Freitag, 28. Mai 2010

Die Ballverliebten

Die WM naht, und damit regiert der Fußball die Welt. Aber wer erringt während dieser Wochen eigentlich die Deutungshoheit? Fünf vorherrschende Fantypen, die garantiert DJ DSLs Kalender ausfüllen werden

Klassifizierung: Joseph Gepp, Christoph Heshmatpour, Daniel Nutz


Der Linksintellektuelle
Jaja, im Fußball steckt ganz viel Gesellschaft. Aber irgendwann symbolisierte die mittelosteuropäische Ballkultur nur noch ethnonationalistische Fragmentiertheit und der Gegensatz von FC Barcelona und Real Madrid nur noch das Grundproblem Spaniens. Dann bleibt vom Ballspielen selbst nichts mehr und dann sind wir bei ihm: dem linksintellektuellen Fußballfan. Die Hornbrille vom Opa, die Locke von Dirk von Lowtzow, die ärmelgestreifte Sportjacke aus dem H&M-Retro-Regal und neuerdings sogar manchmal ein modisches Oberlippenbärtchen im Stil eines k.u.k. Ulanen, interessiert diesen Fantyp vor allem der politische Hintergrund des Sports und seine Symbolik.
Die Berliner 11Freunde oder den Wiener Ballesterer liest er gern, und auch mit einem Falter in der Hand soll er schon erwischt worden sein. Die Ablehnung der Kommerzialisierung im Sport ist für den linksintellektuellen Fußballfan Lebensthema, was ihn jedoch in keiner Weise hindert, an jedem noch so großen Ereignis teilzuhaben – sei es auch mit einer zur Schau gestellten Zurückhaltung, die seinen Geistesadel von der ahnungslosen Masse abheben soll. Als er noch pubertär war, traf er sich gern mit den anderen FC-Swansea-Fans im Chelsea. Dort wurde nach dem Match nächtelang und rotweinselig über die Zukunft des Ballsports debattiert, woran der Linksintellektuelle bis heute wehmütig und altklug-weise zurückdenkt. Schließlich kickte schon der Papi in den 70ern beim FC Raika Oberwart und hat ihm das alte gelbe Familiendress vererbt.
Deshalb atmet er bei jedem Anstoß jahrzehntealte pannonische Fußballtradition. Und wenn ihn die Durchsicht seiner vergilbten schwarz-weißen Match-Fotos wieder einmal sentimental macht, dann erzählt er auch sehr gern davon. Also watch the stripes, wenn Sie nicht antike Fußballkultur in die Nase kriegen wollen!

Idol: George Best
Schaut im: Flex-Garten
Mag zur WM: England
Mag sonst: Wiener Sportclub, Roter Stern Belgrad
Penetranzfaktor: 7/10


Der parasoziale Interaktionist
Er wird von seiner provinziellen Herkunft zerfressen. Dieser junge Herr ist im „österreichischen Sibirien“ aufgewachsen, jenem weiten Brachland, das Wien von der tschechischen Grenze trennt. Dort verbrachte er eine triste Jugend, die er sich mit beinhartem Eskapismus vor dem Fernseher der Eltern erträglich gestaltete. Inspiriert durch Champions-League-Übertragungen, steigerte er sich mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten in eine wahnhafte Verehrung des FC Arsenal hinein.
Da er jedoch nicht in Nord-London wohnt – genau genommen war er weder jemals bei einem Arsenal-Spiel noch kennt er England abseits einer einwöchigen Hauptschul-Sprachreise nach Eastbourne –, hat er sich sein „Emirates Stadium“ in den Pubs der Wiener Innenstadt geschaffen. Dort rottet sich der parasoziale Interaktionist während der Arsenal-Spiele mit anderen Möchtegern-Exil-Londonern aus entlegenen Kärntner Tälern zusammen und verfolgt aufgeregt die Matches. Bei Auswechslungen applaudiert er, hat er viel getrunken, singt er sogar ein bisschen den Fernseher an.
Manchmal gehen im Derby die Nerven mit ihm durch, dann beschimpft er einen am Nebentisch sitzenden Tottenham-Fan, der eigentlich aus Gratkorn ist. Nach Niederlagen ist er wochenlang deprimiert, doch Gott sei Dank verliert sein Weltverein nur dreimal pro Jahr.
Bei der WM wird er mit „seinen“ Argentiniern bis zum Ende gehen. Und wenn das Team scheitern sollte, dann weiß er: „Der Rodriguez kann ned flanken.“ Zu jeder Übertragung bringt er außerdem ein Dress von Lionel Messi mit – und die spanischen Phrasen vom German-Wings-Wochenende in Barcelona. Dass er in Wirklichkeit aus Scheiblingkirchen ist, das muss ja niemand wissen. F

Idol: alle Dauerkartenbesitzer
Schaut im: Chelsea
Mag zur WM: Argentinien/Brasilien
Mag sonst: Barcelona, Arsenal
Penetranzfaktor: 9/10


