Gulaschfaschisten

Ungarn. Die Gründung der rechtsextremen „Ungarischen Garde“ sorgt international für Aufsehen – im Land selbst wird sie von manchen etablierten Politikern begrüßt.

Von Joseph Gepp, Budapest

Einen Volkstribun stellt man sich eigentlich anders vor: Mit seinen kurz geschnittenen, leicht gegelten Haaren und den unauffälligen Streifen am Hemd wirkt der 29-jährige Gábor Vona wie ein Wirtschafts-Student im letzten Semester. Der Gründer jener rechtsextremen „Ungarischen Garde“, die seit Ende August für internationales Aufsehen sorgt, spricht fast schüchtern, und mit den Ausdrücken, die er normalerweise in seinen Reden und Pamphleten verwendet – beispielsweise „Ungartum“, „Selbstverteidigung“ und „nationales Erwachen“ – hält er sich im profil-Interview zurück.
„Wir lehnen den Rechtsstaat nicht ab, aber wir wollen eine wahre Demokratie errichten“, sagt er – denn das sei Ungarn auch 17 Jahre nach der Wende noch nicht. Die kleine Zentrale von Vonas Jobbik-Partei („Bewegung für ein besseres Ungarn“) liegt in Neu-Buda, dem größten Bezirk Budapests. Einzig die pompöse Fahne des mittelalterlichen ungarischen Königreichs, die in der Ecke des voll gestellten Raums steht, zeugt von der ideologischen Ausrichtung der Partei. Gabór Vona ist sichtlich um Deeskalation bemüht. „Die Ungarischen Garde ist harmlos“, meint er, die aktuelle Kontroverse wäre von den Medien aufgeblasen und entstellt worden: „Wir sind eine zivile Organisation. Wir wollen in erster Linie alte Denkmäler pflegen und das ungarische Kulturerbe pflegen.“ Warum dann die militärische Anmutung, die Uniformen, das Marschieren in Reih und Glied und die gestreiften Wappen auf den Käppis? „Das dient in erster Linie dazu, die Jugend zu begeistern.“

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Jobbik-Parteizentrale in Neu-Buda

Am Samstag, 25. August, als die Garde auf der Budaer Burg vereidigt wurde, sah die ganze Sache nicht so harmlos aus. Denkmalpflege hatten wohl die wenigsten der etwa 3.000 rechtsextremen Zuschauer im Sinn, die „Hungaria“ skandierten und die Nationalfahne schwangen. Die ersten 56 Gardisten – ihre Anzahl sollte an 1956, das Jahr des antikommunistischen Volksaufstands, erinnern – waren angetreten, um „das völkische Erbe zu bewahren und das Land im Ernstfall zu verteidigen“.

Paramilitärische Einheit. Die Bilder der Marschierenden lösten im In- und Ausland heftige Reaktionen aus. Von der Gründung einer „paramilitärischen Einheit“, die „antisemitisch“ und „neo-faschistisch“ sei, schrieb etwa die Online-Ausgabe des „Spiegel“. Gábor Vona stand auf dem Podest und hielt eine Brandrede, deren Diktion sich von den Aussagen im profil-Interview deutlich unterschied: „Wie viele Lügen, Hass, bolschewistische Tricks und Hürden mussten wir überwinden, um nun gemeinsam hier zu stehen“, sagte er: „Wer die Garde bespuckt, bespuckt ganz Ungarn.“
Die Gardisten tragen schwarze Gilets über weißen Hemden, schwarze Käppis, schwarze Hosen und lederne Stiefel. Ihre Aufmachung weckt so manche böse Erinnerung: Der linke Philosoph Gáspár Miklós Tamás spricht gar von einer „ungarischen SS“: „Die Ungarische Garde ist die paramilitärische Organisation einer faschistoiden Partei“, meint er. Andere stört das Wappen auf Kappenschirmen und Gilets: Das rot-weiß-gestreifte Symbol wurde zwischen 1937 und 1945 in ähnlicher Form auch von den Pfeilkreuzlern, den ungarischen Nationalsozialisten, verwendet. „Ein alter Mann, der vielleicht noch den Holocaust miterlebt hat, merkt nicht den Unterschied zwischen einem Pfeilkreuzler und einem Mitglied der Ungarischen Garde, wenn er heute einen Gardisten auf der Straße sieht“, sagt ein junger Aktivist der Allianz der freien Demokraten, der liberalen Regierungspartei. Ungarische Juden, die den Holocaust überlebt haben, schüchtert das Auftreten der Garde nun ein. Der Jüdische Weltkongress hat bereits in einem Brief an den sozialistischen Premierminister Ferenc Gyurcsány seine Sorge geäußert.

