Kabale und Diebe

Affäre. Ein vertraulicher Bericht von „Transparency International“ prangert massive Korruption bei kirchlichen Entwicklungshilfeprojekten an – und wird von den bitteren Erfahrungen eines österreichischen Arztes in Tansania bestätigt.

Von Joseph Gepp

Wenn Rainer Brandl auf den 17. April 2006 zu sprechen kommt, dann sieht er aus, als sei er um seinen Glauben an die Menschheit gebracht worden. Wie jeden Tag hatte sich der 43jährige Arzt frühmorgens auf den Weg zur Aids-Klinik der Kleinstadt Bulongwa, Südwesttansania, Ostafrika gemacht. Die Station, die der Österreicher leitete, war mit Hilfe der österreichischen Entwicklungshilfeorganisation EAWM („Evangelischer Arbeitskreis für Weltmission“) im Dezember 2004 eröffnet worden und hatte sich rasch zur einer wichtigen medizinischen Einrichtung entwickelt.
Doch an diesem Morgen war alles anders als sonst: Am Eingang des Krankenhauses warteten keine Patienten, sondern dreißig mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte einer Sondereinheit der tansanischen Polizei – und hinderten Brandl und seine Kollegen unter Androhung von Gewalt daran, das Gebäude zu betreten.
Nach einigen Verhandlungen durfte der Arzt noch Laptop und Kleidung aus dem Büro holen, das teure medizinische Gerät wurde beschlagnahmt. Dann blieb ihm nicht viel mehr, als den nächsten Flug zurück nach Wien zu nehmen: „Ich habe Tansania zu meiner eigenen Sicherheit verlassen. Ich wurde von hohen Mitgliedern der tansanischen Kirche bedroht“, sagt er.
Rainer Brandl hat sich in Tansania offenbar mit den falschen Leuten angelegt. Grund: Er hatte aufgedeckt, dass in der Region Spendengelder aus Europa in sechsstelliger Höhe abgezweigt wurden – und dem zuständigen Diözesanbischof massive Korruption vorgeworfen.

Dass Korruption in der kirchlichen Entwicklungshilfe offenbar nicht nur in Bulongwa eher Regel als Ausnahme ist, zeigt ein aktueller, unter Verschluss gehaltener Rohbericht der deutschen Anti-Korruptions-NGO „Transparency International“, der profil von einem Experten aus Deutschland zugespielt wurde.
In der Berliner Zentrale von Transparency will man von dem Papier, das den Vermerk „vertraulich“ trägt, auf Anfrage von profil zunächst gar nichts wissen. Inzwischen räumt die NGO immerhin die Existenz des Berichtes ein: Allerdings müsse vor einer Veröffentlichung „noch Monate daran gearbeitet“ werden. Transparency fürchtet, dass der Report der Kirche schaden könnte. Zitat aus einem Sitzungsprotokoll vom 2. Juli 2007: „Die Gefahr sei groß, dass das Papier unkontrolliert an die Öffentlichkeit komme und dann von unfreundlichen Journalisten zu kirchenfeindlichen Veröffentlichungen missbraucht werden könnte.“ Der Bericht selbst nennt keine Namen und Institutionen, liest aber wie der erklärende Begleittext zu den Ereignissen in Bulongwa: „Die (westlichen) Hilfswerke haben in vielen Fällen nicht überprüft, ob der Partner zu geregelter Buchführung und Finanzmonitoring willens und in der Lage ist“, heißt es dort, außerdem sei oft „keine ordnungsgemäße Abrechnung verlangt“ und „bei festgestellten Unregelmäßigkeiten keine Sanktion ausgesprochen“ worden. Die Konsequenz: „Gehälter werden für fiktive Personen, Reisespesen für nicht angetretene Dienstreisen gezahlt“, „Belege werden verfälscht“, „bei Materialkäufen werden überhöhte Preise vereinbart, die Differenz teilen sich Auftraggeber und Auftragnehmer“.

