Freitag, 1. August 2008

Petite Paris

WELT IN WIEN (3) Ganz schön pompös: Wie eine Seitengasse des 12. Pariser Arrondissements nicht ganz zufällig nach Wien-Wieden kam. JOSEPH GEPP

Über die steilen Mansarden und schmalen Balkone, die typisch für die französische Hauptstadt sind, war an dieser Stelle schon die Rede. Wer sich in Paris aufhält, kann aber gar nicht festmachen, worin sich der ganz eigene Stil dieser Stadt ausdrückt. Es sieht ja alles gleich aus. Wenn sich dagegen ein Haus à la française nach Wien verirrt, bildet es unter tausenden eine Ausnahme - und sein Stil lässt sich sofort beschreiben: meterhohe Fenster, davor die obligaten kleinen Balkongitter aus verschnörkeltem Gusseisen, oft mit vergoldeten Blumenornamenten darüber. Das Dach, das bei Wiener Häusern nur über seinen Nutzwert definiert zu sein scheint, dient in Frankreich der Repräsentation: Große runde Fenster zieren seine Schrägen, selbst die Rauchfänge ragen wie stolze Masten aus dem Häusermeer. Und eine weitere Pariser Eigenheit: Das eiserne Tor vor jedem großen Haus ist oft das auffälligste Element am ganzen Arrangement. Tausend Verästelungen, Verstrebungen und Ornamente. Die Schwelle in ein anderes Reich. Dagegen dient das Wiener Tor nur zum Durchfahren.

Paris in Wien liegt an der Technikerstraße, benannt nach der nahegelegenen TU am Karlsplatz, auf der Wieden. Dort steht die französische Botschaft. Die Anmutung ist also kein Zufall. Als Georges-Paul Chedanne das Haus im Jahr 1901 konzipierte, kritisierte man laut Botschaft, dass es "nicht zu seinem habsburgischen Umfeld" passe.

Doch nicht nur dieses Gebäude macht die Technikerstraße so pariserisch. Die Gründerzeitzeile auf der gegenüberliegenden Straßenseite, diesmal wienerisch, ist prachtvoll wie kaum eine außerhalb der Ringstraße - schließlich war es immer schon Statussymbol, im Botschafterviertel zu wohnen. Und wer in Richtung Schwarzenbergplatz blickt, bleibt an einer weiteren pompös-gründerzeitlichen Kolonnade hängen. Breite Toreinfahrten, dicke Balustradenreihen und imperiale Blickachsen kennzeichnen Paris - und die Technikerstraße. Von ihren beiden Fahrspuren liegt eine tiefer als die andere, dazwischen verläuft ein altes Eisengitter. Dieses Geländer müsste noch steinern und möglichst mit irgendwelchen Statuen verziert sein, es wäre ein idealtypisches Seitengässchen im zentrumsnahen Paris, beispielsweise im 12. Arrondissement, in der Nähe der Place de la Nation.

Die Wiener Entsprechung zum Place de la Nation - auf dem eine üppige Frauenstatue die französische Nation symbolisiert - wäre in diesem Fall der Schwarzenbergplatz. Dort steht das im Sowjetstil gehaltene Russendenkmal mit seinen schroffen Formen und kyrillischen Lettern. Und schon ist man in Nowosibirsk.

Die Serie "Welt in Wien" entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht "typisch Wien" sind, sondern eben "typisch anders" - und sehr überraschend.

Nächste Woche: Bukarest


Erschienen im Falter 31/08

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Weit im Norden

WELT IN WIEN (2) Bäume, Änderungsschneidereien und New-Age-Puffs. Die Stuwerstraße ist ein Stück Berliner Arbeiter-Kiez. JOSEPH GEPP

Bäume am Straßenrand können eine Stadt prägen. Im Herbst oder bei Wind landen ihre Blätter auf den Straßen, die dadurch immer etwas ungepflegter wirken als ihre baumlosen Pendants. Wenn die Blätter oben bleiben, dann überdachen Bäume die Stadt, und ihre Schatten liefern sich wilde Schlachten mit dem vereinzelt durchdringenden Sonnenlicht. Wer in unteren Etagen wohnt, muss für den Blick ins Blattgrüne weniger Licht in Kauf nehmen. Und Bäume verbreitern Straßen: Wenn zwischen Gehsteigkante und Fahrbahn ein Baum steht, dann braucht er Platz. In Alleen stehen parkende Autos quer, in baumlosen Straßen parallel zur Gehsteigkante. Wer in einer Allee lebt, wird die Straßenschlucht nicht als beengend empfinden.

Wien ist im Allgemeinen eine Stadt ohne Bäume am Straßenrand. Dafür sind die Straßen zu schmal und zu wenig gerade. In gründerzeitlichen, aus Zinshausblocks zusammenkomponierten Berliner Arbeitervierteln hingegen – etwa Kreuzberg, Schöneberg oder Neukölln – findet man die Alleen häufiger. Oder im Wiener Stuwerviertel, das aussieht, als hätte man ein Stück Schöneberg (vielleicht die Stelle, wo der Flughafen Tempelhof steht) herausgeschnitten und eins zu eins nach Wien übertragen.

Seine Hauptstraße, die Stuwerstraße, ist Berliner Kiez schlechthin – und das nicht nur wegen der Bäume und querstehenden Autos: Aneinandergereihte schmucklose Häuserfassaden und Geschäftsschilder wie „Änderungsschneiderei“ oder „Videoteka“ vermitteln eine fast dörfliche Atmosphäre. Ein Kind fährt mit einem Dreirad zwischen parkenden Autos umher, zwei ältere Männer genehmigen sich in einem Schanigarten ein vormittägliches Bier. In der Nähe liegt eine serbische Fleischerei, vor der sich der dicke Chef im blutverschmierten Kittel lachend mit einem Kunden unterhält. Vielleicht macht die isolierte Lage das Viertel so dörflich: Im Westen und Osten liegen Lasalle- und Ausstellungsstraße, im Norden die Donau, im Süden der Moloch Praterstern. Berlin wirkt ja auch nicht wie eine homogene Stadt, sondern eher wie eine Ansammlung isolierter Orte mit jeweils starkem Eigenleben.

Dabei steht die Stuwerstraße im Bewusstsein der Wiener gar nicht für Dorfatmosphäre, sondern für illegale Prostitution. Auch das ist unübersehbar: Ein Herz aus rotem Buntpapier klebt hinter der Scheibe einer Eingangstür, daneben formen ungeschickt ausgeschnittene Lettern „Top 1“. Nebenan verrät eine Aufschrift über einem Schaufenster ungewollt etwas über die jüngere Geschichte der Straße und ihrer Umgebung: Die hellen Stellen auf einem Blechschild deuten noch auf das Wort „Friseur“ hin. Darüber steht „Salon Angelika“, doch auch dieser Schriftzug blättert schon ab. Und darüber wiederum: „Royal Thai Massage Energetik Institut“. Sogar das Puff schmückt sich heute schon mit den Reizwörtern von New Age und fernöstlicher Ganzheitlichkeit. Aber so was gibt es in Berlin sicher auch.

Die „Falter“-Serie „Welt in Wien“ entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht „typisch Wien“ sind, sondern eben „typisch anders“ – und sehr überraschend.

Nächste Woche: Paris


Erschienen im Falter 30/08

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Am alten Bahndamm

WELT IN WIEN (1) Manche Wiener Straßen schauen aus, als lägen sie ganz woanders. Zum Beispiel in Belgrad. JOSEPH GEPP

Wenn der Tag heiß ist, dann flimmert die Luft über den herankommenden Zügen. Bevor sie im Bahnhof einfahren, knarren die Weichen leise. Die Straße neben dem Bahndamm fällt leicht ab, aus den Fugen ihrer Kopfsteinpflaster wächst Gras. Links steht ein Gebäude, das aussieht wie eine Fabrik, die ihre produktivsten Tage lang hinter sich hat. Wenn ein Zug vorbeifährt, vibrieren die maschendrahtverstärkten Fenster ein wenig. Ein zweites Haus, verfallen, Industriestil aus dem 19. Jahrhundert, steht rechts auf der anderen Seite der Bahntrasse. Keinen Meter liegt es von den Schienen entfernt. Sein Putz bröckelt. Aus einem der eingeschlagenen Fenster wächst Efeu, breitet sich über die Fassade aus und reicht bis nach unten an den Rand der Gleise.

Bestimmte Städte haben bestimmte Merkmale. Steile Dachmansarden und schmale französische Balkone kennzeichnen Paris. Belebte gotische Gässchen, die so gewunden sind, dass der Blick nie weiter als 20 Meter reicht, sind Barcelona. Gründerzeitzeilen sind Wien. Und die Obere Viaduktgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, keine zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt, ist Belgrad.

Obere Viaduktgasse wie Belgrad sind heruntergekommen, aber nicht hässlich. Das vorstädtisch wirkende Gässchen ist nur postindustriell, und das macht es sogar idyllisch. Die Fabrik ist gar keine Fabrik, sondern - wie sich beim Nachfragen herausstellt - eine Parkgarage. Die erste, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt errichtet wurde, wie der exjugoslawische Aufpasser stolz erzählt. Er kassiert die Benutzungsgebühren händisch, eine automatische Schranke existiert nicht. "Eine Stunde Parken - ATS 24,-" steht auf einem Transparent über den drahtverstärkten Fenstern.

Was ist Belgrad? Alte Straßen, die sich hinunterwinden in Richtung Donau und Save. Heruntergekommene gründerzeitliche Wohnhäuser. Fabrikshallen und Verkehrsinfrastruktur, die man nicht mehr braucht, weil sie zu groß konzipiert wurden für ein klein gewordenes Land. Zwecklos nach langem Gebrauch.

Neben der Oberen Viaduktgasse, wo heute die Schnellbahn verkehrt, fuhr einst die Stadtbahn. Ein paar Häuser weiter unten beginnen ihre Bögen, auf die sich der Straßenname bezieht. Hier oben allerdings gleichen sich Straßen- und Bahnniveau an, der Zug ist schon auf halbem Weg in die unterirdische Station Landstraße. Auf den steinernen Sockeln, die die Trasse von der Straße trennen, rosten die Stromkästen. Grau sind die Fassaden, unrepräsentativ die Häuser in der Oberen Viaduktgasse. Sie bildet eine Art Grenze zwischen der Bahntrasse und dem Rest des Bezirks. Wo Züge donnern, dort will man nicht leben. Gegenüber, auf der anderen Seite des Bahndamms, liegt die Untere Viaduktgasse. Sie schaut nicht viel anders aus.

Die neue "Falter"-Serie "Welt in Wien" entdeckt andere Städte in der Stadt; Straßen, die nicht "typisch Wien" sind, sondern eben "typisch anders" - und sehr überraschend.

Nächste Woche: Berlin


Erschienen im Falter 29/08

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Der Zauberwald

NATUR Abgelegene Lacken, versteckte Lager, nackte Menschen. Die Lobau ist die große Auwildnis am Rand von Wien. Wen zog und zieht der Dschungel an? Eine Spurensuche. JOSEPH GEPP

Dieses Lager scheint schon lange kein Mensch mehr betreten zu haben. Ein kleiner Trampelpfad führt ins Gestrüpp. Man steigt über einen umgestürzten Baum und umrundet ein Brennnesselbeet. Der Pfad mäandert durchs Dickicht und verliert sich alle paar Meter, um ein Stück weiter neu zu beginnen. Er endet bei einer ausgebleichten Zeltplane am Waldboden, beschwert mit Steinen, bedeckt von herabgefallenen Ästen und Blättern. Daneben eine zweite Plane, unter der Speiseölkanister, Einmachgläser, Konservendosen und vom Regenwasser aufgeweichte Toastpackungen hervorlugen. Weit und breit ist niemand zu sehen. Nichts deutet darauf hin, in letzter Zeit jemand hier war. Wer hat sich hier auf einen längeren Aufenthalt eingestellt? Eine Pfadfindergruppe, die eines ihrer Zelte vergessen hat? Das Bundesheer, als es noch hier trainierte? Oder jemand, der vor irgendetwas auf der Flucht war?

