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Mittwoch, 18. November 2009

Janes Welt

Tagtäglich warnt eine Wienerin im Internet vor der bevorstehenden Apokalypse. Zehntausende Anhänger hören ihr dabei zu. Was will Jane Bürgermeister? Aus dem Leben von Österreichs größter Verschwörungstheoretikerin


Porträt in Absentia: Joseph Gepp


Man stelle sich eine Runde amerikanischer Hacker vor, vielleicht in einer Kleinstadt mit sonst kaum Betätigungsfeldern. Sie treffen sich in den Hobbyräumen ihrer Eltern, stoppeln Rechner zusammen und entwerfen grinsend einen Hoax, eine Internetfalschmeldung. Der Fantasiebegabteste kreiert den Plot, indem er ein wenig Hightech und ein paar Großkonzerne mischt. Seine Freunde programmieren inzwischen eine Website und legen Spuren in Foren. Am Ende wählt der Kreis ein exotisches Alpenland zu seinem Juxschauplatz und gibt der Hauptperson einen Namen, „der klingt, als hätte ein Amerikaner einen österreichischen Namen absichtlich übertrieben“, wie im Forum „Infokriegernews“ zu lesen steht.

Und fertig ist die Verschwörungstheorie.

Ungefähr so muss sich die Geschichte abgespielt haben, die hinter Jane Bürgermeister steckt, denken die meisten, wenn sie im Internet zum ersten Mal auf sie stoßen.

Wer aber weiter nach ihr sucht, dem scheint der Scherz bald zu raffiniert, um nur ein Scherz zu sein. Er findet ein Bankkonto, auf das man für Bürgermeisters „investigative Arbeit“ spenden kann. Er findet ihre Wohnadresse, in Währing, Gürtelnähe. Er findet ein Gesicht, denn neuerdings taucht sie auch in selbstproduzierten Webfilmchen und Interviews auf.

Sie ist eine zierliche Frau, nach eigenen Angaben Tochter einer Irin und eines Österreichers, ungefähr 40, dezent gekleidet. Sie hat kurzes Haar, leichte Ringe unter den Augen, eingefallene Wangen, zuviel Lippenstift. Sie sitzt – darauf lässt ihre rege Publikationstätigkeit schließen – Tag und Nacht vor dem Computer. Und verbreitet ihre feste Überzeugung, wonach ein virenbedingter, von Pharmafirmen und Geheimbünden geplanter Massenmord bald den Großteil der Weltbevölkerung auslöschen wird.

Oft und immer öfter stößt man auf Jane Bürgermeister. Einmal auf dieser Homepage, dann auf jener, immer dort, wo Realität und Humbug in abenteuerlicher Mischung auf verborgene Zusammenhänge schließen lassen. Manchmal landen beunruhigende E-Mails im Eingangsordner, die in Nebensätzen „eine Frau Bürgermeister“ zitieren. Ein anderes Mal taucht die „Journalistin“ gar in seriösen Medien auf, kürzlich etwa bei Peter Michael Lingens im profil.

Jane
Jane Bürgermeister
(Quelle: theflucase.com)

Mehr als 900.000-mal findet Google mittlerweile ihren Namen, und wöchentlich werden die Einträge mehr. Auf tausenden Websites und Foren befasst man sich mit der Frau aus Wien-Währing, widerlegt sie, unterstützt sie, bedankt sich. Humanity is eternally grateful, schreibt Sophie aus den USA. Und Udo aus Deutschland fügt hinzu: „Machen Sie bitte weiter so!“

Jane Bürgermeister ist das Phänomen eines Informationszeitalters, in dem viele nicht mehr wissen, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Wahnsinn zu ziehen ist. Einer Zeit, in der man Texte über große Weltverschwörungen publizieren kann und trotzdem von verblüffend vielen Menschen ernst genommen wird. In der keine Schwelle mehr die massenhafte Verbreitung von unreflektierter Halbinformation kontrollieren kann.

Jane Bürgermeister steht für die andere Seite dessen, was Befürworter als den „demokratisierenden Effekt des Internets“ begreifen. Selbstverständlich kann sich die iranische Opposition im Netz organisieren. Bürgermeister kann das allerdings auch.

Denn niemand prüft, ob etwas die Veröffentlichung wert ist, ob es den Grundsätzen journalistischer Sorgfalt und wissenschaftlicher Faktentreue entspricht. Niemand nimmt „einen Artikel ab“, wie das im Zeitungsjargon heißt. Wer immer will, kann heute publizieren. „Der Cyberspace“, schreibt der Medienwissenschaftler Gundolf Freyermuth, „ist für die Konspirationsfans am Ende des 20. Jahrhunderts, was im 19. Hinterzimmer und Flugblatt waren: Versammlungsort und Publikationsmittel zugleich.“

Das Zitat stammt von 1998 – aus grauer Vorzeit, wenn man die Geschichte des Internets betrachtet. Drei Jahre später explodierten in New York und Washington drei Flugzeuge. Es folgte die Ära George W. Bush und, Jahre später, die Weltwirtschaftskrise.

„Verschwörungsideologien entstehen meist nach emotionsgeladenen Ereignissen“, sagt der deutsche Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber aus Brühl. „Das konnte man schon nach der Französischen und Russischen Revolution sehen, ebenso nach dem 11. September. Die gegenwärtige Besonderheit liegt aber darin, dass durch das Internet Konspirationsvorstellungen weitaus breiter und schneller Verbreitung finden.“

31 Prozent der Deutschen unter 30 Jahren halten es für möglich, dass die US-Regierung die 9/11-Anschläge selbst angeordnet hat, erhob die deutsche Wochenschrift Die Zeit 2003. „Je komplizierter die Weltlage, desto fester glauben die Deutschen an Verschwörungstheorien.“

Für jene Spielart, die Jane Bürgermeister betreibt, haben Soziologen sogar einen eigenen Namen kreiert: „Hightech-Paranoia“. Thesen dieser Art fanden sich in den vergangenen Jahren bei allen breitenwirksamen Medizincausen, bei Sars, Aids, Vogelgrippe. Die dazugehörigen Online-Erzählungen sind immer dieselben: Das Medikament sei vergiftet, die Impfung jage in Wahrheit einen Mikrochip unter die Haut. Dahinter steckt immer eine sinistre Organisation, die Weltherrschaft erlangen und dafür die Menschheit töten oder zu willenlosen Sklaven degradieren will.

Eine Verschwörungsideologie, sagt Forscher Pfahl-Traughber, erkläre scheinbar einfach eine immer komplexer werdende Welt. Der Ideologe will nicht anerkennen, dass die Erde keinem großen Plan folgt. Er negiert die Ergebnisoffenheit menschlicher Prozesse, die verwirrende Überlagerung gesellschaftlicher Interessen, die unlogische Vielschichtigkeit der Wirklichkeit. Dabei dient ihm laut Pfahl-Traughber meist ein „reales Ereignis“ als Anknüpfungspunkt. Monokausal und stereotyp gedeutet, werden später vermeintliche Zusammenhänge rundherum gruppiert.

Für Jane Bürgermeister findet das reale Ereignis Anfang 2009 statt, vor ihrer Währinger Wohnung. Sie erzählt immer wieder davon. Eine Nachbarin macht sie auf einen Artikel in einer Bezirkszeitung aufmerksam.

Er handelt von einer Panne beim US-Pharmakonzern Baxter in Orth an der Donau. Im Februar werden von dort Proben an europäische Labors versandt. Nahe Prag entdecken Mitarbeiter, dass die als harmlos deklarierte Flüssigkeit mit gefährlichen Vogelgrippeerregern verseucht ist. Obwohl niemand angesteckt wird, alarmiert der Vorfall viele Ärzte. Baxter spricht von „menschlichen, technischen und prozessbedingten Fehlern“. Beutel seien nicht ausgewechselt worden, nachdem Forscher mit Grippeviren experimentiert hatten.

Vor diesem Artikel hat Jane Bürgermeister als freie Journalistin gearbeitet, für angesehene britische Blätter wie Guardian und Observer und Magazine wie Nature. Ihre Berichte handelten etwa vom Diebstahl des Saliera-Salzfasses, vom makabren Auto Franz Ferdinands im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum, vom nordkoreanischen Atomprogramm. 2006 verfasste sie einen Nachruf auf den deutschen Historiker Joachim Fest, dessen „erzählerisches und psychologisches Feingefühl“ sie lobt.

Nun aber bringt die Lektüre des Bezirkszeitungsartikels etwas an die Oberfläche, was vielleicht schon vorher in ihr gearbeitet hat. Vorerst stellt sie nur Fragen über pharmazeutische Sicherheitsvorkehrungen. Sie beginnt, über eine Vertuschung bei Baxter zu spekulieren – was sie noch mit Ärzten gemeinsam hat, die man auf den Fall anspricht. Aber Jane Bürgermeister geht viele Schritte zu weit.