Umoralisch. Transparency schlägt zur Gegensteuerung „strikte Regeln für die Verwendung und Verwaltung der Projektmittel“ und die Einführung bindender Ethikcodices mit Sanktionsmöglichkeit vor. Denn, wie es im Bericht heißt: „Der christliche Glaube per se schützt nicht vor unmoralischem und ungesetzlichem Verhalten von Menschen.“

Das musste Rainer Brandl am eigenen Leib erfahren. Die Südzentral-Diözese in der Distrikthauptstadt Makete, die der evangelischen Kirche Tansanias untersteht, reagierte nicht erfreut, als er sich 2004 mit einer Selbsthilfegruppe von AIDS-Patienten solidarisierte, die den Nepotismus anprangerte und die Absetzung des zuständigen Bischofs, Shadrack Manyiewa, verlangte. Der Wiener EAWM unterstützte die Gruppe und trieb in der weit entfernten Großstadt Dar-es-Salaam einen unabhängigen Wirtschaftstreuhänder auf, der die Finanzgebarung der Diözese analysierte – bisher war die Buchprüfung immer intern, von Angestellten der evangelischen Kirche, erledigt worden. Was der Buchprüfer nach monatelanger Recherche ans Tageslicht brachte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen: Allein in den Geschäftsjahren 2003 und 2004 waren etwa 300.000 Euro an Spendengeldern unterschlagen worden –hauptsächlich Geld aus Deutschland. Davon waren allein 70.000 Euro in die Taschen der Kirchenleute geflossen. Doppelt ausbezahlte Löhne scheinen im Bericht auf, Gehälter an Verstorbene, Beträge, die abgezweigt wurden, um Schulden für frühere Entwicklungshilfeprojekte zu begleichen. Ein neuer Toyota Landcruiser für den Bischof belief sich auf etwa 60.000 Euro, der Erlös aus dem Verkauf des vorigen – fünf Jahren zuvor gekauft und noch völlig funktionstüchtig – verschwand in seiner Privatschatulle.

„Bald hieß es, der Österreicher würde die Leute gegen ihre eigenen Kirchenoberen aufhetzen“, erzählt Rainer Brandl, „beispielsweise sagte der Bischof zu mir, ich solle ihn sicherheitshalber über alle meine Schritte informieren. Ich fragte, was denn hier so gefährlich sei. Er antwortete: ‚You know, al Qa’ida is everywhere.‘ Damals habe ich noch gelacht.“ Das Lachen verging ihm, als ihn die Diözese mit Unterstützung der Polizei wenig später aus der eigenen Klinik werfen ließ.

Nach der Aussperrung wurde das Spital weitergeführt – ohne die Fachkräfte, die um die Wartung der komplizierten Geräte, die genaue Dosierung der Medikamente und die Nebenwirkungen der Therapie wussten. Der Distrikt Makete ist eine der ärmsten Regionen Tansanias, die vielen abgelegenen Bauerndörfer sind nur per Jeep erreichbar, da es kaum asphaltierte Straßen gibt. Die AIDS-Rate liegt bei etwa fünfzig Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung bei fünfzig Jahren. Die Inkompetenz im ohnehin problematischen Umfeld hatte tödliche Konsequenzen, wie der kanadische Entwicklungshilfeexperte Royal Orr, der selbst lange Zeit in Tansania weilte, vorrechnet – am Beispiel der Nachbarklinik Ikonda, die laut Orr mit denselben Test- und Behandlungsmethoden ungefähr dieselbe Anzahl an Patienten behandelt wie in Bulongwa: Von Jänner bis Juni 2007 seien in Ikonda durchschnittlich 1,8 Patienten pro Monat gestorben, erklärt Orr. In Bulongwa waren es 3,9. Seit der Aussperrung Brandls im April 2006 waren insgesamt 54 Todesfälle verzeichnen. „Die Sterberate lag damit fast zehnmal so hoch wie sie hätte sein sollen – würden in Bulongwa dieselben Standards wie in Ikonda herrschen.“ Trotz der desaströsen Zustände floss weiter Spendengeld an die Südzentraldiözese in Tansania.


