Montag, 20. Oktober 2008

Fünf Minuten Ruhm

Nadine Beiler zog aus, um eine berühmte Sängerin zu werden. Das Phänomen Starmania und seine Folgen

Reportage: Joseph Gepp/Innsbruck

Fotos: Robert Parigger/Tiroler Tageszeitung

Das gibt’s doch nicht, sagt Nadine Beiler, jetzt habe dieser Pianist doch tatsächlich ihre Jacke versehentlich mitgenommen. Und falsch gespielt habe er auch die ganze Zeit, „jetzt flipp i glei wieda aus“.

Nadine kommt gerade von einem Kindergeburtstag, aber nicht von irgendeinem. Ein Hotelier, einer der reichen und bekannten in Tirol, Besitzer des Alpenkönig mit fünf Sternen nahe dem Städtchen Seefeld, hat zum zehnten Geburtstag seiner Tochter ein Fest ausrichten lassen. Eine abgedunkelte Veranstaltungshalle im Hotel gehört an diesem Tag nur seiner kleinen Sophie. Luftballons kullern am Boden, ostdeutsche Kellnerinnen zwängen sich in enge Tiroler Dirndln, ein Koch steht am Buffettisch und schiebt Erdbeerhälften ins süße Gefälle eines Schokoladebrunnens.

Die Tiroler Schickeria ist gekommen, da hinten sitzen die Swarovski-Erbinnen, und während die Kinder herumtollen, unterhalten sich die Eltern an den Tischen, die Beine übereinandergeschlagen, das zur Krawatte passende Sacktuch im Jacketttäschchen.

Nadine Beiler, 18, sitzt auf einem Barhocker auf der Bühne, hinter ihr der Keyboardspieler, der später ihre Jacke einpacken wird. Sie drückt die Hand der strahlenden Sophie und interpretiert mit souliger Stimme Happy Birthday to You. Nadine wurde engagiert, um die Karaokeshow der Kinder mit ein bisschen echter Musik aufzulockern. Love of My Life von Queen singt sie, dann Stand by Me. Manchmal presst sie zwei Finger hinters Ohr. Ihr Manager erklärt dann, dass sie so einen Ton herausbringe, den sonst kaum jemand schaffe in der europäischen U-Musik.

Dass sich der Pianist verspielt, bemerkt kaum jemand. Nadine Beiler gleicht seine Fehler mit ihrer Stimme aus. Sie klingt durchdringend, schwingend, voluminös. Aber die Umstände des Festes führen dazu, dass das den Leuten nicht sonderlich auffällt. 20 Kinder sitzen am Bühnenrand, sie spielen mit Luftballons, lutschen an Twinnis und Jollys. Manchmal verdrehen sie die Köpfe und schauen mit großen Augen zur Sängerin. Sie haben schon gehört, dass Nadine irgendwas Besonderes sein soll.


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Ein Jahr, acht Monate und 14 Tage früher sind alle Augen auf sie gerichtet. Sie war ihrem Traum so nahe, wie sie es vielleicht nie wieder sein wird. Damals spielte sie für tausende Zuschauer und Unzählige vor den Fernsehschirmen. Der Saal jubelt. Glitter regnet von der Decke. Künstlicher Wind fährt durch ihr Haar, als sie Bridge over Troubled Water singt.

Per Videoschirm ist ihr Heimatort Inzing nahe Innsbruck zugeschaltet. Dort springen die Menschen vor Begeisterung in die Luft oder kneifen die Lippen zusammen vor Spannung. Einer sagt: „So einen Tag wird Inzing nie mehr erleben.“

Nadine, damals 16, gewann am 26. Jänner 2007 die dritte Staffel der ORF-Castingshow „Starmania“. Sie wird sofort von Journalisten umringt. Noch Wochen später wird sie Interviews geben, Auftritte absolvieren und immer wieder Autogramme verteilen. Im Moment des Sieges juchzt sie, vergräbt ihr Gesicht vor Erleichterung in den Händen. „Tief durchatmen, nicht hyperventilieren“, sagt die Moderatorin Arabella Kiesbauer.

A Star Is Born

Nadine hat ihre letzten beiden Konkurrenten aus dem Rennen gekegelt. Sie hat sich durchgesetzt gegen den schmalen 16-Jährigen, der so gern ein kapriziös-glamouröser Homosexueller wäre. Und gegen den breiten 25-Jährigen, der so gern den verruchten Charme eines frühen Frank Sinatra verkörpern würde. Die Menge jubelt. Da steht sie nun. Nadine, das Stimmwunder, das große Gesangstalent, das sympathische Unschuldslamm aus den Tiroler Bergen. Nadine, Nadine, Nadine. A star is born.

Jetzt trippelt sie die Stufen hinunter, vom Hoteleingang zum Auto ihres Managers. Sie wirkt nervös, und ihr ist kalt, weil sie keine Jacke hat.

Hallen füllt Nadine Beiler heute keine mehr. Stattdessen spielt sie auf Geburtstagspartys, beim Linzer Stadtfest, auf der Confetti-Bühne im Wiener Donaupark. Nach „Starmania“ ist sie in ihr Städtchen Inzing, 3000 Einwohner, zurückgekehrt. In Wien war sie im Parkhotel Schönbrunn einquartiert, monatelang, die Schule hat sie für ein Jahr ausgesetzt.

Jetzt wohnt sie bei den Eltern im Kinderzimmer und lernt für die Matura. Auf ihrem Bett liegen zwei Stofftiere, die Minnie-Maus und der Tasmanische Teufel, der sich im Trickfilm immer so schnell dreht. Ein Foto der „Starmaniacs“, wie sie ORF-Werber nennen, steht auf der Kommode. Daneben eine schallplattengroße Autogrammkarte mit ihrem Konterfei und ihrer mädchenhaften Unterschrift.

„Ich bin wieder heimgekommen, aber da war irgendwie nix“, sagt sie. In Wien war sie bekannt, berühmt und begehrt, wenn auch nur für kurze Zeit. Heute wirkt sie abgeklärt. Wenn sie von nun an weiter Karriere machen wolle, dann brauche sie jemanden, „der mir die Meinung sagt“, sagt sie. Sie glaubt jetzt, neue Kraft für ihre Musik gefunden zu haben, durch einen Manager, den sie engagiert hat.

Der Manager, ebenfalls Tiroler, Sportjacke, erdig im Auftreten und direkt im Gespräch, ist eigentlich Sportlercoach. Er war schon Nadines Trainer, als sie als Kind Tennis spielte. Später, Anfang 2008, kam sie zu ihm. Sie wusste nicht mehr weiter, bat ihn um Hilfe. „Ich hab den ganzen Silvester geplärrt, weil ich so ein Scheißjahr gehabt habe“, sagt sie. „Und alle haben nur zu mir gesagt: ‚Warum sollst du ein Scheißjahr gehabt haben? Du hast doch bei „Starmania“ gewonnen.‘“

Nadine hat bei „Starmania“ gewonnen, aber ihr altes Leben verloren. Vielleicht hat sie sich verändert, vielleicht waren es die anderen, die sich verändert haben. Jedenfalls wusste sie nicht mehr, wie sie auf ihre Umwelt reagieren sollte. Das Verhältnis zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bei ihr war gehörig durcheinandergekommen.

„Als ich nach Inzing zurückgekommen bin, habe ich nicht gewusst, ob ich die Leute grüßen soll oder nicht“, erzählt sie. „Wenn ich grüße, dann meinen sie, die hält sich für so wichtig, dass sie jetzt jeder kennen muss. Und wenn ich nicht grüße, dann meinen sie, die ist arrogant. Solche Gedanken kommen dann in dir hoch.“

Das Leben nach der Casting- oder Realityshow ist nicht leicht. Manche der Teilnehmer haben es nicht mehr ausgehalten, sie wollten sich wieder ins Privatleben verkriechen. Andere sind abgestürzt. Die Berühmtheit mit Vorbehalt, die ihnen angeboten wurde, haben sie mit einem langfristigen Versprechen verwechselt.

Berühmtheit mit Vorbehalt


Michael Tschuggnall, erster „Starmania“-Gewinner und einige Wochen 2003 der vielleicht bekannteste Österreicher, studiert heute Informatik und hat sich vorerst von der Musik verabschiedet. „Expedition Österreich“-Sieger Michael Weixelbraun studiert Elektrotechnik. Boris Uran, Dritter beim ersten „Starmania“, war wegen Depressionen und Selbstmordgefahr wochenlang in psychiatrischer Behandlung, heute lebt er zurückgezogen auf der indonesischen Insel Bali. „Taxi Orange“-Gewinner der 2. Staffel, Josef Kendlbacher, kellnert am Klopeiner See. Walter „Wazzinger“ Pirchl, ebenfalls Ex-„Taxler“, soll als BZÖ-Wahlhelfer Parteigeld veruntreut haben, der Staatsanwalt ermittelt außerdem wegen Kindesmissbrauchs. Sein Kollege Robert „Mama“ Höchtl war lange arbeitslos und stürzte fast in die Schuldenfalle, weil er zu lange an eine Karriere im Showgeschäft glaubte. „Bevor ich in meine alte Welt zurückkehre, muss ich noch abklopfen, was für Möglichkeiten ich im Medienbereich habe“, erzählte er vor Jahren dem Magazin News.

Nach vorne haben es die Teilnehmer nicht geschafft, zurück können sie auch nicht mehr. Zweifelsfrei erfolgreich war nur Christina Stürmer von der ersten Staffel „Starmania“. Wer dagegen beim zweiten und dritten Mal sang, geriet bald in Vergessenheit. Nur fehlt der Ruhm demjenigen, der ihn einmal genossen hat.

„Starmania“, die sozialdarwinistischen Festspiele, der glitzernde Zirkus des Konkurrenzdenkens. Die medial unerfahrenen Teilnehmer legen ihre Weltbilder und Emotionen einer Maschine zu Füßen, die Gefühle berufsmäßig produziert. Sie erzählen Privates aus ihrem Leben. Sie werden im Fernsehen umarmt, geherzt, geküsst. Man zeigt Zusammenschnitte über sie, wie sie lachen, wie sie weinen, wie sie jubeln oder nach einer Niederlage zusammensacken.

Dann singen sie, gegeneinander, herausgeputzt wie Christbäume, trainiert zu höchster Professionalität. Die gute Mutter Arabella Kiesbauer applaudiert, der strenge Juror Hannes Eder tadelt. Dann fliegt der Nächste raus. „Ich hatte in letzter Zeit eine harte Phase, weil mein Großvater gestorben ist“, sagt etwa am Ende der dritten Staffel jener Gegenspieler von Nadine, der gerne Frank Sinatra wäre. Und dann, als er als Drittletzter rausfliegt, sagt Arabella: „Wenn dein Großvater jetzt hier sitzen würde, er wäre stolz auf dich.“


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„‚Starmania‘ ist mir wie die geilste Zeit überhaupt erschienen“, sagt Nadine. „Aber der Schein hat getrügt.“ Seit ihrer Kindheit singt sie, immer Englisch, immer R’n’B und Soul. Sie wollte Sängerin werden, etwas anderes existiert für sie nicht. Das erzählt sie in einem Konferenzraum des Hotels, Nadine ist klein und stark geschminkt, ihre Haare sind schwarz, und sie trägt eine schwarze Weste über einem grünen Top.

Sie redet über Enttäuschung und Neuanfang, über die Brüche in ihrem Leben. Sie wirkt dabei zehn Jahre älter. Mit 16 war sie so berühmt wie wenige in Österreich. „Nachher schert sich keiner mehr um dich“, sagt sie. „Die Leute auf der Straße haben mich noch lange nach der Show angestänkert. Sie haben mir ‚fette Sau‘ nachgebrüllt. Es macht dich halt angreifbar, wenn dich jeder kennt.“

Eines Abends, erzählt sie, sei sie in Innsbruck mit ihrer Schwester ausgegangen. Ein Mann habe sie erkannt und ihr einen Ast nachgeworfen. „Wir sind einfach weitergegangen.“ Doch der Mann schmiss einen zweiten Ast nach. „Dann bin ich ausgezuckt. Ich war so zornig wie noch nie.“

Wenn sie abends ein Bier trinke, dann sei sie für den Nebentisch gleich „Alkoholikerin“. Wenn sie eine rauche, sei sie „Kettenraucherin“. „Ich stehe ständig unter Beobachtung. Ich wollte einfach nur blöd sein wie alle anderen. Aber das geht nicht mehr.“

Die Menschen würden sie jetzt aus einem anderen Blickwinkel betrachten, meint Nadine Beiler. „Wenn ich neue Leute kennenlerne, muss ich einmal eine Stunde über ‚Starmania‘ reden“, sagt sie. „Und wenn ich dann mit meinen Eltern über solche Probleme sprechen will, dann kommen nur parteiische und emotionale Kommentare. Und die Freunde – die kennen sich ja gar nicht aus.“

Hochschaubahn der Emotionen

Als „Hochschaubahn der Emotionen, gerade für Junge“ bezeichnet der Medienpsychologe Peter Vitouch von der Universität Wien die Folgen der Show für den Teilnehmer. „Es hängt von der Unterstützung durch Freunde und Familie ab, ob man das Nachleben problemlos durchstehen kann.“ Vitouch schlägt psychologische Betreuung für die Alt-Starmaniacs vor. „Jeder mittelgute Sportler hat ja heute schon einen Psychocoach.“

Nadine fand ihren Psychocoach in ihrem alten Tennislehrer, den sie zu ihrem Manager machte. „Depressiv und aggressiv“ sei sie gewesen, sagt sie. Ihr Manager erzählt von stundenlangen Gesprächen: „Ich habe ihr immerzu ihre Fehler vorgehalten. Ich habe immer wieder gesagt, dass, Starmania‘ nur der Anfang war. Dass sie im Endeffekt noch nichts erreicht hat. Dann war sie am Boden zerstört. Und ich habe gesagt: Versuchen wir ab sofort alles nochmal.“

Jetzt wirkt Nadine Beiler vergnügt, sie redet viel, in erdigem Tirolerisch. Aber schnell wird sie auch fahrig, dann kommen Stress und Überdruss in ihr hoch. Ihr erstes Album sei sofort nach „Starmania“ entstanden, erzählt sie, in deutscher Sprache, ohne Eigenkompositionen. Es musste schnell gehen, der Hype dauert nicht ewig. Die Plattenfirma drängte, Nadine wehrte sich erfolglos gegen die deutsche Sprache und die Schlageranmutung der Platte. Jetzt will sie ein zweites Album machen, auf Englisch, mit Soul und R’n’B. Sie will Karriere machen, ohne Alternative, ohne Plan B. „Halbschwanger gibt’s nicht“, sagt sie.

