Mittwoch, 17. November 2010

Verschwörung auf der TU: eine Konferenz mit kruden Thesen

Joseph Gepp

Aufregung in informierten Kreisen verursachte vergangene Woche die SciCom 2010, eine Tagung zu Wissenschaft in den Medien. Sie wurde von der Kommunikationsagentur Science4public auf der TU organisiert. Ministerin Beatrix Karl eröffnete. Auf der Rednerliste standen renommierte Wissenschaftler und Journalisten - und zwei bekannte Verschwörungstheoretikerinnen: Christl Meyer, radikale Aids-Leugnerin, und Jane Bürgermeister, die im Internet von einem angeblichen Massenmord durch Pharmakonzerne und "Rockefellers und Rothschilds“ spricht.

Nach kritischen Web-Postings wurde zumindest Meyer wieder ausgeladen. Die habe man gar nicht gebeten zu kommen, sagt Science4public-Chefin Susanne Schwinghammer, stattdessen lud sie sich im Vorfeld der Konferenz selbst ein. Anders bei Bürgermeister: Deren Teilnahme sei gerechtfertigt, sie zeige "im geschützten Rahmen eines kritischen Fachpublikums, wie Blogs und Internet benützt werden, um Panik und Unwissenheit zu verbreiten“, so Schwinghammer über ihre Tagung, die "definitiv keine Plattform für extremistische Ansichten ist“. Und somit auch Bürgermeisters Haltung nicht legitimiere.

So saß sie neben Vertretern von profil, Ö1, FAZ, Kleiner Zeitung und Presse - und das Gespräch nahm seinen Lauf: Unterstützt von "schmutzigen Tricks der Mainstreammedien“, so Bürgermeister, würden Pharmakonzerne "absichtlich eine Pandemie auszulösen versuchen“. Als der Moderator den Fortgang solcher Ausführungen unterbinden wollte, wurde er seinerseits von einer Dame aus dem Publikum brüsk zurechtgewiesen. "Ausreden lassen!“, man lasse sich doch nicht "mundtot machen“. Also sprach Bürgermeister weiter.

Die wütende Zuhörerin, die dies artikuliert hatte und später unter Unmutsbezeugungen Flugzettel verteilte, war Christl Meyer, die ausgeladene Aids-Leugnerin. Gemeinsam mit Jane Bürgermeister war es ihr gelungen, der Veranstaltung einen bizarren Anstrich zu geben.

Erschienen im Falter 46/2010

Advent Event

Kaum ein Markt in Europa ist so berühmt und erfolgreich wie der Christkindlmarkt auf dem Rathausplatz. Das Geheimnis der Wiener Weihnachtswirtschaftsmaschine

Reportage: Joseph Gepp

Stephanie heißt das Christkind des Jahres 2010. Blond gelockt, weiß gewandet und etwas unsicher tapst die 20-jährige Medizinstudentin in den neugotischen Rathaussaal, wo sie sogleich von Kameras und Diktiergeräten umringt wird. Vergangenen Mittwoch, 44 Tage vor Weihnachten, war der erste große Auftritt des jährlich neugewählten Stadtengels. In den kommenden Wochen wird sich die Frau Kinderwünsche am Christkindlmarkt anhören und damit jene Rolle übernehmen, die in US-amerikanischen Malls traditionell weißbärtige Männer innehaben. Vorerst aber wohnt sie noch der Präsentation der organisatorischen und finanziellen Aspekte des sogenannten Wiener Adventzaubers bei, der dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Das Müllentsorgungssystem beispielsweise werde noch besser als in den vergangenen Jahren, schwärmt einer der Redner am Podium. Auf den Pfandhäferln für den Punsch prange heuer erstmals ein Mini-Rathaus in Reliefform. Denn immerhin entstehe vor den Toren desselben in den kommenden Wochen einer der größten Wirtschaftsbetriebe der Stadt.

