Siebzig Jahre Einsamkeit

JUDENTUM 1938 mussten sie aus Österreich fliehen. 1948 mussten sie
den neuen Staat Israel aufbauen. Heute betreiben sie gemeinsam
Seniorenturnen. Ein Besuch beim Klub der Altösterreicher in Tel Aviv.
JOSEPH GEPP, Tel Aviv

Wenn Gideon Eckhaus über Sand spricht, dann hört man ihn fast
rieseln. Er hat seine Hand zur lockeren Faust geballt und reibt die
zittrigen Finger aneinander, als würde ihm der Sand durch die Finger
rinnen. "Straßen, Plätze, Gebäude. Alles, was sie hier sehen. Das war
alles nur Sand", sagt Eckhaus. Er sitzt in einem modernen Café im
ruhigen Norden Tel Avivs, auf dem Tisch eine Tasse Cappuccino und ein
Sandwich mit Roastbeef - und kein Sandkorn weit und breit. "Als ich
herkam, hat es das alles noch nicht gegeben. Wir haben es aufgebaut.
Ich habe sieben Jahre lang in einem Zelt geschlafen. Es hat mich
nicht gestört." Er sei ja immerhin mit dem Leben davongekommen, sagt
er.

Es ist viel Zeit vergangen, seit Gideon Eckhaus, 85, aus
Wien-Leopoldstadt hierherkam. Das war am 9. Jänner 1939. Er kam und
brachte tatsächlich nichts mit als sein Leben. Der Staat, in dem er
später leben sollte, existierte noch nicht einmal. Dessen tragende
Bevölkerungsgruppe war größtenteils gerade erst angekommen, schuf
erste staatliche Strukturen im Untergrund, bekämpfte Naturgewalten
und schleuste Neuzuwanderer am britischen Kolonialherrn vorbei. Die
Stadt, die er verlassen musste, verfügte zwar über Straßen, Plätze
und Gebäude - aber nicht mehr für Gideon Eckhaus: Ihm und seiner
Familie hatten die Nationalsozialisten, die zehn Monate zuvor in
Österreich einmarschiert waren, alles weggenommen. Das Geschäft des
Vaters wurde "arisiert", das Firmeneigentum requiriert, er selbst in
eine Schule in der Czerningasse im zweiten Bezirk gesteckt, wo
ausschließlich jüdische Kinder zusammengefasst waren. "Einmal kam der
Fotograf vom Stürmer. Der wollte Bilder machen von Judenkindern, wie
sie Eselsgrimassen schneiden oder Ähnliches. Unser Lehrer hat uns
schnell durch den Hintereingang nachhause geschickt." Das rechne er
dem Lehrer bis heute hoch an, sagt Eckhaus. Als Jugendlicher sah er,
wie Synagogen geplündert und orthodoxe Juden zum Tanz um brennende
Thorarollen gezwungen wurden. Dann floh er ins damalige Palästina.
Schon vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich hatte
er als freiwilliger Helfer bei der Wiener Dependance des
zionistischen Palästina-Amts mitgearbeitet - das kam ihm zugute, als
sein Leben von einer der raren Einreisebewilligungen für Palästina
abhing. "Ich kam in Palästina an. Hier war ich nicht wehrlos wie in
Wien. Ich hatte eine Waffe in der Hand. Ich dachte: Sollen sie
kommen. Ich werde mich zumindest verteidigen."