Nach dem Auftritt fährt Nadine nach Innsbruck und setzt sich in ein menschenleeres wohnzimmergroßes Wettcafé im Hauptbahnhof. Sie trinkt Bier mit einer alten Freundin, die im Lokal als Kellnerin arbeitet.

Ihr Manager steht neben ihr. Er spricht von der Möglichkeit einer „Weltkarriere“, aber dazu brauche es viel Geld und einen Topproduzenten aus Amerika, mal sehen, was die Plattenfirma dazu sagt. I Want to Break Free klingt aus dem Radio; Nadine unterlegt Queen mit einer Soulstimme, die das Lied ganz anders klingen lässt. Dann sagt sie, dass morgen Jungbauernball sei und bald die nächste Ö3-Disco.

Keine 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt liegt ein H&M in einem gläsernen Einkaufszentrum. Während Nadine redet, steht dort hinterm Tresen Verena Pötzl, Gewinnerin der zweiten Staffel „Starmania“. Sie packt Jeans in Plastiksäcke.

Die vierte Staffel Starmania beginnt am Freitag, 17. Oktober 2008, ab 20.15 Uhr, ORF 1.

Erschienen im Falter 42/08

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Aber der Wagen, der rollt

Der Schlagersänger Heino war in Wien. Ein Tatsachenbericht

Bericht: Joseph Gepp

Die wahre Parallelgesellschaft, sie fand an diesem Wochenende nicht am Brunnenmarkt statt und nicht in den Gemeindebauten der Großfeldsiedlung, nicht am Simmeringer Stadtrand und nicht in den Hinterhöfen von Rudolfsheim-Fünfhaus. Die Parallelgesellschaft war im Gasometer Wien, Bauteil B, Bank-Austria-Halle, versammelt. Heino kommt.

Allerdings verspätet sich der große Mann des deutschen Liedguts einwenig. Bis dahin steht die Vorgruppe Gastein auf der Bühne. Sie spielt das, was man etwas verfehlt als "volkstümliche Musik" bezeichnet. Begleitet von E-Gitarre und Akkordeon grölt sie Texte in die Mikrofone, die mit Ausdrücken wie "geile Sau" und "Luder" gespickt sind. Die älteren Herrschaften im Publikum schunkeln anstandslos dazu, als würden sie Derartiges nicht sonst immer als untrügliche Anzeichen hereinbrechender Dekadenz werten. Aber diesmal sprach das Setting - Brettljausn auf karierten Heurigentischtüchern, Projektionen von Berggipfeln und Almhütten an der Wand - eindeutig gegen die moralische Apokalypse.

Um 21.30 Uhr verschwindet der fleischgewordene Zeltfest-Darwinismus in Form von Gastein endlich von der Bühne. Dann kommt er. Man sieht sofort, dass es sich bei ihm um eine andere Liga handelt. "Geile Sau" hat Heino sicher noch nie gesagt. Blutrotes Sakko und Gilet, gemessene Bewegungen, der obligate Namensschriftzug am obligaten Sonnenbrillenbügel. Und die berühmten weißblonden Haare. Wenn Heino auf der Bühne steht, dann sagt er Dinge wie: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn Heavy Metal - und wie das alles sonst noch heißt - längst vergessen sein wird, dann werden die Leute immer noch Seemannslieder singen."

Über Heino kann man sich nicht einmal lustig machen. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, ein Symbol für Reaktion und Landspießertum zu sein - denn das würde ein Minimum an Kompatibilität mit modernen Wertvorstellungen und Weltbildern voraussetzen. Heino ist einfach Heino. Da steht er, in dieser bizarren Aufmachung, hebt die Arme mit fast majestätischer Anmut, singt in dröhnendem Bass über die Sierra Madre und die Matrosen vor der "Hudson Bei" ("Bay" würde sich nicht auf die vorherige Zeile reimen). Er präsentiert eine Rap-Version von "Blau blüht der Enzian", von 1988; sie klingt, als würde sich TV-Entertainer Stefan Raab über Rap-Versionen lustig machen.

Dann ein Medley über Whiskey und Gin, über die schwarze Barbara und die teure Heimat. Heino ist von tiefstem Selbstverständnis durchdrungen. Jedes Lied im vollsten Ernst. Als wäre das seine Bestimmung. Als hätte er keine Sekunde seines Lebens einen Gedanken an seine geradezu außerirdische Unzeitgemäßheit verschwendet. Heino ist einfach Heino. Das macht ihn sogar irgendwie sympathisch.

"Kommen Sie ruhig näher", sagt er zum Publikum, "ich tu Ihnen doch nichts." Die große Gasometerhalle ist fast leer. Die Zuschauer verlaufen sich im Heurigentischgebälk. Eine schnelle Umfrage unter ihnen entlarvt die Hälfte als Produzenten, Fanclubpräsidenten, Journalisten, Mitarbeiter oder sonstige Freikarteninhaber. Als Heino auf die Bühne tritt, stürmen trotzdem rund 30 Leute nach vorne.

Ein hagerer alter Mann mit schlohweißen Haaren dreht sich zu den Schlagern im Kreis. Als er Heinos Hand zu fassen kriegt, will er gar nicht mehr davon lassen. Der Star eist sich los, schüttelt weitere Hände, nimmt Blumensträuße entgegen. Bei ernsten Liedern ("Ich wär ja so gern noch geblieben - aber der Wagen, der rollt") ballen die Fans die Fäuste vor der Brust, spitzen die Lippen und versuchen mit äußerstem Pathos Heinos Bassstimme nachzuahmen, ein Röhren kommt dann aus ihren Mündern.

Ein Tourist aus Rheinland-Pfalz fängt die Kamera aus der Tasche. Er habe Heino heute am Stephansplatz getroffen, erzählt er, hier steht er auf dem Foto neben ihm und seinen Freunden, lächelnd, natürlich mit Sonnenbrille, die Hände im schwarzen Janker vergraben. "In Deutschland wär de Hall' aber voll", meint er.

Ein Student mit Burschenschaftsbändchen über dem Polo-Shirt erklärt ernst: "Im Namen meiner Verbindung Hasso-Borussia empfehle ich die Musik von Heino weiter. Sie fördert die Tradition des Volkslieds und hört sich auch gut an." Jetzt ist es offiziell.

Erschienen im Falter 41/08

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Die Unbeteiligten

Ihr Umfeld entwickelt sich rasant. Nur für sie bleibt alles gleich. 70 Kilometer vor Wien liegt das westlichste Romaghetto Europas

Reportage und Fotos: Joseph Gepp / Slowakei
Übersetzer: Matej Kundracik


Als der slowakische Häuslbauer die Frage hört, ob es denn Probleme gebe hier im Ort, zieht er nur die Brauen hoch und deutet stumm nach hinten, da seht ihr es doch, was soll also diese Frage. Sein Finger zeigt ans Ende einer Straße mit schmucken Einfamilienhäusern und Vorgärten. Dort, hinter dem rostigen Stahlzaun, dem verwahrlosten Stück Wiese und der Betonmauer mit den einzeln herumhängenden Stacheldrahtfetzen - dort liegt das, was die Leute hier die Kolonie nennen.

Kaum jemand aus dem Ort hat sie je betreten. Man kennt nur die Geschichten von Gewalt und Inzest, man riecht den Müll und die Verwahrlosung, man hört die Bewohner, wie sie einander anbrüllen. Die Roma von Plavecký Štvrtok leben isoliert vom Rest der Bevölkerung. Wer in das Städtchen kommt und die Hauptstraße mit ihren kleinen aufgeputzten Bauernhäusern entlangfährt, wer das renovierte Barockkirchlein betritt und übers frischverlegte Pflaster des Stadtkerns trippelt, der ahnt nichts von ihrer Existenz. Die Kolonie liegt am Ortsrand, abgeschirmt hinter Büschen und Mauern, versteckt hinter Reihen neugebauter Wochenendhäuser für die Bratislavaer Oberschicht. Und doch ist sie unübersehbar. "Allein in den letzten Wochen wurden zweimal die Autoscheiben eingeschlagen, zweimal die Rückspiegel abgerissen", sagt der Häuslbauer noch, bevor er den Kopf senkt und seine Schaufel wieder in den Erdhaufen rammt.


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Die Kolonie


Plavecký Štvrtok, 2600 Einwohner, 15 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Hier liegt das westlichste Romaghetto Europas. Es ist gleichzeitig das elendste in der Westslowakei. Die meisten der insgesamt rund 350.000 Roma leben im Osten des Landes. Nur eine der Barackenstädte liegt so weit im Westen. 2000 ethnische Slowaken leben im Hauptort, 600 slowakische Roma in der Kolonie von Plavecký Štvrtok.

Die Siedlung liegt 70 Kilometer östlich von Wien, so weit wie St. Pölten in der Gegenrichtung. Es gibt keine Kanalisation, keine moderne Heizung, keine Pflasterung. Das Trinkwasser wird illegal von Hydranten gezapft, der Müll verrottet in matschigen Gassen, Exkremente schwemmt der Regen weg. Wer die Kolonie betritt, denkt an Joseph Roth, wie er die jüdischen Schtetlech im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Oder er denkt an die Favelas von São Paulo und die Müllstädte von Kairo.

Dabei ist die westliche Slowakei eine Region, wo der wirtschaftliche Motor lauter brummt als fast überall sonst in Europa. Sie ist jener mitteleuropäische Landstrich, der sich am schnellsten entwickelt. Mehr als zehn Prozent Wirtschaftswachstum konnte er im Jahr 2007 vorweisen - 3,4 waren es in Österreich. "Boomregion Centrope" und "Dubai von Mitteleuropa" lauten die großspurigen Slogans dieser Veränderung. Anfang nächsten Jahres soll sie mit der Einführung des Euro belohnt werden. Aber mitten unter den neugebauten Mautautobahnen, den hochgezogenen Glaspalästen von Bratislava, den prosperierenden Ortschaften mit ihren begradigten Gassen und renovierten Sehenswürdigkeiten liegt die Kolonie, an der das alles spurlos vorübergegangen ist.

Man betritt sie über einen Pfad aus festgetretenem Schlamm. Müllberge säumen den Weg, es riecht nach Verfaultem, am regennassen Boden liegt ein schwarzweißgestreifter BH. Die Kolonie besteht aus rund 60 Hütten, errichtet aus Wellblechplatten, Holzlatten oder unverputzten Ziegelmauern. Ein Haus mit zwei oder drei Räumen beherbergt durchschnittlich zehn Menschen. Die Hütten lehnen sich aneinander, stützen einander wie morsche Holzkisten und formen gewundene Gassen, die man nur zu Fuß passieren kann.

Überall liegen Brennholzscheite und Müllhaufen. Es ist ein wuselndes Gewirr, das man betritt, überfüllt, uneinsehbar, fremd und wild. Es ist das exakte Gegenbild zu den breit angelegten slowakischen Dörfern, wo sich ein Haus brav ans nächste reiht und das Leben weitgehend im Inneren der Gebäude abläuft. In der Kolonie dagegen wird Öffentliches und Privates zur selben Angelegenheit. Das Hüttengewirr beginnt hinter einer Art Hauptplatz, einem kreisrunden matschigen Platz mit streunenden Hunden und einem großen Holzkreuz. Hierher führt der Pfad aus festgetretenem Schlamm.

"Was sucht ihr hier?" Ein breiter Mann, Mitte 20, baut sich auf, schiebt sein Gesicht drohend an die ungebetenen Gäste heran. Ein Haufen Kinder umgibt ihn. Sie schreien, die Menschenmenge formt eine Barriere, die das Viertel abriegelt. "Wir möchten die Kolonie sehen." Der Breite reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, er will Geld, "das machen alle Journalisten so, die hier reinwollen".