Jährlich drei Millionen Besucher

Über drei Millionen Menschen, davon eine halbe Million Touristen, besuchen laut Wirtschaftskammer jährlich das Advent-Event am Rathausplatz. 18 Euro gibt der Besucher im Schnitt dafür aus, was einen stolzen Umsatz von 54 Millionen ergibt. Was Nächtigungen betrifft, ist der graue Wiener Dezember deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Boommonat geworden: 2009 kamen mit 916.000 Gästen im Dezember genauso viele wie im schönen Monat Mai. Um 19 Prozent ist die Nächtigungszahl jeweils im November und Dezember von 2005 bis 2009 gestiegen. "Deshalb ist die Adventzeit einer der Markenbausteine der Wien-Werbung“, erklärt Robert Nürnberger von Wien-Tourismus und zeigt jene Plakatsujets, die dies auch für die Zukunft sicherstellen sollen: leuchtende Kinderaugen zwischen illuminierten Standreihen, ein Luftblick über laternenbehängte Bäume auf schneebedeckte Markthütten. "Seit Mitte der 90er“, sagt Nürnberger, "spielen die heimischen Adventmärkte touristisch eine wesentliche Rolle.“

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So wirbt Wien-Tourismus für den Weihnachtsurlaub (Foto: Wien-Tourismus)


Eine Notwendigkeit wird zur Show
Schon im Jahr 1764 wird erstmals in Wien ein "Nikolomarkt“ urkundlich erwähnt, damals auf der Freyung. Jener am Rathausplatz findet seit 1975 statt - im Vergleich zu anderen Christkindlmärkten ein Neuling. Zehn Jahre später begann man auch den umliegenden Rathauspark saisongemäß idyllisch herzurichten. Was ursprünglich im ganzen deutschen Sprachraum aus der Not heraus entstanden war, sich vor den klirrend kalten Monaten mit Überlebensnotwendigem einzudecken, ist heutzutage beliebt wie noch nie: Auf festlich beleuchteten Märkten entwischt man dem Wintergrau; heißer Alkohol und die Körperwärme der Passanten vertreiben die Kälte. Der Christkindlmarkt scheint im modernen Städter eine Saite anzuschlagen, sonst wäre sein Konzept nicht inzwischen sogar nach Übersee exportiert worden - ins japanische Osaka beispielsweise und nach Denver, Colorado, wo ein "Christkindl Market“ jährlich "German Christmas Spirit“ vermitteln will.

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Klingelingeling am Rathausplatz: Im November und Dezember
werden am Rathausplatz 54 Millionen Euro umgesetzt – hier durch die Balustrade des Rathauses fotografiert (Foto:
Heribert Corn)


Ein Türke und der Christkindlmarkt

Doch der sich jedes Jahr neu manifestierende Traum von der dörflichen Geborgenheit will auch angemessen realisiert sein. In Wien arbeiten gleich drei Institutionen daran, dass die Bustouristen nicht enttäuscht von der Weihnachtsmarktfahrt nach Hause fahren: Da ist zuerst die Gemeinde Wien, die den "Adventzauber“, also das Drumherum, stellt - sie hält etwa das Rathauserdgeschoß für bastelnde Kinder frei und bestückt Parkwiesen mit Wolkenpostamt und Leseturm. Da ist zweitens die Wirtschaftskammer, die mit 240.000 Euro finanzieller Unterstützung den Werbeetat des Events aufpeppt. Und da sind drittens die Marktstandler, die den eigentlichen Christkindlmarkt bilden. Sie werden von Akan Keskin, 53, Kommerzialrat und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer, vertreten. Der Herr über den Wiener Christkindlmarkt ist ursprünglich Türke, geboren neben der Sülemaniye-Moschee im Zentrum Istanbuls und mit elf Jahren nach Wien gekommen. Im Zivilberuf führt er das Orient & Occident am Naschmarkt.

