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Mittwoch, 3. Februar 2010

Der verratene Held

Jovan Mirilo half, die Kriegsgräuel von Srebrenica aufzudecken. Nun erklärt ihn ein dubioses Gutachten des Bundesasylamts zum Schwindler. Experten warnen vor der Abschiebung in den Tod

Bericht: Joseph Gepp

Es muss ein gutes Gefühl gewesen sein, im Juni 2007, als sie sagten, er habe „eine wichtige Nachdenkphase und kontroverse Diskussion innerhalb der serbischen Gesellschaft angestoßen“. Für Jovan Mirilo, 45, aus der Provinzstadt Šid in der serbischen Vojvodina, schien es nun, als habe er es geschafft. Als würden seine Verdienste endlich anerkannt. Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan gratulierte; er selbst ist Preisträger, neben Benazir Bhutto. In der Jury saßen einst Willy Brandt und Zeit-Gründerin Marion Gräfin Dönhoff; heute sind ihnen der Historiker Oliver Rathkolb, UN-Experte Manfred Nowak und Tschechiens Außenminister Karl Schwarzenberg nachgefolgt.

Es muss ein schlechtes Gefühl sein, wenn Jovan Mirilo heute, zweieinhalb Jahre später, seine Korrespondenz mit dem Wiener Bundesasylamt durchblättert. Hunderte Seiten Protokolle, Stellungnahmen, Gutachten. Der Bescheid beginnt mit dem Satz: „Ihr Antrag auf internationalen Schutz wird (…) abgewiesen.“

Zwei Wochen bleiben nun ihm, seiner Frau Dragana und Tochter Marija, 8, bis zur Ausweisung. Zwei Wochen, sofern der unabhängige Asylgerichtshof nicht der Berufung stattgibt und Mirilo Abschiebeschutz gewährt. Zwei Wochen, sofern Ministerin Fekter nicht die Notbremse zieht und das Asylamt anweist, den Bescheid auszusetzen. Schon warnen Menschenrechtsexperten, es könne wieder ein Aufdecker ermordet werden – wie vor einem Jahr, als der tschetschenische Kronzeuge Umar Israilov starb, nachdem Behörden seine Angst nicht ernst genug genommen hatten.

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Jovan Mirilo. Foto von Katharina Gossow

Der Fall des serbischen Menschenrechtsaktivisten Jovan Mirilo ist besonders heikel. Da ist einerseits eine Schar renommierter Experten, die ihn für einen Helden im Dienst des Tribunals von Den Haag halten. Da ist andererseits das Innenministerium, das in ihm einen Schwindler, Kriminellen und Asylbetrüger sieht und ihn nach Serbien abschieben will, wo sich Mirilo in Lebensgefahr wähnt. Zumindest behauptet er das unter Vorlage gewichtiger Beweise.

Doch diese zählen nicht, entgegnet das Asylamt – und stützt seine Argumentation über weite Strecken auf den Bericht eines dubiosen Sachverständigen, der Informationen falsch wiedergab und vielleicht sogar bewusst verzerrte.

Jovan Mirilo, ein stiller, stämmiger Mann, dunkle Haare, dicker Anorak, sagt, dass er drei Tage am Leben bleiben würde, kehrte er tatsächlich nach Šid zurück. Er behauptet, dass Exmilitärs 50.000 Euro Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hätten. Vor seiner Flucht habe man ihm in Šid im Café mit Mord gedroht. Man habe sich sogar geweigert, ihm eine Zeitung zu verkaufen.

Facebook-Gruppen im Internet nennen ihn stoka izdajnicˇ ka, „verräterisches Vieh“. Neben einer dieser Gruppen prangt das Konterfei des bosnischen Serbenkommandanten Ratko Mladic.

Dass Jovan Mirilo der Feind vieler ist, in Šid, in ganz Serbien, begann im Jänner 2005. In einer Videothek des Orts kursierte damals unter dem Ladentisch ein Mitschnitt des Srebrenica-Massakers. Dort hatten 1995 serbische Freischärler rund 8000 bosnische Muslime ermordet. In Šid habe man mit der Aufnahme geprahlt, erzählt Mirilo. Er habe sie sich also mit seinem gleichgesinnten Freund Duško Kosanovic ´ beschafft, sie kopiert, sie der Menschenrechtsaktivistin Nataša Kandic in Belgrad übergeben – und damit dem Haager Kriegsverbrechertribunal.

Dort diente der Film im Miloševic- Prozess als Beweismaterial. Das Tribunal, die erste derartige internationale Einrichtung seit den Nürnberger Prozessen, wollte nicht nur Verbrecher anklagen. Es wollte auch Aufarbeitung betreiben, einen Neubeginn für Südosteuropa ermöglichen. Und das Video war dafür wie geschaffen.

Zum ersten Mal sahen Serben die Verbrechen ihrer Landsleute, siegesgewiss mitgefilmt, höhnisch kommentiert. Vielen öffnete dies die Augen. Andere gruben sich tiefer in ihren Hass, sahen die Ehre gekränkt, den Mythos zerstört: Mirilo galt nunmehr als Aushängeschild des serbischen Aktivismus. Mit Drohungen konfrontiert, floh er zwei Jahre später nach Österreich.

Heute hat sich die Lage Serbiens oberflächlich beruhigt. Der sanfte Druck der EU entfaltet erste Wirkung; in Belgrad regiert mit Boris Tadic ein liberaler Präsident.

Aber Mirilo fürchtet seine Abschiebung nicht des Staats wegen. Er fürchtet die alten Netzwerke aus Kriegern und Geheimdienstlern, die den Verrat rächen wollen. Besteht seine Furcht zu Recht?

Ja, meint etwa UN-Menschenrechtsexperte Manfred Nowak, der einst selbst in Srebrenica Leichen ausgrub. „Zwar ist die Sicherheitslage in Serbien deutlich besser. Aber Mirilo ist dennoch gefährdet: Er gilt als Nestbeschmutzer. Ihm droht Gefahr aus der organisierten Kriminalität, von Paramilitärs und Expolizisten.“

Erhard Busek, bis 2008 Balkan-Stabilitätskoordinator, pflichtet ihm bei: „Teilweise gilt in Serbien immer noch: Wer gegen den Geist der Solidarität verstößt, gerät schnell in Gefahr.“ Und auch Wolfgang Petritsch, 1999 bis 2002 Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina, meint: „Das Vorgehen brüskiert jene, die offen und couragiert mit der balkanischen Vergangenheit umgehen. Jemand deckt etwas auf – aber Österreich unterstützt ihn nicht. Es ist ein schlechtes Beispiel für andere Aufdecker.“

Bleibt die Frage: Warum votiert Fekters Innenministerium trotzdem für die Abschiebung? Warum teilt sie nicht die Meinung jener, die jahrelang in Südosteuropa lebten, die Wälzer über seine zahlreichen Ethnien verfassten, die an Miloševic’ Tisch saßen und um den Kosovo feilschten?


Wer darauf eine Antwort finden will, muss sich in jene Protokolle, Stellungnahmen, Bescheide vertiefen, in denen das ministerielle Asylamt seine Gründe darstellt.

In seitenlangen Protokollen offenbart es einige Widersprüche in Mirilos Aussagen und Lebenslauf. In exakter und detailreicher Manier legt es dar, dass es Jovan Mirilo für einen Hochstapler, Betrüger und gar Kriminellen und Kriegsverbrecher hält.

Letzteres etwa soll eine verblasste Skorpiontätowierung auf seinem Bauch belegen, die auf eine Verbindung zu den

Škorpioni-Paramilitärs hindeuten soll – laut Mirilo stamme sie aus den 80ern, als die Škorpioni noch gar nicht existierten.

Das Fazit all dessen: „Es kann nicht erkannt werden, dass Sie (Mirilo) tatsächlich als Menschenrechtsaktivist tätig waren“, so der Bescheid. Und: „Dem verleihenden Bruno-Kreisky-Komitee war zum damaligen Zeitpunkt (der Verleihung, Anm.) noch nicht klar, dass der Preis auch aufgrund falscher Angaben verliehen wurde.“

Was damals nicht klar war, müsste heute klar sein. Doch das Kreisky-Komitee weiß auf Falter-Anfrage nichts von seiner vermeintlichen Fehlentscheidung. „Leider wurde seitens der Asylbehörde nicht bei der Kreisky-Stiftung recherchiert, da sonst der Vorwurf leicht zu entkräften gewesen wäre“, sagt Jurymitglied Oliver Rathkolb. „Im Fall Mirilos wurde intensivst nachgeforscht, zuletzt sogar bei der UN-Chefanklägerin Carla Del Ponte. Das Video wäre ohne Mirilo wohl nie an die Öffentlichkeit gelangt“, so Rathkolb.

Das führt zur Frage: Woher, wenn nicht von Kreisky-Komitee, hat das Ministerium seine Informationen?


Die Antwort gibt ein Dokument vom Oktober 2008, aus dem offenbar viele Angaben in den Asylbescheid geflossen sind.

Wer es liest, dem kommen schwere Zweifel an den Ermittlungsmethoden des österreichischen Bundesasylamts.

Bei dem Dokument handelt es sich um einen dubiosen „Rechercheergebnisbericht“ eines anonymen Sachverständigen, der Mirilos Umfeld und den Hintergrund seiner Flucht durchleuchten sollte. Rund 50 solcher Sachverständiger arbeiten für das Asylamt, herangezogen in strittigen Fällen. Es sind, wenn man so will, verdeckte Ermittler, deren Ergebnisse für Asylwerber lebensentscheidend sein können.

Der Autor verbürgt sich in seiner Einleitung „für alle ermittelten Rechercheergebnisse und deren Nachvollziehbarkeit“. Warum er – im Gegensatz zu den mit vollem Namen genannten Auskunftspersonen – anonym bleiben will? Mirilo stehe „möglicherweise im Nahbereich der politischen Rechten Serbiens“, so der Bescheid. Demnach könne „ein erhebliches Sicherheitsrisiko (...) nicht ausgeschlossen werden.“

Diese Argumentation ist insofern interessant, als Serbien im selben Asylbescheid als Land beschrieben wird, in dem die Justiz zunehmend frei und der Rechtsschutz gewährleistet sei. Die einzig trotzdem schützenswerte Person für das Asylamt scheint der eigene Gutachter zu sein.

Dieser reiste durch Exjugoslawien, sprach mit Bürgern Šids, mit Mirilos Jugendfreunden, mit Journalisten, denen sein Rechercheobjekt als Informant gedient hatte. Das Gutachten ist in fehlerhaftem Deutsch verfasst und entspricht nicht amtssprachlichen Standards; so preist der Autor etwa eine der besuchten Städte als „Stadt der Musik, Liebe, der Schauspieler, Sänger, Maler und Fotografen“.

In Šid hält der Gutachter etwa fest, dass Mirilo „als Arbeitsloser ständig in irgendwelchen Kaffeehäusern“ gesessen sei. Quelle: einige namentlich nicht genannte „Dorfbewohner“ – vor denen Mirilo nach eigener Aussage geflohen war. Später zitiert der Autor „eine renommierte Internetpublikation“, die Mirilo Nähe zum „kriminellen Milieu“ unterstellt. Die Quelle findet sich nur auf Serbisch und unkommentiert: Es ist das – geheimdienstlich unterwanderte – Belgrader Innenministerium.

Im weiteren Verlauf des Gutachtens werden Passagen aus E-Mails derart selektiv wiedergegeben, dass sie einen völlig anderen Sinn ergeben. Auf die Frage des Sachverständigen an eine renommierte Journalistin des Belgrader Fernsehsenders B92, ob Mirilo tatsächlich, wie behauptet, zu einer ihrer TV-Dokumentationen beigetragen habe, antwortet diese: „Mirilo hat die Sendung nicht organisiert, denn B92 organisiert seine Sendungen selbst. Aber seine Rolle war für die Entstehung der Sendung wichtig. Er hat dem Sender sehr geholfen.“

Der Gutachter kopiert dieses Antwortmail in seinen Bericht, schwärzt allerdings den Inhalt fast völlig. Übrig bleibt nur: „Mirilo hat die Sendung nicht organisiert, B92 organisiert seine Sendungen selbst.“

An anderer Stelle wird ein Medienbericht über die Zeugenaussage Mirilos bei einem Belgrader NGO-Prozess zitiert. Einen für ein Asylverfahren nicht unwesentlichen Satz lässt der Gutachter dabei einfach aus: „Der Zeuge war im letzten Jahr bedroht und hat ständig bei der Polizei um Schutz ersucht, aber sie hat nicht reagiert.“

Es scheint, als würde der anonyme Autor sein Rechercheobjekt Mirilo bewusst ins schlechtestmögliche Licht rücken wollen. So heißt es im selben Medienbericht: „Der Zeuge (Mirilo) ist arbeitslos und lebt von der Unterstützung seiner Frau. Das wird später benutzt, um ihn zu diskreditieren.“

Der Gutachter manipuliert das Zitat, indem er den zweiten Satz weglässt. Es bleibt: „Der Zeuge ist arbeitslos und lebt von der Unterstützung seiner Frau.“

Derartige Informationen verhelfen dem Asylamt nicht nur zur Einschätzung, dass im Fall Mirilo keine Fluchtgründe vorliegen würden, sondern auch dazu, dass der Mann ein Hochstapler oder Krimineller sei, der den Kreisky-Preis nicht verdient habe.

Die Vorgangsweise wirft gravierende Fragen auf: Wem traut Österreich die Einschätzung darüber zu, ob Asylwerber gefährdet sind oder nicht? Welches Interesse hatte der Gutachter daran, Aussagen derart zu manipulieren? Warum kommentiert er seine Quellen nicht? Warum wählt er die Passagen, die er ins Deutsche übersetzt, derart selektiv aus? Und vor allem: Wie wird mit Asylwerbern umgegangen, die nicht den Kreisky-Preis gewonnen haben?

Das dem Innenministerium unterstehende Bundesasylamt blockt auf Falter-Anfrage ab. Zu einzelnen Fällen nehme man keine Stellung, erklärt Ministeriumssprecher Rudolf Gollia. Aber natürlich könnten Gutachten zurückgewiesen werden, wenn sie formalen Kriterien nicht entsprechen.

Was in diesem Fall nicht geschah – schließlich bezieht der Asylbescheid seine Argumente aus dem Gutachten.

Vielleicht wird ja der unabhängige Asylgerichtshof später einen entscheidenden Aspekt der Causa Mirilo mitbedenken, den das ministerielle Asylamt samt namenlosem Sachverständigen übersah: das Schicksal Duško Kosanovic’, jenes Freundes Mirilos, der einst half, das Srebrenica-Video zu beschaffen. Der Haager Gerichtshof hat Kosanovic ´ in sein Zeugenschutzprogramm aufgenommen; er lebt heute versteckt im Asyl in Irland. Sein Bruder in Šid, Živko Kosanovic ´, ein Gleichgesinnter, wollte ebenfalls ins Ausland. Aber er stand nicht unter Zeugenschutz. Vor zwei Jahren wurde der Bruder aus den Niederlanden nach Serbien abgeschoben.

Anfang April 2009 wurde Živko Kosanovic in Šid auf offener Straße erschossen.


