Allah und die Anderen

ISLAM Vier Neuerscheinungen zum Themenbereich Extremismus/Islam
beschäftigen sich mit Vorurteilen, dem Einfluss der Moderne auf
islamische Gesellschaften und der Affinität nicht nur dieser Religion
zur Gewalt.
JOSEPH GEPP

Manche Dinge sind einer kritischen und differenzierten Diskussion
eher abträglich. Die Anschläge vom 11. September 2001 bildeten den
Auftakt für eine neue Ära der weltpolitischen Unsicherheit. Es
folgten Kriege, Terroranschläge, imperiale Ambitionen von
Supermächten und wachsende Ambitionen von Schurkenstaaten - all das
machte die Einordnung der vergangenen Ereignisse in einen
religionswissenschaftlichen Kontext nicht gerade leichter. Der Islam
sei per se böse und gewaltbereiter als etwa Christen- oder Judentum,
heißt es von der einen Seite des Atlantiks. Die andere entgegnet: Der
Islam sei lediglich vorgeschobene Rechtfertigung der Terroristen und
habe als Religion ganz und gar nichts mit Krieg und Terror zu
schaffen. Es klingt klischeehaft, aber es lässt sich wohl nicht
anders sagen: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Gewiss: Im Gegensatz zu einem demokratischen System rechtfertigt
eine Religion - nicht nur der Islam, sondern die Religion an sich -
ihre Existenz mit mehr als nur der eigenen Notwendigkeit. Man lebt
und stirbt ja mehr oder weniger im Dienste Gottes. Und was Gott will,
ist recht breit interpretierbar. In diesem Sinn trägt also jede
Religion zumindest mehr Gewaltpotenzial in sich als etwa
westlich-liberale Gesellschaftssysteme. Aber berücksichtigt man nur
diesen Maßstab, dann hätte das Christentum mit Kreuzzügen und
Inquisition längst seine Existenzberechtigung verloren. Der Islam ist
weder Kriegs- noch Friedensreligion. Er besteht aus einer Vielzahl
von Strömungen, Richtungen, Denkweisen und Auslegungen. Ebenso wie
die anderen Weltreligionen. Wer also dem Islam gerecht werden will,
der sollte am besten die vergleichende Methode anwenden.

"Gewalt als Gottesdienst", die soeben erschienene Studie des
deutschen Religionswissenschaftlers Hans Kippenberg, untersucht aus
diesem Grund die Gewaltbereitschaft mehrerer Religionen seit der
Nachkriegszeit. Kippenberg geht dabei auf gewalttätige Auswüchse des
US-amerikanischen Protestantismus ebenso ein wie auf radikale
Schiiten im Iran und im Libanon oder den Fundamentalismus
zionistischer Siedler in den besetzten Gebieten Israels. Detailreich
und fundiert beschreibt er die wachsende Macht der iranischen
Ayatollahs nach der Revolution 1979 oder die pseudoreligiösen
Heilsbewegungen der amerikanischen Hippieära, die in blutigen
Massakern mündeten - beispielsweise 1993 in Waco, Texas, oder 1979 in
Jonestown im südamerikanischen Guayana. Er schildert, wie
evangelikale Anhänger der "Peoples Temple" - jene, die später in
Jonestown kollektiven Selbstmord begingen - in Kalifornien neue
Mitglieder warben. Dort hatten "viele der amerikanischen Kultur den
Rücken gekehrt" und "ideale Bedingungen für alternative
Gemeinschaften gefunden".

Man fühlt sich an die Kommune des Österreichers Otto Mühl
erinnert: Auch Flower-Power kann offenbar den Boden für
quasitotalitäre Strukturen schaffen. Kippenberg beschreibt nicht nur
an diesem Beispiel, wie gerade in der totalen Freiheit der
Radikalismus gedeiht. Im vorrevolutionären Iran dagegen hatte eine
überhastete Modernisierung der Bevölkerung ihren Zusammenhalt
geraubt, was den Spielraum des Fundamentalismus erweiterte: "In den
überbevölkerten Städten (des Iran, Anm.) waren es die religiösen
Netzwerke, die (...) willens waren, die Entwurzelten und Enttäuschten
aufzufangen."

Kippenberg durchsucht diese doch recht unterschiedlichen Phänomene
auf ihre Gemeinsamkeiten. Die Mudschaheddin im Afghanistankrieg
dienen ihm ebenso als Forschungsmaterial wie die manchmal religiös
legitimierten Entscheidungen in der neukonservativen US-Politik oder
erwähnte Zionisten und Evangelikale. Der gemeinsame Nenner dieser
Bewegungen ist Kippenberg zufolge der "Machtzuwachs religiöser
Vergemeinschaftung": Religion löst ihm zufolge staatliche Ordnungen
ab, die "in Krisen und Kriegen zerbrechen". Oder sie geben Halt in
Zeiten eines Wirtschaftssystems, das die "Individualisierung der
Risiken des Lebens" begünstigt.

Darüber kann man streiten. Genauso plausibel klingt jedenfalls die
Annahme, dass das Gewaltpotenzial in Gottes Namen immer gleich hoch
ist - und in gefestigten Gesellschaften genauso viel Schaden
anrichten kann wie in porösen. Das bestätigt beispielsweise ein Blick
auf die spanische Inquisition, die der Machtzementierung des
Königshauses diente und nicht Resultat eines bröckelnden Systems war
- ganz im Gegenteil. Aber die Lektüre von "Gewalt als Gottesdienst"
lohnt sich auch, wenn man Kippenbergs Hauptthese skeptisch
betrachtet: Das Buch vermittelt Hintergrundwissen und Zusammenhänge,
es ist ansprechend geschrieben und hervorragend recherchiert.