In dem Marktlokal herrscht auch im November kein Winteridyll. Die Sonne scheint durch die Glasfront auf Frühstücksplatten mit taufrischen Petersilienblättern, dazwischen zupft der Chef liegengebliebene Brotbrösel von Sitzbänken und führt hektische Telefonate. Und wenn Akan Keskins Handy zwischendurch fünf Minuten schweigt, erzählt der Geschäftsmann, wie das Weihnachtsbusiness funktioniert.

Es startet schon im Jänner, beginnt Keskin, nur Tage nachdem der Trubel des vorangegangenen Jahres vorüber ist. Zu dieser Zeit kommt erstmals jener Verein zusammen, dessen Obmann Keskin ist. Er dient der "Förderung des Marktgewerbes“ in der traditionell schwierigen Winterzeit. "Das ist ein Vereinszweck, für den sich ein Christkindlmarkt natürlich ziemlich gut eignet.“

Bis 2006 hatte die Gemeinde Wien die Stände auf Weihnachtsmärkten selbst vergeben. Danach lagerte sie die Aufgabe - unterschiedlich je nach Standort - an Eventagenturen und Geschäftsleute aus. Am Rathausplatz kam Keskins Verein zum Zug, der sonst Kirtage und Straßenfeste organisiert.

Dieser entscheidet nun jeden Jänner über alle Angelegenheiten, die dem einzelnen Standler übergeordnet sind. Das Logo des Markts wird hier beispielsweise besprochen oder das Design der so identitätsstiftenden Pfandhäferln (siehe unten). Danach müssen bis zum 1. April die Ansuchen jener Betriebe eingetroffen sein, die einen Stand betreiben wollen. Fünf bis zehn Seiten ist so ein Antrag dick, erzählt Akan Keskin. Darin findet sich eine Beschreibung des Unternehmens samt Firmenbuchauszug, Fotos der Waren, die man anzubieten gedenkt, und "Referenzen“, wie Keskin das nennt. "Wenn jemand unterm Jahr irgendwo einen Stand betrieben hat, dann legt er normalerweise ein Foto davon bei.“

Rund 7000 Euro kostet ein solcher Stand für die gesamte Dauer des Weihnachtsmarkts. Bietet man Speisen und Getränke an, erhöht sich der Preis deutlich, auf etwa 12.000 Euro. Am Rathausplatz bewerben sich jährlich rund 500 Betriebe für heuer 144 Stände. Fünf bis zehn davon werden jährlich ausgetauscht, sagt Akan Keskin. Aber insgesamt sei das System ziemlich "familiär“. Die Antragsteller durchlaufen ein Verfahren, in dem die Qualität ihrer Produkte und das weihnachtliche Ambiente geprüft werden - schließlich will der Kunde möglichst Bratäpfel statt Falafel und Weihnachts- statt Mottenkugeln.

Im ersten Schritt des Auswahlverfahrens durchleuchtet eine Jury die Ansuchen. Sie besteht aus jeweils einem Vertreter von Rathaus, Wien-Marketing, Wien-Tourismus, Wiener Wirtschaftsagentur und "meiner Wenigkeit“, sagt Akan Keskin. "Aber die Namen der einzelnen Vertreter verrate ich Ihnen nicht. Es soll ja niemand außerhalb des Verfahrens mit Begehrlichkeiten an die Jury herantreten.“ Später wird das, was das Gremium für gut befunden hat, dem siebenköpfigen Vorstand von Keskins Verein zur Förderung des Marktgewerbes vorgelegt. "Die Zahl sieben verhindert nämlich Pattsituationen bei den Beschlüssen“, sagt der mächtige Marktfunktionär.