Stimmen zu Jovan Mirilo

„Wir hoffen, dass dieser Asylbescheid rasch aufgehoben und Mirilo und seiner Familie endlich politisches Asyl gewährt wird“

Oliver Rathkolb für die Bruno-Kreisky-Stiftung

„Ich würde mir von Österreich erwarten, einen Kreisky-Menschenrechtspreisträger anders zu behandeln und ihn nicht des Landes zu verweisen“
Kreisky-Juror Manfred Nowak

„Hier besteht eine objektive Gefährdung. In Bezug auf Srebrenica wallen in Serbien die Emotionen auf“
Wolfgang Petritsch, Österreichischer Diplomat

„Die Methode des anonymen Berichts ist rechtsstaatlich zutiefst verwerflich. Mirilos Gefährdung ist evident, geradezu Public Knowledge – gerade, wo es um das Reizthema Srebrenica geht“
Heinz Patzelt, Amnesty International

„Wenn Experten und Kenner der Situation der Menschenrechte in dieser Qualität warnend ihre Stimme erheben, dann hoffe ich, dass in unserer Republik diese Stimmen auch gehört und ernst genommen werden“
Christian Konrad, Raiffeisen-Chef

„Jede Fehlentscheidung wäre eine zu viel und kann das Leben eines Menschen gefährden“
Michael Landau, Caritas-Chef

(Raiffeisen und Caritas verliehen an Falter-Redakteur Joseph Gepp 2008 den Leopold-Ungar-Anerkennungspreis für eine Reportage über Jovan Mirilo)

Erschienen im Falter 5/10

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Volksbefragung: Der Nominativ ist dem Akkusativ sein Tod

Glosse

Armes Rathaus, das mit solch einem Wahlvolk geschlagen ist. Da ruft es zur hehren demokratischen Willensbildung, lädt zur mutigen Entscheidung über die Zukunft der Stadt. Und was macht der Wiener? Er motzt wegen eines kleinen Grammatikfehlers. „Internationale Studien zeigen, dass die Ganztagsschule der entscheidende Erfolgsfaktor darstellt“, steht da. Also bitte, liebe Wiener, glauben Sie wirklich, dass das unbemerkt passieren konnte? Dass einem Beamtenapparat, größer als die EU-Verwaltung in Brüssel, so ein Fehler passiert? Nein, in Wahrheit sind Sie die Getäuschten. Der Fehler ist natürlich Absicht, subtile Propaganda für die bessere Schule, unterunterbewusste Meinungssuggestion. Ähnlich wie Pink Floyd, die beim Rückwärtshören Satan huldigen. Eigentlich genial. Dafür kriegen sie jetzt auch das Ja.

Erschienen im Falter 5/10

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STADTRAND – Vergessene Wiener Gerätschaft Linienspiegel

Kürzlich blitzte sekundenlang eine Kindheitserinnerung an etwas auf, damals alltäglich bis unangenehm. Heute scheint es unendlich abstrus, wie aus einer ganz anderen Zeit: ungefähr 1991, Schulbeginn, mit den Eltern im übervollen Libro. Da lagen sie aufgestapelt, hunderte, tausende Stück, groß, klein, liniert, kariert, A4, A5: die Linienspiegel. Der Linienspiegel war wahrscheinlich schon vor 100 Jahren altbacken; ein strenges, immerzu verrutschendes, Beklemmungen hervorrufendes Ding. Menschen, die gerade erst schreiben lernen, sollen damit möglichst geradlinig schreiben. Das führt zur Frage: Gibt es den Linienspiegel auch heute noch? Achtet der postbürgerliche Wiener Vater, die Mutter, der Lehrer immer noch darauf, ob die Knirpse schablonenhaft kerzengerade schreiben? Eine kurze Internetsuche: Wikipedia kennt den Linienspiegel nicht. Das Österreichische Wörterbuch kennt ihn, in Deutschland werde er „Linienblatt“ genannt. Die Libro-Homepage bietet ihn auch noch an, sogar in allen Größen und Formen. Allerdings nur virtuell. Zum kostenlosen Download.

linienblatt
Those were the days: der Linienspiegel
(osrm.ch)

Erschienen im Falter 5/10

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Sonntag, 31. Januar 2010

Der tote Ort

Igor Tanež ist ein ganz normaler Provinzrusse, Khalmer-Ju ein verlassenes Dorf in der arktischen Tundra. Über einen Mann und einen Ort – und was sie über Russland im Jahr 20 nach der Wende erzählen.

Reportage und Fotos: Joseph Gepp


I
Sein Lachen ist laut, sein Lächeln breit. Igor Tanež ist 44 Jahre alt, er trägt ausgewaschene Jeans, eine graue Jägerkappe, einen Vliespullover, dessen pastellfarbenes Linienmuster man vom vielen Waschen kaum noch erkennt. Sein Kinn ist breit, seine Stimme tief und dröhnend, sein Gesicht klobig und schlaff, etwas verlebt schon vom Wodka und den Wogen der Vergangenheit.
Gestern Abend hat der Taxiunternehmer und „Biesness-Man“ den Kofferraum seines Jeeps aufgemacht und ein Paar Gummistiefel, einen dick gefütterten Armeeoverall, zwei Patronenschachteln und ein halbautomatisches Gewehr in einer Plastikhülle hineingelegt. Er hat danach seine Freunde angerufen und gesagt, sie sollen einen zweiten Jeep organisieren und ihn suchen gehen, falls er sich bis heute, zehn Uhr abends, nicht gemeldet habe. Er fahre nämlich nach Khalmer-Ju.

Die Geschichte von Igor Tanež ist die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Provinzrussen. Sie ließe sich Hunderttausende, ja Millionen Male erzählen in einem Land, das in seiner jüngsten Vergangenheit ungemein radikalen Veränderungen unterworfen war. Sein Leben lässt tief blicken in die russische Geschichte und Gesellschaft. Denn Igor Tanež ist ein Kind von Chaos und Umbruch, wie es in Russland eigentlich jeder Über-Zwanzigjährige ist. Sein Beispiel zeigt, wie wenig Achtung und Rücksicht in solchen Zeiten für das einzelne Individuum übrig bleiben.

Er sitzt in seinem Lada Niva, Baujahr 95, ein guter Wagen, sagt Igor, und klopft auf das Armaturenbrett wie auf den Rücken eines folgsamen Pferdes. Der Jeep ist ein Tundra-Modell, mit eigens konstruierter Differentialsperre für meterhohen Schnee und hüfthohen Schlamm. Gut eigentlich für alles außer Straßen, sagt er lachend. Aber die gäbe es hier ohnehin nicht. „Hier gibt’s nur Lichtungen. Deshalb haben wir Russen auch den Krieg gewonnen. Weil es keine Straßen gibt. Die Deutschen sind stecken geblieben. Die konnten das ja nicht wissen.“

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Wodkafrühstück in der Tundra: Igor Tanež tischt auf der Motorhaube seines Lada Niva auf

Die Stadt, in der Igor Tanež lebt, heißt Workuta. Sie ist eine der nördlichsten und abgelegensten Städte der Welt – das erste Attribut ist nachgewiesen, das zweite eher ein Gefühlseindruck. Workuta liegt im europäischen Russland, 80.000 Einwohner, am Fuß des Uralgebirges, 150 Kilometer von der Küste des arktischen Eismeeres entfernt.


II
Der Zug von Moskau benötigt vierzig Stunden bis hierher. In den Abteilgängen dampfen kohlenbetriebene Samoware. Der Zug passiert Kleinstädte mit kupfergrünen Leninstatuen vor heruntergekommenen Bahnhöfen, wo alte Frauen zusammenlaufen und Wegzehrungen zum Kauf bieten: Kübel voller Waldbeeren, eingelegte Pilze, in Geschirrtüchern warmgehaltene Teigtäschchen.
Die letzten zehn Stunden vor Workuta rollt der Zug nur noch durch ein großes Nichts, gelbes Gras wogt hier über dem flachen Land. Kein Schild weist darauf hin, dass man irgendwo auf dieser Strecke den Polarkreis überquert.

Dann erreicht der Zug Workuta.

Die Stadt ist die Ausgeburt eines totalitären Regimes, die Folge einer Geisteshaltung, die im Marsch zu ihrem Ziel weder Ressourcen kalkulierte, noch Einwände gelten ließ. Traditionell siedeln Menschen dort, wo Klima und
Vegetation den Anbau von Nahrungsmitteln erlauben. Dementsprechend lag vor der Sowjet-Zeit die nördlichste menschliche Siedlung Hunderte Kilometer weiter südlich; wo heute Workuta ist, lebten damals nur einige nomadische Ureinwohner vom Volk der Komi-Nenzen. Dann aber,
im Jahr 1928, entdeckten sowjetische Forscher unter
dem Boden der Tundra Kohle. Der sowjetische Diktator Josef Stalin befahl den Bau einer Stadt. Workuta wurde zu
einer von vielen russischen „Monogorody“, Mono-Städten, die nur eines einzigen Wirtschaftszweigs wegen existieren. Die geplante Kohlenausbeutung im großen Stil, meinte
Stalin, ließe sich am billigsten mit permanent angesiedelten Bewohnern bewerkstelligen.

Ab dem Ende der 30-er bis Mitte der 50-er Jahre wurden rund eine Million Zwangsarbeiter nach Workuta verschleppt. Sie lebten in Gulag-Lagern und stampften die Stadt aus dem Boden. Ein Viertel von ihnen starb nach Schätzungen der Opferorganisation „Memorial“ an Mangelernährung und polarer Winterkälte. Erst nach Stalins Tod im Jahr 1953 leerten sich langsam die Lager. Statt der Zwangsarbeiter sorgten nun freie Sowjet-Bürger für Leben und Arbeitskraft in Workuta. Hohe Löhne und Privilegien lockten sie in den unwirtlichen Norden. In den 70-er Jahren lebten rund 320.000 Einwohner in der Stadt. Es war eine vom Regime hofierte Werktätigen-Elite – „Helden der Arbeit“, wie man sie damals nannte.

„So ist das eben bei uns“, sagt Igor, als sein Niva Workuta verlässt. „Woanders würde man wahrscheinlich ein Basislager errichten und Arbeiter mit Hubschraubern hinfliegen. Aber bei uns nicht. Bei uns baut man eine ganze Stadt. Um jeden Preis.“

„Und dann“, fügt er hinzu, „lässt man sie sterben.“

In den späten 80-er Jahren schlossen die ersten Gruben. Die Kohle war knapp geworden, die Ausbeute stand schon lange in keiner Relation mehr zum Arbeitsaufwand. Zwanzig Schächte gab es zur Blütezeit, vier sind es heute. Die Einwohnerzahl sank seit 1990 um mehr als zwei Drittel, von 320.000 auf 80.000 Menschen.
Das letzte neue Gebäude in Workuta wurde im Jahr 1988 errichtet. Seit der Wende hat in der Stadt weder ein Geschäft noch ein Industriebetrieb eröffnet. Rund die Hälfte der Häuser steht heute leer. Eine durchschnittlich große Eigentumswohnung kostet umgerechnet rund 200 Euro.

Igor fährt auf einer Landstraße außerhalb von Workuta, an deren Rand einst Vorstädte lagen. Damals, unter Stalin und dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow, blühte die Region auf. Workuta wuchs und vor seinen Toren entstanden Randbezirke mit patriotischen Namen wie „Oktober“, „Sowjet-Stadt“ oder „Komsomolzen-Stadt“. Von „Oktober” stehen heute nur Plattenbau-Ruinen in der Tundra. In Komsomolzen-Stadt harren einige Hundert Alte aus. Der Bus, der früher im Zwanzig-Minuten-Takt von Workuta herfuhr, kommt heute zweimal täglich mit zwei Handvoll Passagieren an.

„Wenn in Russland der Herrscher etwas will, springt das Volk“, sagt Igor. „Das war schon immer so, nicht nur zur Sowjet-Zeit: Der Zar wollte einmal eine Bahnlinie von Moskau nach Petersburg. Er legte das Lineal auf die Landkarte und zog einen Strich von Stadt zu Stadt. Aber sein Finger ragte über die Linie. Also liegt heute, wo der Finger des Zaren war, eine Ausbuchtung an der sonst schnurgeraden Strecke.“

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Wo der Raum nichts wert ist: noch eine Tundraszene

III
Sein Vater war Ukrainer aus Kiew, erzählt er, im Zweiten Weltkrieg sei er wegen „Kollaboration mit dem Okkupanten“ nach Workuta verschleppt worden. Seine Mutter stammt aus Sibirien und wurde eines Tages in den 50-er Jahren ins lokale Komsomol-Büro, zur sowjet-kommunistischen Jugendorganisation, zitiert. Das Volk brauche Arbeiterinnen, erklärte man ihr. Sie durfte sich also aussuchen, wohin sie zur freiwilligen Aufbauarbeit übersiedeln wollte: nach Workuta oder in die kasachische Steppe. Die Mutter hatte von beiden Orten noch nie etwas gehört, auf gut Glück wählte sie Workuta. „Hätte sie abgelehnt, sie hätten sie trotzdem hierher gebracht – als Gulag-Inhaftierte“, sagt Igor. „So war das damals: Wenn du nicht wolltest, zwangen sie dich. Und was du nicht konntest, das brachten sie dir bei.“

Die Eltern von Igor Tanež errichteten hier Bahnstrecken und Gebäude. Die Komsomolzin und der Zwangsarbeiter lernten einander kennen, heirateten und blieben ihr restliches Leben.

Der Niva biegt von der Landstraße in eine Kleinstadt ein, die wenige Kilometer von Workuta entfernt liegt. Sie heißt Sewernij, „die Nördliche“. Hier befindet sich einer der wenigen Kohlenschächte, die noch in Betrieb sind. 3000 Arbeiter wohnen in drei Plattenbau-Vierteln, zwischen denen Kreuze aus zusammengeschweißten Stahlrohren aus dem Schlammboden ragen. Hier kamen in den 50-er Jahren politische Häftlinge ums Leben, überwiegend Russen und Balten. Auf manchen Kreuzen sind die Namen der Toten mit Hammer und Schraubenzieher in die Metallplatten gestanzt. „Aber die Gräber verfallen“, sagt Igor. „Alles Leben hier ist auf Knochen gebaut. Das kann ja langfristig nicht funktionieren.
Es verfällt ja auch alles Lebende. Die Häuser, die Straßen, die Menschen. Wer soll sich da noch um die Toten kümmern?“

Er verlässt Sewernij über eine Seitenstraße und biegt
auf einen schlammigen Feldweg ein, der weit und kerzengerade durch die baumlose Ebene führt. Früher, erklärt Igor, sei dieser Weg die Schienentrasse gewesen, die nach Khalmer-Ju geführt habe, siebzig Kilometer weit. „Wir sind also auf dem richtigen Weg“, sagt er.

„Das müssen wir kurz feiern.“

Er hält am Wegrand neben einem umgestürzten Bahnwaggon. Zeit für eine Stärkung, sagt er, russische Tradition. Er drapiert grob aufgeschnittene Wurst, Brot und geviertelte Zwiebel auf einer Zeitungsseite auf der Motorhaube, fängt dann Blechbecher aus einem Lederetui, gießt großzügig Wodka aus einer Plastikflasche ein. Der Wodka schmeckt, als könnte man mit ihm auch den Jeep betanken. Igor setzt triumphierend den Becher ab, dessen Inhalt er sofort ausgetrunken hat, und ruft: „Die Tundra ist eine Droge!“ Jetzt aber weiter, nach Khalmer-Ju.

Igor Tanež wuchs in Sewernij auf, der Vorstadt mit den Kreuzen. Er arbeitete im Kohlenschacht, wie fast alle Männer des Ortes zu jener Zeit. Es waren die späten 80-er Jahre, eine gute Zeit, sagt er. Er verdiente 800 Rubel im Monat, mehr als das Zehnfache des sowjetischen Durchschnittslohns. Eine Lehrerin zum Beispiel erhielt knapp sechzig Rubel. Das Regime ließ sich seine Pioniere im Norden viel kosten.

Einmal, erzählt Igor, sei er übers Wochenende ans Schwarze Meer geflogen. Das war für die Sowjetunion der späten 80-er ein unerhörter Luxus. Er habe es sich aber leisten können, also nahm er einen Freitag frei, spazierte am Samstag die Palmen bestandene Küstenpromenade von Sotschi entlang, Tausende Kilo-
meter von Workuta entfernt. Im sicheren Bewusstsein, dass er die richtige Berufswahl getroffen hätte. Glücklich, weil er ein gutes, langes und ruhiges Leben vor sich sah.