Man kann diese Schritte auf den Downloadvideos verfolgen, in denen sie von anderen Verschwörungstheoretikern interviewt wird. Bürgermeister spricht konzentriert. Sie beginnt mit Ausführungen über den Vorfall bei Baxter, die nicht unklug anmuten. Dann aber sagt sie, immer noch seriös klingend, ihre Meinung über die Hintergründe. Sie nennt Organisationen, die man sonst nur aus Mystery-TV-Serien oder Dan-Brown-Romanen kennt. Und zwischen ihrem sachlichen Auftritt und ihren Worten beginnt eine breite Lücke zu klaffen.

Die Panne bei Baxter, behauptet Bürgermeister, deute auf eine „radikale Reduktion der Weltbevölkerung“ mittels Killerviren im Schweinegrippeimpfstoff hin. Bald werde die Weltgesundheitsorganisation WHO die nationalen Regierungen entmachten und die Impfung zur Pflicht erklären. 80 Prozent der Menschen würden darauf dem biologischen Massenmord zum Opfer fallen, der Rest eine neue Sklavenschicht bilden. Denn die Injektion enthalte auch satellitengesteuerte Mikrochips, um Überlebende gefügig zu machen. Es sei „ein Plan, der über Jahrzehnte ausgearbeitet“ wurde.

Die Drahtzieher, führt Bürgermeister weiter aus, seien Uno und WHO. Dahinter stünden – „wenn man alles durchdenkt“ – die mächtigen Geheimbünde der Freimaurer, Bilderberger und Illuminaten.

In letzter Konsequenz gehe es um Ressourcenknappheit. „Es gibt weniger Wasser und Agrarland. Aber die Gruppe will nicht auf erneuerbare Energien umsteigen, sondern die Menschheit reduzieren. Dann haben sie einen Planeten, der frisch und nah am Urzustand ist.“ Es sei „der alte Traum von der Herrschaft der Welt“. Zur Kerngruppe zählen etwa – „wenn man alle Stücke zusammenfügt“ – „die Rothschilds und Rockefellers“.

Je weiter Jane Bürgermeister vom initialen Vorfall bei Baxter weggeht, desto mehr bedient sie sich klassischer verschwörungstheoretischer Inhalte. Dem Geheimbund der Illuminaten, erklärt Wissenschaftler Pfahl-Traughber, habe man schon vor 200 Jahren die Schuld an der Französischen Revolution gegeben. Obwohl der aufklärerische Verein in Wahrheit 1785 aufgelöst wurde, stößt man heute immer wieder auf ihn – vor allem auf rechtsradikalen Internetseiten.

Womit man bei Bürgermeisters zweitem Topos wäre: der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild. Dass Juden Böses im Schilde führen, gilt geradezu als verschwörungstheoretische Urannahme. Im Mittelalter löste die Angst, dass sie Brunnen vergiften würden, Pogrome aus. Später wies die Naziparole vom „schaffenden und raffenden Kapital“ den Weg zur heutigen Sichtweise von Links- und Rechtsextremisten: Der Jude, immer schon böse, versteckt nun seine diabolische Absicht hinter seinem Händlertum.

Die Kombination von massenhafter Grippeangst und klassischen Verschwörungsinhalten machte Bürgermeisters Theorie zum Weberfolg: Jene, die bisher nichts mit Konspirationen zu tun hatten, sind verunsichert und für die „investigative Journalistin“ empfänglich. Und andere, die Verschwörungstheorien ohnehin glaubten, entdecken sich selbst in Bürgermeister wieder. Im richtigen Moment publiziert, wurde die haarsträubende These vom geplanten Massenmord zum kleinen Massenphänomen.

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Durch diese Nadel passt ein Chip, sagt Jane Bürgermeister
(Quelle: Landratsamt Roth)

„Bürgermeister hat sich offenbar in ihrem Thema verrannt“, sagt der Tiroler Infobroker Dietmar Mühlböck, der seit Jahren Radikalismen im Internet beobachtet. „Sie scheint in ihrem missionarischen Eifer jede Vorsicht außer Acht zu lassen, mit welch radikalen Kreisen sie sich einlässt. Das manifestiert sich zum Beispiel in Interviews mit politisch eindeutig verortbaren Personen.“

Im September etwa stand Bürgermeister dem ehemaligen Universitätsprofessor Michael Vogt Rede und Antwort. Kritiker sagen ihm Nähe zur rechtsradikalen deutschen NDP nach. Ein von ihm gedrehter Film namens „Geheimakte Heß“ führte laut Spiegel zu seiner Suspendierung von der Uni Leipzig. Bis vor kurzem arbeitete Vogt für ein Web-TV-Projekt, dessen Gründer ein Buch über jüdische Weltverschwörer im Kampf gegen Nazis und Außerirdische schrieb.

Mittlerweile taucht Bürgermeister auch auf der Homepage des Ex-FPÖ-Politikers Karlheinz Klement auf. Sie teilt sich diese Ehre mit allerlei Berichten über die obskuren Pläne des israelischen Geheimdienstes Mossad oder des „Synhedriums der B’nai B’rith“. Im September wurde Klement noch nicht rechtskräftig zu fünf Monaten bedingt verurteilt. Laut Staatsanwaltschaft stand auf seiner Homepage: „Das jüdische Volk hat aus dem Holocaust nichts gelernt und braucht eine zweite Lektion. Wenig Trauer würde es hervorrufen, wenn alle Juden auf einem Schlag gleichzeitig von der Welt scheiden würden.“

Trotzdem führt Bürgermeister den Kampf fort. Kürzlich erstattete sie Anzeigen gegen vermeintliche Mitwisser der Verschwörung, gegen Baxter, Novartis, profil-Herausgeber Christian Rainer, Bundeskanzler Faymann, Gesundheitsminister Stöger, George Bush, Barack Obama. Über solch einen Dilettantismus, heißt es nun aus Insiderkreisen, beschweren sich sogar andere Verschwörungstheoretiker. Man will ja die Glaubwürdigkeit der Bewegung nicht gefährden.

Doch Bürgermeister ist inzwischen präsenter als so mancher alter Hase der Szene. Kritik und Anfeindungen schmettert sie ab. Auf die Falter-Bitte um ein Gespräch antwortet sie: „Leute wie Sie sind mitverantwortlich an diesem miserablen Zustand. Ich verschwende keine Zeit mit Ihnen. Kontaktieren Sie mich nie wieder.“

Kürzlich tauchte ein neues Video auf. Darin führt Jane Bürgermeister durch Wien, vor das Gesundheitsministerium, zum kamerabestückten Zaun der Uno-City, in die U-Bahn, wo sie Passagiere vor der bevorstehenden „Zwangsimpfung“ warnt.

Von Oktober hat sie ursprünglich gesprochen, wenn es um den Beginn des Massenmords ging. Jetzt nennt sie bevorzugt das Jahresende 2009. Silvester wird kommen und gehen. Jane Bürgermeister wird einen Weg finden, um auch das zu erklären.



„Häufig antisemitische Verschwörungsmythen“


Reinhold Gärtner, 54, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck. Neben zahlreichen Publikationen zu den Themen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus hat er kürzlich ein Buch mit dem Titel „Politik der Feindbilder“ veröffentlicht. Darin setzt er sich mit FPÖ-Slogans und Alltagsrassismus auseinander.

Falter: Herr Gärtner, welche Verschwörungstheorien gibt es in Österreich?

Reinhold Gärtner: Man findet im Grunde das ganze Spektrum, das es auch anderswo gibt. Abgesehen davon würde ich aber sagen, dass antisemitische Verschwörungsmythen in Österreich häufiger vorkommen als in vielen anderen Ländern.

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Reinold Gärtner über Verschwörungstheorien
(Quelle: privat)


Und wie genau sehen diese Mythen aus?


Gärtner: Es kann sich etwa um die „Protokolle der Weisen von Zion“ drehen. Oder um vermeintliche Machenschaften des israelischen Geheimdienstes Mossad. Im Internet gibt es verschiedene Konjunkturen für diese Abstrusitäten.

Aber warum sind solche Muster gerade in Österreich so deutlich ausgeprägt?

Gärtner: Österreich hat eine lange Geschichte und Tradition des Antisemitismus. Über Jahrhunderte wurde der Boden für jene Mythen bereitet, die heute durchs Internet spuken. Zwar existieren und existierten sie auch in anderen Ländern, denken Sie nur an die Affäre Dreyfus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aber hier treten sie häufiger auf. Wenn man auf österreichischen Internetseiten nach Verschwörungstheorien sucht, dann stößt man beispielsweise viel häufiger auf den Mossad als auf KGB oder CIA. Warum? Das hat sicherlich auch mentalitätsgeschichtliche Gründe.