Vernachlässigt. Der externe Prüfbericht für 2003 und 2004 blieb ein Einzelfall: Nach dem Rauswurf Brandls wurde die Buchprüfung wieder zu einer innerkirchlichen Angelegenheit. Der EAWM zog die Konsequenzen und kündigte der Südzentraldiözese jegliche Zusammenarbeit auf. In einem Schreiben an einige deutsche Entwicklungshilfeorganisationen der evanglischen Kirche, die nach wie vor Geld nach Tansania überweisen, forderte der EAWM eindringlich, „auf personelle und rechtliche Konsequenzen zu bestehen“. Und weiter: „Es erscheint dringend geboten, auch für das Rechnungsjahr 2005 eine unabhängige, externe Wirtschaftsprüfung zu verlangen.“ Wie viel Geld seit 2005 verschwunden ist, ist durch die fehlende Buchprüfung unklar. Rainer Brandl und EAWM-Geschäftsführer Gottfried Mernyi werfen den deutschen Missionswerken vor, das Geld zu schicken, ohne korrekte Abrechnungen zu verlangen – und damit die Korruption zu unterstützen. „Sie vernachlässigen ihre Aufsichtspflicht völlig“, meint Brandl.

Einer der Verantwortlichen dafür sitzt in bayrischen Neuendettelsau – die „Mission – Eine Welt“ der bayrischen evangelischen Kirche. Manfred Scheckenbach ist seit 2002 Tansania-Beauftragter der Organisation. „Wir kennen diese Probleme natürlich und sind uns auch bewusst, dass es dort Korruption gibt“, sagt er, „aber hier muss die Kirche vor Ort Aufklärung leisten. Wir können hier von außen nicht eingreifen – man kann nicht von einem anderen Land aus etwas machen, das der Kirche schadet.“ Es werde keine weiteren externen Buchprüfer geben, denn „eine interne Angelegenheit wird von internen Prüfern erledigt“. Immerhin werde seit 2004 „kein Pfennig mehr“ an die Südzentraldiözese überwiesen. Allerdings: Das Geld geht in die Stadt Arusha an die Zentrale der Evangelischen Kirche Tansania.
Und die verteilt es weiter – auch an die Südzentraldiözese.


Hintergrund
Sauberes Spenden

Der "Evangelische Arbeitskreis für Weltmission" (EAWM) leistet seit 1951 kirchliche Entwicklungshilfe und unterstützt derzeit Projekte in Ghana, Kamerun, Sudan und Tansania. Die Aids-Klinik in Bulongwa wurde 2004 aufgebaut, das Geld dafür - 220.000 Euro zwischen 2004 und 2006 - kam von österreichischen Spendern. Dass davon nichts abgezweigt wurde, ist sichergestellt: Die Summe wurde direkt, also ohne Umweg über die Zentralverwaltung der Diözese in Makete, an die Klinik überwiesen. Heute unterstützt EAWM jene Selbsthilfegruppe von Aids-Patienten, die gegen die korrupte Kirche auftritt.

Erschienen im Profil 34/2007

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771 - 22. Aug, 00:43

Re: Kabale und Diebe

Sehr geehrte Profil Redaktion !

Mit Interesse habe ich den Beitrag über Korruption in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit gelesen.
Es ist bedauernswert, dass selbst Korruptionsjäger wie Transparency International schwarze Schafe schützen. Ich kenne gute viele Programme der kirchlichen Entwicklungshilfe, aber bei systemischer Korruption kann es richtigerweise nur schonungslose Aufklärung geben. Eine so ignorante wie entlarvende Stellungnahme wie von Mission EineWelt richtet sich selbst. Wer mit Mißbrauch von Spendengeldern deckt oder verschleiert, ist mindestens so fragwürdig, wie diejenigen, die Geld auf Kosten der Armen und Kranken verschwinden lassen. Ich denke, daß die Evangelische Kirche in Deutschland da einigen Erklärungsbedarf hat. Es geht nicht darum, die viele gute Arbeit zu diskreditieren, sondern nachgewiesenen Missbrauch konsequent mit rechtsstaatlichen Mitteln zum Wohle der Armen und der Spender zu verfolgen.

Mit besten Grüßen

Reiser Robert

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