Mittwoch, 4. November 2009

Seestadt oder Schlafstadt?

Raumarchitekt Oliver Schulze über Nutella, gute Partys und urbanes Treiben auf dem Flugfeld Aspern

Gespräch: Joseph Gepp

Wohnraum für 20.000 Menschen, Arbeitsplätze für 15.000, ein Park, ein See, eine Ringstraße, das alles auf einer Fläche, so groß wie die der Bezirke Neubau und Josefstadt zusammen: Das ehemalige Flugfeld Aspern in der Donaustadt ist eines der größten Stadtentwicklungsgebiete in Europa. Und im Gegensatz zu manch anderen Neubauvierteln soll dort – in rund 20 Jahren, wenn das Projekt vollendet ist – auch das Straßenleben pulsieren. Damit Aspern nicht zu einer weiteren Wiener Schlaf- und Pendlerstadt verkommt, haben das Rathaus und die zuständige Entwicklungsgesellschaft den deutsch-dänischen Raumarchitekten Oliver Schulze, 35, vom Büro Gehl Architects, mit einem Masterplan beauftragt. Schulze ist Experte für den öffentlichen Raum. Im Falter-Gespräch erklärt er seine Vision einer belebten Stadt.

Falter: Herr Schulze, wenn ich mich in die U-Bahn setze und auf die Donauplatte oder ins Kabelwerk fahre, dann werde ich dort mit großer Wahrscheinlichkeit kaum Menschen antreffen. Neu gebaute Wiener Stadtviertel sind gemeinhin bewohnt, aber nicht belebt. Soll das bei Aspern anders werden?

Oliver Schulze: Ja, das soll es. Was Sie da ansprechen, sind Symptome, die sich in vielen Neubaugebieten westlicher Städte finden. Der Grund ist einfach: Weil sich unsere Lebensstandards geändert haben, wohnen die Menschen heute weniger dicht beieinander. In Dänemark zum Beispiel kommen heute auf einen Stadtbewohner 60 Quadratmeter bebauter Raum, in Wien sind es 44 (im Jahr 1961 waren es 22, 1907 sieben Quadratmeter pro Kopf, Anm.). Auf derselben Fläche wohnen also weniger Menschen als früher.

Stehen wir also vor einem Dilemma? Lebensstandard gegen Straßenleben?

Schulze: Genau. Früher waren die Straßen belebt, man hielt sich viel draußen auf, um sein Leben zu organisieren. Es gab keine Kühlschränke, also musste man täglich kleine Einkäufe machen. Es gab keine Autos, also musste man zu Fuß zur Arbeit. Heute organisiert man sein Leben eher von zuhause aus. Dadurch bleibt die Straße leer. Dieses Dilemma müssen wir auflösen.

Aber die alten Wiener Gründerzeitviertel sind immer noch lebendig, obwohl der Lebensstandard gestiegen ist und die Grätzel dadurch viel weniger dicht besiedelt sind.

Schulze: Diese Gründerzeitviertel sind ja auch in ihrer Geschichte von fünf Generationen kolonisiert worden. Einwanderungswellen haben dort über Jahrzehnte vielfältige Einzelhandelsstrukturen entstehen lassen. Eine derartige physische und soziale Komplexität kann man nicht simulieren, wenn man ein Projekt auf der grünen Wiese plant.

Demnach ist es in Neubauvierteln gar nicht möglich, ein belebtes Stadtbild zu schaffen?

Schulze: Nicht ganz, selten ist es schon möglich. Es gibt in Europa ein paar gute Beispiele, die zeigen, dass es funktioniert.

Irgendwann soll Aspern wohl auch eins dieser guten Beispiele werden. Wie soll das gehen?


Schulze: In einem Neubaugebiet von der Größe Asperns ist öffentliches Leben ein kostbares Gut. Wir haben also unserem Plan den Gedanken zugrunde gelegt, dass man dieses Gut nicht wie Nutella über eine Brotscheibe schmieren darf. Im Gegenteil muss man sich seiner Begrenztheit bewusst sein – und den öffentlichen Raum auf wenige, bewusst gewählte Orte konzentrieren.

Es geht dabei auch um Kleinräumigkeit, die Straßenleben ermöglicht. Sie können das mit einer Party vergleichen: Einer guten Party steht immer etwas zu wenig Platz zur Verfügung. Bei einer schlechten verlieren sich die Partygäste auf zu viel Raum.

Das heißt, Sie wollen das Straßenleben gezielt an einzelnen Orten zusammenballen, um es überhaupt zu ermöglichen?

Schulze: Genau.

aspern-Seestadt_Seepromenade
Brave New World: So soll laut Planern und Rathaus die Zukunft
des ehemaligen Flugplatzes Aspern aussehen. Oder wird sie doch
eine Spur unbelebter?

Grafik: schreinerkastler/Wien 3420 AG


Wie soll das konkret funktionieren?


Schulze: Indem wir nicht die gesamten 240 Hektar Fläche planen, sondern bestimmte Orte definieren, die wir „Saiten“ nennen. Schon die ersten Zuzügler müssen dort urbane Qualitäten vorfinden, die in der späteren Entwicklung des Viertels unverändert bleiben. Durch die Qualitäten und Muster der Saiten wollen wir das begrenzte Gut öffentlicher Raum an bestimmten Stellen festmachen. Zum Beispiel, indem wir bewusst Kultur-, Einzelhandels-, Gewerbe- oder Erholungsräume definieren. Es muss ein Zusammenspiel geben zwischen einzelnen Gebäuden und der Art, wie der Raum zwischen ihnen programmiert ist. Die traditionelle Architektur vernachlässigt diese Zwischenräume oft.