Jane Bürgermeister war zu keiner Stellungnahme bereit.
Kurz nach der„Falter“-Bitte um ein Gespräch erschien allerdings ein englischsprachiger Brief auf ihrer Homepage.
Darin steht unter anderem:


„Now, we await our
first big attacks from main
stream media (…)
We have to ‚man our battle
stations‘ (…) being under
attack is the best compliment (…)
We are many, they are few!“



Zum Thema

Der britische „Guardian“-Journalist Jon Ronson hat jahrelang Verschwörungstheoretiker begleitet und ihre Geschichte in einem Reportagenband versammelt. Sie handeln unter anderen vom Ku-Klux-Klan, von amerikanischen Neonazis und Bilderberger-Jägern und von einem Ex-Fernsehmoderator, der fest daran glaubt, dass eine Echsen-Elite in Wahrheit die Welt regiert

Jon Ronson, Radikal – Abenteuer mit Extremisten, Verlag Salis, 288 S., € 24,90

Erschienen im Falter 47/09

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STADTRAND – Eine Eloge auf den Christkindlmarkt

Klima beeinflusst Gesellschaft, sagen Historiker. Und Europa soll deshalb ein so brummendes Halbinselchen geworden sein, weil seine Bewohner kältebedingt weniger Erregern ausgesetzt waren als etwa jene von Äquatorial-Guinea. Die Theorie hat was für sich, führt aber zur Frage, wie man als Wiener dem Winter entkommen und sich ersehnten äquatorialen Zuständen annähern kann. Und flugs bieten sich überall Gelegenheiten dazu: die Christkindlmärkte. Elitäre Geister mögen sie als besoffene Zusammenrottungen meiden. Weniger Elitäre gehen zum Beispiel ins Museumsquartier, wo sie exakt dasselbe machen wie die Besucher am Rathausplatz, sich aber nicht dem vernichtenden Verdacht der Kitsch- und Schlageraffinität aussetzen müssen. Der Zweck ist natürlich derselbe: Christkindlmärkte stellen auf soziologisch ausgefeilte Weise Leben in der Kälte sicher. Man fraternisiert bei warmem Alkohol. Und wem das zu billig scheint, der kann sich alibihalber auf Glaskugeln, Bioseifen und sonstige Überflüssigkeiten ausreden. Also, Wiener: Trinkt Kiwi-Punsch!

Erschienen im Falter 47/09

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Dienstag, 17. November 2009

Doppelgleisig

Eine saubere, sichere und pünktliche U-Bahn darf viel Geld kosten. Politische Pfründe sollten es nicht

Analyse: Joseph Gepp


Man kann den Wiener Öffi-Plan als Mittel nutzen, um rasch von A nach B zu kommen. Man kann ihn aber auch politisch lesen, als Spiegelbild von Macht und Machtteilung in diesem Land.

Da gibt es zum Beispiel die rote U1 (Stadt), die den wichtigen Südbahnhof (Bund) ignorant links liegen lässt. In Floridsdorf ziehen dafür braune U6 (Stadt) und blaue S45 (Bund) in einträchtiger Parallelität nebeneinander her. Da gibt es am Alsergrund mit dem Franz-Josefs-Bahnhof (Bund) den wohl verwaistesten Kopfbahnhof Österreichs, weil die Fahrgäste einige hundert Meter weiter an der U6-Station Spittelau (Stadt) umsteigen. Da gibt es weiters die strichliert violette U2-Südverlängerung (Stadt). Wie die U1 soll auch sie am Südbahnhof vorbeifahren. Dafür ist nun, als Ausgleich für täglich tausende Pendler, eine kleine Standseilbahn zwischen U- und S-Bahn geplant. Wie ein schmales Bindeglied zwischen überbordendem Föderalismus und gesundem Menschenverstand.

Womit wir beim Thema wären: Vergangene Woche warf der Rechnungshof den Wiener Linien in einem Bericht „internes Kontrollversagen“ bei den Verlängerungen von U1 und U2 vor. Neben rund neun Millionen Euro unnötiger Mehrkosten kritisierten die Prüfer, dass der mitfinanzierenden öffentlichen Hand rund sechs Millionen Euro zu viel verrechnet wurden. Konkret seien etwa Kosten für den Bau von Geschäftslokalen, die die Verkehrsbetriebe selbst hätten tragen müssen, zu Stadt und Bund geschoben worden. Die Linien weisen die Vorwürfe zurück.

Hinter dem Missstand steckt ein grundsätzliches Problem: Ja, die U-Bahn in Wien läuft hervorragend, ist sicher, sauber und pünktlich. Ja, ein solches Service kostet Geld. Aber ab wann zahlt der Steuerpflichtige extra für Intransparenz? Ab wann fließt das Geld in die Absicherung (stadt-)politischer Pfründe? Um wie viel weniger Geld ließe sich ein Öffi-Netz realisieren, das ebenso sicher, sauber und pünktlich laufen würde?

Seit 1999 unterstehen die Wiener Linien nicht mehr direkt dem Rathaus, sondern der Wien-Holding, die jedoch ihrerseits eine Gemeindetochter ist. Die Verkehrsbetriebe wurden, wie man das nennt, „ausgegliedert“. Seitdem scheint es, als nehme sich die Stadtverwaltung von der öffentlichen und privaten Organisationsform das jeweils Angenehme: Wenn – wie momentan – Landtagswahlen näherrücken, dann häufen sich in U-Bahn-Werbekampagnen die (sozialdemokratischen) Erzählungen vom sicheren, sauberen und pünktlichen Wien; kürzlich wurde laut Medienberichten auf Betreiben der Stadt sogar der Pressesprecher ausgewechselt.

Wenn es aber – wie nach dem Rechnungshofbericht – Kritik gibt, dann putzen sich Politiker am angeblich unabhängigen Unternehmen ab, über dessen Geschäftsgebaren für sie ja keine Rechenschaftspflicht bestehe.

Die Ausgliederung verdeckt die Tatsache, dass die Wiener Linien nach wie vor als Erbgut der Wiener SPÖ betrachtet werden. Und damit als städtisches Prestigeprojekt dienen, als werbewirksames Symbol einer wohlorganisierten und lebenswerten Stadt. Dementsprechend wenig Wert legen sie auf Zusammenarbeit mit den bundesweiten ÖBB.

So trennt die beiden Unternehmen eine jahrzehntelange Geschichte des Aneinandervorbeiplanens. Ihr liegt ein Konflikt zwischen Parteien und zwischen staatlichen Ebenen zugrunde, dem Effizienz und Synergien oft zum Opfer fallen.

Die Lösung wäre, wie oft in Österreich, theoretisch einfach. Aber ein Verzicht auf politische Pfründe hinter vorgeblicher wirtschaftlicher Unabhängigkeit erfordert auch die Preisgabe von Einfluss. Dann könnte das rote Rathaus über seine U-Bahn nicht mehr verfügen, wie es das derzeit tut. Und die mitunter schwarze Republik müsste in Wien mit einem politischen Gegner zusammenarbeiten. Vor diese Wahl gestellt, scheint Geldverbrennen allemal die bevorzugte Möglichkeit zu sein.


Erschienen im Falter 46/09


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Mittwoch, 4. November 2009

Seestadt oder Schlafstadt?

Raumarchitekt Oliver Schulze über Nutella, gute Partys und urbanes Treiben auf dem Flugfeld Aspern

Gespräch: Joseph Gepp

Wohnraum für 20.000 Menschen, Arbeitsplätze für 15.000, ein Park, ein See, eine Ringstraße, das alles auf einer Fläche, so groß wie die der Bezirke Neubau und Josefstadt zusammen: Das ehemalige Flugfeld Aspern in der Donaustadt ist eines der größten Stadtentwicklungsgebiete in Europa. Und im Gegensatz zu manch anderen Neubauvierteln soll dort – in rund 20 Jahren, wenn das Projekt vollendet ist – auch das Straßenleben pulsieren. Damit Aspern nicht zu einer weiteren Wiener Schlaf- und Pendlerstadt verkommt, haben das Rathaus und die zuständige Entwicklungsgesellschaft den deutsch-dänischen Raumarchitekten Oliver Schulze, 35, vom Büro Gehl Architects, mit einem Masterplan beauftragt. Schulze ist Experte für den öffentlichen Raum. Im Falter-Gespräch erklärt er seine Vision einer belebten Stadt.

Falter: Herr Schulze, wenn ich mich in die U-Bahn setze und auf die Donauplatte oder ins Kabelwerk fahre, dann werde ich dort mit großer Wahrscheinlichkeit kaum Menschen antreffen. Neu gebaute Wiener Stadtviertel sind gemeinhin bewohnt, aber nicht belebt. Soll das bei Aspern anders werden?

