Mittwoch, 19. Januar 2011

"Karl-Heinz hat nichts falsch gemacht"

Die Kabarettisten Maurer, Palfrader und Scheuba über Narren als Protestfiguren und wütende Spaßbürger

Gespräch: Stefan Apfl, Joseph Gepp

Ende, der Saal tobt. Montag, 21.30 Uhr. Mehr als tausend Zuhörer haben sich den "Vortrag über die Realverfassung“, die Verlesung der Abhörprotokolle von Walter Meischbergers Telefonaten, im Audimax angehört. Noch einmal so viele mussten aus Platznot wieder umkehren. Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer haben in den vergangenen neunzig Minuten selbst viel gelacht; über die Einfältigkeit Walter Meischbergers, über die Ratschläge Karl-Heinz Grassers und die Hemdsärmeligkeit Ernst Karl Plechs. Gerade haben die drei Kabarettisten den zum Bersten vollen Saal verlassen und im Backstage-Raum Platz genommen.

Falter: Was war das gerade? Eine Kabarettvorstellung, eine Lesung oder eine Demo?

Robert Palfrader: Das war definitiv eine Vorlesung. Wir waren Vortragende, worauf ich stolz bin.

Thomas Maurer: Ich war mir ein bisschen unsicher, ob ich nicht noch die Studienberechtigungsprüfung nachmachen hätte sollen, um an der Uni zu sprechen. Aber sie haben mich dann auch so reinlassen.

Florian Scheuba: Die Veranstaltung fand ja im Rahmen einer Uni-Vorlesung statt. Ich würde daher sagen, es war ein Informationsabend für Interessierte.

kabarett
"Wir sind Teil einer gesamtgesellschaftlichen Hefe - und
gestalten sie teilweise mit“: Robert Palfrader, Florian
Scheuba, Thomas Maurer im Audimax

Foto: Heribert Corn

Die Skandale rund um Grasser sind schwer zu kommunizieren. Es gibt unzählige Protagonisten und Verflechtungen. Warum lockt die sperrige Materie dennoch tausende Interessierte an?

Maurer: Ich vermute, dass der beste, bestangezogene und bestgeföhnte Finanzminister der letzten Dekaden einfach ungebrochen populär ist.

Palfrader: Vielleicht erhoffen sich die Leute, dass Irrtümer endlich aufgeklärt werden. Sie glauben noch immer ans Gute im Menschen. Am Ende sehen wir dann, dass Karl-Heinz wirklich nichts falsch gemacht hat.

Scheuba: Geradezu schulbuchmäßig hat er sich verhalten. Fragt sich nur, welches Fach es war.

Maurer: Nur ein einziges Problem hat er nicht bedacht: Wenn das Geld einer Stiftung gehört, die wieder einer Stiftung gehört - dann gibt es doch Brösel beim Bankomaten!

Unter normalen Umständen eignen sich Polizeiprotokolle nicht gerade zum Massenamüsement. Hier schon.


Scheuba: Ich schätze, weil viele vermeintlich komplizierte Dinge heruntergebrochen werden und als nachvollziehbare menschliche Regungen enden. Walter Meischberger, so zeigen die Protokolle, ist ja vom Sachverhalt mindestens genauso überfordert wie der Zeitungsleser. Man muss als Konsument kein schlechtes Gewissen haben, wenn man den Überblick verliert. Es geht den Beteiligten auch so.

Maurer: Nur kann Meischberger seinen väterlichen Freund Ernst Karl Plech anrufen, und wir nicht.

In den 90er-Jahren hieß es, das politische Kabarett sei tot oder zumindest eingeschlafen. Heute ist es nicht nur allgegenwärtig - die Kabarettisten haben es auch ziemlich leicht, weil sie Texte nicht einmal mehr erfinden müssen. Immer öfter arbeiten sie einfach mit Originalzitaten. Gibt es ein neues realpolitisches Kabarett?

Scheuba: Es gibt schon noch einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik. Aber definitiv übernimmt das Kabarett eine Art Gegenöffentlichkeit. Gewisse Dinge können Kabarettisten leichter thematisieren als zum Beispiel Medien, weil das rechtliche oder wirtschaftliche Folgen für sie hätte. Uns hingegen lässt die Narrenfreiheit viel Spielraum ...

Maurer: … und wir können Dingen, die uns sauer aufstoßen, eher nachgehen.

Palfrader: Wobei ich die Auswirkungen für überschaubar halte. Wenn’s darum geht, welche gesellschaftlichen Folgen unser Handeln hat, sage ich: definitiv keine.

Scheuba: Ich bin nicht ganz dieser Meinung. Immerhin können wir Stimmungen beeinflussen. Haftbefehle wird es aufgrund unserer Programme natürlich keine geben. Aber manche Sachen bleiben einfach hängen. Die Leute denken: "Wahnsinn! So etwas ist möglich!“ Das ist besser als gar nichts.

Palfrader: Florian Scheuba und ich debattieren oft über dieses Thema.

Maurer: Man ist als Kabarettist halt Teil einer gesamtgesellschaftlichen Hefe - und gestaltet sie teilweise mit.