Tonnen von Waldviertler Reisig
Diesen Auswahlprozess überlagern zahlreiche Regeln, die das weihnachtliche Flair des Ganzen sicherstellen sollen. Für die tausenden Euro, die der Verein von den Standlern kassiert, stellt er die Hütten samt Strom, Licht, Reinigung und Müllentsorgung. Auch die Dekoration fällt in seine Zuständigkeit, dafür karren Lastwägen Tonnen von Reisig aus dem Waldviertel heran. Pflanzen aus Plastik lehnt Akan Keskin ebenso ab wie den übermäßigen Einsatz von Neonlicht, "da wird einem nicht so warm ums Herz“. Und wer mehr Speisen als nur belegte Brötchen anbietet, der muss aus Wettbewerbsgründen seine Punschkesselbatterien dezent in den Hintergrund rücken.

Überhaupt nimmt die Gastronomie am Christkindlmarkt weniger Raum in Beschlag, als der Augenschein glauben macht. Sie stellt nur zehn Prozent der Stände, sagt Keskin. "Es wirkt, als wäre es mehr, weil die Kunden so lange dort stehen, bis sie ihr Häferl zurückbringen.“

Generell sei der Christkindlmarkt bisher jedes Jahr gewachsen, immer um eine einstellige Prozentzahl. Nur im Vorjahr gab es wirtschaftskrisenbedingt einen Rückgang. "Der Standler raunzt ja die ganze Zeit. Aber 2009 hat er eindeutig mehr geraunzt“, sagt Keskin. Deswegen sind heuer die Standmieten zehn Prozent niedriger. Ob der Markt unabhängig davon tatsächlich - wie man es ihm gern nachsagt - eine Goldgrube für Standler ist, kann Keskin nach eigener Aussage nicht beantworten: Er koordiniere ja nur das große Ganze. Eine einfache Rechnung liefert aber eine Erklärung, warum sich Jahr für Jahr 500 Bewerber um rund 140 Stände reißen: Laut Wirtschaftskammer gibt jeder der drei Millionen Besucher im Schnitt 18 Euro aus. Dividiert man das Ergebnis von 54 Millionen Euro durch die 144 Stände, ergibt das 375.000 Euro Umsatz pro Stand. Selbst wenn man hiervon noch etwa 10.000 Euro Standmiete sowie Kosten für Personal, Material und Organisation abzieht - der Gewinn bleibt trotzdem beträchtlich. Freilich muss man bei dieser Milchmädchenrechnung bedenken, dass nicht jeder Stand gleich viel Geld macht. Die Punschtheke wird wohl weit mehr abwerfen als der Stand mit den mundgeblasenen Christbaumkugeln.

Keskin ist jedenfalls optimistisch, den Expansionskurs fortzusetzen. Er leert sein Glas mit Zitronentee, während einen Kilometer vom Orient & Occident entfernt die Christkindlstandler die allerletzten Vorbereitungen für den Eröffnungstag treffen.

Nach den Kindern die Punschfraktion
Drei Tage später, Sonntag, 17 Uhr nachmittags. Untertags hatten 20 Grad Celsius die Stadt in Frühlingsstimmung versetzt, jetzt ist der Christkindlmarkt überraschenderweise trotzdem übervoll. Fortbewegen kann man sich nur stockend. Die Menschen drängen sich um Stände, drehen prüfend Haarreifen mit rotleuchtenden Weihnachtssternen hin und her, reden darüber, wie chemisch der Punsch doch heutzutage geworden ist. Um 16 Uhr vernahm Stephanie, das Christkind des Jahres, Kinderwünsche. Zwei Stunden danach sind die Kinder schon eher von der Punschfraktion verdrängt worden. Wie Inseln stehen Gruppen junger Menschen im Gedränge und balancieren Pfandhäferln. Manch Winterjacke hat schon Mayonnaisespuren abbekommen von den prall gefüllten Erdäpfeln auf Papiertellern, die hier überall verkauft werden.

