Zuhause wartet der Tod

AFFÄRE Der Serbe Jovan Mirilo half, das Massaker von Srebrenica
aufzudecken. Österreich ehrte ihn dafür. Und schiebt ihn nun ab.
JOSEPH GEPP

Drei Tage. Drei Tage, sagt Jovan Mirilo, hätte er noch zu leben,
würde er nach Sid zurückkehren. In jenes Städtchen in der
nordserbischen Provinz Vojvodina, aus dem er vor einem Jahr fliehen
musste, weil sein Leben akut gefährdet war. Jovan Mirilo fühlt sich
jetzt sicher. Er sitzt am Esstisch einer kleinen Wohnung in
Rudolfsheim-Fünfhaus und trinkt Kaffee, seine sechsjährige Tochter
Marija kritzelt in ein Malbuch und spricht schon ein paar Brocken
Deutsch. Österreich war das Land, das Mirilo und seine Familie
aufnahm, ihn wegen seines Engagements hofierte und ihm den
Bruno-Kreisky-Preis verlieh, den wichtigsten Menschenrechtspreis des
Landes, in einer Reihe mit Kofi Annan oder Benazir Bhutto. Aber jetzt
will man ihn hier offenbar nicht mehr. Mirilo soll abgeschoben werden
nach Serbien. In ein Land, wo ihm, wie er sagt, der Tod droht.

Mirilo, 43, ehemals Besitzer einer kleinen Boutique, redet gerne
allgemein. Er beklagt die mafiösen Strukturen in Serbien und die Art
und Weise, wie sich die Politik damit arrangiert. Aber wenn er von
diesen abstrakten Ausführungen auf die Ebene der konkreten
Erfahrungen hinunter soll, dann stockt er. Dann erahnt man kurz die
Härten seiner Vergangenheit. Und bekommt Einblick in eine
Gesellschaft, die mancherorts noch immer von einer nationalistischen
Clique einstiger Kriegstreiber beherrscht wird. Zum Beispiel in Sid,
an jenem Frühlingstag vor zwei Jahren, als Mirilo mit einem Bekannten
im Kaffeehaus saß. Plötzlich trat ein Fremder an den Tisch. "Wenn
dich sonst keiner umbringt, dann werde ich es tun", sagte er zu
Mirilo und verschwand. Das ganze Lokal hatte es gesehen. Doch als der
Bedrohte den Fall bei der Polizei anzeigen wollte, fanden sich keine
Zeugen. Selbst sein Bekannter mochte sich nicht an den Vorfall
erinnern. Später erklärte er, die Polizisten hätten ihn aufgefordert,
sich aus der Sache rauszuhalten.

Jovan Mirilo hatte keine ruhige Minute mehr. Man weigerte sich,
ihm eine Zeitung zu verkaufen. Auf der Straße wurde er beschimpft.
Von einem wohlmeinenden Freund erfuhr er, dass einige ehemalige
Militärs ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatten - angeblich 50.000
Euro. Er bangte um sich und seine Familie. "Ich hatte mir
vorgenommen, diese Drohungen einfach zu ignorieren. Aber irgendwann
geht das nicht mehr." Mirilo hatte die Macht seiner Feinde falsch
eingesetzt, den Hass einer ganzen Stadt auf sich gezogen. Er hatte
etwas getan, was jeder nationalistische Serbe als schweren Verrat am
eigenen Volk klassifizieren würde.

Seine Tat begann ein Jahr zuvor, an einem Jännertag 2005. Mirilo
sah einen Fernsehbeitrag. Er handelte vom städtischen
Karpfenfischverband. Dessen Vorsitzender erklärte darin, wie
wohltuend das Fischen sei. Dass es die Balance zwischen Körper und
Geist fördere und gewissermaßen auch einen sehr humanen Aspekt habe,
es gehe ja nur um den Sport, der Karpfen werde nach dem Fang ins
Wasser zurückgeworfen. Jovan Mirilo - und die meisten anderen in Sid
- wussten, dass der Mann, der das sagte, beim Massaker von Srebrenica
aus nächster Nähe Menschen erschossen hatte. "Alle wussten es. Und
diese Person stellt sich allen Ernstes hin und redet vom
Karpfenfischen." Jovan Mirilo schüttelt den Kopf. "Ich dachte mir,
ich muss etwas tun. Irgendetwas läuft falsch in diesem Land." In der
städtischen Videothek gab es ein Video zum Verleih - unter dem
Ladentisch. Es waren die Morde von Srebrenica, mitgefilmt von den
triumphierenden Tätern. Jeder wusste es, kaum jemand sprach darüber.
Mirilo lieh das Video aus, kopierte es und übergab es dem
Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Etwa 8000 Muslime hat die serbische Kampfeinheit "Skorpione" im
Juli 1995 bei Srebrenica in Bosnien-Herzegowina erschossen. Es war
das schlimmste Massaker der europäischen Nachkriegsgeschichte. Nach
dem Krieg zogen viele der Skorpione nach Sid. Etwa die Hälfte der
Bewohner der Kleinstadt waren vor dem Krieg Kroaten gewesen - sie
wurden vertrieben, und an ihrer Stelle siedelten sich Serben aus
Bosnien und Kroatien an, die ihrerseits aus ihren Dörfern geflohen
waren. Sie hatten Krieg und Vertreibung erlebt und die falschen
Schlüsse daraus gezogen. Sid ist selbst für serbische Verhältnisse
eine nationalistische Stadt. "Nationalistische und gewaltbereite
Netzwerke sind in Serbien bis heute mächtig geblieben", sagt
Balkanexperte Gerald Knaus von der European Stability Initiative in
Berlin. Das Video diente den Haager Anklägern als Beweismaterial. Auf
seiner Grundlage wurden Schuldsprüche gefällt. Das machte Jovan
Mirilo in Sid zum Paria.