Eine andere Neuerscheinung zur Islamdebatte erfordert mehr
Überwindung bei der Lektüre: Wer sich in Youssef Courbages und
Emmanuel Todds Buch zur Bevölkerungsentwicklung in islamischen
Staaten, "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die
islamische Welt verändern", vertiefen will, braucht große Liebe zu
demografischen Tabellen und möglichst profundes einschlägiges
Vorwissen. Der syrische und der französische Historiker beschreiten
einen anderen Weg als Kippenberg: Nicht die wachsende Stärke
religiöser Gemeinschaft, sondern die Erkenntnis des eigenen
Anachronismus begründet ihnen zufolge die Gewalt des Islamismus.

"Einen Kampf der Kulturen wird es nicht geben", schreiben Courbage
und Todd, denn die Gewalt sei ein Auswuchs der "letzten Zuckungen
einer sterbenden Ideologie". Als Beleg für diese These dienen die
Geburtenraten im islamischen Raum: Sie liegen zwar weit auseinander:
zwischen 7,6 (im Niger) und 1,7 (in Aserbaidschan) Kindern pro Frau.
Doch alle haben eines gemeinsam: Seit etwa dreißig Jahren ist ein
drastischer Geburtenrückgang zu beobachten, der, so die Autoren, aus
einem sozialen Wandel resultiert, mit dem auch andere Veränderungen
einhergehen - Veränderungen, die den Werten des traditionellen Islam
oft entgegengesetzt sind, wie etwa die wachsende Emanzipation der
Frau.

Courbage und Todd postulieren eine Entwicklung, die - griffig
formuliert - "von der Alphabetisierung über die Verhütung zur
Revolution" führt. Das ist nachvollziehbar und schlüssig - und
dennoch: Mit wahrer Leidenschaft werden wohl nur studierte Demografen
"Die unaufhaltsame Revolution" verschlingen. Ein Wörterbuch mit
demografischen Fachausdrücken sei jedenfalls als Begleitlektüre
anempfohlen.

Viel näher am politischen Tagesgeschehen liegt "Der falsche Krieg"
von Olivier Roy. Fundiert und in journalistischer Manier erklärt der
französische Politikwissenschaftler die Gründe für den Irakkrieg, das
Scheitern der Demokratisierung im Gazastreifen, in Afghanistan und im
Irak und den Mythos von - wie Roy es bezeichnet - "Eurabia". Diese
Wortneuschöpfung aus "Europa" und "Arabien" ist Schlagwort für die
Islamisierung Europas. "In der Rede von Eurabia verbindet man die
Muslime Europas mit Konflikten im Ausland, die sie selbst indes gar
nicht beschäftigen", meint Roy - und zeichnet als Widerlegung der
Stereotype vom radikalislamischen Schläfer in Europas Städten ein
differenzierteres Bild der islamischen Gesellschaften. Darin geht er
auf nationale, regionale und konfessionelle Eigenheiten ebenso ein
wie auf die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien, das Clanwesen,
den arabischen Nationalismus oder - als dessen Gegenkonzept - den
Panislamismus. Alles, was in keinem Zeitungskommentar mehr Platz
findet und doch als Grundlagenwissen unentbehrlich ist -, es steht in
"Der falsche Krieg".

Von der Wissenschaft zur Populärwissenschaft: Der deutsche
Journalist Alfred Hackensberger hat ein "Lexikon der Islamirrtümer"
geschrieben. Die aufzuklärenden Irrtümer reichen von "Al Jazeera ist
ein islamistischer Sender" über "Die Beschneidung von Frauen ist eine
Tradition des Islam" bis zu "In islamischen Ländern gibt es keine
Prostitution". Die Auseinandersetzung mit ihnen soll laut
Verlagsinformation "Einblicke in die Vielfalt, Dynamik und Moderne
der muslimischen Welt geben und zeigen, warum der viel zitierte Kampf
der Kulturen eine Erfindung der westlichen Medien ist". Das ist gut
gemeint. Trotzdem: Bei der Mehrzahl der Beispiele handelt es sich um
so grundlegende Irrtümer, dass sich der Verdacht einschleicht, dass
jene Leute, die diese immer noch hegen, auch kein Interesse daran
haben, sie jemals aufzuklären. Wer beispielsweise den Unterschied
zwischen Muslimen und Arabern nicht kennt, sollte wohl besser eine
Einführung in den Islam lesen (zum Beispiel: Heinz Halm: "Der Islam.
Geschichte und Gegenwart", C.H. Beck Wissen), als gleich mit der
Aufklärung etwaiger Irrtümer zu beginnen. Denn um Grundlagen zu
erfassen, muss man ja nicht gleich ein Buch über Vorurteile lesen.

Youssef Courbage/Emmanuel Todd: Die unaufhaltsame Revolution. Wie
die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Aus dem
Französischen von Enrico Heinemann. Piper, 218 S., € 17,40

Alfred Hackensberger: Lexikon der Islamirrtümer. Vorurteile,
Halbwahrheiten und Missverständnisse von Al-Qaida bis Zeitehe.
Eichborn, 273 S., € 20,60

Hans G. Kippenberg: Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im
Zeitalter der Globalisierung. C.H. Beck, 272 S., € 19,90

Olivier Roy: Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die
Irrtümer des Westens. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer.
Siedler, 188 S., € 20,60



Erschienen im Falter 11/08, Buchbeilage

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