Mittwoch, 15. September 2010

Wohnst du noch oder teilst du schon?

Baugemeinschaft heißt ein neuer Wohntrend, der gerade in Wien zu sprießen beginnt. Das Konzept könnte manches Problem moderner Städte lösen

Bericht: Joseph Gepp

Wer in Wien die Zukunft städtischen Wohnens sehen will, der muss schon fast aufs Land hinaus. Zwei ehemalige Mönchszellen in den alten Wirtschaftsgebäuden des Jesuitenklosters Kalksburg am hintersten Zipfel von Liesing bilden die Wohnung von Heinz Feldmann, 47 Jahre, Selbstständiger. Es sind 48 Quadratmeter, schlicht und modern gestaltet, die einst sakrale Nutzung sieht man ihnen nicht an. Ein Essraum samt Homeoffice und Küchenzeile, ein Wohnzimmer mit Hochbett. „Mehr brauche ich nicht“, sagt Feldmann. „Oder besser gesagt: Mehr brauche ich nicht für mich allein.“

Baugemeinschaften heißt ein neuer Trend im Wohnen, der derzeit von deutschen Städten nach Wien schwappt. Er bedeutet, dass Städter gemeinsam ein Wohnhaus errichten oder ein altes renovieren. Heinz Feldmann beispielsweise bewohnt die baumbestandenen Kalksburger Wirtschaftsgebäude zusammen mit rund 100 anderen Leuten. Vor vier Jahren vermietete die Erzdiözese Wien die zwecklos gewordenen Barockhäuser an einen Verein. Dieser baute um und aus, fügte einige moderne Niedrigenergiehäuser hinzu – und zog als Baugemeinschaft ein.

Die Idee klingt zunächst ein bisschen nach Hippiekommune, offenbart sich aber bald als zutiefst ökonomisch: Hinter den Gemeinschaften steckt der Gedanke, dass letztlich alle profitieren, wenn geteilt wird, was nicht jeder für sich selbst haben muss.

Feldmann beispielsweise zahlt für seine 48 Quadratmeter 480 Euro Monatsmiete; den zusätzlichen Eigenmittelbeitrag von 11.000 Euro bekommt er wie bei einer Genossenschaftswohnung zurück. Er genießt aber Luxus, den ein solcher Zins unter normalen Umständen nicht zulassen würde: Beispielsweise brachte er seine Eltern aus Vorarlberg kürzlich in den separaten Gästeappartements unter, wofür er sich nur rechtzeitig auf einer Liste eintragen musste. Die Kinder der Bewohner spielen in einem gemeinsamen Spielraum; für Heimwerkerarbeiten teilt sich das Kollektiv eine Werkstatt im Hof. Im Parterre der alten Klosterwirtschaft liegen ein Veranstaltungssaal und eine Großküche mit allen denkbaren Geräten. „Die verwende ich, wenn ich für Freunde aufkoche“, sagt Feldmann. „Für mich selbst reicht die kleine Küchenzeile in meiner Wohnung.“

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Baugemeinschaft Kalksburg mit alter Klosterkapelle (Gepp)

Man kann das Konzept Baugemeinschaft freilich auch über persönliche Annehmlichkeiten hinaus denken. „Eine Wohnform der Multioptionsgesellschaft“, nennt es der Stadtforscher Udo Häberlin. Der Experte sieht in der Baugemeinschaft die mögliche Lösung vieler Probleme, mit denen Stadtgesellschaften heute zu kämpfen haben.

Beispielsweise bietet das kollektive Leben in der Baugemeinschaft soziologisch gesehen einen Mittelweg zwischen Kleinfamilie und Vereinsamung, nachdem klassische Familienstrukturen durch eine Vielzahl anderer Konstellationen ersetzt worden sind. Sozialstaatlich gesehen übernehmen die Gemeinschaften Aufgaben von überlasteten und kostenintensiven Institutionen, weil sich etwa Kinderbetreuung und Altenpflege kollektiv organisiert besser bewältigen lassen. Und was Ressourcen betrifft, geht die Baugemeinschaft äußerst schonend mit zwei zunehmend knappen Gütern um: mit Energie und Raum.

