Mittwoch, 2. Februar 2011

Drei Herren vom Heer

Seit 30 Generationen kämpft sich die Militärdynastie Ségur-Cabanac durch Europas Geschichte. Wie eine Offiziersfamilie den Umbruch im Bundesheer erlebt

Familienporträt: Stefan Apfl und Joseph Gepp

"Ich würde unsere Geschichte im Jahr 876 beginnen lassen“, sagt Christian Ségur-Cabanac. 876, das ist exakt 400 Jahre nach dem Untergang des Weströmischen Reichs und 100, bevor ein Landstrich in Ostbayern den Namen Ostarrichi erhält. In diesem Jahr wird nahe Bordeaux eine Familie Ségur erwähnt. Der Name komme wohl vom lateinischen sekurus, erklärt der Nachfahre, "der Sicherheit Gebende“.

Über Jahrhunderte stellt die Dynastie Politiker und Kardinäle, aber vor allem Militärs. Lew Tolstoi verewigt einen napoleonischen General Ségur in seinem Roman "Krieg und Frieden“. 30 Generationen lang verzweigen sich die Äste des Adelsgeschlechts, von denen einige heiratsbedingt den Namenszusatz "Cabanac“ annehmen, im Gestrüpp europäischer Geschichten. Sie dienen den französischen Bourbonen und den Habsburgern. Sie dienen der Ersten Republik und dem "Dritten Reich“. Und sie dienen schließlich dem Bundesheer der Zweiten Republik.

Vergangener Mittwoch, 14 Uhr, Roßauer Kaserne, vierter Stock. Zigarrengeruch dringt durch die geöffnete Bürotür. Mit einem Grüß Gott begrüßt Generalleutnant Ségur-Cabanac, 62 Jahre, seine Gäste, auf die er nicht zugeht, sondern vielmehr aufrechten Gangs und in voller Montur zuschreitet. Seit wenigen Stunden ist er Vizechef des Generalstabs und damit zweithöchster Militär im Land. Doch ging keine der üblichen Paraden mit der Ernennung einher. Die Umstände sind nicht danach. Generalstabschef Edmund Entacher, Ségurs Vorgesetzter, wurde zwei Tage zuvor von Verteidigungsminister Norbert Darabos geschasst, weil er die mögliche Abschaffung der Wehrpflicht kritisiert hatte. Sein Stellvertreter Othmar Commenda rückte interimistisch nach und hinter ihm Christian Ségur-Cabanac.

Mitbegründer des Bundesheers

Seit sich Österreich nach dem Staatsvertrag 1955 ein neues Heer verordnet hat, spielt die Familie von Christian Ségur-Cabanac darin eine tragende Rolle. Sein Vater, heute sterbenskrank, war einer der Mitbegründer der Republiksarmee. Christians Bruder René ist als Vizechef der Landesverteidigungsakademie einer der führenden Heeresintellektuellen. Christians Sohn Philipp schließlich, 35, wird als Offizier mit jener Zukunft konfrontiert sein, die Vater und Onkel in leitenden Positionen gestalten.

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"Es wird nie eine militärlose Gesellschaft geben“: Vater
Christian (links), Onkel René und Sohn Philipp Ségur-Cabanac

Foto von Hans Hochstöger

Wer die aktuellen Querelen rund um das Heer verstehen will, wer über die Tagespolitik hinaus Antworten sucht auf das Verhältnis zwischen Soldat und Staat, zwischen Armee und Gemeinwesen - der könnte kaum bessere Ansprechpartner finden als die Mitglieder der Militärdynastie Ségur-Cabanac.

Über dem weitläufigen Generalsbüro residiert Darabos, ein Sozialdemokrat und ehemaliger Zivildiener. Ségur-Canabac dagegen, überzeugter Katholik und ÖVP-nah, ist ein General wie aus einem Historienfilm - die Statur von Tito, die Brille von Breschnew. In einem gerahmten Brief an der Wand bedanken sich George W. Bush und Gattin ("Laura and I“), für den Einsatz während eines Staatsbesuchs. Daneben zeigt ein Foto Ségur-Cabanac mit Papst Benedikt XVI.

In Heereskreisen gilt Ségur als einer, hinter dessen adelig-altbackener Fassade sich eine offene Persönlichkeit verbirgt. Der Grüne Peter Pilz, der mit ihm manchen Streit ausgefochten hat, nennt ihn einen "hochqualifizierten, kompetenten Militär“. Zum aktuellen Politstreit, sagt Ségur, könne er kaum Stellung nehmen, "ich bitte zu verstehen“. Über alles andere spreche er gerne.

"Treue zum jeweiligen Souverän“, so formuliert es der General, war stets der Leitgedanke der einstigen Grafendynastie. August François, erster Ségur in Österreich, floh 1793 vor den Revolutionswirren aus Frankreich und wurde Offizier in Wien. Ein Jahrhundert lang befehligten seine Nachkommen Soldaten "zwischen Südtirol und der Bukowina“. 1918 geht der Souverän vom Kaiser an das Volk über, wie viele Adelige schließen sich auch die Ségurs den Christlichsozialen an. August Ségur-Cabanac, Christians Großvater, wird Finanzminister unter dem Prälatenkanzler Ignaz Seipel.