Fünf Kilometer weiter südlich, im geschäftigen Zentrum von Tel
Aviv, hebt Lisbeth Rosenthal ihren rechten Arm. Ganz langsam. Es
fällt nicht mehr so leicht wie früher. Dann sinkt er zurück auf die
Sessellehne, auf die sie sich stüzt. Es folgt der linke. Und wieder
der rechte. Die Gymnastiklehrerin scheint nicht allzu streng.
Rosenthal steht in einer Reihe mit 15 anderen alten Menschen, mehr
Frauen als Männern, geschätztes Durchschnittsalter etwa achtzig. Eine
Dreiviertelstunde dauert das Seniorenturnen. Darauf folgt ein
Kaffeekränzchen im Raum nebenan. Dann setzt sich Lisbeth Rosenthal
mit ihren Freundinnen an einen Tisch, sie spielen Scrabble und reden
darüber, wo sich die Kinder gerade aufhalten und wie es den Enkeln
geht. Sie grüßen mit "Shalom", aber abgesehen davon ist ihre
Umgangssprache Deutsch. Es ist eine Sprache, deren Entwicklung vor
siebzig Jahren stehengeblieben ist. Man könnte sie als bürgerlich
bezeichnen: Die Sätze enden mit einem fragenden "Nicht?" und statt
"dort" sagen sie "dort'n". Wenn sie von der Vergangenheit erzählen,
benutzen sie das Imperfekt. Und wenn ihnen etwas aus der Hand fällt
und man es aufheben will, dann sagen sie: "Bemühen Sie sich nicht."
Die Ausdrücke klingen altmodisch und die Mimik unterstreicht heftig
das Gesagte. Jakob Stiassny, 61, Chef des Klubs der
altösterreichischen Pensionisten in Tel Aviv, sagt, dass er mit den
Senioren hin und wieder Artikel aus Fachzeitschriften durchgehe. Auf
solche Art würden sie ihren Wortschatz auf den neuesten Stand
bringen. Schließlich konnte vor siebzig Jahren niemand ahnen, dass
"Handy" und "Computer" einmal Eingang in den Duden finden würden.

Stiassnys kleines Büro liegt im Hinterzimmer des Klubs. Er
gründete ihn vor fünfeinhalb Jahren. Damals waren die
österreichischen Juden alt geworden. Die Zeit hatte begonnen, in der
sie auf Unterstützung angewiesen waren. Lebensqualität im Alter hat
viel mit Erinnerung zu tun, meint Jakob Stiassny. Diese Leute hätten
eine schwierige Vergangenheit gehabt: erst die Vertreibung aus
Österreich, dann die entbehrungsreiche Pionierzeit in Israel. "Je
älter die Menschen werden, desto lebendiger wird ihr
Langzeitgedächtnis. Die gemeinsame Vergangenheit ist dann eine
wichtige Stütze." Er druckt eine Liste mit dem Programm für März 2008
aus. Neben der wöchentlichen Turnstunde steht da "Bridge für
Fortgeschrittene", "Kaffee, Kuchen und Salzgebäck", "Blutdruckmessen
und Beratung", aber auch ein Treffen mit österreichischen Schülern,
eine Gedenkveranstaltung zu 1938 und ein Vortrag über das iranische
Urananreicherungsprogramm. Der Klub finanziere sich aus
Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Geldern des österreichischen
Nationalfonds, sagt Jakob Stiassny. Er untersteht der Vereinigung der
Pensionisten Österreichs in Israel, dessen Vorsitzender, und Stimme
der vertriebenen Juden Österreichs, Gideon Eckhaus ist.

Der Pensionistenverein - vier Räume im Untergeschoß eines
schlichten gräulich-weißen Hauses, ein paar Tische, eine kleine
Bibliothek, ein Ständer mit einigen österreichischen und israelischen
Zeitschriften und ein Podium für Gymnastik und Vorträge - liegt in
der Esther-Hamalka-Straße von Tel Aviv, mitten in einer Stadt, die
mit Wien ganz und gar nichts gemein hat: Tel Aviv ist wild, quirlig,
südlich und vorwärtsgewandt. Aus den Autos, die die palmengesäumte
Strandpromenade entlangkurven, dröhnt westlicher und orientalischer
Discobeat. Die Israelis sagen, dass Haifa arbeitet, Tel Aviv feiert
und Jerusalem betet. Tel Aviv, das ist leichtbekleidetes
Beachpartyfeeling à la Ibiza, versetzt mit einem kleinen Schuss
Orient - vor dem Hintergrund eines uniformen grauen Häusermeeres aus
der Zwischen- und Nachkriegszeit. Getragene mitteleuropäische
Existenzen wie Frau Lisbeth Rosenthal würden sich hier wohl nicht
freiwillig ansiedeln.