Groß, wild und streckenweise fast undurchdringlich ist die Lobau, die Auwildnis am Rand von Wien. Das Lager ein zweites Mal zu finden, wäre schwierig. Von der Dechantlacke, einem idyllischen Teich am Rand der Au, führen viele Wege ins Waldinnere. Kleinere Wege zweigen von ihnen ab, sie führen zu noch kleineren Trampelpfaden. Einer davon, kaum sichtbar, weist den Weg zum Lager. Wer auch immer hier war, er konnte sich fast sicher sein, niemanden sonst zu treffen.

Die Lobau ist dort, wo auf Stadtplänen oft das Wort "Wien" steht, weil sie so groß und leer ist. Seit 1996 Teil des Nationalparks Donau-Auen, umfasst sie 2300 Hektar, das entspricht etwa der Größe von Simmering. Vor der Donauregulierung 1875 war sie eine Insel zwischen mäandernden Donauarmen. Wer die markierten Pfade verlässt und sich in die Wildnis vorwagt, dem scheint es bald unvorstellbar, sich in der Nähe einer Millionenstadt zu befinden. Das Läuten des Handys scheint hier wie der akustische Angriff aus einer fremden Welt. Das permanente Schwirren, Zirpen, Flattern, Plätschern, Zwitschern und Blätterrauschen formt einen monotonen Einheitston. Sumpfige Pfade führen zu ausgetrockneten Flussarmen und großflächigen, wild wuchernden Wiesen. Je weiter man vordringt, desto weniger Menschen trifft man. Bis einem irgendwann gar keiner mehr begegnet. Dann beginnt man auf den Weg zu achten, um auch wieder zurückzufinden. Zeitungen berichteten in den 70er-Jahren von einem 16-jährigen Schweizer Lehrling namens Markus Degen. Er hatte sich in der Lobau verirrt. Erst nach drei Tagen hörte die Besatzung eines russischen Donaudampfers seine Hilferufe.

"Die Wildnis steht für etwas Irreguläres und zieht irreguläre Existenzen an", sagt der Lobau-Experte Fritz Keller, der sich in seinem Buch "Die Nackerten von Wien" mit der Sozialgeschichte der Au beschäftigt hat. "Im Dschungel kann man sich verstecken. Jugendbewegungen und politische Aktivisten nutzten das für ihre Zwecke. Gesellschaftliche Experimente konnten hier ungestört durchgeführt werden." Die Wildnis war Refugium für all jene, die das System nicht brauchte - oder die vom System ungestört bleiben wollten: Räuberbanden im Mittelalter, Arbeitslose in der Zwischenkriegszeit, Sozialisten und Schutzbündler im Ständestaat, flüchtige Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg, rechte Politsekten. Menschen, denen die Zivilisation zur Gefahr wurde, fanden ebenso in die Lobau wie Zivilisationsüberdrüssige. Wie etwa die Nudisten, die sich hierher zurückzogen, als das Nacktbaden noch streng verboten war.

Bis heute prägen die Nackten das Bild der Lobau. Sie sitzen rund um die Dechantlacke, spielen Volleyball, jausnen. Eine Großfamilie breitet ganze Billa-Sackerln voll Essen auf einem Campingtisch aus. Ein dicker Wiener küsst eine dünne Thai-Frau. Tiefer im Wald haben Nudisten gar ständige Lager aufgeschlagen: Weitab von den stark frequentierten Plätzen baumeln zwischen Bäumen zwei verwaiste Hängematten, daneben lehnt ein Sonnenschirm. Die Besitzer scheinen an jedem warmen Wochenende wiederzukommen. An der Panozzalacke sitzen verstreut Ausflügler auf kleinen Schilfmatten und lesen. Sie verkörpern einen anderen Typ Lobauaner als jene an der Dechantlacke: Ihre Fahrräder liegen unabgesperrt neben ihnen im Schilf. Vollbärte und Birkenstock-Schlapfen lassen auf eine Sozialisation im Kampf gegen die Kraftwerke Zwentendorf und Hainburg schließen.

Die Nackten von der Lobau haben eine lange Geschichte. "Angefangen hat es mit den Reaktionären, deren Körperbewusstsein oft rassistisch gemeint war. Dann kam die Aussteiger- und Reformbewegung. Und dann, in der Ersten Republik, kamen die Linken", erklärt Fritz Keller. Die Linken zogen sich nicht nur in die Lobau zurück, um ungestört zu baden. Als Sozialisten und Kommunisten nach dem Bürgerkrieg 1934 in die Illegalität gedrängt worden waren, traf man sich auch in der Lobau, um Blitzaktionen und Kundgebungen zu koordinieren. Jenny Strasser, heute 95 Jahre alt, nahm als Aktivistin des sozialdemokratischen Schutzbundes an derartigen Aktionen teil. Zugeteilt sei sie, damals 23, dem parteieigenen "Nachrichtendienst" gewesen, erzählt sie. Er befasste sich mit dem Ausspionieren der Behörden des austrofaschistischen Ständestaats. "Wir trafen uns auf der Hirscheninsel, fast jeden Tag im Sommer, das waren oft viele hundert Leute, 90 Prozent davon Rote", erzählt Strasser, die heute in einem Pensionistenheim in Währing lebt. "Die Nazis trafen sich woanders, in der Kuchelau." Die Kuchelau liegt in Döbling am Nordrand der Stadt, die Hirscheninsel im Süden der Lobau musste später der Donauinsel weichen. "An heißen Tagen haben wir uns bei der Stadlauer Brücke in die Donau geworfen und vom Strom bis zur Lobau tragen lassen. Dort haben wir russische Kampflieder gesungen, viel diskutiert und unsere Aktionen geplant." Wie sahen diese Blitzaktionen aus? Jenny Strasser redet klaren Blickes und voller Begeisterung: "Sie dauerten meistens nur fünf Minuten. Verschiedene Aktivisten kamen über verschiedene Straßen an einem bestimmten Platz, zum Beispiel am Nestroyplatz, zusammen. Alles war vorab abgesprochen. Dann hielt einer eine schnelle Rede, zwei rollten ein Transparent aus, Flugzettel wurden ausgeteilt. Wenn die Polizei gekommen ist, waren wir schon wieder weg, in verschiedene Richtungen. Auch das war vorher ausgemacht." Schon ihre Eltern seien Sozialisten gewesen, erzählt die alte Frau, und sie selbst habe den "Scheiß-Dollfuß" nie gemocht: "Wir haben dann in der Lobau darüber geredet, was man gegen dieses System tun kann. Zwei Leute gingen zum Beispiel auf Spionagetour, immer ein Mann und eine Frau, damit man sich bei Polizeikontrollen als Liebespaar ausgeben konnte. Einmal haben wir dabei gesehen, wie spätnachts sackweise Briefe vom Postamt zur Polizeistation gebracht wurden. Die Polizei wollte sie also vorher lesen. Am nächsten Tag stand das dann in der damals noch nicht verbotenen Arbeiterzeitung." In der Lobau traf sich das ganze linke Spektrum, auch Kommunisten hatten sich unter die Schutzbund-Funktionäre gemischt. "Die Kommunisten waren aber unzuverlässig. Sie ließen gemeinsam vereinbarte Aktionen regelmäßig platzen. Und wenn wir in der Lobau diskutierten, dann waren sie viel zu dogmatisch. Die sagten dann immer: Bei Lenin, Seite 26, vierte Zeile von unten, steht das oder das." Am 12. März 1938, als die Nazis einmarschierten, stand Jenny Strasser am Praterstern. Bald darauf floh sie mit ihrem Mann in die Schweiz und nach Frankreich. Nach Kriegsende 1945 hat sie die Lobau nie mehr betreten.

Die Nationalsozialisten errichteten in der Lobau einen großen Hafen zur Lagerung und Verteilung von Erdöl, der bis heute existiert. Noch immer stehen die Betonbunker im Wald, die den Wachmannschaften bei Bombenangriffen als Unterstand dienten. Heute bedeckt sie meterhohes Gestrüpp. Zum Bau des Ölhafens wurden Zwangsarbeiter herangezogen. "Das waren hauptsächlich russische Kriegsgefangene und ungarische Juden", sagt Robert Eichert, Lokalhistoriker und grüner Bezirksrat im 22. Bezirk. Die nationalsozialistischen Machthaber wollten die Lobau in einen wichtigen Knotenpunkt verwandeln: Neben dem Ölhafen wurde - ebenfalls mit Zwangsarbeitern - mit dem Bau eines großen Schifffahrtskanals begonnen. Er sollte, von der Lobau ausgehend, die Donau mit der Oder im heutigen Polen verbinden. 1943 wurde das Projekt kriegsbedingt eingestellt. Die wenigen tatsächlich gebauten Kilometer reichen über die Lobau bis an den Rand des Marchfelds. Heute dienen die überwachsenen, rechteckigen Seen als abgelegene Bade- und Angelplätze. "Wer vom Donau-Oder-Kanal in die Au wandert, der findet noch die Grundmauern der Baracken, wo die Zwangsarbeiter einquartiert waren", sagt Eichert. "Bei den kleinen ist ein Luftschutzbunker dabei. Das waren die Behausungen der Wachen. Bei den großen fehlt der Bunker. Dort waren die Zwangsarbeiter. Mehrmals zerstörten Luftangriffe den Stacheldraht, dann sind viele der Gefangenen in den Wald geflohen."

Die Dichte der Au bot Schutz, und Einheimische versorgten die ausgehungerten geflohenen Zwangsarbeiter manchmal mit Lebensmitteln. Der menschenleere Wald wurde zu ihrem Versteck, wie er vorher jenes der Schutzbündler gewesen war. Rechte wie Linke, Gefangene wie Aussteiger entdeckten im Lauf der Zeit die Au für sich. Der Historiker Friedrich Heller schreibt von Räuberbanden und Kirchenabtrünnigen, die schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Lobau ihre Stützpunkte hatten. Viel später, nach dem Ersten Weltkrieg, waren es Arbeitslose, die in den Wald zogen. Die "Ausgesteuerten" - jene, die das Recht auf staatliche Stütze verloren hatten - bauten am Aurand Hütten und versuchten sich in der Landwirtschaft. Wenn ein Schiff die Donau passierte, dann schöpften sie das angesammelte Fett von der schmutzigen Wasseroberfläche ab, sammelten es in Fässern und verkauften es für wenig Geld an Fuhrleute, die es an Seifensieder weiterreichten. Im Jahr 1926 propagierten linksorientierte Zeitungen das Konzept der "Kolonien in der Heimat". Das Land war verarmt, Zehntausende wollten aus Perspektivlosigkeit auswandern - stattdessen sollte man doch brachliegendes Land in Österreich urbar machen, lautete die Idee. Die Kampagne hatte Erfolg: Im Jahr darauf wies die Gemeinde den Arbeitslosen 104 Hektar am Biberhaufenweg, am Rand der Lobau, zu. Dort bauten die Ausgesteuerten kleine Holzhütten. In einem nahegelegenen Gasthaus wurde im Wäschetopf Einbrennsuppe für die Pioniere zubereitet. Zu legalen Siedlungen gesellten sich illegale, zu den Österreichern kamen Roma und Sinti. Am Biberhaufenweg, wo heute ein adrettes vorstädtisches Schrebergartenviertel liegt, entstanden solcherart die "Wiener Favelas", wie sie der Historiker Fritz Keller bezeichnet. Alte Fotos erwecken tatsächlich diesen Eindruck: improvisierte Wellblechhütten, Wohnwägen, Autowracks. Dem Elendsviertel war ein langes Leben beschert: Laut Friedrich Heller stand der "Slum von Wien" noch bis Anfang der 70er-Jahre.

