Donnerstag, 9. Dezember 2010

Lehrersprechtag

Österreichs Pisa-Ergebnisse sind ein Desaster. Nun soll eine Reform der Lehrerausbildung die Zukunft unserer Kinder retten: Bloß, was macht einen guten Lehrer eigentlich aus? Wir haben bei unseren Lieblingslehrern nachgefragt


trost
Irene Trost, 63, unterrichtete 42 Jahre lang Deutsch für die erste Leistungsgruppe der Hauptschule in Wolkersdorf, Niederösterreich. Sie ging 2002 in Pension
Foto von Heribert Corn


Von sich selbst Leistung verlangen, bevor man sie von Schülern erwartet

Zum letzten Mal sah ich meine Deutschlehrerin Irene Trost bei meinem Hauptschulabschluss 1996. Ich erlebte sie damals als jemanden, der gleichzeitig streng und wohlmeinend war - ein Grat, den nicht viele Lehrer meistern. Sie vermittelte Begeisterung und gebot zugleich jenen Respekt, der nötig ist, damit der Schüler auch lernt, was er nicht unbedingt lernen will. Daraus folgte, dass ich bei Trost ziemlich viel gelernt habe.

"Was einen guten Lehrer ausmacht? An erster Stelle Humor, eine Eselsgeduld, eine hohe Reizschwelle. Letztere braucht man, damit man sich nicht schnell provoziert fühlt. Und mit Humor soll man auf die vielen komischen Situationen in einem Klassenraum reagieren. Mit den Kindern zu lachen, manchmal auch über sich selbst, ist wichtig. Dafür muss man auch im Privatleben ausgeglichen sein. Man benötigt psychische Freiheit, darf nichts in die Schule mitnehmen. Ein guter Lehrer verlangt von sich selbst Leistung, bevor er sie von Schülern erwartet. Er setzt sich nicht blind durch, sondern zeigt: Ich arbeite für euch, ich helfe euch. Begeisterung stellt sich dann von alleine ein.

Ein guter Lehrer muss auch bereit sein, von jungen Kollegen zu lernen. Einmal zum Beispiel organisierte eine Hilfslehrerin an meiner Seite ein Spiel, bei dem Kinder an Stationen Aufgaben lösten - wir standen nur beratend zur Seite. Es hat toll funktioniert. Mir fällt als ältere Kollegin kein Zacken aus der Krone, wenn ich Jüngere Ideen verwirklichen lasse.

Freilich entscheiden auch äußere Umstände über den Erfolg. Zum Beispiel ist mir im Lauf der Jahre immer stärker die Veränderung von Familienverhältnissen aufgefallen. Eltern kommen abends nach Hause, sind nach der Arbeit fertig, ohne Nerv, sich bei ihren Kindern durchzusetzen. Als Lehrer steht man allein da. Zum Beispiel, wenn zum x-ten Mal die Hausübung fehlt, weil es den Eltern egal ist. Die Sorgen führen dazu, dass sich Kinder schlechter konzentrieren als früher. Dass sie nicht bereit sind, zum Unterricht beizutragen. In den 70ern gab es meinem Eindruck nach in einer 30-Personen-Klasse circa drei Problemfälle. Heute sind es sicher zehn.

Wenn ich vom Pisa-Test höre, frage ich mich, warum wir überhaupt daran teilnehmen. Wir lehnen Reformen ja doch ab. Ein Schulsystem wie in Finnland ist bei uns unerwünscht. Damit meine ich etwa die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Mit zehn soll man noch nicht selektieren; in dieser Zeit hängt das Wesen des Kindes noch ganz am Volksschullehrer. Der Abnabelungsprozess beginnt später, mit elf oder zwölf.