Aber sie wurden nicht danach gefragt. Selbst ihre Sprache - für
viele Zionisten die Sprache der Unterdrückung, des Schtetls, der
Diaspora - war im jungen Israel nicht erwünscht. Ob sie sich gar
nicht schäme, kein Hebräisch zu sprechen, sei sie vor Jahrzehnten
gefragt worden, erzählt Lisbeth Rosenthal. Es sei leichter, sich zu
schämen, als Hebräisch zu lernen, habe sie geantwortet. Schon vor
mehr als einem halben Jahrhundert hätten Rosenthal und ihre beiden
Freundinnen die deutsche Muttersprache ablegen und durch das
Hebräische ersetzen sollen - auch im privaten Umfeld. Aber Frau
Rosenthal weigerte sich: "Aus dem Kibbuz warfen sie mich nach zwei
Jahren hinaus, weil ich weiter darauf bestanden habe, Deutsch zu
sprechen", erzählt sie über die Jahre nach der Ankunft. "Der Kibbutz
bestand zwar fast ausschließlich aus deutschen und österreichischen
Juden - aber sie hatten sich fest entschlossen, nur noch Hebräisch zu
sprechen." Bis heute lese sie regelmäßig eine Zeitschrift namens
Sha'ar, zu Deutsch "Das Tor", sagt Rosenthal. Sha'ar richtet sich,
seinem Namen gemäß, eigentlich an Neueinwanderer in Israel. Im
Gegensatz zu anderen Medien des Landes druckt das Heft seine
hebräischen Lettern mit kleinen Punkten und Strichen über oder unter
den Buchstaben - sie zeigen Vokale an, die normalerweise im
Hebräischen nicht geschrieben, sondern lediglich mitgedacht werden.
Aber Frau Rosenthal liest selbst siebzig Jahre nach ihrer Ankunft in
Israel noch flüssiger, wenn die Vokale bereits aus dem geschriebenen
Wort hervorgehen. Es scheint, als sei sie für immer in der
Toreinfahrt stehengeblieben. Die Landessprache spricht sie, wie alle
anderen ehemaligen Wiener Juden, nach wie vor mit deutschem Akzent:
"Im Hebräischen gibt es so viele Akzente wie Einwanderergruppen",
sagt sie. "Als ich herkam, waren viele Einwanderer aus Russland da -
also dachte ich, der russische Akzent sei eigentlich das
Hochhebräische. Damals sprachen sie sogar am Nationaltheater mit
russischem Akzent. Und genauso reden andere Einwanderer eben bis
heute mit deutschem Akzent."

Lisbeth Rosenthal erzählt, und der Kaffee in der Thermoskanne wird
langsam kalt. Ihre Erinnerungen sprudeln, sie lacht, wird kurz ernst,
lacht wieder. Sie stamme aus Wien-Alsergrund und sei im Frachtschiff
nach Palästina gekommen, sagt sie. "Auf dem Schiff habe ich zum
ersten Mal Oliven gekostet. Seitdem esse ich sie jeden Tag zum
Frühstück." Sie lacht. Nach ihrer Ankunft in Palästina habe sie
angefangen, im Kibbuz zu arbeiten, im gemeinschaftseigenen Kuhstall.
Das sei schwere Arbeit gewesen, sagt sie. "Aber es war schön. Sie
haben mich gebraucht." Sie kam alleine, denn die Mutter war in
Auschwitz gestorben und der Vater nach Shanghai geflohen, wo er noch
einige Jahre blieb. In Wien war sie, wie sie es ausdrückt, in einem
"bürgerlichen Elternhaus" aufgewachsen. "Wir hatten eine Hausgehilfin
und eine schöne Wohnung, auf der Liechtensteinstraße, direkt
vis-à-vis der Polizeidirektion. Ich kann mich noch an den März 1938
erinnern. Da habe ich durchs Fenster beobachtet, wie die Polizisten
in der Direktion die Hakenkreuzbinde umgelegt haben." Die folgenden
Monate rissen Lisbeth Rosenthal aus ihrer alten Welt, warfen sie in
eine neue, für sie völlig fremde. "Als wir im Kibbuz in den Bus
stiegen, hat der Fahrer gesagt: Wenn jemand auf uns schießt, dann
sollen wir uns auf den Boden legen. Und ich dachte mir: Der Boden ist
doch viel zu dreckig. Da leg ich mich doch nicht hin." Sie lacht
wieder.

