Der angekündigte Untergang – Ein Besuch in Hasankeyf

Joseph Gepp

Bis hierher, sagt Ali und hebt Hand in Brusthöhe, werde das Wasser reichen. Alles darunter verschwinde, nur die Spitze eines alten Minaretts werde noch aus den Wellen ragen. Und alles darüber stürze ein. Denn das Wasser wird sich in den Berg fressen, sagt Ali. Die vielen kleinen Höhlen fluten, die Fundamente der Gebäude wegspülen. Und am Ende wird von Hasankeyf nur eine kleine Insel bleiben, mit Trümmern übersät.

Ali ist Kurde. Im Sommer jobbt er – wie die meisten hier – in einer westtürkischen Touristenhochburg, in seinem Fall Bodrum, als Kellner. Den Winter verbringt Ali in seinem ostanatolischen Heimatort Hasankeyf. Dort sitzt er in einem Schanigarten, der etwas über der Stadt liegt. Er trinkt Tee aus einem Tulpenglas. Er blickt hinunter zur Hauptstraße, zu den Marktständen, den Grillrestaurants, zur Brücke über den Tigris, zur Moschee mit den steinernen Ornamenten aus dem 13. Jahrhundert.

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Blick auf Hasankeyf von Alis Schanigarten
Fotos: Joseph Gepp

Hasankeyf, vier Autostunden von der syrischen Grenze gelegen, ist ein Ort, an dem zwei Prinzipien gegeneinanderstehen. Der Erhalt historischen Erbes auf der einen, die Flucht aus der wirtschaftlichen Perspektivenlosigkeit auf der anderen Seite. In Hasankeyf schließen die beiden Prinzipien einander radikal aus. Denn ein großer Damm, das Illisu-Projekt, wird hier errichtet. Illisu soll Wohlstand und Hoffnung ins heruntergekommene Südostanatolien bringen. Kommt aber Illisu, wird Hasankeyf untergehen.

Es war eine wichtige Stadt, vor Jahrhunderten, im Mittelalter, als die frühtürkische Artukiden-Dynastie hier eine Brücke errichtete. Ihre Pfeiler ragen bis heute aus dem schlammbraunen Tigris. Händler zwischen Orient und Okzident überquerten die Brücke, brachten Hasankeyf Zolleinnahmen, verrechneten ihre Waren mit Geld, das in Hasankeyf geprägt worden war. Die Bewohner von Hasankeyf trieben in den weichen Stein der Tigrishänge Tausende Höhlen, die oft mehrere Stockwerke umfassten. Sie errichteten große Moscheen, Burgen, Bazare, Paläste.

Heute liegt das alles in Ruinen. Denn als sich nach der Entdeckung Amerikas die Handelsströme nach Westen verlagerten, sank Hasankeyf in die Bedeutungslosigkeit. Heute wohnen die Menschen in Häusern, die schon zum Zeitpunkt ihrer Errichtung baufällig wirken. Südostanatolien ist ein vergessener Landstrich, der Boom findet anderswo statt, in Istanbul, Ankara, der Zentraltürkei. Ein letzte Höhle ist noch bewohnt; das darin lebende alte Ehepaar weigerte sich in den 80er-Jahre auszuziehen.

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Wohnhöhlen in und um Hasankeyf

Zwei Kilometer soll der Illisu-Damm breit werden und 140 Meter hoch. Der See, der in der Folge entstünde, wäre annähernd so groß wie Wien. Ali deutet von seinem Schanigarten auf eine Hügelkuppe am Horizont. „Dort wird das Ufer liegen“, sagt er, „und daneben werden sie Yeni Hasankeyf, Neu-Hasankeyf, bauen. Die Asphaltstadt.“

„Ich bin ohnehin weg“, sagt er. „Ich ziehe endgültig fort. Nach Bodrum.“ In den vergangenen 20 Jahren sank die Einwohnerzahl von Hasankeyf radikal. 3000 Menschen sind heute übrig, die meisten von ihnen stehen dem Damm mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn Wohlstand hat der Stadt allein seine Ankündigung gebracht: Die türkische Regierung zahlt großzügige Entschädigungen für Umzugswillige. Und viele Touristen, die Hasankeyf ohne seinen bevorstehenden Untergang gar nicht kennen würden, kommen nun, um den Ort noch einmal zu sehen.

Er ziehe nach Istanbul, erzählt Mesut, ein anderer Bewohner von Hasankeyf, Restaurantbesitzer. Über dem Feuer brät er Fische aus dem Tigris. Er könne sich die Übersiedlung leisten, jetzt, dank der Entschädigungszahlung. Grinsend gestattet er, dass in seinem Lokal trotz landesweiten Verbots geraucht wird – das sei hier egal. „Die Höhlen, die alte Moschee, die Festung, die Münzprägestätte. Das alles ist ganz hübsch, wie aus einer anderen Zeit. Aber es zählt nicht, es ist nichts wert. Weil wir keine Chancen haben. Was sollen wir denn mit dem alten Zeug? Davon können wir nicht leben, sondern vom Damm.“

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Die alte Brücke über den Tigris

Dabei stand das Projekt zwischenzeitlich knapp vor dem Scheitern. Das Bauarbeiten hatten schon im Jahr 2006 begonnen, doch kurz darauf bekamen die Organisatoren – ein Konsortium aus türkischen, deutschen, schweizerischen und österreichischen Firmen – kalte Füße. Massive internationale und kurdische Proteste hatte dazu geführt, dass die nationalen Kontrollbanken ihre Exportsicherungen zurückzogen. Die Arbeiten wurden eingestellt; in Österreich verabschiedete sich der Grazer Anlagenkonzern Andritz vom Plan. Im Sommer 2009 schien das Projekt gescheitert, weil die europäischen Geldgeber abgesprungen waren.

Doch vor zwei Wochen trat der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan an die Öffentlichkeit. Der Damm werde gebaut, erklärte er freudig. Chinesische Geldgeber seien zur Finanzierung bereit.


Erschienen im Blog des Reisewebportals Tripwolf am 3.3.2010

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