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Mittwoch, 26. August 2009

Ein Quantum Spannung

Stadtmensch Roman Mittermayr geht nach Amerika. Vorher aber schickt er noch 16 junge Leute in ein wildes Geheimdienstrollenspiel, für das Wien als Kulisse dient

Reportage: Joseph Gepp

Es ist der letzte Sommer, den Roman Mittermayr als Student der Wirtschaftsuniversität in Wien verbringt. Danach wird er in den USA bei Microsoft in der Produktplanung arbeiten, „mit amerikanischem Gehaltsschema, fantastisch“. Wäre es nun nicht Zeit gewesen für eine längere Reise, bevor es ernst wird? Oder für einen Monat auf der Donauinsel? Mittermayr versteht die Frage nicht.

„Ich wollte dieses Ding einfach aufziehen. Und Wien eignet sich gut dafür. Aber noch lieber wäre mir, wenn das erst der Anfang ist. Wenn nächstes Jahr Riesenstädte folgen, New York oder Tokio. Riesige Menschenmengen, das wär’n Ereignisse!“

Roman Mittermayr, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarzes Brillengestell, wenig Gel in den Haaren, ein freundlicher, umtriebiger, schnell sprechender 25-Jähriger. Vor seiner Übersiedlung in die USA wollte er noch ein Projekt verwirklichen. Die Idee kam ihm im Mai, bei einem Bier. Sie wurde größer und größer. Heute, am Tag des Finales, steht Mittermayr mit 30 ehrenamtlichen jungen Kollegen in einem Innenstadtbüro. Die Stimmung ist hektisch. Von der Wand leuchtet ein projizierter Stadtplan mit roten Markierungen. Das sind, per Handy geortet, die 16 Agenten, die durch Wien hetzen.

„Wenn du eine verrückte Idee hast“, sagt er, „gibt es nur zwei Arten von Reaktionen: Die einen halten sie für völligen Schwachsinn. Die anderen sind restlos begeistert.“

„Vienna Project“ nennt sich Roman Mittermayrs Idee zu einem Rollenspiel. Als Hintergrund dient eine Geschichte, die wahren weltpolitischen Begebenheiten entliehen ist: Zwei Geheimagenten stehlen in Teheran brisante Dokumente über das iranische Atomprogramm. Sie werden aufgespürt und festgenommen. Einem dritten Agenten gelingt es jedoch, mit den kopierten Akten zu fliehen. Er will nach Wien, ins Hauptquartier der Internationalen Atomenergiebehörde. Unterwegs aber, in Bratislava, verschwindet der Agent spurlos. Ziel des Spiels ist, ihn wieder aufzutreiben. Zuerst im Internet, dann im echten Leben.

Mittermayr suchte Menschen, die ihm bei der Realisierung des Projekts helfen konnten. Er fand einen Pädagogen, der den Spielablauf konzipierte. Einen Programmierer, der den Internetauftritt plante. Einige professionelle Schauspieler. Er selbst kümmerte sich um Sponsoren. Am Ende hatten sie Hotelzimmer, schwarze Limousinen und multifunktionale Mobiltelefone aufgetrieben. Nun konnten diejenigen Aspiranten, die sich bei der Lösung diverser Interneträtsel besonders hervorgetan hatten, ihren Schritt in die Realität tun.

„Wir haben zum Beispiel kommentarlos Zahlenreihen auf Twitter gepostet“, erklärt Mittermayr eines der Onlinerätsel. „Das waren in Wahrheit Geo-Koordinaten. Sie führten zu einem Postkasten in der Naglergasse, unter dem ein Kuvert klebte. Darin lag ein Ticket für die Endrunde.“

Diese Endrunde zog sich über den ganzen vergangenen Samstag. Vorbeifahrende Motorradfahrer drücken den Spielern Zettel mit Informationen in die Hände. Die Agenten treffen V-Männer in Parks. Sie lösen Zahlenrätsel in Cafés, die ihnen den Weg zum nächsten Treffpunkt weisen. Sie treten in Ländergruppen gegeneinander an, Russland, Iran, USA und Österreich. Am Ende wird die Siegergruppe in einem efeubewachsenen Innenhof im Stadtzentrum den verschollenen Agenten aufspüren.

„Es gibt zwei Arten von Rollenspielen“, sagt Roman Mittermayr, „jene im Internet. Und jene in Burgruinen, bei denen man sich als Elfen und Ritter verkleidet. Aber wir wollten etwas Realeres machen.“ Er nennt ein paar Filme, die ihn inspiriert hätten, „James Bond“, „The Bourne Identity“, vor allem „The Game“ mit Michael Douglas. „Die Spieler müssen psychisch voll eingenommen sein. Am Ende des Tages müssen sie sich fragen: Ist dieses Motorrad, das gerade vorbeifährt, noch Teil des Spiels? Oder gehört es schon zum echten Leben?“

Eine Stunde später. Im Edelitaliener Vapiano in der Herrengasse treffen einander Russland und Iran. Es sind fünf Frauen und drei Männer, niemand älter als 30. Ein Spielleiter, der sich als Diplomat ausgibt, gibt einige schnelle Instruktionen und verschwindet wieder. Russland und der Iran sollen nun Informationen austauschen. Welche, ist ihnen aber nicht klar; außerdem soll der jeweils anderen Gruppe nicht unbedacht ein Vorteil verschafft werden. Also taxiert man einander misstrauisch. „Wenn wir nur wüssten, was wir von euch wissen wollen sollen“, beginnt eine verzweifelte Russin zu den Iranern, „dann wüssten wir auch, wie wir die Frage formulieren sollen, die wir euch stellen müssen.“ Die Iraner aber geben sich ohnehin bedeckt, wollen „den Auftrag nicht gefährden“. Kurz danach piepst Russlands Handy und die Gruppe läuft los, die Herrengasse hinunter.

