Gottes volle Häuser

Während Katholiken kaum noch in die Messe gehen, brauchen andere Christen dringend Platz. Jetzt sollen Wiener Kirchen verschenkt werden. Über religiöse Wirren in einer unübersichtlichen Zeit

Reportage: Joseph Gepp

Jeden Sonntag kurz vor elf füllen sich die ruhigen Gassen Neulerchenfelds in Ottakring mit dichtgedrängten, schwatzenden und aufgeputzten Menschen.

Sie strömen massenhaft in die Kirche. Junge Frauen wippen Babys in ihren Armen, um jene der älteren baumeln Handtaschen. Stöckelschuhe klappern auf dem Asphalt, dutzendweise dunkle Regenschirme stemmen sich gegen das nasskalte Wetter. Eine Viertelstunde dauert der Auflauf, dann wird es wieder ruhig - drinnen hat die Messe begonnen und hinter dem letzten Kirchgänger ist die Tür zugefallen.

Rund 750 Wiener Polen kommen jedes Wochenende zum polnischsprachigen Gottesdienst in die Neulerchenfelder Kirche, sagt der aus Krakau stammende Priester Tadeusz Cichon, 52. Dann wird der unauffällige, zweitürmige Bau im Multikultigrätzel um den Brunnenmarkt wieder zu dem, was er zuletzt vor vielen Jahrzehnten war: zum Mittelpunkt eines Viertels. Beim Betreten des Kirchenraums verbeugen sich die Polen mit gewohnheitsmäßiger Inbrunst. Die Menschenmenge staut sich bis nach hinten zur Eingangstür. Weil an einen Sitzplatz nicht zu denken ist, haben manche alte Frauen sogar Klappsessel mitgebracht. Aus allen Teilen Wiens würden Polen in seine Kirche kommen, sagt Cichon, ein dunkelhaariger, hagerer Mann in Soutane. Es sei ganz anders als zwei Stunden zuvor, wenn er die Messe auf Deutsch liest. Dann kommen die angestammten Ottakringer. Und es sind höchstens ein paar Dutzend, und keine 750.

Die Früh-, nicht die Spätmesse ist Normalität in Wiens Kirchen. Denn wenn die Polen nicht gerade in Neulerchenfeld beten, bleiben die 172 Wiener Pfarrkirchen meist ziemlich leer. Sie seien "an Anzahl und Größe unter anderen Verhältnissen gebaut“ worden, meinte unlängst Kardinal Christoph Schönborn. Leicht entrückt und manchmal baufällig stehen die repräsentativen Bauwerke in den Straßen einer Stadt, deren Anteil an Katholiken in einem halben Jahrhundert von knapp 90 auf 45 Prozent gesunken ist - und selbst davon besucht nur eine Minderheit Gottesdienste. Es sei denn, es handelt sich um zahlenmäßig starke katholische Einwanderergruppen.

Hauptsächlich Wiens rund 36.000 Polen und 50.000 Kroaten praktizieren noch den Katholizismus im großen Stil. Sie besuchen durchwegs muttersprachliche Messen, die in zehn polnischen und zwei kroatischen Kirchen der Stadt gelesen werden. Hier stimmt noch das Verhältnis zwischen Bauwerk und Nutzung. Doch gerade hier will die Erzdiözese nun sparen.

Ausgerechnet Tadeusz Cichons Neulerchenfelder Kirche soll aufgelöst und den orthodoxen Serben für deren Gottesdienste geschenkt werden. Das habe ihm die Diözese Wien im Oktober überraschend mitgeteilt, erzählt der Priester nach der Messe im Pfarrsaal. "Man will unsere starke Gemeinde zerreißen.“ Im Juni 2011, so der Plan, soll die Polengemeinde mit einer anderen Kirche in der Hasnerstraße zusammengelegt werden, einen halben Kilometer stadteinwärts. Sie heißt Maria Namen, ist ein 70er-Jahre-Stahlbetonbau und kleiner als jene in Neulerchenfeld.

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Sonntag, 9.30 Uhr, Kirche Neulerchenfeld: Tadeusz Cichon liest
die Messe auf Deutsch für einige wenige Österreicher ...
und eineinhalb Stunden später liest er sie für Polen in
polnischer Sprache. Vor vollem Haus

Fotos: Heribert Corn

150.000 Serben in Wien würden sich bisher drei kleine Kirchen teilen, rechtfertigt Erich Leitenberger, Sprecher der Diözese, die Entscheidung. "Unter diesen Umständen ist es klar, dass die katholische Kirche die serbisch-orthodoxe unterstützt.“ Gerade in Ottakring leben besonders viele Serben. Und gerade Cichons Gläubige würden sich als "Personalgemeinde“ eher auf die Person des populären Pfarrers konzentrieren als auf das Kirchengebäude.

