Freitag, 31. Oktober 2008

Das Prinzip Disco

Hier wird gesoffen. Hier wird geprotzt. Hier fischt H. C. Strache nach jungen Wählern. Ein Abend in der Großraumdisco

Reportage: Joseph Gepp


Oida", beginnt der Bursche mit der Stoppelglatze, während er auf dem Praterstern auf das Grün der Ampel wartet. "Warst du Prater Dome?"

Er hört die Antwort gar nicht, denn er will von einem Triumph erzählen. "Schau mal." Der Bursche, 19, zupft ein silbergraues Plastikband von seinem Arm. Der Kaugummi, mit dem er es dort verklebt hat, zieht sich in die Länge. "Weißt du, was das ist? Das ist ein VIP-Band." Am Ausgang der Großraumdisco habe er einen Gast überredet, ihm das Bändchen weiterzugeben. "Hab nur eine Kopfnuss dafür kassiert."

Das VIP-Band, das er jetzt fein zusammenfaltet und in die Tasche schiebt, hat dem Burschen das Tor zum Glück geöffnet. "Saufen, so viel du willst. Gratis. Den ganzen Abend. Das war geil." Er lächelt. Die Ampel schaltet auf Grün, er eilt davon.

Der Prater Dome, das Heilsversprechen im Stroboskopflimmer. Vergangene Woche hat im Prater Österreichs bislang größte Diskothek aufgesperrt. Sie ist gleichzeitig unter den fünf größten Europas. Das "Grand Opening" war wochenlang in der Stadt plakatiert gewesen. Jetzt ist der Ort innerhalb einer halben Stunde voll.

Der Prater Dome, das multithematische Entertainmentcenter. Wer es kitschig mag, dem bietet der Eingangsbereich, das "Schloss Platz'l", Mittelalterstil wie Cinderellas Castle in Disneyland. Wer Rustikales bevorzugt, kann im "Almrausch-Stadl" zwischen Pferdegeschirr und Hüttengebälk zu Schlagern tanzen. Und wer sich für Glamour mit einem Hauch von Elite begeistert, dem steht "Vienna One" zur Verfügung, die größte der fünf Tanzflächen. Dort winden sich Artisten und Go-go-Mädchen vor einer aufwändigen Rokokokulisse.

Der Prater Dome, das sind Luster, Kirchenfenster und klassische Statuen. Burgzinnen, Balustraden, Barockgemälde. Nichts ist echt, aber alles glitzert.

Einige bekannte Fußballer sind zur Eröffnung gekommen, und irgendwo steht FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, er schüttelt Hände und herzt blonde Frauen, ganz in seinem Element.

Um 22.30 Uhr reicht die Menschenschlange draußen schon halb über den neugebauten Riesenradplatz. Ein roter Teppich zwischen zwei marmornen Löwen führt zum Discoeingang. Die wartenden Männer stehen breitbeinig da, die Frauen tragen Korsetts, die die Figur betonen. Tiefe Dekolletés, Haargel, Solariumbräune, Muskelshirts. Legere schwarze Edeljacketts über weit offenen Hemden wollen Spendierfreudigkeit versprechen. Das weibliche Personal trägt knappe Fantasieuniformen. Das soll die Erwartung auf das anheizen, was drinnen nachkommt.

Im Inneren wird man an der Kassa fotografiert und bekommt eine Chipkarte. Damit gibt's an den Bars die Getränke. Gezahlt wird beim Rausgehen, alles zusammen. Das Foto dient der Identifizierung beim Verlust der Karte. Die Discobetreiber versichern, die Daten würden gleich nach Betriebsschluss wieder gelöscht.

Wer den Prater Dome betritt, kann seine alte Identität - und seine finanzielle Situation - tief in der Tasche stecken lassen. "Reingehen, Spaß haben und Geld eine Zeitlang keine Rolle spielen lassen", sagt die Jugendkulturforscherin Rosa Reitsamer von der Universität für angewandte Kunst, "das ist das Prinzip solcher Diskotheken."