Oliver Schulze: Ja, das soll es. Was Sie da ansprechen, sind Symptome, die sich in vielen Neubaugebieten westlicher Städte finden. Der Grund ist einfach: Weil sich unsere Lebensstandards geändert haben, wohnen die Menschen heute weniger dicht beieinander. In Dänemark zum Beispiel kommen heute auf einen Stadtbewohner 60 Quadratmeter bebauter Raum, in Wien sind es 44 (im Jahr 1961 waren es 22, 1907 sieben Quadratmeter pro Kopf, Anm.). Auf derselben Fläche wohnen also weniger Menschen als früher.

Stehen wir also vor einem Dilemma? Lebensstandard gegen Straßenleben?

Schulze: Genau. Früher waren die Straßen belebt, man hielt sich viel draußen auf, um sein Leben zu organisieren. Es gab keine Kühlschränke, also musste man täglich kleine Einkäufe machen. Es gab keine Autos, also musste man zu Fuß zur Arbeit. Heute organisiert man sein Leben eher von zuhause aus. Dadurch bleibt die Straße leer. Dieses Dilemma müssen wir auflösen.

Aber die alten Wiener Gründerzeitviertel sind immer noch lebendig, obwohl der Lebensstandard gestiegen ist und die Grätzel dadurch viel weniger dicht besiedelt sind.

Schulze: Diese Gründerzeitviertel sind ja auch in ihrer Geschichte von fünf Generationen kolonisiert worden. Einwanderungswellen haben dort über Jahrzehnte vielfältige Einzelhandelsstrukturen entstehen lassen. Eine derartige physische und soziale Komplexität kann man nicht simulieren, wenn man ein Projekt auf der grünen Wiese plant.

Demnach ist es in Neubauvierteln gar nicht möglich, ein belebtes Stadtbild zu schaffen?

Schulze: Nicht ganz, selten ist es schon möglich. Es gibt in Europa ein paar gute Beispiele, die zeigen, dass es funktioniert.

Irgendwann soll Aspern wohl auch eins dieser guten Beispiele werden. Wie soll das gehen?


Schulze: In einem Neubaugebiet von der Größe Asperns ist öffentliches Leben ein kostbares Gut. Wir haben also unserem Plan den Gedanken zugrunde gelegt, dass man dieses Gut nicht wie Nutella über eine Brotscheibe schmieren darf. Im Gegenteil muss man sich seiner Begrenztheit bewusst sein – und den öffentlichen Raum auf wenige, bewusst gewählte Orte konzentrieren.

Es geht dabei auch um Kleinräumigkeit, die Straßenleben ermöglicht. Sie können das mit einer Party vergleichen: Einer guten Party steht immer etwas zu wenig Platz zur Verfügung. Bei einer schlechten verlieren sich die Partygäste auf zu viel Raum.

Das heißt, Sie wollen das Straßenleben gezielt an einzelnen Orten zusammenballen, um es überhaupt zu ermöglichen?

Schulze: Genau.

aspern-Seestadt_Seepromenade
Brave New World: So soll laut Planern und Rathaus die Zukunft
des ehemaligen Flugplatzes Aspern aussehen. Oder wird sie doch
eine Spur unbelebter?

Grafik: schreinerkastler/Wien 3420 AG


Wie soll das konkret funktionieren?


Schulze: Indem wir nicht die gesamten 240 Hektar Fläche planen, sondern bestimmte Orte definieren, die wir „Saiten“ nennen. Schon die ersten Zuzügler müssen dort urbane Qualitäten vorfinden, die in der späteren Entwicklung des Viertels unverändert bleiben. Durch die Qualitäten und Muster der Saiten wollen wir das begrenzte Gut öffentlicher Raum an bestimmten Stellen festmachen. Zum Beispiel, indem wir bewusst Kultur-, Einzelhandels-, Gewerbe- oder Erholungsräume definieren. Es muss ein Zusammenspiel geben zwischen einzelnen Gebäuden und der Art, wie der Raum zwischen ihnen programmiert ist. Die traditionelle Architektur vernachlässigt diese Zwischenräume oft.

Es wird aber 20 bis 25 Jahre dauern, bis das Entwicklungsgebiet Aspern fertig ist. Kann man tatsächlich auf so lange Zeit planen, wie Menschen ihr Umfeld nutzen werden?

Schulze: Dieses Problem haben Masterpläne grundsätzlich an sich. Gestalter glauben, dass sie ein gefrorenes Planbild in die Wirklichkeit übertragen können. Wir haben daher in unseren Plan eine Zeitebene eingeführt: Manche Räume sind schon für die erste Bauphase definiert, bei anderen Orten haben wir nur Samen für die Entwicklung gesetzt.

Es gibt zum Beispiel ein Netz von Pfaden zum Radfahren oder Joggen. In einem Jahrzehnt, wenn diese Pfade schon etabliert und vielbenutzt sind, sollen sie im Rahmen eines nächsten Projektschritts ausgebaut werden. Dann werden Straßen daraus. Und man kennt diese Orte schon, sie haben eine Geschichte und Evolution hinter sich.

Sie haben in New York, in Südengland und im Oman gearbeitet. Was haben Sie dort gelernt? Was muss man tun, damit öffentlicher Raum funktioniert?

Schulze: Wie gesagt gibt es – zum Beispiel in Hamburg, Freiburg oder Malmö – neue Stadtviertel, die belebt sind und bestens funktionieren. Wir haben bei der Analyse dieser herausragenden Beispiele ein ganz klares Muster entdeckt: Jedes Mal gab es zwei oder drei wichtige Menschen, die von Anfang an dem Projekt zur Seite standen und ihre Ideen durchgeboxt haben. Ich würde diese Menschen „Paten“ nennen.

Wer sind die Paten? Engagierte Anrainer?


Schulze: Nein, gar nicht. Es sind Menschen in Schlüsselpositionen. In Melbourne, um ein Beispiel zu nennen, war der Stadtarchitekt der Pate. Er hat kompromisslos seine Idee durchgesetzt, und er wurde nicht alle vier Jahre neu gewählt. Auf diese Art war er in der Lage, an einer starken, selbstentwickelten Vision festzuhalten. Anderswo waren langjährige Bürgermeister oder engagierte Stadtentwickler die Paten.

Es bräuchte also jemanden, der nicht vom jeweils nächsten Wahlausgang abhängig ist?

Schulze: Ja. Stadtentwicklung und Politik sind zwar eng miteinander verflochten, aber die beiden haben völlig verschiedene Zyklen: Stadtentwicklung funktioniert viel langfristiger als Politik. Man muss also Personen finden, die entweder sehr lang in der Politik sind. Oder vom Rand des politischen Spektrums ein Projekt über Generationen hinweg verfolgen und mitbestimmen.

Erschienen im Falter 45/09

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STADTRAND – Über Fremdflyerer und Eigenbiertrinker

Das Museumsquartier ist ja, man muss es neidlos und ironiefrei sagen, eine praktisch identitätsstiftende Instanz in Wien. Dementsprechend kreiert es auf seinen zahlreichen Gebots- und Verbotsschildern auch eine eigene Sprache, die MQ-Sprache. Das unautorisierte Auslegen von Werbezetteln heißt zum Beispiel auf MQ: „fremdflyern“. Selbiges ist, so steht es in einem Torbogen, verboten. Das Gegenteil von fremdflyern wäre wohl „heimisch flyern“, noch eher: „heimflyern“. Wenn also der Fremdflyerer im Gegensatz zum Heimflyerer seine Flyer verflyert, dann muss er wohl mit einer baldigen Entflyerung der beflyerten Behältnisse rechnen. Klingt das nicht ein bisschen nach Bierverbot? Nach Kommerzialisierung, nach Exzessbeschränkung und Restriktion im sonst so offen-liberal-urbanistischen Museumsquartier? Stehen uns jetzt Facebook-Gruppen ins Haus, die sich „Bring Your Own Flyer“ nennen oder „Wir flyern fremd“? Die Revolution der Fremdflyerer? Wahrscheinlich nicht. Fremdflyerer haben wohl einfach nicht dasselbe Mobilisierungspotenzial wie Eigenbiertrinker.