Die Polen laufen trotzdem gegen den Beschluss Sturm. Die biografischen Höhepunkte der religiösen Leute würden in der Neulerchenfelder Kirche stattfinden, sagt der Messbesucher Mariusz Wilk, 41. Hochzeitsfotos werden hier geknipst, Babys weinen nach der Taufe - es sind Ereignisse, die sich tief ins kollektive und individuelle Gedächtnis eingraben. "Die Gläubigen in Neulerchenfeld sind wie die Bäume hier im Hof“, sagt Wilk und zeigt aus dem Pfarrhoffenster. "Sie schlagen Wurzeln. Man kann sie nicht einfach wegschieben.“

Im November protestierte Wilk mit 150 anderen Polen am Stephansplatz gegen Schönborns Entscheidung und schwenkte ein Bild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, Symbolfigur des wehrhaften polnischen Katholizismus. "Die Leute engagieren sich in Neulerchenfeld“, sagt der Mann mit der sorgfältig gebundenen Krawatte. "Ich selbst habe mitgeholfen, die Fußlatten vor den Kirchenbänken zu lackieren.“ Der Messbesuch gebe ihm Kraft für die ganze Woche, sagt Wilk. "Andere tanken am Wochenende beim Skifahren Energie. Ich gehe in die Messe.“

Der Kirchenstreit in Ottakring könnte der erste von vielen sein. Denn die katholische Kirche will oder kann sich den Betrieb der "unter anderen Verhältnissen“ errichteten Bauwerke allmählich nicht mehr leisten. Gleichzeitig haben christlich-orthodoxe Einwanderergemeinden, hauptsächlich Serben und Orientalen, Bedarf an Gotteshäusern. Einst war der Katholizismus Identitätsstifter mit Alleinstellungsmerkmal, mussten andere Konfessionen per staatlichem Toleranzpatent vor ihm geschützt werden. Heute betont Sprecher Leitenberger, dass Katholiken und Orthodoxe "nahezu alle Glaubensüberzeugungen teilen“.

Schon 1974 überantwortete man erstmals eine Kirche an eine andere Konfession - die christlich-orthodoxen Syrer übernahmen die alte Lainzer Pfarrkirche. Was damals noch großzügige Gabe war, ist heute Teil eines strategischen Rückzugs. Neben Neulerchenfeld könnten vier bis fünf weitere Kirchen an orthodoxe Gemeinden übergeben werden, kündigte Dompfarrer Anton Faber im Kurier an. Konkret spekuliert wird über ein Gebäude in Favoriten, ebenfalls für die Serben.

Serbisch geprägt ist auch der Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Wer vom Westbahnhof den Gürtel hinunter geht, passiert hintereinander das Büro einer serbischen Zeitung und das Café Novi Beograd. Dahinter taucht unvermittelt Maria vom Siege auf, eine der imposantesten Kirchen Wiens.

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Maria vom Siege
Foto: Corn

1875 von Friedrich von Schmidt, Architekt des Rathauses, vollendet, steht der zweithöchste Kuppelbau der Stadt heute verloren neben den vielbefahrenen Gürtelspuren. Auch er hätte im Vorjahr - noch vor Neulerchenfeld- den Serben übergeben werden sollen. Doch der Plan scheiterte. Anders als Tadeusz Cichon kam jedoch Pfarrer Bruno Meusburger dabei keine vielköpfige Gemeinde zur Hilfe. Es war der Denkmalschutz, der sein Veto einlegte.

Meusburger, 41, sitzt im Pfarrbüro neben der Kirche. So beflissen er von "kältebedingter Sprengwirkung“ und "faulem Stein“ redet, könnte man auch einen Bautechniker vor sich haben, wären nicht Soutane und schwarze Kappe. Meusburgers prachtvolle Kirche mit ihren Erkern und Ziertürmen fällt allmählich auseinander. Seit einem Jahr schützt ein Gerüst um Maria vom Siege Passanten vor herabstürzenden Trümmern. Weder Pfarre noch Diözese würden die zehn Millionen Euro für die Renovierung aufbringen können, sagt der Geistliche. Da kam es recht, dass orthodoxe Kirchen immer wieder um Gebäude anfragten. "Die Serben hätten die Kirche renoviert und dafür als Geschenk erhalten.“

Wie die Neulerchenfelder Polen habe auch seine Gemeinde "traurig und gelähmt“ reagiert, erzählt Meusburger. Einige Gläubige baten sogar in einer Gebetsgruppe um göttlichen Beistand. Nach einem halben Jahr kam er in Form eines Bescheids durch das Bundesdenkmalamt.

Die Altäre seien ebenso schützenswert wie die gründerzeitlichen Sitzbänke, erklärte die Behörde. Die Orthodoxen, die ihre Messen stehend zwischen Ikonen feiern, hätten das Interieur aber abgerissen. Also wurde die Übergabe abgesagt.