Der eventgeile Mitläufer
Dieser Fantyp ist streng genommen kein Fantyp. Er hat kein Gesicht, keinen Namen, keine Eigenschaften. Und trotzdem stellt er zu WM-Zeiten sogar die Mehrheit der Fußballzuschauer, die Bier trinken, Fanzonen bevölkern und Kommentare ablassen. Denn der eventgeile Mitläufer hat ein Grundproblem: Eigentlich ist ihm Fußball schnurzegal, und damit lebt er meistens ganz gut. Nur wenn das Thema übermächtig und immer öfter Gesprächsgegenstand wird, beginnt den Mitläufer das Gefühl zu wurmen, dass er etwas versäumen könnte. Alle reden nur noch davon, Innenstädte vibrieren, Schanigärten quellen über – irgendetwas muss doch am Fußball dran sein.
Also verändert der Mitläufer kurzfristig sein Verhalten: Er markiert plötzlich den Experten (obwohl er noch nie volle 90 Minuten einem Match beigewohnt hat) und wird einer dieser Leute, die unüberhörbar „Foul!“ schreien, obwohl alles unstrittig in bester Ordnung ist. Oder er geht trotzig und dreist mit seinem Unwissen hausieren, lässt sich schamlos einfachste Regeln erklären, fragt frech nach dem Vornamen berühmtester Spieler, bekennt freimütig, dass ihn eh nur das Finale und allenfalls noch das Halbfinale interessiert.
Schließlich gibt es auch noch die ehrlichste Ausformung des eventgeilen Mitläufers: Dieser Typ hält die wahrhaft Interessierten hartnäckig vom Spielverlauf ab, indem er immerzu Bier holt oder während des Elfmeters aufs Klo muss. Oder ihm ist gerade so fad, weil momentan alle nur kommunikationsverweigernd auf den Bildschirm starren.
Unsere Empfehlung für den Umgang mit eventgeilen Mitläufern: Keine Sorgen, er ist nur ein harmloser Irrer. Aber wenn Sie sich tatsächlich für Fußball interessieren, halten Sie sich sicherheitshalber von ihm fern. F

Idol: David Beckham
Schaut im: innenstadtnahen Public Viewing
Mag zur WM: die jeweils präsenteste Mannschaft
Mag sonst: gar nichts
Penetranzfaktor: 6/10 (potenziert sich in der Masse)


Der deutsche Migrant
Sind sie alle Schläfer? Die fünfte Kolonne des Nordens? Irreparabel integrationsunwillig? Leider ja, wie die Deutschen – mittlerweile größte heimische Zuwanderergruppe – spätestens dann beweisen, wenn irgendwo WM oder EM stattfindet. Ansonsten tun sie ja sehr assimilationsaffin: Sonst sagt der Kellner, den Hartz IV aus Vorpommern nach Wien gescheucht hat, brav „Spritzer“ statt „Schorle“, und auch Numerus-Clausus-Fliehende trinken gemeinhin Ottakringer statt Beck’s. Doch kaum könnte Deutschland etwas gewinnen, legt sich im Wirtschaftsflüchtling ein Schalter um. In spontanen Workshops werden Gesichter schwarz-rot-gold bemalt, und es wird laut dem Hurra-Patriotismus gefrönt. Dann verfestigt sich die Migrantenschaft zum stählernen Kollektiv. Das Matcherlebnis als sozialer Klebstoff – ein Albtraum pseudonationaler Penetranz, dem man nur entrinnen kann, indem man deutsche Hot-Spots wie Hermanns Strandbar meidet und sich im 16. mit kroatischem Sliwowitz oder türkischem Raki niederknallt. Denn diese Nationen haben wegen Nichtteilnahme weniger zu feiern. F

Idol: Michael Ballack
Schaut in: Hermanns Strandbar
Mag zur WM: Deutschland
Mag sonst: Energie Cottbus
Penetranzfaktor: 14/10


Der allwissende Teamchef
Ihm brauchst du nichts erzählen. Weil er weiß alles. Sein Gehirn ist eine riesige Datenbank voller Fußballwissen. Dass das Turnier vor 56 Jahren in der Schweiz mit einem Schnitt von 5,348 Treffern pro Partie das torreichste war und die rote Karte 1970 eingeführt wurde, aber der Chilene Caszely erst 1974 die erste gezeigt bekam, weiß er im Schlaf. Freilich kennt er auch Nordkoreas zweiten WM-Tormann und macht sich über jene lustig, die komplizierte Spielernamen falsch aussprechen – ganz besonders, wenn es ORF-Kommentatoren sind. Ösi-Fernsehen schaut einer wie er sowieso nicht; er bevorzugt Sky, ESPN, notfalls ZDF. Über den gemeinen Fußballpöbel spottet er, vielleicht aus Rache, weil er ihn früher nie in die Schulmannschaft wählen wollte. Der allwissende Teamchef liest nur Insider-Fußballblogs oder schreibt sie selbst. Seine Lehre verbreitet er gern bei Public Viewings. Dann erklärt er, mit welchen Raffinessen seine Lieblingsmannschaft – immer Außenseiter – den Großen ein Bein stellen wird. Und eineinhalb Stunden später sagt er, warum doch alles anders kommen musste.

Idol: Martin Blumenau
Schaut im: Wuk
Mag zur WM: Elfenbeinküste
Mag sonst: sich selbst
Penetranzfaktor: 10/10

Erschienen im Falter 21/2010

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