Heute kann er nur aus sicherer Entfernung verfolgen, was in seiner
500 Kilometer entfernten Heimatstadt geschieht. "Vor kurzem hat mir
ein Freund erzählt, dass ein ExMilitär sein Auto in meiner Garage
geparkt hat. Es würde mich auch nicht wundern, wenn bald ein Fremder
in meiner Wohnung lebt." Sollte er nach Sid zurückkehren, gäbe es
aber ohnehin größere Probleme als seine Wohnung: Das österreichische
Bundesasylamt hat im Oktober Mirilos Antrag auf Asyl abgelehnt.
Begründung: Er sei serbisch-kroatischer Doppelstaatsbürger - und in
Kroatien, so die Lesart der Behörde, vor den Skorpionen sicher.
Mirilo hatte sich 1998 für den Fall seiner Flucht einen gefälschten
kroatischen Pass besorgt. Im Gegensatz zum serbischen erfordert jener
kein Visum, um ins westliche Ausland zu gelangen - eine Möglichkeit,
von der viele Serben in den Wirren der Kriegszeit und danach Gebrauch
machten. "Das war damals die Regel. Viele hatten zusätzliche Pässe",
sagt Manfred Nowak, UN-Menschenrechtsberichterstatter, Jurymitglied
beim Bruno-Kreisky-Preis und selbst viele Jahre in Bosnien tätig.
Allerdings: "In Wahrheit habe ich mit Kroatien gar nichts zu tun",
sagt Jovan Mirilo. Name und Geburtsdatum im gefälschten Pass stimmen
nicht. Die kroatische Botschaft in Wien bestätigte kürzlich, dass
Jovan Mirilo "in den Datenbanken des Melderegisters, den Datenbanken
des Registers für einen ununterbrochenen und zeitweiligen Aufenthalt
und den Datenbanken des Registers für ausgestellte Personalausweise
nicht aufscheint". Während des Verfahrens war die Botschaft nicht vom
Asylamt kontaktiert worden. Ebenso musste Mirilo, dessen Video in
ganz Europa Aufsehen erregte hatte, erst aus dem zugestellten
Bescheid erfahren, dass er für einen Kroaten gehalten wurde.
Amnesty-International-Chef Heinz Patzelt nennt dieses Vorgehen "eine
Schlamperei" und "völlig absurd": "Die Behörde kannte das Video und
die Bedeutung des Falls. Außerdem wusste sie um die Gefahr, in der
Herr Mirilo schwebte. Es ist mir völlig schleierhaft, warum sogar bei
einem solchen Asylfall so schlampig vorgegangen wird." Nun will Nadja
Lorenz, Mirilos Anwältin, in die Berufung gehen, um das Verfahren neu
aufzurollen. Wann und mit welchem Ausgang es enden wird, sei noch
nicht abzusehen, sagt sie. Das Innenministerium, dem das
Bundesasylamt untersteht, war mit Verweis auf die
Amtsverschwiegenheit zu keiner Stellungnahme bereit.

Jovan Mirilo kramt den Bescheid des Asylamts und das Schreiben der
Botschaft aus einer Lade. Er spricht über die bürokratischen Hürden
und wirkt dabei ruhig und enttäuscht: von Serbien, das ihm die
dringend benötigte Hilfe verweigerte, von Österreich, das aus
offenbar falschen und schlampig ermittelten Gründen seine Ausreise
verlangt. Er kommt kurz auf die Bruno-Kreisky-Preisverleihung im Juni
2007 zu sprechen. Das sei eine schöne Sache gewesen, sagt er. Auch
wenn es ihm nicht viel geholfen hat.

Erschienen im Falter 7/08

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