Wer sich Autos teilt, spart Sprit und Garagenplätze, zumal man Fahrzeuge in der Stadt ohnehin nicht täglich braucht. Wer eine – geteilte – Großküche benutzt statt 50 – nicht geteilte – mittelgroße, handelt wirtschaftlicher, zumal der große Brotbackofen sowieso nicht täglich angeworfen wird. „Der individuelle Komfort“, sagt Udo Häberlin, „wird durch das Teilen in der Baugemeinschaft nicht etwa kleiner, sondern größer als beim klassischen Wohnen.“

Trotz dieser Vorteile stehen Baugemeinschaften in Wien noch ganz am Anfang: Nur ungefähr 600 Bewohner leben in rund einem Dutzend Projekten stadtweit, etwa in Kalksburg, Kagran oder der Penzinger Sargfabrik. Fünf weitere Anlagen sind geplant, was für hiesige Verhältnisse einen kleinen Boom darstellt.

Für die Gemeinde Wien gewinnt das Thema nun langsam an Bedeutung. Eine Studie, die das Rathaus beim Wohnbauforscher Robert Temel in Auftrag gab, befasst sich mit den Potenzialen der Projekte in der Wiener Wohnlandschaft. Dazu beginnt man, Baugemeinschaften als Instrument der Stadtplanung zu begreifen. Denn neben allen sozialen und ökologischen Faktoren zeigten sie in deutschen Vorreiterstädten wie Berlin oder Freiburg auch einen weiteren Effekt: Sie fungierten als „Urbanisierungskerne“, wie Planer das nennen.

„Sie verhelfen Orten zu Vitalität und originellen Nutzungen“, sagt Peter Hinterkörner, städtischer Architekt am Donaustädter Flugfeld Aspern, dem größten Neubauviertel Europas, wo man sich gezielt um die Ansiedlung von Baugemeinschaften bemüht. „Wer sein Haus selbst mitplant und mitbaut“, sagt Hinterkörner, „entwickelt einen starken Bezug zum Ort und identifiziert sich mit ihm.“

„Baugemeinschaften bündeln engagierte Leute“, meint auch die Architektin Petra Hendrich, die für die Web-Plattform parq.at Interessenten in ganz Wien koordiniert. „Das macht sie zu Trägern urbaner Lebensentwürfe, was natürlich für Stadtviertel und ganze Städte wichtig ist.“

Das ist gerade im Fall Aspern bedeutend, wo in einigen Jahren 20.000 Menschen leben sollen. Denn auf diese Art könnte dem Viertel das Schicksal vieler anderer Neubauviertel erspart bleiben: dass es zu einer toten Schlafstadt ohne Straßenleben verkommt. „Wir haben drei Bauplätze für Baugemeinschaften reserviert“, sagt Aspern-Planer Hinterkörner. „Und wir räumen für diese Orte auch extralange Fristen ein, damit die Baugemeinschaften genug Zeit zum Planen haben.“

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„Vitalität“ sollen die Baugemeinschaften etwa dem Flugfeld
Aspern bringen
(Aspern 3420/Schreinerkastler)

Am anderen Ende der Stadt plant Heinz Feldmann derweil einen Umzug. Er hat Gefallen am Leben in der Gemeinschaft gefunden – und will nun bis 2013 ein eigenes Projekt hochziehen, am Nordbahnhofgelände in der Leopoldstadt, ein mehrstöckiges Wohnhaus. Ein befreundeter Architekt, der ebenfalls einziehen wird, habe das Projekt geplant, sagt Feldmann. Die Kerngruppe bestehe aus einer Handvoll Menschen. Er zeigt am Computer ein Rendering. „Aufs Dach kommen Saunen und Gästeappartements. Und im Keller werden wir Gemeinschaftsräume einrichten.“ Sogar ein Kaffeehaus „für Stadtnomaden“ sei geplant, sagt Heinz Feldmann. „Es soll ja schließlich auch was los sein bei uns.“

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Heinz Feldmann zeigt das Nordbahnhofprojekt (Gepp)

Am 28.9. findet in den Räumen der IG Architektur, 6., Gumpendorfer Str. 63B, eine Diskussion zum Thema Baugemeinschaften statt. Weitere Infos und Termine: parq.at, gemeinsam-bauen-wohnen.org

Erschienen im Falter 37/2010

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Ein Handymast ist ein Handymast ist ein Schornstein

In der Josefstadt werden Handymasten hinter Ziegelimitat versteckt. Was Anrainern in der Schönborngasse als „Schornsteinreparatur“ verkauft wurde, war in Wirklichkeit die Aufstellung eines Masts und dessen sofortiges Verbergen hinter Platten mit Ziegelimitat. Für die Aufstellerfirma ist es laut Kurier normal, dass sich Masten ihrem Umfeld anpassen. Die Anrainer jedoch sprechen von Vertuschung und laufen Sturm: Eine Klage, wonach der Mast die erlaubte Bauhöhe überschreitet, wird gerade geprüft.