Zwei Tage später schaut der Prater Dome noch größer aus als bei der Eröffnung. Es ist Nachmittag, menschenleer. Letzte Nachbesserungen werden verrichtet, österreichische und deutsche Bauarbeiter necken sich gegenseitig beim Löten.

Holger Pfister, 40, aus Bayern, Geschäftsführer der deutschen MPC-Gruppe, führt durch den Betrieb. Mehr als 30 Lokale betreibt MPC, europäischer Marktführer bei Großraumdiskotheken, im deutschen Sprachraum. Prater Dome ist das Flaggschiff, am größten und teuersten, mit der aufwändigsten Laseranlage Österreichs.

3500 Quadratmeter Fläche habe sein Lokal, sagt Pfister, mit bis zu 4000 möglichen Besuchern und 110 Angestellten an einem Abend, darunter 70 Kellner, zwölf Securities und acht Go-go-Tänzerinnen. Die beiden Polizisten, die bei den Veranstaltungen anwesend sein müssen, stehen sogar auf der Gehaltsliste des Betriebs.

Jetzt, ohne Gedränge, entfaltet es sich erst richtig, das überladene Gewirr an Dekoration: Ritterrüstungen, goldumrahmte Bilder im Stil Rubens', Doppeladler-Standarten, eine Bücherrückenreihe wie aus Harry-Potter-Filmen. Im "Almrausch-Stadl" blickt die Büste einer halbnackten Sennerin auf den "Schürzenjäger-Platz".

"Wenn man auf die roten Luster schaut, dann ist das einerseits eine schwülstige, sexualisierte Gestaltung", sagt die Wissenschaftlerin Reitsamer. "Andererseits hat es einen sakralen Beigeschmack, das Hallenhafte und Tranceartige von Kirchen. Das Mittelalter ist vermeintlich düster und geheimnisvoll. Deshalb Kirchenfenster und Burgzinnen."

"Die Deko erzeugt Wärme und Gänsehautgefühl", sagt Holger Pfister, während er an einer Tischreihe im maurischen Stil vorbeiführt. Dann zeigt er in der VIP-Zone auf das Bild eines Formel-1-Wagens an der Wand, gesponsert von Red Bull. Die Autoschnauze bewegt sich mit, wenn der Betrachter vorbeigeht. "Da steckt viel Arbeit im Detail", sagt er.

Erich Schramm, Pfisters Kollege, ebenfalls Bayer, Gründer von MPC und Gestalter des Prater Dome, erzählt, dass die Kopien der barocken Gemälde aus China eingeschifft worden seien. "Spätnachts fällt so was den Gästen gar nicht mehr auf", sagt Schramm. "Dann arbeitet die Laseranlage ohnehin voll, und die Leute schauen auf die Frauen. Aber wenn der Gast um 22 Uhr kommt und noch nicht alles voll ist, dann soll ihn die Dekoration beeindrucken." Schramm redet von sinkenden Geburtenraten. Rund halb so viele Menschen unter 30 wie über 30 gebe es heute. "Der Markt ist schwierig." Jede zweite Gaststätte im deutschen Sprachraum - vom Haubenlokal über die Disco bis zum Beisl - sperre innerhalb von vier Jahren wieder zu.

Deshalb die Größe der Disco, deshalb die verschiedenen Themenbereiche. "Wir wollen 90 Prozent der Zielgruppe abdecken", erklärt MPC-Chef Holger Pfister. "Nichts ist tödlicher als eine halbleere Disco. Darum ist der Prater Dome so aufgeteilt: Wenn wenig Leute kommen, machen wir einfach eine Galerie zu oder schließen einen Raum. Und ruck, zuck ist die Größe halbiert." Und die Hütte wirkt voll.

