Mittwoch, 6. Mai 2009

STADTRAND – Das Anzengruber in der Werbung

Im Grunde berührt Werbung das Leben nicht besonders. Sie berieselt sanft, bevor sie ohne viel Aufhebens am riesigen Friedhof der vergessenen Belanglosigkeiten zu Grabe getragen wird. Es sei denn, Budweiser wirbt. Denn kürzlich verfiel die tschechische Biermarke auf die unkonventionelle Idee, ganz normale Wiener in ihre glitzernden Reklamen zu heben. Sie müssen nur irgendwie mit Bier zu tun haben. Und so kam Tomi in die Werbung. Tomi, der sympathische Kellner vom Café Anzengruber, bei dem man schon mal anschreiben lassen kann, der selbst im übervollsten Stress noch gelassen und freundlich bleibt. Genau dieser Tomi grinst nun glänzend und leicht gephotoshopt von U-Bahn-Wänden und Rolling Boards. Das soll nicht sein. Das verletzt die persönliche Sphäre. Bei McDonald's kann man nicht anschreiben, im Anzengruber schon, das macht den Unterschied. Sollen sie doch McDonald's nehmen, die Werber, aber nicht Tomi. Sollen sie doch Naomi Campbell oder Werner Faymann auf Plakate heben, aber nicht Tomi! Ab heute trinke ich nur noch Starobrno!


Erschienen im Falter 19/09

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Hinter acht Monden

In der hübschen ostslowakischen Stadt Košice liegt ein Roma-Ghetto, wie es in solcher Reinform kein zweites in Europa gibt. Die Geschichte einer Verdrängung

Reportage: Joseph Gepp/Košice


Die erste Szene zeigt einen Polizeihund. Er kläfft in eine Ecke, wo sich verängstigte Kinder zusammendrängen. Die zweite Szene, dieselben Kinder. Sie ohrfeigen sich auf Befehl, mit aller Kraft, immer wieder. Die dritte Einstellung zeigt die Kinder im Stiegenhaus der Polizeistation. Auf Geheiß der Beamten ziehen sie sich nackt aus, dann zoomt die Kamera auf ihre Geschlechtsteile.

Es ist nicht Abu Ghraib oder Guantanamo, wo diese Aufnahmen entstanden, kein weit entferntes Krisengebiet. Es ist die ruhige Ostslowakei, früher einmal österreichische Monarchie, heute Europäische Union.

Der Film zeigt Polizisten, die Anfang März sechs Roma-Kinder misshandelten. Eine Handykamera lief mit, wie das bei sadistischen Exzessen oft der Fall ist. Als das Band vor einem Monat an die Tageszeitung Sme gelangte, sprachen Beobachter kurz von einem internationalen Skandal. Die Polizisten wurden suspendiert. Aber schon kurz darauf verschwand die Ostslowakei wieder von der europäischen Landkarte. Und mit ihr verschwand Košice, die unbekannte Stadt mit 300.000 Einwohnern, 97 Kilometer von der Ukraine entfernt und von Wien so weit wie Innsbruck.

Dabei zeigt sich ausgerechnet hier, wie sehr Brüssels Erzählung vom erweiterten Europa auf dem Weg zu Wohlstand und Freiheit von der Realität abweicht. Hier zeigt sich, wie schwer die Geschichte auf jahrzehntelang kommunistischen Ländern lastet. Und wie sehr man diese Geschichte aus Hilflosigkeit verdrängt.

Die Geschichte dieses anderen Europas, man könnte sie mit der sogenannten Schaukirchenglocke auf dem Hauptplatz von Košice beginnen. Sie entstand vor dem Fall des Kommunismus, als Kirchenglockenproduktion noch als Schädigung am Volkseigentum galt. Also goss man sie illegal, während der Nachtschicht, zwischen den Schienensträngen und Maschinenteilen des riesigen Kombinats der ostslowakischen Eisenwerke.