Als sie auf ihr Verhältnis zu Wien zu sprechen kommt wird sie
ernst: Ja, sie sei seit 1945 schon dort gewesen, mehrmals sogar, sagt
sie. "Aber recht wohl fühle ich mich dort nicht." Wie sich das
äußere? Lisbeth Rosenthal sagt einen Satz, der im Lauf des Gesprächs
schon öfters fiel: "Ich weiß nicht, ob sie sich das vorstellen
können." Es sei eben merkwürdig, wenn man in der Straße, wo man die
erste Liebe kennengelernt, auch die ersten Prügel abbekommen habe.

Das ist nicht bei allen einstigen Wienern so. "Also, ich fahre
nach wie vor gerne nach Wien", unterbricht Nora Shaw, die daneben
sitzt, ihre Tischgenossin. Shaw, ebenfalls 85, hieß früher einmal
Nora Schön, aber ihr Mann, der in Großbritannien arbeitete, ließ den
Namen ändern. Und so heißt sie wie jener Dichter, dessen gesammelte
Werke auf ihrer Wohnzimmerkommode stehen. Neben Goethe und Oscar
Wilde, neben Büchern in deutscher, englischer, französischer und
hebräischer Sprache, neben einer versprengten Mozartkugel und ein
paar kleinen Souvenirs aus Paris und Barcelona. "Das hier schaut
wahrscheinlich nicht viel anders aus als in Wien", scherzt sie. Tel
Aviv, sagt sie, sei heiß, und die verrosteten Klimaanlagen, die aus
den Hausfassaden ragen, schauen aus wie Warzen. Sie sei oft in Wien
gewesen, denn ihre Schwester habe dort gelebt. Sie erzählt, wie sie
einen Weinkrampf bekommen habe, als sie vor Jahren zum ersten Mal
wieder ihr altes Stiegenhaus in der Glasergasse in Wien-Alsergrund
betrat. Denn "alle Erinnerungen kommen auf einmal wieder hoch, die
guten wie die schlechten". Es sind jedoch eher die guten, an die sie
sich jetzt erinnert, die sich offenbar eingeprägt haben: Nora Shaw
redet über den Turm im Dianabad, von dem sie sich nicht springen
traute, über den Türkenschanzpark, durch den sie so oft spazierte,
und über das Café Industrie im neunten Bezirk, wo "mein Vater immer
stundenlang gesessen und Zeitung gelesen hat".

Wenn Gideon Eckhaus über Wien spricht, dann sind es eher die
schlechten Erinnerungen, die hochkommen. Er geht härter ins Gericht
mit Österreich als die anderen einstigen Wiener. Vielleicht hängt das
damit zusammen, dass Eckhaus Monate später ging als die anderen - und
bis Anfang 1939 das äußerste Maß der Diskriminierung miterleben
musste. "Unter den Menschen, die uns damals schikaniert und
vertrieben haben, waren viele Leute, die gebildet waren, die eine
gewisse Kultur hatten. Ich verstehe das nicht", sagt er. Er beklagt
das Schweigen des Nachkriegsösterreichs, die Ignoranz gegenüber den
Überlebenden, die hauptsächlich nach Israel und in die USA emigriert
waren. "Wir hatten nichts und wir wurden nicht unterstützt. Erst der
Vranitzky hat das dann ein bisschen eingesehen." Nun seien sie alt,
etwa 5000 altösterreichische Juden habe es im Jahr 1996 noch in ganz
Israel gegeben, heute sei es vielleicht die Hälfte. "Die Leute haben
es nicht leicht gehabt", sagt Eckhaus. Viele seien weggestorben,
manche hätten sich auch umgebracht. Die Pensionistenklubs in Haifa,
in Jerusalem, in Tel Aviv sollen in dieser Situation dafür sorgen,
dass die Menschen mit ihrer Erinnerung nicht alleine bleiben. Wenn
Gideon Eckhaus nach Wien fährt, dann hauptsächlich, um dort Gräber
aufzusuchen. "Meine Mutter hatte das Pech, in Wien begraben zu
werden", sagt er. Er sei dort gewesen, vor langer Zeit, am
Zentralfriedhof, bei den - zwischenzeitlich renovierten - jüdischen
Gräbern hinter Tor Nummer vier. "Aber es war alles mit Brennnesseln
überwachsen. Ich konnte beinahe gar nichts sehen."

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