"Die Zeiten, wo man Stützbalken durch ein Gebäude zog, Scheinwerfer dranhängte und eine Anlage aufstellte, sind vorbei", sagt Pfister. "Die Leute sind anspruchsvoll geworden." Der Kuchen wird kleiner, da sind innovative Konzepte gefragt. Der Kuchen sind rund 60.000 junge Menschen, die an einem durchschnittlichen Herbstwochenende in Wien ausgehen. Zehn Prozent davon sind sogenanntes Szenepublikum, mit starkem Hang zu bestimmten Musikrichtungen und Lebensstilen. 90 Prozent wollen sich hauptsächlich amüsieren. Ihnen bietet die Großraumdisco ein Gesamterlebnis aus Musik, Gestaltung und - Alkohol mit möglicher Partnerwahl. "Ein forciertes Eintauchen in eine andere Welt" nennt das die Wissenschaftlerin Reitsamer. "Die Shoppingmall im Discoformat. Hier findet man alles."

Die zehn Prozent Szenepublikum hingegen legen größeren Wert auf die Musik. Sie gehen etwa ins Flex am Donaukanal, ins Fluc am Praterstern oder in die Gürtelbögen. In diesen Lokalen funktioniert noch das Prinzip der Stützbalken mit Scheinwerfern und möglichst guter Tonanlage. Dafür ist die Szene-Zielgruppe kleiner, die Gewinnspanne geringer - und von einem DJ erwartet man mehr als im Prater Dome.

Lokale wie Flex, Fluc oder Arena haben sich aus Vereinen oder besetzten Häusern entwickelt. Lokale wie der Prater Dome werden mit Glanz und Gloria eröffnet. Es ist der alte Konflikt zwischen künstlerischer Qualität und freiem Markt, der hinter den beiden Konzepten durchleuchtet. Protz und Massenabfertigung rechnen sich besser als Stützbalken und die neueste Band aus dem New Yorker Untergrund.

Dabei haben sich gerade die Vorgänger des Prater Dome im Minderheitenmilieu entwickelt: In den 50er-Jahren spielten noch Livebands für die Gäste in amerikanischen Tanzcafés. Schwule und Schwarze begannen später, Schallplatten aufzulegen und DJs zu engagieren. Für Livemusik fehlte ihren Treffpunkten das Geld. Die Disco wurde so in den 70er-Jahren zur Billigvariante der Abendunterhaltung.

Und aus der Angewohnheit, die Tonträger nicht nur aufzulegen, sondern Lieder durch händisches Bewegen der Schallplatte zu verändern, entwickelte sich später die elektronische Musik. Sie ist heute der dominierende Stil der europäischen Unterhaltungsindustrie. Die Notlösung Diskothek wurde zur gebräuchlichsten Form des städtischen Ausgehens.

Als im Prater Dome spätabends die Refrains der deutschen Elektroband Scooter über die große Tanzfläche schallen, heben hunderte synchron die Arme und brüllen mit. "Wo sind die Ladys?", schreit der DJ, die Ladys kreischen.

Im Kunstnebel, Zigarettenrauch und Laserlicht verschwimmen die Formen der einzelnen Besucher, ein wippender Kopf da, eine an den Mund gehobene Bierflasche dort. Lichter, Leiber, Lebensfülle, die Discogemeinschaft ist entstanden, die protzigen Gesten des Einzelnen gehen auf in der Selbstvergessenheit der Masse, die Chipkarte griffbereit in der Tasche.

"Die Architektur, Themenbereiche, Größe, das alles sagt: Hier sind alle willkommen. Von Techno bis Almrausch findet jeder Platz", sagt Rosa Reitsamer. "Das ist aber eine Illusion: Man muss konsumieren. Der Dresscode zählt. Und oft wird nach Hautfarbe oder Geschlecht selektiert."

Selektiert wird nicht nur durch den Türsteher, sondern auch durch kreative Preispolitik: Donnerstags findet im Prater Dome der "Ladies First"-Abend statt. Bis Mitternacht werden Frauen dann freier Eintritt und ein paar kostenlose Getränke gewährt. Und dann, um zwölf Uhr, wenn sie hübsch betrunken sind, dann lässt man die Männer rein.


