Mittwoch, 27. Januar 2010

Wien fragt, wir antworten: die City-Maut

"Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden?“ Kaum etwas eignet sich schlechter für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Stadtmaut als diese oberflächliche (Volks-)Frage.

Denn es gäbe Varianten der Maut, die sich so negativ auf die Stadt auswirken würden, dass man sie erst gar nicht einführen sollte. Und andere, die verkehrspolitisch einen großen Wurf für Wien bedeuten könnten.

Da wäre einerseits die Frage nach einer sozialen und ökologischen Staffelung: Soll der Reiche mehr zahlen als der Arme, der Pendler mehr als der Anrainer, der Jeep mehr als das Elektroauto? Andererseits der Aspekt der Grenzziehung: Soll die Citymaut nur die Innenstadt betreffen, wie die Wiener SPÖ sich das vorstellt? Oder bis zum Gürtel reichen (VCÖ)? Oder gar bis an die Stadtgrenze (Grüne)?

All diese Fragen sollten eigentlich vor der Befragung geklärt werden. In Stockholm etwa, wo man das Thema ernsthafter anging als hier, lief 2006 sechs Monate ein Pilotprojekt. Danach stimmten 51 Prozent für eine Beibehaltung der Maut.

In Wien hingegen lässt das Rathaus alle Details offen. Nur die (grüne) Gesamtmaut schließt SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker definitiv aus. Die mangelnde Vorbereitung führt dazu, dass man nicht weiß, worüber genau man abstimmt: Ein Verzicht auf die Staffelung etwa würde die Falschen zur Kassa bitten. Die Innenstadt als alleinige Mautzone wiederum würde ein Grätzel beruhigen, das dank Fußgängerzonen (in den 70ern ebenso umstritten) ohnehin ruhig ist und um das der Stadtverkehr wie ein Taifun um sein Auge kreist.

Für gesicherte Fakten zur Stadtmaut muss man Wien verlassen und sich Untersuchungen europäischer Mautstädte – London, Stockholm, Trondheim, Oslo und Bergen – zuwenden. Hier zeigt sich etwa: Die Akzeptanz der Maßnahme nahm überall stark zu. Laut Umfragen befürworteten sie vor ihrer Einführung nur rund zehn Prozent der Bürger; zwei Jahre später waren es die Hälfte oder mehr. Weiters zeigt sich: Der Grund für die hohe Akzeptanz ist der geringere Autoverkehr. In London ging er um 22 Prozent zurück, in Stockholm um 16.

Diese Zahlen widerlegen – um nach Wien zurückzukehren – das Rathausargument, wonach mit dem Parkpickerl ohnehin eine Art „Standmaut“ eingeführt sei: Zwar ist der Autoverkehr – auch dank Öffi-Ausbau und hoher Ölpreise – rückläufig. Aber die Zahl bewegt sich unterhalb von fünf Prozent; die Parkraumbewirtschaftung hat laut VCÖ nur 1,5 Prozent dazu beigetragen. Die Hälfte der Pendler etwa parkt am kostenlosen Firmenparkplatz. Fazit: Das Pickerl funktioniert höchstens zusätzlich. Andere Mautstädte nutzen es auch – allerdings weniger zur großen Verkehrseindämmung als zur innerstädtischen Feinjustierung.

Insgesamt fußt die Citymaut auf der Theorie, dass Stadtraum zum knappen Gut geworden ist. Daher sollen jene für seine Benützung zahlen, die seinen Großteil in Beschlag nehmen: die Autofahrer.

In Wien jedoch wird mit dem Verweis auf dieses knappe Gut seit Jahren jede große verkehrspolitische Neuerung – vom Prestigeprojekt U-Bahn abgesehen – abgeschmettert. Soll die Ringstraße, einer der prunkvollsten Boulevards Europas, zur Fußgängerzone werden? Undenkbar, dann würde die Zweierlinie im Verkehr ersticken. Oder die Mariahilfer Straße, auf der sich die Einkaufenden auf breiten Gehsteigen drängen? Unvorstellbar, dann würden die Parallelstraßen von Autos überrollt.

Will Wien also radfahrer- und fußgängerfreundlicher werden, braucht es eine Reduktion des Autoverkehrs. Ein großer Schritt dorthin wäre die Citymaut; kleine und langwierige sind die Parkraumbewirtschaftung.

Zwar bestünde – um das Gegenargument des Verkehrsexperten Hermann Knoflacher aufzugreifen – durchaus die Gefahr, dass Kaufkraft an die mautfreie Peripherie, etwa die SCS, abfließt. Aber was hier verlorenginge, ließe sich durch die Attraktivierung des Zentrums abfangen; nun gäbe es ja Platz für Radwege und Schanigärten. Davon abgesehen: Nur acht Prozent der Kunden erreichen etwa die Mariahilfer Straße mit dem Auto.

Das Fazit: Die Citymaut ist prinzipiell zu befürworten. Allein schon deshalb, um nicht jede verkehrspolitische Vision und Diskussion des kommenden Jahrzehnts abzuwürgen. Allerdings muss sie gestaffelt sein. Und sie darf nicht nur das Auge des Taifuns umfassen.