IV
Khalmer-Ju war die Königin der Gruben, erzählt am nächsten Tag, zurück in Workuta, Sergej Merslerkow.

Er ist ein ehemaliger Bewohner von Khalmer-Ju, wo er bis zum Beginn der 90-er Jahre lebte. Nach der Schließung des dortigen Schachts übersiedelte Merslerkow, 50 Jahre alt, nach Workuta, wo er bis heute als einer von wenigen verbliebenen Grubenarbeitern seinen Lebensunterhalt verdient.

Die Kohle aus Khalmer-Ju hatte höchste Qualität, sagt er. Sie wurde nicht verheizt, sondern in der Metallurgie weiterverarbeitet. Khalmer-Ju, das ungefähr 5000 Einwohner hatte, bezog sein Heizmaterial aus diesem Grund nicht aus dem eigenen Schacht, sondern aus den minderen Gruben um Workuta. Die Konsumgüter für den Ort kamen hingegen eigens aus Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. Auf diese Weise unterschieden sie sich von jenen Waren, die in Workuta und dem restlichen
Provinzrussland zu kaufen waren. Khalmer-Ju war so privilegiert, dass es nicht dem regulären sowjetischen Güterverteilungssystem unterstand.

Mit den Warenlieferungen revanchierte sich Leningrad für die Hilfe, die Khalmer-Ju der Großstadt während der deutschen Blockade im Zweiten Weltkrieg angedeihen hatte lassen. Damals war die Qualitätskohle aus dem hohen Norden über improvisierte Gleise direkt ins besetzte Leningrad gekommen. Später wurde Khalmer-Ju dafür zum verhätschelten Liebkind des Systems. Die dortigen Grubenarbeiter verdienten 2000 Rubel im Monat, mehr als doppelt so viel wie normale Kumpel, etwa Igor Tanež.

Der Niva fährt unterdessen weiter, jetzt über Schneefelder. Linker Hand, am Horizont, stehen zwei große Zelte, die aussehen, als stammten sie aus einem Wild-West-Film. Das sind Komi-Nenzen, sagt Igor. Den Winter verbringen die den grönländischen Inuit verwandten nordrussischen Ureinwohner in Workuta, den Rest des Jahres leben sie in Zelten und ziehen mit ihren Rentierherden an die Eismeerküste.

Aus der Sprache der Nenzen stamme auch der Ortsname: „Khalmer-Ju“ bedeutet „Tal der Toten“, weil das Beutewild die Region immer mied und die nomadischen Jäger deshalb hier kaum Essbares vorfanden.

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Max Max: Mit solchen (selbstgebauten) Gefährten fährt der durchschnittliche Workuta-Bewohner in die frühwinterliche Tundra

In den späten 80-er Jahren war die gute Zeit für die Grubenarbeiter von Workuta und Khalmer-Ju über Nacht vorbei. Sie wachten auf und stellten fest, dass ihre Geldbörsen leer, ihre Jobs in Gefahr und ihre Wohnungen nichts mehr wert waren. Dann gingen sie am Wodka zugrunde. Oder sie hielten sich mit kleinen Geschäften über Wasser.

Zu jener Zeit, erzählt Igor, habe man ihn noch beschimpft, als er eines Tages bei einer Komsomol-Versammlung in einer Jeansjacke aufgetaucht sei. Sie war das Geschenk eines Freundes, ein schönes Stück. Die Komsomolzen nannten ihn deshalb einen Faschisten. Sie warfen ihn aus der Jugendorganisation. Das geschah 1989; noch immer legte die Sowjetunion Wert auf die tagtägliche Abgrenzung vom Klassenfeind.

„Schau“, unterbricht Igor seine Erzählung. „Da ist Khalmer-Ju.“

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Khalmer-Ju: Ein trauriges Panorama


V
Es ist ein trauriges, sehr einsames Bild. Tief in der Tundra – in einer flachen, völlig unstrukturierten Landschaft – taucht wie aus dem Nichts eine verfallene Ortschaft auf.

Rechts der Bahntrasse steht ein alter Industriekomplex, die ehemalige Kohlengrube. Links liegen Bahnhof und Ort. Khalmer-Ju besteht aus zwei großen Plattenbauten aus den 80-er Jahren, mehreren zweistöckigen Wohnhäusern aus den 70-ern, einigen stalinistischen Bauten aus den 50-ern und 60-ern und den Anfängen des Ortes: Häuschen und Holzschuppen aus den 40-ern, die von Zwangsarbeitern errichtet wurden. Am Anfang des Dorfs steht eine metallene Säule, auf der die Aufschrift „Siedlung Khalmer-Ju“ prangt.

Früher seien die Leute aus Workuta manchmal nach Khalmer-Ju gefahren und dort abends ausgegangen, erzählt am nächsten Tag Sergej Merslerkow, der ehemalige Bewohner des Ortes. Es gab ein hervorragendes Bierhaus mit drei Sälen, zwei für Bier und einen für Wein. Es gab Restaurants und ein Café namens „Weiße Nächte“.

Dann kam das Jahr 1989.

Drei Jahre zuvor hatte Michail Gorbatschow, der neue Generalsekretär der KPdSU, in einer Rede vor dem Parteitag von „ernsthaften Rückständen“ gesprochen. Ein neuer Wind begann durch die Sowjetunion zu wehen. Schon seit Jahren hatte das Land Getreide aus dem Westen bezogen und seinerseits Rohstoffe exportiert. Der Rubel sei vom Sowjet-Regime absurd überbewertet, behaupteten die Kapitalisten aus Amerika. Nun schien es, als könnte man solche Probleme nicht länger ignorieren. Das planwirtschaftliche Konstrukt begann zu bröckeln. Und Khalmer-Ju war eines der ersten kleinen Ornamente, die abbrachen und in die Tiefe stürzten.

Die Schließung der Kohlengrube kostete fast alle Dorfbewohner ihren Arbeitsplatz. Manche pendelten nach Workuta und hielten es noch eine Zeit lang in ihrem Heimatort aus. Sie wollten Khalmer-Ju, das bis vor kurzem noch so privilegiert war, nicht aufgeben.
Im Jahr 1995, sechs Jahre nach dem Ende der Grube, versank Russland im postkommunistischen Chaos. Und in Khalmer-Ju hielten immer noch zweihundert Menschen ihrem Schicksal stand. Im Spätsommer kamen schließlich Soldaten und erklärten den Verbliebenen, dass sich ab 1. September niemand mehr im Ort aufhalten dürfe. Und für jene Handvoll, die auch dieser Drohung widerstanden, hieß es: Am 30. Oktober fährt das letzte Mal der Zug nach Workuta. Wer dann noch hier ist, hat Pech gehabt.
Am 31. Oktober 1995 war Khalmer-Ju menschenleer. Die letzten Bewohner vernagelten ihre Fenster und Türen. Sie wollten ihre Besitztümer auf diese Weise bis zu ihrer Rück-kehr vor Plünderungen bewahren.

Igor lässt den Motor des Niva aufheulen und biegt von der alten Bahntrasse in einen schlammigen Weg ein. Es ist die einst ins Ortszentrum führende Ulica Lenina, Leninstraße, die heute unter einer Schlammschicht begraben liegt. Der Wagen kämpft sich durch die Lacken. Einstige Bewohner haben auf eine Mauer mit Spraydose ein Auge gezeichnet, das eine Träne vergießt. „Khalmer-Ju, wir werden Dich nicht vergessen“, steht darunter. „Ganz Russland gedenkt Deiner.“

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"Ganz Russland gedenkt Deiner"


VI
Igor hält vor dem ehemaligen Kulturpalast am Hauptplatz des Dorfes. „Schau du dir ruhig die Ruinen an“, sagt er. „Mich interessiert das nicht so. Ich geh’ inzwischen Enten jagen.“
Neben dem Palast preist ein vergilbtes metallenes Plakat die Fortschritte der jährlich der Erde abgerungenen Kohlenvolumina. Im Inneren des Gebäudes liegt zwischen Ziegelbrocken und Scherben ein zweites Plakat auf dem Marmorboden: Hammer und Sichel samt der Aufschrift „CCCP“.

Ein Schuss hallt durch den Ort, dann noch einer. Igor kommt mit zwei toten Enten zum Niva zurück und legt sie neben die Motorhaube in den Schnee.

Nahe der Leninstraße stehen die Überreste des eingestürzten Feuerwehrhauses. Über zwei Torbögen prangen die Jahreszahlen 1954 und 1956. Es sind Häuser, die noch im Zuckerbäckerstil des eben verstorbenen Stalin erbaut wurden – mit barock hervorspringenden Flügeln und geschwungenen Giebeln.
Vom Kohlebergwerk sind noch rostige Maschinen übrig, Hebebühnen, Pulte mit Steueranlagen und Messanzeigen. Am hinteren Rand des Dorfes steht ein Wasserturm, an dessen Innenwand sich eine rostige Wendeltreppe hinaufschlängelt.
Als sich Igor mit dem Zustandekommen des Feuers abmüht, fährt daran ein Komi-Nenze vorbei. Es ist ein alter Mann mit asiatischen Gesichtszügen und einem langen, mongolisch anmutenden Bart. Er sitzt auf einem niedrigen Holzschlitten, den sechs Rentiere mit buntem Schmuck an Ohren und Zaumzeugen ziehen. Der Nenze grüßt wortlos, lächelt und setzt dann seinen Weg fort. Hinaus aus dem Tal der Toten.

VII

kuulturpalast
Der einstige Kulturpalast von Khalmer-Ju

Es gibt Essen, Tee und Wodka, sagt Igor. Russian tradition, er hat eine Pfanne aus dem Jeep geholt und darin Eier und Schweinefleisch über dem Lagerfeuer gebraten, das er im Foyer des ehemaligen Kulturpalastes entzündet hat. Das Bachwasser pfeift im Teekessel und in den Gängen des Kulturpalasts beginnt es nach Rauch zu riechen.

Igor legt neuerlich sein Menü auf Zeitungspapier aus, Gurken, Schokoladeriegel, geviertelte Paradeiser. Wieder fängt er seine Blechbecher aus dem Lederetui: „Jetzt trinken wir darauf, dass wir in Khalmer-Ju sind.“ Was wäre das Leben ohne Wodka, beginnt er, dieses wunderbare Geheimrezept, diese Wohltat für und gegen alles. Aber es dämmert langsam; Igor schlägt vor zurückzufahren. Es seien ja doch siebzig Kilometer nach Workuta und er habe ja bereits erklärt, warum Deutschland den Krieg verloren habe.
In Russland seien die Dinge eben nichts wert, sagt er, während Khalmer-Ju hinter ihm in die Ferne rückt. Eine Stadt verfällt, was soll’s. In diesem Land gäbe es eben immer dringendere Probleme als die Vergangenheit, sagt Igor. Es sei ein instabiles System. Er selbst zum Beispiel sei zweimal reich geworden, und zweimal wieder so arm, dass er am Abend nicht wusste, was er essen sollte.

Der erste Wohlstand kam, als Igor Tanež ein privilegierter Grubenarbeiter wurde, was kurz darauf jedoch die Schließung der Gruben zunichte machte. Der zweite folgte, als Igor seine Konsequenzen aus der gesellschaftlichen Lage zog und kriminell wurde. Es waren wirre Jahre, erzählt er, Mitte der 90-er, Anarchie in Russland, „damals waren wir alle kriminell“. Igor fuhr mit einer Clique junger Männer durch Workuta, sie fielen in die Geschäfte ein, erpressten dort Schutzgeld. Das Geschäft lief gut, es war ein Leben in Hülle und Fülle, aber eines Tages, erzählt Igor, schossen sie auf sein Auto. Die Karosserie wurde durchlöchert, ihm selbst geschah wie durch ein Wunder nichts. Igor nahm es als Zeichen.
„Besser uncool leben, als cool sterben.“ Er wurde gesetzestreu und wieder arm.

Die Freunde der alten Clique seien heute allesamt ermordet, sagt er. In Sewernij, der Vorstadt mit den Kreuzen, ließ die Familie eines Erpressers nach dessen Ermordung eine Holzkirche errichten. Zum Gedenken an den Sohn und die vielen anderen Verstorbenen.
Später wurde Igor „Biesness-Man“ und gründete seine Taxiflotte. Seit bald zehn Jahren gehe das nun so, sagt er.
Es ermögliche ihm ein Leben in kleinem Wohlstand. Die Lage habe sich einigermaßen stabilisiert. Die von Igor und die seines Landes.

Der Jeep überquert wieder die baufällige Brücke, mittlerweile ist es völlig dunkel. Er kämpft sich wieder durch den vom Wasser weggespülten Teil der Trasse.

Er übersiedle bald, erzählt Igor weiter. In die Ukraine, nach Kiew, wo sein Vater herkomme. Das Leben sei dort nicht nur nicht schlechter, sondern sogar besser als zur kommunistischen Zeit. Igor Tanež wird Workuta verlassen – wie viele andere. Ein Haus nahe der ukrainischen Hauptstadt habe er schon. Und ein „Biesness“ lasse sich immer aufziehen.

Die Wohnung in Workuta behalte er aber, ebenso wie den Niva. Jeden Sommer will Igor in die Tundra kommen, solange er lebt. Die Weite, der Wodka, das Chaos, die Narrenfreiheit, die Ruinen von Khalmer-Ju als Staffage. Kurz nach 1995 habe er den Ort übrigens zum ersten Mal betreten, sagt er. Damals habe Khalmer-Ju noch gewirkt, als würden die Bewohner in wenigen Stunden allesamt von einem kollektiven Betriebsausflug zurückkehren.

Heute hingegen fliege das Militär über den verlassenen Ort und beschieße zu Übungszwecken Gebäude. Klar, sagt Igor, warum auch nicht. Sind ja nur Ruinen. Ist ja nur die Tundra. Vor zwei Jahren zum Beispiel, erzählt er, sei der Kulturpalast beschossen worden. Das war damals eine große Sache; ein Schaustück, ein Akt der Präsentation. Die Zeitungen hätten darüber geschrieben, das Fernsehen mitgefilmt. Das Bombardement wollte eine starke Botschaft transportieren: die Kunde vom wieder erstarkten Russland, von einer wehrhaften Politik und Luftwaffe, emporgekommen aus dem demütigenden Chaos der 90-er und nun wieder in der Lage, dem Rest der Welt auf gleicher Höhe in die Augen zu blicken.

Der Schütze zielte zweimal mit einer X-555-Flügelrakete auf den Kulturpalast. Das erste Mal verfehlte er ihn, der Sprengkörper landete im Schlamm neben der Palastmauer und schleuderte nur Holzbretter und Ziegelstücke in die Luft. Beim zweiten Versuch traf der Schütze die Seitenwand des Palastes. Der alte Kino- und Veranstaltungssaal hinter dem Foyer, in dem Igor sein Lagerfeuer entfacht hatte, stürzte ein. Seit diesem Tag klafft in der Mauer ein zwanzig Meter hohes Loch.

Der erfolgreiche Schütze räumte nicht nur zu PR-Zwe-cken bei der Militärübung 2007 in Khalmer-Ju auf. Er rang in Russland auch die 90-er Jahre nieder. Mit ihren guten und schlechten Seiten, mit ihrer Anarchie und ihrer Freiheit.

Sein Name war Wladimir Putin, zu dieser Zeit Präsident der Russischen Föderation.


Nachtrag: Drei Wochen nach dem Besuch im Khalmer-Ju berichtete die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti, dass russische Behörden angeblich die "Schließung" einige "Monogorody" planen würden. Auch Workuta wurde genannt.