Private Polizisten? Ist es normal, dass staatliche Polizisten
ihren Lohn von privaten Discobetreibern erhalten? Laut MPC-Chef
Holger Pfister zahlt seine Firma den beiden Polizisten, die im
Prater Dome Wache schieben, einen "Stundensatz". Auf
Falter-Nachfrage gibt die Wiener Polizei bekannt, dass bei
großen Veranstaltungen tatsächlich der Veranstalter für den
"Inspektionsdienst" der Beamten aufkomme. Im Fall Prater Dome
bezahlt MPC für drei Tage polizeilichen Dienst, jeweils
zwischen 22 und 4 Uhr. Laut Polizei ist das auch in anderen
Lokalen dieser Größe der Fall


Erschienen im Falter 44/08

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STADTRAND: Das Museumsquartier. Ein herbstliches Loblied

Die letzten Tage waren noch sonnig, jetzt aber wird es grau. Und die meisten der doch recht vielen Vorzüge dieser Stadt (zum Beispiel Schanigärten oder Grünraum) erstickt dann die monatelang feindliche Wetterfront im Keim. Daher soll hier - bevor das bis Frühling in Vergessenheit gerät - noch eine schöne Wiener Institution gelobt werden: das Museumsquartier. Ob man nun die Architektur - halb klassisch, halb modern - mag oder nicht, ob sie zu brav oder zu gewagt ist: Das MQ läuft hervorragend. Es schafft urbanen Raum, in dem man konsumieren kann, aber nicht muss. Es bietet städtischen Platz, sozusagen ohne aufgedrängten Zweck und Hintergedanken. Die Sitzgelegenheiten sind bequem, die Beisln preiswert, die Werbung stört nicht. Im Blickfeld liegen kulturelle Einrichtungen und keine Shops. Und wer das Boboeske des MQs beklagt, der möge einmal hingehen: Hier mischt sich das Publikum, viele sitzen nur herum. Man muss ja nicht gleich ins Mumok oder Café Leopold. So sollte eine Stadt sein. Halten wir uns daran fest in Zeiten novembergrauer Unwirtlichkeit.

Erschienen im Falter 44/08

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"Bestens informiert" oder lieber doch nicht?

Bitte keine Werbung: Wie die Post mit einer Werbeaktion Reklameverweigerer zum Umdenken bewegen möchte

Bericht: Joseph Gepp

An diesem Tag finden sich neben Briefen und Rechnungen im Postkasten: ein Billa-Prospekt, ein Bauhaus-Prospekt, Winterreifenwerbung, eine Einladung zum Kieser-Training-Schnuppertag, eine Bezirkspostille, ein Flugblatt mit den "Top-Neuheiten" einer Elektronikkette. Und "Schecks" für die Tageszeitung Österreich im Wert von 50 Cent pro Exemplar, inklusive Glamour-Heftchen und Fernsehprogramm.

Viel Müll, wenig Informationen. Für eine Großfamilie mag es sich rechnen, den Stapel durchzuarbeiten und herauszufinden, wo ein Gutschein Ersparnis bringt oder ein Produkt billiger ist. Im Normalfall aber liegt der Aufwand weit über dem Ertrag.

Wer nun den Postler per handgeschriebenem Zettel darum bittet, die Werbeflut am Briefkasten vorbeizuleiten, wird keinen Erfolg haben. Eine eigene Agentur sei für die Verwaltung der Adressen von Werbeverzichtern zuständig, erklärt die freundliche Frau bei der Post-Hotline. Ein Brief sei daher zu schreiben (Kennwort "Werbeverzicht", Postfach 500, 1230 Wien). Dann kommt man auf eine Liste. Und danach erst wird das ersehnte Pickerl zugestellt: "Bitte keine Werbung".