Die Fremden nennen einen Namen, "Nina", laut Menschenrechtsverbänden die inoffizielle Sprecherin der Siedlung - und plötzlich öffnet sich der Riegel. Der Name wirkt wie ein Zauberwort. Die Kinder stieben auseinander, der Breite weicht zur Seite. Aus einer der matschigen Gassen stapft eine stämmige kleine Frau mit tiefen Furchen im Gesicht. Sie begrüßt die Gäste freundlich, führt durchs Gassengewirr, beruhigt die bellenden Hunde, verscheucht die schreienden Kinder. Dann setzt sie in ihrer Hütte türkischen Kaffee auf.

"Ich gewähre euch Schutz hier", sagt die Frau. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass in Romagemeinschaften keine Regeln existieren. Auch wenn Müll, Chaos und die anscheinend brutale Ungeschliffenheit der Bewohner diesen Eindruck erwecken.

Es sind nur völlig andere Regeln. Sie basieren auf alten Gepflogenheiten, auf überlieferten Rangordnungen und Kastensystemen. "Gadsche" oder "Weiße", wie die Roma Angehörige anderer Volksgruppen nennen, durchschauen die komplizierte Ordnung kaum. "Von einem Gadscho kommt nie etwas Wahres", lautet das Sprichwort eines türkischen Romastammes. Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat in seinem Buch "Die Hundeesser von Svinia" eine Beschreibung dieser Regeln gewagt. Er schreibt von Ghettomillionären, die Enge und Schmutz der Siedlungen gerne in Kauf nehmen, um in der Gemeinschaft zu leben. Er schreibt vom Verstoß jener, die Siedlungen verlassen und in den Städten ihr Glück wagen. Im ostslowakischen Svinia, Schauplatz des Buchs, lebt etwa die Kaste der Degesi, ungarisch für "Hundeesser". Selbst unter Roma gilt sie als unberührbar und schmutzig.

Im Westen der Slowakei gibt es keine Hundeesser. Aber ungeschriebene Gesetze gelten auch hier. Die Ordnung der Kolonie von Plavecký Štvrtok drückt sich etwa in den Mistelstauden über den Hüttentüren aus, die vor dem Bösen schützen sollen. Oder im unübersehbaren Respekt, den man der stämmigen Frau mit dem zerfurchten Gesicht entgegenbringt.


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Marie Biharigova


Sie setzt sich in ihre Küche, dann klopft sie forsch auf die Tischplatte, worauf ein Kind herbeihuscht und ihr eine Packung L&M-Zigaretten in die Hand drückt. Zugluft strömt durch selbstgeleimte Fensterrahmen, in der Decke klafft ein handflächengroßes Loch, um das sich ein modriger Wasserfleck gebildet hat. Im Wohnzimmer steht ein Flachbildfernseher. Fünf Kinder drängen sich um den Tisch, sie starren mit offenen Mündern auf den Schreibblock, die Kameras, die Kleidung der Fremden.

Die Frau steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen: Sie heiße Marie Biharigová, 56, Mutter von Ghettosprecherin Nina. Ihre Tochter, die sonst den Kontakt mit NGOs, Journalisten und Lokalpolitikern pflegt, sei heute allerdings auf dem Markt von Bratislava Gemüse verkaufen. Biharigová ist Witwe, Mutter von acht Kindern und Großmutter von 25 Enkeln. Sie erzählt bereitwillig, aber viele ihrer Angaben sind offensichtlich unrichtig. Die Frau scheint nicht einzuschätzen, wie viel Beschönigung eine Aussage verträgt, bis man sie nicht mehr glaubt. Es gebe keine Arbeitslosigkeit hier, sagt sie - laut Hilfsorganisationen liegt die Anzahl der arbeitslosen Roma in der Kolonie allerdings bei 100 Prozent.

Biharigová zählt weiter auf: keine Drogen, keine Diebstähle, keine Gewalt. Jeder hier könne lesen und schreiben, behauptet sie, bringt aber ihren eigenen Namen nur mit Mühe aufs Papier. Die Hütten der Kolonie würden mit Holz geheizt, und dieses werde in der nahen Bezirkshauptstadt Malacky eingekauft und hergebracht - außer einem alten Lada steht allerdings im ganzen Viertel kein Auto für den Transport. Als Marie Biharigová nach dem Unterschied zwischen Roma in der West- und Ostslowakei gefragt wird, sitzt sie ratlos da, Himmelsrichtungen sagen ihr offenbar nichts. Wovon leben die Menschen in der Kolonie? Zum Großteil vom Lohn ihrer Arbeit, antwortet die Frau, zum geringeren Teil von der Sozialhilfe. Als ein Enkel einwirft, man gehe halt pfuschen und Pilze sammeln, gebietet die Großmutter mit einer herrischen Handbewegung Schweigen. Und als ein anderer Enkel sagt: "Die Slowaken hassen uns", schwächt sie sanft ab: Das sei schon richtig, es gebe viel Rassismus in Plavecký Štvrtok.

Das Verhältnis zwischen Roma und Slowaken ist von beidseitigem tiefem Unverständnis geprägt. Die Bewohner der westlichen Slowakei, dem kraftvollen Motor des Landes, bauen sich Häuser, schaffen sich Existenzen und haben den Kapitalismus der vergangenen beiden Jahrzehnte inhaliert. Den Roma scheint der Wandel kaum aufgefallen zu sein. "Demokratie ist nur was für Reiche, die Millionen besitzen", sagt Marie Biharigová. Nach dem Interview führt sie durchs Viertel. Am Hauptplatz trifft sie den ältesten Mann der Kolonie, er ist 75. "Vor sechs Generationen kamen meine Väter hierher", erzählt der Alte. "Hier gab's Wasser, hier gab's dieses schöne Stück Land. Also ließen wir uns nieder." Und also leben sie hier bis heute.

Millionenetats aus Brüssel, Heerscharen von nationalen und internationalen Sozialarbeitern und immer neue Initiativen der slowakischen Regierung konnten am zeitlosen Leben der Roma nichts ändern. Es ist eine Situation, an der niemand Schuld trägt. Karl-Markus Gauß schildert sie anhand eines Experiments in der Hundeesser-Stadt Svinia: Kanadische Sozialarbeiter schenkten den Bewohnern einige Hühner. Hilfe zur Selbsthilfe, lautete die Devise, gib dem Hungrigen keinen Fisch, sondern eine Angel zum Fischen. Als die Helfer am nächsten Tag in die Siedlung kamen, waren die Hühner allerdings allesamt tot, teilweise verspeist, teilweise den Hunden zum Fraß vorgeworfen. "Sie wussten nicht einmal mehr, dass Hühner Eier legen, und sie wussten nicht, wie man Hühner hält", erklärte einer der Sozialarbeiter dem Schriftsteller.

Viele Roma wirken so, als wären sie an einer Veränderung ihrer Lage gar nicht interessiert. Als sie das kommunistische Regime per Zwangserlass in Plattenbauten umsiedeln wollte, rissen sie die Fensterrahmen aus ihren Verankerungen und errichteten vor den Haustoren Feuerstellen, sodass die Wohnblocks ihren alten Siedlungen immer ähnlicher wurden. Den Slowaken allerdings wurde der große Unterschied zu den Roma erst bewusst, als sich nach der Wende ihre eigenen Perspektiven veränderten.

Das ist der eigentliche Grund, warum nun der Rassismus wächst: In der Tschechischen Republik etwa überfallen regelmäßig Skinheads Siedlungen, ein Dorfbürgermeister wollte um ein Ghetto eine Mauer ziehen lassen. Im slowakischen Städtchen Záhorská Ves, nur 15 Kilometer von Plavecký Štvrtok und nur einige hundert Meter vom niederösterreichischen Angern entfernt, soll es laut Menschenrechtsorganisationen vor vier Jahren zu fast einer Art Pogrom gekommen sein: Ein Romahaus ging in Flammen auf, die Familie wurde mit Baseballschlägern verprügelt, ein kleines Mädchen soll sogar in die March geworfen worden sein.

Die Ermittlungen verlaufen seit Jahren im Sand, aber laut NGOs war ein Streit um ein Stück Land die Ursache des Übergriffs. Die Gemeinde hätte sich das Grundstück einverleiben wollen, behauptet Columbus Igboanusi von der slowakischen Liga der Menschenrechtsanwälte. Die Fläche liege im Stadtkern und sei in den vergangenen Jahren lukrativ geworden - wie so vieles in der westlichen Slowakei. "Dann versucht man halt, es mit Gewalt zu nehmen. Bei Roma kann man sowieso immer argumentieren, dass sie asozial sind", sagt der Anwalt, der selbst schon wegen seines Engagements mit dem Tod bedroht worden ist.

Politische Lösungen scheitern meistens, wie selbst Romapolitiker zugeben. "Wir haben viel in Plavecký Štvrtok gearbeitet", sagt Ladislav Fízik, Rom und rechtsgerichteter Politikberater. Fízik war mit der Verbesserung des Lebensstandards in der Kolonie betraut. "Wir wollten sie vom Müll befreien. Und wir haben einen Sonderbeauftragten abgestellt, der die Leute unterstützen sollte." Bald musste dieser entnervt aufgeben. "Es ist schwer, für sie zu kämpfen, wenn sie gar nicht wollen", meint Fízik. "Die Kolonie zeigt das ganz gut. Es hat einfach keinen Sinn gehabt." Manchen Roma sei schlicht nicht zu helfen, sagt er.

Rund ein Drittel der slowakischen Roma lebt in verwahrlosten Siedlungen wie jener von Plavecký Štvrtok. Fízik fühlt sich ihnen verpflichtet, und gleichzeitig machen sie ihn zornig. "Der Staat muss sie strenger kontrollieren. Das ist eine ganze Generation ohne jeglichen Antrieb, ohne Motivation, ohne Leistungswillen."

Auch Marie Biharigová hat die Geschichte vom Sonderbeauftragten gehört, der für ihre Siedlung abgestellt wurde. "Einmal ist irgendein Betreuer aus Bratislava gekommen", sagt sie. Und dann lächelt sie triumphierend. "Den haben wir innerhalb von Tagen wieder weggejagt."

Erschienen im Falter 41/08

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Auf der Suche nach dem perfekten Gang

Die Zukunft des Fahrrads sieht aus wie seine Vergangenheit. Schwarz, schlicht, ein wenig wie ein altes Steyr-Waffenrad. Vor ein paar Jahren waren neugekaufte Räder noch glitzernd lackiert, mit protzigen Firmenlogos bepickt und mit auffälligen Extras versehen. Heute kehrt man zum Ursprung zurück. Small is beautiful, schlicht ist nobel und Protzen ist sowieso das Letzte – eine Sichtweise, die in Zeiten des Wohlfühlkonsums nicht nur für Fahrräder gilt. Aber dort fällt sie angesichts der Dezenz neuer Modelle besonders auf. Technische Innovationen müssen sich tief im Inneren des Gefährts verstecken. Edel ist nämlich, was nur der Fachmann als edel erkennt.

Beim Leonardo Nu Vinci der deutschen Traditionsmarke Hercules liegt die Innovation in der hinteren Radnabe, wiegt rund drei Kilo und könnte trotzdem die Zukunft des Fahrrads gehörig durcheinanderbringen: eine stufenlose Gangschaltung. Dafür bedient man einen Drehregler am Lenker. Der setzt mittels eines komplizierten Kugellagersystems eine Art Kolben am Hinterrad in Bewegung, der die Spannweite der Kette verändert. Auf diese Art reguliert man den Tretwiderstand – ohne die sonst üblichen Sprünge und Gangwechsel.

Beim klassischen Schalten kostet jeder Gangwechsel Kraft – das weiß, wer jemals eine anstrengende Tour absolviert hat. Und wer vor der Bergstrecke nicht rechtzeitig nach unten schaltet, der kommt überhaupt nicht in die Gänge. Je länger man fährt, desto sorgfältiger beginnt man daher zu justieren, um Kraft zu sparen. Bis bei entsprechendem Erschöpfungsgrad gar kein Gang mehr passt. Müde Fahrer (das ist wissenschaftlich nicht belegt, aber wahrscheinlich) schalten öfter als fitte. Ganz zu schweigen vom oftmaligen Zuckeln und Klacken selbst bestgewarteter Schaltungen.

Beim Leonardo Nu Vinci sollte das eigentlich Vergangenheit sein. Die stufenlose Übersetzung schafft den Grund allen Übels ab: den Sprung der Kette zwischen den Gängen. Das erspart dem Fahrer das Zuckeln genauso wie den Kraftaufwand bei zu frühem oder spätem Schalten. Sollte man meinen. Der Falter-Test in der steilen Berggasse am Alsergrund zeigt: Das Leonardo läutet – zumindest vorerst – keine neue Ära des Fahrradfahrens ein. Es ist nur ein bisschen bequemer.

Warum? Was die stufenlose Gangschaltung an Komfort bringt, nimmt das Gewicht des Fahrrads wieder weg. Schon ein normales Herren-Citybike ist mit rund 16 Kilo kein Fliegengewicht. Das Leonardo wiegt 20,3. Das Schalten ohne Sprünge fällt in der Steigung zwar vergleichsweise leicht – aber es ist doch einiges Gewicht, das man die steile Straße raufwuchten muss. Dazu kommt, dass sich der Regler nur dann leicht verstellen lässt, wenn – wie beim klassischen Gangwechsel – kein Druck auf den Pedalen lastet. Man stoppt also das Treten, um darauf umso heftiger hineinzubuttern: Da ist er, der gewohnte Kraftverlust. Und im Schuss die Berggasse hinunter zeigt sich, dass man bei hoher Geschwindigkeit bald mit dem Treten nicht mehr nachkommt.

