den gewaltsamen und oft rechtsextremen Straßenprotest.

Ein „versauter Diskurs“ im Land

Jahrelang blockierte Fidesz alle Regierungsmaßnahmen. Bis heute warnt Orbán vor den „Links- und Rechtsradikalen“ – als wären Sozialisten und Jobbik dasselbe Phänomen.

Es ist Sonntag, 11. April 2010. Die Wahl ist geschlagen; Siegerpartei Fidesz feiert am zentralen Vörösmarty-Platz. Während hier der Gewinner von „Ungarn sucht den Superstar“ für Fidesz-Freunde Bohemian Rhapsody singt, trifft sich Jobbik zehn Kilometer weiter, in einem abgelegenen Sportzentrum am Budaer Donauufer.

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Die Ungarische Garde im Sportzentrum (Gepp)

Hunderte Mitglieder der Ungarischen Garde sind gekommen, um den 17-Prozent-Gewinn zu feiern. Sie jubeln, weil jeder sechste Wähler für Jobbik gestimmt hat. Sie tragen Hahnenfedern auf Kappen wie einst die Pfeilkreuzler. Sie brüllen Kommandos und marschieren im Gleichschritt durch die Halle.

Jetzt, wo die Parlamentswahl vorbei ist, wirkt die selbstbewusste Szenerie viel eher nach Skinhead-Aufmarsch als nach trister Unterschichtendokumentation im Privatfernsehen. Sie erinnert an die Dreißigerjahre. Sie wirkt gefährlich. Sie kündet jedenfalls nicht von einer besseren Zukunft.


Erschienen im Falter 15/2010

Gulaschfaschismus: Interview mit Jobbik-Prateichef Gábor Vona von 2007

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