Die Post allerdings sieht derlei potenzielle Konsumverweigerung nicht gerne. Aus diesem Grund läuft momentan eine große "Informationskampagne". "Bestens informiert" lautet ihr Name.

Per Zusendung sollen alle werbefreien Haushalte davon überzeugt werden, ihre Anti-Werbung-Aufkleber abzukratzen. Wahlweise kann auch ein "Bestens informiert"-Pickerl darübergeklebt werden.

"Nutzen Sie noch heute Informationsvorsprung durch Prospektwerbung", steht in der Zusendung. Und: "Riskieren Sie ab sofort wieder einen Blick in die Fülle von Einkaufsvorteilen und Sparangeboten." Wem das noch nicht Anreiz genug ist, den locken zusätzlich Warengutscheine im Wert von 170 Euro und die Teilnahme an einem Gewinnspiel um eine Städtereise "in eine der angesagtesten Shopping-Metropolen Europas".

Wer die Antwortkarte ausfüllt und seinen Werbeverzicht rückgängig macht, der gibt gleichzeitig mittels kleingedruckter Klausel am unteren Seitenrand die "ausdrückliche Einwilligung" zur "Weitergabe der oben angeführten Daten für Marketingzwecke".

"Wir verdienen ja an Produktwerbungen", erklärt Konzernsprecher Michael Homola die Gründe der Kampagne. "Wenn jemand eine Postwurfsendung in Auftrag gibt, dann liegt es im Interesse der Post, dass möglichst viele Menschen die Aussendung bekommen." Und die Weitergabe der Adressen erfolge "ausschließlich an Kooperationspartner dieser Kampagne, also zum Beispiel an TUI, das die Städtereisen organisiert".

Vier Tage später ist das "Bitte-keine-Werbung"-Pickerl endlich da. Jetzt liegen keine Prospekte mehr im Postkasten. Dafür Rechnungen und ein persönlich adressierter Brief von der Wien Energie, der auf das "langfristig steigende Preisniveau" bei Strom und Gas hinweist. Eigentlich auch nicht ideal.


Erschienen im Falter 44/08

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Heiliger Bimbam

Ab 26. Oktober wird vieles neu bei den Wiener Straßenbahnen. Ein Überblick

Bericht: Joseph Gepp

Wer den Netzplan der Wiener Straßenbahnen betrachtet, der könnte Wien glatt für eine Weltstadt halten. Da vermischen sich die Farben, da kreuzen sich die Linien, und keine Station ist weit von der nächsten entfernt. Der Großteil des Netzes wurde vor rund 100 Jahren angelegt, als Wien tatsächlich noch Weltstadt war: 31 Linien sind es heute, mit 230 Kilometern Gesamtlänge und einer Kapazität von 200 Millionen Passagieren pro Jahr. Und in der Mitte des Ganzen tuckern die ehrwürdigen Linien 1 und 2 mit der und gegen die Einbahnrichtung der Ringstraße.

Diese Ringlinien seien inzwischen obsolet, finden die Wiener Linien. Und die Fahrgäste würden zu oft zum Umsteigen gezwungen. Mit dem Nationalfeiertag, 26. Oktober, ist die kreisrunde Streckenführung des Einsers und Zweiers daher Geschichte. Die Linie 1 wird künftig am Stefan-Fadinger-Platz in Favoriten beginnen und in der Prater-Hauptallee enden, die Linie 2 beginnt am oberen Ende der Ottakringer Straße und endet am Friedrich-Engels-Platz in der Brigittenau.

Die neuen Strecken ersetzen damit die alten Linien J, N und 65. Beide Straßenbahnen, sowohl 1 als auch 2, passieren trotzdem das Stadtzentrum: Sie fahren nun in jeweils beide Fahrtrichtungen der Ringstraße, gemeinsam decken sie den gesamten Ring ab - allerdings nicht, wie bisher, jede für sich. Wer in Zukunft etwa von der Universität zum Stadtpark will, muss bei der Urania oder beim Schwarzenbergplatz umsteigen. Dafür kann der Tourist beispielsweise von der Oper direkt zum Hundertwasserhaus fahren. Aus "Rund-" werden "Durchgangslinien", wie die stadtplanerische Fachdiktion das nennt.