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Übervolle Punschtheke: Die Wirklichkeit zum Klischee (Foto: Corn)

Man verdiene nicht schlecht am Markt, sagt einer der Standler. Er bietet Süßgebäck an, Zahlen möchte er keine nennen. Ein "weihnachtliches Einkaufserlebnis“ hat Akan Keskin den Markt Tage zuvor genannt. Hier kommt einem eher eine brummende Maschine in den Sinn, die Menschen ansaugt und sie nach einiger Zeit in leicht erschöpftem Zustand wieder in die normale Welt entlässt. Nicht selten halten sie am Ausgang immer noch ihre Häferln mit dem Mini-Rathaus in der Hand.


Christkindlmarkt und Adventzauber
1., Rathausplatz
13.11. bis 23.12.
So-Do 10-21.30,
Fr-Sa 10-22 Uhr,
7.12. 10-22 Uhr



Die kleine Häferlhistorie
Kitsch, Kommerz und Symbol des Christkindlmarkts ist das Anfang der 90er aufgekommene Pfandhäferl, aus dem Hektoliter an Punsch und Glühwein ihren letzten Weg antreten. Am Rathausplatz kam es erstmals 1992 zum Einsatz:

Erschienen im Falter 46/2010



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Da lacht die neue Macht

Die Grünen treten an, als Regierungspartner Wien zu verändern - ohne große Knaller, aber mit vielen kleinen Überraschungen

Analyse: Stefan Apfl, Joseph Gepp, Nina Horaczek


Monika Vana hat das Motto des Tages um die Schulter hängen. Die grüne Gemeinderätin trägt eine Tasche, auf der in fetten Lettern "staatstragend“ steht.

Genau so präsentieren sich die Wiener Grünen auf ihrer Landesversammlung vergangenen Sonntag. Die Brust stolz geschwellt, den Kopf hoch erhoben marschieren die grünen Funktionäre zur Versammlung, um Rot-Grün abzusegnen. Von "einem historischen Moment“, von einer "neuen Zeitrechnung“ wird die Rede sein, ehe 338 Grüne für den Pakt der Wiener Parteichefin Maria Vassilakou stimmen - und nur vier dagegen.

Auch die Wiener SPÖ scheint sich nach dem Verlust der absoluten Mehrheit nun doch auf den neuen Juniorpartner zu freuen. Im Gegensatz zu den Grünen waren Journalisten beim entscheidenden Ausschuss nicht erwünscht, und auch die Diskussion kann so lebhaft nicht gewesen sein: Sie endete nach nicht einmal zwei Stunden mit 100 Prozent Zustimmung. Ein Indiz für die Unterschiedlichkeit der politischen Kulturen, die Wien nun fünf Jahre lang gemeinsam regieren werden.

In der Bildungspolitik, bei der Armutsbekämpfung, beim Verkehr, in der Energiepolitik soll es eine spürbare Wende geben. Was aber taugen die großen Worte von der "neuen Zeitrechnung“, was ist das gegenseitige Lob wert, was der "historische Koalitionsvertrag“, wie Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) ihn nannte?

Kurz gesagt: Revolutionen sehen anders aus. Stattdessen wird die Stadt durch verschiedene kleine und größere Projekte ökologischer, sozialer - und vielleicht auch weltoffener. Und man kann schon jetzt prophezeien, dass sich die politischen Diskussionen nicht nur um andere Themen drehen werden. Sondern dass sich auch die Art des Diskurses ändern wird. War während des Wahlkampfs das Thema Sicherheit noch allgegenwärtig, so war davon seit Beginn der rot-grünen Verhandlungen nichts mehr zu hören. Auch im Koalitionspapier kommt "Sicherheit“ nur am Rande vor: auf einer Seite, ganz weit hinten.

Auffällig ist hingegen der starke Fokus auf Kinder im Regierungsprogramm. "Ich habe eine Sehnsucht nach einer Stadt, in der kein Kind zurückgelassen wird“, formuliert es Vassilakou auf der grünen Landesversammlung. Unter Rot-Grün soll kein Wiener Kind in Armut leben. Eine hehre Aufgabe, behauptete doch der von den Wiener Grünen präsentierte Wiener Armutsbericht, jedes vierte Kind sei arm.