Später ersetzten Wochenendhäuschen die Armensiedlungen, und vom Elend ist heute nichts mehr zu sehen. Menschen, die im zivilen Leben Hausmeister oder Biologielehrer sein könnten, aalen sich nackt in der Sonne. Donaustädter polieren Autos und lassen ihre Hunde im Wasser pritscheln. Die Abgeschiedenheit des Waldes wirkt heute nur noch idyllisch. Das größte Medienecho der vergangenen Jahre habe es gegeben, als eine Joggerin vor drei Jahren von einem Biber gebissen worden sei, erzählt Gottfried Haubenberger von der Lobauer Forstverwaltung. Der Biber sei davor aus seinem Rudel verstoßen worden. "Schwerst indigniert und erbost hat er dann der älteren Dame in die Fingersehne gebissen", erzählt der Forstmeister.

Nicht immer ging es so harmlos zu. In den 20er-Jahren wollte ein verarmter Offizier der k. u. k. Armee, von der Lobau ausgehend, einen eigenen Staat gründen. Peter Waller, vermutlich psychisch labil, gestorben 1971, scharrte in einem Zeltlager ein paar Anhänger um sich und gründete die "Asen", eine rechte Polit-Sekte. Ihre Kunstsprache "Hewua" hätte sich über kurz oder lang über die ganze Welt ausbreiten sollen. Die Kampftruppe der Sekte trug bunte Fantasieuniformen hieß auf Hewua "Wardanieri". Waller selbst verlieh sich den erfundenen Titel "Wodosch". Ein Buchumschlag aus dem Jahr 1929 skizziert das projektierte Reich des selbsternannten Stifters einer neuen Weltordnung: das "deutsche Morgenland" Ostniederösterreich und Burgenland rund um die Hauptstadt "Ormanjelo", ein Zeltlager in den Donau-Auen. Zeitungen bescheinigten Waller in den 20er-Jahren die rhetorischen und manipulativen Fähigkeiten von Benito Mussolini. Ormanjelo sollte für Peter Waller, den "Wodosch aller Asen", allerdings nur der Anfang sein: Im Mai 1928 zogen ein paar hundert Wardanieri gen Süden. Im heutigen Äthiopien wollten sie ein von Waller proklamiertes neues gelobtes Reich gründen. Tage später hatte sich der zerlumpte und halbverhungerte Zug Asen auf einige Dutzend Menschen reduziert. Die Wardanieri waren bis zur italienischen Grenze gekommen. Der Zöllner ließ sie nicht passieren.


Auf in die Lobau!
Seit 1996 ist die Lobau Teil des Nationalparks Donauauen mit Badeseen, Bibern und Wasserwald. So kommt man hin. Panozzalacke: Linie 91A bis Lobgrundstraße; Dechantweg: Linie 91A bis Roter Hiasl. Hier ist auch das Nationalparkhaus (Tel. 4000-49495, Mi-So 10-18 Uhr). Das Forstamt der Stadt Wien bietet Führungen und Exkursionen an (Tel. 02249/23 53), das Nationalparkboot fährt täglich um 9 Uhr vom Donaukanal in die Lobau (Anlegestelle: 2., Salztorbrücke; Anmeldung: Tel. 4000-49480).

Erschienen im Falter 29/08

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Alles privat?

AFFÄRE Die Pratervorplatzfirma Explore 5D hat Insolvenz angemeldet. Was mit den betroffenen Kleinunternehmen passieren soll, ist unklar. JOSEPH GEPP

Nach fünf Jahren Praterdebatte kann die Stimmung schon manchmal heiß werden. Josef Hafner, Geschäftsführer der Wiener Bühnenausstattungsfirma Gerriets, klingt zornig: Heilfroh sei er gewesen, als sein Betrieb den Auftrag zur Ausgestaltung des neuen Pratervorplatzes bekam. "Es war von der Stadt. Es war ein großes Projekt. Und es sollte schnell gehen wegen der EM. Wir haben deshalb gute Kunden benachteiligt. Und jetzt sagt die Stadt: Ihr müssts halt schauen, wies zu eurem Geld kommts."

"Wenn der Auftrag von der Stadt kommt, dann verzichtet man halt auf die branchenüblichen Sicherheiten", sagt auch Markus Tripolt von der Fassadenmalfirma vol:vox. Dieser Verzicht fällt den Subunternehmern nun auf den Kopf: Rund 15 von ihnen hat die Planungsfirma Explore 5D mit Aufträgen beim Bau des umstrittenen neuen Pratervorplatzes (siehe Falter 18/08) bedacht. Nun wurde das Ausgleichsverfahren gegen die Firma eröffnet. Der Totalunternehmer ist pleite. Und die kleinen Firmen, die beim Bau mithalfen, bangen um ihre Existenz.

Und die Stadt? Die will - vorläufig - von den Nöten der Firmen wenig wissen. "Zu den Firmen stehen wir in keinem Vertragsverhältnis", schreibt Georg Wurz, Geschäftsführer der stadteigenen Riesenradplatz Errichtungs GmbH, in einem knapp gehaltenen Mail an die Unternehmer. Das stimmt zwar, aber vieles lässt darauf schließen, dass die Stadt trotzdem Verantwortung für die kritische Situation trägt: Rund die Hälfte der Baukosten von 32 Millionen Euro kommt aus dem Gemeindebudget. Die Grundfläche ist Stadteigentum. Das Projekt wurde auf einer städtischen Pressekonferenz erstmals vorgestellt. Und vor allem: Die nun zahlungsunfähige Explore 5D - eine Firma, deren bisherige Projekte allesamt in Konkurs gegangen waren - wurde ohne Ausschreibung zum Totalunternehmer, per Entscheidung von Vizebürgermeisterin Grete Laska. Eine Leasingtocher der Volksbankgruppe fungierte als offizieller Auftraggeber.

"Der neue Zugangsbereich zum Prater stellt bereits in der Bauphase einen nicht unwesentlichen wirtschaftlichen Faktor dar", hatte die SPÖ Wien noch im Oktober 2007 stolz bekannt gegeben. Jetzt scheitert die Betreiberfirma - und die Subunternehmer stehen mit leeren Händen da. 40 Prozent der Auftragssummen innerhalb zweier Jahre hat ihnen Explore 5D angeboten. "Das ist zu wenig. Für die meisten von uns wäre das existenzgefährdend", sagt Markus Tripolt. Er und die anderen Geschäftsführer fordern nun einen runden Tisch mit allen Beteiligten. Grete Laska hat immerhin einem "Informationsgespräch" zugestimmt, das nach Redaktionsschluss des Falter stattfinden soll. "Die Stadt putzt sich ab und lässt die Unternehmer im Regen stehen", sagt Sabine Gretner, Planungssprecherin der Wiener Grünen, die nun einen Misstrauensantrag gegen Laska einbringen wollen. "Wir würden einfach gern wissen, wo das ganze Geld von der Gemeinde hingekommen ist."

Erschienen im Falter 26/08

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Zonengrenze

REPORTAGE Ohne massiven Polizeieinsatz hätten Türken und Kroaten einander letzten Freitag in Ottakring möglicherweise die Schädel eingeschlagen. So schnell kann Spaß in Gewalt übergehen. JOSEPH GEPP

Gerade noch, Minuten zuvor, waren sie Freunde gewesen, hatten gemeinsam auf Tischen getanzt und ihre Fahnen lachend zusammengeknüpft, hatten aus derselben Bierflasche getrunken und ein schönes Fest gefeiert. Jetzt fragt ein Bursche, kaum älter als zehn Jahre: "Hast du Flasche?" Mehr als genug davon liegen auf der Ottakringer Straße herum. Der Kleine hebt eine auf, nimmt Anlauf und schleudert sie mit aller Kraft in Richtung Yppenplatz, wo die Türken stehen. Gleich darauf springt er in einen Torbogen, um dem Flaschenhagel von der anderen Seite auszuweichen. Der Bursche trifft sein Ziel nicht, denn ein Kordon aus 50 Polizisten steht ihm gegenüber. Dahinter liegen 20 Meter umkämpftes Niemandsland, auf dessen anderer Seite sich wiederum Polizisten befinden, die die Türken zurückhalten. Die Flasche zerschellt im Zwischenraum. Ihre Scherben prallen an den Schutzhelmen der Polizisten ab. "Scheiß Islam. Hurensöhne", schreien die jungen Kroaten. Alte Feindschaften kommen wieder hoch.

Einige Minuten haben gereicht, um in der letztwöchigen Freitagnacht ein friedliches und freundschaftliches Fest in eine Gewaltorgie zu verwandeln. Es war ein spannendes Spiel. Als die kroatische Mannschaft in der 119. Minute ein Tor schießt, hält die ganze Ottakringer Straße - mittlerweile als "inoffizielle Fanzone" bekannt - den Atem an. Dort stehen vornehmlich Kroaten. Große Menschentrauben verfolgen das Match auf kleinen Fernsehschirmen, das Bier wird heute auf der Straße gezapft, junge Österreicher mischen sich unter die euphorisierten Fans. Eine Minute bleibt jetzt bis zum Abpfiff. Der Einzug ins Halbfinale scheint sicher. Aber während die Fußballfans im rot-weißen Schachbrettmuster schon über den Sieg jubeln und erste Feuerwerke den Himmel erhellen, schießen die Türken den Ausgleich. Es folgt das Elfmeterschießen, und am Ende steht fest, womit nur wenige gerechnet haben: 3:1 für den Außenseiter Türkei. Kroatien ist draußen.

Die Polizei hat wohl mit Zusammenstößen nach dem Spiel gerechnet. Obwohl beteuert wird, dass es voraussichtlich zu keinen Ausschreitungen kommen werde, sperrt sie schon untertags das Viertel fein säuberlich entlang ethnischer Grenzen ab. Provisorische Checkpoints werden errichtet: Ottakringer Straße und Veronikagasse für die Kroaten, Brunnengasse und Yppenplatz für die Türken. Dazwischen stehen Polizisten an Metallbarrieren und unterziehen jeden Fan-T-Shirt-Träger nichtdeutscher Muttersprache einer peniblen Gesichtskontrolle.

Die Nationalitäten finden trotzdem zueinander. Zwar dominieren die Kroaten ebenso eindeutig die Ottakringer Straße wie die Türken den Yppenplatz, aber während des Spiels mischen sich die Gruppen. Wer zu diesem Zeitpunkt sieht, wie sie miteinander jubeln und einander herzen, könnte sich keine Ausschreitungen vorstellen. Doch die letzten Minuten des Spiels scheinen für manches patriotische Herz zu viel: Nach dem Match stürmen Kroaten in Richtung türkische Zone. Drüben, in der Brunnengasse, sind die Türken mittlerweile unter sich - und feiern. Alte Frauen mit Kopftüchern jubeln und umarmen Fremde; Trommler und Flötenspieler marschieren in spontanen Prozessionen durch die Straßen; Kinder recken ihre roten Stirnbänder mit aufgesticktem Halbmond in die Höhe. Wie zum Schutz des fröhlichen Treibens hat sich eine Hundertschaft junger Männer am Rand der türkischen Zone versammelt. Ihnen gegenüber stehen die Kroaten. Die Polizei verhindert einen Zusammenprall.

Dann fliegen Flaschen und Pflastersteine in beide Richtungen. Ein Wohnungsfenster, aus dem eine türkische Fahne hängt, zersplittert. "Tötet die Türken", schreien Kroaten. Ein Kellner kommt aus einem kroatischen Lokal, stellt sich der Menge entgegen und schreit: "Reißt euch zusammen! Was sollen die Leute von euch denken." Er appelliert an ihr nationales Selbstwertgefühl: "Ihr seid Kroaten!" Doch seine Rufe hallen ebenso ins Leere wie die vieler anderer, die missbilligend den Kopf schütteln oder entnervt das Feld räumen. In dieser Nacht gehört die Straße den Gewaltbereiten. Wenn die Polizei sie abdrängt, ziehen sie in der nächsten Gasse gegen den Gegner. Um sich vor den Flaschen zu schützen, drücken sich Passanten, Fotografen und Schaulustige in Toreinfahrten oder flüchten sich in Lokale. Die Polizisten stürmen geschlossen nach vorne und verbreitern so die Trennzone zwischen den Gruppen. Mit ihren schweren Stiefeln zertreten sie dabei die herumliegenden Flaschen. Passanten werden zur Seite gestoßen. Autoscheiben gehen zu Bruch. Als in der Menge ein paar Feuerwerkskörper explodieren, bricht kurz Panik aus.