Erschienen im Falter 45/09

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Gelesen: China, vorurteilsfrei

Peter Hessler, langjähriger Korrespondent der US-amerikanischen Zeitschrift The New Yorker in Peking, hat ein Buch über China geschrieben, das anders als die vielen bisherigen zum Thema ist: Hessler fuhr jahrelang mit dem Mietwagen durchs Land, durchquerte boomende, ihr Umland auffressende Städte, sterbende Dörfer mit rechtlosen bäuerlichen Bewohnern, Fabriksgebiete, die sich ausschließlich auf die Herstellung von Motorenanlassern oder BH-Ringen spezialisiert haben. Herausgekommen ist ein Meisterstück des amerikanischen Reportagestils, ein tiefer Blick in eine Gesellschaft im unvorstellbar rasanten Wandel (im ersten Quartal 2009 wurden in China erstmals mehr Neuwagen verkauft als in den USA). Hessler beschreibt diese Veränderungen minutiös, witzig und detailreich, ohne den Überblick zu verlieren. Er verzichtet dabei auf Prognosen oder Analysen – denn die ergeben sich, wie es bei einer guten Reportage der Fall sein sollte, ohnehin aus seinen Beobachtungen. Äußerst lesenswert!

Peter Hessler: Über Land. Unterwegs auf Chinas Straßen. Berlin Verlag, 480 S., € 24,70

Erschienen im Falter 45/09

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Mittwoch, 28. Oktober 2009

Das besetzte Audimax: "So eine große Sache gab's ewig nicht mehr"

Das Letzte, was die Biologiestudentin sagt, bevor sie den Saal verlässt, ist, dass sie eine eineinhalbstündigen Anreise hinter sich habe und jetzt "bitte schön" auch ihre Vorlesung hören wolle. Doch 400 Leute buhen sie nur aus. Die Studentin steckt ihren Block weg und geht aus dem Auditorium Maximum der Uni Wien, das sich zusehends mit Demonstranten füllt.

Die größte Uni-Besetzung der jüngeren heimischen Geschichte beginnt vergangenen Donnerstagvormittag im Wiener Votivpark. An den Unis brodelt es (siehe links), ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn spricht wieder von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Die Polizei kommt, postiert sich entlang des Platzes, "dies ist keine angemeldete Demonstration", ruft ein Beamter ins Megafon, man möge den Platz sofort räumen. Die Studenten ziehen in die Uni, trommeln an Hörsaaltüren, dann ziehen sie ins Audimax, dessen Türen wegen der beginnenden Biologievorlesung gerade offen stehen. In drei Stunden sind aus 300 Demonstranten über 1000 geworden. Hier bleiben sie nun, im großen Saal, den ganzen Tag, die ganze Nacht, den ganzen folgenden Tag.

Sie schleppen DJ-Pulte in den Saal, Bands treten auf, Reden über Frauenrechte und die Ökonomisierung aller Lebenslagen werden geschwungen. "Hahn gehört gerupft", skandieren die Studenten, und:"Nur Chuck Norris schafft sein Studium in Mindeststudienzeit." Man nimmt jubelnd Solidaritätsadressen in Empfang ("ein Gruß vom Schülerkomitee der Sozialistischen Jugend Vorarlberg"). Rauchschwaden hängen unter der Decke. Von der Straße werden Mistkübel in den Saal gezerrt, um dem Abfall Herr zu werden.

Per Handzeichen melden sich Freiwillige für Arbeitsgruppen, "Presse", "Facebook/Twitter", "Müllkolonne". Am Gang vor dem Saal stehen die Flip-Chart-Tafeln aus Seminarzimmern: "Was verstehen wir unter Demokratisierung? (lesen, diskutieren)".

Die Diktion der Gruppen schwankt zwischen Marxismus und Managementseminar, zwischen "Organisationskomitee" und "Vernetzungsstrategie", je nach Ideologie. "Wir brauchen eine straffe Struktur", sagt etwa Robert, Politikwissenschaftler und selbsterklärter Maoist. "Nur so können wir unser Ziel erreichen: einen kompletten Generalstreik des österreichischen Bildungssystems."

Michael, 24, Lehramt, klingt pragmatischer: Zumindest wolle er so lange bleiben, bis sich Uni-Rektor Georg Winckler oder Minister Hahn im Audimax eingefunden hätten. "Das Wesentliche ist ja: So eine große Sache gab?s ewig nicht mehr. Alle berichten über uns. Alle schauen uns zu."

Reportage: Joseph Gepp


Erschienen im Falter 44/09

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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Jagt Schnitzel, stehlt Hunde!

100.000 Studenten beginnen dieser Tage ihr Semester in Wien. Was sollen sie tun? Alles, außer Lernen

70 Tipps: Ingrid Brodnig, Joseph Gepp, Christopher Wurmdobler


1 Den Einser nehmen Der alte Einser kurvte die Ringstraße entlang, der neue fährt jetzt vom Zentrum in den Süden, was viel über den Aufbau der Stadt verrät. Man passiert die Altstadt, Wiens letztes Stück Ustrab-Netz (Unterirdische Straßenbahn) und den Zehnten bis zum Favoritner Wasserturm. Sollte man gemacht haben!

2 Im Pub-Quiz brillieren Richtige Streber trumpfen nicht an der Uni auf, sondern beim Spieleabend mit Freunden bei einem Pint Guinness. Etliche Pubs bieten Quizzes an, etwa das Shebeen im siebten oder das Charlie P’s im neunten Bezirk.

3 Die Welt schöntrinken Wer Glühwein und ein gutes Gewissen haben will, kann beim Ute-Bock-Stand (ab November, Mariahilfer Straße) fleißig trinken. Eine gute Auswahl an wärmenden Getränken gibt es übrigens beim „Winter im MQ“. Ein Weihnachtsmarkt ohne peinliche Deko!

4 Einen Gacksi-Hund stehlen Viele Studierende sind stolze Besitzer eines Jack-Russell-Terriers. Aus Pappe. Mit dem Viech versucht die Stadt Wien ihr Hundekotproblem zu bekämpfen: „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl.“ Der Terrier wird gern gemopst und zum WG-Ausstellungsstück.

5 Fit bleiben Kraftstudios für Doper und Yuppies, das war mal. Heute ist Fitness in der breiten Mitte angekommen, und auch der Student stemmt gern gegen Kopflastigkeit an. Sehr preiswert zum Beispiel (€ 17,–/Monat) und 24 Stunden offen: die McFits. Überhaupt gratis ist die Open-Air-Fitnessanlage am Nordbahnhofgelände. Das hat schon fast was von Rio.

6 Pferd essen Vegetarier weghören! In Wien gibt es erstklassiges Pferdefleisch, etwa bei der Fleischhauerei Gumprecht www.gumprecht.at. Gut ist auch der Leberkäse am Hohen Markt. Dort kann man Pferd essen und lebende Fiakerpferde sehen.

7 Im Museumsquartier saufen Im Juni verbot das MQ mitgebrachten Alkohol. Nach lautem Protest ruderte man zurück. Umso wichtiger ist es, weiterhin Dosenbier in den Innenhof mitzubringen und dort zu trinken. Als Statement gegen den Konsumzwang in der Öffentlichkeit.

8 Ins unterirdische Wien steigen Wer einen Altwiener Keller betritt, findet nicht selten den Zugang zum Nachbarhaus. So erschließt sich ein Labyrinth im Untergrund. Taschenlampe!

9 Vororte checken Die Vorortelinie zwischen Handelskai und Hütteldorf ist eine Gebirgsbahn mit 29 Brücken, die vollständig innerhalb der Stadtgrenzen liegt. Ermöglicht einen anderen Blick auf Wien.

10 Billiger rocken Wer bei teuren Konzerttickets sparen will, geht zur Jugendinfo Babenbergerstraße. Welche Gigs günstiger sind, steht online unter: www.wienxtra.at. Übrigens gibt es oft auch zum Studentenkonto Konzertermäßigungen, etwa bei der Bank Austria oder der Ersten Bank.

11 Die Preisfrage stellen Im Deewan www.deewan.at nahe der Uni gibt es nicht nur ein leckeres pakistanisches Buffet. Man entscheidet auch selbst, was einem das Essen wert ist. Also: den angemessenen Preis errätseln.

12 Radfahren aus Prinzip Mit dem Rad lernt man die Stadt am besten kennen. Wer hier noch keinen Drahtesel hat, kann fürs erste die gratis City Bikes auprobieren. Überzeugte Biker treffen sich dann bei der Critical Mass (jeden 3. Freitag im Monat, 16.30 Uhr, Schwarzenbergplatz), um die Straßen für sich zu erobern.

13 Bis zum Umfallen sporteln Von Badminton über HipHop bis Rugby. Das Universitätssportinstitut bietet preiswerte Kurse für Studenten und Akademiker. Viele Einheiten sind für dieses Semester schon ausgebucht. Bei Interesse trotzdem bei einer Übung vorbeischauen, manchmal gibt es nachträglich Kursplätze.