Freilich müsste man die gemeinsame Schule mit Investitionen aufwerten. Derzeit wird derselbe Lehrinhalt in immer weniger Stunden durchgedrückt. Zeit für Wiederholung und spielerische Aneignung fehlt. Diese Phasen müsste man in den Nachmittag verlegen. Dazu soll statt dem derzeitigen Durchfallen ein Kurssystem eingeführt werden - Schüler könnten dann fächerweise weiterkommen oder müssten Einheiten wiederholen. Didaktik und Methodik in der Lehrerausbildung müssten gestärkt werden. Wie zum Beispiel erklärt man Kindern den pythagoräischen Lehrsatz? Manche Lehrer wissen das, andere nicht. In der Klasse meiner Nichte zum Beispiel bekam kürzlich die Hälfte einen Fünfer auf die Physikschularbeit. Darauf wurde sie wiederholt - und noch mehr Leute flogen durch. Dann nahm die Nichte Nachhilfe. Und sagte nach zwei Stunden: ‚Jetzt hab ich’s verstanden.‘

Wenn ich Unterrichtsministerin wäre, würde ich ein Konklave einberufen. Politiker und Experten müssten beraten, bis alle Blockaden und parteipolitischen Gegensätze überwunden sind. Warum werden außerdem die Betroffenen nicht stärker einbezogen? Es gibt so viele blitzgescheite Schüler, die viel zu sagen hätten. Und warum spricht man nicht mit den Studenten über Bildung? Sie werden nur als Gfraster und arbeitsscheue Besetzer abgetan. In mancher Hinsicht ist diese eingefahrene Situation schon erschütternd.“

Aufgezeichnet von Joseph Gepp

Erschienen im Falter 49/2010

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Unsicherheitsfaktor: Ins friedliche Macondo kommt ein Gefängnis

Genauso schaffe man "Angst und Verunsicherung“, sagt Philippa Wotke. Die studierte Ökonomin, 40, leitete bis zur Schließung 2009 das Kardinal-König-Haus, ein Asylheim im Flüchtlingsdorf Macondo. In Macondo leben insgesamt 3000 Menschen aus 22 Ländern beieinander - bisher völlig friedlich und problemlos. Das Innenministerium verwandelt jetzt das König-Haus in ein Gefängnis für abzuschiebende Familien. "Mitten in einer Siedlung teils traumatisierter Flüchtlinge wird es stehen. Da kommen auch eigene Fluchtgeschichten wieder hoch“, sagt Exchefin Wotke. Wie sie warnen andere Organisationen, etwa die Caritas, vor der Zerstörung der funktionierenden Sozialstruktur in Macondo. "Aber im Gegensatz zu Wienern kann man über Flüchtlinge ja drüberfahren“, sagt Wotke. "Als Maria Fekter nach dem Fall der Komani-Zwillinge über humane Abschiebemöglichkeiten für Familien sprach - da schwante mir schon Böses, was Macondo betrifft.“

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Bis es 2009 zugesperrt wurde, leitete Philippa Wotke das
Kardinal-König-Haus in der Flüchtlingssiedlung Macondo. Jetzt
hat das Innenministerium eine äußerst umstrittene Entscheidung
gefällt: Das Gebäude wird zum Schubgefängnis

Foto von Heribert Corn

Erschienen im Falter 49/2010

Mehr zu Macondo?
Kommentar vom Herbst 2009
Reportage aus Macondo von Florian Niederndorfer und Theresia Wolf vom April 2009

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STADTRAND – Moral, ganz wienerisch: warten um jeden Preis

Kennen Sie die "Stufen der moralischen Entwicklung“? Dieses psychologische Konzept erklärt, wie Menschen moralische Entscheidungen fällen. Schulbeispiel: die rote Fußgängerampel. Dort gibt es Leute, die warten, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist - die Norm gibt ihnen Sicherheit. Und es gibt die, die gehen, weil weit und breit kein Auto zu sehen ist - sie trauen sich selbst zu werten. Und es gibt den Wiener. Der Wiener als eigenständige moralische Kategorie begegnet uns beispielsweise im Advent auf der temporär zur Fußgängerzone erklärten Mariahilfer Straße. Hier zeigt sich: Der Wiener steht auch bei absoluter Abwesenheit von Autos menschentraubenweise an abgeschaltenen Ampeln und wartet, bis er die Fußgängerzone überqueren kann. Nur kommt dieser Zeitpunkt nie, weil die Straße ohnehin autofrei ist. Deshalb ist der Gehsteig so lang übervoll, bis ein verwegener first mover den ersten Schritt tut. Was ist das? Blinder Obrigkeitsglaube? Oder blinde Gewohnheit? Egal. Bei der nächsten psychologischen Theorie möge man bitte auch den Wiener bedenken.

Erschienen im Falter 49/2010

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