Länger als eine Stunde versuchen die Kroaten, zu den Türken durchzudringen. Ebenso lang fliegen Flaschen und Steine vom türkisch dominierten Yppenplatz in Richtung Ottakringer Straße. Ein türkischer Fan, der es auf die andere Seite geschafft hat, läuft zwischen Kroaten und Polizei durch und schwenkt dabei seine Fahne. Der Flaschenhagel, der darauf folgt, trifft die Polizei, denn der Provokateur hat sich in ein Haus geflüchtet. Im Großen und Ganzen gelingt es der Exekutive, die Fangruppen voneinander zu trennen. Nur einzelnen Beamten scheint die Situation über den Kopf zu wachsen. Einer tritt grundlos auf ein Auto ein. Vier andere stürzen sich auf einen kroatischen Fan, zerren ihn in eine uneinsehbare Ecke und fesseln seine Handgelenke mit Kabelbinder. Als er zum Polizeiwagen geführt wird, fließt Blut über seine Unterarme.

Die Bilanz des Abends: drei Leichtverletzte, zwölf Festnahmen, 31 Krankenhaustransporte. Ausschreitungen gab es nicht nur in Wien, sondern auch in der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar. Auch dort lebten alte Feinschaften auf: Nicht Türken standen den Kroaten gegenüber, sondern muslimische Bosniaken, die sich aufgrund ihrer Religion und Geschichte der Türkei verbunden fühlen. In Wien hatte die Polizei mit 4600 Polizisten auf der Straße den bisher größten Einsatz der EM zu bewältigen. Die gewalttätigen Fans waren nicht extra aus den Heimatländern angereist, sondern vornehmlich Türken und Kroaten aus Wien. Keine Hooligans, schlicht Einwanderer der zweiten oder dritten Generation. Es waren nur wenige, aber sie drückten dem Abend ihren Stempel auf. Ein unsportliches Ereignis.

Erschienen im Falter 26/08

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Volim te Hrvatsko

REPORTAGE Am Wochenende war Wien kroatischer als alle kroatischen Städte zusammen. Wie es aussieht, wenn der Balkan in die Stadt kommt. JOSEPH GEPP

Seit Monaten redet man nun über die EM, über Hooligandateien und Polizeikontrollen, inszenierte Begeisterung und tatsächliche Aussichtslosigkeit, Paninipickerl, Europhorie und teures Bier. Und dann, vergangenen Freitag, 16.16 Uhr, piepte das Handy eines kroatischen Freundes: "Schick diese SMS an alle Kroaten in deinem Telefonbuch! Treffpunkt aller Fans am Sonntag, 14 Uhr, vor der kroatischen Kirche. Marsch durch den ersten Bezirk bis zum Praterstern. Weiterschicken!" Abseits offizieller Zonen und außerhalb des Beschallungsradius der großen Uefa-Schirme will man sich also treffen. Wo die kroatische Party stattfindet, das suchen sich die Fans selbst aus.

Wenn Kroaten nach Wien kommen, dann haben sie vor allem zwei Bezugspunkte. Erstens das Grätzl um die Ottakringer Straße, die "Balkanstraße", wo viele ihr Lager bei Onkeln, Neffen oder Cousinen aufschlagen. Little Zagreb wird dann noch kroatischer, als es schon ist, wenn nicht gerade EM stattfindet. Zweitens die Kirche am Hof, wo jeden Sonntag - fast unbemerkt von der österreichischen Öffentlichkeit - kroatische Messen gelesen werden. Vor vollem Haus. Kroatien ist ein Land, in dem Nationalspieler dem Fernsehen erklären, welches Gebet sie vor dem Match sprechen. Familie und Kirche sind Fixpunkte der meisten Kroaten und kroatischer Fußballfans. Dementsprechend sieht das Programm aus: Samstagabend zog man zu tausenden johlend und Fahnen schwenkend nach Ottakring, um sich dort auf die Lokale zu verteilen und auf der Straße zu feiern. Am darauf folgenden Sonntag, Spieltag, 14 Uhr, trifft man sich am Hof.

Was dort stattfindet, hat die Zweite Republik mit einiger Wahrscheinlichkeit noch nicht erlebt. Die begeisterte und euphorisierte Menschenmenge zieht sich von der Kirche über die Tuchlauben und den Graben bis zum Stephansplatz. 50.000 kroatische Fußballfans sollen laut Polizei in der Stadt sein. Ein Meer im rot-weißen Schachbrettmuster. Die Fans stehen auf Schanigartentischen und tanzen, blasen in Tröten, schwenken Fahnen und klettern auf Fassaden, um Transparente aufzuhängen. Sie versprühen bengalische Feuer und vergießen Lacken von Bier. Sie singen Lieder, zu hunderten, in atemberaubender Lautstärke. "Kroatien, die goldene Kraft deines Weizens, die blauen Augen deiner See." Der Weizen steht für die Binnenregion Slawonien, die blauen Augen für die Adriaküste. "Volim te Hrvatsko", skandieren sie. "Ich liebe dich, Kroatien." Zwei oder drei Tage halten sich die meisten von ihnen in Wien auf, gekommen sind sie aus Zagreb, aus der Küstenregion Dalmatien und aus Bosnien-Herzegowina. "Wir sind so viele, ihr kommt nicht an gegen uns", singen sie. Das klingt kämpferisch, aber die Stimmung ist friedlich. So heiter, dass selbst die Polizisten sich anstecken lassen. Die Fans herzen und umarmen sie, man tanzt mit ihnen Polonaise. Am Stephansplatz grinsen die Aida-Verkäuferinnen, als 30 Kroaten den Balkon der Konditorei stürmen und eine Fahne des FC Rijeka hissen. Zwei alte Wienerinnen lächeln amüsiert, als sie sich ihren Weg unter einer kroatischen Fahne hindurch bahnen. Sie hat die Fläche einer kleinen Wohnung und wird von einigen Dutzend Menschen in die Höhe gehalten. Das Sonnenlicht zeichnet den Fans darunter rote und blaue Schatten ins Gesicht. Die alten Damen finden das witzig. Wien zeigt sich heute von seiner toleranten Seite.

Mittendrin einige Polen, Türken und Deutsche, die erst später mehr werden sollen. Und eine verschwindend geringe Anzahl österreichischer Fans. Sie verlieren sich allesamt im balkanischen Taumel. Was sie an Tröten, Gesängen, Flaggen und bunter Schminke aufzubieten haben, kommt gegen die Kroaten nicht an. Es ist keine Manifestation gegen Österreich, die hier stattfindet, dafür scheint der Gegner aus dem Norden den Kroaten zu unwichtig. Es ist auch nicht der Geist des Jugoslawienkriegs, der sich hier zeigt. Ein paar antiserbische Lieder und ein paar Rechtsradikale mit faschistischen Symbolen auf Poloshirts können dem Gesamteindruck nichts anhaben: ein betrunkener, spaßiger Patriotismus, vorgeführt von einer jungen Nation, die sich für Fußball wahrhaft begeistert. Man stülpt sogar Babys und Hunden das Schachbrettmuster über. Man grüßt Türken mit Hupkonzerten und Österreicher mit Schulterklopfen. Wir sind da, wir mögen euch, und besser sind wir sowieso, scheinen die Kroaten zu sagen.

Vergangenen Sonntag wurde die sonst vergleichsweise beschauliche Innenstadt so zu einer großen, wilden und besoffenen Partymeile. Im Café Alt-Wien, wo sonst bei Rotwein und Zigaretten über Gott und die Welt schwadroniert wird, sitzt Petar, ein Fußballfan aus Zagreb. Er passt gar nicht ins Café, so wie er die Beine über die Sessellehne hängt, sich den Schweiß von der roten Stirn streift und Bier für alle bestellt. Voll Stolz erzählt er von einem Ereignis in der Tiefgarage: Zwei Tage lang habe er sein Auto dort stehen gehabt, 60 Euro hätte er dafür zahlen sollen. Zu viel für das Abstellen eines Fahrzeugs, wie Petar meint. Also ging er nochmals zum Automaten, löste ein weiteres Ticket und verließ mit jenem um fünf Euro die Garage. Er lacht schelmisch und schallend und rechnet sich aus, wie viel Bier er um 55 Euro trinken kann. "You cannot fuck a Balcanian", resümiert Petar in holprigem Englisch. Seine Sitznachbarin lächelt und meint: "An solchen kleinen Dingen ist Jugoslawien zerfallen."

Derart friedlich und leicht anarchistisch ist die Stimmung in Wien an diesen beiden außergewöhnlichen Tagen. Als Petar das Café verlässt, löst sich die Menschenmenge langsam auf. Sie zieht in die Leopoldstadt. Es ist 16 Uhr, zwei Stunden bis zum Anpfiff. Der Alkoholpegel steigt. Zehntausende Menschen wanken jetzt jubelnd in Richtung Stadion. Es wird ein friedlicher und spannender Abend werden.

Erschienen im Falter 24/08

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Sparsam, tierlieb, kinderlos

STADTMENSCH Ein Wiener Serbe sammelt Vorurteile über In- und Ausländer, wettert gegen den tagtäglichen Sprachverfall und schreibt Dramolette über Personalpronomen. Die ganz eigene Welt des Goran Novakovic JOSEPH GEPP

An einem Tisch im Café Rathaus sitzt ein Mann im knallorangen Hemd und hebt nacheinander die Finger. "Erstens: Sie sind pathologisch sparsam." Wenn Serben Serben einladen, dann gebe es ganze Festbankette, erzählt Goran Novakovic. Wenn Österreicher einladen, gebe es ein Getränk. "Zweitens: Sie mögen Tiere mehr als Menschen." Ein Hund im Bahnwaggon, das sei in Belgrad empörend, ein stinkendes Monstrum. Ein Mensch, der einen Hund küsst, das sei geradezu pervers. "Und drittens: Sie lieben die anonyme Anzeige. Wenn du einmal feierst, dann rufen sie die Polizei."

Goran Novakovic´, 46, Serbe, mag Vorurteile. Er sammelt sie und schreibt sie in Büchern nieder. Er meint, dass sie aus kulturellen Prägungen resultieren, viel über Gesellschaften aussagen - und nur überwunden werden können, indem man sich mit ihnen auseinandersetzt. "Das Vorurteil ist ein menschlicher Mechanismus", sagt er. "Unter Fremden fühlt man sich unsicher, weil man keine Erfahrungen mit ihnen hat. Es hilft einem nur, sich darauf einzulassen. Wahrheit ist die Voraussetzung für jede gelungene Psychotherapie." Die Vorurteile, die er eben aufgezählt hat, hegen ihm zufolge hier lebende Ausländer gegenüber eingeborenen Österreichern. Ein ganzes Kompendium in Buchform, "Wien für Ausländer", hat Novakovic´ zusammengetragen und will es nun veröffentlichen.