Die Glocke war nur der erste Schritt einer fundamentalen Veränderung. Denn seit der Wende 1989 wird alles hervorgekehrt, was bürgerlich und althergebracht wirkt. Auf nachgebauten Mistkübeln altösterreichischen Stils prangt das Stadtwappen von Košice, Kopfsteinpflaster formt geometrische Muster auf dem Boulevard, und durch Torbögen leuchten frischlackierte Stiegengeländer im Stil von vor 150 Jahren.

Košice strotzt vor nachgebauter Historie, wie als Kompensation. Denn viel zu lang musste man Kirchenglocken heimlich gießen. Viel zu lang galt nur das, was Prag und Moskau in Fünfjahresplänen verfügten.

Kosice-musikbrunnen

lunik
Zwei Welten: Altstadt von Košice und Elendsviertel Luník IX
Fotos: Joseph Gepp, privat


Seit der Kapitalismus die Rückbesinnung aufs noch Ältere erlaubte, zählt das sozialistische Erbe nichts mehr. Bürgerlich-bescheiden und mitteleuropäisch beschaulich will man heute sein. Und was bei dieser Identitätsfindung störte, das schob man ab, ans Ende der Stadt, zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, nach Luník IX.

Unvermittelt taucht Luník auf, am Ende einer Gasse, die von der Perešská, der breiten südlichen Ausfallstraße, abzweigt. Zwischen großen Grünflächen stehen eine Schule, eine Kirche, eine Handvoll Plattenbauten, vernachlässigt bis zum Zerfall, wie Brandruinen. Fenster fehlen ebenso wie Türen, vor den Eingängen brennen Lagerfeuer. Von der Straße blickt man in schwarze Stiegenhäuser, weil in der Wand mannshohe Löcher klaffen. Überall liegt Müll in Schichten übereinander, auf Büschen und Bäumen wehen hängengebliebene Plastiksäcke wie tibetanische Gebetsfahnen. Und überall sitzen Menschen, auf Stufen zu Gebäuden, auf Betonschwellen, auf Balkonen und Bänken, ums Feuer und in Gruppen auf der Straße.

"Das Viertel ist weit genug weg, um es nicht ständig vor Augen zu haben", sagt der Filmemacher Róbert Rambácek, der eine Dokumentation über Luník IX dreht. "Und doch zu nah, um es ganz zu vergessen."

Luník IX, allein dieser Name verhöhnt alles, was Košice heute gerne wäre: Luník ist russisch, "kleiner Mond", eine Reminiszenz an die sowjetischen Mondmissionen, zur Ehre des großen Bruders. Die Zahl bezieht sich auf acht weitere Luníks, die man zu CSSR-Zeiten wie einen Belagerungsring aus Plattenbauten um die Altstadt legte. Die verfiel währenddessen. Sie war für kommunistische Planer nicht interessant, zu bürgerlich und zu privat.

Luník IX war das schönste der namensgleichen Viertel. Hinter ihm endet die Stadt, Wald zieht sich über erste Karpatenhänge. Vorne trennen einige hundert Meter Wiese Luník IX vom gleichnamigen Nachbarn. Es ist ein Respektabstand, denn hier lebten in den 70ern Parteikader, Polizisten und Beamte - in größeren Wohnungen als in Plattenbauten üblich.

Zehn Jahre später blühte die Altstadt wieder, der historisierende Stil ihrer renovierten Straßenzüge kündete vom neuen Selbstbild. Ein Systemwechsel bahnte sich an. Wer konnte, zog ab Mitte der 80er ins Zentrum. Oder zumindest in jene Plattenbauten, die in seiner Nähe lagen.

Damals kamen erstmals Roma nach Luník IX. Vorher hatten sie im heruntergekommenen Zentrum gewohnt, ohne Fernwärme und ohne Geschäfte. Wenn nun das alte Košice auferstehen sollte, dachte die Stadtregierung, mussten die Roma weg. Per Dekret deportierte man sie ins einst gutsituierte Luník IX, wo die ethnischen Slowaken immer weniger wurden.