Demnächst folgen weitere Änderungen: Der D-Wagen zwischen Nußdorf und Südbahnhof wird ab 2009 zur "Linie 3", der 71er zwischen Schwarzenbergplatz und Zentralfriedhof in Simmering wird bis zur Börse verlängert und in "Linie 4" umbenannt. Frequenz und Intervalle bleiben zumindest gleich, versichern die Wiener Linien.

Mit dem Verschwinden von J, N und D sind auch Buchstaben als Bezeichnungen für Straßenbahnlinien Vergangenheit. Früher bezeichneten sie Rundlinien, die später in Richtung Stadtrand abzweigen. Der D-Wagen ist ein Beispiel dafür: Er fährt einen Großteil des Rings entlang, bevor er nach Nußdorf hinaufbiegt. Buchstaben lassen sich allerdings in der Verkehrstechnik der Wiener Linien nicht elektronisch codieren. Im internen Sprachgebrauch des stadteigenen Betriebs wurden sie daher längst durch Nummern ersetzt: Der D-Wagen ist dort etwa der "36er", der O-Wagen der "70er". Als kleine Reminiszenz an die weltstädtische Vergangenheit bleibt Letzterer immerhin als O-Wagen erhalten - denn das O, sagen die Wiener Linien, würden die meisten Touristen ohnehin als eine Null missinterpretieren.

Grüne und ÖVP warnen davor, dass die Touristen künftig statt der alten Linie 1 oder 2 Sightseeing-Busse nehmen könnten. Ein innerstädtischer Verkehrskollaps, so die Rathausopposition, wäre die Folge. Vergangenen Freitag zogen die Wiener Linien die Konsequenzen: Sie kündigten zusätzlich zu den neuen Strecken die Einführung einer "Touristen-Bim" an. Sie soll ab April 2009 als nichtregulärer Teil des Straßenbahnnetzesverkehren, täglich zwischen zehn und 18 Uhr, mit Kopfhörern und kleinen Bildschirmen ausgestattet. Das wird dann noch eine Linie mehr auf dem schönen Plan mit der weltstädtischen Anmutung.

Erschienen im Falter 43/08

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Kaisers Mühlen


Wie ein Knochensplitter von Kaiser Karl I. mit k. u. k. Ehren in die Kirche von Kaisermühlen kam


Reportage: Joseph Gepp

Das Stück kaiserlichen Mittelhandknochens wurde auf der portugiesischen Insel Madeira aus dem Grab von Karl I. geholt. Dann ging es per Flugzeug nach Belgien, wo die verbliebenen Mitglieder der Familie Habsburg seine Echtheit zertifizierten und die zukünftige Verwendung absegneten. Danach landete der Knochen per eingeschriebenem Paket auf dem Schreibtisch der Pfarre von Kaisermühlen.

Jetzt liegt er hier, im Empfangsraum des Pfarrers, auf einem Polster mit rot-weiß-roter Schärpe. Ein millimetergroßer gelblich-weißer Splitter in einer Schatulle aus Gold und Glas. Der Stoff am Boden des Gefäßes ist mit Goldfäden und Samt durchwirkt, Edelsteine rundherum formen einen Kreis. Darunter auf Lateinisch: "Aus den Gebeinen des seligen Karls aus dem Hause Österreich, sein Kaiser und Bekenner."


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Foto von Julia Fuchs


Karl I. regierte nur zwei Jahre, von 1916 bis 1918. Er starb 1922 halb vergessen in seinem Exil auf Madeira. Historiker sehen in ihm vor allem jenen Mann, der die Fußstapfen seines Vorgängers Franz Joseph nicht ausfüllen konnte, sodass mit Kriegsende 1918 die Donaumonarchie zerfiel.