Das alles gilt aber nur für steile Strecken. Im normalen Stadtverkehr funktioniert das Leonardo prima. Dass der schwarze Kasten mit der Schaltung zugeschweißt ist und somit nicht mal vom Händler geöffnet werden kann, darf durchaus als Garant für die Stabilität der neuen Technik gelten. Außerdem entfällt die Wartung. Im Test fällt das Schalten nach kurzer Gewöhnungsphase deutlich leichter als im alten System. Die Suche nach dem perfekten Gang stellt sich ganz automatisch ein – man justiert aus bloßer Lust am Justieren, es ist ja kein Aufwand. Die Grundidee für dieses System soll übrigens bereits der Renaissance-Universalist Leonardo da Vinci erdacht haben, als er im Jahr 1490 Getriebesysteme konzipierte. Viel später kam die Technik bei Kraftwerks- und Schiffsturbinen zum Einsatz. Noch später entwickelte die US-Firma Fallbrook eine kleinere Variante für Fahrräder. Dann wagte Hercules die Massenproduktion für den europäischen Markt. Und jetzt leistet der massige runde Kasten am Hinterrad seine Dienste, ohne weiter aufzufallen.

Fazit:

Hübsch, schwarz, dezent geschwungene Formen, wendig trotz seines Gewichts. Die Gangschaltung löst noch keine Revolution aus – aber vielleicht wird sie in 20 Jahren Standard sein.

Erschienen im Falter 40/08

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Ein Land und sein Mörder

Es war einmal ein Texaner, der nach Österreich kam und eines Abends eine unglaubliche Geschichte hörte: Ein Mann namens Jack Unterweger lebte hier vor fast 20 Jahren. Tagsüber unterhielt er als gefeierter Schriftsteller die Wiener Gesellschaft, nachts ermordete er im Wienerwald Prostituierte. John Leake begann sich zu interessieren und schrieb die Geschichte schließlich nieder. Nun liegt sie in deutscher Übersetzung vor – 455 Seiten stark, amerikanischer Doku-Journalismus im besten Sinn: detailreich bis ins Kleinste, ohne jemals den Überblick zu verlieren. Wer die bizarre Geschichte Unterwegers liest, lernt ganz nebenbei die Grundzüge von Forensik und Kriminalpsychologie kennen. Und gewinnt nicht zuletzt tiefen Einblick in eine Gesellschaft, die Unterweger mit einer Kritiklosigkeit protegierte, die an Fahrlässigkeit grenzte. Sehr empfehlenswert.

Joseph Gepp

John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer. Residenz, 455 S., € 24,90

Erschienen im Falter 40/08

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Einmal über den Ozean und zurück

Wie die US-amerikanische Bankenkrise auch Wien betrifft: Die Gemeinde machte mit zwei der betroffenen Banken Geschäfte

Bericht: Joseph Gepp

Es sind Bilder, die an andere Zeiten erinnern. Amerikanische Banker verlassen hundertstöckige Bürotürme, Kartons in den Händen, die Krawattenknoten gelockert, weil es jetzt ohnehin schon egal ist. Fanny Mae und Freddie Mac, Merrill Lynch, AIG und Lehman Brothers - der Turbokapitalismus frisst seine hungrigsten Profiteure (siehe Seite 20). Weltweit schießen Staaten Geld zu. In Russland stellte die Börse tageweise ihren Betrieb ein. In Wien stand der Aktienindex ATX kürzlich auf dem tiefsten Stand der vergangenen drei Jahre.

Doch nicht nur die Börse ist betroffen. Auch die Gemeinde Wien steht mit einigen der gefährdeten US-Finanzinstitute in Geschäftskontakt. Es sind sogenannte Cross-Border-Leasing-Verträge: Bis 2004 (in jenem Jahr änderte die US-Regierung das Steuerrecht) wurde Wiener Infrastruktur an US-Banken verkauft und von der Gemeinde zurückgeleast. Grund dafür war das US-Steuersystem, das dem städtischen Budget Ersparnisse bringt. "Im Grunde geht das Konstrukt zugunsten der Stadt Wien und zulasten des US-Steuerzahlers", sagt ein Finanzexperte, der aus beruflichen Gründen ungenannt bleiben möchte. Seit 1998 haben Gemeinde und Wiener Linien insgesamt sechs große Transaktionen dieser Art getätigt. Verleast wurden dabei Straßen- und U-Bahnen, das Rechenzentrum und das Kanalnetz im 21. und 22. Bezirk. Kolportierter Gesamtwert: rund eine halbe Milliarde Euro. Die Geschäftspartner auf der anderen Seite des Ozeans waren die State Street Bank, die Hypothekarbank Freddie Mac und der Versicherungskonzern AIG. Vertragswerke von mehreren hundert Seiten fixierten die Leasingdeals, die 30 Jahre und länger laufen sollen.

Dann kam die Krise. Freddie Mac kollabierte fast, bis im letzten Moment die US-Regierung einsprang und das Institut de facto übernahm. AIG musste mit einem staatlichen Notkredit von 85 Milliarden beigestanden werden. "Durch die Rettung dieser Institute", behauptet der grüne Finanzsprecher Martin Margulies, "ist die Gemeinde haarscharf an einer Finanzkatastrophe vorbeigeschlittert." Die Stadt habe Glück gehabt: "Die Verluste betragen nur ein paar 100.000 Euro." Ohne staatliche Intervention wären sie viel höher gewesen.

Warum entstehen "Verluste", da sowohl Freddie Mac als auch AIG vor dem Konkurs gerettet wurden? Margulies nennt eine Vertragsklausel als Grund: "Die Stadt Wien darf ihr Geld nur bei Instituten mit höchster Bonität lagern." Die AIG allerdings habe nach ihrer Rettung an Bonität verloren. Die Konsequenz: Das Geld müsse nun in andere Depots transferiert werden. Und dieser Transfer, so Margulies, kostet Geld.

Josef Kramhöller, Chef der städtischen MA 5 für Finanzen, widerspricht: "Nach derzeitigem Wissensstand hat die Gemeinde kein Geld verloren." Das Geld sei "konkurssicher" veranlagt. "Selbst wenn die US-Regierung keine Rettungsaktion unternommen hätte, wäre nichts passiert." Details will der Finanzchef keine nennen. Nun fordern die Grünen eine Offenlegung der Leasingverträge. "Diese Geschäfte sind hochspekulativ", sagt Margulies. Niemand könne einschätzen, wie sich ein Finanzmarkt entwickle. "Und jetzt ist die Gemeinde gerade mit einem blauen Auge davongekommen."

Erschienen im Falter 39/08

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STADTRAND: Kaffee Urania, Insel der Unseligen

Kennen Sie das Café Urania? Nein, nicht den Glaskobel mit den verchromten Barhockern im gleichnamigen Kulturgebäude. Das Café Urania heißt auch eigentlich nicht "Café", sondern "Kaffee Urania". Es liegt in der Radetzkystraße im dritten Bezirk. Das Kaffee Urania hat keine Öffnungszeiten. Der Kellner, Besitzer und einzige Angestellte kommt irgendwann in den Abendstunden und sperrt auf. Und irgendwann in den Nachtstunden schiebt er die Vorhänge zu, komplimentiert die Gäste hinaus und sperrt wieder zu. Dazwischen setzt er sich an die Tische und erzählt, dass sein Sohn längst pensioniert sei, während er noch arbeite. Im Urania ist kein Ding jünger als 30 Jahre. Gäste breiten ihre Krisen aus. Die Espressomaschine stammt aus der Zeit, als der Espresso nach Wien kam. All die Gestalten, die am Abend ins Urania wanken, müssen viele Nächte des Herumstreunens hinter sich haben. Sonst wären sie jetzt nicht im Urania. Hier sitzen sie dann wie in einer Zeitmaschine, genießen ihr stundenweises Inseldasein und atmen den längst miefigen Geruch der Nachkriegszeit.

Erschienen im Falter 39/08

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Am Apparat: Herr Vilimsky, wie hat es Ihnen denn in Köln gefallen?

Harald Vilimsky, Landesparteisekretär der FPÖ Wien, hat ein ereignisreiches Wochenende hinter sich. Er nahm am "Anti-Islamisierungs-Kongress" in Köln teil (siehe Seite 23). Dort trafen rund 200 rechte und rechtsradikale Kongressteilnehmer auf rund 15.000 linksgerichtete Demonstranten.

Herr Vilimsky, passt Ihre Teilnahme am Anti-Islamisierungs-Kongress in Köln eigentlich zum Ruf der FPÖ als "soziale Heimatpartei"?

Na klar passt das. Als überzeugte Europäer stehen wir ja dafür, dass die gewachsenen kulturellen Entwicklungen in Kerneuropa weiter Bestand haben. Moscheen mit Minaretten sind Triumphsymbole des Islam.

Ist ein katholischer Kirchturm dann ein Triumphsymbol des Katholizismus?

Nein, aber im Islam ist das anders. 1998 sagte der türkische Premier Erdogan: "Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Gläubigen unsere Soldaten."

In Wien-Floridsdorf steht eine Moschee mit Minaretten. Ist die auch ein Triumphsymbol? Und soll man sie wieder wegreißen?

Die steht ja schon und soll bleiben. Es geht darum, dass seit einiger Zeit in Europa in konzertierter Weise der Bau von Riesenmoscheen forciert wird.

Viele Menschen scheinen diese Bedenken nicht zu teilen.Medienberichten zufolge war Ihr Kongress nicht allzu gut besucht.

Da sitzen Sie gehörig falschen Informationen auf. Ich habe erlebt, wie Demokratie und Rechtsstaat zwei Tage in Köln neutralisiert wurden. Wir nahmen an einer Pressekonferenz auf einem Boot am Rhein teil. Rundherum war die linksmilitante Szene, nicht gerade Blumenkinder. Wir waren Stunden eingekesselt. Ich habe dann den Einsatzleiter der Kölner Polizei um Beistand gebeten. Er hat mir ins Gesicht gelacht - und gesagt: "Nein." Das war unglaublich. Das alles wird ein gehöriges zwischenstaatliches Nachspiel haben.

Interview: Joseph Gepp


Erschienen im Falter 39/08

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"Hier ist man nicht erwünscht"

Am Praterstern sorgt eine Stahlkonstruktion für Unmut. Ihr Architekt stellt der Stadt kein gutes Zeugnis aus

Bericht: Joseph Gepp

Ein kopfsteingepflastertes Seitengässchen in Hernals. Dort, in einem lichtdurchfluteten Jugendstilatelier, sitzt Boris Podrecca und nippt am türkischen Kaffee. Eine dicke Mappe mit Plänen liegt vor ihm. Podrecca, ursprünglich aus Triest und seit Jahrzehnten in Österreich, ist jener Architekt, der zusammen mit Bernhard Edelmüller den neuen Praterstern gestaltet hat. Podrecca ist renommiert, seine Gebäude stehen in ganz Europa, kürzlich würdigte eine Ausstellung im Ringturm seine Arbeit. Aber heute will er über die Bedingungen dieser Arbeit sprechen: Boris Podrecca meint, dass beim Umgang einer städtischen Magistratsabteilung mit Architekten einiges im Argen liege.

Im Wahlkampf sprießen die Skandälchen. Eines davon steht am Platz vor dem Nordbahnhof, neben der kupfergrünen Säule des Admiral Tegetthoff. Es handelt sich um eine rund zehn Meter hohe Stahlkonstruktion, die den halben Platz einfassen soll. Eine „Pergola“ – ein Säulen- oder Pfeilergang – sagen Planer dazu. Ein „Stahl-Murks“, schreibt das Gratisblättchen Heute. Empörung ob des „Monsters“ rauschte vergangene Woche durch die Medien. Die Grünen riefen einen Ideenwettbewerb aus, wie das Ding alternativ verwendet werden könne – für Kletterkurse etwa oder für Solarzellen. Der Falter wollte Podrecca direkt am Praterstern treffen. Aber der Architekt besteht auf seinem Studio. Man müsse nämlich die Vorgeschichte kennen, sagt er.