"Die Umsiedlung hat schlicht sein müssen", erzählte Rudolf Schuster vor zwei Jahren dem Autor. Als kommunistischer Bürgermeister von Košice verantwortete er die Deportation, später wurde Schuster Staatspräsident der demokratischen Slowakei: "In der Altstadt ließen die Roma alles verfallen. Gott sei Dank habe ich die Sache rechtzeitig im Kommunismus erledigt. Im Vergleich zur Demokratie ging das noch ziemlich problemlos."

Die Umsiedlung machte Luník IX einzigartig in Europa. Nicht weil die Bewohner von Košice außergewöhnlich rassistisch wären oder weil hier mehr Roma leben würden als anderswo in der Slowakei. Sondern weil nirgends auf dem Kontinent eine Ghettobildung in derartiger Systematik stattfand. Konfliktauslagerung in Reinform. Weil sich nirgends Zentrum und Armenviertel so fundamental voneinander unterscheiden wie Košice von Luník IX.

"Alle hat man sie hergebracht", sagt der Filmemacher Róbert Rambácek. "Oder besser: Alle hat man sie reingepresst. Die ganze unterste Schicht."

98 Prozent der Bewohner von Luník IX sind heute Roma, zwei Prozent sind "Weiße", ethnische Slowaken. Rund 7000 Menschen verteilen sich auf 600 Wohnungen, das sind im Schnitt zwölf Personen pro Wohnung. In Wahrheit seien es oft 40, sagt Rambácek. Pizzaservices oder Taxis fahren den Stadtteil nicht an. Die Buslinie 11, die Luník IX mit der Stadt verbindet, wird vom Rest der Bevölkerung gemieden. Die Arbeitslosigkeit in Luník IX liegt bei fast 100 Prozent - 17 Bewohner haben einen Job, sie arbeiten bei der lokalen Romabürgerwehr oder bei einem Sozialprojekt, das Leihkräfte vermittelt. Wer im Rest von Košice seine Gemeindebaumiete nicht bezahlen kann, kommt nach einigen Schonfristen hierher, ins verrufene Luník IX.

Wer die Siedlung besuchen möchte, melde sich besser vorher beim Bezirkschef oder bei der Bürgerwehr an, rät Jana Ogurcáková, Redakteurin beim Regionalblatt Korzár. "Sonst kommen die Kinder scharenweise hergelaufen und reißen Rückspiegel und Antenne vom Auto."

Die Kinder kommen trotz Voranmeldung, scharen sich um den Wagen, bestaunen die Gäste wie exotische Tiere. Die begleitende Bürgerwehr verschafft einem Respekt. Das sei keine Demokratie hier, sagt ein rauchender alter Mann auf einer Bank, das sei kein Leben. Aber schlimmer als früher sei es auch nicht. Er habe neun Kinder und zirka 50 Enkel, erzählt der Alte, er sei ungarischer Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen und Kriegsgefangener in Weißrussland, er habe die Ära des Kommunismus in der Altstadt von Košice verlebt und die Ära der Demokratie in Luník. Aber geändert habe sich nichts. Einige danebenstehende Jugendliche nicken.

Dabei entstand in zwanzig Jahren ein ganzes neues Land. Plötzlich galten Eigenverantwortung und Unternehmertum als maßgebliche Werte. Plötzlich wurde arbeitslos, wer das zu spät erkannte oder verinnerlichte. Job und Wohnung für jeden, ob fleißig oder faul, ob Roma oder Weißer, so lautete die Devise des alten Regimes. Eine bedingungslose Aufnahme in die Gesellschaft ohne individuelle Gegenleistungen, außer politischer Anpassung. Klassenlos. So war das System, das plötzlich zu existieren aufgehört hatte. Und das traf die Roma am meisten.

Košice wurde nach der Wende eine hübsche Stadt mit stolzer bürgerlicher Vergangenheit. Im Grunde geschah hier dasselbe wie im Rest der Slowakei und Osteuropas. Nur ballte man nirgends die Ausgestoßenen so radikal in einem kleinen Stadtviertel zusammen wie in Košice.

