Mittwoch, 10. März 2010

Tagebuchnotizen zwischen Krieg und Frieden

Das politische Leben von Wolfgang Petritsch dreht sich um die Außenpolitik. Jetzt legt es der Kärntner Diplomat in Dokumenten vor

Rezension: Joseph Gepp

Wie beginnt man ein Gespräch über Krieg und Frieden? Besser nicht, indem man Peter Handke ins Treffen führt. Denn als EU-Vermittler Wolfgang Petritsch im März 1999 seinen letzten Verhandlungsversuch mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Miloševic damit eröffnet, dass selbst der deklariert serbenfreundliche Schriftsteller für Frieden im Kosovo eintrete, reagiert der Staatschef „mit einer wegwerfenden Handbewegung“. Und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Es ist eine interessante Mischung, die Wolfgang Petritsch, heute OECD-Botschafter in Paris und wohl der profilierteste sozialdemokratische Außenpolitiker seit Bruno Kreisky, nun in Buchform vorlegt. „Zielpunkt Europa“ versammelt Petritschs Gesprächsprotokolle, Interviews, Analysen für Zeitungen – auch für den Falter. Es stellt Notizen von tagebuchhafter Subjektivität neben englischsprachige Vorträge im vollendet abstrakten Diplomatensprech.

So entsteht ein Sammelsurium, das tiefe Einblicke in eine Person gewährt, die weit über ihr unmittelbares Aufgabengebiet hinaus gesellschaftliche Zustände und (geo-)politische Entwicklungen rezipiert. Auf knapp 600 Seiten finden sich etwa Reportagen über bosnische Dörfer ohne Straßenanschluss, obgleich sie nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Sarajewo entfernt liegen. Es finden sich Porträts balkanischer Persönlichkeiten wie des Schriftstellers Ivo Andric, der kroatischen Aktivistin Slavenka Drakulic, des kosovarischen Freiheitskämpfers Ibrahim Rugova ebenso wie Skizzen einer neuen multilateralen Weltordnung, Essays über eine slowenisch-kärntnerische Kindheit und Prozessakten vom Den Haager Tribunal. Es sind allesamt Texte, die Petritschs Prägungen aufzeigen und, nicht zuletzt, interessante Einblicke in die Diplomatie erlauben.

Wolfgang Petritsch hat in diesem Zusammenhang viel zu erzählen. Er war Botschafter in Jugoslawien in den 90ern, Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina um 2000, UN-Botschafter in Genf und EU-Kosovo-Chefverhandler, woher auch die eingangs beschriebene Grenzerfahrung mit Miloševic rührt.

Zwei Tage nach jenem Gespräch 1999 verlässt Petritsch übrigens als letzter Vermittler Jugoslawien. Die Regierung will nicht mehr für seine Sicherheit garantieren. Als er durch die ungarische Puszta nach Wien fährt, hört er im Radio von den Bomben auf Belgrad.


Wolfgang Petritsch: Zielpunkt Europa. Wieser, 590 S., € 39,–


Erschienen im Falter 10/10

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Aus, Garten! Wie man einen Konflikt zum Eskalieren bringt

Kommentar: Joseph Gepp

Vergangenen Montag eskalierte ein Wiener Konflikt, der seit bald fünf Jahren schwelt: Da wurden alte Damen von Polizisten im Viererpack weggetragen. Da schnitten sich Arbeiter mit Motorsägen durch Baumkronen in Richtung schreiender Aktivisten, die angekettet den Baubeginn der „Konzertkristall“-Halle der Sängerknaben zu verhindern suchten.

Seit langem geistert der Streit um den Augartenspitz als immerwährende Randspalte durch die Medien. Und seit langem wurde die nunmehrige Eskalation vorhergesagt.

Denn der Widerstand der Leopoldstädter Aktivisten und Anrainer – es sind keine Berufsdemonstranten, sondern durchwegs gesetzte Bürger – ist längst massiv. Vor allem, weil vonseiten verantwortlicher Bauherren wie Bundes- und Stadtbehörden kaum Entgegenkommen zu bemerken war. Der Augarten-Streit, der nun so unrühmlich und brutal endete, ist in vielerlei Hinsicht ein perfektes Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll: ein fragwürdiger Umgang mit Grünraumressourcen ebenso wie mit Denkmal- und Ensembleschutz, eine offenbare Bevorzugung von Investoreninteressen, monatelange Gesprächsverweigerung vonseiten der Sängerknaben-Verwaltung, ein völlig unmäßiger Einsatz privater Sicherheitsfirmen zur Entfernung zweier Handvoll Demonstranten – unter den Augen der Polizei.

Dies alles machte den immer heftigeren Protest vorhersehbar. Dies alles hinterlässt einen extrem negativen Nachgeschmack. Denn einerseits wird in Wien mittels Volksbefragung direkte Demokratie propagiert. Und andererseits wird im Augarten jene Art der Volksbeteiligung, die tatsächlich von Bürgern kommt, brachial aus Baumkronen geschnippelt.