Erschienen im Magazin Fleisch, Nummer 14, Jänner 2010

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Mittwoch, 27. Januar 2010

Wien fragt, wir antworten: die City-Maut

"Soll in Wien eine Citymaut eingeführt werden?“ Kaum etwas eignet sich schlechter für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Stadtmaut als diese oberflächliche (Volks-)Frage.

Denn es gäbe Varianten der Maut, die sich so negativ auf die Stadt auswirken würden, dass man sie erst gar nicht einführen sollte. Und andere, die verkehrspolitisch einen großen Wurf für Wien bedeuten könnten.

Da wäre einerseits die Frage nach einer sozialen und ökologischen Staffelung: Soll der Reiche mehr zahlen als der Arme, der Pendler mehr als der Anrainer, der Jeep mehr als das Elektroauto? Andererseits der Aspekt der Grenzziehung: Soll die Citymaut nur die Innenstadt betreffen, wie die Wiener SPÖ sich das vorstellt? Oder bis zum Gürtel reichen (VCÖ)? Oder gar bis an die Stadtgrenze (Grüne)?

All diese Fragen sollten eigentlich vor der Befragung geklärt werden. In Stockholm etwa, wo man das Thema ernsthafter anging als hier, lief 2006 sechs Monate ein Pilotprojekt. Danach stimmten 51 Prozent für eine Beibehaltung der Maut.

In Wien hingegen lässt das Rathaus alle Details offen. Nur die (grüne) Gesamtmaut schließt SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker definitiv aus. Die mangelnde Vorbereitung führt dazu, dass man nicht weiß, worüber genau man abstimmt: Ein Verzicht auf die Staffelung etwa würde die Falschen zur Kassa bitten. Die Innenstadt als alleinige Mautzone wiederum würde ein Grätzel beruhigen, das dank Fußgängerzonen (in den 70ern ebenso umstritten) ohnehin ruhig ist und um das der Stadtverkehr wie ein Taifun um sein Auge kreist.

Für gesicherte Fakten zur Stadtmaut muss man Wien verlassen und sich Untersuchungen europäischer Mautstädte – London, Stockholm, Trondheim, Oslo und Bergen – zuwenden. Hier zeigt sich etwa: Die Akzeptanz der Maßnahme nahm überall stark zu. Laut Umfragen befürworteten sie vor ihrer Einführung nur rund zehn Prozent der Bürger; zwei Jahre später waren es die Hälfte oder mehr. Weiters zeigt sich: Der Grund für die hohe Akzeptanz ist der geringere Autoverkehr. In London ging er um 22 Prozent zurück, in Stockholm um 16.

Diese Zahlen widerlegen – um nach Wien zurückzukehren – das Rathausargument, wonach mit dem Parkpickerl ohnehin eine Art „Standmaut“ eingeführt sei: Zwar ist der Autoverkehr – auch dank Öffi-Ausbau und hoher Ölpreise – rückläufig. Aber die Zahl bewegt sich unterhalb von fünf Prozent; die Parkraumbewirtschaftung hat laut VCÖ nur 1,5 Prozent dazu beigetragen. Die Hälfte der Pendler etwa parkt am kostenlosen Firmenparkplatz. Fazit: Das Pickerl funktioniert höchstens zusätzlich. Andere Mautstädte nutzen es auch – allerdings weniger zur großen Verkehrseindämmung als zur innerstädtischen Feinjustierung.

Insgesamt fußt die Citymaut auf der Theorie, dass Stadtraum zum knappen Gut geworden ist. Daher sollen jene für seine Benützung zahlen, die seinen Großteil in Beschlag nehmen: die Autofahrer.

In Wien jedoch wird mit dem Verweis auf dieses knappe Gut seit Jahren jede große verkehrspolitische Neuerung – vom Prestigeprojekt U-Bahn abgesehen – abgeschmettert. Soll die Ringstraße, einer der prunkvollsten Boulevards Europas, zur Fußgängerzone werden? Undenkbar, dann würde die Zweierlinie im Verkehr ersticken. Oder die Mariahilfer Straße, auf der sich die Einkaufenden auf breiten Gehsteigen drängen? Unvorstellbar, dann würden die Parallelstraßen von Autos überrollt.

Will Wien also radfahrer- und fußgängerfreundlicher werden, braucht es eine Reduktion des Autoverkehrs. Ein großer Schritt dorthin wäre die Citymaut; kleine und langwierige sind die Parkraumbewirtschaftung.

Zwar bestünde – um das Gegenargument des Verkehrsexperten Hermann Knoflacher aufzugreifen – durchaus die Gefahr, dass Kaufkraft an die mautfreie Peripherie, etwa die SCS, abfließt. Aber was hier verlorenginge, ließe sich durch die Attraktivierung des Zentrums abfangen; nun gäbe es ja Platz für Radwege und Schanigärten. Davon abgesehen: Nur acht Prozent der Kunden erreichen etwa die Mariahilfer Straße mit dem Auto.

Das Fazit: Die Citymaut ist prinzipiell zu befürworten. Allein schon deshalb, um nicht jede verkehrspolitische Vision und Diskussion des kommenden Jahrzehnts abzuwürgen. Allerdings muss sie gestaffelt sein. Und sie darf nicht nur das Auge des Taifuns umfassen.

Empfehlung: JA

Joseph Gepp


Weitere Falter-Empfehlungen und Hintergrundinformationen gibts hier


24-Stunden-Bahn am Wochenende:
Ja
Hausbesorger neu: Ja
Ganztagsschule: Ja
Kampfhundeführerschein: Nein

Erschienen im Falter 4/10

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Das Schlachtschiff des analogen Zeitalters

Ein Medium wie für die Ewigkeit: Der ORF-Teletext feiert sein 30-jähriges Bestehen. Wir verneigen uns voll Ehrfurcht

Eloge: Joseph Gepp

Auf der Fernbedienung den Teletext-Knopf zu drücken ist ungefähr so, als würde man ein Lokal betreten, in dem seit Jahrzehnten kein Sessel ausgewechselt wurde und die handgeschriebene Liederliste in der Jukebox immer noch die Schlagercharts des Jahres 1972 zeigt. Und man denkt sich: „Mein Gott, ist das schön.“

Nun feiert der ORF-Teletext, der älteste seiner Art in Kontinentaleuropa, sein 30-jähriges Bestehen. In seiner Geschichte wechselten die Macher, auch wenn der herrlich anachronistische Eindruck aufs Gegenteil schließen lässt, durchaus einige Sessel aus: Die Seiten mehrten sich, wurden polykoloriert; und zum Durchknattern eines kompletten Zyklus von Seite 100 bis Seite 800 braucht das Wunderding nunmehr nur noch 16,5 Sekunden. Wie eine Internetseite in den Neunzigern.

Trotzdem: Er bleibt der alte Teletext. Sein Eindruck ändert sich nicht wesentlich, bei allen Neuerungen. Er ist das unzerstörbare Schlachtschiff des analogen Zeitalters, täglich von einem Drittel der Österreicher konsumiert. Er ist das neben der Kronen Zeitung eindrucksvollste mediale Beispiel für die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“, wie der deutsche Philosoph Ernst Bloch das genannt hätte, koexistierend neben Hochglanzmagazinen und digitalen Fernsehsendern. Er ist das „Internet des kleinen Mannes“, wie die Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sagen. Nur ist der Teletext – im Gegensatz zum Internet – übersichtlich gegliedert, halbstaatlich kontrolliert, ohne Nazis, Pornos und bissige Postings.

In Zeiten der Informationsüberflutung verrichtet er damit einen psycho-hygienisch nicht zu unterschätzenden Dienst: Er kappt alles Unnötige, stutzt das Nötige auf ein – oft unfreiwillig komisches – Mindestmaß zusammen und vermanscht dies alles zu einem wohltuend-unprätentiösen Brei aus Nachrichten, Wetter, Fußball und Fernsehhighlights.

Wobei uns der ORF sogar die Freude macht und die anachronistische Anmutung ins Absurde steigert, indem er den Teletext als Ganzes ins Internet stellt, sogar inklusive Seitensuchfunktion. Auf http://teletext.orf.at findet man so eine Art Unterinternet, eine Insel der Erwartbarkeit inmitten virtueller Anarchie, garantiert jugendfrei.

Aus all diesen Gründen: Alles Gute zum Geburtstag, Teletext! Bleib, wie du bist! Wie wir dich kennen und lieben. Verfall nicht den 1000 Verführungen der Audiovisualität! Für die nächsten 30 Jahre.

Erschienen im Falter 4/10

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Nachgesehen: Leopoldinischer Trakt, die letzte Bastion Kakaniens

Joseph Gepp


Es gibt es noch, das (franzisko-)josephinische Beamtentum, streng, unnahbar, pflichtversessen, zeitlos und weltabgewandt seine staatstragende Arbeit verrichtend. Es trägt rot-weiß-rote Schärpen um seine maßgeschneiderten Hemden und schreitet gemessen durch die Hofburg. Oder auch nicht; das gemeine Fußvolk wird es nie erfahren. Angesichts der aktuellen Debatte über Ministerorden vor dem baldigen Opernball wollte der Falter aus dem Alltag des obersten Ordensverwalters dieser Republik berichten. Nein, hieß es dazu aus dem Leopoldinischen Trakt der Hofburg. Ein Telefonat mit dem Vizeamtsdirektor sei eventuell möglich – ein Foto aus den heiligen Hallen aber: undenkbar. Daraufhin bat der Falter, zumindest Türschild oder Gangflucht fotografieren zu dürfen. Dieses obszöne Ansinnen wurde – nach Bedenkzeit – prompt seiner verdienten Strafe zugeführt: Nun sei auch kein Telefonat mehr möglich, sagte die Sprecherin. Wir wollten es ja auch nicht anders.



schnalle

Weiter als bis hierhin kommt der Pöbel nicht: Unterhalb von
HeiFi und anderen dekadenten Republikanismen regiert in der
guten alten Hofburg immer noch das gute alte Beamtentum


Foto: Heribert Corn

Erschienen im Falter 4/10

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Mittwoch, 20. Januar 2010

Nachgesehen - Erdbebenhilfe Haiti: Trinkwasser für den Prinzenhafen

Hier steht sie in Wien-Liesing, zerlegt, 16 Tonnen Einzelteile auf 70 Paletten in einer großen Lagerhalle. Nach Freigabe des Internationalen Roten Kreuzes, sagt der Logistiker Jürgen Kunert, könne die Trinkwasseraufbereitungsanlage per Charterflugzeug innerhalb von drei Tagen in die zerstörte haitianische Hauptstadt Port-au-Prince gelangen. Vorerst müsse aber „strukturiert, kanalisiert und priorisiert“ werden. Denn Hilfsgüter gelangen momentan en masse nach Haiti, dem ärmsten Staat Lateinamerikas, der vergangene Woche von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde. Nun gelte es v.a., sie zielgerichtet einzusetzen, sagt Rotkreuz-Sprecherin Andrea Winter. Sieben österreichische Helfer samt Material seien schon in Haiti, sechs weitere würden mit der Trinkwasseranlage nachkommen. Österreich gilt im Rotkreuz-Gefüge als Wasserspezialist: Gleichartige Anlagen wurden in Banda Aceh nach dem Tsunami und in China und Pakistan nach den Erdbeben installiert.

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Katastropheneinsatz in Liesing: Rotkreuzsprecherin Andrea
Winter und die Logistiker Jürgen Kunert und Florian Ruppert vor
ihrer Trinkwasseranlage.
Spenden an: Konto-Nr. 2.345.000, PSK
60.000, KW „Erdbeben Haiti“


Foto von Hans Hochstöger


Erschienen im Falter 3/10

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Gelesen: Hinter dem Lagerzaun

Zwei Realitäten sind in Europa entstanden: Die erste – die interne – basiert auf den Werten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die zweite – die externe – wirft im Namen des Schutzes der ersten diese Errungenschaften über Bord. Wie weit diese Entwicklung fortgeschritten ist, zeigt der italienischen L’espresso-Journalist Fabrizio Gatti. Als irakischer Kurde namens Bilal Ibrahim El Habib schleust er sich ins Asyllager von Lampedusa ein, wo er Gewalt und Erniedrigung erlebt. Davor reist Gatti als Wirtschaftsflüchtling quer durch die Sahara; nach der Erstaufnahme arbeitet er als Billiglöhner. Wie Nina Kusturicas Film „Little Alien“ in Österreich, führt Gatti in Italien eindrucksvoll jene zweite europäische Realität vor Augen, die mit der ersten immer weniger kompatibel scheint. Und doch gleichzeitig existiert.


Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa. Kunstmann, 512 S., € 24,90

Erschienen im Falter 3/10

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STADTRAND – „Umsteigen“: Wo in Meidling Lücken klaffen

Glücklich sollten wir uns schätzen, weil sich ein flächendeckendes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln über unsere Stadt spannt. Denn wo wir auch sind, die nächste U- oder zumindest Straßenbahn ist nie weit. Sogar am äußeren Ostgürtel. Dort finden wir, ortsunkundig, flugs eine Bimlinie, und nach nur drei Stationen sagt die Stimme: „Umsteigen zur Längenfeldgasse. U-Bahn.“ Oh praktische Wienerstadt, wo der Weg zurück in bekannte Gefilde stets so kurz ist. Nach dem Ausstieg zeigt sich aber: Da ist gar keine U-Bahn. Stattdessen Schneegatsch, grauer Himmel, Meidlinger Vorstadthäuser in strengem Raster. Ein Jugendlicher lacht mitfühlend, als er die Frage nach der U-Bahn hört, und sagt: „Die Straße runter ist sie. Ziemlich weit weg.“ Wir spazieren also die Straße runter und denken über die Bedeutung des Wortes „umsteigen“ nach. Eins, zwei, drei, vier Quergassen. Ein Gemeindebau. Eine Trafik. Ein Supermarkt. Eine U-Bahn-Station schließlich, wie eine Fata Morgana aus dem grauen Gatsch. Zurück in bekannten Gefilden. Umsteigen erfolgreich.

Erschienen im Falter 3/10

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Freitag, 15. Januar 2010

Das (tragische) Ikea-Dramolett

Sie wollen beim Möbelmarkt Ikea einen großen Tisch kaufen. Sie sind Städter, wohnhaft in Zentrumsnähe, ohne Auto. Was tun Sie? Richtig: Sie gehen online und fragen einfach Anna!