Roman Mittermayr steht währenddessen im Büro, reibt sich die Hände und schaut auf die Punkte der Straßenkarte, die sich plangemäß weiterbewegen. In wenigen Minuten steht die Entführung der Russen an. Unter dem Vorwand einer Dokumentenübergabe wird man sie in ein Auto locken. Die Tür wird zufliegen, der Wagen „wie im Film wegrasen“. Im Inneren werden zwei Schauspieler dann die desorientierten Agenten mit Plastikgewehren bedrohen, ihnen Personenfotos unter die Nase halten und sie anherrschen, wer die Gezeigten seien. Und schließlich wird man die Spieler irgendwo wieder hinauslassen. „Dieser Abschnitt“, sagt Roman Mittermayr, „wird mit Abstand der härteste Teil des Spiels.“

Die Russen aber lassen sich von der Entführung nicht abhalten. Stunden später werden sie als erste jenen Hinterhof finden, in dem der verschollene Agent steht. Ganz so, wie das im Plot vorgesehen war.


The Vienna Project: The Vanished Agent



Erschienen im Falter 35/09

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Der Wagenplatz: von politischer Feigheit und schlechter Presse

Kommentar Wiener Stadtpolitik

Eine Karawane zieht durchs Wiener Sommerloch. Sie war schon in Simmering, am Donauufer, nahe der Arena, auf den Aspanggründen. Und Presse, Standard, Wiener Zeitung, ORF und andere Medien verfolgen aufmerksam jeden ihrer Schritte.

Bis vor wenigen Wochen wusste kaum jemand, dass es in Wien eine Gruppe Alternativer gibt, die statt im Gemeindebau lieber im Wohnwagen leben. Jetzt wissen es alle. Mangels wichtigerer Ereignisse spielt sich das Umhertreiben des Wiener Wagenplatzes unter dem Vergrößerungsglas der Öffentlichkeit ab. Und das Rathaus hat, was es sonst so eifrig zu verhindern sucht: schlechte Presse.

Es begann in Simmering. Von dort musste der Wagenplatz aus widmungsrechtlichen Gründen weichen. Es folgten langwierige Verhandlungen mit der Gemeinde, die schließlich in der Donaustadt einen alternativen Standort anbot. Dann aber startete die Bezirks-FPÖ eine Kampagne. Die SPÖ-Regierung zog sich zurück – schließlich ist Vorwahlzeit. Sie tat das, indem sie den bereits ausverhandelten Pachtpreis um das 40fache erhöhte. Die Wagenbewohner zogen verärgert von dannen. So berichteten es Betroffene und beteiligte Rathausbeamte dem Falter (siehe Ausgabe 26/09).

Was darauf folgte, war das Sommerloch, in dem kleine Konflikte oft groß werden. Die Karawane hat ihren Platz verloren und trampelt jetzt durch Stadt und Medien. Erst im Lauf des Septembers wird es wieder ruhiger um sie werden.

Die SPÖ war im Umgang mit dem Wagenplatz weder restriktiv noch kulant. Sie fuhr einen Zickzackkurs, hat in der Mitte aus Angst um Wählerstimmen kehrtgemacht. So etwas rächt sich. Vor allem im Sommer.

Erschienen im Falter 35/05

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STADTRAND – Nebulose Wiener Großveranstaltungen

Ungefähr jedes halbe Jahr finden in Wien Großveranstaltungen statt, deren Zweck niemand wirklich versteht. Dann karrt ein prominenter Hedgefonds prominente Menschen in die Stadt, lässt sie im Hotel Imperial absteigen, sorgt für jede Menge mediale Aufmerksamkeit. Und doch bleiben die Veranstaltungen merkwürdig schemenhaft, weil sie so plötzlich daherkommen und so wenig in den sonstigen gesellschaftlichen Kosmos dieser Stadt passen. Erinnern Sie sich etwa noch an den „Women’s World Award“ im März, zu dem sogar die jordanische Königin kam? Oder an jene bizarre Veranstaltung in Zwentendorf vor einigen Wochen, die irgendwie Michael Jackson gewidmet war und irgendwie auch nicht? Jedenfalls sah die regennasse Prominenz vor der regennassen Stahlbetonmauer des Kraftwerks ziemlich abstrus aus. Jetzt soll außerdem – um diese Reihe fortzusetzen – ein Gedenkkonzert für Michael Jackson in Schönbrunn stattfinden. Das Line-up kennt im Gegensatz zu den Ticketpreisen noch niemand. Wien, Stadt der merkwürdig nebulosen Großveranstaltungen.

Erschienen im Falter 35/09

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