Er verstehe die Roma nicht, sagt Filmemacher Rambácek, während er durch Luník spaziert. Obwohl er schon an die 70-mal hier gedreht habe. Heizen etwa wäre in den alten Apparatschikblocks möglich. "Stattdessen reißen die Roma die Heizkörper aus den Verankerungen und verkaufen sie für einen Bettel als Altmetall. Und dann setzen sie sich ums Feuer." Die Talentierten würden schnellstmöglich wegziehen. In ländlichen Romaquartieren gebe es noch Kasten und soziale Hierarchien - aber was der Kommunismus ohnehin landesweit erschütterte, habe in Košice die Umsiedlung nach Luník IX vollends ausgelöscht. "Hier gibt es nur noch Chaos." Sozialarbeiter erklären vielfachen Müttern grundlegendste Dinge, etwa das Wickeln kleiner Kinder. Helfer passen auf, dass Jugendliche nicht zu viel Aceton schnüffeln. Aktivisten lehren dem Viertel derzeit den Umgang mit dem Euro, der seit Jänner in der Slowakei gilt.

Dass nun ein Video zeigt, wie Polizisten Kinder aus Luník IX demütigen, änderte nichts am Doppelleben in Košice. "Wir berichten kaum über Luník IX", sagt Jana Ogurcáková von Korzár. "Was soll man auch schreiben. Es ist ja immer dasselbe." Die überwiegende Mehrheit der Bewohner sei noch nie in Luník gewesen. "Was sollen sie auch dort. Es ist gefährlich."

Vergangenen Winter entsorgte eine Frau aus Luník ihren alten Fernseher per Wurf aus dem Fenster. Er traf ein Mädchen am Hinterkopf. Nur eine Notoperation konnte ihr Leben retten.

Luník IX ist das Zerrbild von Košice. Die schmutzige verdrängte Rückseite, die das frischlackierte Zentrum erst möglich machte, weil die Missliebigen dorthin abgeschoben werden konnten. Das Viertel, das man nun ignoriert, weil man sonst nichts damit anzufangen weiß. Und doch existiert es. Zwei Kilometer von der stolzen neuen Identität künden Rauchfahnen von seinem vollgedrängten Leben, seinen herausgerissenen Türstöcken, seinen viel zu vielen Menschen.

"Bei Luník IX kann sich Košice nicht selbst helfen. Es ist ein Problem der Slowakei und Europas." Das nimmt Bürgermeistersprecher Jaroslav Vrábel vorweg, bevor er seine Ausführungen beginnt. Auch was er später sagt, zeugt von Hilflosigkeit: Acht städtische Sozialarbeiter seien derzeit in Luník tätig. Nostandshilfen zahle man gestaffelt aus, sonst werde das ganze Geld auf einmal verjuxt. Messbare Erfolge der Politik gebe es allerdings nicht, "sie zeigen sich erst nach langer Zeit".

War es ein Fehler, die Roma gesammelt aus der Altstadt abzuschieben? "Im Nachhinein gesehen schon", sagt Vrábel. Aber was hätte man tun sollen? Wie hätte Košice aussehen können, wie es heute aussieht? Vrábel weiß keine Antwort. "Es gibt Konzepte der Integration", sagt er. "Aber da muss ich die Sozialabteilung fragen."

Tatsächlich scheitern solche Konzepte meist. Ein Drittel der rund 350.000 slowakischen Roma lebt ohnehin integriert unter den "Weißen". Beim Rest sind die Behörden hilflos. Die Vorurteile vieler Slowaken und das Desinteresse vieler Roma ersticken den Willen Einzelner im Keim.

Sogar Luník IX wurde ursprünglich als Integrationsprojekt tituliert. Mitte der 80er bestand noch die Hälfte der Bevölkerung aus "Weißen". Mit den Roma sollten sie eine neue Form des Zusammenlebens finden. "Aber dass das nicht funktionieren wird", sagt Exbürgermeister Schuster, "war mir ohnehin von Anfang an klar."

Wer Košice über die Perešská verlässt, kommt in eine Region mit vielen Minderheiten. Ungarn leben hier, die mit den Ukrainern verwandten Russinen, sogar versprengte Karpatendeutsche, die bei der Vertreibung 1945 übersehen wurden. Hinter der Stadt verschwindet der Rauchgeruch, den der Wind aus dem Ghetto auf die Straße geblasen hat. Die Hänge blühen und vor alten Bauernhöfen in Dörfern werken Bauarbeiter.