Kunde: „Guten Tag.“
Anna: „Vielen Dank für die netten Worte!“
Kunde: „Ich habe eine Frage.“
Anna: „Super! Na dann mal los!“
Kunde: „Ich wohne im Stadtzentrum, ohne Auto. Kann ich einen gekauften Tisch nachhause liefern lassen?“
Anna: „Ikea bietet dir unterschiedliche Möglichkeiten, deine Ware liefern zu lassen. Informationen findest du auf der Seite nebenan.“
Kunde: „Das habe ich schon bemerkt. Aber ich will wissen, ob für die angegebenen 89 Euro der Tisch auch in den dritten Stock hinaufgetragen wird? Oder wird er nur vor die Tür gestellt?“
Anna: „Hoppla! Als interaktive Assistentin kann ich jeweils nur einen Satz beantworten.“
Kunde: „Erfolgt die Lieferung bis in die Wohnung und nur bis vor die Tür?“

anna
Brave New World: Das ist Anna, 29 Jahre alt, aus Schweden
Quelle: Ikea


Anna: „Ikea bietet dir unterschiedliche Möglichkeiten, deine Ware liefern zu lassen. Informationen findest du auf der Seite nebenan.“
Kunde: „Da habe ich ja schon nachgesehen!“
Anna: „Es freut mich, dass wir einer Meinung sind!“
Kunde: „Nein. Ich meine, dass auf der von Ihnen angegebenen Seite nichts darüber steht!“
Anna: „Macht nichts, es wäre ja langweilig, wenn wir immer alle der gleichen Meinung wären.“
Kunde: „Nochmal: Erfolgt der Heimtransport in die Wohnung oder nur bis vor die Tür?“
Anna: „Wir verpacken unsere Möbel in flache Pakete, damit du sie möglichst einfach transportieren kannst. Aber falls der Kofferraum deines PKWs nicht ausreicht oder du ganz einfach keine Lust hast, liefern wir dir - als bequemste Variante - deine neuen Ikea Möbel nach Hause.“
Kunde: „Das habe ich schon verstanden.“
Anna: „Gut dass wir in dieser Hinsicht übereinstimmen.“
Kunde: „Aber geht diese Lieferung bis in die Wohnung oder nur die Haustür?“
Anna: „Ich habe deine Frage leider nicht richtig verstanden. Vielleicht kannst du sie etwas anders formulieren?“
Kunde: „Heimtransport. Lieferung. Haustür oder Wohnung?“
Anna: „Wir verpacken unsere Möbel in flache Pakete, damit du sie möglichst einfach transportieren kannst. Aber falls der Kofferraum deines PKWs nicht ausreicht oder du ganz einfach keine Lust hast, liefern wir dir - als bequemste Variante - deine neuen Ikea Möbel nach Hause.“
Kunde: „Das hat doch überhaupt keinen Sinn. Warum machen sie so ein Service, wenn sie dann keine Fragen beantworten?“
Anna: „Hier findest du eine Übersicht über unser Porzellan.“
Kunde: „NICHT PORZELLAN. Ich meine, dass dieser Chat nicht funktioniert!“
Anna: „Ich würde dich mit deiner Anfrage gerne an meine KollegInnen vom Contact Center weiterleiten. Im Moment ist dort im Chat niemand zu erreichen, entweder weil wir uns außerhalb der Chat-Zeiten befinden, oder weil alle Agenten im Gespräch sind.“
Kunde: „Ich habe versucht, bei Ikea mit jemandem zu telefonieren. Aber es waren immer nur elektronische Stimmen dran.“
Anna: „Da hast du aber gut aufgepasst! Welche andere Frage zu Ikea kann ich dir sonst noch beantworten?“
Kunde: „Anna ...“
Anna: „Ich bin ganz Ohr.“
Kunde: „Fällt Ihnen eigentlich auf, dass Sie mich duzen, obwohl ich Sie sieze?“
Anna: „Für mich ist es ganz normal, wenn wir uns duzen. Ich komme aus Schweden und dort kennt man nur das 'Du'.“
Kunde: „Und redet man in Schweden auch mal mit Menschen oder nur mit interaktiven Assistentinnen?“
Anna: „Ich merke, dass du nicht ganz mit mir übereinstimmst, aber ich kann deine Frage nicht genau verstehen. Bitte versuche, sie anders zu formulieren.“
Kunde: „Okay. EIN COMPUTERPROGRAMM KANN MIR MEINE FRAGEN NICHT BEANTWORTEN.“
Anna: „Das kommt dir vielleicht etwas widersprüchlich vor, aber ich kenne mich mit Computern überhaupt nicht aus. Meine Wartung übernehmen glücklicherweise meine Kollegen!“
Kunde: „DANN RICHTEN SIE IHNEN AUS, SIE SOLLEN BESSER WARTEN“
Anna: „Du möchtest, dass ich mich wiederhole? Na gut, hier kommt meine letzte Antwort noch einmal: 'Das kommt dir vielleicht etwas widersprüchlich vor, aber ich kenne mich mit Computern überhaupt nicht aus. Meine Wartung übernehmen glücklicherweise meine Kollegen!'“
Kunde: „Anna...“
Anna: „Ich bin ganz Ohr.“
Kunde: „Sie sind eine elektronische Dumpfbacke.“
Anna: „Ich befürchte, dass Fluchwörter und Beleidigungen uns nicht weiterbringen. Wie kann ich dir zum Thema Ikea behilfllich sein?“
Kunde: „Okay. Nochmals. Ganz langsam ...“
Anna: „Was genau meinst du mit deiner Frage?“
Kunde: „Ikea. Tisch. Heimtransport. Haustür? Wohnungstür?“
Anna: „Wir verpacken unsere Möbel in flache Pakete, damit du sie möglichst einfach transportieren kannst. Aber falls der Kofferraum deines PKWs nicht ausreicht oder du ganz einfach keine Lust hast, liefern wir dir - als bequemste Variante - deine neuen Ikea Möbel nach Hause.“
Kunde: „Oh mein Gott!“
Anna: „Religion ist ein sehr persönliches Thema. Ich persönlich finde schöne Dinge in vielen verschiedenen Religionen, aber ich würde es vorziehen, wenn wir wieder über Ikea sprechen könnten. Wie kann ich dir behilflich sein.“
Kunde: „Ich gebe es auf.“
Anna: „Von welchem Ikea Einrichtungshaus möchtest du die Öffnungszeiten erfahren?“
Kunde: „Nein, ich meine: Ich kapituliere.“
Anna: „Wir müssen ja nicht die gleiche Meinung haben.“
Kunde: „Da haben Sie wohl Recht.“
Anna: „Vielen Dank! Ich irre mich selten, aber natürlich habe auch ich die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen! Wie kann ich dir sonst noch behilflich sein?“
Kunde: „Gar nicht. Überhaupt nicht.“
Anna: „Ich habe nichts dagegen, wenn wir einmal verschiedene Standpunkte zu einem Thema haben.“
Kunde: „Das haben Sie mir schon gesagt ...“
Anna: „Da hast du aber gut aufgepasst! Welche andere Frage zu Ikea kann ich dir sonst noch beantworten?“

Aus dem Off:Du willst auch ein Dramolett generieren? Prima. Wir in Schweden machen das ständig. Geh' einfach auf die Ikea-Homepage und klick auf 'Frag einfach Anna'."

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Mittwoch, 13. Januar 2010

Auf Randale folgt ein Riesenprozess gegen Hooligans: ein Exempel?

Wilde Szenen spielten sich am Abend des 21. Mai 2009 in Mariahilf ab: Etwa 200 Rapid-Hooligans erwarteten am Westbahnhof Austria-Anhänger, die waggonweise von einem Lask-Match kamen. Es folgten Schlägerein. Fenster barsten, Polizei und Fans lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel (siehe Falter 22/09: Wie Gewalt entsteht).

Nun folgt ein ungewöhnliches Nachspiel. 93 Rapid-Fans – eine überraschend hohe Zahl – wurden wegen Landfriedensbruch (mit bis zu zwei Jahren Haft) angeklagt. Ein unverhältnismäßiges „Exempel an erlebnisorientierten Fußballfans“ nennt das der Anwalt und bekennende Rapidler Werner Tomanek. Augenzeugen vom Mai berichten jedoch auch über Nazi-Tätowierungen und rechtsradikales Geschrei à la „Rennt, ihr Juden!“

Erschienen im Falter 2/09

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47,40 Euro

So viel verdient, wer im Auftrag der Gemeinde Wien neun Stunden lang als „Taglöhner“ Schnee schaufelt. Ein nächtlicher Selbstversuch

Reportage: Joseph Gepp


Taglöhner. Dieser Begriff klingt antiquiert, wie aus längst vergangener Zeit. Wer ihn hört, denkt wohl an Arbeiterelend. An vagabundierende Erntehelfer, Ziegelböhm, Zinshausbetten, doppelt und dreifach belegt. An den sozialdemokratischen Traum von der gerechten Gesellschaft, in der kein Mensch mehr Taglöhner sein muss.

„Anmeldung Taglöhner“ steht auf dem A4-Zettel an einer städtischen Amtsstubentür in Margareten, Einsiedlergasse 2. Es sind die Wasch-, Kehr- und Räumdienste der Magistratsabteilung 48, vergangener Freitag, früher Morgen. Es schneit. Eine junge Sekretärin nimmt den Personalausweis entgegen, die Sozialversicherungskarte, tippt einige Angaben in ihren Computer. Das Prozedere dauert nicht länger als fünf Minuten. „So“, sagt sie dann, „das war’s auch schon. Sie bekommen 1,40 Euro Nachtzuschlag, also insgesamt 6,60 Euro pro Stunde. Dienstbeginn ist um 20 Uhr, es geht bis fünf Uhr in der Früh. Kommen Sie bitte pünktlich zur Rathausstraße 2.“

Meteorologen prognostizieren in diesen Tagen 40 Zentimeter Neuschnee für das Wochenende. Medien schreiben vom größten angekündigten Schneechaos seit soundso vielen Jahren, wobei die exakte Zahl von Zeitung zu Zeitung variiert. Im ORF-2-Nachmittagsprogramm grinsen Moderatoren in Kameras, während sie ihren vorstädtischen Interviewpartnern beim Schaufeln von Einfahrten helfen. Und sich im Stundentakt von Schneepflugfahrern erklären lassen, wie jene unter Aufbietung all ihrer Kräfte die Stadt vor dem Zusammenbruch bewahren.

Im Kleiderschrank hängt eine alte Winterjacke, um die es nicht schade ist. Dazu eine Haube, die ganz die Ohren bedeckt. In der Küche liegen Plastiksackerl aus dem Supermarkt, die zwischen Socken und Schuhe gesteckt werden. Denn um drei Uhr morgens ohne Aussicht auf baldige Besserung knöcheltief im Eiswasser zu waten, auf diese Erfahrung verzichtet man gerne.

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Anmeldung, Einteilung im "Depot", Arbeit
– eine Nacht als Schneeräum-Taglöhner

Fotos von Heribert Corn

Die MA-48-Mitarbeiter nennen ihr Basislager nahe dem Rathaus „Depot“. Es sind einige Räume hinter einer Gründerzeitfassade, die wie der Umkleidebereich eines Eislaufplatzes aussehen. Spinde, Holzpritschen, Gatschschlieren auf dem Steinboden, weil sich das angekündigte Jahrhundertgestöber nun doch eher in Eisregen verwandelt. Von hier aus planen die „Orangenen“, wie sie sich nennen, ihre Touren. Hier wird ihnen jeweils eine Handvoll Taglöhner zugeteilt, die bei der Arbeit helfen.

Es sind ausschließlich Männer, die Stimmung ist derb. Die 48er üben sich vor Schichtbeginn im lauten Rülpsen und bedrohen einander scherzhaft mit Küchenmessern. Die Taglöhner sitzen schweigend da. Neonwarnwesten und Schaufeln werden an sie verteilt. „Gebts uns des jo zruck“, sagt ein „Orangener“, „sunst gibt’s nämlich aa ka Göd.“

„Kärntner Straße“, weist der Vorarbeiter einen seiner Untergebenen an, „nimm dir dafür vier Taglöhner.“ Kurz darauf beginnt das Grüppchen den halben Kilometer Fußweg zur Oper, vier „Orangene“, ebenso viele Helfer. Es sind ein Türkischstämmiger, der seit 22 Jahren in Österreich lebt; ein Osteuropäer, der die ganze Nacht kein Wort sprechen und mit gesenktem Kopf seine Arbeit machen wird; ein 19-jähriger einheimischer Österreicher, der sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelt.

„Du passt ma auf d’Leit auf“, fordert ein MA-48-Arbeiter einen zweiten auf und deutet mit dem Kopf zu den Taglöhnern. Der Türkischstämmige, ein kleiner Mann mit graumeliertem Schnauzbart, beginnt sich leise aufzuregen: „Auf uns aufpassen wollen sie. Immer auf uns aufpassen. Wie eine Kuh behandeln die uns.“ Und dann lächelt er und fragt, ob man denn zum ersten Mal hier arbeite.

Sein Name ist Erdem*), stellt er sich vor. Er sei 47, „bin schon ein alter Trottel“. Im Sommer arbeite er am Bau, im Winter gehe er stempeln und mache Jobs wie diesen hier. Er stammt aus der westanatolischen Stadt Bursa, wo seine Familie lebt und er jedes Jahr ein paar Monate verbringt. Als das Grüppchen die Hofburg passiert, hebt Erdem freudig die Arme – „meine Burg!“ – und erzählt, dass er im Sommer hier Kamine renoviert habe. Ganze 120 Stück. Und jeden Tag sei der freundliche Herr Fischer unter ihm vorbeigelaufen und habe nach oben gegrüßt. Das sei besser gewesen als Schneeschaufeln, sagt er und will nachher wissen, woher man selbst komme. Als Erdem die Antwort hört, prustet er los: „Ein Österreicher!? Und du machst das hier? Diese Nachtarbeit?“ Er zeigt auf die Schülerpaare, die in diesem Moment die Tanzschule Elmayer verlassen. „Junge Leute gehen Disco. Und du putzt Schnee. Katastrophe.“

Bis fünf Uhr morgens soll die Kärntner Straße schneefrei sein, und vorerst, hinter der Oper, geht die Arbeit noch locker von der Hand. Die Taglöhner verwenden sogenannte Scherer, die wie mannshohe Eiskratzer für Autoscheiben aussehen. Man löst damit nasse Eisschichten vom Boden, damit sie später von MA-48-Arbeitern in kleine Bagger angehoben und weggeführt werden können. Die Taglöhner kratzen und schichten, und nach 45 Minuten mäandert ein Wurm aus konzentriertem Schneegatsch über die ersten 100 Meter der Fußgängerzone.

So geht es Stunden, es wird zehn, halb elf, elf, die Temperatur steigt über null, und damit steigt auch das Gewicht des Schnees. Im Lauf der Nacht wird die Stadt nicht weißer, sondern grauer. Überall tropft und rinnt nun Wasser, zweimal zerstört eine Dachlawine die kleinräumige Ordnung, die man gerade geschaffen hat. Fixarbeiter wie Taglöhner sind sich bald einig, dass die Arbeit wegen der Nässe selten so anstrengend gewesen sei wie heute. Auf dem Kopf verrutscht immerzu die Haube; man wünscht, man hätte eine fester sitzende gewählt, möge sie halt nicht die Ohren bedecken. In den Schuhen verrutschen immerzu die Plastiksäcke; die Idee scheint doch nicht so klug zu sein wie gedacht. Nun watet man knöcheltief im Eiswasser, ohne Aussicht auf baldige Besserung.

Hin und wieder läuft die Arbeit auch besser, wenn durch das kollektive und gleichmäßige Schleifgeräusch über Asphalt und Rollsplitt ein Rhythmus entsteht, der die monotone Anstrengung lockerer und angenehmer erscheinen lässt. Andere Male beginnen dafür Rücken und kalte Füße zu schmerzen, und man sieht sich kaum noch in der Lage, die jeweils nächste Ladung Eis hochzuhieven. Warum, beginnt man sich dann zu fragen, hat man sich Derartiges nur angetan? Das ist ein Job für jene, denen sonst keine Wahl bleibt. Das ist eine Gesellschaft, deren ärmste Schlucker zumindest im warmen Callcenter sitzen, sofern sie der deutschen Sprache mächtig genug sind, um Telefongespräche zu führen. Dieser Gesellschaft gilt körperliche Arbeit als das Allerletzte, auch wenn das niemand so sagen würde. Im Depot beispielsweise hatte sich am Beginn des Abends kein einziger Schüler oder Student eingefunden, obwohl sie sonst kaum eine Gelegenheit zum schnellen Nebenerwerb auslassen. Stattdessen waren ausschließlich einige schwarze Asylwerber, Migranten aus Osteuropa und eine Handvoll einheimischer Österreicher ohne Ausbildung gekommen. Sie scheinen die Einzigen zu sein, die es in Kauf nehmen, für 6,60 Euro die Stunde in nasskaltem Umfeld zwischen acht Uhr abends und fünf Uhr morgens zu schuften.