Eigentlich sollte Goran Novakovic´ der Liebling jedes österreichischen Linken sein - ein Serbe, noch dazu ein Intellektueller, der sich mit Vorurteilen befasst. Aber er ist es nicht, und auch das ist Teil seiner Vorurteilskunde. Er greift in seine Tasche und fischt ein Buch heraus, sein 2006 erschienenes "Vergleichendes Wörterbuch der Ausländer/innenologie". Anhand von Begriffen, die man hierzulande allgemein mit Ausländern assoziiert, beschäftigt er sich darin mit österreichischen Vorurteilen. Jeder Begriff ist doppelt erklärt: Der "im Volk verbreiteten Meinung" steht jeweils "die Denkweise einer kleineren, bezüglich dieser Angelegenheit sehr engagierten Schicht der Bevölkerung" gegenüber. Gutmenschentum gegen Stammtischrülpser also. Bei "ausländischen Bräuchen" klingt das beispielsweise so: "eine Reihe verblüffender, primitiver, wilder, dem zivilisierten Europa völlig fremder Rituale, die ehrliche, anständige, christliche Inländer auch mit größter Mühe nicht zu begreifen imstande sind". Beziehungsweise: "eine unschätzbar wertvolle Sammlung von aus anderen Kulturen stammenden Bräuchen, die man glücklicherweise im eigenen Land miterleben darf". So viel Sarkasmus und politische Unkorrektheit dürfe sich eigentlich nur ein Ausländer erlauben, findet Goran Novakovic´. Und genau deshalb bestehe nicht nur an Österreichs Stammtischen Bedarf an einer Enttabuisierung dieses Themas. "Wer ehrlich mit sich selbst ist, der wird auf beiden Seiten Richtiges finden", meint Novakovic´. "In dieser Stadt laufen lauter Schizophrene herum. Es gilt nur das, was die ohnehin schon vorhandene Sichtweise bestätigt. Die Wiener könnten viel offener sein. Aber sie sind einfach zu verkrampft." Sein Lexikon soll ein Hinweis auf die mentale Befindlichkeit dieses Landes und seiner Bewohner sein.

"Ich will aufrichtig vermitteln, aber ich bin etwas zu krass", sagt er, und diesmal übertreibt er nicht. "Aber was hilft's, es allen Recht zu machen. Auf diese Art kann man keine Verständigung schaffen." Im Jahr 1991, als Slobodan MilosÇevic´ regierte, kam der Literaturwissenschaftler und Germanist "aus mentalhygienischen Gründen" aus der damaligen jugoslawischen Hauptstadt nach Wien. Er stamme aus dem "schönsten Belgrader Lumpenproletariat" und habe gegen den Willen der Eltern Geisteswissenschaft studiert, erzählt er. "Die Bauernburschen sterben an der Front. Die Intellektuellen machen sich rechtzeitig aus dem Staub. Das ist leider ganz normal." Belgrad, sagt er, sei vor dem Krieg ein "Arkadien" gewesen, eine "geile Stadt": "Der ganze Osten schaute mit aufgerissenen Augen in unsere Richtung. Ich hätte nie weggehen wollen. Wien war dagegen Provinz, verschlafen und langweilig." Heute sei es umgekehrt: In Belgrad hat der Krieg die Bevölkerungsstruktur umgedreht. Verarmte und Flüchtlinge strömten aus ländlichen Regionen in die Hauptstadt. "Belgrad ist heute von, new primitives' bevölkert. Das Bürgertum wurde total zerstört. Die interessanten Dinge dagegen passieren in Wien." Novakovic´ erzählt von den beiden Städten und vom Krieg, von Literatur und Schriftstellerei. Sein Wortschatz ist reicher als der von so manche gebürtigem Österreicher. Er spricht mit slawischem Akzent und lacht zwischendurch, auch an unpassenden Stellen, genauso wie er über unpassende Dinge schreibt. Manche könnten seine Ehrlichkeit missverstehen. "Ich will nicht arrogant sein. Ich will vermitteln." Dafür verfasst er seine Theaterstücke, Romane und Abhandlungen über Vorurteile, dafür unterrichtet er Serbokroatisch an einer Volkshochschule und hat auch einen Zivilberuf, den er nicht in der Zeitung lesen will. Erdig, stämmig und voller sprühender Einfälle spricht Goran Novakovic´ jedem Klischeebild Hohn. Seine Natur ist sein Lebensthema.

Wenn er nicht gerade Vorurteile sammelt, dann beschäftigt er sich mit Grammatik, diesem "zauberhaften System der Ordnung unseres Denkens", wie er sagt. In einem seiner Theaterstücke stellen die sieben Personalpronomen die Protagonisten dar. In letzter Zeit widmet er sich vermehrt den Modalverben. "Müssen, können, wollen, sollen, dürfen und mögen", sagt er, "sind täglich dem schlimmsten Missbrauch vonseiten der Sprechenden ausgesetzt. Da fehlt ein neues Bewusstsein." Nur wenige seiner Werke wurden veröffentlicht. Eines davon, "Wir, die Zugvögel", beschäftigt sich mit den Lebensgeschichten von zehn Gastarbeitern. "Gastarbeiter" definiert sein Wörterbuch übrigens einerseits als "die einzige akzeptable Form des im Lande kurzfristig lebenden Ausländers" - und andererseits als "einen uralten, nicht adäquaten, unmenschlich gefärbten Begriff für fleißige ausländische Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen". Das ist die ganz eigene Art des Goran Novakovic´.

VWdA, Vergleichendes Wörterbuch der Ausländer/innenologie: Das vorläufige System der komparativen Vorurteile. 84 S., 10,-
Zu beziehen unter: www.vwda.at


Erschienen im Falter 25/08

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Gekommen um zu lernen

STUDIEREN Andere mögen Fußball schauen oder in der Alten Donau plantschen, aber für viele Studierende bedeutet der Juni Prüfungszeit. Wo kann man konzentriert lernen? Die besten Wiener Lesesäle im Praxistest. JOSEPH GEPP

Wenn rund 150.000 Studentinnen und Studenten in Wien vor ihren Prüfungen in die Bibliotheken drängen, kann der Platz schon knapp werden. Die Lesesäle sind voll, die Luft ist stickig, die Öffnungszeiten sind nicht immer den Bedürfnissen kompromissloser Extremlerner angepasst. Die Studierenden reagieren, indem sie Alternativen finden: Nach der Sperrstunde am Stammplatz führt der Weg in weniger bekannte Lesesäle. Auf diese Art wird das, was einmal Geheimtipp war, bald zum überfüllten Hot Spot - und der Studententross zieht weiter. Acht Lesesäle im Praxistest.

Der Humanist

Großer Lesesaal der Universität Wien

Gründerzeitlicher Prunk, imposante Galerie, 1884 im Ringstraßenstil errichtet. Er ist der König der Lesesäle. Man könnte sich fast in Harvard oder Princeton wähnen - aber die überfüllten Bankreihen und die stickige Luft holen einen dann doch nach Wien zurück: "Wenn 500 Menschen auf klappernden Stühlen sitzen und jeder zweite seine Schreiber fallen lässt, entsteht mitunter ein Lärmpegel", schreibt ein Student im Uni-Forum. Was einmal repräsentativ war, schafft heute manch praktischen Nachteil. Die Raumhöhe führt zur Akustik einer Konzerthalle - das monotone Knarren der alten Sessel, das Klappern der Tastaturen und das selbstvergessene Gemurmel der Lernenden kann daher je nach Anlage beruhigend oder nervtötend wirken. Immerhin: W-Lan steht für Hauptuni-Studenten zur Verfügung, der Saal ist öffentlich zugänglich.

1., Dr.-Karl-Lueger Ring 1
Mo-Fr 9-21.45, Sa 9-18 Uhr

Der Beamte


Zeitschriftensaal der Universität Wien

Der kleine Bruder des großen Lesesaals liegt einen Stock tiefer, glänzt im schönsten Arbeiterkammer-Barock und lockt eine immergleiche Stammkundschaft an, die größtenteils aus sympathisch verschrobenen älteren Menschen besteht. Die Zeit scheint hier im Jahr 1972 stehengeblieben zu sein. Im Gegensatz zum großen Saal studiert man an einzeln stehenden Schreibtischen - die Atmosphäre ist dementsprechend weniger beengt, auch die Akustik ist besser. Entlang der Wände liegen Ausgaben von Foreign Affairs bis Falter: schlimme Feinde jedes konsequenten Lerners. Öffentlich zugänglich, keine Klimaanlage, W-Lan für Uni-Wien-Studenten.

1., Dr.-Karl-Lueger Ring 1, Mo-Fr 9-19 Uhr

Der Ruhige

Lesesaal der Wienbibliothek im Rathaus

Ein Geheimtipp: Versteckt in den zahllosen Gängen des Wiener Rathauses liegt die Wienbibliothek mit prachtvollem neugotischem Lesesaal. Er ist modern ausgestattet und nicht sonderlich gut besucht. Allerdings: extrem stickiges Raumklima, kein W-Lan. Öffentlich zugänglich.

1., Rathaus, Mo-Do 9-18.30, Fr 9-16.30 Uhr

Der Alt-Hippie

Lesesaal des Afro-Asiatischen Instituts

Wem früher der Hauptlesesaal zu imperial, das AKH zu steril und die Studenten allgemein zu bieder waren, der ging ins AAI. Dort lagen neben den Unterlagen Glücksbringer vom Titicaca-See und zwischen der Einführung in die Entwicklungszusammenarbeit und den Grundlagen der Nachhaltigkeit konnte sich schon mal der Duft eines gerade ausgepackten Kebabs im ganzen Raum verbreiten. Doch auch das AAI ist brav geworden: Vom Hippiehaften ist nur eine Mensa mit exotischer Kost, Kaffeehaus und sonnigem Innenhof geblieben. Der Lesesaal selbst ist heute wie alle anderen, nur schlichter: etwas zu klein geraten, stickig, kein W-Lan. Öffentlich zugänglich.

9., Türkenstraße 3
Mo-Fr 9-21.45, Sa-So 10-21.45 Uhr

Der Nüchterne

Lesesaal der Nationalbibliothek

Dieser Saal hat fast alles, was ein moderner Lesesaal haben sollte: eine (nicht immer ideal eingestellte) Klimaanlage, W-Lan, viel Platz, ergonomisch ansprechende Möblierung. Keine eingeschränkte Praktikabilität durch Gründerzeitpomp, kein Ethnoflair à la AAI, keine Zeitschriften mit Ablenkpotenzial. Schnörkellos, weiß, makellos, für den wahren Lerner. Dass er eine Alternative zur Infrastruktur der Hauptuni ist, hat sich allerdings schon herumgesprochen - dementsprechend drängen sich die Studierenden in der Nationalbibliothek. Benutzer brauchen einen Jahresausweis (F 10,-).

1., Heldenplatz, Mitteltor
Mo-Fr 9-16, Sa 9-12.45 Uhr

Der Unkonzentrierte

WU-Lernzonen

Verteilt über alle Gebäude stellt die Wirtschaftsuniversität ihren Studierenden sogenannte "Lernzonen" zur Verfügung. In ihnen geht es lockerer und lauter zu als in klassischen Lesesälen. Es darf telefoniert werden, Getränke- und Kaffeeautomaten liegen in Reichweite. Ein Paradies für den flatterhaften Nebenbeilerner - selbst wenn die Zonen aussehen wie die Klassenzimmer einer Hauptschule. Ihre "Unique Selling Proposition": In einigen von ihnen darf geraucht werden. Klimaanlage, W-Lan für WU-Studenten, selten überfüllt, öffentlich zugänglich.

9., Augasse 2-6, tgl., 6-22 Uhr

Der Versteckte

AKH-Lesesaal

Der Weg über etliche Ebenen und vielfarbige Aufzugstränge des AKH zahlt sich aus. Die Lernnischen der krankenhauseigenen Zentralbibliothek verstecken sich hinter breiten Bücherwänden, Trennwände an jedem Tisch stellen ein hohes Maß an Konzentration und Ungestörtheit sicher. Gut temperiert ist der Saal außerdem. W-Lan für alle (Nicht-Med-Uni-Studenten bekommen einen Gastzugang), öffentlich zugänglich.

9., Währinger Gürtel 18-20
Mo-Fr 9-24, Sa, So, Feiertag 9-23 Uhr

Der Ästhet

MAK-Lesesaal

Der schönste Lesesaal Wiens. Den Gründerzeitstil ergänzt eine moderne Möblierung: schlicht, massiv, mit viel Raum für jeden Lerner. Aus jedem Pult lugt eine Steckdose, der Saal ist ruhig, das Bibliothekspersonal freundlich. Der Nachteil: Durch die fehlende Klimaanlage steht die Luft, kein W-Lan. Öffentlich zugänglich (an der Museumskassa erhält man Zählkarten für den Lesesaal), an den Wochenenden mangels ausreichender Alternativen oft überfüllt.