Die Vorgeschichte ist ein heruntergekommener Platz, der im Zuge von Bezirksaufwertung und Bahnhofsneubau umgestaltet werden soll. „Für den Praterstern galt dasselbe, was Otto Wagner über den Karlsplatz gesagt hat: kein Platz, sondern eine Gegend“, sagt Podrecca, der in Wien etwa das Bio Center oder das Gebäude der Basler Versicherung entworfen hat. Er redet von Licht und Wasser und davon, dass Architektur zufällige Begegnungen ermöglichen solle. „Dem Platz wohnt eine wahnsinnig urbane Kraft inne.“ Er ist menschendurchflutet, vielfrequentiert, zentrumsnah. Nur als öffentlicher Raum werde er nicht wahrgenommen. „Wir wollten ihn daher einfassen und als Platz kenntlich machen.“ Dafür sollte die Pergola dienen, wie sie ursprünglich gedacht war: mit Kletterpflanzen, mit Fahnen und Transparenten. Eine „Stadt-Loggia“ hätte sein Praterstern sein sollen, erklärt Podrecca, mit großem Dach über dem Platz, durchlässig und trotzdem abgegrenzt. Als Übergang zwischen dem wildwuchernden Grün des Praters und den geraden Linien der Stadt. „Von dem ganzen Konzept ist aber nur ein kleines Echo geblieben“, sagt Podrecca. „Und selbst das musste mit Müh und Not durchgeboxt werden.“

Der Grund seien „zig kleine Details, die nicht so gebaut worden sind, wie sie ursprünglich vorgesehen waren“. Dass die Pergola nicht begrünt werden soll, ist nur die medienwirksamste dieser Änderungen. „Die Stadt hat die Pflanzen aus Kostengründen gestrichen.“ Die Dicke von Rohren, der Grad von Winkeln – „all das wirkt sich massiv aufs Gesamtergebnis aus“. Und all das sei die zuständige MA 29 für Brückenbau nicht gerade sensibel angegangen: „Man hat als Architekt das Gefühl, ausgeschaltet zu werden. Sie machen mit dem Projekt, was sie wollen.“ Konkret bedeutet das: „Wir bekommen zum Beispiel veränderte Pläne zugestellt. Die müssen wir innerhalb von einer Woche freigeben. Aber wenn wir innerhalb dieser Frist Einspruch erheben, dann sagt die MA 29: Tut uns leid, das Material ist schon bestellt.“

Sein Fazit: „Man beginnt zu überlegen, ob man seinen Namen für sowas noch hergeben will.“ Die MA 29 hält dagegen, dass Podreccas Wünsche teuer gewesen wären. „Sobald wir als Bauherr das Projekt übernehmen, gibt es Interessengruppen wie ÖBB oder Anrainer, die wir berücksichtigen müssen“, sagt Sprecher Kurt Wurscher. „Daraus ergeben sich zwangsläufig Änderungen.“ Der Architekt habe „vertragsrechtlich keinen Einfluss auf das Projekt“. Podrecca antwortet, er sei dem zuständigen Stadtrat zwar dankbar, weil er sich vehement für ihn eingesetzt habe. „Aber von der Zusammenarbeit bin ich schwer enttäuscht.“ In anderen Staaten sei man bis ins letzte Detail eingebunden. „Hier ist das anders. Hier ist man nicht erwünscht.“

Erschienen im Falter 38/08

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Die Stadt unter der Stadt

Zehntausende Kilometer Röhren und Schächte liegen unter den Straßen der Stadt. Ein Blick in Wiens Eingeweide

Reportage: Joseph Gepp


Wenn Josef Gottschall die Hand hebt und seinen Zeigefinger über den Karlsplatz kreisen lässt, dann werden sie plötzlich sichtbar, all die Deckelchen und Deckel, die man sonst nicht einmal übersieht. Sie sind groß oder klein, aus Metall oder Beton, vergittert oder verschlossen. Verteilt über den ganzen Platz müssen es rund 100 sein. Josef Gottschall, 38, Sprecher von Wien-Kanal, kennt sie alle. „Wasserleitungsschieber. Kanaldeckel. Kabelzieherschächte. Fernwärmeingänge“, zählt er auf. Sein Finger hüpft von einem zum nächsten. „Telefon. Straßenbahnsignalanlagen. Stromkabel. Gasrohre.“ Der Karlsplatz ist voller kleiner Pforten in den Untergrund, wenn man nur darauf achtet. Und sein Metier, das Wiener Kanalnetz, sei nur eines von vielen. Der Finger sinkt nach unten. „Sie können sich gar nicht vorstellen“, sagt Gottschall, „was so alles unter dieser Stadt liegt.“

Es sind zehntausende Kilometer Leitungen und Rohre, die den Wiener Boden durchkreuzen. Eine Stadt unter der Stadt, in Etagen übereinandergeschichtet, eng, stickig, stinkend und für Menschen weitgehend unzugänglich. Die stillen Dienste dieser Infrastruktur machen das moderne Leben erst möglich. Wasser, Fernwärme, Gas, Telekommunikation, Abwasser, Strom – sogar ein paar alte Rohrpoststrecken finden sich noch. Der Stadtmensch dreht am Hahn und lässt die Therme anspringen, wenn er sich die Zähne putzt. Er klappt den Laptop auf und schaut sich YouTube-Videos aus den USA oder Japan an. Er setzt damit weitreichende – manchmal weltumspannende – Bewegungen oder Datenflüsse in Gang. Das Gas wird in Sibirien aus der Erde gepumpt, das Wasser kommt aus den niederösterreichischen Alpen, das Video wird in einem Arbeitszimmer in Tokio hochgeladen. Ohne ein Netz aus Millionen von Kabeln und Rohren, hinter jeder Wand, unter jeder Straße, wäre die Stadt nicht Stadt. Die Morgentoilette würde dann im nächsten Bach stattfinden, und das Mittagessen müsste im Vorgarten geschlachtet werden. Stattdessen fällt dem Städter gar nicht mehr auf, was alles dazugehört, damit sein Leben so einwandfrei funktioniert. Zumindest meistens.

Denn manchmal meldet sich das lebensnotwendige Netz wie ein beleidigter Gott zu Wort. Dann bricht in New York brennendes Gas durch die Asphaltdecke. Oder in München versinkt ein Bus in einer kollabierenden Straße. Oder in Wien-Hietzing verwandelt sich urplötzlich eine ganze Straße in einen reißenden Fluss. Das Netz erfordert permanente aufwendige Wartung. Sonst rächt es sich. Vor der Hurrikankata- strophe in New Orleans 2005 wollte niemand die Millionen für die Renovierung der baufälligen Dämme ausgeben. Danach bereute man diese Entscheidung bitter. Infrastruktur ist nicht sexy. Lieber geben Städte ihr Geld für das neue Hochhaus des weltweit renommierten Stararchitekten aus. „Die globale Infrastruktur befindet sich im Niedergang“, warnten kürzlich die Analysten des amerikanischen Technologieberatungskonzerns Booz Allen. Die Modernisierung der morschen Lebensadern würde laut Bericht innerhalb der nächsten 25 Jahre weltweit rund 40 Billionen Dollar kosten. Zum Vergleich: Die weltweiten Rüstungsausgaben betrugen im Jahr 2006 etwas mehr als eine Billion Dollar.

Vor einem Monat schien es so, als würde dieser düstere Befund auch für Wien gelten. Nahe der Lainzer Straße in Hietzing brach ein Wasserrohr. Es war eine von drei Hauptleitungen in Wien, mit fast einem Meter Durchmesser. 19 Millionen Liter Hochquellwasser – das entspricht dem Inhalt von fast 130.000 Badewannen – flossen stundenlang über die Straße. Autos und Baucontainer schwammen fast davon. Die Feuerwehr evakuierte vier Häuser, weil ein Baukran auf sie zu fallen drohte. Eine eilig improvisierte Verkehrsumleitung schickte die Autofahrer über Umwege erst recht wieder in die überschwemmte Lainzer Straße. Es war ein eindrucksvolles Beispiel, wie schnell das alltägliche Stadttreiben in Chaos und Panik umschlagen kann. Die Gemeinde nennt einen Fabriksfehler am gusseisernen Rohr als Unfallursache. Kritiker widersprechen und geben den ÖBB die Schuld, die nur 100 Meter von der Unfallstelle einen Bahntunnel errichtet. Das erste Teilstück des Lainzer Tunnels wurde nur Stunden vor dem Rohrbruch fertiggestellt. Der Bau der Zugstrecke habe Veränderungen im Boden bewirkt, sagt der Geologe Josef Lueger. „Um den Tunnel zu bauen, hat man Grundwasser abgepumpt. Deshalb senkt sich der Untergrund. Und wenn diese Senkung zu intensiv wird, kann es zu Rohrbrüchen kommen.“ Die ÖBB nennen diesen Zusammenhang „völlig unmöglich“. Fest steht jedoch, dass sich Störungen in diesem Gebiet häufen. Gleich am Tag nach dem Unfall brach erneut ein Rohr – keinen halben Kilometer entfernt, in der Veitingergasse beim Lainzer Tiergarten.

Der Vorfall zeigt, dass drei Meter unter der Stadt alles mit allem zusammenhängt. Nichts ist isoliert, alles beeinflusst einander. Kanalrohre, die im Winter nicht zufrieren sollen, müssen tiefer liegen als etwa Fernwärmeleitungen, die Heizkörper mit Heißwasser versorgen. Zu Frühlingsbeginn führt das Tauwetter zu Spannungen im Boden, mit regelmäßigen Wasserrohrbrüchen als Folge. Der Verkehr an der Oberfläche verursacht gefährliche Schwingungen im Untergrund. Und wenn Gemeindegärtner Bäume pflanzen, müssen sie aufpassen, dass die feinen Verästelungen der durstigen Wurzeln nicht durch Nahtstellen in die Kanalrohre dringen.

Baumbewuchs, Verkehrsfrequenz oder die Lage anderer Leitungen sind keine unwichtigen Details. Nicht auf sie zu achten, kommt langfristig teuer: In der serbischen Hauptstadt Belgrad beispielsweise versickert rund ein Drittel des Trinkwassers aus undichten Leitungen – in Wien ist es nur ein Zehntel. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia erkennt man im Winter an geschmolzenen Linien im Schnee, wo die Fernwärmeleitungen verlaufen – dementsprechend kühl bleibt die Heizung in so manchem Plattenbau. „Wenn die Stadt funktionieren soll, ist es ein irrsinniger Aufwand, dieses ganze Sammelsurium an Leitungen in Schuss zu halten“, sagt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. „Denken Sie nur an die vielen Zuleitungen unter den Gehsteigen. Die führen zu jedem einzelnen Haus.“ Diese Zuleitungen zweigen von den Hauptrohren unter der Straße ab. Bei Reparaturarbeiten sieht man sie manchmal: kleine gehsteigbreite Baugruben, aus denen in rund einem Meter Tiefe ein schmutzverkrustetes Bündel aus Telefon-, Wasser-, Kanal-, Strom- und Gasleitungen lugt. „Die Straße ist voll“, sagt Knoflacher. In solch einem Gewirr noch auf- oder umzugraben erfordert Koordination. Bei der MA 28 für Straßenverwaltung und Straßenbau liegt der zentrale Leitungskataster für Wien. Wer graben will, braucht das Einverständnis des Magistrats. Wenn zum Beispiel die Wien Energie Gasnetz GmbH ein neues Rohr verlegen möchte, konsultiert die MA 28 alle möglichen Betroffenen und holt Stellungnahmen ein. In langen Gesprächen – Beamtendiktion: Einbautenbesprechungen – führen die Gasexperten dann aus, warum und wo sie eine neue Leitung brauchen. Erst danach beginnt die Arbeit. Jeder einzelne Wiener Straßenkilometer wird durchschnittlich fünfmal pro Jahr aufgegraben. Die Konsequenz sind die allgegenwärtigen länglichen Baugruben – wienerisch: Künetten –, die das Stadtbild prägen. Sie quälen Autofahrer, und ihr Presslufthammerlärm reißt Nachtmenschen in der Früh aus dem Schlaf. „Das kann schon eine mühsame Gschicht sein“, sagt Wien-Kanal-Sprecher Josef Gottschall.