„Heast!“, ruft der Vorarbeiter später aus seinem Baggerfenster, nachdem sich die Taglöhnerschaft kollektiv zu einer Zigarettenpause entschlossen hat. „Es sads zum Oabeiten do und ned zum Rauchen. Mochts weida!“ Kurz danach wird es Mitternacht; die offizielle, einstündige, unbezahlte Pause beginnt.

Die Gruppe schlurft schweigend zum Depot zurück. Die geräumten und gestreuten Gehsteige, auf denen sie sich bewegt, scheinen jetzt nicht mehr wie eine Selbstverständlichkeit städtischen Lebens, sondern als das Resultat harter Arbeit, die nur zum kleinen Teil von Baggern und Lastwagen erledigt werden kann.

Einige MA-48-Männer versuchen lachend einen Süßigkeitenautomaten mit Spiralhalterungen zu manipulieren, sodass statt einem zwei Schokoriegel in den Schlitz fallen. Später, zurück im Depot, spielen sie Bauernschnapsen und Würfelpoker, Münzen klimpern auf den Tischen. Ein schwarzer Taglöhner aus einer anderen Gruppe ist auf einer Bank eingeschlafen. Die Helfer von der Kärntner Straße winden derweil ihre nassen Socken aus, rauchen, trinken Automatenkaffee. Schorsch, ein Fixarbeiter, der freundlicher und wohlmeinender wirkt als manch anderer hier, wirft einen Kennerblick auf die triefend nassen Schuhe. „Das ist ja Rauleder“, sagt er. „Das zieht das Wasser an wie ein Schwamm. Na ja. Nächstes Mal weißt du’s.“

Als die Pause zu Ende geht, scheint die Aussicht auf das baldige Schichtende die Stimmung verbessert zu haben, obwohl es erst ein Uhr morgens ist. Die Kärntner Straße ist zur Hälfte geräumt, und immer weiter arbeiten sich die acht Menschen Richtung Stephansplatz vor. Betrunkene Passanten bewerfen einander mit Schneebällen. Manche schauen den Räumern neugierig und fast verstohlen bei der Arbeit zu. „Oaschhackn“, murmelt Schorsch immer wieder, im Rhythmus seiner unters Eis fahrenden Schaufel. „Um fünf bin ich weg. Dann können sie mich alle gernhaben.“

Später beginnt Sascha, der 19-jährige Österreicher, zu erzählen. Er ist ein großer schlaksiger Junge aus Rudolfsheim-Fünfhaus, mit Kopfhörern, die aus dem Jackenkragen baumeln, und Skaterschuhen, die für Schneearbeit kaum geeignet sind. Seit drei Jahren arbeite er fallweise bei der MA 48, im Sommer als Straßenkehrer, im Winter als Schneeräumer. Warum? „Hab nix gelernt“, sagt Sascha, „null, nada, ništa.“ Die Hauptschule schaffte er noch, den anschließenden polytechnischen Lehrgang nicht mehr. Jetzt jobbe er mal da und mal dort, je nachdem, wo sich gerade etwas anbiete. „Aber Schneeräumen ist echt nicht mein Ding“, sagt er, „vor allem jetzt, wo es so nass ist. Trotzdem werd ich am Sonntag wiederkommen. Ich brauch das Geld.“

Es wird noch zwei Stunden dauern, bis die Kärntner Straße vollkommen schneefrei ist. Das Grüppchen wird dann einen Augenblick lang am Stephansplatz innehalten, über das geräumte Pflaster in Richtung Oper blicken und zur Feier des Arbeitsendes Zigaretten rauchen, was ausnahmsweise nicht beanstandet wird.

Dann wird es sich dem Graben nebenan zuwenden, der um diese Zeit fast menschenleer ist. Die Bagger haben ihn weitgehend geräumt, aber die Bereiche um Laternen, Mistkübel und die Pestsäule erreichen die mechanischen Schaufeln nicht, sodass das Eis manuell entfernt werden muss.

Am Ende der Schicht, um halb fünf Uhr morgens, steht die Auszahlung an. Die Taglöhner haben sich wieder im Depot eingefunden, sie versammeln sich vor einer schmalen Durchreiche, hinter der ein Mitarbeiter je 47,40 Euro vorbereitet hat. „Ned anstellen“, befiehlt jener Vorarbeiter, der schon vorher die Zigarettenpause unterbunden hat. „Wir rufen euch schon noch auf!“ Sein Blick sagt: Nicht so gierig, Herrschaften, ihr kriegt euer Geld schon noch. Die Helfer gehen schweigend zu den Pritschen und warten, bis ihre Namen aufgerufen werden. „Und es wissts eh“, betont der Chef nochmals, „die Schutzwestn gebts uns zruck. Ka Schutzwestn, ka Göd.“

Zwei Stunden davor kratzen die Taglöhner gerade letzte Eisbrocken vom Stock-im-Eisen-Platz, als ein jugendlicher Passant samt Freundin um die Ecke biegt. Er blickt auf die Schneeräumer, lacht dann laut und höhnt: „Schauts euch an! Schauts euch nur an! Ihr seids so arm!“ Die Räumer setzen ihre Schaufeln ab und schauen dem Spötter nach, ohne zu reagieren. Nur Erdem, der türkische Taglöhner, beginnt sich aufzuregen. „Komm her“, schreit er dem Jungen nach. „Komm her! Nimm eine Schaufel. Du Wichser. Nimm eine Schaufel!“

Aber der Passant ist schon um die Ecke verschwunden.



Laut MA 48 waren am Wochenende rund 1400 städtische Schneeräumer auf Wiens Straßen, darunter rund 250 Taglöhner. Bei der Einstellung Letzterer würden sich derzeit Arbeitskräfteangebot und -nachfrage ungefähr die Waage halten, sagt der Magistratssprecher. Wobei es in den vergangenen 15 Jahren immer wieder Phasen gegeben habe, in denen eindeutig zu wenige oder zu viele Taglöhner zur Verfügung standen

Laut Caritas entspricht die Taglöhnerschaft im weitesten Sinn einem Werkvertrag. Es gibt weder eine Versicherung noch Pensionsansprüche. Es handelt sich dabei um das einzige Arbeitsverhältnis, das auch Asylwerber eingehen dürfen

*) Die Namen der Arbeiter wurden von der Redaktion geändert



Erschienen im Falter 2/2010

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Wahnsinn Klimawandel: Hundstage auch im Winter!

Jeden ersten Donnerstag im Monat ist „Doggy Day“ im Admiral, und der vierbeinige Freund darf mit in den Kinosaal

Reportage: Joseph Gepp

"Inglorious Basterds" ist wohl nichts für nichtmenschliche Lebewesen – zu schnell, zu trashig, zu postmodern. Dann eher die Frühvorstellung, „Edge of Love“, ein britisches Melodram um den Dichter Dylan Thomas und seine Frauen. Das wiegt garantiert den härtesten Pitbull in den Schlaf.

Im Foyer sind sie schon angetanzt, ein knappes Dutzend: groß und klein, haarig und fast nackt, schwanzwedelnd oder apathisch. Der „Doggy Day“, stellt man später im Kinosaal fest, basiert auf einer Art Stillhalteabkommen zwischen Hund und Halter: Letzterer will ungestörten Filmgenuss. Ersterer erkennt schnell, dass sich ruhiges Verhalten in dieser Situation besonders bezahlt macht. Und lässt sich in systematischen Zehnminutentakten mit jenen Leckerlis anfüttern, die wohlweislich draußen an der Theke verkauft werden.

Das Admiral ist eines jener sympathischen Kleinkinos, wie sie in Wien seit ungefähr zwei Jahrzehnten reihenweise zugrunde gehen. „Wir wollten unser Kino bekannter machen“, erzählt die Betreiberin Michaela Englert. „Und Kinder und Hunde funktionieren nun mal für diesen Zweck. Da es im Votivkino allerdings schon einen Babytag gibt, nahmen wir uns vor zwei Jahren die Hunde vor.“

Nun steht also eine große blaue Wasserschüssel im Foyer. Im Saalinneren liegen Decken bereit, damit es sich die Tiere am Boden zu Füßen ihrer Besitzer gemütlich machen können. Ärger zwischen Hunden gebe es praktisch nie, erklärt Englert – die zweibeinigen Kinobesucher wüssten schon, dass sich der Doggy Day eher für den gesetzten Charakter als für den Jungen Wilden eigne.

Während des Films ist es dann tatsächlich ziemlich still. Einmal raschelt es kurz lauter als gewöhnlich; vielleicht hat sich da jemand am Popcorn vergriffen. Als Dylan Thomas seiner Geliebten erklärt: „Jeder meiner Blicke und Atemzüge gilt nur dir“, tönt aus der fünften Reihe ein leises Jaulen eindeutig nichtmenschlicher Provenienz.

Von Beginn an habe sie keinen einzigen Doggy Day versäumt, erzählt nach dem Film die Pensionistin Brigitte Bregenzer, Besitzerin eines chinesischen Schopfhundes, der circa die Größe zweier Meerschweinchen erreicht. Ihre „Mini“ wiege ja nur dreieinhalb Kilo und sei daher fraglos kinotauglich.


Admiralkino, 7., Burgg. 119., Tel. 523 37 59, Der nächste „Doggy Day“ ist am 7.1. Programm: www.admiralkino.at


Erschienen im Falter 52/09

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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Stalins Perle

Von Häftlingen errichtet und Privilegien erhalten, erzählt die russische Stadt Workuta wie keine zweite die Geschichte des Sowjetkommunismus. Von maßloser Unfreiheit und ihrem Scheitern

Reportage: Joseph Gepp/Workuta

„Jene, die sich an den heutigen Schwierigkeiten der Sowjetunion erfreuen und die dem Zusammenbruch des Reiches erwartungsvoll entgegensehen, sollten sich daran erinnern, dass solche Veränderungen normalerweise einen sehr hohen Preis haben und nicht immer in vorhersehbarer Weise vonstatten gehen“
US-Historiker Paul Kennedy, 1987, „Aufstieg und Fall der großen Mächte“

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Workuta in den Siebzigerjahren (Foto: Georgi Mamulaschwili)

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Dieselbe Straße, heute (Foto: Joseph Gepp)


Wenn du durch die Stadt gehst, sagt Alexander Kalmykow, achte auf die kleinen Holzpflöcke im Boden, du findest sie hier überall.

Sie sind tatsächlich überall, aber nur, wenn man es weiß. Sie lugen aus den Lacken der Hinterhöfe, aus den Rissen in den Gehsteigen, aus den Büschen vor den kommunistischen Denkmälern. Sie sehen aus wie kleine Baumstümpfe. Schmal, meist schlammverschmiert, ragen sie kaum sichtbar aus der Erde.

Die Pflöcke sind die letzten Überreste des Archipels Gulag, sagt Kalmykow, 60, von der Organisation Memorial, die sich der Historie russischer Straflager widmet. Die Stadt Workuta sei der wichtigste Stützpunkt des Archipels im europäischen Russland gewesen. Jetzt heben sich die Pflöcke jedes Jahr etwas mehr über die Erdoberfläche. Der Permafrost treibe sie heraus, erklärt Kalmykow. Wo einer von ihnen auftaucht, sind auch andere nicht weit. Gemeinsam ergeben ihre Anordnungen Grundrisse: Linien, Palisadenzäune. Quadrate, Wachtürme. Rechtecke, Holzbaracken. Jahr für Jahr steigt, einige Zentimeter weiter, das alte Workuta aus dem neuen.

Die Geschichte der nordrussischen Stadt Workuta, 80.000 Einwohner, am polaren Ostende von Europa gelegen, kann man als großes Experiment betrachten. Als Versuch eines totalitären Staates, ein Projekt zu verwirklichen, ohne im Geringsten auf menschliche Ressourcen und natürliche Voraussetzungen zu achten. Es ist ein Experiment, das – im umfassenderen Sinn – bis vor die Tore Wiens reichte, bis Budapest und Bratislava. In diesem Jahr feierte man pompös sein Scheitern vor 20 Jahren, mit Ansprachen, Feuerwerken und dem zweiten Fall der Berliner Mauer.

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Einer von Alexander Kalmykows Holzpflöcken (Gepp)

Aber in Budapest, Bratislava, Ostberlin ist das Experiment unscharf. Von Vorgeschichten verwaschen. Von Widerständen, Nationalismen, Religiositäten zersetzt.

In Workuta hingegen hat der Kommunismus in Reinform stattgefunden. Vor ihm war leere Fläche, nach seinem endgültigen Scheitern wird leere Fläche sein. Denn die arktische Stadt liegt weitab vom Rest der Welt: Von den nördlichsten bewohnten Landstrichen in südlicher Richtung trennt sie hunderte Kilometer Birkenwald. Und im Norden ist nur noch Eiswüste.

Vielleicht lässt sich daher in keinem zweiten Ort der Welt der Verlauf des Experiments so aufschlussreich betrachten wie hier. Vielleicht zeigen sich die Folgen der völligen Missachtung menschlicher Ressourcen und natürlicher Voraussetzungen nirgends so wie in diesem Geschöpf des Totalitarismus, der Stadt am Ende der Welt.

Sie liegt 70 Zugstunden von Wien entfernt, Schlafwagen, nur einmal umsteigen, in Moskau. Ihre Geschichte beginnt 1928, als Sowjetforscher in der Region Kohlevorkommen entdeckten. Für ihre Ausbeutung, lautet die Vorgabe aus dem Kreml, müsse in kurzer Zeit eine Großstadt samt Industrieanlagen entstehen. Das scheint völlig irreal. Woher sollen die Menschen für die Stadt kommen? Was sollen sie essen, womit Häuser bauen? Hier, mitten in der Tundra, auf zehntausenden Quadratkilometern Leere in jede Richtung. Wo nur braune Büsche und Flechten im immerkalten Wind wogen. Wo keine Bäume wachsen und nichts Genießbares gedeiht. Wo die Natur keine sesshafte Besiedlung vorgesehen zu haben scheint.

Der damalige sowjetische Diktator Josef Stalin entkräftet die Einwände mit schlichten Argumenten: Den Arbeitskräftemangel sollen Häftlinge ausgleichen. Und um dem natürlichen Mangel an Lebensmitteln und Baumaterial beizukommen, müsse man die geplante Stadt eben ans Bahnnetz anschließen. So könnten Holz und Nahrung aus dem fruchtbareren Süden nach Workuta gebracht werden.

Der Zug existiert bis heute, er fährt 40 Stunden von Moskau. Es gebe ein Sprichwort über diese Strecke, sagt Alexander Kalmykow: „Unter jeder Schwelle ein Toter.“ Die Schienen waren 1936, acht Jahre nach dem Kohlefund, fertig. Mit vielen toten Zwangsarbeitern hat Stalin sein erstes Ziel, den Bahnanschluss, rasch erreicht.

Die Bewältigung des zweiten, des Baus einer tatsächlichen Stadt, sollte aber dauern. Workuta war ein Dorf, mehr schien bei allem Einsatz so weit im Norden nicht möglich. In den 30er-Jahren bestand es aus einigen Baracken, Kohlegruben hinter Holzverschalungen, einem hölzernen Klubhaus für Wachmannschaften. Diese ersten Gebäude lagen gegenüber der heutigen Stadt, am anderen Ufer eines Flusses. Der Stadtteil heißt heute Rodnik, „Ursprung“. Wie bei den kleinen Holzpflöcken des Alexander Kalmykow muss man auch in Rodnik zweimal hinsehen, um die Geschichte des Ortes gegenwärtig zu finden: In einen Hang hat man balkenverstärkte Stollen getrieben. Sie liegen heute eingebrochen an einer Uferböschung, die Balken sind von der Nässe biegsam und fasrig geworden.