1., Stubenring 5, Di-So 10-18 Uhr

Erschienen im Falter 24/08

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Macht, Musik und gute Freunde

SZENE Kritiker werfen ihm vor, er mache die "Drecksarbeit" für die Wiener SPÖ. Zu seinem Unterhaltungsimperium kommt jetzt auch noch die Szene Wien. Wer ist Josef "Muff" Sopper? JOSEPH GEPP

Normalerweise trinkt man hier Bier aus Plastikbechern. Vor zwei Wochen jedoch lagen auf weißgedeckten Tischen Spargelspitzen im Roastbeefmantel und gegrillte Shrimps auf Schlagobershäubchen. Und nicht nur das Essen, auch die Anzugträger auf dem Podium passten nicht richtig zu ihrem Umfeld: die dunkle Konzerthalle der stadteigenen Szene Wien, Hauffgasse 26, Simmering. Sonst Heimstatt von Indie-Pop- und Alternative-Fans, war hier aus aktuellem Anlass eine Pressekonferenz einberufen worden. Das Management des Veranstaltungsorts soll ausgetauscht werden, mit 1. Juli dieses Jahres, verkündeten die Vertreter der Gemeinde. Wegen der geringen Auslastung wird Gina Salis-Soglio, die bisherige Chefin, jemandem weichen müssen, der vom Geschäft angeblich mehr versteht: Josef Sopper, besser bekannt unter seinem englisch ausgesprochenen Spitznamen "Muff", Geschäftsführer des Planet Music in der Brigittenau. Die Szenekenner allerdings, die sich im Publikum eingefunden haben, scheinen mit dieser Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden. Nepotismus, eine verfehlte Personalpolitik und ein mangelndes Kulturverständnis werfen sie der Gemeinde Wien und dem neuen Betreiber vor - und das ziemlich lautstark. Es ist ein kleiner Clash of Civilizations, der hier stattfindet. Oben vertreten kühle Geschäftsleute die Interessen der Gemeinde, unten sitzen empörte Musikfans und Szene-Insider. Sie benutzen unterschiedliche Wörter und sprechen in verschiedenen Lautstärken. Sie verstehen einander nicht.

Und so verläuft die Pressekonferenz so wütend und emotionsgeladen wie sonst kaum eine: Die fünf bisherigen Mitarbeiter der Szene Wien würden, so sie wollen, selbstverständlich in den neuen Betrieb unter Sopper integriert, sagt Peter Gruber, Geschäftsführer der Stadthalle, der das Lokal untersteht. Minuten später verhaspelt er sich allerdings und spricht von "Exmitarbeitern". Ein "Freud'scher Versprecher" sei das, höhnt jemand aus dem Publikum. Da eilt Muff Sopper zu Hilfe: Wenn er sage, den bisherigen Mitarbeitern werde der Verbleib angeboten, dann sei das so. Denn: Er lüge nie. "Das war schon die erste Lüge", schreit jemand nach vorne. Sopper pariert mit einem vorwurfsvollen "Oida". So geht es in einem fort.

Die alte Führungsriege der Szene Wien fehlt auf dem Podium. Über sie sei der angekündigte Wechsel "überfallsartig" und "wie ein Gladiator in die Arena" hereingebrochen, kritisiert Norbert Ehrlich, 66, Exchef der Szene und Vorgänger von Gina Salis-Soglio. Vielleicht spricht er damit aus, was seine Nachfolgerin und ihre Mitarbeiter denken, aber nicht sagen dürfen: Vor der hitzigen Pressekonferenz macht das Gerücht von einem "Sprechverbot" die Runde, das dem bisherigen Team auferlegt worden sei. "Wir wurden dezidiert auf unsere Treue- und Verschwiegenheitspflicht gegenüber der Stadthalle hingewiesen", drückt es ein Mitarbeiter diplomatisch aus. Einiges deutet darauf hin, dass der Wechsel nicht allzu freundlich vonstatten ging: "Für mich kam die Nachricht von meinem Austausch völlig überraschend. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet", sagt Salis-Soglio. Manuel Zwischenberger, Betreiber des zur Szene gehörenden Beisls, bekam - ebenfalls überraschend - vor drei Wochen die Kündigung seines Pachtvertrags zugestellt: "Das Szene-Team wusste schon früher davon, aber sie durften es mir nicht weitersagen."

Eine feindliche Übernahme mitten im Roten Wien also? Mittels Stadthalle ist die Szene Wien Teil der Wien-Holding. Ebenso wie das Planet Music kassiert sie von der Gemeinde Kulturförderungen. "Dieser Führungswechsel ist so daneben, dass man es gar nicht ausdrücken kann", sagt der Künstler und Musikjournalist Rainer Krispl. Kenner der Branche, Künstler und Medien sind sich einig: Muff Sopper darf nicht Geschäftsführer der Szene Wien werden. Eine Internetpetition für das Lokal "in seiner derzeitigen Form" unterzeichneten deshalb innerhalb eines knappen Tages 1000 Menschen. Selten sprachen Medien einen Vorwurf, den sie sonst höchstens vage andeuten, so offen aus: Nepotismus. Sopper hätten "seine guten Kontakte zum Wiener Rathaus schon den einen oder anderen Deal eingebracht", beschrieb der Kurier eine "sehr ungustiöse Geschichte". Der Standard bescheinigte ihm "Freunderlwirtschaft" und "einen ausgezeichneten Draht zur Wiener SP". Laut Presse ist er "sehr gut mit dem Rathaus vernetzt". Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist jener von Harry Kopietz, des mächtigen Landesgeschäftsführers der Wiener SPÖ. Sopper sagt ganz offen, dass Kopietz und er "sehr gute Freunde" seien. Kopietz sei sein "Mentor" und Trauzeuge bei seiner Hochzeit gewesen. Aber muss eine gute Freundschaft gleich Nepotismus bedeuten?

Zumindest treffen sich ihre Zuständigkeitsbereiche dann und wann. Harry Kopietz, 59, aus Floridsdorf, war Gründer des Donauinselfests im Jahr 1984. Josef Sopper, 50, aus Rudolfsheim-Fünfhaus, leitet bei der alljährlichen Großveranstaltung zwei Bühnen und die Gastronomie oberhalb der Floridsdorfer Brücke. Kopietz ist außerdem Ehrenpräsident des 1989 gegründeten Planet Music. Ende Juni muss das Heavy-Metal-Lokal auf der Adalbert-Stifter-Straße jedoch schließen und einem Wohnbau weichen. Als Ersatz wird Josef Sopper Mitte des Jahres von der Gemeinde Wien die Gasometer-Konzerthalle übernehmen. Und weil diese mit einer Kapazität von rund 3500 Besuchern für so manch typische Planet-Music-Veranstaltung zu groß ist, kommt auch gleich die Szene Wien dazu.

Seit mehr als 30 Jahren ist Muff Sopper im Musikgeschäft tätig. Sein Spitzname stammt von einem Gitarrenverzerrer aus den Achtzigerjahren. Seine politische Haltung beschreibt er mit "sozial und demokratisch". Er war Künstler, Musikjournalist und Konzertorganisator. Seinen Wiener Vorstadtslang schmückt er mit Fremdwörtern. Die langen dunklen Haare und die betont lockere Kleidung erzählen von einer Sozialisation im Rockermilieu. Nur seine Geschäftsfelder reichen inzwischen deutlich über den musikalischen Bereich hinaus: Zu den zwei renommierten Konzertlokalen, über die er nach Schließung des Planet Music verfügen wird, kommt die Organisation von stadt- (und partei-) nahen Veranstaltungen wie das erwähnte Donauinselfest, das Maifest im Prater oder etwa die Eröffnungsfeier der U2-Verlängerung vor zwei Wochen. Seine Planet Music und Media GmbH gibt zwei musikalische Fachzeitschriften heraus und bietet ein Catering-Service. Daneben ist Sopper Geschäftsführer der Kulturplakat GmbH, die Anfang 2008 gegründet wurde, um wildes Plakatieren in Wien einzudämmen. Statt auf Hauswänden und Stromkästen kleben die Werbeposter seitdem zentral organisiert auf rund 21.000 metallenen Halbschalen. Das dafür verantwortliche Unternehmen gehört zu 70 Prozent der Außenwerbefirma Gewista und zu 30 Prozent zwei ehemaligen Wildplakatierern, die bei einer Pressekonferenz im Dezember für sich beanspruchten, "90 Prozent" der Wiener Plakatkleber unter ihrem Dach versammelt zu haben. Trotz dieses breiten Repräsentationsanspruchs kommen beide Plakatierer, Muff Sopper und Johannes Bartsch, aus dem Vorstand desselben Vereins, der auch das Planet Music betreibt. "Dass die beiden exakt aus demselben Eck kommen, fördert noch die Monopolisierung am Plakatmarkt", sagt Stefan Mathoi vom Verein "Freies Plakat". "Planet Music ist jetzt schon stark präsent auf den Halbschalen."

Sopper habe sicherlich keinen Nachteil, wenn er gleichzeitig Geschäftsführer der Kulturplakat GmbH und Betreiber zweier Veranstaltungshallen sei, mutmaßt Mathoi. Entsteht da nicht ein Interessenskonflikt? Nein, sagt Sopper. "Ich zahle als Geschäftsführer genauso viel für meine Plakate wie alle Kunden. Und wer etwas anderes sagt, der wird geklagt." Die Gewista gilt als rathausnah, Gasometerhalle und Szene gehören über einige Ecken zur Gemeinde, von tragenden kommunalen Rollen bei öffentlichem Nahverkehr, Donauinsel- und Maifest ganz zu schweigen: Stimmt also der Vorwurf der Freunderlwirtschaft? Nein, sagt Sopper. Harry Kopietz habe ihm nur dann und wann mit einem Ratschlag ausgeholfen. "Als der Caterpillar plötzlich vor der Tür vom Planet Music gestanden ist, da hab ich ihn angerufen." Und auch Kopietz selbst nennt den Vorwurf des Nepotismus "lächerlich". "Ich kenne Muff Sopper sehr gut. Er ist ein verlässlicher Partner", sagt er. "Aber trotzdem hat Professionalität zu herrschen." Vor mehr als einem Jahr, erzählt Kopietz, habe Sopper ihn angerufen. "Er hatte Schwierigkeiten mit dem Neubau beim Planet Music. Er hat gefragt, ob mir vielleicht was einfällt. Ich habe gesagt, man soll sich die Gasometer-Halle mal anschauen." Danach, sagt Kopietz, hätte er mit der Sache nichts mehr zu tun gehabt. "Mein Team und ich haben über Jahrzehnte gute Arbeit geleistet", entgegnet Sopper dem Vorwurf der Freunderlwirtschaft, "und diese harte Arbeit hat eben Erfolg gebracht."

Die Zahlen geben ihm Recht. Bei rund 80 Prozent liegt die bisherige Durchschnittsauslastung des Planet Music, nur 44 beträgt sie hingegen in der Szene Wien. Als das Kontrollamt im Jahr 2005 das Finanzgebaren der Szene Wien überprüfte, fiel die Bilanz gemischt aus: Zwar attestierten die Prüfer dem stadteigenen Lokal einen "ausgezeichneten Ruf in der Musikszene" und einen "nicht zu unterschätzenden Beitrag für die heimische Jugendkultur". Demgegenüber stehe allerdings eine "angespannte wirtschaftliche Situation", die sich in jährlichen Verlusten von rund 600.000 Euro ausdrücke. Diese für einen defizitären Kulturbetrieb nicht allzu hohe Summe resultiere daraus, dass die Szene Wien wegen der Nachwuchsförderung stark auf Newcomer-Gruppen setze. So nehme sie "bewusst das Risiko eines geringen Zuschauerinteresses in Kauf", schreibt das Kontrollamt. Das Betriebsergebnis sei auf diese Art "zwangsläufig negativ".