In Österreich heißt Korruption Lobbyismus. Die Justiz funktioniert ebenso schleppend wie die öffentliche Debatte. Wandert der politische Diskurs deshalb in die Nische der Kabarettbühne?


Maurer: Lobbyismus scheint mir mittlerweile überhaupt die dominierende Form der westlichen Demokratie zu sein - das ist kein spezifisch österreichisches Problem. Und auch in den USA lehrt "South Park“ mehr über Demokratie als Fox News. Die Rolle von Kabarett und Humor ist hierzulande wahrscheinlich dieselbe wie überall sonst. Darüber hinaus ist es aber - wie momentan - sicher günstig für Satire, wenn das Vertrauen ins reibungslose Funktionieren des Systems auf breiter Basis erschüttert ist. Vielleicht ist das politische Kabarett in den 90er-Jahren ja deshalb darniedergelegen. Im Vergleich zu heute waren die Zeiten fad und geordnet.

Vor drei Monaten rief der US-Komiker Jon Stewart zu einer Demonstration zur Wiederherstellung der Vernunft in Washington, D.C. auf. Hunderttausende kamen.

Maurer: So viel Einfluss sehe ich bei uns drei noch nicht ganz.

Wird der Narr zur Protestfigur mit hohem Mobilisierungspotenzial?


Palfrader: Einflussreiche Spaßmacher wie Stewart gibt’s auch in Italien und Frankreich.

Scheuba: Wir dagegen sind eher privat an Politik interessiert - und haben das Privileg, dies beruflich umzusetzen.

Palfrader: Sonst würden wir regelmäßig nach London fliegen, uns in den Speaker’s Corner im Hyde Park stellen und den Menschen erzählen, wie es wirklich ist.

Maurer: Im vorliegenden Fall dienen wir als Vehikel zur Erzeugung von möglichst viel Aufmerksamkeit. Ist doch gut. Man kann seine Popularität ja nicht immer nur dafür verwenden, dass man im Lokal den besten Tisch bekommt.

In Österreich witzelt man zunehmend über Themen mit großem Empörungspotenzial. Ist der deutsche oder griechische Wutbürger, von dem momentan so viel die Rede ist, in Österreich ein Spaßbürger?

Scheuba: Vielleicht ist er wütender Spaßbürger. Beim Stück "Unschuldsvermutung“ im Rabenhof erleben wir zum Beispiel immer wieder Zwischenrufe à la "Wahnsinn!“ oder "Frechheit!“.

Palfrader: Und bei manchen Passagen im Stück wird es so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Maurer: Wobei durch die Auswahl der Originalzitate eine inhaltliche Verdichtung einsetzt, die die realen Geschehnisse noch aberwitziger erscheinen lässt. Wie auch bei Grasser.

Scheuba: Was politisches Kabarett betrifft, sind wir bis zu einem gewissen Grad sicher auch Chronisten. Informationen fließen und fließen, und irgendwann verliert man den Überblick über die ganzen Skandale und Missstände. Schließlich passiert genau das, was Akteure wollen: Gras wächst über die Sache. Dann aber kommen wir und mähen den Rasen. Das wirkt sich schon aus.

Maurer: Mittlerweile rückt zum Beispiel sogar die einflussreiche Kronen Zeitung von Grasser ab.

Was sagt es über die politische Kultur in Österreich aus, wenn etwa ein Auftritt von Heinz-Christian Strache bei "Wir sind Kaiser“ aussagekräftiger ist als jeder in ernsthaften TV-Formaten. Ist Humor die einzige Möglichkeit, um hinter der Phrasendrescherei noch die Wahrheit zu erblicken?


Maurer: Manchmal braucht es eben die grobe Klinge des kaiserlichen Schwertes. Wir leben schließlich in einem Land, in dem sich Haiders ehemaliger Anwalt und Justizminister Dieter Böhmdorfer allen Ernstes in den Club2 setzen und über Amoral in der Politik philosophieren kann. Und zwar als Debattant, und nicht zu Demonstrationszwecken als Präparat in Spiritus.

Scheuba: Es war unfassbar zu sehen, wie schmähstad der Strache bei "Wir sind Kaiser“ war. Kabarettisten können hier anders vorgehen als Journalisten. Auch ich mache manchmal Politikerinterviews. Dann gehe ich hin und weiß, dass ich nie wieder ein Interview mit dieser Person führen werde müssen.

Palfrader: Allerdings zeigt gerade das Beispiel Strache, wie wirkungslos politisches Kabarett eigentlich ist. Hätte der Auftritt irgendetwas bewirkt, dann wäre das Wahlergebnis für die FPÖ in Wien anders ausgefallen.

Scheuba: Es geht darum, dass Leute die Angst vor Strache verlieren, wenn sie zum Beispiel den Auftritt in "Wir sind Kaiser“ sehen.

Maurer: Wobei uns die Geschichte lehrt, dass auch lächerliche Menschen gefährlich sein können.