Gottschall steigt über eine eiserne Wendeltreppe am Karlsplatz in den Untergrund. Die Stufen führen in die beiden sogenannten Cholerakänale, die im Jahr 1836 links und rechts des Wienflusses errichtet wurden. „Das sind die ältesten Wiener Kanäle, die noch in Betrieb sind“, sagt er. „Das Wiener Leitungssystem hat eigentlich mit einer Krankheit begonnen. Denn bevor was passiert, macht man ja eh nix.“ 1830 brach in Wien eine schwere Choleraepidemie aus. Grund war die Wasserversorgung: Mit einer einzigen Ausnahme – dem Kaiserhof – wurde in dieser Zeit die ganze Stadt über Hausbrunnen versorgt. Müll und Fäkalien deponierte man am nächstgelegenen Bachrand. Im Normalfall schwemmte das Wasser den Schmutz einfach in die Donau. Bei Hochwasser jedoch gelangte er zurück in die Brunnenschächte. Nichtsahnend tranken die Menschen das verschmutzte Wasser. Tödliche Darminfektionen waren die Folge. Bis 1836, als die Stadt jenen ersten großen Kanal errichtete, der von nun an Fäkalien verlässlich und rasch zur Donau – und später in Kläranlagen – spülte. Mehr als 100 Jahre später sollten die breiten Gänge durch Orson Welles’ „Der Dritte Mann“ weltberühmt werden. „Abgesehen von den beiden Weltkriegen“, sagt der Pressesprecher, „wird am Wiener Leitungsnetz seit 1836 eigentlich permanent gebaut.“

In den alten Gewölben unter dem Karlsplatz riecht es nach Malz. „Abwässer von der Ottakringer Brauerei“, erklärt Gottschall. Ein einstiges Bächlein aus dem Wienerwald – der Ottakringer Bach – wurde vor langer Zeit überplattet und zum Kanal umfunktioniert. Bis heute schwemmt es die Abwässer des Arbeiterbezirks bis unter den Karlsplatz. Ratten haben die Schautafeln angeknabbert, auf denen sich Cineasten über die Entstehungsgeschichte von „Der Dritte Mann“ informieren können. Unweit davon wälzt sich der unterirdische Wienfluss durch ein breites, 100 Jahre altes Stampfbetongewölbe. Sie regen die Fantasie an, diese alten Kanäle – repräsentativ für die Stadt sind sie allerdings nicht. „Die meisten Leitungen werden heute erdverlegt“, sagt TU-Professor Knoflacher. Das heißt: Erde auf, Rohr hinein, Erde zu. Die Feuchtigkeit des Bodens und der Rost führen dann dazu, dass viele Rohre in Wiener Baugruben so zerfressen aussehen, als würden sie gleich in Stückchen zerfallen. Das sei allerdings ein falscher Eindruck, sagt Knoflacher: „Die Wartung in Wien läuft effizient.“ Gasrohre etwa wirken zwar von außen angegriffen, bei sorgfältiger Wartung halten sie aber rund 100 Jahre. Die Gemeinde lässt sich den Aufwand einiges kosten: 500 Mitarbeiter sind beispielsweise allein für das 2300 Kilometer lange Kanalnetz verantwortlich. 15 Tonnen Schutt befördern sie täglich aus dem städtischen Untergrund. Der TU-Professor plädiert dennoch für den Einsatz von – jede Branche ist so ansprechend wie ihre Terminologie – „Infrastruktursammelkanälen“. Die Idee dahinter ist, dass alle Leitungen in einem trockenen und beleuchteten Schacht zusammengefasst sein sollten. „Dann hält alles länger“, sagt Knoflacher. Dafür sind die Errichtungskosten der Sammelkanäle immens. Einsparungen durch die längere Lebensdauer der Leitungen schlagen sich erst nach rund einem Jahrzehnt zu Buche. So langfristig will selbst das reiche Wien nicht denken – einzig im noch reicheren Zürich verläuft unter der Bahnhofsstraße ein breiter Infrastruktursammelkanal.

Wie gefährlich ist nun die Stadt unter der Stadt? Leben die Wiener auf einem Pulverfass? Hermann Knoflacher lächelt und beruhigt. Das einzig Explosive sei Gas – „aber das ist durch Geruchssensoren und Autoabschaltung bei Druckabfall ausreichend gesichert“. Ein eigener städtischer Gasspürdienst überprüft jährlich fast 2000 Kilometer des Gasnetzes. In Wien funktioniere die Infrastruktur, meint Knoflacher, denn im Gegensatz zum weltweiten Trend würden wichtige Leitungen nicht privatisiert. „Die Privatisierung von Infrastruktur führt zu ihrem Verfall. Da fehlt das langfristige Denken“, meint er. „Die fahren so lange auf dem alten Netz, bis alles zusammenbricht. Und wenn dann was passiert, springt sowieso die öffentliche Hand ein.“ Züge in Großbritannien, Telefonleitungen in Ungarn, Strom in Kalifornien, Wasserrohre in Bolivien – Reparaturen werden umso teurer, je länger man damit wartet. Das System ist zerbrechlich. Es braucht viele kleine Pforten in den Untergrund, um es zu bewahren.

Erschienen im Falter 38/08


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Ganz sicher?

KRIMINALITÄT Von Zeit zu Zeit wähnt man sich in Gefahr, obwohl gar kein Grund dafür besteht. Sogar in Wien.
JOSEPH GEPP

Ein sonniges Wochenende in einem gutbürgerlichen Wirtshaus in Frohnleiten in der Steiermark. Eine Handvoll Einheimischer unterhält sich über die angeblich bürgerkriegsähnlichen Zustände in der Bundeshauptstadt, die man vom Hörensagen kennt. "Die beiden waren am Reumannplatz", beschreibt einer das Schicksal seines Neffen und dessen Freundin. "Er sagt zu ihr: Sprich ja niemanden an! Und geh nur schnell drüber! Schau immer auf den Boden, keinesfalls jemandem ins Gesicht." Alles zwecklos: "Die Türken haben sie trotzdem gesehen. Und schon mussten sie Fersengeld geben."

Dass jemand schnurstracks und mit gesenktem Blick über den Reumannplatz huscht, um nicht mit türkischen Clans um sein Leben ringen zu müssen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Dennoch kursieren derartige Gerüchte. Sie werden weitergegeben und von Erzähler zu Erzähler mit neuen Details angereichert. "Subjektives Sicherheitsempfinden" nennen Stadtsoziologen das Phänomen. Die Kernthese: Man fürchtet sich ganz unabhängig von der tatsächlichen Gefahr. Die Möglichkeit eines Taschendiebstahls ist beispielsweise in der touristisch geprägten Innenstadt größer als etwa in Ottakring - trotzdem wird so mancher seine Tasche in Ottakring besser im Auge behalten. Das Viertel wird einfach als gefährlicher empfunden als der Stephansplatz. Und am Reumannplatz scheinen sich manche ungefähr so sicher zu fühlen wie in Bagdad oder Kabul.

"Die Kriminalstatistik deckt sich nicht mit typischen Orten, wo Menschen Angst empfinden", sagt der Stadtforscher Udo Häberlin von der MA18 für Stadtentwicklung. Ein aktueller Bericht beschäftigt sich mit der subjektiven Sicherheit in Wien. Er basiert auf einer Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie von 2002. Ergebnis: Im Vergleich zu Amsterdam, Budapest, Hamburg und Krakau fühlen sich Wiener bemerkenswert sicher. Sechs von zehn Befragten nannten überhaupt keine "unsicheren Orte" in ihrer Stadt. "Alte Leute fürchten sich tendenziell mehr als junge. Und Frauen mehr als Männer", sagt Häberlin. Die Mehrzahl an Vergewaltigungen finde etwa im privaten Raum statt - Angst davor haben Frauen aber vor allem in der Öffentlichkeit.

Wo in Wien fühlen sich Menschen unsicher? Und welche Faktoren beeinflussen dieses Empfinden? Man fürchtet sich - unabhängig von der tatsächlichen Gefahr - in Vierteln mit Drogenszene oder hoher Ausländerquote. Die MA 18 nennt den Karlsplatz, Fünfhaus, die Westbahnhofgegend und Ottakring - auch wenn diese in Wahrheit gar nicht "Orte von Kriminalitätserfahrungen" sind. Dafür werden Gürtelgegend und Leopoldstadt laut MA 18 als weniger gefährlich als früher wahrgenommen. "Es sind einseitig geprägte Räume, die Angst machen", sagt Häberlin. Soll heißen: Dinge, die nur einem Zweck dienen - eine Unterführung, ein Parkplatz, eine menschenleere Brücke -, schaffen das Gefühl von Unsicherheit. Und in den Augen der Frohnleitner dann doch auch wieder der belebte Reumannplatz.

Erschienen im Falter 37/08

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Jugend ohne Zeitung

ONLINE Das Internet- Jugendmagazin "Chilli.cc" ist vom Netz. Ein Nachruf. JOSEPH GEPP

Nach neun Jahren markiert eine kurze Meldung das Ende der Internetjugendzeitschrift Chilli.cc: Österreichs "meistgelesenes und etabliertes Online-Jugendmagazin" stellt am 2. September 2008 "seinen redaktionellen Betrieb ein". Es fehlt an Kapital und unternehmerischer Perspektive.

Chilli.cc, das waren bis zu 90 Menschen im Alter zwischen 13 und 31, die ehrenamtlich eine wöchentlich neue Internetseite erstellten. Mit Schwerpunkt Jugend. Die Redaktion lag in einer zugigen Kellerwohnung in einem Josefstädter Gemeindebau. Gearbeitet wurde aber meistens von zuhause oder den umliegenden Kaffeehäusern aus. Manchmal dilettantisch, oft aber erstaunlich professionell, setzte man sich so mit Innen- und Außenpolitik, Medien, Kultur- und Gesellschaftsthemen auseinander. Für manche wurde Chilli.cc zum Einstieg in eine journalistische Karriere, die etwa zu Kurier, Standard oder Ö3 führte. Andere interessierten sich mehr für die Kinofreikarte für Journalisten. Von "jahrelanger ehrenamtlicher Selbstausbeutung der Chilli.cc-Mitarbeiter", spricht jetzt Chilli-Herausgeber János Fehérváry.

Chillis größtes Problem war das Internet: Dort bringt Werbung im Vergleich zu Fernsehen und Printmedien wenig Geld. Abonnenten fallen weg, eine Stammleserschaft lässt sich entsprechend schwer aufbauen. Dazu kamen Vermarktungsprobleme und Differenzen zwischen Redaktion und Herausgebern. Demgegenüber stand aber auch eine journalistische Arbeit, die gerne gelesen und von anderen Medien zitiert wurde: Etwa im steirischen Landtagswahlkampf 2005, als Ex-ÖVP-Landesrat Gerhard Hirschmann im Chilli-Gespräch die Kontrolle über sich verlor und Exlandeshauptfrau Waltraud Klasnic "geistigen Rinderwahn" attestierte. Chilli.cc stand für gut geführte Medieninterviews, Reportagen aus gesellschaftlichen Randbereichen und fundierte ÖH-Berichterstattung. Der Sprung in die breite Öffentlichkeit gelang dem Magazin trotzdem nie.

Nun hat Jugendstadträtin Grete Laska dem Magazin finanzielle Nothilfe angeboten - aber Herausgeber Fehérváry will sich nicht zum "Politikum" machen lassen. Stattdessen soll die Marke verkauft werden. Angebote sind angeblich bereits eingetrudelt. Die Josefstädter Kellerwohnung steht schon seit längerer Zeit leer.

Der Autor arbeitete eineinhalb Jahre lang im "Chilli.cc"-Ressort "Welt"

Erschienen im Falter 37/08

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Die Stadt und ihre Kulissen

AFFÄRE Der neue Pratervorplatz wurde zur Millionenpleite. Das Ausgleichsverfahren zeigt nun, wie das Rathaus öffentliche Gelder verschwendete und Baufirmen in Not brachte. Die Geschichte einer Wiener Baustelle. JOSEPH GEPP

So richtig passt er nicht hierher, der Mann mit gestreiftem Businesshemd und Anzughose, der da zwischen spielenden Kindern und japanischen Touristen im Wurstelprater herumstreift. Er presst sein Ohr an eine Säule, klopft sachte und lauscht, ob ein Hohlraum dahinterliegt. Er schreitet mit halbgeschlossenen Augen eine Fassade entlang und zählt seine Schritte, um die Seitenlänge herauszufinden. Sein Fingernagel fährt eine Mauerritze entlang, und dann fasst er an eine Wand und zerreibt Putzbrösel zwischen den Fingern. Johann Waldner, 53, aus Walchsee in Tirol ist gerichtlich beeideter Bausachverständiger. Man ruft ihn normalerweise, wenn zum Beispiel ein Häuslbauer eine Baufirma klagt, weil Regenwasser in sein Wohnzimmer tropft. Dann prüft Waldner im Auftrag des Richters, ob der Vorwurf gerechtfertigt ist und Schadenersatzanspruch besteht. Jetzt steht der Bausachverständige auf Wunsch des Falter im Prater, auf dem neugebauten Wiener Riesenradplatz. Er dreht eine Runde um die vier umstrittenen Betongebäude mit den knallbunten, pseudo-historischen Styroporfassaden. Um wie viel Geld hätten sich die Bauten auf insgesamt 19.000 Quadratmeter Grundfläche realisieren lassen? "Konservativ geschätzt: Ich würde grob von zirka zehn Millionen Euro ausgehen", sagt Waldner, nachdem er seinen Rundgang beendet hat.

Es waren nicht zehn, sondern 28 Millionen Euro, die das neue Praterentree kostete. Diese Summe brachte das Unternehmen, das den Bau plante und durchführte, an den Rand des Bankrotts. Seit Monaten ist die Firma Explore5D zahlungsunfähig. Mitte vergangener Woche schaffte sie nach einer turbulenten Sitzung am Wiener Handelsgericht den Ausgleich. Den Preis dafür zahlen vor allem die über 100 Betriebe, die im Auftrag von Explore5D auf der Baustelle gearbeitet haben: Sie müssen auf rund zwei Drittel des Lohns verzichten, der ihnen für ihre Leistung versprochen wurde. Es handelt sich dabei großteils um kleine Wiener Bauunternehmen. Schuld am Debakel geben viele von ihnen der Stadtverwaltung: "Wir dachten, wenn die Gemeinde dahintersteht, dann müssen wir uns keine Sorgen um unser Geld machen", sagt einer der betroffenen Geschäftsführer, Thomas Wasshuber von der Stahl- und Messebaufirma Bruckschwaiger in Langenzersdorf. Die Gemeinde schweigt zu solchen Vorwürfen. Seit Monaten sagen Pressesprecher und Rathausbeamte meist dasselbe, wenn man sie nach der politischen Verantwortlichkeit fragt: kein Kommentar, solange die Geschichte noch läuft.