Es ist ein altes Problem, das aus diesen Zeilen spricht: Wäre Avantgardekultur gewinnträchtig, müsste man sie nicht subventionieren. Josef Sopper, der neue Betreiber, will nun den Mittelweg gehen. Der Übernahmevertrag mit der Gemeinde verpflichtet ihn, den avantgardistischen Kulturauftrag des Lokals zu wahren. Weltmusik oder jungen österreichischen Pop werde es also auch künftig in der Szene geben, verspricht Sopper. Aber mehr Spieltage, ein offenerer Umgang mit Sponsoren und Synergien zwischen der Szene und dem nahe gelegenen Gasometer sollen das Unrentable rentabler machen.

Es ist allerdings gerade dieser Geist der Rentabilität, den Kritiker dem Unterhaltungsunternehmer vorwerfen. "Wofür das Planet Music steht, das ist Wettbewerb", sagt der Musikjournalist Krispl. Harald Wiesinger, Keyboarder der Wiener Rockband Denk, kennt ebenfalls den Unterschied zwischen Kulturauftrag und Gewinnstreben aus eigener Bühnenerfahrung: "In der Szene war das Klima immer professionell und zuvorkommend. Es ist immer wer da, der dir beim Schleppen des Equipments hilft. Es sind immer Stagehands auf der Bühne. Meine Erfahrungen waren extrem positiv", erzählt er von seinen Auftritten. "Im Planet dagegen funktioniert das alles nur bei großen Acts. Bei unbekannten Gruppen stellen sie dir drittklassiges Personal hin. Die Helfer sind nicht engagiert. Als kleine Band kommst du dir vor wie ein Störfaktor."

Es ist nicht nur Nepotismus, der Muff Sopper vorgehalten wird. Es sind auch kulturelle Vorbehalte. Mit Szene Wien und Planet Music stehen sich zwei Milieus gegenüber. Hier die linksintellektuellen Studenten und ihre manchmal bemüht tolerante Weltanschauung. Dort die lederbejackten Rocker und ihre muskelbepackten Türsteher. Im Planet wirbelt eine Band schon mal eine aufblasbare Gummipuppe durch die Luft, in der Szene tanzen Performancegruppen aus dem Uralgebirge. Muff Sopper verachte die linksintellektuelle Studentenkultur, behauptet ein anonymer Szenekenner. Sizzla Kalonji beispielsweise, ein jamaikanischer Reggaesänger, hat wegen seiner schwulen- und frauenfeindlichen Texte Auftrittsverbot im Wuk und der Arena. Im Planet Music hingegen spielte er vergangene Woche. In der Zielgruppe der Szene Wien weckt so etwas die Angst vor Vereinnahmung: "Nehmen wir an, in der Szene treten nach dem Führungswechsel Bauchtänzerinnen aus dem arabischen Raum auf", sagt Exchef Norbert Ehrlich. "Ich kann mir dann durchaus vorstellen, dass dann von den Planet-Leuten hinter der Bühne anzügliche Witze über Bauch und Busen kommen." Die Weltanschauungen der beiden Lokale divergieren. Es sind Subkulturen, deren ungeschriebene Gesetze und Selbstverständnisse man kennen muss. Die Betreiber der übergeordneten Stadthalle kannten sie nicht und konnten so die heftige Kritik, die dem Austausch des Managements folgen würde, nicht abschätzen. Jetzt rebelliert die Szene und Josef Muff Sopper, der neue Betreiber, übt sich im Krisenmanagement: "Machen wir es wie bei einer Regierung", fasst er zusammen. "Gebt mir 100 Tage!" Dann will er gezeigt haben, dass er es auch anders kann.

Erschienen im Falter 21/08

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Im Land der anderen

60 JAHRE ISRAEL Cheryl Ben-David und Yehuda Shaul kennen einander nicht. Aber sie haben dasselbe Problem wie ihr Land. Ein Besuch an den umkämpften Rändern Israels. Text und Fotos: Joseph Gepp

Es gibt Leute, die können zynisch und pathetisch zugleich sein. Yehuda Shaul dreht sich im Kreis, streckt die Handflächen nach oben und schaut treuherzig in die Luft. Als würde er all das Unverständliche ab jetzt nur noch von seiner scherzhaften Seite nehmen. Welcome to Hebron, sagt er. Er steht in der Straße einer Geisterstadt. Kein Mensch weit und breit. Die Türen und Fenster der alten arabischen Häuser stehen offen, drinnen zeugen Trümmer von jahrelanger Verlassenheit. Eine vergessene Spule Stacheldraht liegt im Rinnstein, da und dort wehen Fetzen von jenen dunkelgrünen Netzen, die man im Kriegsfall über Schützengräben spannt. Das ist militärisches Sperrgebiet, mitten im Kern von Hebron, der zweitgrößten Stadt des palästinensischen Westjordanlands. Auf zugeschweißten Toreinfahrten prangen gesprayte Davidsterne. Shaul packt ein Foto aus: dieselbe Straße, ohne Davidsterne, dicht bevölkert mit arabischen Händlern, umschwirrt von verschleierten Frauen, gesäumt von alten Männern, die am Straßenrand sitzen und schwarzen Tee trinken. Sogar ein Esel steht da und wartet darauf, beladen zu werden. Shaul geht einige Schritte vorwärts, genau an jene Stelle, an der der Fotograf vor Jahren sein Bild knipste. Dann hält er das Bild hoch, damit man den Vergleich sieht. Damals war alles lebendig und voll, heute ist alles tot und leer. "Wie kann es sein, dass das Zentrum einer Stadt von 167.000 Einwohnern zur Geisterstadt wird?", fragt Shaul. Er kennt die Antwort natürlich.Sie findet sich einige Schritte weiter, vor einem jener sechs festungsartigen Gebäudekomplexe, die quer über die Altstadt von Hebron verteilt liegen. Seinen Dachrand sichern Stacheldrahtsperren, seine Fenster Tarnnetze. Seine Bewohner tragen lange Bärte und halten mit geschulterter Uzi auf kleinen Aussichtstürmen Wache. Das sind die jüdischen Siedler Hebrons. Rund 800 von ihnen leben hier, unter 166.000 Palästinensern. Das Sperrgebiet, das früher die Altstadt von Hebron war, ist heute der Puffer, der Siedler von Arabern trennen soll. Palästinensern ist das Betreten streng verboten. Rund 650 israelische Soldaten überwachen diesen Zustand, fast einer pro Siedler. Bis vor vier Jahren war Yehuda Shaul, 25, orthodoxer Jude, einer von ihnen. Dann endete sein Wehrdienst, und er dachte, er sollte sich von nun an für die Rechte der Palästinenser in Hebron einsetzen, falls er weiterhin ruhig schlafen will.

50 Kilometer weiter westlich, in der ruhigen Kleinstadt Sderot im israelischen Kernland, spielt Cheryl Ben-David mit ihrer zweijährigen Tochter. Sie denkt nicht an verfallende Häuser, an Palästinenser, an Stacheldraht und Soldaten. Kleine Palmen säumen die Kreisverkehre von Sderot, vor der Polizeistation schreibt eine Beamtin gerade einen Parksünder auf. Ben-Davids Einfamilienhaus mit gefliester Terrasse und friedlich winselndem Rottweiler vor der Tür könnte einem Hollywoodfilm entstammen. Doch das Idyll trügt. Es endet nur einen Kilometer vom Rand der Kleinstadt entfernt. Dort beginnt der Gazastreifen. Eineinhalb Millionen Palästinenser leben hier auf einer Fläche von nicht einmal der Größe Wiens, unter schlimmen humanitären Bedingungen, isoliert sowohl von Israel als auch vom westlichen Nachbarland Ägypten. Der Gazastreifen brodelt, und oft erreichen seine feurigen Eruptionen auch das kleine Sderot. Dann trifft eine Rakete, gefüllt mit TNT und Stahlsplittern, zusammengeschweißt in den Kellern von Gaza, die kleine Stadt. Die radikalislamische Hamas, die im Gazastreifen regiert, nennt ihre Eigenbauraketen nach Scheich Izz ad-Din al-Qassam, einem arabischen Kriegsherrn der 20er-Jahre. Acht Einwohner von Sderot starben laut Polizei 2007 durch Einschläge von Qassam-Raketen. Einer war es bislang in diesem Jahr.

Cheryl Ben-David und Yehuda Shaul kennen einander nicht und würden einander wahrscheinlich nicht sonderlich mögen. Shaul ist ein politischer Mensch, strenggläubiger Jude, redegewandt und von seiner Mission beseelt. Ben-David ist unpolitisch, unreligiös und will vor allem ihre Ruhe. Trotzdem laborieren beide am selben Problem. Shaul tut es freiwillig, Ben-David gezwungenermaßen. Es ist ein Problem, das die Israelis lapidar und vielsagend als the territories bezeichnen. Religiöse Zionisten sagen Judäa und Galiläa. Deutschsprachige Medien schreiben Westjordanland und Gazastreifen. Akut wurde das Problem der Palästinensergebiete exakt am 5. Juni des Jahres 1967. Damals tobte zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn der Sechstagekrieg. Die siegreichen Israelis rückten in zwei arabische Regionen vor, den Gazastreifen im Westen, vormals Teil Ägyptens, und das Westjordanland im Osten des Landes, vormals Teil Jordaniens. Den Soldaten folgten bald jüdische Siedler. Heute handelt es sich dabei - ausschließlich im Westjordanland, denn im Gazastreifen wurden die Siedlungen geräumt - um eine Viertelmillion Menschen. Nur wenige kamen aus politischen Gründen, die Mehrheit lockte der billige Wohnraum und die schnellen Kredite. Die Siedlungen verbauten Israel den Rückweg aus dem Palästinenserland.

Wären nicht die Qassam-Raketen, im beschaulichen Sderot würden all diese Probleme weit weg erscheinen. Cheryl Ben-David, 35, Philippinin mit israelischem Ehemann, trägt neongrüne Crocs und kurze Hosen. Sie füttert ihre zweijährige Tochter mit Keksen. Spricht man sie auf die besetzten Gebiete an, winkt sie ab oder gibt müde Allgemeinplätze von sich. "I'm not a racist", sagt sie. Nur wenn es um die Zukunft des Gazastreifens geht, dann hat Cheryl Ben-David eine klare Meinung: "Einmarschieren. Sofort einmarschieren. Wir haben genug verhandelt. Es hat alles keinen Zweck." Zweimal wurde das schmucke Vorstadthäuschen, in dem sie mit Familie und Schwiegereltern lebt, von Qassam-Raketen getroffen. Einmal die Terrasse, im Mai 2007, einmal der Hintergarten, im Juni. Im Jahr davor hatte eine Rakete die Straße vor dem Haus erwischt. Und vor acht Wochen explodierte das Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite. Ein junges Pärchen aus Tel Aviv hätte am Tag darauf einziehen wollen. "Die Rakete hat es total zerstört", sagt Ben-David. Die ganze vordere Hälfte brach ein, der Dachstuhl brannte aus, und die Stahlscherben im Sprengstoff rissen selbst ins Nachbarhaus noch Löcher. "Es gab einen Knall, und plötzlich hat der ganze vordere Teil des Hauses gebrannt", erzählt Ben-David vom Einschlag ins eigene Haus. "Ich rannte ins Wohnzimmer. Draußen brannte alles. Drinnen waren die Wände zerfetzt. Es rauchte unendlich." Sie habe Albträume davon, sagt Ben-David. Und sie habe Angst um ihre Töchter. "Ich dachte, ich verbrenne hier. Ich komme hier nicht mehr raus." Heute ist alles neu aufgebaut, neu eingekauft, neu angestrichen. Nur die Löcher im Metallrahmen der Wohnzimmertür zeugen noch immer von der Wucht der Explosion.