Erschienen im Falter 19/09

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Melange mit Handschlag

Wo wird in Wien Lobbying betrieben? Wo fallen bei Kaffee und Kuchen wichtige Entscheidungen? Ein interessengeleiteter Stadtspaziergang

Bericht: Joseph Gepp


Auf halbem Weg zwischen Berlin und Belgrad liegt ein Städtchen namens Wien. Globale Entwicklungen, hieß es früher, würden dieses Städtchen langsamer erreichen als manches andere - und wenn sie kommen, dann sei das auch nur halb so schlimm.

Vielleicht ist der "Lobby Planet" deshalb in Berlin erschienen. Dort ist Lobbying ausgeprägter als in Wien. Es beschreibt die informelle Einflussnahme auf öffentliche Entscheidungsfindung durch Firmen, NGOs und andere Interessengruppen. Der Ausdruck kommt von "Lobby", der Vorhalle des britischen Parlaments.

Lobbying kann man auf zwei Arten definieren: Im strengen Sinn gibt es Verbände, die für Branchen und Konzerne arbeiten. Sie beschäftigen registrierte Lobbyisten. In Berlin tummeln sich davon etwa 3000, in Washington, D.C., 60.000, für Wien existiert keine derartige Registrierung.

Breiter und allgemeiner gefasst bedeutet Lobbying, dass wichtige Menschen wichtige Menschen treffen, um wichtige Dinge zu besprechen. Und das möglichst bei einem Kaffee und im gemütlichen Rahmen.

Der neue Berliner "Lobby Planet" ist ein "Reiseführer durch den Lobbydschungel", angelehnt an den Guide "Lonely Planet", herausgegeben von der deutschen Initiative Lobby Control. Wer in Berlin Lobbying erleben will, der gehe etwa in den China-Klub des Hotels Adlon, schreiben die kritischen Aktivisten, die auch Touren durch die Stadt anbieten. Dort etwa trifft man die Entscheidungsträger im diskreten Gespräch, für 1500 Euro Klubbeitrag jährlich, exklusive Speisen und Getränke.

In Wien hingegen, dem Städtchen zwischen Berlin und Belgrad, sei Lobbying kaum ausgeprägt, hieß es früher. Vergleichbare Klubs gibt es kaum. Aber auch hier fallen wichtige Entscheidungen. So dürfte Wiens Funktion als wirtschaftliche Drehscheibe für Osteuropa gerade jetzt für einigen Gesprächsstoff sorgen.

Wo aber plauscht hier der Politiker mit dem Firmenvertreter? Wo erklärt der Banker dem Industriellen die Lage am Finanzmarkt? Wo findet Lobbying statt? Wo werden Entscheidungen gefällt, Versprechungen gemacht, Leitlinien festgelegt?

"Es ist nicht so, wie man sich das vorstellt. Es ist nicht der Golfplatz oder die Sauna", sagt eine PR-Fachfrau. Und nicht das Edelbordell Babylon, ergänzt ein Kollege. "Das meiste findet immer noch in Sitzungszimmern statt", sagt ein Politiker. Und ein Wirtschaftstreibender meint, dass man sich gerne bei diversen Events treffen würde, etwa in der VIP-Zone des Stadions.

Der Falter fragte Wirtschaftstreibende, Banker, Journalisten, Politiker und PR-Fachleute nach je drei Orten, an denen sich Entscheidungsträger treffen. Da Lobbying hierzulande keinen guten Ruf genießt - Beispiel: Alfons Mensdorff-Pouilly, der für Rüstungsfirmen lobbyierte und darauf in U-Haft saß -, wurde weitgehend verzichtet zu sagen, wer welchen Tipp gegeben hat. Ein "Lobby Planet" für Wien.