Dabei "läuft" die Geschichte schon ziemlich lange. Sie betrifft nicht nur den Prater und nicht nur Wien. Sie handelt davon, wie öffentliche Institutionen neuerdings wirtschaften. Einerseits schaffen sie sich Konstrukte, die Geschäfte unter privatwirtschaftlichen Bedingungen ermöglichen. Diese privaten Kulissen tragen dann komplizierte Namen wie Ausgliederung, Umstrukturierung oder Public-Private-Partnership. Andererseits gehen die öffentlichen Institutionen Verträge mit Privatunternehmen ein, auf die sie dann Verantwortung abwälzen. Im Fall des Praters war das Unternehmen eine Volksbank-Tochter namens Immoconsult, und die privatwirtschaftliche Kulisse nannte sich Leasingfinanzierungsmodell. Im Graubereich zwischen Politik und Wirtschaft lassen sich Geschäfte schneller und einfacher machen. Dafür kommt die politische Verantwortung ebenso leicht unter die Räder wie die unternehmerische Vernunft: Die Verantwortung teilt man mit dem Privaten. Und während Unternehmer ihre Gewinne investieren, geben öffentliche Institutionen meist das Geld der Steuerzahler aus. "Man schmückt sich mit dem strahlenden Emblem der Marktwirtschaft, aber in Wirklichkeit ist das reine Inszenierung. In Wahrheit werden die Grauzonen größer, die Wege verschlungener und die Konstrukte undurchsichtiger", sagt der Wiener Stadtplaner und kritische Publizist Reinhard Seiss.

Genau das war im Prater der Fall. Die Causa begann im Jahr 2003. Damals lag der Eingang zum Vergnügungspark heruntergekommen da. Die Betreiber der Attraktionen stritten. Ringelspiel und Autodrom waren aus der Mode, Spielhöllen breiteten sich aus, und am nahegelegenen Praterstern turnten die Ratten in den Büschen. Die Gemeinde beauftragte einen weltgewandten und traditionsbewussten Spezialisten, um dem ehrwürdigen Juwel neues Leben einzuhauchen: Emmanuel Mongon, Franzose, in aller Welt tätiger Experte für historische Themenparks. Mongon redete vom typisch Wienerischen und von der Verbrüderung von Arbeiter und Bürger beim Pratervergnügen. Er präsentierte ein Konzept und kündigte einen großen Masterplan an. Der Gemeinde war seine Expertise 1,4 Millionen Euro Honorar wert. Als Mongon drei Jahre später Wien verließ, beschäftigte seine Arbeit allerdings hauptsächlich das Kontrollamt, die Wiener Finanzprüfbehörde: In einem Bericht kritisieren die Prüfer etwa ungerechtfertigt hohe Reisespesen und fehlende Rechnungen. Kritiker bemängeln außerdem, dass der Experte seinen Worten kaum konkrete Ergebnisse folgen hat lassen. Immerhin: Mongon regt einen neuen Eingangsbereich für den Prater an. Eine Repräsentationsfläche nach außen, ein einheitliches Gesicht, das Tradition und Grundidee des weltbekannten Vergnügungsparks ausdrücken sollte. Und das, wenn möglich, bis zur öffentlichkeitswirksamen Fußballeuropameisterschaft im Sommer 2008.

Der Spezialist beendet seine Arbeit 2006, die Zeit bis zur EM drängt. Hektisch will die Gemeinde nun den neuen Vorplatz realisieren. Alte Fehler wiederholen sich: Wie schon beim Engagement Mongons deutet auch jetzt vieles darauf hin, dass Abmachungen nicht gründlich getroffen und Verträge nur schlampig ausverhandelt wurden. Für den Bau des Platzes engagiert die Gemeinde die Firma Explore5D mit Büro in Wien-Landstraße. Das Unternehmen hat in seiner Geschichte nur drei Projekte - im Waldviertel, im Salzkammergut, im rumänischen Siebenbürgen - vorzuweisen, die allesamt nie realisiert wurden oder in Konkurs gegangen sind. In einem aufsehenerregenden Interview mit dem Trend prahlt Explore5D-Geschäftsführer Gerhard Frank damit, Bürgermeister Michael Häupl noch aus Studientagen zu kennen - was dieser im Falter-Gespräch als "Blödsinn" bezeichnet. Die für den Prater zuständige SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete Laska nennt Frank jovial "meine beste Mitarbeiterin". Die Bilanz von 2006 zeigt, dass Explore5D vor dem Praterengagement kaum über eigenes Firmenkapital verfügte. "Diese Firma hatte kein Eigentum, keine Kapitalausstattung, ein gemietetes Büro, eine Handvoll Angestellte - da werde ich doch stutzig", wundert sich heute der geschädigte Kleinunternehmer Wasshuber. Trotzdem bekam Explore5D den Auftrag für das Praterentree freihändig, also ohne Ausschreibung. "Rechtlich hatten wir keine Verpflichtung zur Ausschreibung", erklärte Georg Wurz, Chef der stadteigenen Prater-Service GmbH, vor einigen Monaten dem Falter. Aus Sicht der Gemeinde entfiel diese Pflicht, weil der offizielle Auftraggeber nicht die Stadt, sondern eine private Finanzierungsgesellschaft war.

Hier kommt die Immoconsult ins Spiel: Immoconsult ist Unterzeichnerin des Bauauftrags an Explore5D und finanziert eine Hälfte des Projekts. Für die andere zahlt die Gemeinde. Das Gesamtbudget für den Praterplatz beträgt laut Volksbank erst 32, später aufgestockt 38 Millionen Euro - inklusive aller Vorbereitungsarbeiten und Nebenkosten. Planung und Bau alleine kosteten 28 Millionen Euro. "Zusatzwünsche, zum Beispiel ein Veranstaltungssaal, haben dazu geführt, dass das Projekt teurer wurde als geplant", sagt nun Volksbank-Sprecher Walter Gröblinger. Exakt kamen laut Gröblinger rund 13,5 von der Stadt und 24,5 Millionen Euro von der Immoconsult, die den gesamten Topf verwaltete. Wenn ein Unternehmer seinen Lohn wollte, sandte er die Rechnung an Explore5D, von dort ging sie zu Prüfzwecken an Immoconsult weiter, wo das Geld freigegeben wurde. Dieses Prozedere funktionierte klaglos - bis zum 8. April 2008: An diesem Tag sollten laut profil zwei Millionen Euro von Immoconsult via Explore5D an den Baukonzern Strabag gehen. Bei der Strabag, der größten der auf der Baustelle tätigen Firmen, kam das Geld allerdings nicht an. Wo genau die Millionen blieben, ist bis heute unklar. Im folgenden Monat warteten die meisten Firmen vergeblich auf ihr Geld. Schließlich verfügte Explore5D einen Baustopp. Immoconsult kündigte den Vertrag mit Explore5D. Im Mai räumte Explore5D, das ja kaum über eigenes Kapital verfügte, seine Zahlungsunfähigkeit ein. Und die Unternehmer begannen schon, die Türen und Fenster wieder von der Baustelle abzutransportieren.

Später sagte Grete Laska der Presse, dass sich im Gesamtbudget noch immer fast acht Millionen Euro befinden würden. Warum der Geldstrom trotzdem versiegte, ist nicht restlos geklärt. Die einen behaupten, Explore5D habe das Geld unrechtmäßig abgezweigt. Die anderen geben vor allem der Gemeinde Wien die Schuld.

"Es gibt Hinweise, dass Explore5D das Geld anderweitig ausgegeben hat", sagt etwa der Anwalt Daniel Kornfeind, der einige der geschädigten Kleinunternehmer vertritt. Als Indiz nennt er die Millionen, die nie bei "einem Unternehmen" - es war die Strabag - angekommen sein sollen. Aber es sind nicht nur ausgebliebene Zahlungen, die misstrauisch stimmen: Nach dem Baustopp verschwanden sämtliche Geschäftsführer von Explore5D aus dem Firmenbuch. Dazu kam eine Änderung des Firmennamens, der seitdem auf Explore Bau GmbH lautet. Der ehemalige kaufmännische Kopf von Explore5D, der Osttiroler Architekt Martin Valtiner, steht außerdem seit Wochen für Auskünfte nicht zur Verfügung. Seine alte Handynummer existiert nicht mehr. An den Ausgleichsverhandlungen nahm er aus gesundheitlichen Gründen nicht teil. Wiener Grüne und Kleinunternehmer haben nun eine Klage eingebracht - die Staatsanwaltschaft untersucht, ob Explore5D seine Gläubiger vorsätzlich getäuscht haben könnte. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch das ist nur eine Version der Geschichte. Laut anderer Sichtweise hat die Gemeinde schlampig und unüberlegt gewirtschaftet. "Explore5D muss für die Fehlleistungen der verantwortlichen Stadträtin Laska als Sündenbock herhalten", sagt beispielsweise die grüne Gemeinderätin Sabine Gretner, die sich mit dem Prater beschäftigt (siehe Kasten Seite 67). Laskas "Missmanagement" führe jetzt dazu, dass "etliche Unternehmen ernsthaft gefährdet sind". Gretners Sichtweise wird von einem der wenigen umfassenden und fundierten Dokumente zum verworrenen Fall Prater untermauert: Der Bericht der Ausgleichsverwalterin und Anwältin Eva Riess beschäftigt sich mit der finanziellen Situation von Explore5D. Riess spricht die Firma von allen Vorwürfen frei. Ohne das zu beabsichtigen, liest sich ihr Dossier wie eine Aufzählung unternehmerischer Unvernünftigkeiten - vonseiten der Gemeinde. Von "mehrfachen Umgestaltungen und Umnutzungen" ist beispielsweise die Rede. "Mit der Ausführung des Projekts wurde zu einem Planstand begonnen, zu dem noch (...) keine exakte Kostenermittlung möglich war." Der Vertrag mit Explore5D ist laut Ausgleichsbericht "unklar formuliert" und wurde "erst nach Fertigstellung des Rohbaus im Oktober 2007, also längst nach Baubeginn, unterfertigt". Das alles habe dazu geführt, dass "das Kostenpotenzial eine enorme Dimension angenommen hat".

Konnte die Gemeinde also die bevorstehende Zahlungsunfähigkeit von Explore5D absehen? Ausgleichsverwalterin Riess zitiert aus einem Besprechungsprotokoll vom Februar 2008. An der Sitzung nahmen Explore5D, Immoconsult und die Riesenradplatz Errichtungsgesellschaft - eine Tochter der Gemeinde Wien - teil. "Allen Beteiligten ist klar, dass Explore5D nicht in der Lage sein wird, die Mehrkosten zu tragen", steht im Protokoll. Daher wurde ein Versprechen gemacht: "Für eine Bedeckung der Kosten wird in den kommenden Wochen durch die Riesenradplatz Errichtungsgesellschaft gesorgt." Die Stadt sicherte Explore5D also zu, im Ernstfall Geld zuzuschießen. "Infolge dessen dürfte die Explore5D von einer Kostenübernahme durch die Immoconsult/Stadt Wien ausgegangen sein", schreibt Riess. Das zugesagte Geld kam allerdings nicht. Das Fazit der Anwältin: Explore5D könne man nur vorwerfen, dass "sie sich nicht auf mündliche Zusagen (...) hätte verlassen sollen".

Die Gemeinde hat also - laut Ausgleichsbericht - kostspielige Änderungen durchgeführt und das dafür notwendige Geld nicht ausreichend kalkuliert. Sie hat Verträge unklar ausgehandelt. Sie hat wichtige Vereinbarungen mündlich getroffen und sich dann nicht daran gehalten. All das führte zur Kostenexplosion. Explore5D konnte nicht mehr zahlen - und das privat-öffentliche Konstrukt kollabierte. Danach wollte die Gemeinde mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun haben. Plötzlich hieß es, die Immoconsult sei immer die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen. Medienanfragen wurden lange Zeit mit dem Verweis abgeschmettert, dass man hierfür nicht zuständig sei. Dem Wochenmagazin profil erklärte Grete Laska, dass sie erst von der Zahlungsunfähigkeit erfahren habe, "als mir mitgeteilt wurde, dass die Immoconsult den Vertrag kündigt". Einige Passagen im Ausgleichsbericht der Anwältin Riess deuten allerdings auf das Gegenteil hin: Verhandlungen wurden "oftmalig im Beisein der Vizebürgermeisterin Laska im Rathaus" geführt. Daher seien "allen Beteiligten Kostenüberschreitungen bewusst und deren Höhe auch ziffernmäßig bekannt" gewesen. Und auch Volksbank-Sprecher Gröblinger sagt: "Die Riesenradplatz Errichtungsgesellschaft war voll involviert und wusste immer, was los war." Hat sich die Gemeinde im kritischen Moment hinter der privaten Kulisse versteckt, die sie selbst geschaffen hat? Manches deutet darauf hin. "Verantwortungslosigkeit mit Kalkül" nennt Kritiker Reinhard Seiss eine solche Vorgangsweise.

Jetzt schweigen die Verantwortlichen, obwohl die private Kulisse inzwischen deutliche Risse bekommen hat: Weder Grete Laska noch Prater-Service-Chef Georg Wurz waren zu Stellungnahmen bereit. Explore5D verwies nur auf eine baldige Pressekonferenz. Einzig Bürgermeister Michael Häupl sagte kürzlich im Falter-Gespräch: "In Zukunft müssen wir so etwas einfach selber machen. Dann hätten wir uns diese Zores erspart."