Schießübungen fürs Volk. Im Gespräch mit profil versuchen sich die Speerspitzen der Garde harmlos zu geben. Man wolle beispielsweise ehrenamtlich Kinderspielplätze renovieren und Pflanzen ausrotten, deren Pollen den Ungarn Allergien bereiten würden, sagt András Bencsik, Herausgeber und Chefredakteur eines Wochenmagazins namens „Magyar Demokrata“, das er selbst als „temperamentvoll rechts“ bezeichnet. Bencsik entwarf die Uniformen und ist einer der Mitbegründer der Garde. „Die Ungarische Garde ist definitiv keine paramilitärische Organisation.“ Warum sollen – bei all diesen friedlichen Absichten – die Gardisten, wie kolportiert, auch Schießübungen durchführen? „Die offizielle ungarische Armee ist sehr schlecht ausgestattet. Sollte es wirklich einmal zum Kriegsfall kommen, dann wird ihr die Garde zur Seite stehen“, erklärt Bencsik. Aber die Vaterlandsverteidigung sei nur ein sekundäres Ziel: „Hauptsächlich wollen wir der ungarischen Jugend durch lauteren Lebenswandel ein Vorbild sein.“ Zum Beispiel mit gemeinsamen Blutspende-Aktionen, denn: „Unsere Krankenhäuser haben zu wenig Blut.“

Und moralisch verlottert sei es obendrein. „Unser Premierminister hat mit Lügen die Wahl gewonnen und ist in der kommunistischen Parteijugend groß geworden“, erregt sich Bencsik: „In Ungarn hat nie eine wirkliche Wende stattgefunden. Es ist Zeit für einen Wechsel an der Staatsspitze.“

Die Gründung der Garde ist der bislang letzte Schritt in der Entwicklung einer ungarischen Rechten, die sich im Aufwind befindet, seitdem Ferenc Gyurcsány im September 2006 in einer an die Öffentlichkeit gelangten parteiinternen Rede eingestanden hatte, „das Volk belogen“ zu haben und statt der versprochenen erhöhten Sozialleistungen einen rigiden Sparkurs ankündigte. Die folgenden gewaltsamen Anti-Regierungs-Proteste schufen eine radikale Stimmung, die von der großen rechtskonservativen Oppositionspartei Fidesz zusätzlich angeheizt wurde. Seitdem führt Fidesz in allen Umfragen – und kokettiert durchaus auch mit Jobbik und dem radikaleren Teil des rechten Spektrums.

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Gábor Vona

Nähe zu Fidesz. Gábor Vona selbst begann seine Karriere in einer Fidesz-nahen Jugendorganisation. „Jobbik wäre durchaus bereit, mit Fidesz eine Koalition zu bilden – sofern wir in einer solchen nicht untergehen“, sagt er. Viktor Orbán, Fidesz-Vorsitzender und Ex-Premierminister (1998 bis 2002), lässt das Angebot jedoch zurückweisen: „Die Ungarische Garde spielt nur unseren Gegnern in die Hände. Wir lehnen sie ab“, sagt Fidesz-Pressesprecher Peter Szijjarto.

Allerdings: Fidesz und Jobbik haben mehr gemeinsam, als Szijjarto eingestehen will. Beide Parteien teilen die radikale Diktion im Kampf gegen die Sozialisten. Orbán verkündete nach Gyurcsánys „Lügenrede“, er wolle den Premier und sein Kabinett „verjagen“ – ähnliche Töne hört man auch aus der kleinen Jobbik-Parteizentrale in Neu-Buda. In Leopoldstadt, dem fünften Budapester Bezirk, bilden Fidesz und Jobbik bereits seit einem Jahr eine Koalition im Bezirksrat. Einer Umfrage zufolge können sich fünfzehn Prozent der Ungarn mit den Zielen der Garde identifizieren – diese Salonfähigkeit der Rechtsextremen macht sich auch Fidesz zunutze: Bei der Angelobung der Ungarischen Garde am 25. August stand Maria Wittner – als, wie sie selbst sagt, „Fahnenmutter“ – am Podest. Die 70-Jährige war nach dem Volksaufstand 1956 nur knapp der Hinrichtung entkommen und sitzt heute für die Fidesz-Fraktion im Parlament.


Geschichte

Trauma von Trianon

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ungarn gedrittelt

„Seit der Teilung Polens sind die Großmächte mit keinem Staat Europas so unbarmherzig und ungerecht umgegangen wie mit dem historischen Ungarn.“ Dieser Satz stammt von jemanden, dem man wahrlich keinen nationalen Chauvinismus unterstellen kann: Paul Lendvai. Der Frieden von Trianon raubte Ungarn im Jahr 1920 zwei Drittel seiner Fläche und Einwohner, die Grenze verlief mitten durch geschlossen ungarisches Siedlungsgebiet. Millionen ethnischer Ungarn wurden zu Staatsbürgern Rumäniens und der damaligen Staaten Jugoslawien und Tschechoslowakei. Sogar ein anderer Verliererstaat des Ersten Weltkriegs bekam ein Stück vom ungarischen Kuchen: Österreich, dem das kleine Burgenland (ohne Ödenburg) zufiel. Der Frust über Trianon bildete die politische Grundlage der Pfeilkreuzler, der ungarischen Nazis, und ist bis heute das Trauma Ungarns – vor allem der Rechten, die das Wahlrecht und die Staatsbürgerschaft für die Auslandsungarn fordert und den Vertrag von Trianon für Propagandazwecke instrumentalisiert.

Erschienen im Profil 36/2007

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