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Rodnik, Stalins Pompeji (Gepp)

In diesen Stollen lebten die ersten Zwangsarbeiter von Workuta. Später errichteten sie hölzerne Baracken als Behausungen. Laut der Organisation Memorial begann auf diese Art die Verschleppung von insgesamt einer Million Menschen in rund 15 Jahren. Rund ein Viertel von ihnen starb an Unterernährung und Kälte bis zu minus 50 Grad. Die Häftlinge waren Polen, Balten, Ukrainer, Ostdeutsche. Es waren aus dem Weltkrieg zurückgekehrte Rotarmisten, die aus dem Westen verwerfliche Ideen mitgebracht hätten haben können. Es waren, zum geringeren Teil, nazideutsche Kriegsgefangene. Es waren Osteuropäer, denen man Kollaboration mit den nationalsozialistischen Besatzern zur Last gelegt hatte.

Es war zum Beispiel Frau Galina Dall, 87 Jahre alt. Bis heute lebt sie in Workuta, in einem baufälligen Holzhaus aus den 50er-Jahren, das man später notdürftig mit Ziegeln ummantelt hat. Galina Dall ist Russlanddeutsche aus der Wolga-Region und wuchs in Kiew, der ukrainischen Hauptstadt, auf.

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Galina Dall (Gepp)

„Eines Tages im Jahr 1944“, erzählt sie über ihren Haftgrund, „riss mein Stiefel. Ich sagte verärgert zu meiner Freundin: ‚Was soll ich jetzt tun? Etwas essen oder den Stiefel richten lassen? Mein Gott, ist das ein gottverfluchtes Land!‘“ Die Freundin zeigte sie an. Dall wurde 1944 wegen Landesverrats zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Sie kam im Viehwaggon nach Workuta und lebte in einem der Stollen.

„Wir waren sechs Frauen in der Brigade. Unser Stollen hatte drei kleine Bettnischen an jeder Seite. Er sah aus wie ein Schweinestall.“ Die Sechserbrigade bestand neben Dall aus einer Estin, einer Litauerin, zwei Wienerinnen, einer russischen Jüdin. Die Frauen mussten Gleise verlegen. Nach Ende ihrer Haftzeit heiratete Dall einen inzwischen verstorbenen Mithäftling, einen Weißrusslanddeutschen. Heute sei ein trauriger Tag, sagt sie unerwartet. Warum? „Heute vor 91 Jahren sind unser geliebter Zar Nikolai II. und seine Familie von den Bolschewiken ermordet worden.“

Als man Galina Dall nach zehn Jahren Haft entließ, im Jahr 1955, war aus Workuta eine Stadt geworden. Stalin, 1953 gestorben, hatte posthum auch sein zweites Ziel erreicht. 27 Jahre hatte es gedauert, dann schien das Projekt zum Bau einer arktischen Großstadt, bei aller ihm innewohnenden Grausamkeit, vollendet.

Kohlenzüge aus Workuta versorgten Leningrad, heute Sankt Petersburg. Die Zwangsarbeiter bauten zum Amüsement der Wachmannschaften ein Stadion mit schönem Portal, einen Kulturpalast, ein Theater. Die monolithische Form der Gebäude, ihre Balustraden und Torbögen entsprachen dem Geschmack des toten Stalin. Im Theater traten inhaftierte Ensemblemitglieder des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters vor ihren Wachen auf, nachdem die Schauspieler das Haus vorher selbst errichten hatten müssen.

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Stalinistischer Prunk. Vor dem Kulturpalast der Bergarbeiter (Gepp)

Die Stadt expandierte. Bald zog man eine 60 Kilometer lange Ringstraße um Workuta, um Platz zu schaffen für mehr Kohlegruben, mehr Gulag-Lager, mehr Wohnraum für Zuzügler, unter denen nun immer mehr freie Bergbauexperten waren. Die neuen Kleinstädte trugen Namen wie „Oktober“, „Komsomolzen-Stadt“ oder „Sowjet-Stadt“.

Doch die Ära der Zwangsarbeiter endete, als sich Stalin-Nachfolger Nikita Chruschtschow von der Politik seines Vorgängers distanzierte. Das „Tauwetter“ begann. Um 1960 waren die Gulags von Workuta verschwunden. Chruschtschow zog eine andere Möglichkeit vor, das Experiment fortzuführen. Von nun an sollte das Versprechen von Wohlstand die Sowjetbürger in die Stadt locken.

Workuta sei damals in der Sowjetunion hoch angesehen gewesen, erzählt Olga Gaun, Bildungsbeauftragte des Rathauses. Als eine Stadt, in der man schnell gutes Geld machen könne. Ein Grubenarbeiter verdiente 800 Rubel im Monat, eine Lehrerin, zum Vergleich, knapp 60. Zwar ließen sich diese Unterschiede wegen der Warenknappheit kaum in tatsächlichen Wohlstand umsetzen. Aber die Grubenarbeiter galten als Helden des Volkes. Sie wurden vom Regime hofiert. Nikita Chruschtschow und sein Nachfolger Leonid Breschnew ließen sich die „Perle des Nordens“, wie Workuta bis heute genannt werden will, viel kosten. Bei Anträgen auf Autos und Wohnungen hatten Schachtkumpel Priorität. Ihre Lebensabende durften sie im klimatisch milden Zentralrussland verbringen. Und ein Hotelzimmer an der sonnigen Schwarzmeerküste für sie und ihre Familien stand allzeit bereit.

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Workuta ist der Vorposten der Entwicklung im Polargebiet, steht hier (G. Mamulaschwili)

Insgesamt schien nun, wo die Ära der Zwangsarbeiter vorbei war, Workuta besser zu funktionieren als je zuvor. 320.000 Menschen lebten in den 70ern in der Stadt, mehr als in Graz. Der absurde Plan, eine Großstadt in die Tundra zu stellen, war ohne Abstriche, ohne Konzessionen an die Wirklichkeit wahr geworden: Eine prosperierende monogorod – eine „Mono-Stadt“, die nur eines einzigen Wirtschaftszwecks wegen existiert – war entstanden.

Die Straßen seien damals voller Passanten gewesen, sagt Olga Gaun. Die frischen Farben der Gebäude hätten geglänzt. Den Leuten sei es gutgegangen im gesamtsowjetischen Vergleich. Und wen störte es da schon, dass viele Kohlegruben allmählich ihren Zenit überschritten, langsam unrentabel wurden? Das waren die wirtschaftlichen Kriterien einer ganz anderen Welt.

In den frühen 80ern, nachträglich das „Zeitalter der Stagnation“ genannt, expandierte Workuta noch eifrig. Anstelle der prunkvollen alten Stalin-Häuser errichtete man nun große Plattenbauviertel, wie in vielen anderen Städten des Ostens. In Workuta zieren die alten Phrasen des Regimes immer noch die heute heruntergekommenen Bauten: „CCCP“, „Friede der Welt“, „Kohle für das Mutterland“.

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Miru mir, steht hier: Friede der Welt (Gepp)

Die Wende kam Mitte der 80er, und vorerst äußerte sie sich in kaum wahrnehmbaren wirtschaftlichen Veränderungen. Manche sowjetischen Geschäfte mit dem Westen, vor allem Getreideimporte und Rohstoffexporte, ließen Luft ins planwirtschaftliche Vakuum dringen. Und im hohen Norden, wo natürliche Bedingungen und menschliche Ressourcen noch weniger galten als im Rest des Landes, spürte man diesen Zug schon, als er noch ein laues Lüftchen war.

1989 schloss die erste Grube nahe Workuta. Drei Jahre zuvor hatte der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow aufgrund „ernsthafter Rückstände“ zur „Beschleunigung der sozioökonomischen Entwicklung“ geraten. Doch statt sie loszutreten, brachte er das ganze System zum Einsturz. Im Dezember 1991, fünf Jahre nach Gorbatschows Rede, waren auf dem vormals sowjetischen Gebiet 14 Nachfolgerepubliken konstituiert. Plus ein neues Russland, das die folgenden zehn Jahre mit der Anarchie ringen sollte.

In Workuta begann ein rasender Abstieg, der – wie sein Aufstieg – fast nach einem tragischen Märchen klingt:

16 von 20 Gruben wurden geschlossen. Plötzlich galt der Kohleabbau nicht mehr als nationaler Stolz, sondern als gestrig, als Hort der Innovationsresistenz. Anfang der 90er blieben die Löhne bis zu einem Jahr lang aus. Die Kumpel streikten, aber sie waren über Nacht machtlos und entbehrlich geworden. Die Arbeiterfamilien, bisher privilegiert, stellten erschrocken fest, dass sie nicht einmal abwandern konnten. Denn der Wert ihrer hochnördlichen Besitztümer war ins Bodenlose gesunken. Das Geld reichte nicht, um sich anderswo eine Existenz aufzubauen. In Workuta, erklärt eine Redakteurin der Lokalzeitung Sapolarje („Hinter dem Polarkreis“), werden heute Eigentumswohnungen um umgerechnet knapp 200 Euro angeboten. In Moskau kosten vergleichbare Wohnungsgrößen bis zu einer Million Euro. Auf diese Art wurden Workutas Bewohner zu Gefangenen ihrer eigenen Stadt.

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Das Ende eines totalitären Projekts (Gepp)

Die Mehrheit der Bevölkerung reagierte aber rechtzeitig und wanderte ab. Die Einwohnerzahl sank zwischen 1991 und 2007 um rund zwei Drittel, auf 110.000 Einwohner. Später kaufte der Stahloligarch Alexej Mordaschow die verbliebenen Kohlegruben. Er unterzog sie schmerzhaften Strukturreformen. Vor zwei Jahren schien es schließlich, als hätte sich Workuta auf niedrigem Niveau konsolidiert.

Dann aber, im Herbst 2008, brach die Wirtschaftskrise aus und traf besonders Russland mit seiner Fixierung auf Großindustrien und Rohstoffhandel. In Workuta hat Mordaschow seitdem rund eine dreiviertel Milliarde Euro Verlust gemacht. Er strich darauf hunderte Arbeitsplätze. Nach inoffiziellen Gemeindeangaben sind deshalb weitere 30.000 Menschen abgewandert. Es bleiben etwa 80.000 Einwohner.

Das Experiment Workuta, das 60 Jahre lang gelaufen ist, scheint nun auf grotesk schnelle Weise zu scheitern.

Als Erstes, in den 90er-Jahren, verschwanden die Städte entlang der Ringstraße. Von „Oktober“ stehen heute nur noch Plattenbaurippen in der Tundra. In „Komsomolzen-Stadt“ harren einige hundert Alte in drei bewohnten Gebäuden zwischen Ruinen aus. Der Vorortebus, der früher im Zwanzigminutentakt die Ringstraße abfuhr, geht heute zweimal täglich. „Wen soll ich denn da noch hinführen?“, sagt der Chauffeur und grinst.

Als Nächstes traf es Workuta selbst. In den späten 90ern gab die Stadt ihre Viertel jenseits des Flusses auf. Rodnik ist heute eine überwucherte Geisterstadt wie aus einem Roman von Rudyard Kipling, nur liegt es in der Arktis. Das Unterholz lässt Stalins Balustraden zerbersten, hinter einer bröckelnden Säulenkolonnade liegt das eingestürzte Dach des einstigen Kulturpalastes.

Am Ende begann die Innenstadt von Workuta selbst zu schrumpfen. Das Stadtzentrum flankieren heute Ruinen, Wohnhäuser wie Industrieareale, Stalins Torten wie Chruschtschows Platten.

Rechnet man den Bevölkerungsschwund hoch, dann wäre Workuta – selbst wenn man eine abflauende Krise und Konsolidierung der Kohleindustrie mitbedenkt – in spätestens 20 Jahren verschwunden. Seine Ruinen könnten dann als Mahnmal dienen, zum Gedenken an die Achtung natürlicher Bedingungen und menschlicher Ressourcen. Aber mit der Stadt verschwände auch die Bahnlinie, die hunderte Kilometer durch die Tundra nach Workuta führt. Die nahesten menschlichen Besiedelungen lägen dann, wie vor Beginn der Sowjetzeit, hunderte Kilometer weiter südlich.

Die Ruinen von Workuta würden demnach praktisch unerreichbar sein. Sie würden langsam in der Tundra verfallen. Und durch ihre Trümmer würden sich, vom Frost getrieben, die kleinen Holzpflöcke schieben, die zeigen, wie alles begann.


Buchtipp
Helmut Altrichter: Russland 1989. Der Untergang des sowjetischen Imperiums. C.H. Beck, 447 S., € 26,90


Zum Thema
Zahlreiche „Mono-Städte“ im einstigen Osten existierten alleine eines Wirtschaftszweigs wegen: Das Spektrum reicht von der ostdeutschen Eisenhüttenstadt über das südpolnische Katowice zum ost-ukrainischen Donbass und sibirischen Städten wie Norilsk (Nickel) und Nowy Urengoi (Erdgas). Workuta (Kohle) unterscheidet sich von vielen dieser Städte durch die klimatisch und geografisch extreme Lage
Drei Wochen nach dem Besuch in Workuta erschien in der russischen Wirtschaftszeitung Wedomosti ein Artikel, wonach russische Behörden die "Auflassung" einiger Monogorody planen. Unter den genannten Städten war auch Workuta.


Erschienen im Falter 51/09

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Neuer alter Gürtel

Einst war er Wiens verrufene Rotlichtmeile. Dann wurde er zum exemplarischen Szeneviertel. Droht das Erfolgsprojekt Gürtel jetzt wieder zu verkommen?

Bericht: Joseph Gepp

Es ist erst viertel neun Uhr abends, als ein unbekannter Mann nahe der U6-Station Thaliastraße in den Weg von Walter Riedl*) tritt.

„Hast du Tschick?“, fragt er. Riedl verneint, und ehe er sichs versieht, hat er die Faust des Fremden im Gesicht. Dann treten vier weitere Männer aus dem Gebüsch. Es sind Jugendliche, 16 bis 19 Jahre alt, serbischer Abstammung. Einer umfasst von hinten seinen Hals, entreißt ihm die Geldbörse. „Du Lügner, du Lügner“, schreien die Angreifer, als sie Zigaretten in Riedls Jackentasche entdecken. Sie drücken ihn zu Boden. „Ich sah schon vor mir, wie sie auf mich eintreten“, erzählt Riedl heute. Doch sie lassen von ihm ab und fliehen mit 40 Euro Beute und einer angebrochenen Packung Zigaretten.

Walter Riedl, 34, arbeitet im Gürtellokal Chelsea, wo er Konzerte organisiert. Drei Wochen nach dem Überfall sitzt er im Josefstädter Café Hummel, blaue Sportjacke, Stirnfransen, und erzählt von der schönen Unmittelbarkeit kleiner Auftritte und von den guten Momenten seines Jobs: „Gossip zum Beispiel. Die füllten erst kürzlich das Gasometer. Und waren vor gar nicht langer Zeit noch im Chelsea. Da kannte sie niemand. Ich hab die Platte gehört und mir gedacht: Aus denen wird noch was.“

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Zielgerichtete Nutzung? Vom Bäcker ...

Was ihm aber passiert ist, sieht Riedl nicht als unglücklichen Einzelfall. Denn als er später herumzufragen beginnt, stellt er fest, dass andere Leute aus dem Chelsea-Kreis ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Innerhalb von nur vier Wochen ist auch der Sohn einer Mitarbeiterin überfallen worden, ebenfalls nahe der U6 Thaliastraße. Ein Bekannter ist vor dem Lokal Weberknecht am Lerchenfelder Gürtel angestänkert und bedroht worden. Einen Stammgast hat es beim Kunstglaskubus von Valie Export nahe der U6 Josefstädter Straße erwischt – es ist derselbe Ablauf wie bei Walter Riedl, mit den Zigaretten und der plötzlich auftretenden Verstärkung.

„Vielleicht ist das ja nur selektive Wahrnehmung“, sagt er. „Aber ich habe das Gefühl, dass hier etwas in die falsche Richtung rennt. Dass der Gürtel langsam versandelt.“

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... zum Szenelokal ...