Und jetzt? Der Pratervorplatz ist längst in Betrieb. Tausende Menschen überqueren ihn täglich. Anfang August haben zwei Attraktionen mit 3-D-Kinoleinwänden im Disneyland-Stil eröffnet. Dazu kommen ein gut laufendes Restaurant mit bürgerlicher Küche, ein Veranstaltungssaal und ein Eissalon. Für Mitte November ist ein neuer Kontrollamtsbericht zum Fall Prater anberaumt. Die Begleichung der Schulden von Explore5D übernimmt laut Kreditschutzverband "die Auftraggeberseite" - also offenbar die Gemeinde. Bis 17. September sollen die Kleinunternehmer die zugesagten 40 Prozent ihres Geldes bekommen haben. "Wenn nicht, dann hätte das große und kostspielige Bauprozesse zur Folge", sagt Hans-Georg Kantner vom Kreditschutzverband. Über einen Rücktritt von Vizebürgermeisterin Laska wird, obwohl vom Rathaus dementiert, laut aktuellem Trend heftig spekuliert. Jetzt, wo die Kulisse des Privaten endgültig umgefallen ist.

Erschienen im Falter 36/08

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Dreiecksbeziehungen

WERBUNG Wenn die Wiener SPÖ einen Wahlkampf führt, dann gilt so manche Regel nicht mehr. Zum Beispiel, was Plakate betrifft. JOSEPH GEPP

Wer bis vor einem halben Jahr in Wien eine Kulturveranstaltung bewerben wollte, der engagierte einen Wildplakatierer. Bunte Poster auf Brückenpfeilern oder Stromkästen kündeten dann von der aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus oder vom Konzert in der Szene Wien. Im Jänner 2008 machte die Gemeinde dem Treiben ein Ende: Mit Verweis auf die Straßenverkehrsordnung wurde das Wildplakatieren verboten. Als Ersatz dienten sogenannte Halbschalen, tausende über die ganze Stadt verteilte Metalltafeln. Kulturplakat heißt die Initiative, zentral organisiert wird sie von der Kulturplakat GmbH, die mehrheitlich der rathausnahen Außenwerbefirma Gewista gehört. Von den alten Wildplakatierern schlossen sich manche der neuen Aktion an, andere protestierten und kleben bis heute ihre Werbeposter illegal. Kritiker werfen der Gewista Monopolisierungsbestrebungen vor. Um diesem Vorwurf zu entgegnen und die Vielfalt zu wahren, verspricht der Werbekonzern auf seiner Homepage, die Halbschalen ausschließlich „Veranstaltern von Kultur- und Szeneevents“ vorzubehalten: „Zu äußerst kulanten Preisen können nun Veranstaltungen, für die nur ein kleines Werbebudget zur Verfügung steht, (...) beworben werden.“ In den Geschäftsbedingungen der Kulturplakat GmbH findet sich der Satz: „Die Kulturplakat behält sich das Recht auf Ablehnung von nicht kulturaffinen Plakaten vor.“

Als zwei Monate später die Vösendorfer Erotikmesse auf den Kulturplakaten warb, fragte der Falter bei der Gewista nach, was denn alles unter Kultur zu verstehen sei. Die Antwort lautete, dass man Veranstaltungen eben schwer aussieben könne und daher auch die Pornomesse auf den Halbschalen Platz finden müsse. Bei einem Mediengespräch vergangene Woche fand SPÖ-Landesparteisekretär Harry Kopietz eine neue Verwendungsmöglichkeit für die Werbeflächen: Die Dreieckssteher, auf denen bisher Parteien in Wahlkampfzeiten Werbung gemacht haben, seien „überholt“ und „für Verkehrsteilnehmer gefährlich“, sagte er. Stattdessen könne man doch die Halbschalen für Wahlwerbung nutzen. Es gebe diesbezüglich ein Angebot der Gewista, die die Flächen gratis zur Verfügung stellen würde. Wenn sich alle Parteien auf die Halbschalen als Werbemedium einigen, könne man über einen Verzicht auf die vielen ungeliebten Dreieckssteher nachdenken.

Was bleibt nun von der Idee der günstigen Werbemöglichkeit für kleine Kultur- und Szeneevents? „Wahlwerbung gibt es sowieso nur alle drei bis fünf Jahre“, sagt Gewista-Chef Karl Javurek. „Und von den Dreiecksstehern fühlen sich die Leute gestört. Also wurde seitens der Politik der Vorschlag an uns herangetragen, statt der Steher auf Kulturplakate zurückzugreifen.“ Er könne sich das durchaus vorstellen, sagt Javurek. Viele Halbschalen müssten abmontiert werden, weil sie im Wahlkampf den Dreiecksstehern Platz wegnehmen. „Wir würden uns so das Abmontieren ersparen.“ Aus diesem Grund biete die Gewista bei Wahlwerbung auch einen „gestützten Tarif“ an. Laut Standard beträgt er lediglich eine Anbringungsgebühr von einem Euro pro Plakat. Konkret hieße das, dass Parteien für die gleiche Werbung weniger zahlen müssten als Kulturbetriebe, für die ein Plakat 2,95 Euro kostet. Viele der werbenden Kulturinstitutionen, etwa Stadthalle oder Szene Wien, unterstehen indirekt oder via Wien-Holding der Gemeinde – und würden im Gegensatz zu den Parteien den vollen Preis zahlen. Die Konsequenz: Wo stadteigene Betriebe voll zahlen, bekommen Parteien für dieselbe Leistung Rabatt. Javurek wollte zu den genauen Kosten keine Stellung nehmen.

Es ist eine Vorgangsweise, die eine alte Frage aufwirft: Ist die Gewista so unabhängig, wie sie sich gerne darstellt? Immer wieder werfen Kritiker dem Werbeunternehmen Parteinähe vor. 13 Prozent des Konzerns stehen über Umwege im SPÖ-Besitz (Mehrheitsbesitzer ist die fanzösische JCDecaux). Bis 1974 als Magistratsabteilung Teil der Stadtverwaltung, sitzen bis heute im Aufsichtsrat einer Gewista-Mutterfirma Landesparteisekretär Kopietz und Helmut Laska, Ehemann von SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete. Josef Sopper, ein Geschäftsführer von Kulturplakat, gilt als enger persönlicher Freund von Harry Kopietz. Im Nationalratswahlkampf 2006 warfen die Grünen der Gewista massive Preisnachlässe bei SPÖ-Werbung vor. Im Jänner 2008 kritisierten die Prüfer des Kontrollamts Begünstigungen der Gewista durch die Wiener SPÖ. Dementsprechend reagiert nun die Opposition auf den Vorschlag von Harry Kopietz: Von einem „unmoralischen Angebot“ und „billigen Tricks“ spricht Grünen-Klubobfrau Maria Vassilakou. Und auch ÖVP-Stadtrat Norbert Walter will „das Quasimonopol der Gewista nicht unterstützen“. „Bisher war es so, dass bei den Dreiecksstehern jeder Partei rechtlich dieselbe Anzahl zusteht“, sagt er. „Ich weiß nur nicht, wie das bei den Kulturplakaten ausschauen würde.“

Erschienen im Falter 34/08

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Dienststelle Skiverleih

Welt in Wien (5). Ein kleines Stück Industrieviertel aus Liverpool hat sich in den Alsergrund verirrt. Hier wie dort wird allerdings schon lange nichts mehr gefertigt. JOSEPH GEPP

Mitten im neunten Bezirk liegt ein altes Industrieviertel, das seinen ursprünglichen Zweck längst verloren hat. Jetzt steht es einfach da: mächtige Ziegelbauten, viele Stockwerke hoch, verteilt über mehrere Straßenzüge. Reinster Industriestil des 19. Jahrhunderts, wie man ihn in Wien viel seltener findet als beispielsweise in englischen Städten. Die Albert Docks im Hafen von Liverpool könnten das sein. Oder die rußschwarzen und ziegelroten Industrieviertel von Manchester. Die Severingasse nahe der Währinger Straße zeugt still vom Aufstieg des Industriezeitalters – und von seinem Niedergang: Die ziegelsteinernen Bauten sind etwas heruntergekommen, die kopfsteingepflasterte Straße dazwischen fällt ab. „Technolog sches Gewerbemuseum“ steht auf der rotgrauen Fassade, das „i“ ist irgendwann verschwunden. Früher befand sich das TGM in diesem Gebäude, schon vor Jahrzehnten übersiedelte es in die Brigittenau. Wer sich umdreht, sieht einen Gürtelbogen: alt, zugemauert, von noch keinem Lokal besetzt. In Richtung Innenstadt ergänzt die schlichte grau-weiße Probebühne der Volksoper die postindustrielle Anmutung.

Im Gebäude auf der linken Seite der Severingasse befindet sich das Wuk, Kulturzentrum seit 1981, laut Eigendefinition „gesellschaftspolitisches Experiment“. Wer von der Straße seinen Hof betritt, sieht Efeu an den Ziegelwänden, Graffiti, halboffene Türen, von denen die Farbe blättert. Ursprünglich war das Gebäude eine Lokomotivfabrik: in der Mitte die Fertigungshalle, in den Hallen rundherum die Werkstätten. Was sie auch weitgehend geblieben sind, nur verwirklichen sich heute alternative Künstler in den Sälen, während früher Facharbeiter an Zugsteilen schraubten.

Das Haus auf der anderen Seite der Severingasse ist im selben Stil gehalten und war früher ebenfalls Teil des Fabrikskomplexes. Heute beherbergt der Ziegelbau eine höhere Schule, eine Uni-Dependance und die „Zentrale für Sportgeräteverleih und Sportplatzverwaltung – Dienststelle Schiverleih“. Eine Passantin beschwert sich, dass die weißen Gitter vor den Fenstern nicht zum restlichen Gebäude passen würden. Immerhin: Auch im postindustriellen Zeitalter hat sich eine Verwendung für das Haus gefunden. In die Albert Docks ist ja auch das Beatles-Museum eingezogen.

Erschienen im Falter 33/08

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Train de Luxe

WELT IN WIEN (4) Wie sehr sich die Leopoldstadt verändert hat, zeigt sich an Wiens kleinem Bukarest: der Nordbahnstraße. JOSEPH GEPP

Der Balkon ist konstitutives Element jedes osteuropäischen Plattenbaus. Die "Fickzellen mit Fernheizung", wie man die standardisierten Wohnungen in der DDR scherzhaft nannte, waren ja bekanntlich ziemlich eng und ließen dem individuellen Gestaltungsgeist nicht viel Platz. Der Balkon wurde da zum Ventil für die bescheidene Repräsentation der eigenen Existenz an der Schwelle zwischen öffentlichem und privatem Raum. Kein Wunder also, dass so manche balkongesäumte Plattenbauten, zum Beispiel in der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ausschauen wie Pinnwände, auf die ein Kind mit Superkleber bunte Scherben, Perlen und ähnlichen Krimskrams gepickt hat.

Die 100 Meter Wiener Bukarest liegen am Beginn der Nordbahnstraße in der Leopoldstadt. Früher stand hier der alte Nordbahnhof. Im Zweiten Weltkrieg wurde der neugotische Prachtbau zerstört. Sein Nachfolger rückte direkt auf den Praterstern. Bis zur Eröffnung des Neubaus vor ein paar Monaten stellte der graue Bahnhofsmoloch mit seinem schmalen Rolltreppen und verrosteten Geländern jede osteuropäische Zugstation in den Schatten. Daneben befinden sich zwei Plattenbauten. Sie wurden anstelle des alten Bahnhofs errichtet und scheinen wie aus einer Bukarester Ausfallstraße gebeamt: Bunte Glasfenster verwandeln Balkone in improvisierte Wintergärten, die sich von der grauen Fassade abheben. Bei manchen geht die Lust am Ornament so weit, dass Pferdegeschirr zur Zierde an der Seitenwand eines Balkons hängt oder Pelagonien die Geländer schmücken. Einige Stockwerke tiefer wird es trister: Ein Graffito reiht sich ans nächste, dunkle Gänge aus Beton führen die Erdgeschoße entlang.

Keine 20 Meter hinter den Bauten donnern die Züge vorbei. Aus der Fahrgastperspektive wirken die grauen Fassaden mit den unregelmäßig platzierten Fenstern noch viel östlicher. Kinder spielen direkt neben den Gleisen: "Halt's zam", schreien sie einander an. Hier ist die Leopoldstadt noch so, wie sie vor Jahren auch am Praterstern, in der Praterstraße oder im Karmeliterviertel war. Auf der anderen Seite der Nordbahnstraße, gegenüber von den Plattenbauten, erinnert ein Haus an die Zeit, als der alte Bahnhof noch stand und das Viertel als hübsch und gehoben galt: Dort steht ein pompöser Gründerzeitbau. Mit seinen säulengesäumten breiten Portalen könnte er als Schloss durchgehen, stünde er allein in einem Park - nur hier, zwischen den Häusern, fällt er nicht auf. Derzeit wird er renoviert, und ein Geflecht aus Baugerüsten überspannt seine Fassade. "Train de Luxe - Wien Budapest Prag", stand bis vor kurzem in goldenen Lettern unter einem Doppeladler über einem seiner zahlreichen Eingänge. Bei der Renovierung hat man die Buchstaben weggestemmt.


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