Lobby Control (Hg.): Lobby Planet Berlin. Der Reiseführer durch den Lobbydschungel. 168 S., € 7,50 plus Versandkosten. Zu beziehen unter: www.lobbycontrol.de


Auskunftspersonen

Hannes Androsch, Wirtschaftstreibender
Christoph Edelmann, Accedo-Chef
Brigitte Ederer, Siemens-Österreich-Chefin
Michael Fleischhacker, Presse-Chefredakteur
Alexandra Föderl-Schmid, Standard-Chefredakteurin
Thomas Hofer, Politikberater
Joe Kalina, Unique-Relations-Chef
Christian Konrad, Raiffeisen-Chef
Christoph Leitl, WKÖ-Präsident
Andreas Mailath-Pokorny, Wiener Kulturstadtrat
Reinhold Mitterlehner, Wirtschaftsminister
Peter Menasse, Communication-Matters-Chef
Claus Pandi, Krone-Österreich-Chef
Wolfgang Rosam, Rosam Communications
Siegmar Schlager, Falter-Geschäftsführer
Beatrix Skias, Hochegger/Com-Chefin


Orte

Kronen Zeitung 19., Muthgasse 2 Spitzentipp vieler Befragter - nur am Ort selbst gibt man sich bescheiden: Hans Dichands Worte
von der Krone als "Vorhof der Macht" sind legendär. Ganz so
vorhofseitig scheint die Wahrheit aber nicht zu liegen:
Kürzlich machte SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied ihre
Aufwartung, um für Unterstützung im Lehrerstreit zu werben -
erfolgreich, wie Krone-Berichte zeigten. Und auch Bundeskanzler
Faymann wandelte schon über die schmucklosen Linoleumböden der
Muthgasse

krone
Foto von Heribert Corn


Café Landtmann 1., Dr.-Karl-Lueger-Ring 4 Spitzenreiter fast
aller Befragten. "In Deutschland wäre es undenkbar, an einem
Ort geballt viele Entscheidungsträger und Medienleute zu
treffen", sagt eine Journalistin. Ein PR-Fachmann ergänzt: "Wer
wissen will, was am nächsten Tag an Politikinterviews in den
Tageszeitungen steht, braucht nur ins Landtmann zu gehen." Eine
Trendwende könnte sich aber abzeichnen: "Man muss ja schon fast
Angst haben, wer neben einem sitzt", sagt eine andere
PR-Expertin. "Versierte weichen daher in Hotellobbys aus"

Die Lobby 1., Löwelstraße 20 Gleich neben dem Landtmann liegt das Veranstaltungslokal der Agentur Accedo, in dem man - laut
Homepage - "höchst diskret über die wirklich wichtigen Themen
reden kann". Ein "Ort der absoluten Verschwiegenheit", der
besonders von Geschäftsleuten geschätzt wird

Konditorei Sluka 1., Rathausplatz 8 Ein Hot Spot für
Gemeindebeamte und alle, die mit der Gemeinde Wien befasst sind

Ministerrat im Kanzleramt 1., Ballhausplatz 14 Jeden Dienstag warten Journalisten auf das Ergebnis der Ministersitzung. Das Foyer dient für Informationen aus der Spitzenpolitik. Und nach
der Pressekonferenz lassen sich Politiker zum Gespräch abfangen

Restaurant Kanzleramt 1., Schauflergasse 6 Hier, unweit der
großen Amtsgebäude, treffen sich vor allem Politinsider und
Politiker

Parlament 1., Dr.-Karl-Renner-Ring 1-3 Vor einigen Jahren
wollte ein Branchenverband einen eigenen Lobbyingraum im
Parlament etablieren, samt Lobbyisten-ID für den Eintritt ins
Hohe Haus. Andreas Khol, damals Nationalratspräsident, lehnte
ab: Mit normalem Besucherpass und regulärem Termin gehe es doch
ebenso gut

Restaurant Novelli 1., Bräunerstraße 11 Hier finden sich vor
allem Regierungsmitglieder und Geschäftsleute ein