14 Ster- und Grissemann besuchen Die Entertainer kennen wir aus Film, Funk und Fernsehen. Wer sie live sehen will, kann unter www.willkommen-tv.at gratis Karten für die Aufzeichnung von Willkommen Österreich gewinnen.

15 Mitläufer sein Wem sogar der USI-Kurs zu teuer ist, der kann zum Beispiel entlang des Donaukanals, der Donauinsel, durch den Augarten, Schloss Schönbrunn oder die Prater Hauptallee joggen. Letztere ist auch nachts beleuchtet.

16 Im Schikaneder versumpfen
Das Schikaneder ist mehr als feines Programmkino und gute Bar mit abgefucktem Mobiliar. Es ist eine Wiener Institution. Deswegen wurde auch die dazugehörige Gasse nach dem Lokal benannt. Oder war es umgekehrt?

17 Die Gürtelrunde machen Wer bei der U6-Thaliastraße aussteigt und Richtung Alser Straße geht, kann im Schnelldurchlauf drei Spitzenbars besuchen: das Chelsea mit Indie- und Fußballkultur, das elektronische rhiz und schließlich das junggebliebene B72. Am besten alle!

18 Ins Wohnzimmer gehen Im WerkzeugH im fünften Bezirk stammt das Mobiliar aus verschiedenen Epochen und vermutlich mehreren Wohnungsauflösungen. Charmant improvisiert!

19 Dem Wuk-Sound lauschen Der Ziegelbau schaut nicht nur gut aus, hat adäquate Bier- und Eiernockerlpreise und angenehm alternatives Publikum. Er bringt auch die spannendsten Konzerte. Die österreichische Indiehoffnung Soap+Skin, Shantel und „Herr Blumfeld“ Jochen Distelmeyer persönlich – all das gibt es heuer noch zu sehen www.wuk.at

20 Zu faul zum Kochen sein Wer verkatert aufwacht und nichts im Kühlschrank hat, kann sich sein Essen nachhause bestellen. Zum Beispiel über Netkellner.at oder über das Wiener Web-2.0-Portal Mjam.net.

21 Permanent frühstücken Manche Menschen frühstücken im Bett, andere auf der Verkehrsinsel. Permanent Breakfasts www.permanentbreakfast.org sind Frühstücke im öffentlichen Raum, bei denen man Freunde und Passanten einlädt. Regeln und Termine dafür finden sich im Netz – ein toller Start ins Wochenende.

22 Gratis Funknetzen Bekanntlich leben wir in der Informationsgesellschaft, aber nicht jeder hat zuhause Internet. In der Stadt gibt es etliche kostenlose WLANs, zum Beispiel im MQ, Möbel oder Strandbar Herrmann. Die beste Übersicht von gratis WLANs findet sich unter www.helge.at/wlan

23 Bier herholen Wahre Couchpotatoes bestellen ihr Krügerl online unter www.bierher.at. Geliefert wird ab sechs Bier, Zustellgebühren gibt es keine. Und 1,70 Euro für eine Flasche Ottakringer sind okay!

24 Falsche Berge besteigen Wer sich nach einer Stunde Sport fühlen will, als hätte er soeben Europa per Fahrrad umrundet, der sollte klettern. Zum Beispiel ohne Seil und Haken in der Boulderhalle Walfischgasse. Oder etwas schwindliger im Kletterzentrum Rotenturmstraße.

25 In die Kirche gehen Wien hat viele schöne Kirchen. Einer der Höhepunkte liegt weit draußen: Otto Wagners weiß schimmernde Steinhof-Kirche. Wie geschaffen für einen müden und perfekten Sonntagnachmittag.

26 Auf die Stadt herabschauen Die Blicke sind überwältigend und die Anreise nicht beschwerlich, denn manche Stellen im bergigen Westen fährt sogar die Straßenbahn an. Unsere Empfehlungen: Lainzer Tiergarten, Cobenzl oder – für den faulen Urbanisten – der Donauturm.

27 Ganz morbide werden Am Zentralfriedhof wird Wien seinem Klischee gerecht (auf einer Fläche, größer als die Innenstadt). Schön auch im Winter! Die Rückkehr ins Reich der Lebenden erleichtert übrigens ein deftiges Gericht in einem der vielen Wirtshäuser um den Friedhof.

28 Schräges Wien erleben Manchmal fühlt man sich im Wurstelprater und – noch mehr – im Böhmischen Prater 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt (ohne Kitschfaktor, dafür sind die Vergnügungsparks viel zu chaotisch). Wer gegenwärtig bleiben will, der lasse sich mittels diverser Apparaturen in die Luft katapultieren. So erhascht man auch eine hübsche Vogelperspektive auf die Stadt.

29 Sich billig den Bauch vollschlagen Am besten im Tunnel (8., Fuhrmannsgasse 18a) und Café Merkur (8., Lammgasse 1) und in der legendären Pizzeria Mafiosi (15., Reindorfgasse 15). Das arabische Frühstück im Tunnel – samt literweisem Kaffee – zählt zu den studentischen Standarderfahrungen dieser Stadt.

30 Baden gehen Schön, dass mittlerweile die meisten Wiener Wohnungen Bäder haben. So wird der Besuch einer Badeanstalt zum reinen Vergnügen. Wir empfehlen: Amalienbad (klassisch), Stadthallenbad (sportlich) und Oberlaa (Kur). Wo sonst lässt sich die Wiener Seele besser kennenlernen?

31 Sich ironisch einrichten Stil und schlechter Geschmack sind nah beieinander. Da liegt es nahe, sich im Retro-Stil einzurichten. Alte Möbel für den guten Zweck gibt’s im Caritaslager Carla www.caritas-wien.at, Büromöbel ab und zu beim Flohmarkt der MA54 www.wien.gv.at.

32 Schenkel klopfen Spaßkanonen, die man aus dem Fernsehen kennt, treten alle auch live auf. Kabarettfans kommen im Palais Nowak www.simpl.at, in der Kulisse www.kulisse.at oder im Orpheum www.orpheum.at auf ihre Kosten.

33 Ruhige Kugeln schieben Kegeln, Bowling, Petanque www.boule.at machen Spaß. Ein Klassiker ist die Kegelbahn im Keller des Café Weidinger (16., Lerchenfelder Gürtel 1). Rechtzeitig reservieren!

34 Wien am eigenen Leib tragen Irgendwann ist man so stolz auf seine Stadt, dass man sie am Leibe tragen möchte. Die Shirtbedrucker von Merchzilla www.merchzilla.com haben Labels dafür: Wiener Brut, Wien rockt.

35 Flüsterkonzerte erleben Musik muss nicht immer laut sein. Manchmal sorgen auch Anrainer dafür. Deshalb fährt die Transporter Bar www.transporterbar.com ein eher ruhiges Liveprogramm, sehr angenehm.

36 Sich elektrifizieren lassen Wien ist eine Partystadt. Zwar nicht durchgehend, aber doch kontinuierlich tanzt das Volk ums Riesenrad in Fluc Wanne www.fluc.at, Planetarium und Pratersauna www.pratersauna.tv. Letztere geht in ihre erste Wintersaison und wird dafür noch erweitert.

37 Sich die Ohren durchputzen lassen Man muss kein Klassikfan sein, um sich von einem großen Orchester einmal die Gehörgänge durchputzen zu lassen, ein besonderes Erlebnis mit den Symphonikern im Musikverein. Ja, es gibt Studentenpreise.

38 Alte Filme anschauen Im Filmmuseum www.filmmuseum.at finden die Ausstellungen auf der Leinwand statt. Gezeigt werden Klassiker, Wiederentdeckungen und Streifen, die man sonst nie sieht.

39 Nach dem Film bleiben Mit Schikaneder www.schikaneder.at und Top Kino www.topkino.at gibt es in Wien gleich zwei Filmtheater mit angeschlossener Lounge. Hier treffen sich auch Menschen, denen das Kinoprogramm so was von wurscht ist.

40 Schauspielstars live sehen Im Burgtheater www.burgtheater.at stehen die Stars aus dem (guten) Kino live auf der Bühne. Und Stehplätze kosten nur € 1,50. Die aussichtsreichsten im Parterre sind natürlich rasch weg. Der Vorverkauf startet jeweils am 20. des Vormonats für den gesamten Monat. Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn zahlen Studierende € 7,– auf allen dann noch freien Plätzen.

41 Neues Theater entdecken Brut, Schauspielhaus, Kasino und Rabenhof heißen die Theaterhäuser für aufgeschlossene Menschen, einfach mal ausprobieren. Im Max-Reinhardt-Seminar www.maxreinhardtseminar.at, der Schauspielschule schlechthin, zeigt der Nachwuchs außerdem regelmäßig, was er so drauf hat.