Die wesentlichste Sozialmaßnahme ist die Anhebung der Mindestsicherung für Kinder von österreichweit 134 auf 200 Euro in Wien. Dazu sollen an Wiener Schulen flächendeckend Sozialarbeiter engagiert werden. Laut Regierungsprogramm wird bis 2015 in jedem Bezirk zumindest eine Ganztagsschule entstehen.

Die von Vassilakou bei der Präsentation des Koalitionspakts angekündigten 500 zusätzlichen Begleitlehrer kommen nicht. Da hat die grüne Parteichefin die Zahlen verwechselt. Fixiert wurde, dass zusätzlich zu den momentan 500 Begleitlehrern der muttersprachliche Unterricht ausgebaut wird. Auf eine konkrete Zahl haben sich SPÖ und Grüne aber nicht festgelegt.

Für Kinder aus armen Familien kommt der Nachhilfelehrer gratis in die Schule. Diesen Job sollen angehende Lehrer übernehmen und so Praxispunkte sammeln. So zumindest der Plan. Wie überhaupt vieles im neuen Programm vage bleibt; bei etlichen Maßnahmen sind Umsetzung und Finanzierung unklar.

Auch im Kindergarten findet bis zum Ende dieser Regierungsperiode zumindest die Hälfte aller Wiener Ein- bis Dreijährigen ein Plätzchen. Dazu gibt’s noch einige Soft-Themen, um die Herzen der Eltern und Kinder zu gewinnen: Jährlich werden 40 Kinderspielplätze "den neuesten Trends entsprechend“ ausgebaut werden, pro Bezirk kommt ein "Schulgarten“ und ein "Grätzelgarten“ zum Gemüseanbauen für Anrainer.

Anderes klingt zwar revolutionär, wird aber Vision bleiben. Die flächendeckende Gesamtschule zum Beispiel. "Wir haben sämtliche Landeshauptleute auf unserer Seite“, sagt Michael Häupl wenige Minuten nach der Vertragsunterzeichnung im roten Salon des Rathauses, während er mit Vassilakou auf das Verhandlungsergebnis anstößt. Allerdings bräuchte Wien für so ein Schulprojekt nicht die Landeshauptleute, sondern eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Und die ÖVP will von so einer "Eintopfschule“ nichts wissen. Es sind diese Momente der vergangenen Tage, in denen nicht ganz klar ist, ob Rot-Grün nun visionär oder illusionär ist.

Die Grünen setzen ihren Schwerpunkt für die nächsten fünf Jahre aber woanders. Vassilakou wird Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Verkehr, Stadtplanung, Klimaschutz und Energie. Es geht für die Grünen also zurück zum Ursprung, der ja in der Ökologiebewegung lag. Allerdings hat das Ressort zwei Defizite: Obwohl die Verantwortung für Verkehr und Energie bei Vassilakou liegt, gibt die SPÖ Wien Energie und Wiener Linien nicht her. Die Grünen müssen ein zentrales Wahlversprechen zurücknehmen: Statt des versprochenen 100-Euro-Jahrestickets kommt bis 2011 eine Öffi-Tarifreform.

Im Verkehrskapitel steht, dass die neue Stadträtin bis 2015 ein Drittel weniger Autos durch Wien kurven und dafür doppelt so viele Wiener durch die Stadt radeln sehen will. 40 Prozent der Wiener sollen mit Bus und Straßenbahn unterwegs sein.