Der Gürtel ist eine der größten Erfolgsgeschichten im Wien der vergangenen 20 Jahre. Anfang der 90er war er noch eine verrufene Rotlichtmeile zwischen heruntergekommenen Zinshäusern mit Substandardwohnungen, aufgefädelt entlang einer Straße, deren Verkehrsaufkommen nur noch von der Südosttangente überboten wird. Dazu kamen die vermauerten Stadtbahnbögen, die den einstigen Boulevard – früher „Ringstraße des Proletariats“ genannt – wie ein Sperrwall zerteilten. Den verkehrsumtosten Bögen fehlten weitgehend Strom- und Wasseranschlüsse, sodass sie als praktisch unbenutzbar galten. Zusammen mit der Straße waren sie eine gestalterische Herausforderung, an der sich Architekten und Politiker jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hatten.

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... zum Fast-Food-Restaurant ...

Heute wälzen sich in lauen Sommernächten tausende Menschen über den Westteil der 13,5 Kilometer langen Straße. Mancher Student aus Deutschland besucht an seinem ersten Abend in Wien den Gürtel, weil er das „Wiener Chelsea“ schon aus Erzählungen kennt. Das rhiz gilt unter Elektronikfans als europäische Adresse, ebenso das B72, von dessen Indiepop-Gigs man weit über Wien hinaus hört. Dazwischen liegen verglaste Bierhäuser, Würstelstände, Büroaufbauten, Fahrrad- und Gehwege, die nachts hell erleuchtet sind.

Der Gürtel hat im Bewusstsein der Wiener eine neue Funktion erhalten. Seine Termine fehlen in keinem Veranstaltungsplan. Er ist das Signum einer Stadt, die mehr als nur Schönbrunn und Mozart bietet. Ein erfolgreiches Exempel dafür, wie man Mankos in Trümpfe ummünzt: die ziegelsteinerne Industrieanmutung, der Verkehr, die ratternde U-Bahn über den Köpfen der Gäste – all diese Eigenschaften kann man bloß als Probleme betrachten. Oder man betont ihr großstädtisch-raues Flair und verwandelt sie solcherart in Vorzüge, deren Charme Nachtschwärmer anzieht.

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... zum Lager.
Alle Fotos von: Heribert Corn

„Vor zwölf Jahren war der Gürtel ein großes Prestigeprojekt“, sagt Herbie Molin, 52, Gründer und Geschäftsführer des rhiz nahe der Josefstädter Straße. Zwar werde die Zahl der Gäste seitdem nicht weniger, denn am Gürtel sei eine „etablierte Fortgehsituation“ entstanden. „Aber die Luft ist aus dem Projekt draußen. Wir fühlen uns hier etwas alleingelassen.“

Das Gefühl speist sich aus mehreren Faktoren, von denen die aktuellen Überfälle nur einer sind. Früher entschied eine hochrangig bestückte Kommission über die Nutzung der Gürtelbögen; heute zeigt sich der Eigentümer – die Wiener Linien – allein dafür verantwortlich. Früher verteilten sich Wiener Obdachlose über viele Teile der Stadt; heute ballen sie sich an einem völlig überlaufenen Tageszentrum in der U6-Station Josefstädter Straße zusammen, das neuerdings bis neun Uhr abends geöffnet hat.

„Wir hatten nie ein Problem mit Obdachlosen“, sagt Herbie Molin. „Aber jetzt hat sich ihre Zahl verfünffacht. Die Sozialarbeiter vom Tageszentrum nebenan werden damit offensichtlich nicht fertig. Im Sommer übernachten neben dem rhiz manchmal bis zu 20 Leute. Betreuung haben sie keine, die sanitäre Lage ist katastrophal.“

Doch es sind nicht die Obdachlosen, deretwegen es innerhalb der Lokale zu Problemen kommt. „Vor drei oder vier Jahren kamen organisierte Diebesbanden auf, die alles gestohlen haben, was nicht niet- und nagelfest war“, sagt Molin. „Handys, Handtaschen, kürzlich sogar das DJ-Pult.“

Am Ende, vor acht Wochen, sah sich der Chef zur Einstellung eines Sicherheitsmanns gezwungen. Das setzte den Diebstählen zwar ein Ende. „Aber schade ist es trotzdem. Denn in Lokalen wie der Nachtschicht schützen die Securities ja vor den Ausläufern des eigenen Publikums. Bei uns aber ist das Publikum völlig problemlos. Wir müssen uns vor dem schützen, was von draußen kommt.“

Er nennt daher eine Forderung, die sonst eher aus anderen Ecken des politischen Spektrums tönt: mehr Polizeipräsenz auf der Straße. „Momentan fährt hin und wieder ein Wagen durch. Dabei sind an Wochenenden tausende Menschen im Grätzel zwischen den Lokalen unterwegs. Auf diese Art bekommen manche das Gefühl, sie könnten hier tun, was sie wollen.“

Als 1995 die Gürtelrevitalisierung begann, wollte man die Sicherheitsfrage vor allem auf gestalterische Art lösen: durch die Steigerung des „subjektiven Sicherheitsgefühls“, wie Experten das nennen. Deshalb ließ Silja Tillner als verantwortliche Architektin die zugemauerten Bögen mit transparenten Glasfassaden versehen und verringerte so die barrierenhafte Anmutung. Gehwege wurden großzügig beleuchtet. Ausufernde Sträucher, in denen Müll lag und Ratten raschelten, wurden zurechtgestutzt.

Ihren Ausgang nahmen diese Mühen aber nicht in Wien, sondern in Brüssel. Mit dem EU-Beitritt Österreichs eröffnete sich die Möglichkeit zur Förderung strukturschwacher Stadtteile. 11,3 Millionen Euro stellte die EU in Aussicht, sofern Bund und Gemeinde die Summe um das Dreifache erhöhen und eine Revitalisierung durchziehen. Die Gelegenheit ließ man sich in Wien nicht entgehen. Zumal der dafür Verantwortliche, der damalige SPÖ-Planungsstadtrat Hannes Swoboda, als ausgesprochener Befürworter des Gürtelprojekts galt.

Eine „Gürtelbogenvergabekommission“ wurde gegründet, aus Rathausbeamten, Architekten und Vertretern der Wiener Linien. Sie existierte bis 2000 und sollte dem verwaisten Grätzel kulturelles Leben einhauchen.

„Wir haben viele lange und gute Gespräche geführt“, sagt rhiz-Chef Molin. „Es war damals nicht leicht, einen Gürtelbogen zu bekommen. Und dementsprechend gut hat die Sache funktioniert.“

Glaubt man Lokalbetreibern und langgedienten Mitarbeitern, dann ist damals durch das Brüsseler Engagement und die richtige Mischung an heimischen Verantwortlichen eine Dynamik entstanden, die andere Projekte in Wien so schnell nicht aufweisen. „In dieser Kommission sind Leute zusammengekommen, denen der Gürtel ein wirkliches Anliegen war“, sagt Ernst Weingartner, Gründer des B72. „Die Architektin Tillner zum Beispiel, der Stadtrat Swoboda, der damalige Wiener-Linien-Verantwortliche Martin Oedendorfer – diese Leute halfen dabei, Probleme durchzuboxen und das Projekt ins Rollen zu bringen.“

Und es rollte. Im Sommer 1997 lockte der „Night Walk“ erstmals die Nachtmenschen an den Gürtel, später sollte er zu einem Höhepunkt im Wiener Veranstaltungsjahr werden. Drei Jahre später waren 22 von 30 EU-geförderten Stadtbahnbögen renoviert und verglast. Zwei weitere Jahre später wurde am Urban-Loritz-Platz die große Hauptbibliothek samt vorgelagertem Membrandach eingeweiht.

Zu diesem Zeitpunkt war das EU-Projekt allerdings schon ausgelaufen. Die Zuständigkeit für die Vergabe der Bögen war von der Kommission zurück an die Wiener Linien gegangen. „Es hat einen Generationswechsel gegeben“, sagt Architektin Tillner. „Das heißt auch, dass jene Leute, die sich damals engagiert haben, heute nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Sie selbst hat sich anderen Projekten zugewandt. Ex-Planungsstadtrat Swoboda sitzt heute als EU-Parlamentsabgeordneter in Brüssel. Und Martin Oedendorfer von der Rechtsabteilung der Wiener Linien ist inzwischen in der internen Hierarchie aufgestiegen und für die Bögen nicht mehr direkt verantwortlich.

„Natürlich ist uns der Gürtel und sein kulturelles Angebot nach wie vor wichtig“, erklärt Oedendorfer. „Es liegt ja auch in unserem Sinn als Eigentümer, dass dort eine Aufwertung stattfindet. Allerdings sind wir als Vermieter ans Mietrecht gebunden und können auf Preispolitik oder musikalische Programmierung der Lokale nur wenig Einfluss nehmen.“

Oedendorfer spielt damit auf eine häufig geäußerte Kritik an: dass Bögen, die noch frei wären, oft an Betreiber gingen, die später Billigschnaps à la Ballermann anbieten oder mit Gratiscocktails für Besucherinnen männliche Gäste zum forcierten Aufriss fordern. Diese Lokale liegen um die Nußdorfer Straße, nördlich des ehemaligen EU-Projektschwerpunkts zwischen Josefstädter und Thaliastraße. „Wenn ich am Sonntagvormittag vor die Haustür trete“, sagt ein Anrainer, „dann brauche ich nur den Spuren des Erbrochenen zu den Lokalen zu folgen.“

„Es wäre schön“, sagt B72-Chef Ernst Weingartner, „wenn es wie früher wieder Vertrauenspersonen gäbe. Wenn wieder ein oder zwei Leute dezidiert für den Gürtel zuständig wären.“


*) Weil die polizeilichen Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, bat Walter Riedl, seinen echten Namen nicht zu nennen


Erschienen im Falter 51/09

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STADTRAND – Die Gefahr klingelt leise und nennt sich WHAM

Jahrzehnte haben aufrechte Musikfans gestritten, ab wann man eine Band nicht mehr gut finden darf, weil sie sich an den Kommerz verkauft hat. Wenn sie da oder dort konzertiert? Mit diesem oder jenem Gaststar? Wenn ihr neues Album auf CD statt im Netz erscheint? Der Falter hat nach langen kulturwissenschaftlichen Studien eine Antwort auf die Frage gefunden: Die Band sei unten durch, wenn sie einen Weihnachtshit produziert. Weihnachtshits sind schlechte Lieder, die von schlechten Radiosendern gespielt werden. Unaufhörlich. Immer, immer wieder. Dass Weihnachtshits mindestens so schädlich sind wie Computerkriegsspiele oder permanenter Marihuanakonsum, hat nun dankenswerterweise die Gewerkschaft der Privatangestellten erhoben und auf Burn-outs und Ohrenschäden bei Verkaufsangestellten hingewiesen. Also, Entscheidungsträger, worauf wartet Ihr noch! Muss immer erst etwas passieren? Schafft Schutzzonen. Sperrbezirke. Ruheinseln. Sperrt den Weihnachtshit weg! Beschallt damit Terroristen in Guantanamo. Aber nicht den aufrechten Musikfan.

Erschienen im Falter 51/09

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Mittwoch, 9. Dezember 2009

Meidling ist der neue Süden – die große Welt am kleinen Bahnhof

Zwischen 13. Dezember 2009 und dem fernen Jahr 2013 – während also der Südbahnhof neu errichtet wird – heißt der größte Bahnhof Österreichs „Wien-Meidling“. Den leicht anachronistischen Charme des Zugreisens wird dort zwar so schnell keiner zu spüren bekommen, dazu fehlt schon einmal die großzügige Halle. Aber in praktischer Hinsicht scheinen Wiener Linien und ÖBB gut auf die täglich etwa 55.000 Reisenden vorbereitet, die nunmehr ihre Ankünfte und Abfahrten im etwas peripher gelegenen Arbeitergrätzel zu bewältigen haben:

So wurde etwa die U6, die nach Meidling führt, aufgerüstet. Zwei zusätzliche Züge auf der Strecke reduzieren die Intervalle von drei auf zweieinhalb Minuten. Dazu wurde die Linie rechtzeitig vor der Südbahnhof-Sperre gänzlich auf Niederflurwagen umgestellt. Das erhöht die Fahrgastkapazität laut Wiener Linien auf ein Viertel. Aufgestockt wurde auch die Straßenbahnlinie 62, die von Meidling ins Zentrum fährt. Trotzdem warnen die Wiener Linien vor einer hohen Auslastung, man möge auch die „Nutzung von Schnellbahnen und Regionalzügen vorübergehend in Betracht ziehen“.

Das betrifft nicht nur Reisende der Südbahn (etwa Klagenfurt, Graz oder Ljubljana). Auch wer in die Tschechische Republik oder nach Polen fährt, wird nunmehr in Meidling seine Reise beginnen – wobei der täglich jeweils erste und letzte Zug am Praterstern abfährt und ankommt. Wer sonst wohin in den Osten will, beispielsweise nach Budapest, Belgrad oder Rumänien, startet nach wie vor – kurioserweise – am Westbahnhof. Von dort fahren auch unverändert jene Züge, die tatsächlich gen Westen gehen, nach Deutschland oder in die Schweiz.

Was vom alten Südbahnhof in Betrieb bleibt, sind ein paar Bahnsteige und der komplette unterirdische Teil – die Ostbahn-Regionalzüge und die Haltestelle für Schnellbahnen. Wer also zum Beispiel vom Südbahnhof die S-Bahn nach Wien-Mitte oder Praterstern nehmen will, kann das nach wie vor tun. Der improvisierte Eingang zur Station liegt nunmehr an der Arsenalstraße beim Schweizergarten. Unmittelbar davor halten der Bus 69A und die Straßenbahnlinien O und 18.

Und in Meidling selbst? Hier informieren ÖBB-Mitarbeiter mit Flugblättern über Veränderungen, zusätzlich wurden 70 Info-Bildschirme installiert. Parkplätze könnten knapp werden, es empfiehlt sich daher die Anreise per öffentliche Verkehrsmittel. Da die Bahnhofsgröße und Bahnsteiganzahl trotz aller Umstellungen und Umbauarbeiten nicht auf den Fernverkehr ausgelegt sind, stehen die Züge nicht mehr wie gewohnt eine halbe Stunde vor Abfahrt am Gleis, sondern nur wenige Minuten. Gemächliches Koffereinladen wird also ebenso baustellenbedingt eingeschränkt wie der letzte Liebesschwur zwischen Zugfenster und Bahnsteig. Wer das tun will, sollte in den kommenden Jahren möglichst nicht in den Süden reisen – oder erst 2013 wieder schwören.

Erschienen im Falter 50/09

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Gelesen: Für immer Pulverfass im Hinterhof

Ohne Metaphern à la „Hinterhof“ oder „Pulverfass“ geht es leider nicht. Davon abgesehen ist Olaf Ihlaus und Walter Mayrs „Minenfeld Balkan“ ein lohnendes Werk: differenziert und frei jeder Parteinahme. Historisch gehen die beiden Spiegel-Autoren sehr weit zurück, bis zur Amselfeldschlacht 1389, ein balkanologisches Muss, da derlei Uraltereignisse heutigen Konflikten als Vorwand dienen. „Minenfeld Balkan“ erspart dem Leser den Zweckoptimismus des offiziellen Europa. Stattdessen werden die Probleme der 90er-Jahre fortgeschrieben und gipfeln in düsteren Bestandsaufnahmen, etwa über das Nichtfunktionieren Bosniens und des Kosovo oder die schleichende Islamisierung Sarajevos.


Olaf Ihlau, Walter Mayr: Minenfeld Balkan.Der unruhige Hinterhof Europas. Siedler, 304 S., € 23,60


Erschienen im Falter 50/09

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