42 Auf den Sommer warten Blöd jetzt, Herbst. Dabei ist Wien so eine tolle Sommerstadt. Mit Donauinselfest, Prater, Heldenplatz, Strandbädern, Arena-Open-Airs, Draußen sitzen, Guerilla gärtnern und so weiter. Fragen Sie uns doch einfach im Mai nochmal. Der Falter macht Ihnen dann gerne den Stadtsommer schmackhaft.

43 Sich den Hintern in der Bim verbrennen Wer im Winter Straßenbahn („Bim“ sagt der Wiener) fährt, muss aufpassen, dass er in alten Garnituren nicht den Heizsitz erwischt. Obwohl: Manche finden den Platz auf der Heizung im vorderen Zugteil ganz gemütlich.

44 Wien aufwärmen Spätestens seit es Internet gibt, haben junge Lesben und Schwule kein Problem mehr, Freundinnen und Freunde zu finden. Manchmal geht man dann aber doch vom Computer weg und trifft sich. Zum Beispiel in der Rosa-Lila-Villa www.villa.at, Wiens erstem Lesben- und Schwulenhaus. Zum E-Mail-Adressen-Austauschen.

45 Im Szeneviertel abhängen Besuchen Sie den Ottakringer Yppenplatz, solange er noch cool ist! Wenn nur noch Jungväter Kinderwägen durch die Gegend schieben, ist er als Szeneviertel verloren. Sehr beliebt vor allem am Wochenende und bei schönem Wetter.

46 Sein Obst nicht nur im Supermarkt kaufen Brunnen-, Volkert-, ja sogar der Vorgartenmarkt boomen. Im Gegensatz zu den Touristen, die planlos über den Naschmarkt (ja ja, ein Erlebnis!) schlendern, kann man als Einheimischer hier auch einkaufen. Wenn man weiß, wo, dann sind Obst und Co billiger und besser als im Supermarkt.

47 In die Russendisco gehen Der Westen feiert den Osten im Ost-Klub oder beim jährlichen großen Ost-Festival. Eine witzige Zeiterscheinung. Authentischer ist freilich:

48 In die Serbendisco gehen Jeden Freitag- und Samstagabend wird die Ottakringer Straße zur bunt leuchtenden Balkanmeile. Dann gehen Serben, Kroaten und Bosniaken ins Palazzo, ins Flash oder ins Labyrinth. Es ist wild, es ist kurzberockt und turbo-folkig – und hundertprozentig echt.

49 Zum Heurigen gehen und weinerlich werden Klassiker fahren nach Grinzing, besser und billiger sind aber transdanubische Buschenschenken. Wer faul ist, bleibt in der Innenstadt und besucht zum Beispiel den Stadtheurigen Gigerl in der Rauhensteingasse. Besonders empfehlenswert (für warme Tage): der Sirbu in der Kahlenberger Straße: schöne Atmosphäre und unvergleichlicher Stadtblick.

50 Am Wasser sein Am Donaukanal zu sein, ist das neueste Ding in der Stadt. Denn dort mischen sich Clubkultur (Flex), Strandgefühl (diverse Beaches), lauschiger Grünraum (Central Garden) und Plätzchen von fast (post-)industriellem Charme (vor allem unter den Brücken).

51 Koks bestellen Die raue Rückseite der Ringstraße ist die Zweierlinie. Die sollte man auf jeden Fall gesehen haben. Unsere Extra-Empfehlung im Grätzel: das Café Bendl (1., Landesgerichtsstr. 6). Hier stehen die Preise noch in Schillingangaben an der Wand („Kesselwurst – S 38“). „Griechischer Wein“ in der Jukebox wählen und „Koks“ bestellen (Rum mit Würfelzucker und Kaffeebohnen, eine Spezialität um € 1,80).

52 Einmal Revolutionär sein Die europaweit einzige Ché-Guevara-Büste außerhalb kubanischer Botschaften steht – im Roten Wien, wo denn sonst? Jetzt hat der Ché vom Donaupark auch wieder seine Bronzenase, die ihm rechte Vandalen abgesägt hatten. Im neuen Glanz, sozusagen.

53 Die Industrie abradeln Zum Beispiel das Donauufer mit seinen stillgelegten Schienentrassen oder dem monumentalen Alberner Hafen (samt „Friedhof der Namenlosen“). Man kann auch in der Leopoldstadt abzweigen und durch den Prater und Simmering nach Favoriten fahren. Dann passiert man Industrie-Hinterhöfe – und Würstelstände, aus denen an Samstagvormittagen die Schlager hallen.

54 Ins Heimbett kotzen Studiheimfeste zählen zu den größten und wildesten Festen dieser Stadt. Alle aufgelistet unter: www.heimfest.at

55 Andere Städte entdecken Berlin-Neukölln liegt im Leopoldstädter Stuwerviertel, Liverpool rund ums Alsergrunder Wuk und Bukarest am Praterstern. Weitere Städte, die in Wien liegen? Sicher. Jede Menge.

56 Sozialismus aufspüren Zum Beispiel im monumentalen Karl-Marx-Hof oder den patinigen Strandbädern an der Alten Donau (auch im Winter schön).

57 Nach Bratislava fahren Schließlich liegen keine zwei europäischen Hauptstädte so nah beieinander wie Wien und Bratislava. Der wunderbar-windige Twin City Liner ist allerdings mit bis zu 30 Euro pro Strecke recht teuer. Billiger kommt der Zug (€ 8,–/Strecke) oder, etwa gleich teuer, der Postbus vom Südbahnhof.

58 Dem alten Tito frönen Rund 200.000 Ex-Jugoslawen leben in Wien. Nicht alle wollen zwanghaft ihrer gemeinsamen Geschichte abschwören. Das Maršal (16., Herbststr. 32) widmet sich ganz Marschall Jossip Broz Tito.

59 Das Arsenal besuchen Es ist weit mehr als nur das Heeresgeschichtliche Museum. Es sind große grüne Flächen, leicht heruntergekommene Ziegelgebäude und alte Industrieareale, in denen sich heute Studenten verwirklichen. Ein riesiger Spielplatz.

60 Katholisch werden Von den Grinzinger Weinbergen aus gesehen taucht sie an Spätsommernachmittagen über dem Stephansdom auf – die „Jausenfee“, eine Lichtreflektion, die der Jungfrau Maria ähnlich sieht.

61 Auf der Friedhofstribüne sitzen Am Dornbacher Sportclub-Platz erlebt man wohl das authentischste Stück Altwiener Fußballkultur. Auch sehr sehenswert: das Vienna-Stadion auf der Hohen Warte.

62 Ein Gedicht pflücken Helmut Seethalers sozialkritische Pflückgedichte in Bahnstationen und an Bauzäunen sind ein Stück des städtischen Lebens geworden. Zur freien Entnahme!

63 Gestank verstehen Es gibt einige Legenden, warum es in der U-Bahn-Haltestelle Stephansplatz so stinkt. Der Grund ist aber nicht die verwesende Leiche eines Obdachlosen, sondern ein organisches Bodenverfestigungsmittel, das verwendet wurde und eine chemische Reaktion eingeht. Das ist zumindest die offizielle Erklärung.

64 Die letzte/erste U-Bahn erwischen Echt ärgerlich, dass die letzten U-Bahnen in Wien bereits zwischen 0.06 und 0.30 Uhr losfahren. Wer von unterwegs den Fahrplan abfragen will und ein internettaugliches Mobiltelefon besitzt, kann dafür das Gratisprogramm qando herunterladen. Und wer lieber gleich durchmacht, der kann dann um fünf Uhr früh den ersten U-Bahn-Wagen nehmen.

65 Wien modern machen Jetzt beginnt wieder das Festival Wien Modern. Keine Angst vor neuer Musik, die klingt manchmal nämlich genauso wie im Club. Manchmal findet sie sogar im Club statt. Programm: www.wienmodern.at

66 Sich von Kellnern ignorieren lassen Auch das gehört zu Wien: mürrisches Personal. Sich einfach mal im Café Ritter (6., Mariahilfer Straße 73) ignorieren lassen – herrlich! Und keine Sorge: Die Herren im Smoking beißen nicht, sie tun nur so.

67 Die U6 nehmen Sie durchquert die industrielle Peripherie der Stadt, die Migrantenviertel in Zentrumsnähe und die Schrebergärten der echten Wiener. Eine U-Bahn-Fahrt wie ein Gesellschaftsroman.

68 Sein Grätzel entdecken Immer dort, wo Sie selbst nicht sind, ist es hipp? Machen Sie sich doch Ihr eigenes Szeneviertel! Gehsteigguerilleros werden, den Wirten am Eck zum letzten Schrei erklären und einen tollen Namen für Ihr Grätzel finden – so geht das.