Erschienen im Falter 10/10

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In der Jackentasche sitzt das tschechische Volk

„Das Versprechen des Architekten“ von Jiří Kratochvil ist eine grandiose Parabel über individuelle Schuld im Totalitarismus

Rezension: Joseph Gepp

Schuld ist eine komplexe Angelegenheit. Ganze Gesellschaften stecken in ihr wie in einem Sumpf – die einen bis zum Knöchel, die anderen bis zum Hals. Hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang rangen viele Menschen mit den Fragen: Wie viel Druck bin ich bereit zu ertragen, um sauber zu bleiben? Denunziere ich den Nachbarn, um der eigenen Familie Leid zu ersparen?
Die Wucht der Schuldfrage kann wohl nur erfassen, wer selbst in einer totalitären Gesellschaft großgeworden ist. Wie der Schriftsteller Jiří Kratochvil, Jahrgang 1940. Kratochvil lebt in Moravský Krumlov, Mährisch-Kromau, nahe Brünn. Geprägt von der Intellektuellen-Szene im Brünner Untergrund wollte sich Kratochvil nicht mit dem System arrangieren. Als er nach dem Prager Frühling 1968 mit Publikationsverbot belegt worden war, verdingte er sich jahrzehntelang als Kranführer, Heizer oder Bibliothekar. Erst nach Wende wurde Jiří Kratochvil – 1999 mit dem renommierten Jaroslav-Seifert-Literaturpreis ausgezeichnet – zu einem der bekanntesten tschechischen Schriftsteller.
Protagonist in Kratochvils großartigem neuen Roman „Das Versprechen des Architekten“ – neben dem Erzählband „Brünner Erzählungen“ soeben in deutscher Sprache erschienen – ist der Architekt Kamil Modràček. Für die nazideutschen Besatzer errichtet er eine Villa in Form eines Hakenkreuzes, um seine Schwester aus dem Kerker der Gestapo zu befreien.
Der Deal klappt, doch nach dem Krieg wird Modràček wegen des Hakenkreuz-Hauses vom kommunistischen Geheimdienst ŠtB verfolgt. Sein Verweis auf die damalige Notlage nützt ihm nichts, schließlich spielt der Roman „in einem Land, wo einem Beschuldigten überhaupt keine Schuld nachgewiesen werden muss, sondern, im Gegenteil, er verpflichtet ist, seine Unschuld zu beweisen.“
Die Staatssicherheit verhaftet die Schwester erneut; Modràček dient sich in seiner Not dem ŠtB an. Doch seine Schwester stirbt unter ungeklärten Umständen in Haft. Und Modràček, nun auf grausame Weise unverwundbar geworden, nimmt Rache.
Das alles beschreibt Kratochvil nicht etwa als Familienmelodram, sondern lakonisch, raffiniert, verspielt, und er entwirft dennoch ein vielschichtiges Bild seiner Protagonisten, ihrer Leidenschaften und Schwächen. Die Exkurse in die Kultur- und Stadthistorie lassen im Leser den Vorsatz reifen, baldigst Brünn – früher das „österreichische Manchester“ – ehebaldigtst zu besuchen. Die zweite Romanhälfte ist absurd, auf eine postmoderne, parabelhafte Weise. Man fühlt sich – in Erzählduktus wie Handlung – an einen Film erinnert: Emir Kusturicas „Underground“.
Nach dem Tod seiner Schwester findet Modràček keinen ruhigen Moment mehr, empfindet Schuld. Da stößt er im Keller seines Zinshauses zufällig auf ein verborgenes Gewölbe, Teil eines teils mittelalterlichen Untergrundlabyrinths. Modràček entführt jenen ŠtB-Offizier, der den Tod der Schwester zu verantworten hat, und sperrt ihn in den Keller. Die Polizei kommt ihm auf die Schliche, aber der Rächer entführt und inhaftiert auch den ermittelnden Beamten. Und so weiter.
Am Ende leben 21 Menschen in besagtem Gewölbe. Das Umfeld ist nicht gewalttätiger als der überirdische Realsozialismus; Kinder werden geboren, Ärzte und Köche versorgen die Entführtenkolonie. Modràček kombiniert seine Rachegelüste mit architektonischen Visionen und errichtet eine „horizontale unterirdischen Stadt“, sein Lebenswerk. Es ist eine „autarke Welt mit allem Drum und Dran“, das „Modell einer künftigen, besseren Gesellschaft“ (die freilich auf Gewalt basiert), aber auch „nur eine Tasche in der Gefängnisjacke des weit größeren Gefängnisses, in welches das ganze tschechische Volk geworfen ist.“
Lange nach der Wende werden sich in einer Art Epilog zum Roman zwei zeitgenössische Brünner über Kamil Modràček unterhalten: Er sei nicht so wie die ganzen „Kellerperversen“, wie etwa „dieser Fritzl aus Österreich.“ In Vergleich dazu, erzählen sich die beiden Brünner, sei der Architekt Modràček geradezu „ein gutmütiger, alter Kerl“ gewesen.


Jiří Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. Roman. Braumüller, 380 S., € 23,90

Jiří Kratochvil: Brünner Erzählungen. Braumüller, 210 S., 21,90 €



Erschienen im Falter 10/10, Buchbeilage

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