Was Meusburger persönlich freut, ändert freilich nichts am Grundproblem. Hinter dem Gerüst zerbröselt Maria vom Siege weiter. Vor allem Ziegelsteinkirchen aus dem 19. Jahrhundert seien gefährdet, sagt der architektonisch versierte Pfarrer - neben seiner gibt es davon 24 weitere in Wien. Immer öfter müssten Bauteile entfernt werden, um Einstürze zu vermeiden.

meusburger
Pfarrer Meusburger in seiner Kirche
Foto: Corn

Exakt acht Jahrhunderte liegen zwischen der ältesten und der jüngsten Kirche Wiens - der 1200 erwähnten Ruprechtskirche am Schwedenplatz und der im Jahr 2000 geweihten Kirche in der Donau City. Dazwischen stellt sich bei immer mehr Gotteshäusern die Frage nach der Zukunft.

Eine Umwandlung in nichtsakrale Orte, in Restaurants oder Discos, lehnt die Erzdiözese ab. Ebenso wenig will man Gebäude an nichtchristliche Religionen verschenken, etwa Hindus oder Moslems, sagt Sprecher Leitenberger. Dafür liegt zumindest ein Grund auf der Hand: Während Übergaben an Christen relativ unbemerkt über die Bühne gehen, mag man sich den Proteststurm bei der Verwandlung einer Kirche in eine Moschee kaum ausmalen - offenbar gilt dem durchschnittlichen Österreicher etwa ein islamischer Ägypter als größere Gefahr als ein christlicher.

Dabei würde so mancher in der Markuskirche im 22. Bezirk auf den ersten Blick wenig Unterschied bemerken. Arabischer Gesang mit deutschen Passagen klingt durch das Gebäude. Weihrauchschwaden stehen so dick in der Luft, dass man meint, sie müssten sich wie Vorhänge heben, wenn man durch den Innenraum geht.

Von außen sieht die Markuskirche wie eine Dorfkirche aus, würde sich nicht gleich dahinter die Uno-City erheben. Schon seit den 70ern feiern die Kopten, christlich-orthodoxe Ägypter, hier Messen. 2004 übernahmen sie das Haus endgültig. Drinnen sitzen links die Männer, rechts die Frauen. Einen Altar wie in katholischen Gotteshäusern sieht man keinen, dafür teilt eine Ikonostase, die Ikonenwand, den Innenraum. Aus ihr tritt ein Priester mit Vollbart und golddurchwirktem Ornat und schwenkt ein Weihrauchfass.

Nein, es habe bei der Übernahme durch die Kopten keinerlei Widerstand gegeben, sagt Kirchensprecher Leitenberger. Und Anba Gabriel, koptischer Bischof für Wien, fügt hinzu, dass man ein paar Adaptionen vornehmen hatte müssen, um die Kirche für orthodoxe Zwecke umzurüsten. Neben der Ikonostase wurde ein Taufbecken installiert, Statuen durch Ikonen ersetzt und die Position der Kirchenbänke verändert.

Tadeusz Cichons Gemeinde in Ottakring zeigt Verständnis, wenn man sie etwa auf die Kopten anspricht - prinzipiell. Man sehe das Problem der leeren Kirchen, sagt Janusz Urbaniec, Messbesucher und Theologe. Trotzdem werde man hier "alle Mittel bis zum Hungerstreik“ ausschöpfen, um die Diözese zur Revision der Entscheidung zu bewegen. Und überhaupt: Warum biete man den Serben nicht Maria Namen in der Hasnerstraße an, jene Kirche, in die die widerwillige Polengemeinde 2011 ersatzweise übersiedeln muss?

Ja, warum eigentlich nicht?

Maria Namen den Serben zu übergeben wäre keine optimale Lösung, antwortet Diözesensprecher Erich Leitenberger. Gegenüber der Kirche hat sich nämlich der alte Kriegsfeind einquartiert. Dort liegt ein bosnisch-islamisches Zentrum.


Große Austrittswelle
"Seit der Nazizeit“ seien nicht mehr so viele ausgetreten, sagte Kardinal Schönborn vergangene Woche. Für 2010 rechnet er mit 80.000 Menschen, die die Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen ziehen. 2009 waren es rund 50.000


Kleine Kirchenkunde
Religionsverteilung der im Text vorkommenden Staaten und Nationalitäten:

Österreich 1951
89 % Katholiken 6,2 % Evangelische

Österreich 2009
66 % Katholiken 3,9 % Evangelische
4,2 % Muslime

Polen
95 % Katholiken (davon 54 % praktizierend)
1,3 % Polnisch-Orthodoxe

Serbien
85 % Serbisch-Orthodoxe 6 % Katholiken
3 % Muslime

Kroatien
88 % Katholiken
4 % Serbisch-Orthodoxe

Ägypten
90 % Muslime
circa 10 % Koptisch-Orthodoxe

Bosnien
44 % Muslime,
31 % Serbisch-Orthodoxe
17 % Katholiken

Syrien
75 % Muslime
15 % Syrisch-Orthodoxe

Erschienen im Falter 51/2010

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