69 Kreuz und quer gehen 1968 erdachten die Pariser Situationisten eine Methode, um eine Stadt „psychogeografisch“ zu erfassen: Gehen Sie doch einmal einen Tag lang durch Wien und nehmen sie einfach die nächste Abzweigung nach links und die übernächste nach rechts. So lernt man die Stadt auf eine ganz neue Art kennen.

70 Bücher zu Wien lesen Hier gibt’s jede Menge, die zum Einstieg Erhellendes liefern, was diese Stadt betrifft. Die Falter-Redaktion empfiehlt: Gerhard Roth „Eine Reise in das Innere von Wien“, John Irving „Das Hotel New Hampshire“, Wolf Haas „Wie die Tiere“, eines der Lesebücher von Alfred Polgar.

Erschienen im Falter 42/09

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Donnerstag, 8. Oktober 2009

Macondo: über die fatale Konsequenz politischer Unkenntnis

Kommentar

Ausländer in Österreich, das sind a) abzuschiebende Kriminelle (sagen Rechte) oder b) zarte und zerbrechliche Wesen, die aus exotischen Gefilden kommen und unsere aufopfernde Hilfe brauchen (sagen Linke).

Ausländer in Österreich, das sind alles außer selbstbestimmte Subjekte. Alles außer mündige Menschen, die Staat und Gesellschaft nützen (oder schaden) können. Kein Wunder, dass in einem solchen Staat Integrationspolitik nicht funktionieren kann. Könnte man meinen.

Und doch funktioniert sie. Zumindest streckenweise. Sie funktioniert dort, wo Ausländerpolitik noch mehr ist als nur Sicherheitspolitik. Zum Beispiel im Osten Wiens, in Macondo.

3000 Flüchtlinge aus 22 Ländern leben hier, in einer k.u.k. Kaserne und einem Flüchtlingsheim. Macondo wäre wegweisend, würde nur jemand darauf achten: Es erfordert kaum sozialarbeiterische Betreuung; es dient der FPÖ nicht als Kampagnenmunition; es provoziert keine Polizeieinsätze und Anrainerbeschwerden. Selbst die Kronen Zeitung nennt es einen „friedlichen, konfliktfreien, vorbildlichen Multikultiort“. Macondo zeigt den Weg zu einer Flüchtlingsbetreuung, die den Grat zwischen Anpassungszwang und Parallelgesellschaft meistert – und dadurch funktioniert.

Nun aber hat das ÖVP-Innenministerium eine Entscheidung gefällt, die von einer haarsträubenden Unkenntnis der Wirklichkeit in diesem Land zeugt: Das Flüchtlingsheim in Macondo wird geschlossen. Was mit dem Haus passieren soll, behält sich Maria Fekter vor; Gerüchte lauten in Richtung Schubhaftzentrum.

Ein friedliches und – durch die Vielfalt – auch fragiles Sozialgefüge wird zerrissen. Eine solche Entscheidung zeigt, wie man Probleme schafft. Wie man Funktionierendes zerstört und Konflikte und Xenophobie gedeihen lässt. Jetzt warnt auch die Krone vor „extremem Zündstoff“.

Die Maßnahme steht in einer verhängnisvollen Tradition, die einst Ernst Strasser in schwarz-blauen Tagen lostrat und die sich seitdem, unabhängig von allen Koalitionen, fortsetzt. Sie tendiert zu einer Verdrängung sozialarbeiterischer und liberaler Standpunkte und Elemente aus der staatlichen Integrationsarbeit (siehe rechts). Was auf ein altes, ausgeglicheneres System zurückgeht, wird offenbar getilgt. Selbst wenn es, wie Macondo, Vorbildwirkung haben könnte.

Die Folge dieser Politik zeigt sich laufend. Sie führt zu Polarisierung. Zum Schwinden des gesunden Blicks zwischen a) und b). Zu einem echten Problem in Österreich, was Ausländer betrifft.


Erschienen im Falter 41/09

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STADTRAND – Wenn Sie diese Zeilen lesen, lernen Sie lesen!

Jeden Morgen steht der pakistanische Augustin-Verkäufer an der U1-Station Nestroyplatz, diesem Spiegel der Welt; und jeden Morgen tapsen die alten Frauen mit ihren Gehstöcken an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten. Bis heute. Da bleibt eine Frau beim Pakistaner stehen, so unerwartet, dass sich Passanten sogar umdrehen. „Ist das die neue Augustin-Ausgabe?“, fragt sie. Er: „Ja.“ Sie nochmals: „Ist das die neue Ausgabe?“ Er: „Ja.“ Sie zum dritten Mal: „Ist das die neue Ausgabe?“ Er: „Ja.“ Jetzt kommt die alte Frau zum Punkt: „Ja, das ist die neue Augustin-Ausgabe“, spricht sie langsam und deutlich. „Wenn Sie diesen ganzen Satz wiederholen, dann lernen Sie fließendes Deutsch.“ Der Pakistaner antwortet: „Ja, das ist die neue Augustin-Ausgabe.“ Da zückt die Frau ihre Brieftasche und kauft die Zeitung. Sie wollte vielleicht an diesem Tag etwas Gutes tun. Menschen helfen, Integration leben, möglicherweise stand im alten Augustin etwas darüber zu lesen. Die alte Frau machte es auf ihre eigene Art. Jetzt tapst sie davon. Der Pakistaner dreht sich zur Seite und lächelt.

Erschienen im Falter 41/09

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Mittwoch, 30. September 2009

Ein Konzert scheitert – und alle sind Verlierer

Kommentar Michael-Jackson-Tribute


Was der Wiener ohnehin von Anfang an gewusst haben will, vergangenen Freitag wurde es Realität: Das vollmundig angekündigte Michael-Jackson-Tribute-Konzert ist vorläufig abgesagt. Es soll 2010 stattfinden, in London.

In Wien sei man ständig mit negativen Schlagzeilen konfrontiert gewesen, sagt Veranstalter Georg Kindel. Das hätte schließlich sogar die zu organisierenden Stars im fernen Amerika verschreckt. Und schließlich sei das Konzert sogar zur Politaffäre pervertiert worden, rund um angekündigte 600.000 Euro Rathaussubventionen.

Wobei man die Sache auch umgekehrt sehen könnte: Vielleicht erwies sich die innovationsfeindliche Raunzerei des Wieners diesmal als gesunder Realitätssinn. Denn in wenigen Wochen Weltstars wie Madonna und U2 aufzustellen, ist schlicht unmöglich. Kindel erwähnte in einem Nebensatz, dass man möglicherweise die übervollen Terminpläne der aufzutretenden Künstler unterschätzt habe. Aber die Hauptschuld gab er eindeutig der Wiener Motzmentalität.

Die Moral all dessen? Der Veranstalter, dessen Ruf nun gehörig angekratzt ist, sollte seine großspurigen Ankündigungen nur dann von sich gegen, wenn auch ein Hoffnungsschimmer auf ihre Realisierung besteht. Die Konzertbesucher sollten nicht bei jedem Medienhype ihre Kreditkarte zücken – hätte das Konzert mit No-Names stattgefunden, dann wäre kein Konsumentenschützer bei der Rückforderung der horrenden Eintrittspreise zu Hilfe geeilt.

Und das Rathaus sollte festlegen, welche Veranstaltungen es mit Steuergeld zu fördern gedenkt – und nicht nach der ersten negativen Krone-Schlagzeile zum eiligen Rückzug blasen.

Erschienen im Falter 38/09

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Freitag, 11. September 2009

STADTRAND – Der kluge Student schafft sich seinen Job selbst

Der augenfälligste Unterschied zwischen reichen und armen Städten ist wahrscheinlich die Vielzahl an Berufen: In Afrika oder Südamerika gibt es den Orangensaftpresser, den Nagelzwickerlverkäufer, den Geldwechsler, den Gehsteigbarbier. In Wien versteckt sich die Dienstleistungsgesellschaft hinter dicken Büromauern, und Orangensaft gibt’s im Supermarkt. Außer in manchen Grünanlagen, wo derzeit flotte Latinositten einreißen: Wer sich im Museumsquartier, im Burggarten oder – sogar – in der Lobau aufhält, dem begegnen vife Studenten mit dicken Kühltaschen, die gewerbsmäßig Bierdosen verkaufen. Zu einem Preis, der moderat über Supermarkttarifen liegt. Nachtschwärmer freut’s, die Studenten verdienen. Eigentlich ist es gut, dass einmal jemand auch ohne Coachingseminar eine Marktlücke besetzt. Eigentlich deutlich sinnvoller als etwa jene beauftragten Spendengeier, die sich einem penetrant in den Weg stellen, weil sie von Miniprovisionen abhängig sind. Behörden, legalisiert doch das Mikrounternehmertum! Es macht die Stadt bunt.

Erschienen im Falter 37/09

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