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Aus dem Familienarchiv: Kaiser Ferdinand I. bedankt sich für
die Treue
Foto von Hans Hochstöger


Von Hitler missbraucht
Nach dessen Tod rückt 1941 August Junior, Christians Vater, 16-jährig in Hitlers Wehrmacht ein. Er kämpft und wird verwundet. "Missbraucht“ habe sich der Vater dabei gefühlt und nie viel darüber erzählt - doch auch er hielt Treue zum Souverän. 18 Jahre später, 1956, sichert derselbe August mit einer unerfahrenen Truppe die Grenzen der jungen Republik Österreich, als in Ungarn sowjetische Panzer den Volksaufstand überrollen. Spätestens mit diesem allseits gelobten Einsatz ist die Familie ins republikanische Zeitalter übergetreten.

Der kleine Christian ist zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt, er wächst in einer zerstörten, von alliierten Truppen besetzten Stadt auf - und wird zur ersten Generation seit Jahrhunderten gehören, die keinen Krieg miterlebt.

Seine Erziehung sei durch einen gelebten, tiefen Glauben geprägt gewesen, erzählt er. Traditionsbewusstsein und ein Stolz auf die "doch etwas exklusive Genealogie“ habe er ebenso "mit der Muttermilch aufgesogen“, wie ein "besonderes Treue- und Abhängigkeitsverhältnis zum Staat“. In seinem Verantwortungsgefühl ist der republikanische General ganz und gar Adliger geblieben: Er spricht darüber wie über eine Erbpflicht.

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Das Familienwappen, goldgerahmt im Hause der Ségur-Cabanacs
Foto von Hans Hochstöger

Als er aber im Jahr 1967 maturiert, wirken solche Ideale gestrig. Im Audimax der Universität Wien scheißen Aktionisten auf die Tische, während Christian Ségur-Cabanac in der Panzertruppenschule Zwölfaxing ein freiwilliges Jahr antritt. Im Rückblick ist es jener Moment, in dem zwei bislang deckungsgleiche Linien - jene der Ségur-Cabanacs und jene der Gesellschaft, deren Schutz sie sich verschrieben haben - auseinanderstreben.

Die "immerwährende Neutralität“ Österreichs ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in der Pubertät. Die Welt ist in Gut und Böse geteilt - die Blockgrenze entspricht der Ostgrenze Österreichs. Kriege, kalt oder heiß, so nimmt man selbstverständlich an, finden zwischen Staatssystemen statt. In den Truppenschulen beschwört man die Gefahr einer Panzerinvasion aus dem Osten. Die Konsequenz ist das "Vollspektrummilitär“ mit seiner "umfassenden Landesverteidigung“. Dieses Konzept bedingt alle gängigen Truppenteile, Panzer und Gebirgsjäger, Pioniere und Infanteristen, Fallschirmjäger und Flugzeuge. Dass die Bedrohung real und das Heer deshalb notwendig ist, liegt auf der Hand.

Es ist die Zeit, in der Christians jüngerer Bruder René seine Karriere in der Armee aufnimmt. 1975, erzählt er, sei noch das Kennedy’sche Diktum gültig gewesen: Frag nicht, was dein Staat für dich tun kann, frag, was du für deinen Staat tun kannst. Heute, 30 Jahre später, habe sich das Verhältnis umgekehrt. Friede, Stabilität, Prosperität - aus Errungenschaften wurden Selbstverständlichkeiten. "Die Dinge selbst haben nicht an Wert verloren“, meint René Ségur-Cabanac. "Verändert hat sich nur der Wert, der ihnen beigemessen wird.“

Er sagt das nicht im jammernden Ton des Konservativen, der alle Veränderung als Irrweg abtut. Als stellvertretender Leiter der Landesverteidigungsakademie verkörpert er schließlich das Hirn der Armee. Er leitet die Impulse der Modernisierung durch den Heereskörper.

Neun Zacken und zwei Löwen

Wie sein Bruder Christian trägt auch er den blauen Siegelring - eine neunzackige Krone und zwei Löwen -, den jeder und jede Ségur am 18. Geburtstag erhält. Sein Büro in der Stiftskaserne im siebten Bezirk wirkt im Vergleich zum brüderlichen funktionaler, er selbst trägt anstatt der Montur ein einfaches Hemd. Bloß das gleiche Foto, das ihren Vater 1957 an der Spitze einer Parade vor dem Parlament zeigt, hängt in beiden Arbeitsräumen.