Es wird aber 20 bis 25 Jahre dauern, bis das Entwicklungsgebiet Aspern fertig ist. Kann man tatsächlich auf so lange Zeit planen, wie Menschen ihr Umfeld nutzen werden?

Schulze: Dieses Problem haben Masterpläne grundsätzlich an sich. Gestalter glauben, dass sie ein gefrorenes Planbild in die Wirklichkeit übertragen können. Wir haben daher in unseren Plan eine Zeitebene eingeführt: Manche Räume sind schon für die erste Bauphase definiert, bei anderen Orten haben wir nur Samen für die Entwicklung gesetzt.

Es gibt zum Beispiel ein Netz von Pfaden zum Radfahren oder Joggen. In einem Jahrzehnt, wenn diese Pfade schon etabliert und vielbenutzt sind, sollen sie im Rahmen eines nächsten Projektschritts ausgebaut werden. Dann werden Straßen daraus. Und man kennt diese Orte schon, sie haben eine Geschichte und Evolution hinter sich.

Sie haben in New York, in Südengland und im Oman gearbeitet. Was haben Sie dort gelernt? Was muss man tun, damit öffentlicher Raum funktioniert?

Schulze: Wie gesagt gibt es – zum Beispiel in Hamburg, Freiburg oder Malmö – neue Stadtviertel, die belebt sind und bestens funktionieren. Wir haben bei der Analyse dieser herausragenden Beispiele ein ganz klares Muster entdeckt: Jedes Mal gab es zwei oder drei wichtige Menschen, die von Anfang an dem Projekt zur Seite standen und ihre Ideen durchgeboxt haben. Ich würde diese Menschen „Paten“ nennen.

Wer sind die Paten? Engagierte Anrainer?


Schulze: Nein, gar nicht. Es sind Menschen in Schlüsselpositionen. In Melbourne, um ein Beispiel zu nennen, war der Stadtarchitekt der Pate. Er hat kompromisslos seine Idee durchgesetzt, und er wurde nicht alle vier Jahre neu gewählt. Auf diese Art war er in der Lage, an einer starken, selbstentwickelten Vision festzuhalten. Anderswo waren langjährige Bürgermeister oder engagierte Stadtentwickler die Paten.

Es bräuchte also jemanden, der nicht vom jeweils nächsten Wahlausgang abhängig ist?

Schulze: Ja. Stadtentwicklung und Politik sind zwar eng miteinander verflochten, aber die beiden haben völlig verschiedene Zyklen: Stadtentwicklung funktioniert viel langfristiger als Politik. Man muss also Personen finden, die entweder sehr lang in der Politik sind. Oder vom Rand des politischen Spektrums ein Projekt über Generationen hinweg verfolgen und mitbestimmen.

Erschienen im Falter 45/09

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STADTRAND – Über Fremdflyerer und Eigenbiertrinker

Das Museumsquartier ist ja, man muss es neidlos und ironiefrei sagen, eine praktisch identitätsstiftende Instanz in Wien. Dementsprechend kreiert es auf seinen zahlreichen Gebots- und Verbotsschildern auch eine eigene Sprache, die MQ-Sprache. Das unautorisierte Auslegen von Werbezetteln heißt zum Beispiel auf MQ: „fremdflyern“. Selbiges ist, so steht es in einem Torbogen, verboten. Das Gegenteil von fremdflyern wäre wohl „heimisch flyern“, noch eher: „heimflyern“. Wenn also der Fremdflyerer im Gegensatz zum Heimflyerer seine Flyer verflyert, dann muss er wohl mit einer baldigen Entflyerung der beflyerten Behältnisse rechnen. Klingt das nicht ein bisschen nach Bierverbot? Nach Kommerzialisierung, nach Exzessbeschränkung und Restriktion im sonst so offen-liberal-urbanistischen Museumsquartier? Stehen uns jetzt Facebook-Gruppen ins Haus, die sich „Bring Your Own Flyer“ nennen oder „Wir flyern fremd“? Die Revolution der Fremdflyerer? Wahrscheinlich nicht. Fremdflyerer haben wohl einfach nicht dasselbe Mobilisierungspotenzial wie Eigenbiertrinker.


Erschienen im Falter 45/09

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Gelesen: China, vorurteilsfrei

Peter Hessler, langjähriger Korrespondent der US-amerikanischen Zeitschrift The New Yorker in Peking, hat ein Buch über China geschrieben, das anders als die vielen bisherigen zum Thema ist: Hessler fuhr jahrelang mit dem Mietwagen durchs Land, durchquerte boomende, ihr Umland auffressende Städte, sterbende Dörfer mit rechtlosen bäuerlichen Bewohnern, Fabriksgebiete, die sich ausschließlich auf die Herstellung von Motorenanlassern oder BH-Ringen spezialisiert haben. Herausgekommen ist ein Meisterstück des amerikanischen Reportagestils, ein tiefer Blick in eine Gesellschaft im unvorstellbar rasanten Wandel (im ersten Quartal 2009 wurden in China erstmals mehr Neuwagen verkauft als in den USA). Hessler beschreibt diese Veränderungen minutiös, witzig und detailreich, ohne den Überblick zu verlieren. Er verzichtet dabei auf Prognosen oder Analysen – denn die ergeben sich, wie es bei einer guten Reportage der Fall sein sollte, ohnehin aus seinen Beobachtungen. Äußerst lesenswert!

Peter Hessler: Über Land. Unterwegs auf Chinas Straßen. Berlin Verlag, 480 S., € 24,70

Erschienen im Falter 45/09

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