Scheuba: Trotzdem ist es wichtig, Dinge zu thematisieren und zu versuchen, die Akteure zu demaskieren. Kürzlich zum Beispiel wurde uns von einer interessanten Begebenheit berichtet: Ein Geschäftsmann, der in unseren Programmen immer wieder vorkommt, betrat ein Wiener Luxusrestaurant. Unter den Gästen regte sich bei seinem Anblick hörbarer Unmut - worauf er das Lokal wieder verließ.

Palfrader: Das ist immerhin ein Indiz dafür, dass nicht alles total wurscht ist.

Scheuba: Und auch Grasser steht heute ganz und gar nicht da wie vor drei Jahren.

audimax
Im Audimax: Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn ging gar
nichts mehr
(Corn)

Was genau war eigentlich der humoristische Mehrwert der heutigen Lesung? Der Inhalt an sich ist ja eher tragisch.

Scheuba: Das Absurde und die menschliche Überforderung sind wesentliche Punkte. Am Anfang vermutet man als Medienkonsument, dass Grassers Netzwerk genial ist und man vor raffinierten Gangstereien steht. Dann sieht man in den Protokollen, wie supernackt die selbst sind.

Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn die Leute demonstriert hätten, anstatt Ihnen im Audimax zuzuhören?


Maurer: Eine klassische Gute-Fee-Frage. Das kann man sich nicht aussuchen.

Palfrader: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich beides wollen. Erst sollen sie ins Audimax, dann demonstrieren. Vielleicht protestieren wenigstens die, die nicht hineingekommen sind.

Maurer: Glaube ich nicht. Die gehen stattdessen zum Meinl am Graben essen.

Es gibt einen Song der österreichischen Band Christoph und Lollo über jemanden mit dem Namen "Karl-Heinz“. Darin wird gefragt, wann er denn endlich in den Häf’n geht. Wann denn?


Palfrader: Never ever. Sicher niemals.

Scheuba: Fifty-fifty ist meine Einschätzung.

Maurer: Ich glaube, das wird davon abhängen, was in Zukunft noch alles über Grasser herauskommt. Aber Geld würde ich keines darauf setzen.

Zur Person

Thomas Maurer,
43, wurde bereits mit 24 Jahren mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Neben zahlreichen Soloprogrammen als Kabarettist arbeitet er auch als Theaterschauspieler und Drehbuchautor. thomasmaurer.at

Robert Palfrader,
42, gelang der Vorstoß an die Spitze der heimischen Comedyszene mit seiner K.u.k.-Talkshow "Wir sind Kaiser“. Schon zuvor hatte er bei "Die kranken Schwestern“ und "echt fett“ mitgearbeitet. robertpalfrader.com

Florian Scheuba,
45, war bereits mit 16 Jahren einer der Mitbegründer der Gruppe Die Hektiker. Seither hat er an zahlreichen Produktionen mitgewirkt, unter anderem an "Dorfers Donnerstalk“ und "Die 4 da“.
florianscheuba.at

Erschienen im Falter 3/11

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Sind Sie mit dem Urteil einverstanden, Herr Brennan?

Telefonkolumne

Der schwarze Sportlehrer Mike Brennan, 36, wurde im Februar 2009 von einem Zivilpolizisten in der U-Bahn-Station Spittelau mit einem Drogendealer verwechselt, niedergeschlagen und verletzt. Jetzt wurde der Beamte wegen fahrlässiger Körperverletzung noch nicht rechtskräftigzu 2800 Euro Geldstrafe verurteilt.

Herr Brennan, sind Sie mit dem Urteil einverstanden?


Nein, ich halte das Urteil für nicht gerecht. Zwar freue ich mich, dass wenigstens irgendetwas geschehen ist. Aber das scheint mir doch eine ziemlich kleine Strafe für ein großes Vergehen zu sein.

Was hätten Sie sich denn erwartet?

Eine Freiheitsstrafe, zwei Jahre vielleicht. Dieser Beamte hat mich angefallen, geschlagen und verletzt. Ich wollte mit ihm reden, aber er hat nicht reagiert. In seinen Augen war nur Verachtung für mich.

Immerhin gab es jetzt eine Verurteilung durch die Justiz. Anfänglich hieß es ja vonseiten der Polizei, Sie hätten in Ihren Aussagen "ein bisschen übertrieben“.

Ich habe nicht das Gefühl, dass es dem Beamten leidtut - oder sonst jemandem. Während des Prozesses vermied er Augenkontakt. Es war schockierend für mich zu sehen, dass er nicht den Eindruck machte, als wäre er sich irgendeines Fehlers bewusst.

Haben Sie bleibende Schäden von dem Vorfall?

Ich muss zur Physiotherapie wegen meines Rückens.

Hatten Sie davor oder danach jemals Probleme mit Rassismus?


Gar nicht. Ich bin vor vier Jahren aus Florida hierhergezogen und habe die Österreicher immer als offene Gesellschaft erlebt. Ich will auch jetzt weder der ganzen Polizei noch der Gesellschaft Schuld geben. Schlimm war nur, was dieser eine Beamte getan hat. Eine angemessene Konsequenz ist in meinen Augen ausgeblieben. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der Vorfall andere Menschen aufrüttelt.

Interview: Joseph Gepp

Erschienen im Falter 3/11

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