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Jeder und jede Ségur erhält am 18. Geburtstag den Siegelring
der Familie

Foto von Hans Hochstöger

Die Individualisierung habe das Verhältnis zum Militär verändert, sagt Ségur. Verändert hätten sich auch die geostrategischen Rahmenbedingungen - der Fall der Mauer und Österreichs EU-Beitritt verlangten neue Verteidigungskonzepte. Ökonomisch und gesellschaftlich, vor allem sicherheitspolitisch sei Österreich längst in etwas Größerem aufgegangen. Keiner spricht noch über die Notwendigkeit eines Vollspektrummilitärs. "Wir sind Teil von europäischen Netzwerken“, sagt René Ségur-Cabanac - und meint damit den Luftraum, die Pipelines, das Straßennetz. "Unsere Aufgabe ist es, unseren Teil davon zu schützen.“ Das Operationsfeld hat sich europäisiert, ja globalisiert. Aus der Armee eines neutralen Kleinstaates im bipolaren Nachkriegseuropa wurde ein Partner auf internationaler Ebene. In Bosnien-Herzegowina etwa stellt Österreich heute das größte ausländische Militärkontingent, im Kosovo das zweitgrößte.

Soldat? Sicherheitsdienstleister!
Dorthin, in den Kosovo, rückte Philipp Ségur-Cabanac 1999 ein, Christians heute 35-jähriger Sohn. Es war eine Mission neuen Typs, die Österreicher organisierten die Flüchtlingshilfe. Trotz der Familientradition sei er nicht ins Heer gedrängt worden, sagt Philipp. Stattdessen habe er Technische Mathematik studiert und überlegt, in die Forschung zu gehen, "um am Ende doch Offizier zu werden“.

Philipp, vom Dienstrang Major, sitzt in Zivil in einem Café am Rochusmarkt und trinkt gespritzten Apfelsaft. Seine Frau ist Anwältin, nicht Hausfrau wie die seines Vaters. Auf Nachfrage erzählt er zwar vom "Dienst an der Gemeinschaft“ und "soldatischen Werten“. Ansonsten aber klingt er einfach wie jemand, der einem modernen und hochqualifizierten Job nachgeht. Der beschworene Wandel vom Soldaten mit Standesehre zum akademischen Sicherheitsdienstleister, er scheint sich zwischen Vater Christian und Sohn Philipp bereits vollzogen zu haben.

Spezialisierung sei Grundvoraussetzung einer modernen Armee, sagt der junge Ségur. Man brauche Logistiker zur Transportoptimierung, Betriebswirte zur Einsatzkostenkalkulation, Informatiker für den cyber warfare. Dafür benötige man "Breite im Denken und kulturelle Intelligenz“.

Die internationale Aufgabenteilung, sagt Philipp, habe eine "Spezialisierung und Akademisierung“ zur Folge. Und weil sich jeder Einzelstaat das volle Spektrum hochspezialisierter Truppenteile schlicht nicht leisten könne, sei eine gemeinsame europäische Armee "langfristig unumgänglich“.

Und das Streitthema Wehrpflicht? Dazu äußern sich die drei Ségur-Cabanacs nicht. Einzig ihr Unbehagen über die aktuelle Diskussion drücken sie, zumindest verklausuliert, aus - über die Rolle der Krone, die Oberflächlichkeit der Debatte und parteipolitische Ränkespiele, die den Blick auf Sachverhalte verstellen.

Hinter dem Streit zwischen Anhängern von Wehrpflicht und Berufsheer verbirgt sich die Frage nach der Zukunft des Militärs: Wird es mit Allroundern oder Spezialisten bestückt? Werden sie Kämpfer oder Sicherheitsdienstleister sein? National oder international ausgerichtet? Wird sich das nationale Vollspektrummilitär, mit dem Christian Ségur-Cabanac aufgewachsen ist, seinen Weg bahnen? Oder wird das Heer in Zukunft ein Konglomerat an Projektgruppen für internationale Einsätze sein, wie in Philipp Ségur-Cabanacs Berufsalltag?

Momentan befindet sich das Heer jedenfalls in einer Zeit des Übergangs - das Alte ist weg, das Neue noch nicht da. Die nationale Armee alten Typs wirkt kraftlos und anachronistisch. Und die battle groups eines vereinten Europas stehen erst am Anfang. Darüber ist der so lange unhinterfragte Zweck der militärischen Landesverteidigung fraglich geworden.

"Schau Mama, ein Polizist!“
Das "Sozialprestige“ des Militärs habe gelitten, sagt der General Christian Ségur-Cabanac in seinem Büro. Unlängst, erzählt er, habe ein Kind in der Straßenbahn auf ihn gezeigt und gesagt: "Schau Mama, ein Polizist!“ - "Ich habe ganz ernst geantwortet: ‚Ich bin ein Soldat‘“.

Eine militärlose Gesellschaft, sagt er, könne nicht funktionieren. Als Ultima Ratio eines Staates werde man eine Armee immer brauchen - wenn sich mit dem Lauf der Zeit auch ihre Form verändern mag. Als der Ostblock zusammenbrach, da haben die Ségur-Cabanacs ebenso wenig an ein Ende der Geschichte geglaubt wie am Tag, als erstmals ein Zivildiener das Verteidigungsministerium übernahm.

Vielleicht geht es der Gesellschaft derzeit einfach zu gut? "Wie meinte schon Prinz Eugen“, hebt Christian Ségur-Cabanac an: "Sie schreien nach uns um Hilfe, wenn ihnen das Wasser in das Maul rinnt. Und wünschen uns vom Hals, kaum als einen Augenblick dasselbige entwichen.“

Erschienen im Falter 5/2011

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