Das klingt ambitioniert, aber ist es das auch? Schon der Wiener "Masterplan Verkehr“ aus dem Jahr 2003 proklamierte eine Verlagerung von Autos zu Öffis im Stadtverkehr. Und schon jetzt werden 35 Prozent aller Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht. Selbst wenn es gelingt, den Fahrradanteil von fünf auf zehn Prozent zu verdoppeln, ist Wien noch lange nicht Fahrradhauptstadt Europas. Durch München kurven dreimal mehr Radler, durch Kopenhagen gar sechsmal so viele - das sind Zahlen, die die rot-grüne Zielvorgabe von zehn Prozent alt aussehen lässt.

Ob die Grünen diese Verkehrsziele erreichen, hängt nicht nur von Vassilakous Geschick, sondern vor allem von der Arbeit in den Bezirken ab. Denn das Stückwerk an Radwegen, das vielen Radlern so sauer aufstößt, ist ebenso Bezirkssache wie das Radeln gegen die Einbahn.

Was Autos betrifft, wurde ein grünes Projekt schon vor der Wahl abgeschossen: Die City-Maut ist laut Regierungsprogramm "nicht vorgesehen“. Denn die haben die Wiener Anfang 2010 in einer Volksbefragung abgelehnt. Also soll das Pendlerproblem - zwei Drittel der 210.000 Pendler überqueren täglich die Stadtgrenze im Auto - mit Parkpickerln in den Außenbezirken gelöst werden. Diese Maßnahme trifft aber kein Bezirkskaiser gerne - doch die müssten zustimmen.

Leichter als bei den Autos taten sich Grüne und SPÖ in der Integrationspolitik. Dort geht es nämlich - fast - so weiter wie zuvor. Projekte wie "Start Wien“, die Niederlassungsbegleitung für Einwanderer, werden ebenso beibehalten wie "Mama lernt Deutsch“. Neu hinzu kommt ein "Wiener Vertrag“, den Einwanderer künftig unterzeichnen sollen. Es werde eine Art "wir freuen uns, dass ihr da seid, aber ihr müsst auch Regeln einhalten“, beschrieb die grüne Parteichefin den geplanten Integrationsvertrag.

Dafür gab es woanders einiges zu streiten. Beim sogenannten "kleinen Glücksspiel“, also den Spielautomaten, wünschten sich die Grünen ein Wien-weites Verbot - und scheiterten. Umweltsprecher Rüdiger Maresch versuchte den Roten die Schließung des Flötzersteigs schmackhaft zu machen. Eine Müllverbrennungsanlage im Wohngebiet ist aus grüner Sicht ein No-go. Geeinigt hat man sich auf Initiativen zur Müllvermeidung. Auch ein "Bürgerinitiativen-Fonds“, der sicherstellen sollte, dass NGOs um Förderungen nicht betteln müssen, fand keine rote Zustimmung. Selbst bei der Bitte der Grünen, die Trophäenjagd im Lainzer Tiergarten abzuschaffen, blieb die SPÖ hart.

Während der Verhandlungen war die Stimmung kurz am Boden, weil die Stadt die Wagenburg räumen ließ. Um die Laune der Ökos zu heben, stimmten die Roten einer "Agentur für Zwischennutzung“ zu, die "Freiräume und Zwischennutzungen von leerstehenden Gebäuden und Baulücken“ ermöglichen soll. Auch die verpflichtenden Bürgerbefragungen zu Garagenprojekten ist nicht das, was sich die Roten unter Politik vorstellen.

Dann wurden Dinge einfach ausgeklammert, das Thema Prostitution zum Beispiel. Da scheiterten die beiden Partner schon daran, wie man Dinge ausdrückt. "Für uns sind das Sexarbeiterinnen“, sagt die neue grüne Gemeinderätin Martina Wurzer. Die Wiener SP-Frauen setzen lieber auf Druck auf die Männer. Also ließ man das Thema aus dem Pakt heraus.