Erschienen im Falter 37/2010

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Nein, das ist keine Schornsteinreparatur

(Fotos von Michaela Kruck)

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STADTRAND – U-Ertüchtigung und Rolltreppenzierzeilen

Früher sorgte der Staat im Großen und Ganzen dafür, dass wir irgendwann unsere Pension kriegen und bis dahin nicht abgemurkst werden. Heute steht Ersteres in den Sternen, weshalb uns der Staat in seiner Weisheit sagt, wir sollen bitte nicht rauchen, gesund essen und Sport machen. Weil wir sture Egoisten dies aber verweigern, hilft der Staat samt seinem Vollstrecker Wiener Linien ein bisschen nach. Zum Beispiel in der U1 Karlsplatz. Dort gibt es in Richtung Oper eine Rolltreppe, die verlässlich nicht funktioniert. Wie eine gebaute Zierzeile schläft sie einen ewigen Schlaf. Wir drängen also mit einer hundertköpfigen Menschenmasse auf die zweite Rolltreppe, turnen über Pensionisten, zertreten beinahe kleine Hunde, betäuben uns im immer empörteren Rechts-stehen-links-gehen-Singsang. Dann grinst uns am Rand des Fiaskos höhnisch eine Werbung der Gemeinde Wien entgegen: „Das beste Fitnessstudio ist eine Treppe.“ Warte nur, Staat! Du hältst dich wohl für witzig. Wirst schon sehen: Wenn wir oben sind, hauen wir uns auf der Stelle eine Käsekrainer rein.

Erschienen im Falter 37/10

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Warum echte Olympier zu Burger King gehen (und andere FPÖ-Interna)

Stefan Apfl und Joseph Gepp

Es sind oft die kleinen Zwischentöne, die das Ganze erst verständlich und einschätzbar machen. So vergangenen Donnerstagabend am Viktor-Adler-Markt in Favoriten. Zwei Stunden lang redet sich HC Strache auf der Bühne müde und heiser. Hinten, beim Türken, sitzen derweil Barbara Rosenkranz, Martin Graf und einige Kompagnons. Und am Nebentisch zwei Falter-Redakteure.

Was reden hohe FPÖ‘ler eigentlich so, wenn sie sich unbeobachtet wähnen? Sie reden über Gegendemonstranten und fordern einander auf zuzusehen, wie selbige ihren „Frust ablassen“ (Graf in die Runde). Sie reden darüber, dass sie ihr Referat für die Vertriebenenorganisation noch fertig machen müssen (Graf zu Kompagnon). Sie überlegen, welchem Fast-Food-Lokal sie nachher einen Besuch abstatten. Kriterium: „Ein echter Olympier geht ned zum McDonald‘s, er geht zum Burger.“ (Der rechtsextreme und deutschnationale Politiker Norbert Burger war ein Alter Herr der Olympia, Anm.)

Nach soviel nonchalantem Wortwitz und nachdem die Rede von HC Strache schlicht kein Ende nimmt, entschließt sich Rosenkranz zu gehen. „Meine Herren“, sagt sie, „ich danke für die reschpektvolle Begleitung“.

Erschienen im Falter 37/10

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Klettern gegen Rechts

Die Naturfreunde und der Alpenverein wehren sich gegen die rechtsextreme Namensgebung und Vereinnahmung von Sportkletterrouten (siehe Panoramaweg Besatzerfraß Falter 30/10). Beide fordern eine Umbenennung der niederösterreichischen Steige. Naturfreunde-Chef Reinhard Dayer will zudem eine „einheitliche Sprachregelung aller alpinen Vereine“ anregen.

Erschienen im Falter 31/10

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