Empfehlung: JA

Joseph Gepp


Weitere Falter-Empfehlungen und Hintergrundinformationen gibts hier


24-Stunden-Bahn am Wochenende:
Ja
Hausbesorger neu: Ja
Ganztagsschule: Ja
Kampfhundeführerschein: Nein

Erschienen im Falter 4/10

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Das Schlachtschiff des analogen Zeitalters

Ein Medium wie für die Ewigkeit: Der ORF-Teletext feiert sein 30-jähriges Bestehen. Wir verneigen uns voll Ehrfurcht

Eloge: Joseph Gepp

Auf der Fernbedienung den Teletext-Knopf zu drücken ist ungefähr so, als würde man ein Lokal betreten, in dem seit Jahrzehnten kein Sessel ausgewechselt wurde und die handgeschriebene Liederliste in der Jukebox immer noch die Schlagercharts des Jahres 1972 zeigt. Und man denkt sich: „Mein Gott, ist das schön.“

Nun feiert der ORF-Teletext, der älteste seiner Art in Kontinentaleuropa, sein 30-jähriges Bestehen. In seiner Geschichte wechselten die Macher, auch wenn der herrlich anachronistische Eindruck aufs Gegenteil schließen lässt, durchaus einige Sessel aus: Die Seiten mehrten sich, wurden polykoloriert; und zum Durchknattern eines kompletten Zyklus von Seite 100 bis Seite 800 braucht das Wunderding nunmehr nur noch 16,5 Sekunden. Wie eine Internetseite in den Neunzigern.

Trotzdem: Er bleibt der alte Teletext. Sein Eindruck ändert sich nicht wesentlich, bei allen Neuerungen. Er ist das unzerstörbare Schlachtschiff des analogen Zeitalters, täglich von einem Drittel der Österreicher konsumiert. Er ist das neben der Kronen Zeitung eindrucksvollste mediale Beispiel für die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, wie der deutsche Philosoph Ernst Bloch das genannt hätte, koexistierend neben Hochglanzmagazinen und digitalen Fernsehsendern. Er ist das „Internet des kleinen Mannes“, wie die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sagen. Nur ist der Teletext – im Gegensatz zum Internet – übersichtlich gegliedert, halbstaatlich kontrolliert, ohne Nazis, Pornos und bissige Postings.

In Zeiten der Informationsüberflutung verrichtet er damit einen psycho-hygienisch nicht zu unterschätzenden Dienst: Er kappt alles Unnötige, stutzt das Nötige auf ein – oft unfreiwillig komisches – Mindestmaß zusammen und vermanscht dies alles zu einem wohltuend-unprätentiösen Brei aus Nachrichten, Wetter, Fußball und Fernsehhighlights.

Wobei uns der ORF sogar die Freude macht und die anachronistische Anmutung ins Absurde steigert, indem er den Teletext als Ganzes ins Internet stellt, sogar inklusive Seitensuchfunktion. Auf http://teletext.orf.at findet man so eine Art Unterinternet, eine Insel der Erwartbarkeit inmitten virtueller Anarchie, garantiert jugendfrei.

Aus all diesen Gründen: Alles Gute zum Geburtstag, Teletext! Bleib, wie du bist! Wie wir dich kennen und lieben. Verfall nicht den 1000 Verführungen der Audiovisualität! Für die nächsten 30 Jahre.

Erschienen im Falter 4/10

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Nachgesehen: Leopoldinischer Trakt, die letzte Bastion Kakaniens

Joseph Gepp


Es gibt es noch, das (franzisko-)josephinische Beamtentum, streng, unnahbar, pflichtversessen, zeitlos und weltabgewandt seine staatstragende Arbeit verrichtend. Es trägt rot-weiß-rote Schärpen um seine maßgeschneiderten Hemden und schreitet gemessen durch die Hofburg. Oder auch nicht; das gemeine Fußvolk wird es nie erfahren. Angesichts der aktuellen Debatte über Ministerorden vor dem baldigen Opernball wollte der Falter aus dem Alltag des obersten Ordensverwalters dieser Republik berichten. Nein, hieß es dazu aus dem Leopoldinischen Trakt der Hofburg. Ein Telefonat mit dem Vizeamtsdirektor sei eventuell möglich – ein Foto aus den heiligen Hallen aber: undenkbar. Daraufhin bat der Falter, zumindest Türschild oder Gangflucht fotografieren zu dürfen. Dieses obszöne Ansinnen wurde – nach Bedenkzeit – prompt seiner verdienten Strafe zugeführt: Nun sei auch kein Telefonat mehr möglich, sagte die Sprecherin. Wir wollten es ja auch nicht anders.



schnalle

Weiter als bis hierhin kommt der Pöbel nicht: Unterhalb von
HeiFi und anderen dekadenten Republikanismen regiert in der
guten alten Hofburg immer noch das gute alte Beamtentum


Foto: Heribert Corn

Erschienen im Falter 4/10

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