Es gibt also genug Potenzial für Konflikte. Bei manchen Punkten wird sich erst zeigen, ob Rot und Grün dasselbe meinen. So wird das Institut für Zeitgeschichte alle nach Personen benannten Orte überprüfen. Nur was passiert danach? Gleich neben dem Rathaus droht der erste Disput. Den Dr.-Karl-Lueger-Ring, benannt nach dem früheren Wiener Bürgermeister und Antisemiten Lueger, wollen die Grünen schon lange umbenennen. Die SPÖ legte sich quer. Bei geplanten Denkmälern, eines für Deserteure, eines für homosexuelle NS-Opfer möchten die Grünen prominente Plätze, mancher Rote hätte sie lieber etwas im Abseits.

Was Rot-Grün verändern wird, ist wohl den "Spirit der Stadt“, wie es der frühere Grünpolitiker Johannes Voggenhuber vergangenen Sonntag in der ORF-Diskussion "Im Zentrum“ ausdrückte. Nun werde Wien Stück für Stück nach links rücken. Bis das rot-grüne Lüftchen auch im tiefsten Gemeindebau ankommt, wird es aber wohl noch dauern. Einen Vorgeschmack auf die große Erwartungshaltung gab es schon am Tag der Verkündung der neuen Koalition. Da liefen im grünen Rathausklub die Telefone heiß. "Warum sind die Öffis noch nicht billiger?“, klagten dutzende Anrufer - nicht nur Öko-Wähler, wie eine Mitarbeiterin erzählt.

Die Grünen können neue Wählerschichten erschließen - aber auch alte Freunde verlieren. Die Erwartungen an die Ökopartei sind hoch. Gleichzeitig haben sie mit der SPÖ ein Sparbudget vereinbart. Ihren vielleicht wichtigsten Test der kommenden Legislaturperiode haben die Grünen im Hinblick auf Wiens dutzende Bürgerinitiativen zu bestehen - sozusagen ihren Heim-Soziotopen. Die Augarten-Besetzer sind schon vergrämt. Vassilakou erklärte nämlich, da seien durch den Baubeginn bereits Fakten geschaffen. "Wir beobachten ein gravierendes Beispiel dafür, wie Idealpolitik zu Realpolitik wird“, sagt eine Sprecherin der Augarten-Initiative.

Wo alte Freunde sich abwenden, kommen neue dazu. Tagelang verhandelte der grüne Umweltsprecher Rüdiger Maresch mit der roten Umweltstadträtin Ulli Sima, feilschte um Elektrofahrzeuge, Solaranlagen oder neue Parks. Als die Verhandlungen abgeschlossen waren, bekam Maresch ein Mail. Der Inhalt: eine Facebook-Freundschaftsanfrage von Sima.

Erschienen im Falter 46/2010

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STADTRAND – Die Wiener Schule der Bankplatzauswahl

Geheime Dokumente machen es dem Falter möglich zu rekonstruieren, wie in Wien die Auswahl der Standorte für Sitzbänke abläuft. Und zwar so: In der Magistratsabteilung 264.811 wirft der zuständige Oberamtsdirektor zwei Faust voll trockene Bohnen über einen Stadtplan. Wo sie liegen blieben, kommen Bänke hin. Diese sogenannte Wiener Schule der Bankplatzauswahl gilt nicht umsonst international als Vorbild, wie ein Beispiel in der Ottakringer Friedmanngasse zeigt: Dort schauen zwei Bänke mit den Fronten direkt ins Wohnzimmer der dahinterliegenden Erdgeschoßwohnung, das sich so in eine Art Terrarium verwandelt. Man erkennt hier, wie geschickt die Wiener Schule öffentlichen und privaten Raum in einer Sphäre übergreifender Harmonie verquickt. Und doch wäre das System noch ausbaufähig: Anzudenken wären etwa Bänke im Grauen Haus, zum star watch prominenter U-Häftlinge. Oder in der Döblinger Cottage vor den Panoramafenstern reicher Wiener. Allerdings bitte mit den Hecken dazwischen. Ein bisschen Ruhe braucht der Mensch ja auch.

Erschienen im Falter 46/2010

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