Bar im Hotel Bristol 1., Kärntner Ring 1 Ende der 90er traf
sich hier monatlich der Lombard-Club, die Generaldirektoren
österreichischer Banken, zum Plaudern über Einlagenzinssätze,
Kreditzinsen, Gebühren, Geldtransfers und Exportfinanzierungen
- die übereifrige EU nannte das gleich Kartellbildung. Bis
heute beliebt, auch bei Krone-Chef Dichand

Zum Schwarzen Kameel 1., Bognergasse 5 Die diskreten Nischen des Haubenlokals bilden einen beliebten Treffpunkt für
Politiker und Geschäftsleute

Fabios 1., Tuchlauben 6
Der Klassiker mit großem Wintergarten
und exorbitanten Preisen. "Sehen und gesehen werden. Nichts für
intime Treffs", sagt ein PR-Profi

Café Korb 1., Brandstätte
Hier treffe sich, sagt eine
Journalistin, "vorzugsweise die Klientel aus dem künstlerischen
und linken Bereich"

Raiffeisen-Haus 2., Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1
"Im
Büro von Raiffeisen-Chef Christian Konrad laufen die Fäden von
Politik, Wirtschaft und Medien zusammen", sagt ein Journalist.
Und auch der Generalanwalt höchstselbst antwortet freimütig auf
die Falter-Frage nach Orten, wo sich Meinungs- und
Entscheidungsträger treffen: "Das Raiffeisen-Haus Wien"

Prater-Hauptallee 2., Prater Beim Joggen kommen die Leute
zusammen, sagt ein Politiker. Und dafür sei die Hauptallee
ideal

hauptallee
Die Hauptallee, Foto von Heribert Corn


Café Engländer 1., Postgasse 2 Das Café Engländer ist bei
Kulturschaffenden, Werbeleuten und Medien, insbesondere dem
ORF, ein beliebter Treffpunkt

Do&Co Haas-Haus 1., Stephansplatz 12 Laut einem PR-Profi ist das hochgelegene Restaurant "der bevorzugte Platz einiger
Topeinflussgrößen", vor allem aus dem Bankensektor

Café im Hotel Imperial 1., Kärntner Ring 16
Ins Imperial-Café
weichen laut PR-Fachfrau jene aus, denen das Café Landtmann zu
voll und indiskret ist. "Hier findet man fast alle großen
Wirtschaftstreibenden"

Zigarrenclub 3., Neulinggasse 37
Das Veranstaltungslokal der
Agentur Pleon Publico wurde von PR-Profi Wolfgang Rosam
gegründet


Erschienen im Falter 19/09

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Kurz besprochen

Ob ein Leben spannend ist oder nicht, hängt nicht von seinem Verlauf ab. Sondern von seiner Darstellung. Das weiß jeder, der Harald Martenstein liest. Allwöchentlich schreibt der Mainzer Journalist und Romancier eine Kolumne im Zeit-Magazin, sie gilt als eine der besten im deutschen Sprachraum. Jetzt fasst "Der Titel ist die halbe Miete" die gelungensten dieser Stücke zusammen.

"Mehrere Versuche über die Welt von heute", lautet der Untertitel, aber es sind keine Versuche: Es sind Bravourstücke. Was der Kolumnist Harald Martenstein anfasst, wird zu Gold, so pointiert, so witzig, so herrlich über- oder untertrieben ist es. Wenn er Gott und den Teufel ins Rennen um Google-Treffer schickt, wenn er ein System in der Abfolge der Liebesbeziehungen von Carla Bruni in deren präpräsidentialer Phase sucht oder wenn er über seinen groß gewordenen Sohn räsoniert, der vom Erasmus-Jahr in Australien zurückgekehrt ist und jetzt chillt.

Martenstein ordnet scheinbare Banalitäten in den Kontext der Lebens- und Gedankenwelt unserer Zeit ein, er deutet sie um, wortgewaltig und lakonisch. Und umreißt damit diese Welt der 1000 Informationen und Kommunikationen. Was fast niemandem in deutschsprachigen Medien so brillant gelingt wie ihm.

Harald Martenstein, Der Titel ist die halbe Miete. C. Bertelsmann, 176 S., € 16,50

Erschienen im Falter 19/09

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