Jetzt will Cheryl Ben-David umziehen, weg aus Sderot, mit Mann und Kindern, in ein Dörfchen in der nahegelegenen Negevwüste. Mit der Angst, die Nächste zu sein, könne sie nicht leben, sagt sie. Es war erst der Abzug der israelischen Soldaten aus Gaza 2005, der es ermöglichte, dass Araber im großen Stil auf ihre Nachbarn schießen können. Davor hatten die Besatzungstruppen das mit harter Hand unterbunden. Im Westjordanland hingegen blieben die Israelis. Es beginnt unmittelbar hinter Jerusalem, der Hauptstadt Israels und der palästinensischen Autonomiegebiete und der Heimatstadt Yehuda Shauls.

Hebron, wo er seinen Wehrdienst ableistete, liegt nur eine halbe Autostunde entfernt. "Hier ist es anders als in anderen Orten im Westjordanland", sagt Shaul. "Hier geht es nicht um Politik. Hier geht es um Religion." Im Zentrum von Hebron soll Abraham, alttestamentarischer Stammvater der Juden, begraben liegen. Viele der jüdischen Siedler lehnen den Staat Israel ab, weil das wahre Königreich Judäa ihnen zufolge erst nach Wiederkehr des gottgesandten Messias entstehen kann. Ihre Anwesenheit in Hebron soll diese Ankunft vorbereiten. Auf der Mauer einer Siedlung prangt die blau-orange Flagge des gelobten Reiches. 1967, nach dem Sechstagekrieg, mietete sich eine Handvoll Israelis in einem Hotel im Zentrum der Stadt ein, um das Pessachfest zu feiern. Sie zahlten nicht und gingen nicht mehr. Aus einigen wenigen wurden einige hundert. Ihren Hass spürt man heute, wenn Shaul vor den Steinen warnt, die hin und wieder aus ihren Fenstern in Richtung Araber und Besucher fliegen. Als er seinen Wehrdienst begann, im Jahr 2001, war gerade der zweite große Aufstand der Palästinenser, genannt Intifada, zu Deutsch "Erhebung", ausgebrochen. Make them feel our presence, sei während und nach der Intifada die Devise der israelischen Soldaten gewesen, erzählt Shaul. "Und wie lässt du jemanden deine Anwesenheit spüren?", fragt er. "Ganz einfach. Du gehst um vier Uhr morgens in ein palästinensisches Haus, schlägst die Tür ein, schießt in die Luft, reißt die Menschen aus dem Bett, drehst alles um." In Hebron zu dienen sei wie in einem Vakuum zu leben, sagt Shaul. "Am Ende wachst du auf und denkst dir: Das kann doch nicht sein. Was tue ich hier eigentlich?" Yehuda Shaul zog die Konsequenzen und gründete eine NGO, gleich nach dem Ende seines Wehrdienstes im Jahr 2004. "Shovrim Schtika" oder "Breaking the Silence" will "die Wirklichkeit der besetzten Gebiete ins Schaufenster stellen". Seine Aktivisten organisieren Touren durch Hebron, sammeln Fotos von Übergriffen und publizieren Interviews mit Soldaten zu ihren Erfahrungen in Hebron. "Israel ist ein Rechtsstaat. Aber in seinem Hinterhof, dem Westjordanland, gilt das Recht nicht mehr. Wir müssen uns fragen, wie viel davon eine demokratische Gesellschaft aushält", sagt Yehuda Shaul.

Was er meint, wenn er vom Hinterhof Israels spricht, versteht erst, wer in Hebron war. Israelis und Palästinenser verfügen über getrennte Straßen, getrennte Gehsteige. Verstöße ahndet eine Hundertschaft schwerbewaffneter Soldaten. Die Palästinenser nennen es Apartheid. Maschendrahtkäfige vor den Fenstern sollen vor den allgegenwärtigen Steinen schützen, die zwischen Siedlern und Arabern hin und her fliegen. Hashem al-Haze, ein palästinensischer Familienvater, wohnt direkt neben einer Siedlung im Stadtzentrum. In einem löchrigen Netz neben seinem Haus sammelt sich der Müll, den die darüber lebenden Siedler in seinen Garten werfen. Er erzählt, wie einer von ihnen seiner kleinen Tochter die Vorderzähne mit einem Stein ausschlug. Konfrontiert man David Wilder, Sprecher der jüdischen Gemeinde von Hebron, mit solchen Vorkommnissen, entgegnet er: "Wir haben das Recht auf Selbstverteidigung." Und erzählt, dass ein Siedler außerhalb von Hebron kürzlich von einigen Arabern mit Messern erstochen worden sei. Hass und Gewalt kommen von beiden Seiten. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Siedler im Gegensatz zu den Arabern unter dem Schutz des israelischen Militärs stehen. Dieses darf bei Übergriffen der Juden gegen Palästinenser nicht eingreifen. Der Familienvater reicht einen Becher Tee und legt eine CD-ROM in seinen alten Computer. Es ist ein Interview des israelischen Fernsehens mit einer Siedlerfrau, die entrückt lächelt. "Dieses Haus ist schon jüdisch", sagt sie und deutet nach vorne. Dann zeigt sie nach hinten und sagt: "Und dieses Haus wird bald jüdisch sein." Es folgen einige verwackelte Videos anderer Provenienz - in Bedrängnis gekommene Palästinenser haben sie mit Camcordern aufgezeichnet. In einem skandieren Siedler Parolen und rammen einen Holzpflock gegen eine Haustür, wieder und wieder. Dahinter hat sich eine palästinensische Familie verschanzt. Die israelischen Soldaten stehen daneben, untätig, die Arme über die Brüstung des Hauseingangs gelehnt. Und schauen weg.

Zusammenstöße vermeiden sie nur, indem sie Palästinenser von den Straßen Hebrons verbannen: "Tzir Stereeli", sterile Straße, würden die Soldaten einen Sektor nennen, der aus Sicherheitsgründen von Arabern nicht mehr betreten werden dürfe, sagt Shaul. Im Fall Hebron handelt es sich dabei um einen Gutteil des Stadtzentrums. Siedler dagegen dürfen sich in der ganzen Altstadt frei bewegen. "Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass man nicht die Siedler vor den Arabern, sondern die Araber vor den Siedlern beschützen muss", sagt Shaul. Als er sich einer jüdischen Siedlung nähert, wird er - samt Falter-Redakteur - von einigen Soldaten festgenommen. Die Anwesenheit neben einer Siedlung stelle eine Provokation dar, lautet die unwillig vorgebrachte Begründung. Dann beraten sich die Soldaten per Funk, was nun mit den Fremden zu tun sei. "In Hebron gibt es keinen Rechtsstaat", wiederholt Shaul. Er rückt seine Kippa zurecht und lächelt. Eine Stunde später werden die Eindringlinge per Militärjeep aus der besetzten Stadt gekarrt.

Israel ist eine Demokratie, also kann es Kritiker und Beobachter nicht ganz vom Westjordanland fernhalten. Aber es tut sein Bestes. Den Hinterhof des Landes sollen sie möglichst nicht zu Gesicht bekommen. Ganz anders in Sderot. Hier ist jeder willkommen, der erzählt, wie viel Leid und Verzweiflung die Qassam-Raketen verursachen. Cheryl Ben-Davids Telefonnummer findet sich im Internet, unter Qassam victims. Ein Hügel nahe ihrem Haus offenbart den Blick in eine Ebene. Die rechteckigen Silhouetten von Wohnblöcken verschwimmen im Mittelmeerdunst und der Wind verweht da und dort eine Rauchsäule. Das sei der Gazastreifen, sagt Ben-David. Und was er für Sderot bedeute, könne man im Hinterhof der städtischen Polizeistation sehen.

Dort stehen einige Polizeiwägen und rauchende Polizisten, aber der Blick fällt auf zwei stählerne Regalwände. Sie führen die Außenmauer des Gebäudes entlang. Hier liegen die eingesammelten Qassam-Raketen. Rund 4500 Stück gingen seit 2001 auf Sderot nieder. Hunderte von ihnen lagern hier, übereinandergestapelt und aneinandergereiht, allesamt beschriftet mit Zeit und Ort des Aufpralls, verrostet und zersplittert von der Wucht der Explosion. Etwa eineinhalb Meter sind sie lang, Schweißnähte zeugen von ihrer primitiven Machart. "Wir haben nicht Platz für alle. Es gibt ein Lager, wo noch viel mehr liegen", sagt eine Polizistin. Der Sprengstoff kommt aus dem Sudan, das Know-how der Bombenbauer aus Syrien und dem Iran, und durch Tunnels unter dem Grenzzaun zwischen Ägypten und Gaza werden die Raketen zu ihrem Zielort geschmuggelt. Er heißt Bait Hanun, liegt am Nordrand des Gazastreifens, gerade sechs Kilometer von Sderot entfernt. Von dort aus feuern die Qassam-Brigaden ihre Ladung auf die Kleinstadt. Wenn sie jemandem das Leben rauben, beginnen in Gaza die Jubelchöre der Hamas, die von den Nachrichtenagenturen in alle Welt übertragen werden. Die Bewohner von Sderot ziehen dann in die Hauptstadt Jerusalem, um vor der Knesset für die Wiederbesetzung von Gaza zu demonstrieren. "Kein Staat der Welt würde sich derart brutale Verletzungen seiner Souveränität gefallen lassen", kommentierten kürzlich die deutschsprachigen Israelnachrichten. "Das Klima der Angst macht jeden zum Hardliner", schrieb der deutsche Spiegel-Online.

Die Israelis haben eine Mauer gebaut, um palästinensische Selbstmordattentäter von Anschlägen auf vollbesetzte Busse in Tel Aviv abzuhalten. Sie haben das Westjordanland mit Militärstützpunkten und Checkpoints überzogen, an denen pendelnde Palästinenser Tag für Tag zum stundenlangen Warten vor Metalldetektoren und Ausweiskontrollstellen gezwungen werden. Die Israelis haben den Gazastreifen abgeschirmt und isoliert. Dies alles hindert die Hamas nicht daran, im beschaulichen Sderot Angst und Verzweiflung zu verbreiten. Dies alles hat das Problem der besetzten Gebiete nicht gelöst, lediglich ausgesperrt. Wie virulent es ist, zeigt das Beispiel Hebron. Wie ungelöst, das Beispiel Sderot. Die erste mögliche Lösung wäre, Israel und Palästina zu zwei voneinander unabhängigen Staaten zu machen. Dagegen spricht allerdings jene Viertelmillion jüdische Siedler, die sich zwischenzeitlich im Westjordanland niedergelassen haben. Die zweite mögliche Lösung wäre, Israel und Palästina einen gemeinsamen friedlichen Staat bilden zu lassen. Dagegen wiederum sprechen die hohen Geburtenraten der Palästinenser. In 20 Jahren, schätzt man, wird die Bevölkerungsmehrheit in Israel und Palästina kippen. Dann wären die Araber in der Mehrheit. Und Israel hätte seine ideelle Grundlage, das Judentum, verloren. "Ich weiß einfach keine Lösung", sagt Yehuda Shaul und nippt am Schwarztee, den ihm der arabische Familienvater in seinem Haus in Hebron aufgebrüht hat. "Ich will auch gar keine anbieten." Denn ihm gehe es nur darum, die Realität der territories aufzuzeigen. Nicht einmal für den Abzug der 800 Siedler aus Hebron setze er sich ein, lediglich für ein lebenswertes Miteinander von Israelis und Palästinensern. Einer seiner Kollegen, ein NGO-Aktivist aus Ramallah, sieht das Video, in dem die Siedlergruppe ins Haus der Palästinenserfamilie einzudringen versucht. Der Film reißt ab, und auf dem Band ist nicht mehr zu sehen, ob es ihnen gelungen ist oder nicht. "Wo bleibt jetzt das Happy End?", fragt der Aktivist. Yehuda Shaul antwortet zynisch und pathetisch: "It's not happy. I'm sorry. Probably there's something wrong here."

Erschienen im Falter 20/08

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