Für kirchliche Kreise und Habsburg-Nostalgiker liegt der Fall etwas anders: Ein Mann des Friedens soll Karl gewesen sein, tief religiös, von Menschenliebe durchdrungen. Jahrzehnte nach seinem Tod wurde angeblich sogar eine Nonne von einem Venenleiden geheilt, nachdem sie Karl in ihren Gebeten um Hilfe angerufen hatte. "Andere haben auf den Kommandostellen den Tod von Zehntausenden geplant. Er hat im Schützengraben neben den Soldaten gelegen und geweint", sagt Karl Regner, 59, pensionierter ÖVP-Bezirkspolitiker und erklärter Freund Karls. 2004 wurde der einstige Kaiser selig gesprochen. Seit 2006 macht sich Regner für eine Karl-Reliquie in Kaisermühlen stark.

Vergangenen Sonntag war sie dann da. Bereit zur feierlichen Überführung vom Pfarrhaus in eine eigens renovierte Seitenkapelle der Kaisermühlner Herz-Jesu-Kirche. Ein Festgottesdienst ist angesetzt. Böllerschüsse hallen schon um acht Uhr morgens über die Dächer der Gemeindebauten.

Alte Herren haben die Uniformen ihrer Väter angezogen. Bestickte Standarten mit Doppeladlern werden ausgerollt. Husaren, Dragoner, Deutschmeister, alle sind sie gekommen, Menschen in historischen Uniformen, die weißen Armeehandschuhe elegant umklammert, die Paradedegen um die Hüften geschnallt. Ein alter Mann mit goldglänzendem Helm hält ein Schild hoch, "Compagnia Trieste". Die Soldaten stehen zusammen. Das Einzige an ihnen, was ans Jahr 2008 erinnert, sind die Lucky Strikes zwischen ihren Fingern.

Sie unterhalten sich auf Deutsch, Ungarisch oder Italienisch. Mehrere Busse seien gekommen, sagt Karl Regner stolz, Traditionsverbände aus Österreich, Italien, Südtirol, Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik, "Delegationen aus allen Kronländern".

Dann nehmen die Soldaten Aufstellung, der Pfarrer tritt samt Reliquie auf dem Polster aus der Pfarrhaustür. Ein Herr mit aufgezwirbeltem Schnurrbart erklärt noch schnell, dass man den Unterschied zwischen dem Dragonerregiment Nr. 2 und 3 an der Farbe des Rockaufschlags erkenne. Dann setzt sich der Zug in Bewegung.

Ganz vorne eine Trachtenkapelle, dann die Soldaten, dann die Reliquie inmitten einer Gruppe von Kirchenleuten. Die Standarten wehen, die Monarchisten stehen stramm. An der Fassade der schlichten Basilika aus dem späten 19. Jahrhundert hängt groß das Konterfei Karls. Etwas abseits steht der SPÖ-Bezirksvorsteher der Donaustadt; "innerlich zerrissen" sei er hier, sagt er. In der Predigt erklärt der Pfarrer, der Name Kaisermühlen komme ja von "des Kaisers Mühlen". Man sei hier schon immer Habsburg verbunden gewesen, er heiße also die Reliquie herzlich willkommen.

"Wird Kaisermühlen zum Wallfahrtsort?", fragte ein Gratisblättchen des Rathauses schon vor zwei Jahren. "Mit Gottes Hilfe wird das vielleicht möglich sein", sagt Karl Regner. Kaiser Karl habe eine große Anziehungskraft bei Gläubigen und Traditionalisten. Die Geschäftsleute und Hoteliers würde es außerdem freuen. "Ein Trafikant hat mich schon wegen möglicher neuer Ansichtskartenmotive gefragt." Außerdem gebe es da ja auch noch den Babenbergermarkgrafen Leopold, Landespatron von Wien und Niederösterreich. Dessen Reliquie liegt unter dem Hauptaltar der Kirche.

Erschienen im Falter 43/08

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